II.

Es war zu Chanidigot im britischen Ostindien. -- Der blendenden

Helligkeit des heißen Tages war unvermittelt, fast ohne

Dämmerungsübergang, die abendliche Dunkelheit gefolgt und mit ihr eine

erquickende Kühle, die alles Lebendige aufatmen ließ.

In dem weiten Camp, das dem englischen Lancerregiment als Lagerplatz

diente, war es mit dem Sinken der Sonne lebendig geworden. Die

Soldaten, frei von der Last des Dienstes, vergnügten sich je nach

Laune und Temperament mit Spiel, Gesang und fröhlichem Zechen. Auch

in dem großen Zelt, das als Offiziersmesse benutzt wurde, ging es

lebhaft her. Das gemeinsame Mahl war vorüber, und ein Teil der Herren

hatte sich nach täglicher Gewohnheit zum Kartenspiel niedergesetzt.

Aber die Unterhaltung war hier weniger harmlos als draußen bei den

gemeinen Soldaten. Denn man begnügte sich nicht mit einem unschuldigen

Whist, sondern spielte bei ziemlich hohen Einsätzen das in Amerika und

teilweise auch in England beliebte Poker, bei dem lediglich der Zufall

und eine gewisse schauspielerische Geschicklichkeit der Teilnehmer

den Ausschlag gibt. Zumeist allerdings waren es die jüngeren Herren,

die diesen abendlichen Nervenkitzel in dem eintönigen Lagerleben als

unentbehrlich betrachteten. Die älteren saßen mit ihren kurzen Pfeifen

und ihrem Whisky und Sodawasser plaudernd an den abseits stehenden

Tischen. Auch ein Herr in bürgerlicher Kleidung war unter ihnen. Die

zuvorkommende Höflichkeit, mit der man ihn behandelte, ließ vermuten,

daß er nicht dem Offizierkorps des Regiments angehörte, sondern nur

dessen Gast war. Der Klang seines Namens -- man redete ihn mit Mr.

Heideck an -- würde seine deutsche Abstammung verraten haben, auch wenn

sie sich nicht schon in seiner äußeren Erscheinung kundgegeben hätte.

Er war von nur mittelgroßer Gestalt, aber von athletischem Körperbau.

Seine straffe, soldatische Haltung und die elastische Leichtigkeit

seiner Bewegungen waren unzweideutige Kennzeichen einer vortrefflichen

Gesundheit und einer nicht geringen körperlichen Kraft. Für den

Engländer aber kann der Fremde kaum eine bessere Empfehlung mitbringen

als diese. Und vielleicht war es vor allem seine imponierende

Erscheinung gewesen, die im Verein mit seinem liebenswürdigen, durchaus

gentlemanmäßigen Auftreten diesem blondbärtigen jungen Deutschen mit

dem scharf geschnittenen, energischen Gesicht und den treuherzig

blickenden, blauen Augen so schnell Zutritt in die sonst sehr

exklusiven Offizierskreise verschafft hatte.

Seinem Stande nach mochte er ja nach der Auffassung einiger dieser

Herren nicht gerade in ihre Gesellschaft gehören. Denn man wußte, daß

er zu geschäftlichen Zwecken für ein großes Hamburger Handelshaus

reiste. Sein Oheim, der Chef dieses Hauses, befaßte sich mit dem Import

von Indigo. Und da der Maharadjah von Chanidigot sehr ausgedehnte

Indigo-Plantagen besaß, hielt die geschäftliche Verhandlung mit dem

Fürsten den jungen Heideck nun schon seit vierzehn Tagen hier fest.

Es war ihm gelungen, während dieser Zeit die lebhaften Sympathien

namentlich der älteren britischen Offiziere zu gewinnen. In den

indischen Garnisonen ist jeder Europäer willkommen, man zog Heideck

auch zu denjenigen geselligen Veranstaltungen hinzu, an denen die Damen

des Regiments teilnahmen.

Die Einladung zum Spiel hatte er indessen jedesmal mit höflicher

Bestimmtheit abgelehnt, und auch heute machte er dabei nur den

unbeteiligten, wenig interessierten Zuschauer.

