VI.

Als Heideck in den Garten hinaustrat, vermochte er sich zunächst kaum

zu orientieren, aber nach einigen Schritten hatten seine Augen sich

hinlänglich an die nächtliche Dunkelheit gewöhnt, und das schwache

Licht der Sterne zeigte ihm den Weg.

Eine undurchdringliche Hecke von Kaktuspflanzen, die indessen niedrig

genug war, um einen hochgewachsenen Mann darüber hinwegsehen zu

lassen, bildete die Umfassung des Gartens. Als er die hölzerne Pforte

hinter sich geschlossen, blieb Heideck jenseits dieser Hecke stehen

und blickte nach den hell erleuchteten Fenstern des Hauses zurück.

Solange er der schönen Frau gegenübergestanden, hatte er sich mannhaft

beherrscht. Kein rasches Wort hatte ihr den Sturm von Gefühlen

verraten, den diese nächtliche Unterredung in seiner Brust entfesselt

hatte. Nicht eine Sekunde lang hatte er vergessen, daß sie das Weib

eines anderen sei und daß er eine Ehrlosigkeit beging, sie zu seinem

Weibe zu begehren, solange sie an diesen anderen gefesselt war. Darüber

aber, daß sein Blut mit ungestümer Leidenschaft nach ihr verlangte,

konnte er sich selbst nicht länger täuschen. Heute zum ersten Male war

ihm mit fast erschreckender Deutlichkeit zum Bewußtsein gekommen, daß

er diese Frau liebte, wie er noch nie ein weibliches Wesen geliebt

hatte. Doch es war für ihn nichts berauschendes oder beglückendes in

dieser Erkenntnis. Viel eher erfüllte sie ihn mit einer Empfindung

der Furcht vor den Wirren und Kämpfen, in die seine Liebe zu dieser

schönen Frau ihn verwickeln konnte. Wäre sie nicht seines Schutzes

bedürftig gewesen und hätte er nicht sein Wort gegeben, zu ihrem

Beistande hier zu bleiben, er würde sich dem schweren Herzenskonflikt

durch eine rasche Flucht entzogen haben. Aber davon konnte unter diesen

Umständen nicht mehr die Rede sein. Er selbst hatte ihr heute ein Recht

gegeben, auf seine Freundschaft zu zählen; und es war ein Gebot der

Ritterlichkeit, ihr Vertrauen auch zu verdienen.

Unfähig, sich von der Stelle loszureißen, wo er das geliebte Weib

wußte, verharrte Heideck wohl schon eine Viertelstunde lang auf seinem

Platze, und als er endlich -- das törichte seines Beginnens erkennend

-- den Entschluß gefaßt hatte, sich zur Heimkehr zu wenden, machte er

eine Wahrnehmung, die befremdlich genug war, um ihn zu längerem Weilen

zu veranlassen.

Er sah, daß die Haustür, die vorhin die indische Zofe hinter ihm

geschlossen hatte, sich öffnete, und bei dem Lichtschein, der aus dem

erhellten Flur in die Dunkelheit hinausfiel, bemerkte er, wie mehrere

in helle Gewänder gekleidete Männer dicht hintereinander die Stufen

hinaufeilten.

Er erinnerte sich an Mrs. Irwins rätselhafte Aeußerungen von

einem Unglück, das ihr möglicherweise bevorstände, und von einer

beängstigenden Ahnung erfaßt, stieß er die Gartenpforte wieder auf und

eilte dem Hause zu.

Noch hatte er es nicht erreicht, als der gellende Hilferuf einer

weiblichen Stimme an sein Ohr schlug. Heideck riß den Revolver, den er

stets bei sich führte, aus der Tasche und sprang mit einigen Sätzen die

Treppe empor. Die Tür des Salons, wo er vorhin noch mit der Gattin des

Kapitäns gesprochen hatte, war weit geöffnet, und von dort her ertönten

die Hilferufe, deren verzweifelter Klang dem Hauptmann die Gewißheit

gab, daß es eine furchtbare Gefahr sein müsse, von der Edith Irwin

bedroht war. Nur wenige Schritte noch, und er sah die junge Engländerin

mit wahrem Todesmut gegen drei weißgekleidete, eingeborene Männer sich

wehren, die offenbar willens waren, sie mit sich fortzuschleppen. Ihr

leichtes Seidenkleid war bei diesem ungleichen Kampfe bereits in Fetzen

gegangen, und so groß war Heidecks Empörung über die ungeheuerliche

Brutalität der Angreifer, daß er keinen Augenblick zögerte, seine Waffe

gegen den baumlangen, wild aussehenden Burschen abzudrücken, dessen

braune Hände eben mit rohem Griff die entblößten Arme der jungen Frau

umklammerten.

Der Schuß krachte, und mit einem kurzen, dumpfen Aufschrei taumelte

der Getroffene zurück. Entsetzt ließen die beiden anderen von ihrem

Opfer ab. Einer von ihnen riß seinen Säbel aus der Scheide und drang

auf den Deutschen ein. Heideck konnte nicht zum zweiten Male schießen,

weil er fürchten mußte, Edith zu treffen. Darum warf er ohne Besinnen

den Revolver zu Boden und packte mit einer Gewandtheit, auf die der

Angreifer nicht vorbereitet war, den schon zum Schlage erhobenen Arm

des Inders. Er war ihm an Körperkraft weit überlegen und hatte ihm mit

einem raschen Griff den Säbel entwunden. Da gab der waffenlos gewordene

den Kampf auf und suchte gleich seinem dritten Gefährten, der bereits

mit lautlosen, katzenartigen Sprüngen entwischt war, sein Heil in der

Flucht.

