Als verheirateter Offizier bewohnte Kapitän Irwin nicht eine der
hölzernen Baracken im englischen Camp, sondern ein Bungalo in der
Vorstadt.
Es war ein einstöckiges, von einem großen, gut gehaltenen Garten
umgebenes Haus mit breiten Veranden, das früher einem hohen Hofbeamten
des Maharadjah als Wohnung gedient hatte. Abseits lagen zwei kleinere,
für die Dienerschaft bestimmte Gebäude, von denen gegenwärtig nur eines
benutzt wurde.
Die Sonne desselben Tages, der ihm so wichtige und für die Gestaltung
seiner nächsten Zukunft entscheidende Entschlüsse nahe gelegt hatte,
neigte sich bereits dem Untergange zu, als Hermann Heideck die
Kaktushecke und das Bambusgebüsch des zum Irwinschen Bungalo gehörenden
Gartens durchschritt.
Er war in einen Gesellschaftsanzug aus leichtestem schwarzen Tuch
gekleidet, wie es englische Sitte für einen um die abendliche Dinerzeit
abgestatteten Besuch unter jenem Himmelsstrich vorschreibt.
Er kam heute nicht aus eigenem Antrieb, und der Morgengruß Irwins
hatte nichts Einladendes gehabt. Ein Billet von Mrs. Irwin hatte
ihn zu seiner Ueberraschung um sein Erscheinen zu dieser Stunde
gebeten. Er hatte der Fassung des Briefes entnommen, daß es sich um
etwas Dringliches handeln müsse, und es lag nicht fern, zu vermuten,
daß die unglückliche Pokerpartie des Kapitäns die Ursache wäre. Was
Mrs. Edith veranlaßt haben konnte, sich gerade an ihn zu wenden, war
ihm allerdings vorläufig ein Rätsel. Denn seine Beziehungen zu der
schönen jungen Frau hatten bis zu diesem Augenblick ganz und gar nichts
Vertrauliches gehabt. Er war ihr einigemal in größerer Gesellschaft,
beim Polospiel der Offiziere und ähnlichen Anlässen begegnet. Und wenn
er, durch ihre Anmut und ihren Geist gefesselt, sich der Gattin des
Kapitäns vielleicht auch lebhafter gewidmet hatte, als irgend einer
der anderen anwesenden Damen, so hatte sich ihr Verkehr doch durchaus
in den konventionellen Grenzen bewegt. Und niemals würde es ihm
eingefallen sein, sich einer besonderen Bevorzugung durch Mrs. Irwin zu
rühmen.
Die zierliche indische Zofe der Hausfrau empfing den Besucher
und führte ihn zu der Veranda. Mrs. Irwin, die in einem Kleide
von roher Seide auf einem Schaukelstuhl gesessen hatte, ging ihm
einige Schritte entgegen. Aufs neue fühlte sich Heideck entzückt
durch den Liebreiz ihrer Erscheinung. Sie war eine echt englische
Schönheit von hoher, wundervoll ebenmäßiger Gestalt, feinen Zügen und
jener weißen, durchsichtigen Haut, die den Töchtern Albions einen
ihrer eigenartigsten Reize verleiht. Reiches, dunkelblondes Haar
schmiegte sich in dichten, natürlichen Wellen um die breite Stirn,
und ihre blauen Augen hatten den klaren, ruhigen Blick einer ebenso
intelligenten wie willensstarken Persönlichkeit.
In diesem Moment allerdings schien die junge Frau, die Heideck bisher
nur als die gelassene und beherrschte Dame der großen Welt kennen
gelernt hatte, sich in einer Erregung zu befinden, die sie nur
unvollkommen zu verbergen vermochte. Etwas eigentümlich Befangenes war
in der Art, wie sie den Besucher begrüßte.
„Ich danke Ihnen für Ihr Erscheinen, Mr. Heideck! Meine Einladung wird
Sie befremdet haben, aber ich wußte mir nicht anders zu helfen. Bitte,
lassen Sie uns in das Parlour gehen, es wird hier draußen empfindlich
kühl.“
Von solcher Kühle konnte Heideck zwar noch nichts bemerken, aber er
glaubte zu verstehen, daß es nur die Furcht vor einem Lauscher sei,
die den Wunsch der jungen Frau bestimmte. In der Tat schloß sie hinter
ihm die Glastür und lud ihn ein, ihr gegenüber auf einem der breiten
Rohrstühle Platz zu nehmen.
