Die Angabe des Hauptmanns Heideck, daß er für ein Hamburger Handelshaus
reise, war nicht eigentlich eine Unwahrheit gewesen. In der Tat betrieb
er die kaufmännischen Geschäfte, die ihm als Maske für den wirklichen
Zweck seiner Reise dienten, mit größtem Ernst.
Er hatte von dem Chef des Großen Generalstabes den Auftrag erhalten,
die militärischen Verhältnisse in Indien und die strategische Bedeutung
der Nordwestgrenze zu studieren, und hierzu war ihm ein unbegrenzter
Urlaub bewilligt worden.
Aber der General hatte ihm ausdrücklich erklärt:
„Sie reisen als Privatmann, und wenn Sie in irgend einen Konflikt
mit den Engländern geraten sollten, würden wir in keiner Weise die
Verantwortung für Ihre Taten und Erlebnisse übernehmen können. Sie
erhalten einen Paß auf Ihren richtigen Namen, aber natürlich ohne
Erwähnung Ihrer militärischen Eigenschaft. Daß wir Sie bei einer
etwaigen Nachfrage nicht verleugnen werden, ist selbstverständlich. In
einem gewissen Sinne aber reisen Sie auf eigene Gefahr. Ihr eigener
Takt muß Ihnen Führer sein.“
Darauf hin hatte Heideck sich mit seinem Oheim in Verbindung gesetzt
und von ihm die erforderlichen Briefe und Empfehlungen an indische
Geschäftsfreunde erhalten. Er war von Bombay aus über Allahabad in die
nördlichen Provinzen gereist und hatte die wichtigsten Garnisonen,
Cawnpore, Lucknow, Delhi und Lahore besucht. Nach Erledigung seiner
Geschäfte in Chanidigot gedachte er sich weiter nach Norden zu wenden
und durch den Kaiberpaß nach Afghanistan zu gehen. Lediglich mit
Rücksicht auf diesen Plan hatte er die nähere Bekanntschaft mit dem
Russen gesucht. Er wurde sich klar darüber, daß dieser von seiner
Regierung einen ähnlichen Auftrag erhalten hatte wie er selbst, und
gewisse Andeutungen des Fürsten hatten ihn in der Vermutung bestärkt,
daß er die nämliche Reiseroute zu wählen gedenke. So konnte es für den
deutschen Offizier nur von Vorteil sein, wenn er sich dem russischen
Kameraden anschloß, der ihm auf russischem Gebiet sicherlich wertvolle
Empfehlungen zu verschaffen vermochte. --
Die gehaltvolle Bowle des Fürsten machte sich noch in einigen
unangenehmen Nachwirkungen bemerkbar, als Heideck in der Frühe des
nächsten Morgens erwachte. Aber das kalte Bad, das ihm Morar Gopal
bereitet hatte, und eine Tasse Tee stellten ihn bald wieder her.
Es war ein indischer Frühlingsmorgen von strahlender Schönheit, in
den er tiefaufatmend hinaustrat. Der Februar hatte hier im Tale
des Indus unter dem 29° nördlicher Breite etwa die Temperatur des
römischen Mai. In den Mittagsstunden pflegte die Quecksilbersäule des
Fahrenheit-Thermometers auf hundert Grad zu steigen. Die Abende aber
waren erquickend kühl und die Nächte mit ihren feuchten Nebeln zuweilen
sogar empfindlich kalt.
Heideck hatte an diesem Morgen mit besonderer Sorgfalt Toilette
gemacht, denn er war zu einer Besprechung mit dem Minister des
Maharadjah geladen, um über das beabsichtigte Indigogeschäft mit ihm zu
verhandeln.
Der Minister bewohnte ein Haus an der Weichbildgrenze der Stadt. Es
war ein inmitten eines großen Gartens gelegenes einstöckiges Gebäude
mit breiten, luftigen Veranden. Als Heideck eintraf, war die Treppe
der Eingangshalle bereits von einer bunten Menge besetzt, die auf
Audienz wartete. Ihm aber, als einem Vertreter der weißen Rasse,
blieb diese lästige Unbequemlichkeit erspart. Der in weißen Musselin
gekleidete und zum Zeichen seiner Würde mit einer breiten roten Schärpe
umgürtete Pförtner führte ihn vielmehr gleich in das ganz europäisch
ausgestattete Arbeitszimmer des Ministers.
