Hermann Heideck wohnte in einem Dak Bungalo, einem jener von der
Regierung unterhaltenen Gasthäuser, die dem Reisenden zwar Unterkunft
aber weder Betten noch Verpflegung bieten. Als er aus dem Camp dahin
zurückkehrte, stand sein indischer Diener Morar Gopal in der Tür, um
den Herrn zu empfangen und teilte ihm mit, daß ein neuer Gast mit
zwei Dienern angekommen wäre. Da dieses Dak Bungalo geräumiger war
als die meisten anderen, so hatten die Neuangekommenen Platz, und
Heideck brauchte nicht, wie sonst üblich, als älterer Gast dem später
eingetroffenen zu weichen.
„Was für ein Landsmann ist der Herr?“ fragte er.
„Ein Engländer, Sahib!“
Heideck trat in sein Zimmer und ließ sich am Tische nieder, auf
dem neben den beiden mattleuchtenden Kerzen eine Whiskyflasche,
einige Flaschen Sodawasser und das Zigarettenkistchen standen. Er
war nachdenklich und übel gelaunt. Die aufregende Szene in der
Offiziersmesse war ihm persönlich nahe gegangen. Nicht um des Kapitän
Irwin willen, der ihm seit dem ersten Augenblick ihrer Bekanntschaft
in hohem Maße unsympathisch gewesen war, sondern einzig wegen der
schönen jungen Frau des leichtsinnigen Offiziers, an die er sich
von ihren wiederholten gesellschaftlichen Begegnungen her gut genug
erinnerte. Keine der anderen Offiziersdamen -- und es waren sehr
hübsche und liebenswürdige unter ihnen -- hatte einen so tiefen und
nachhaltigen Eindruck auf ihn gemacht, wie Mrs. Edith Irwin, deren
persönlicher Liebreiz ihn in ebenso hohem Maße gefesselt hatte, wie
ihre ungewöhnliche Klugheit ihn in Erstaunen setzte. Die Vorstellung,
daß dieses anmutige Wesen mit unzerreißbaren Ketten an einen brutalen
und ausschweifenden Menschen vom Schlage Irwins gefesselt war, und
daß ihr Mann sie vielleicht eines Tages mit sich hinabriß in sein
unausbleibliches Verderben, bereitete ihm eine schmerzhafte Empfindung.
Er hätte so gern irgend etwas für die unglückliche junge Frau getan.
Aber er mußte sich sagen, daß es dazu für ihn, den Fremden, der ihr
nichts als eine oberflächliche Bekanntschaft war, keine Möglichkeit
gab. Der Kapitän wäre vollkommen berechtigt gewesen, jede unberufene
Einmischung als eine unerhörte Dreistigkeit zurückzuweisen. Und auf
welche Art hätte er hier helfend eingreifen können?
Ein Lärm, der sich plötzlich im Nebenzimmer erhob, riß Heideck aus
seinen unerfreulichen Grübeleien. Er hörte lautes Schelten und ein
klatschendes Geräusch, wie wenn Peitschenhiebe auf einen nackten
menschlichen Körper fallen. Eine Minute später wurde die Verbindungstür
aufgerissen und ein nur mit Hüftschurz und Turban bekleideter Inder
stürzte in das Zimmer, als ob er hier Schutz vor seinem Peiniger suchen
wollte. Ein lang gewachsener, ganz in weißen Flanell gekleideter
Europäer war ihm auf den Fersen und ließ unbarmherzig seine Reitgerte
auf den bloßen Rücken des wehklagenden Mannes niedersausen. Die
Anwesenheit Heidecks genierte ihn dabei offenbar nicht im mindesten.
Auf den ersten Blick hatte der junge Deutsche erkannt, daß sein Nachbar
nicht, wie der Diener ihm gesagt hatte, ein Engländer sein konnte. Sein
auffallend schmales, fein geschnittenes Gesicht, seine eigentümlich
geschlitzten schwarzen Augen und sein weicher dunkler Bart hatten viel
mehr von dem sarmatischen als von dem charakteristisch angelsächsischen
Typus.
Der Mann gefiel ihm seinem Aeußeren nach nicht übel, sein Betragen
aber konnte er unmöglich ruhig hinnehmen. Indem er zwischen ihn und
den Mißhandelten trat, fragte er sehr energisch, was dieser Auftritt
bedeuten solle.