„Kapitän Irwin ist nicht anwesend,“ eröffnete sie, noch immer
ersichtlich mit einer starken Verlegenheit kämpfend, das Gespräch. „Er
ist fortgeritten, um seine Schwadron zu inspizieren und wird, wie er
mir sagte, nicht vor Tagesanbruch zurückkehren.“
Heideck begriff nicht recht, weshalb sie ihm diese Mitteilung machte.
Wäre er ein von seiner Unwiderstehlichkeit überzeugter Frauenjäger
gewesen, so würde er darin vielleicht eine sehr durchsichtige
Ermutigung erblickt haben. Aber er war weit entfernt, Ediths Worten
eine derartige Deutung zu geben. Die Verehrung, die er dieser schönen
Frau seit dem ersten Augenblick ihrer Bekanntschaft entgegengebracht
hatte, schützte sie hinlänglich vor jedem unlauteren Verdacht. Wenn sie
ihn zu einer Zeit hierher beschieden hatte, wo sie sicher sein konnte,
daß ihr Gespräch nicht durch das Erscheinen ihres Gatten gestört werden
konnte, so hatte sie dafür sicherlich andere Gründe gehabt, als den
Wunsch nach einem Abenteuer.
Und wie er sie da vor sich sitzen sah, mit einem Zug herben Kummers,
regte sich in seinem Herzen kein anderes Verlangen als der lautere
Wunsch, diesem ohne Zweifel tief unglücklichen Wesen irgend einen
ritterlichen Dienst erweisen zu dürfen.
Aber er hatte nicht den Mut, ihr etwas derartiges zu sagen, bevor sie
ihm nicht in unzweideutiger Weise ein Recht dazu gegeben hätte. Darum
wartete er schweigend auf das, was sie ihm weiter mitzuteilen wünsche.
Und es gab eine ziemlich lange, etwas peinliche Pause, bevor Mrs.
Irwin, ersichtlich all ihren Mut zusammennehmend, fortfuhr:
„Sie waren ein Zeuge des Auftritts, der sich gestern abend in der
Offiziersmesse zwischen meinem Mann und dem Kapitän Mc. Gregor
abgespielt hat. Wenn ich recht unterrichtet bin, habe ich es sogar
lediglich Ihnen zu verdanken, daß mein Mann nicht in der ersten
Erregung Hand an sich gelegt hat.“
Bescheiden wehrte Heideck ab.
„Ich habe durchaus nichts getan, was mir einen Anspruch auf Ihre
Dankbarkeit gäbe, Mrs. Irwin, und ich glaube auch nicht, daß Ihr Gatte
sich wirklich zu einer solchen unsinnigen Verzweiflungstat hätte
hinreißen lassen. Im entscheidenden Augenblick würde der Gedanke an Sie
ihn sicherlich vor dem Aeußersten bewahrt haben.“
Er war überrascht von dem Ausdruck der Verachtung, den das schöne
Gesicht der jungen Frau bei seinen letzten Worten angenommen hatte, und
von dem harten Klang ihrer Stimme, da sie erwiderte:
„Der Gedanke an mich? Ah, wie wenig Sie meinen Mann kennen! Er ist
nicht gewöhnt, um meinetwillen irgend welche Opfer zu bringen. Und
vielleicht wäre sein freiwilliger Tod nicht einmal das Schlimmste, was
er mir hätte antun können.“
Sie sah wohl die Bestürzung in seinen Zügen, und deshalb fügte sie
rasch hinzu:
„Sie werden mich gewiß für das herzloseste Geschöpf halten, weil ich so
zu einem Fremden sprechen kann. Aber gilt nicht auch in Ihrem Lande der
Verlust der Ehre für schlimmer als der Tod?“
„Unter gewissen Umständen -- ja. Aber so tragisch ist die Lage Ihres
Gatten hoffentlich nicht zu nehmen. Nach dem Eindruck, den ich bisher
von der Persönlichkeit des Kapitäns Mc. Gregor empfangen habe, ist
er nicht der Mann, der Mr. Irwin um einer leichtsinnig eingegangenen
Spielschuld willen zum Aeußersten treiben wird.“
„O nein, Sie beurteilen diesen Ehrenmann vollkommen richtig. Er würde
am liebsten ganz auf die Zahlung verzichten. Und in der Absicht, ein
derartiges Arrangement herbeizuführen, war er heute nachmittag hier.