Auch in seiner äußeren Erscheinung verriet der Würdenträger nur durch
seine Hautfarbe und seinen Gesichtsschnitt den Inder. Kleidung und
Manieren waren ganz die eines abendländischen Diplomaten. Er reichte
Heideck die Hand und teilte ihm mit, daß Seine Hoheit selbst mit ihm
über den Indigo verhandeln wolle.
„Der Preis, den Sie zahlen wollen, ist ungewöhnlich niedrig,“ fügte er
in einem Tone leiser Mißbilligung hinzu.
Heideck aber war auf diesen Einwand offenbar vorbereitet gewesen.
„Exzellenz mögen darin recht haben, daß der gebotene Preis niedriger
ist als in früheren Jahren. Aber er ist noch immer sehr hoch, wenn man
die inzwischen eingetretenen Veränderungen des Marktes berücksichtigt.
In Deutschland wird jetzt durch Anilin ein Ersatz geschaffen, der so
billig ist, daß in absehbarer Zeit vermutlich überhaupt kein Indigo
mehr gekauft werden wird. Wenn es mir gestattet ist, Seiner Hoheit
einen Rat zu geben, so wäre es der, statt des Indigobaus künftig eine
Industrie zu wählen.“
„Und welche hätten Sie dabei im Auge?“
„Am vorteilhaftesten würden mir ~oil-mills~ und ~cotton-mills~
erscheinen. Sie könnten der europäischen und japanischen Konkurrenz
damit wirksam begegnen.“
Ein indischer Diener erstattete eine Meldung, und der Minister lud
Heideck ein, sogleich mit ihm zum Maharadjah zu fahren. Sie bestiegen
einen mit zwei schnellen turkestanischen Pferden bespannten offenen
Wagen. Der gelb gekleidete Kutscher, der merkwürdige Aehnlichkeit
mit einem geputzten Affen hatte, schnalzte mit der Zunge, und im
Galopp ging es durch weit ausgedehnte Parkanlagen zum Schlosse,
dessen weiße Marmorwände bald aus dem Grün der Palmen und Tamarinden
hervorleuchteten.
Heideck mußte während der kurzen Fahrt an die zahllosen Kriegsstürme
denken, die über diesen Boden dahingebraust waren, ehe die englische
Herrschaft alle religiösen Kämpfe, alle blutigen Aufstände und alle
Einfälle fremder Eroberer für immer unmöglich gemacht zu haben
schien. Jetzt konnten hier, wo Alexander des Großen sieggewohnte
Krieger gekämpft hatten, wo sich Mohammedaner und Hindus, Afghanen
und Sonnenanbeter blutige Schlachten geliefert, Werke des Friedens
geschaffen werden, die auf eine Dauer von Jahrhunderten berechnet
waren. Es war ein Triumph der Zivilisation, dessen imponierendem
Eindruck sich ein Kenner von Indiens geschichtlicher Vergangenheit kaum
entziehen konnte.
Der Maharadjah von Chanidigot bekannte sich gleich dem größten Teil
seiner Untertanen zum Islam, und schon die äußere Anlage seines
Palastes ließ den mohammedanischen Fürsten erkennen. Abseits von dem
Hauptgebäude, aber durch eine gedeckte Galerie mit ihm verbunden,
lag der kleine Haremsflügel, dessen Inneres hinlänglich vor jedem
fremden Blicke geschützt war. Hier wie dort offenbarte sich in der
Ausschmückung des Palastes die verschwenderischste Pracht. Und Heideck
dachte mitleidig an die armen Untertanen des Maharadjah, deren
Sklavenarbeit die Mittel für diesen üppigen Luxus hatte liefern müssen.
Der Minister und sein Begleiter wurden nicht in die große Audienzhalle
geführt, die nur für besondere feierliche Empfänge bestimmt war,
sondern in eine Loggia des ersten Stockwerkes. Die von zierlichen
Marmorsäulen getragene offene Seite derselben ging nach einem inneren
Hofe hinaus, der mit seinem tropischen Pflanzenreichtum einen wahrhaft
paradiesischen Anblick gewährte. Eine leise plätschernde Fontäne, die
aus dem Marmorbassin in seiner Mitte emporstieg, warf ihren feinen
Sprühregen bis zu der Loggia hinauf und verbreitete angenehme Kühle.