Lachend ließ der andere den eben wieder zum Schlage erhobenen Arm
sinken.
„Ich bitte um Entschuldigung, mein Herr,“ sagte er in fremdartig
klingendem Englisch, „ein sehr guter Boy, aber er stiehlt wie ein Rabe
und muß von Zeit zu Zeit seine Prügel haben. Ich weiß, daß er irgendwo
an seinem Leibe die fünf Rupien versteckt haben muß, die mir heute
wieder fehlen.“
Damit packte er, als hielte er die gegebene Auskunft für vollkommen
ausreichend, seine Handlungsweise zu erklären, den braunen Burschen
von neuem und riß ihm mit raschem Griffe den Turban vom Kopfe. Aus dem
weißen, rotgesäumten Tuche rollten klirrend ein paar Silberstücke über
die Steinplatten hin. Zugleich aber war auch ein größerer Gegenstand
vor Heidecks Füße niedergefallen. Er hob ihn auf und hielt ein goldenes
Zigarettenetui in der Hand, auf dessen Deckel ein Wappen mit einer
Fürstenkrone eingraviert war. Als er es dem Fremden überreichte,
verbeugte sich dieser dankend und entschuldigte sich wie ein Mann von
der besten Gesellschaft. Der Inder aber nahm die Gelegenheit wahr, sich
mit einigen affenartigen Sprüngen aus dem Staube zu machen.
Der Anblick des Wappens auf dem Zigarettenetui hatte in Heideck das
Verlangen geweckt, diesen gewalttätigen Nachbar näher kennen zu lernen.
Als hätte er die sonderbare Art seines Eintritts ganz vergessen, fragte
er artig, ob er den ihm vom Zufall bescherten Hausgenossen zu einer
Zigarre und einem Abendtrunk einladen dürfe.
Mit liebenswürdigster Bereitwilligkeit nahm der andere die Aufforderung
an.
„Sie reisen auch in Geschäften, mein Herr?“ fragte Heideck. Und da er
eine bejahende Antwort erhielt, fügte er hinzu:
„Wir wären also Kollegen. Sind Sie mit Ihren hiesigen Erfolgen
zufrieden?“
„O, es könnte besser gehen. Man hat zuviel Konkurrenz!“
„Baumwolle?“
„Nein. Bronzewaren und Seide. Habe von Delhi auch wunderbare Goldarbeit
mitgebracht.“
„Dann stammt Ihr Zigarettenetui vermutlich auch aus Delhi?“
Die geschlitzten Augen des anderen streiften ihn mit einem forschenden
Blick.
„Mein Zigarettenetui? Nein! -- Arbeiten Sie vielleicht in Fellen, Herr
Kollege? Haben Sie Kaschmirziegen?“
„Ich habe alles. Mein Haus arbeitet in allem.“
„Sie kommen nicht von Kalkutta?“
„Nein, nicht von Kalkutta.“
„Schlechtes Wetter da. All mein Leder ist verdorben.“
„Ist es so feucht dort?“
„Dampfbad, sage ich Ihnen, veritables Dampfbad.“
Heideck war längst überzeugt, einen Russen vor sich zu haben. Aber um
seiner Sache ganz sicher zu sein, machte er eine scherzhafte Bemerkung
in russischer Sprache. Verwundert blickte sein neuer Bekannter auf.
„Sie sprechen russisch, mein Herr?“
„Ein wenig.“
„Sie sind aber kein Russe?“
„Nein, ich bin ein Deutscher, der sich während eines vorübergehenden
Aufenthaltes in Rußland einige Sprachkenntnisse angeeignet hat. Wir
Kaufleute kommen ja weit herum.“
Der Herr, der seiner Angabe nach in Seide und Bronzewaren reiste, war
sichtlich erfreut, hier, wo er es gewiß am wenigsten erwartet hatte,
die anheimelnden Laute seiner Muttersprache zu vernehmen. Und Heideck
bemühte sich mit einem fast befremdlichen Eifer, ihn bei guter Laune
zu erhalten. Er rief seinen Diener und befahl ihm, heißes Wasser zu
bereiten.