Aber der törichte Stolz, die maßlose Eitelkeit Irwins machten alle
seine guten Absichten zu schanden. Das Ergebnis von Mc. Gregors gut
gemeinten Bemühungen war einzig eine heftige Szene, durch die die Sache
nur noch mehr verschlimmert wurde. Mein Mann ist entschlossen, seine
Schuld um jeden Preis zu bezahlen.“
„Und -- verzeihen Sie die indiskrete Frage -- ist er dazu imstande?“
„Wenn er sich meines Vermögens bedient -- gewiß! Und ich habe es ihm
ohne weiteres zur Verfügung gestellt. Ich habe ihm gesagt, daß er alles
bis auf den letzten Penny nehmen möge, wenn dieses Opfer ausreichend
sei, mich für immer von ihm zu befreien.“
Heideck wußte kaum, ob er seinen Ohren trauen dürfe. Auf nichts in
der Welt war er weniger vorbereitet gewesen, als darauf, solche
Geständnisse zu empfangen. Er fing an, irre zu werden an dieser Frau,
die ihm bisher der Inbegriff aller weiblichen Vollkommenheit gewesen
war. Und er suchte nach einer Gelegenheit, weiteren Enthüllungen
vorzubeugen, die sie seiner Ueberzeugung nach schon in der nächsten
Stunde bereut haben würde.
„Niemand kann von Ihnen verlangen, Mrs. Irwin, daß Sie für eine
sträfliche Leichtfertigkeit, für eine vielleicht im halben Rausch
begangene Uebereilung Ihres Gatten ein so ungeheures Opfer bringen.
Aber da Sie mich einmal der Ehre gewürdigt haben, mit mir über diese
Dinge zu sprechen, so ist es vielleicht nicht unbescheiden, wenn ich
Ihnen sage, daß es meiner Ansicht nach das richtigste wäre, Ihren
Mann die Folgen seiner Handlungsweise tragen zu lassen. Sie brauchen
wohl kaum zu fürchten, daß diese Folgen allzu schlimm sein werden.
Mc. Gregor wird ihn gewiß nicht drängen. Und da wir unmittelbar vor
dem Ausbruch eines Krieges zu stehen scheinen, gehen auch seine
Vorgesetzten in diesem Augenblick wegen dieser Angelegenheit wohl nicht
allzu streng mit ihm ins Gericht. Er wird vielleicht Gelegenheit haben,
sein erschüttertes Ansehen durch soldatische Verdienste wieder gut zu
machen oder den Tod auf dem Schlachtfelde zu suchen. In einigen Wochen
oder Monaten werden alle diese Dinge, die Ihnen jetzt so viel Sorge
verursachen, ein ganz anderes Gesicht zeigen.“
„Sie meinen es sehr gut, Mr. Heideck, und ich danke Ihnen für
Ihre freundliche Absicht. Aber ich würde Sie nicht zu einer so
ungewöhnlichen Zeit hierher gebeten haben, wenn es mir nur darum zu tun
wäre, durch liebenswürdigen Zuspruch getröstet zu werden. Ich befinde
mich in einer wahrhaft entsetzlichen Lage -- entsetzlich besonders
deshalb, weil es hier niemanden gibt, dem ich mich anvertrauen, bei dem
ich mir Rat und Beistand holen könnte. Daß ich in meiner Verzweiflung
darauf verfiel, mich an Sie zu wenden, muß Sie gewiß in Erstaunen
setzen. Und jetzt will es mir selber fast unbegreiflich erscheinen, wie
ich Sie mit einer solchen Zumutung behelligen konnte.“
„Wenn Sie mir eine Möglichkeit zeigen können, Mrs. Irwin, Ihnen in
irgend einer Weise dienlich zu sein, so bitte ich Sie, unbedingt über
mich zu verfügen. Ich bin mit allem, was ich vermag, zu Ihren Diensten.