Eine gute Weile ließ ihn der Minister warten. Dann kehrte er zurück
und forderte ihn durch ein stummes Zeichen auf, ihn zum Fürsten zu
begleiten.
Das Gemach, in welchem der Maharadjah sie empfing, war in seiner
Ausstattung ein sonderbares, für die Augen eines Europäers nicht
gerade anmutiges Gemisch von orientalischem Luxus und englischem
Modegeschmack. Zwischen herrlichen Teppichen und kostbaren Waffen,
mit denen die Wände geschmückt waren, hingen grellbunte Gemälde von
wahrhaft barbarischem Geschmack, wie man sie in Deutschland kaum
im Hause eines mäßig begüterten Bürgers angetroffen haben würde.
Und ähnliche Widersprüche zeigten sich mehrfach. Am auffallendsten
vielleicht traten sie in der Erscheinung des Fürsten selbst zu Tage.
Denn dieser hochgewachsene Mann mit dem weichen schwarzen Vollbart
und den brennenden Augen, der in seiner malerischen Landestracht
ohne Zweifel schön und imponierend ausgesehen hätte, machte in dem
grauen englischen Anzug und dem roten Turban auf dem Kopfe einen
unharmonischen Eindruck.
Er saß in einem mit rotem Juchtenleder überzogenen englischen
Klubsessel und neigte auf Heidecks tiefe Verbeugung zu leichtem
Gegengruße den Kopf.
Es entging dem deutschen Offizier nicht, daß der Maharadjah äußerst
verdrießlich aussah. Und er vermutete, daß es der für den Indigo
gebotene niedrige Preis sei, der ihn verstimmt hätte.
Aber schon die ersten Worte des Fürsten belehrten ihn eines anderen.
„Wie ich höre,“ sagte er in ziemlich mangelhaftem Englisch, „sind
Sie zwar Europäer, aber nicht Engländer. Darum hoffe ich, von Ihnen
die Wahrheit zu hören. Ich bin gern bereit, Sie für Ihre Auskunft zu
belohnen.“
„Ich pflege auch ohne Belohnung die Wahrheit zu sagen, Hoheit!“
Der Maharadjah maß ihn mit einem mißtrauischen Blick.
„Ich bin ein treuer Freund Englands,“ sagte er nach kurzem Zaudern,
„und ich befinde mich im besten Einvernehmen mit dem Vizekönig. Aber
es geschehen jetzt Dinge, für die mir jede Erklärung fehlt. An diesem
Morgen erhielt ich eine Botschaft aus Kalkutta, die mich in Erstaunen
setzt. Die indische Regierung beabsichtigt bei Quetta ein Truppenkorps
zusammenzuziehen und fordert mich auf, tausend Mann Infanterie und
fünfhundert Reiter sowie eine Batterie und zweitausend Kamele dorthin
zu senden. Können Sie mir sagen, mein Herr, was England veranlaßt, eine
so bedeutende Truppenmacht bei Quetta zusammenzuziehen?“
„Es dürfte sich lediglich um eine Vorsichtsmaßregel handeln, Hoheit!
Vielleicht sind in Afghanistan neuerdings Unruhen ausgebrochen.“
„Unruhen in Afghanistan? Dabei könnte nur Rußland seine Hand im Spiele
haben. Wissen Sie vielleicht etwas Bestimmteres?“
Heideck mußte verneinen. Und der Maharadjah, der seine üble Laune nicht
verbarg, fing an, in einer etwas unvorsichtigen Weise seinem Herzen
Luft zu machen.
„Ich bin ein treuer Freund der Engländer, aber der Druck, den sie auf
uns ausüben, wird täglich schwerer. Wenn England einen Krieg führen
will, weshalb sollen wir unser Blut und unser Geld dafür hergeben?
Wissen wir doch nicht einmal, wie mächtig die Feinde der Engländer
sind. Sie gehören dieser Nation nicht an, wie mir mein Minister
mitteilte. Deshalb könnten Sie mich recht wohl darüber unterrichten.
