Als Heideck in den Garten hinaustrat, vermochte er sich zunächst kaum
zu orientieren, aber nach einigen Schritten hatten seine Augen sich
hinlänglich an die nächtliche Dunkelheit gewöhnt, und das schwache
Licht der Sterne zeigte ihm den Weg.
Eine undurchdringliche Hecke von Kaktuspflanzen, die indessen niedrig
genug war, um einen hochgewachsenen Mann darüber hinwegsehen zu
lassen, bildete die Umfassung des Gartens. Als er die hölzerne Pforte
hinter sich geschlossen, blieb Heideck jenseits dieser Hecke stehen
und blickte nach den hell erleuchteten Fenstern des Hauses zurück.
Solange er der schönen Frau gegenübergestanden, hatte er sich mannhaft
beherrscht. Kein rasches Wort hatte ihr den Sturm von Gefühlen
verraten, den diese nächtliche Unterredung in seiner Brust entfesselt
hatte. Nicht eine Sekunde lang hatte er vergessen, daß sie das Weib
eines anderen sei und daß er eine Ehrlosigkeit beging, sie zu seinem
Weibe zu begehren, solange sie an diesen anderen gefesselt war. Darüber
aber, daß sein Blut mit ungestümer Leidenschaft nach ihr verlangte,
konnte er sich selbst nicht länger täuschen. Heute zum ersten Male war
ihm mit fast erschreckender Deutlichkeit zum Bewußtsein gekommen, daß
er diese Frau liebte, wie er noch nie ein weibliches Wesen geliebt
hatte. Doch es war für ihn nichts berauschendes oder beglückendes in
dieser Erkenntnis. Viel eher erfüllte sie ihn mit einer Empfindung
der Furcht vor den Wirren und Kämpfen, in die seine Liebe zu dieser
schönen Frau ihn verwickeln konnte. Wäre sie nicht seines Schutzes
bedürftig gewesen und hätte er nicht sein Wort gegeben, zu ihrem
Beistande hier zu bleiben, er würde sich dem schweren Herzenskonflikt
durch eine rasche Flucht entzogen haben. Aber davon konnte unter diesen
Umständen nicht mehr die Rede sein. Er selbst hatte ihr heute ein Recht
gegeben, auf seine Freundschaft zu zählen; und es war ein Gebot der
Ritterlichkeit, ihr Vertrauen auch zu verdienen.
Unfähig, sich von der Stelle loszureißen, wo er das geliebte Weib
wußte, verharrte Heideck wohl schon eine Viertelstunde lang auf seinem
Platze, und als er endlich -- das törichte seines Beginnens erkennend
-- den Entschluß gefaßt hatte, sich zur Heimkehr zu wenden, machte er
eine Wahrnehmung, die befremdlich genug war, um ihn zu längerem Weilen
zu veranlassen.
Er sah, daß die Haustür, die vorhin die indische Zofe hinter ihm
geschlossen hatte, sich öffnete, und bei dem Lichtschein, der aus dem
erhellten Flur in die Dunkelheit hinausfiel, bemerkte er, wie mehrere
in helle Gewänder gekleidete Männer dicht hintereinander die Stufen
hinaufeilten.
Er erinnerte sich an Mrs. Irwins rätselhafte Aeußerungen von
einem Unglück, das ihr möglicherweise bevorstände, und von einer
beängstigenden Ahnung erfaßt, stieß er die Gartenpforte wieder auf und
eilte dem Hause zu.
Noch hatte er es nicht erreicht, als der gellende Hilferuf einer
weiblichen Stimme an sein Ohr schlug. Heideck riß den Revolver, den er
stets bei sich führte, aus der Tasche und sprang mit einigen Sätzen die
Treppe empor. Die Tür des Salons, wo er vorhin noch mit der Gattin des
Kapitäns gesprochen hatte, war weit geöffnet, und von dort her ertönten
die Hilferufe, deren verzweifelter Klang dem Hauptmann die Gewißheit
gab, daß es eine furchtbare Gefahr sein müsse, von der Edith Irwin
bedroht war. Nur wenige Schritte noch, und er sah die junge Engländerin
mit wahrem Todesmut gegen drei weißgekleidete, eingeborene Männer sich
wehren, die offenbar willens waren, sie mit sich fortzuschleppen. Ihr
leichtes Seidenkleid war bei diesem ungleichen Kampfe bereits in Fetzen
gegangen, und so groß war Heidecks Empörung über die ungeheuerliche
Brutalität der Angreifer, daß er keinen Augenblick zögerte, seine Waffe
gegen den baumlangen, wild aussehenden Burschen abzudrücken, dessen
braune Hände eben mit rohem Griff die entblößten Arme der jungen Frau
umklammerten.