Und Ihr Vertrauen würde mich sehr glücklich machen.“
„Als Gentleman dürfen Sie mir natürlich nicht anders antworten.
In Ihrem Herzen aber halten Sie mein Benehmen doch vielleicht für
unweiblich und unschicklich. Denn es ist ja richtig, daß wir einander
kaum kennen. Drüben in England und gewiß nicht weniger in Ihrer
deutschen Heimat würden so flüchtige Begegnungen, wie es die unsrigen
waren, mir sicherlich kein Recht geben, Sie wie einen Freund zu
behandeln. Und ich kann nicht wissen, inwieweit Sie unter dem Einfluß
dieser europäischen Anschauungen stehen.“
„Auch in Deutschland würde jede schutzlose und unglückliche Frau
unbedingten Anspruch auf meinen Beistand haben,“ erwiderte er ernst.
„Wenn Sie mir vor Ihren hiesigen Freunden den Vorzug geben wollen, so
habe ich das nur dankbar anzuerkennen und über Ihre Beweggründe nicht
weiter nachzudenken.“
„Aber Sie sollen sie selbstverständlich erfahren. Meine hiesigen
Freunde sind natürlich die Kameraden meines Mannes, und an sie kann
ich mich nicht wenden, wenn ich damit nicht zugleich das Todesurteil
über Irwin sprechen will. Keiner von ihnen dürfte es geschehen lassen,
daß ein Mann vom Schlage meines Gatten nur eine Stunde länger dem
Offizierkorps des britischen Heeres angehört.“
„Ich verstehe nicht recht, Mrs. Irwin. Die Spielaffäre des Kapitäns ist
seinen Kameraden doch ohnedies kein Geheimnis mehr.“
„Es handelt sich auch nicht darum. Wie aber würden Sie über den
Charakter eines Mannes urteilen, der seine Frau verkaufen will, um
seine Schulden zu bezahlen?“
Das Wort hatte den Hauptmann getroffen wie ein Schlag. Mit großen Augen
starrte er auf die junge Frau, die eine so ungeheuerliche Anklage
gegen ihren Gatten erhob. Nie war sie ihm lieblicher erschienen, als
in diesem Augenblick, wo eine Empfindung weiblicher Scham ihre eben
noch so bleichen Wangen mit dunkler Glut bedeckt hatte. Nie hatte er
mit gleicher Deutlichkeit gefühlt, ein wie köstlicher, unschätzbarer
Besitz dies anmutige Wesen dem Manne sein müsse, dem es sich liebend zu
eigen gegeben. Und je weniger er daran zweifelte, daß sie soeben die
volle Wahrheit gesprochen, desto heißer wallte in seinem Herzen ein
leidenschaftlicher Zorn gegen den Elenden auf, der verworfen genug sein
konnte, das herrliche Kleinod in den Schmutz zu zerren.
„Ich wage nicht, Ihre Frage auf den Kapitän Irwin zu beziehen,“ sagte
Heideck mit merklich bebender Stimme. „Denn wenn er dazu in Wahrheit
fähig gewesen wäre -- -- --“
Ihn unterbrechend, deutete Edith auf ein kleines Etui, das auf dem
neben ihr stehenden Tischchen lag.
„Möchten Sie sich nicht einmal diesen Ring ansehen, Mr. Heideck?“
Er leistete ihrem Verlangen Folge und glaubte in dem Schmuckstück
denselben prachtvollen Brillanten zu erkennen, den er gestern an
Irwins Finger hatte funkeln sehen. Er gab dieser Vermutung Ausdruck,
und die junge Frau nickte bestätigend.
„Ich habe ihn meinem Manne an unserem Hochzeitstage geschenkt. Der Ring
ist ein altes Erbstück in meiner Familie. Juweliere schätzen seinen
Wert auf mehr als tausend Pfund.“
„Und weshalb trägt Ihr Gatte ihn nicht mehr?“
„Weil er die Absicht hat, ihn zu verkaufen. Natürlich ist der
Maharadjah hier der einzige, der sich den Luxus solcher Erwerbungen
gestatten darf. Und mein Gatte wünscht, daß ich den Handel mit dem
Fürsten abschließe.“
„Sie, Mrs. Irwin? Und warum tut er es nicht selbst?“
„Weil der Maharadjah ihm den Preis nicht zahlen will, den er fordert.