Ich bin ja selbst in Europa gewesen. Aber man hat mich nicht über
London hinaus gelangen lassen, wohin ich gereist war, um die nunmehr
verstorbene Königin zu ihrem Geburtstage zu beglückwünschen. Ich habe
nichts gesehen als viele Schiffe und eine riesengroße, schmutzige
Stadt. Gibt es nicht in Europa starke und mächtige Staaten, die England
feindlich gesinnt sind?“
Derartige Fragen waren für Heideck unbequem. Er zog deshalb vor, einer
bestimmten Antwort auszuweichen.
„Ich bin seit fast einem Jahre in Indien, erwiderte er, und ich
weiß von den politischen Ereignissen nur, was die ‚India Times‘ und
andere englische Zeitungen darüber berichten. Eine gewisse Rivalität
besteht zwischen den europäischen Großmächten selbstverständlich
immer. Und England ist in den letzten Jahrzehnten so groß geworden,
daß es naturgemäß viele Feinde haben muß. Darüber aber, wie sich die
politischen Verhältnisse in diesem Augenblick gestaltet haben mögen,
wage ich nicht ein Urteil zu äußern.“
Unmutig schüttelte der Maharadjah den Kopf.
„Machen Sie die Geschäfte mit dem Manne nach Ihrem Ermessen ab,“ wandte
er sich kurz an den Minister, während zugleich eine verabschiedende
Handbewegung dem jungen Deutschen kund gab, daß er entlassen sei.
Als Heideck wieder in die Loggia hinaustrat, sah er den Kapitän
Irwin in Begleitung eines Hofbeamten am Eingange derselben
erscheinen. Der britische Offizier stutzte, als er des vermeintlichen
Geschäftsreisenden ansichtig wurde. Er streifte ihn mit einem
lauernden Blick, und eine fast feindselige Zurückhaltung lag in der
Art, wie er den Gruß Heidecks erwiderte. Dieser kümmerte sich wenig
darum, langsam schlenderte er durch den weitläufigen Park, auf dessen
prachtvollen alten Bäumen viele Affen ihr munteres Wesen trieben. Die
Mitteilung des Maharadjah von dem an ihn ergangenen englischen Befehl
in Verbindung mit der Nachricht vom Vormarsch des Generals Iwanow
gab ihm viel zu denken. Es konnte danach nicht zweifelhaft sein, daß
sich in Afghanistan ernste kriegerische Ereignisse vorbereiteten oder
vielleicht schon im vollen Gange waren. Quetta in Beludschistan,
unmittelbar an der afghanischen Grenze gelegen, war das Ausfallstor
gegen Kandahar. Und wenn England die Hilfe indischer Fürsten in
Anspruch nahm, mußte es die Situation als kritisch erkannt haben. Noch
war ja der Krieg nicht erklärt, aber Heidecks Mission konnte unter
diesen Umständen plötzlich eine ganz besondere Bedeutung gewinnen,
und es war jedenfalls unmöglich, in diesem Augenblick bestimmte
Entschlüsse für die nächste Zukunft zu fassen.
Der Spaziergang nach seinem in unmittelbarer Nähe des englischen Camp
gelegenen Bungalo mochte etwa eine Stunde in Anspruch genommen haben,
Zeit genug, einen gesunden Appetit wach zu rufen. Es war ihm deshalb
durchaus nicht unangenehm, daß er seinen russischen Kameraden an einem
schattigen Platze vor der Tür des Gasthauses beim Frühstück sitzen sah,
und mit einem herzlich erwiderten Gruß nahm er ohne viel Umstände an
dem Tische Platz. Fürst Tschadschawadse sah recht blaß aus und hielt
sich lediglich an Sodawasser, das er gegen allen Landesbrauch sogar
ohne jede Beimischung von Whisky trank. Die appetitlich duftenden
gebackenen Eier mit Schinken standen unberührt vor ihm, und er lächelte
etwas wehmütig, als er sah, wie gut der andere sie sich auf seine
Einladung munden ließ.
Sie hatten erst ein paar gleichgiltige Worte gewechselt, als zwei
indische Mädchen auftauchten, die ihnen allerlei Tand zum Kauf anboten.
Die jüngere, deren nackter Oberkörper wie Bronze glänzte, war von
großer Schönheit. Selbst die Bemalung ihres Gesichts vermochte die
natürliche Anmut der feinen Züge nicht zu zerstören. Aber so hübsch sie
war, so kokett war sie auch. Und sie hatte es offenbar auf den Russen
abgesehen. Hinter seinen Stuhl tretend, hielt sie ihm ihre glitzernden
Nichtigkeiten vor das Gesicht. Und ihr Benehmen wurde dabei immer
vertraulicher. Zuletzt streifte sie ein goldglänzendes Armband über
das zierliche, braune Handgelenk und neigte sich, damit er es besser
betrachten könne, so weit über seine Schulter, daß ihre lebenswarme,
junge Brust seine Wange streifte.