Der Schuß krachte, und mit einem kurzen, dumpfen Aufschrei taumelte
der Getroffene zurück. Entsetzt ließen die beiden anderen von ihrem
Opfer ab. Einer von ihnen riß seinen Säbel aus der Scheide und drang
auf den Deutschen ein. Heideck konnte nicht zum zweiten Male schießen,
weil er fürchten mußte, Edith zu treffen. Darum warf er ohne Besinnen
den Revolver zu Boden und packte mit einer Gewandtheit, auf die der
Angreifer nicht vorbereitet war, den schon zum Schlage erhobenen Arm
des Inders. Er war ihm an Körperkraft weit überlegen und hatte ihm mit
einem raschen Griff den Säbel entwunden. Da gab der waffenlos gewordene
den Kampf auf und suchte gleich seinem dritten Gefährten, der bereits
mit lautlosen, katzenartigen Sprüngen entwischt war, sein Heil in der
Flucht.
Heideck verfolgte ihn nicht. Er dachte nur an Edith und daran, daß
ihr von den Banditen vielleicht schon ein Leid geschehen war. Sie war
in demselben Augenblick, da die gewalttätigen Hände der Inder von
ihr abließen, auf den Teppich niedergesunken, und ihr marmorbleiches
Antlitz erschien Heideck wie das einer Toten.
Während seltsamerweise weder Ediths gellende Hilferufe, noch der
Knall des Schusses einen von den Dienstboten herbeizurufen vermocht
hatten, tauchten jetzt, da die Gefahr vorüber war, plötzlich ein paar
verstörte braune Gesichter in der Türöffnung auf. Und die energische
Aufforderung, die Heideck in englischer Sprache an die noch ängstlich
zaudernde Zofe richtete, brachte sie zum Bewußtsein ihrer Pflicht
zurück.
Mit ihrer Hilfe trug Heideck die Ohnmächtige zu einer Chaiselongue, und
da er auf dem Tischchen eines der grünen Fläschchen mit Lavendelwasser
liegen sah, die in keinem englischen Hause fehlen, bediente er sich des
starkduftenden Reizmittels, so gut er es verstand, während die Inderin
die Fußsohlen ihrer jungen Herrin rieb und allerlei andere, unter den
Eingeborenen gebräuchliche Handgriffe anwendete, um die Bewußtlose ins
Leben zurückzurufen.
Nach kurzer Zeit schon schlug Edith unter diesen vereinten Bemühungen
die Augen auf, und nachdem sie mit wirrem, verständnislosen Blick
umhergesehen, kehrte ihr in dem Augenblick, wo sie den auf dem Boden
ausgestreckten Körper des von Heideck erschossenen Inders erblickte,
mit voller Klarheit die Erinnerung an das Geschehene zurück.
Den letzten Rest der lähmenden Schwäche mit der Energie eines festen
Willens abschüttelnd, sprang sie auf.
„Sie waren es, der mich gerettet hat, Mr. Heideck -- Sie haben Ihr
Leben für mich eingesetzt -- wie soll ich Ihnen danken!“
„Allein damit, gnädige Frau, daß Sie mir erlauben, Sie unverzüglich
in das Haus des Obersten zu geleiten, unter dessen Schutz Sie sich
notwendig bis zur Rückkehr Ihres Gatten stellen müssen. Von wem auch
immer dieser verbrecherische Anschlag ausgegangen sein mag, -- ob diese
Halunken gemeine Diebe waren oder ob sie in irgend jemandes Auftrage
gehandelt, jedenfalls fühle ich mich als einzelner Mann nicht stark
genug, die Verantwortung für Ihre Sicherheit zu übernehmen.“
„Sie haben recht,“ erwiderte Edith fügsam. „Ich werde mich sogleich
bereit machen, mit Ihnen zu gehen. -- Aber dieser Mann da --“ fügte sie
erschauernd hinzu, -- „ist er tot? Oder kann man noch etwas für ihn
tun?“
Heideck neigte sich über den Regungslosen herab, und ein einziger Blick
in das fahlbraune, verzerrte Antlitz mit den weitoffenen, stieren,
verglasten Augen ersparte ihm jede weitere Untersuchung.
„Er hat empfangen, was ihm gebührte,“ sagte er, „und für Ihr
hochherziges Mitleid gibt es hier nichts mehr zu tun. Ist denn aber gar
kein männliches Wesen hier im Hause, das mir behilflich sein könnte,
den Mann beiseite zu schaffen?“
„Alle sind fort,“ sagte die Zofe. „Der Haushofmeister hat sie
aufgefordert, sich mit ihm in der Stadt einen vergnügten Abend zu
machen.“
Heideck und Edith wechselten einen bedeutsamen Blick. Keines von ihnen
hegte jetzt auch nur noch den geringsten Zweifel, daß es sich bei dem
tollkühnen Ueberfall um ein Komplott gehandelt hatte, an welchem auch
die indische Dienerschaft beteiligt war. Und deutlich genug erriet
jedes von ihnen die Vermutungen des anderen hinsichtlich der Urheber
des schändlichen Anschlags.
Aber sie sprachen sich nicht darüber aus. Gerade weil sie sich durch
die Erlebnisse dieser Nacht so nahe gekommen waren, wie das Schicksal
zwei junge Menschenkinder verschiedenen Geschlechts nur immer
zueinander führen kann, hegten sie beide dieselbe, fast instinktive
Scheu vor dem ersten Wort, das vielleicht auch die letzte trennende
Schranke zwischen ihnen niedergerissen hätte. Und Kapitän Irwins Name
wurde nicht zwischen ihnen genannt.
[Illustration]