Mein Mann will den Ring nicht unter zwei Lakh hergeben.“
„Aber das ist ja ungeheuerlich! Damit wäre er mehr als zwölffach
überzahlt!“
„Mein Mann ist trotzdem sicher, daß das Geschäft ohne Schwierigkeiten
zustande kommen würde, wenn ich die persönliche Vermittelung übernähme.“
Es war unmöglich, den Sinn ihrer Worte mißzuverstehen. Und so groß war
die Erregung, in welche sie den Hauptmann versetzten, daß er ungestüm
von seinem Stuhle aufsprang.
„Nein, das ist unmöglich -- undenkbar! -- Das konnte er Ihnen
nicht zumuten! Sie müssen ihn mißverstanden haben. Einer solchen
Nichtswürdigkeit kann ein Mann, kann ein Offizier, kann ein Gentleman
niemals fähig sein!“
„Sie würden weniger erstaunt sein, wenn Sie Gelegenheit gehabt hätten,
ihn kennen zu lernen, wie ich ihn in der kurzen Zeit unserer Ehe kennen
gelernt habe. Es gibt schon beinahe nichts mehr, das mich in seiner
Handlungsweise überraschen könnte. Er hat eben längst aufgehört, mich
zu lieben. Und eine Frau, deren Person ihm gleichgiltig geworden ist,
hat für ihn nur noch den Wert eines Handelsobjekts. Vielleicht gibt
es für seine Denkungsart sogar eine gewisse Entschuldigung. Es ist
möglicherweise ein atavistischer Rückfall in die Anschauungen seiner
Vorfahren, die ihre Weiber, wenn sie ihrer überdrüssig geworden waren,
mit einem Strick um den Hals auf den Marktplatz führten, um sie an den
Meistbietenden zu verkaufen. Es soll noch nicht gar zu lange her sein,
daß sich diese schöne Sitte verloren hat.“
„Nicht weiter, Mrs. Irwin!“ fiel ihr Heideck ins Wort. „Ich kann es
nicht ertragen, Sie so sprechen zu hören. Und noch immer bin ich der
Meinung, daß der Kapitän unzurechnungsfähig gewesen sein muß, als er
Ihnen das zumuten konnte.“
Die junge Frau schüttelte mit einem herben Zucken der Lippen den Kopf.
„O nein, er war weder betrunken, noch sonderlich aufgeregt, als er mich
um diese ‚kleine‘ Gefälligkeit ersuchte. Am Ende sollte ich mich seiner
Meinung nach noch dadurch geschmeichelt fühlen, daß Seine indische
Hoheit meiner unbedeutenden Person einen so großen Wert beimißt. Daß
ich ohne mein Zutun das Wohlgefallen des Maharadjah erregt habe,
war mir allerdings schon seit einiger Zeit zum Bewußtsein gekommen.
Nach der ersten Begegnung schon hat er angefangen, mich mit seinen
Aufmerksamkeiten zu belästigen. Ich habe davon keine Notiz genommen und
nicht einen Augenblick an die Möglichkeit gedacht, daß sich seine --
nun, nennen wir es: seine Zuneigung -- bis zu verbrecherischen Wünschen
versteigen könnte. Nach allem, was ich heute erfahren, muß ich es indes
wohl glauben.“
„Aber diese Abscheulichkeit, Mrs. Irwin, war doch für Sie in demselben
Augenblick erledigt, wo Sie das Ansinnen Ihres ehrvergessenen Gatten
zurückwiesen?“
„Zwischen ihm und mir -- ja. Aber ich bin nicht ganz sicher, ob damit
die Wünsche des Maharadjah wirklich schon ganz vergessen sind. Meine
indische Zofe ist von einem ihrer Landsleute aufgefordert worden, mich
vor einer Gefahr zu warnen, die mich bedroht. Der Mann hat ihr nicht
gesagt, worin diese Gefahr besteht; aber ich wüßte nicht, woher sie
kommen sollte, wenn nicht von dem Maharadjah.“
Ungläubig schüttelte Heideck den Kopf.