Fürst Tschadschawadse war von zu heißblütigem Temperament, um solcher
Versuchung lange zu widerstehen. In seinen Augen leuchtete es auf, und
mit einer raschen Bewegung drehte er sich nach dem Mädchen um, ihren
biegsamen Leib mit seinem Arme umschlingend.
Zu weiteren Zärtlichkeiten aber kam es nicht, denn das kleine
Abenteuer, das Heideck unangenehm berührte, erfuhr eine jähe
Unterbrechung.
Ohne von den am Tische Sitzenden bemerkt zu werden, war der schöne,
blonde Page des Fürsten aus der Tür des Bungalo getreten, einen Teller
mit Bananen und Mangos in der Hand. Ein paar Sekunden lang hatte er mit
funkelnden Augen den Vorgang betrachtet. Dann aber war er mit einigen
lautlosen Schritten herangeglitten und warf nun, ohne ein Wort zu
sprechen, den Teller mit den Früchten so geschickt und kräftig nach der
bronzefarbigen Verführerin, daß das Mädchen mit einem lauten Aufschrei
nach der getroffenen Schulter griff, während das Geschirr zerbrochen am
Boden klirrte.
In der nächsten Minute schon war sie mit ihrer Begleiterin in eiliger
Flucht verschwunden. Das Gesicht des Fürsten aber war rot vor Zorn, und
er griff aufspringend nach der neben ihm liegenden Reitpeitsche.
Schon machte sich Heideck bereit, das verkleidete Mädchen vor einem
ähnlichen Strafgericht zu bewahren, wie sein neuer Freund es gestern
an seinem indischen Boy vollzogen hatte. Aber er sah, daß es seiner
Intervention hier nicht bedurfte.
Hochaufgerichtet und mit einem beinahe verächtlichen Zucken der schönen
Lippen war der junge Page dicht vor den Fürsten hingetreten. Ein
halblautes, zischendes Wort, dessen Sinn Heideck nicht verstand, mußte
den Zorn des Russen plötzlich beschwichtigt haben. Denn er ließ den
schon zum Schlage erhobenen Arm sinken und warf die Peitsche auf den
Tisch.
„Geh und hole uns einen anderen Nachtisch, Georgij!“ sagte er so
gleichmütig, als wäre gar nichts geschehen. „Es ist eine wahre Plage,
daß man vor diesem indischen Gesindel nicht eine Stunde lang Ruhe hat.“
Ueber das Gesicht der Cirkassierin huschte es wie ein triumphierendes
Lächeln. Sie warf einen freundlichen Blick auf Heideck und wandte
sich schweigend dem Bungalo zu. Voll Bewunderung und nicht ohne eine
leise Regung des Neides gegen den glücklichen Besitzer von soviel
berückender weiblicher Schönheit sah ihr Heideck nach, wie sie anmutig,
sich leicht in den Hüften wiegend, dahin ging. Er hatte schon eine
Bemerkung auf den Lippen, die dem Fürsten verraten sollte, daß er
hinter das allerdings sehr durchsichtige Geheimnis seiner maskierten
Reisebegleiterin gekommen sei. Aber er wurde durch einen neuen
Zwischenfall daran gehindert.
Ein englischer Soldat im Ordonnanzanzuge trat an den Tisch und
überreichte Heideck, der ihm dem Ansehen nach bekannt sein mußte, mit
militärischem Gruße ein Billet.
„Von dem Herrn Obersten,“ sagte er. „Und ich soll melden, daß es sehr
dringlich sei.“
Mit Verwunderung griff Heideck nach dem Brief. Er enthielt in zwar
höflicher, doch immerhin ziemlich bestimmter Form die Bitte um einen
möglichst baldigen Besuch des Herrn Hermann Heideck. Das bedeutete bei
der Machtstellung, die Oberst Baird hier in Chanidigot inne hatte,
einen Befehl, dem er ohne Zögern und Widerspruch gehorchen mußte.