„Es ist sehr kühl diese Nacht,“ wandte er sich an seinen Gast. „Ein
Brandy mit heißem Wasser ist da nicht zu verachten.“
„Ah,“ sagte der Russe, „warten Sie einen Augenblick. Es ist besser, das
Wasser wegzulassen und es durch etwas Schmackhafteres zu ersetzen.“
Er ging in sein Zimmer und kehrte alsbald mit einer Flasche Sherry und
zwei Flaschen Champagner zurück.
„Ich werde mit Ihrer Erlaubnis hier in diesem Kessel einmal eine Bowle
nach russischem Geschmack mischen. Zucker muß auch hinein. Dieser für
englische Zungen berechnete Champagner ist so trocken, daß er gesüßt
werden muß, um für unsereinen genießbar zu werden.“
Er goß die Flasche Kognak, die der Diener gebracht hatte, ebenso wie
den Sherry zu dem Champagner und füllte die Gläser.
Nach deutscher Sitte stießen die beiden Herren mit einander an. Noch
einmal betrachtete Heideck dabei aufmerksam seinen neuen Bekannten. Der
lauernde Ausdruck, mit dem er die Augen des anderen auf sich gerichtet
fühlte, machte ihn einen Moment stutzig. Sollte der Russe etwa die
gleiche Absicht haben, wie er selbst, und ihm mit dem Sekt nur die
Zunge lösen wollen? Jedenfalls war er jetzt auf seiner Hut.
„Darf ich Sie bitten, eine meiner Havannazigarren zu versuchen?“ fragte
der Russe, indem er ihm sein Etui darreichte. „Die indischen Zigarren
sind nicht schlecht und sehr billig. Die Beaconsfield ist meine
Lieblingssorte. Hier und da muß man aber zur Abwechslung doch etwas
anderes rauchen.“
Heideck nahm dankend an und es begann jetzt ein ziemlich scharfes
Zechen, zu welchem der Russe das Tempo angab. Aber er war der Wirkung
des ebenso wohlschmeckenden wie starken Getränkes offenbar viel weniger
gewachsen, als der Deutsche. Von Minute zu Minute gesprächiger werdend,
fing er bald an, seinen neuen Freund Brüderchen zu nennen und allerlei
mehr oder weniger verfängliche Geschichten zu erzählen. Auch auf seine
heimischen Familienverhältnisse kam er, durch einige geschickte Fragen
Heidecks veranlaßt, zu sprechen. Er lachte über eine alte Tante, die
ihr Haar mit Rosen zu schmücken pflege, um kahle Stellen zu verdecken,
und fügte hinzu, daß diese Tante wegen ihrer unvergleichlichen
Klatschgeschichten am Zarenhofe ganz besonders beliebt sei. Daß solche
Familienbeziehungen bei einem Geschäftsreisenden etwas verwunderlich
wären, kam ihm augenscheinlich nicht in den Sinn.
Im Verlauf der Unterhaltung erwähnte er auch, daß er vor nicht langer
Zeit in China gewesen wäre.
„Wir sind zu langsam, Brüderchen, viel zu langsam,“ versicherte er,
„mit fünfzigtausend Mann konnten wir uns alles nehmen, was wir haben
wollten, und die Japaner hätten wir unsererseits schon längst angreifen
sollen.“
„Sagen Sie doch,“ fragte Heideck anscheinend gleichgiltig, „wie stark
ist denn eigentlich die Armee des General-Gouvernements Turkestan?“
Der Russe blickte auf, aber es geschah nicht, weil er sich auf die
verlangte Antwort besann. Denn nachdem er langsam ein Glas Sodawasser
ausgetrunken hatte, sagte er:
„Wenn du gut leben willst, Brüderchen, mußt du in die Mandschurei
gehen. Lachse, sage ich dir -- ah! Und kosten beinahe nichts. -- Und
hübsche Mädchen in Menge! Pelze aber kannst du kaufen -- so gut wie
umsonst. Was in Petersburg zehntausend Rubel kostet, hast du in China,
da oben im Norden, für hundert.“
„Da haben Sie wohl schöne Pelze mitgebracht?“
„Pelze in Indien? Da würden sie im Handumdrehen von den Ameisen
aufgefressen werden. Für meinen Gebrauch allerdings habe ich einen
mitgebracht, der in Petersburg unter Brüdern fünftausend Rubel wert
sein würde. Werde ihn später im Gebirge gut genug brauchen können. Er
riecht eine Werst weit, so gut habe ich ihn eingepfeffert!“
Wieder gab es eine kleine Pause. Dann, indem er sein Gegenüber scharf
ansah, sagte Heideck plötzlich:
„Sie sind Offizier!“
Ganz fassungslos starrte ihm der Russe ins Gesicht.