„Von ihm haben Sie sicherlich nichts zu fürchten. Er weiß sehr wohl,
daß er die ganze britische Macht gegen sich herausfordern würde, wenn
er die Gattin eines englischen Offiziers auch nur mit einem Wort zu
verletzen wagte. Er müßte geradezu wahnwitzig sein, wenn er es darauf
ankommen ließe.“
„Nun, etwas Despotenwahnsinn mag schon noch in ihm stecken. Wir dürfen
doch nicht vergessen, daß die Zeit nicht allzuweit zurückliegt, wo
alle diese Tyrannen unumschränkt über Leben und Tod, über Leib und
Seele ihrer Untertanen geboten. Und wer weiß, was mein Gatte -- -- --
Aber Sie mögen ja recht haben. Es ist vielleicht eine ganz törichte
Vermutung, von der ich mich da beunruhigen lasse. Und eben deshalb
wollte ich auch zu keinem von meines Mannes Kameraden davon sprechen.
Ihnen allein habe ich mich offenbart. Ich weiß, daß Sie ein Ehrenmann
sind und daß niemand aus Ihrem Munde erfahren wird, was in dieser
Stunde zwischen uns gesprochen wurde.“
„Ich danke Ihnen noch einmal für Ihr Vertrauen, Mrs. Irwin, aber ich
möchte so gerne etwas tun, Sie aus Ihrer Unruhe zu befreien. Sie
fürchten sich vor einer unbekannten Gefahr, und Sie sind in dieser
Nacht bei der Abwesenheit Ihres Gatten ohne einen anderen Schutz als
den Ihrer indischen Dienerschaft. Wollen Sie mir gestatten, bis zum
Tagesanbruch in Ihrer Nähe zu bleiben?“
Mit einem Erröten, das sein Herz schneller schlagen machte, schüttelte
Edith Irwin den Kopf.
„Nein -- nein! -- Das ist unmöglich. Und ich glaube ja auch nicht, daß
mir hier im Schutze meines Hauses und inmitten meiner Leute ein Leid
geschehen könnte. Nur für den Fall, daß mir zu einer anderen Zeit und
an einem anderen Orte etwas zustoßen sollte, würde ich Sie bitten, den
Obersten Baird von dem Inhalt unserer heutigen Unterredung in Kenntnis
zu setzen. Man wird den Zusammenhang der Dinge dann vielleicht besser
begreifen.“
Wohl verstand Heideck jetzt, weshalb sie gerade ihn, den Fremden, zu
ihrem Vertrauten gemacht hatte. Und er glaubte auch zu erraten, daß es
viel weniger die Besorgnis vor einem Anschlage des Maharadjah, als vor
einer Schurkerei ihres eigenen Gatten sei, von der die unglückliche
junge Frau geängstigt wurde. Aber sein Zartgefühl hielt ihn ab, mit
dürren Worten auszusprechen, daß er sie begriffen habe. Es war ja auch
genug, wenn sie wußte, daß sie unbedingt auf ihn zählen dürfe. Und
davon mußte sie hinlänglich überzeugt sein, obgleich es nur der Blick
seiner Augen war, der sie dessen versicherte, und der lange, heiße Kuß,
den seine Lippen auf die zum Abschied gereichte eiskalte, kleine Hand
des armen jungen Weibes drückten.
„Sie werden mir erlauben, Ihnen morgen noch einmal meine Aufwartung zu
machen, nicht wahr?“
„Ich werde Ihnen Nachricht geben, wann ich Sie erwarte; ich möchte
nicht, daß Sie meinem Mann begegnen. Vielleicht ahnt er, daß Sie mir
freundlich gesinnt sind. Und das genügt, um ihn mit Mißtrauen und
Abneigung gegen Sie zu erfüllen.“
Sie klatschte in die Hände, und da jetzt die indische Zofe eintrat, um
den Besucher hinaus zu geleiten, mußte Heideck ihre letzte Bemerkung
unbeantwortet lassen. Als er sich auf der Schwelle aber noch einmal zu
einer letzten Verbeugung umwandte, suchten seine Augen die ihrigen,
und wenn auch ihre Lippen stumm blieben, hatten sie einander doch
vielleicht in dieser einzigen Sekunde mehr gesagt, als während ihres
ganzen, langen Beisammenseins.
[Illustration]