Heideck verfolgte ihn nicht. Er dachte nur an Edith und daran, daß

ihr von den Banditen vielleicht schon ein Leid geschehen war. Sie war

in demselben Augenblick, da die gewalttätigen Hände der Inder von

ihr abließen, auf den Teppich niedergesunken, und ihr marmorbleiches

Antlitz erschien Heideck wie das einer Toten.

Während seltsamerweise weder Ediths gellende Hilferufe, noch der

Knall des Schusses einen von den Dienstboten herbeizurufen vermocht

hatten, tauchten jetzt, da die Gefahr vorüber war, plötzlich ein paar

verstörte braune Gesichter in der Türöffnung auf. Und die energische

Aufforderung, die Heideck in englischer Sprache an die noch ängstlich

zaudernde Zofe richtete, brachte sie zum Bewußtsein ihrer Pflicht

zurück.

Mit ihrer Hilfe trug Heideck die Ohnmächtige zu einer Chaiselongue, und

da er auf dem Tischchen eines der grünen Fläschchen mit Lavendelwasser

liegen sah, die in keinem englischen Hause fehlen, bediente er sich des

starkduftenden Reizmittels, so gut er es verstand, während die Inderin

die Fußsohlen ihrer jungen Herrin rieb und allerlei andere, unter den

Eingeborenen gebräuchliche Handgriffe anwendete, um die Bewußtlose ins

Leben zurückzurufen.

Nach kurzer Zeit schon schlug Edith unter diesen vereinten Bemühungen

die Augen auf, und nachdem sie mit wirrem, verständnislosen Blick

umhergesehen, kehrte ihr in dem Augenblick, wo sie den auf dem Boden

ausgestreckten Körper des von Heideck erschossenen Inders erblickte,

mit voller Klarheit die Erinnerung an das Geschehene zurück.

Den letzten Rest der lähmenden Schwäche mit der Energie eines festen

Willens abschüttelnd, sprang sie auf.

„Sie waren es, der mich gerettet hat, Mr. Heideck -- Sie haben Ihr

Leben für mich eingesetzt -- wie soll ich Ihnen danken!“

„Allein damit, gnädige Frau, daß Sie mir erlauben, Sie unverzüglich

in das Haus des Obersten zu geleiten, unter dessen Schutz Sie sich

notwendig bis zur Rückkehr Ihres Gatten stellen müssen. Von wem auch

immer dieser verbrecherische Anschlag ausgegangen sein mag, -- ob diese

Halunken gemeine Diebe waren oder ob sie in irgend jemandes Auftrage

gehandelt, jedenfalls fühle ich mich als einzelner Mann nicht stark

genug, die Verantwortung für Ihre Sicherheit zu übernehmen.“

„Sie haben recht,“ erwiderte Edith fügsam. „Ich werde mich sogleich

bereit machen, mit Ihnen zu gehen. -- Aber dieser Mann da --“ fügte sie

erschauernd hinzu, -- „ist er tot? Oder kann man noch etwas für ihn

tun?“

Heideck neigte sich über den Regungslosen herab, und ein einziger Blick

in das fahlbraune, verzerrte Antlitz mit den weitoffenen, stieren,

verglasten Augen ersparte ihm jede weitere Untersuchung.

„Er hat empfangen, was ihm gebührte,“ sagte er, „und für Ihr

hochherziges Mitleid gibt es hier nichts mehr zu tun. Ist denn aber gar

kein männliches Wesen hier im Hause, das mir behilflich sein könnte,

den Mann beiseite zu schaffen?“

„Alle sind fort,“ sagte die Zofe. „Der Haushofmeister hat sie

aufgefordert, sich mit ihm in der Stadt einen vergnügten Abend zu

machen.“

Heideck und Edith wechselten einen bedeutsamen Blick. Keines von ihnen

hegte jetzt auch nur noch den geringsten Zweifel, daß es sich bei dem

tollkühnen Ueberfall um ein Komplott gehandelt hatte, an welchem auch

die indische Dienerschaft beteiligt war. Und deutlich genug erriet

jedes von ihnen die Vermutungen des anderen hinsichtlich der Urheber

des schändlichen Anschlags.

Aber sie sprachen sich nicht darüber aus. Gerade weil sie sich durch

die Erlebnisse dieser Nacht so nahe gekommen waren, wie das Schicksal

zwei junge Menschenkinder verschiedenen Geschlechts nur immer

zueinander führen kann, hegten sie beide dieselbe, fast instinktive

Scheu vor dem ersten Wort, das vielleicht auch die letzte trennende

Schranke zwischen ihnen niedergerissen hätte. Und Kapitän Irwins Name

wurde nicht zwischen ihnen genannt.

[Illustration]

Der Weltkrieg, Deutsche Träume: Roman · 第 12 / 49 题