Baird war der Höchstkommandierende des hier stationierten Detachements,
das aus einem Infanterieregiment von etwa sechshundert Mann, einem
zweihundertvierzig Pferde starken Ulanenregiment und einer Feldbatterie
bestand. Wie in allen anderen Residenzen der großen indischen Fürsten,
hatte die britische Regierung auch in Chanidigot eine Streitmacht
stationiert, die stark genug war, um den Maharadjah in Respekt zu
halten und alle Rebellionsgelüste im Keime zu ersticken. Da Oberst
Baird zugleich den Posten eines Residenten am Hofe des Fürsten
bekleidete und somit alle diplomatische und militärische Gewalt in
seiner Hand vereinigte, war er als der eigentliche Herr und Gebieter in
Chanidigot anzusehen.
Sein Bungalo lag inmitten des auf einer weiten, grünen Ebene
aufgeschlagenen Lagers. Es war eine Gruppe von Gebäuden, die einen mit
Pflanzen und einem plätschernden Brunnen geschmückten viereckigen Hof
umschlossen.
Wie es schien, hatte er Befehl gegeben, Heideck sofort vorzulassen.
Denn der Adjutant, bei dem sich Heideck gemeldet hatte, führte ihn ohne
weiteres in das Arbeitszimmer seines Vorgesetzten.
Höflich, doch mit einer Gemessenheit, die sich merklich von seinem
bisherigen Benehmen gegen den beliebten Gast des Offizierkorps
unterschied, dankte ihm der stattliche, martialisch aussehende Mann für
sein rasches Erscheinen.
„Bitte nehmen Sie Platz, Mr. Heideck,“ fügte er hinzu, „ich habe mich
ungern entschlossen, Sie zu bemühen, aber ich konnte es Ihnen nicht
ersparen. Es ist mir gemeldet worden, daß Sie heute Morgen bei dem
Maharadjah waren.“
„Allerdings. Ich hatte in Geschäften mit ihm zu reden. Denn ich stehe
im Begriff, für mein Hamburger Haus einen großen Posten Indigo von ihm
zu kaufen.“
„In Ihre Geschäfte habe ich mich selbstverständlich nicht einzumischen.
Aber ich muß Ihnen sagen, daß wir einen direkten Verkehr von Europäern
mit den eingeborenen Fürsten nicht gern sehen. Sie werden deshalb gut
tun, mir in künftigen Fällen vorher Mitteilung davon zu machen, wenn
Sie zu dem Maharadjah berufen werden, damit wir uns über das, was Sie
ihm sagen oder nicht sagen dürfen, verständigen können. Wir dürfen
leider nicht allen indischen Fürsten trauen, und dieser hier ist
vielleicht einer der unzuverlässigsten unter ihnen. Sie dürfen das, was
ich Ihnen da sage, nicht als einen Ausdruck des Mißtrauens gegen Sie
ansehen. Die Verantwortlichkeit meiner Stellung aber gebietet mir die
allergrößte Vorsicht.“
„Ich begreife das vollkommen, Herr Oberst!“
„Gerade in diesem Augenblick scheint sich die Lage besonders schwierig
zu gestalten. Ich müßte mich sehr täuschen, wenn wir nicht recht
unruhigen Zeiten entgegen gingen. Der Generalgouverneur von Turkestan
ist auf dem Marsche, und seine Avantgarde ist bereits über die Grenze
von Afghanistan vorgedrungen.“
Heideck hatte Mühe, die Erregung zu verbergen, in welche diese
Bestätigung der Mitteilung Tschadschawadses ihn versetzte.
„Ist das gewiß, Herr Oberst? Was wollen die Russen in Afghanistan?“
„Was sie da wollen? Nun, mein lieber Mr. Heideck, ich denke, das ist
ziemlich klar. Ihr Vorgehen bedeutet den Krieg gegen uns. Rußland will
das natürlich vorläufig noch nicht offen zugeben. Man behandelt den
Vormarsch als eine Angelegenheit, die nur den Emir anginge und um die
wir uns nicht zu kümmern hätten. Aber man müßte sehr befangen sein, um
die wahre Absicht nicht zu durchschauen.“
„Und darf ich fragen, was der Herr Oberst zu tun gedenkt?“
Oberst Baird mußte den jungen Deutschen in der Tat für eine sehr
vertrauenswürdige oder für eine sehr ungefährliche Persönlichkeit
halten, da er ihm bereitwillig Antwort gab.