„Offenheit gegen Offenheit!“ erwiderte er nach längerem Besinnen. „Auch
Sie sind Soldat, mein Herr?“
„Einem Kameraden brauche ich es nicht zu verschweigen. Hermann Heideck,
Hauptmann vom preußischen Generalstabe.“
Der Russe erhob sich und machte eine sehr korrekte Verbeugung.
„Fürst Fedor Andrejewitsch Tschadschawadse, Hauptmann im Garderegiment
Preobraschensky.“
Dann klangen aufs neue die Gläser zusammen.
„Auf gute Kameradschaft!“ hieß es hüben und drüben.
„Kamerad, ich will Ihnen etwas verraten,“ sagte der Russe. „General
Iwanow ist im Anmarsch gegen die indische Grenze. Der Zar beschäftigt
sich nicht mehr mit Theosophie, er will England den Krieg erklären.“
Heideck hätte gern noch mehr erfahren, doch der Fürst hatte der
berauschenden Mischung wohl schon über seine Kräfte zugesprochen.
Er fing an, leichtfertige französische Chansons zu singen, um dann
plötzlich auf schwermütige russische Volkslieder überzugehen. An ein
halbwegs vernünftiges Gespräch war in seiner gegenwärtigen Verfassung
nicht mehr zu denken.
Heideck befand sich bereits in einiger Verlegenheit, was er mit seinem
bezechten Gaste anfangen solle. Da wurde ihm eine neue Ueberraschung zu
Teil. Die Tür zum Nebenzimmer öffnete sich und ein schöner, schlanker
Bursche von höchstens achtzehn Jahren erschien auf der Schwelle.
Er war in eine Art phantastischer Pagentracht gekleidet, die in einem
anderen Lande als dem farbenreichen, malerischen Indien wie eine
Maskerade gewirkt haben würde. Der blaue, goldgestickte Kittel war mit
einer rotseidenen Schärpe umgürtet und die weiten roten Beinkleider
verschwanden an den Knieen in hohen, glänzenden Lackstiefeln, deren
elegante Form die auffallende Kleinheit der schmalen Füße erkennen
ließ. Ueppiges, goldschimmerndes Blondhaar fiel wellig fast bis auf
die Schultern des knabenhaften Jünglings herab. Das schöne, längliche
Gesicht war von rosigstem Incarnat. Aus den großen, blauen Augen aber
blitzte die Energie eines starken Temperaments.
Sowie er des Eintretenden ansichtig geworden war, hatte der Fürst
aufgehört zu singen.
„Ah, Georgij --“ stammelte er.
Ohne ein Wort zu sprechen, war der Page auf ihn zugetreten und
hatte den plötzlich ganz Willenlosen vom Stuhle emporgezogen. Fürst
Tschadschawadse schlang den Arm um seine Schultern und ließ sich
hinausführen, ohne seinem deutschen Kameraden eine ‚Gute Nacht‘ zu
wünschen.
Heideck zweifelte nicht einen Augenblick daran, daß dieser schlanke
Page ein verkleidetes Mädchen wäre. Der schöne Wuchs und der seltsame
Ausdruck ungebändigter Naturkraft in den wunderbar regelmäßigen Zügen
waren unverkennbar Eigentümlichkeiten des cirkassischen Typus. Dieser
angebliche Georgij war sicherlich eine Tochter der kaukasischen
Berge, das Kind eines Bauern oder vielleicht eines Räubers, wie auch
Tschadschawadse seinem Namen nach einem jener alten kaukasischen
Fürstengeschlechter angehörte, die einst als echte Raubritter in dem
von Rußland so schwer und so langsam unterworfenen Gebirgslande gehaust
hatten.
[Illustration]