„Die russische Avantgarde hat den Amu darja überschritten und zieht
das Murgabtal herauf nach Herat. Danach werden wir unsere Maßregeln
treffen. Die Moskowiter sollen sich in uns getäuscht haben. So geduldig
und langmütig sind wir doch nicht, daß wir unsere lieben Nachbarn
einfach in offene Tore einziehen lassen. Ich denke, es wird bei den
russischen Generalen einige lange Gesichter geben, wenn sie sich in
Afghanistan plötzlich unseren Bataillonen, unseren Sikhs und Gurkhas,
gegenüber sehen.“
Der Adjutant erschien mit einer offenbar sehr wichtigen Meldung, und
da Heideck wahrnahm, daß der Oberst mit seinem Ordonnanzoffizier
unter vier Augen zu sprechen wünsche, hielt er es für ein Gebot der
Höflichkeit, sich zu empfehlen.
Die Worte des Obersten: ‚Das Vorgehen der Russen in Afghanistan
bedeutet den Krieg‘, klangen ihm unablässig in den Ohren wieder. Er
pries in seinem Herzen den glücklichen Zufall, der ihn zur rechten
Zeit auf den Schauplatz großer weltgeschichtlicher Ereignisse geführt
hatte. Und alle seine Gedanken waren einzig darauf gerichtet, wie er es
anfangen könne, beim Ausbruch der Feindseligkeiten als Zuschauer und
Beobachter zugegen zu sein.
Daß sein russischer Freund von demselben Wunsche erfüllt sein würde,
durfte er um so eher voraussetzen, als Fürst Tschadschawadse ja einer
der beiden unmittelbar beteiligten Nationen angehörte. Er beeilte sich
deshalb, ihn von dem Inhalt seiner Unterredung mit dem Obersten Baird
in Kenntnis zu setzen. Und die Wirkung seiner Mitteilungen auf den
Fürsten war ganz so, wie er es erwartet hatte.
„Also wirklich! Die Avantgarde ist schon über den Amu darja! Und es
wird also an der rechten Stelle der Krieg ausbrechen!“ rief der Russe
in hellem Jubel aus. „In unserer Armee herrschte die Befürchtung,
daß der Zar sich vielleicht niemals zu dem Entschlusse aufraffen
würde, einen Krieg zu führen. Es müssen mächtige und unwiderstehliche
Einflüsse gewesen sein, die zuletzt doch über seine Friedensliebe
gesiegt haben.“
„Sie wollen natürlich so schnell als möglich zur Armee?“ fragte
Heideck. Und da der Fürst bejahte, fügte er hinzu:
„Ich würde Ihnen dankbar sein, wenn Sie mir erlauben wollten, mich
Ihnen anzuschließen. Wie aber kommen wir über die Grenze? Hoffentlich
läßt man uns als unverdächtige Kaufleute unbehelligt passieren.“
„Das ist nicht so ganz sicher. Wahrscheinlich werden wir nicht so
leicht aus Indien hinauskommen, wie wir hereingekommen sind. Immerhin
aber müssen wir's versuchen. Wir können mit der Bahn in zwölf Stunden
in Peschawar und in fünfzehn in Quetta sein. Beide Bahnlinien dürften
augenblicklich noch nicht durch Truppensendungen beansprucht sein.
Aber wir werden gut tun, unsern Aufbruch zu beschleunigen. Vermutlich
würden wir sowohl von Peschawar wie von Quetta aus bald auf russische
Truppen stoßen. Denn ich zweifle nicht, daß auch gegen Kabul hin ein
russisches Korps im Vormarsch ist, obwohl der Oberst, wie Sie sagen,
nur von einer Avantgarde sprach, die auf Herat marschiere.“
„Ich würde vorschlagen, über Peschawar und durch den Kaiberpaß zu
gehen, weil wir so am schnellsten und sichersten nach Kabul gelangen.“
„Wir werden das nachher noch des näheren besprechen, Herr Kamerad!
Jedenfalls ist es ausgemacht, daß wir zusammen bleiben. Hoffe ich doch,
daß auch auf der großen Weltbühne in diesem Augenblick Ihre Nation
Schulter an Schulter mit der meinigen gegen England steht.“
[Illustration]