Jetzt öffnete sich die Tür des Zeltes, und sporenklirrend, in sehr

selbstbewußter, fast hochmütiger Haltung trat ein hochgewachsener,

aber auffallend hagerer Offizier in den Kreis der Kameraden. Er war im

Dienstanzuge und sprach zu einem der Herren, der ihn als Kapitän Irwin

begrüßt hatte, davon, daß er einen zur Inspizierung eines Außenpostens

unternommenen anstrengenden Ritt hinter sich habe. Von einer der

aufwartenden Ordonnanzen ließ er sich einen erfrischenden Trunk, das

beliebte Gemisch aus Whisky und Sodawasser, bringen. Dann näherte er

sich dem Tische der Spieler.

„Ist hier noch Raum für einen kleinen Kerl?“ fragte er. Und

bereitwillig machte man ihm Platz.

Eine Weile ging es bei der Pokerpartie in der bisherigen ruhigen

Weise fort. Plötzlich aber mußte etwas Außergewöhnliches eingetreten

sein. Denn man sah, daß die Herren bis auf Kapitän Irwin und einen

der Mitspieler ihre Karten niederlegten, und man hörte die unangenehm

scharfklingende Stimme Irwins.

„Sie sind ein alter Fuchs, Kapitän Mc. Gregor! Aber ich kenne

Ihre Tricks und falle nicht mehr darauf hinein. Noch einmal also:

sechshundert Rupien!“

Wer die Gesetze des Poker kennt, weiß, daß es bei diesem Spiel, worin

gewissen Kartenkombinationen der Gewinn zufällt, nicht für unehrenhaft,

sondern im Gegenteil für eine besondere Feinheit gilt, die Mitspieler

durch kleine, komödiantische Kniffe über den Wert der beim Austeilen

erhaltenen Karten zu täuschen. Der Name ‚Bluff‘, den man diesem

Hazardspiel beigelegt hat, verrät ja schon, daß jeder nach Kräften

versuchen muß, seinen Gegner zu verblüffen.

Dem Kameraden Mc. Gregor gegenüber aber schien es Irwin diesmal nicht

recht zu gelingen. Denn der Kapitän erwiderte mit großer Ruhe:

„Sechshundertfünfzig. Aber ich rate Ihnen, Irwin, sie nicht zu halten.“

„Siebenhundert.“

„Siebenhundertfünfzig!“

„Tausend!“ rief Irwin mit dröhnender Stimme und lehnte sich mit einem

siegesgewissen Lächeln in seinen Stuhl zurück.

„Ueberlegen Sie, was Sie tun,“ sagte Mc. Gregor. „Ich habe Sie gewarnt.“

„Eine bequeme Manier, siebenhundertfünfzig Rupien einzustreichen. Ich

wiederhole: Tausend Rupien.“

„Tausendundfünfzig!“

„Zweitausend!“

Alle im Zelt anwesenden Herren hatten sich erhoben und umstanden die

beiden Spieler, die, ihre Karten verdeckt in der Hand haltend, einander

mit scharfen Blicken betrachteten. Hermann Heideck, der hinter Irwin

getreten war, sah an der Rechten des Kapitäns einen wundervollen

Brillanten funkeln. Aber an dem Tanzen der bunten Strahlen, die von

diesem Stein ausgingen, sah er auch, wie die Finger des Spielers bebten.

Kapitän Mc. Gregor wandte sich an seine Umgebung.

„Ich rufe die Herren zu Zeugen an, daß ich den Kameraden schon bei

sechshundert gewarnt habe.“

„Wozu bedarf es da einer Warnung?“ fiel Irwin fast heftig ein. „Bin ich

denn ein Knabe? Halten Sie die zweitausend, Mc. Gregor, oder halten Sie

sie nicht?“

„Nun denn, da Sie es nicht anders wollen: dreitausend.“

„Fünftausend!“

„Fünftausendfünfhundert.“

„Zehntausend.“

Jetzt legte einer der höheren Offiziere, der Major Robertson, seine

Hand leicht auf die Schulter des tollkühnen Spielers.

„Das ist zuviel, Irwin! Ich mische mich nicht gern in solche Dinge,

und da Sie nicht von meinem Regiment sind, kann ich nicht dienstlich,

sondern nur kameradschaftlich mit Ihnen reden. Aber mir scheint, daß

Sie sich in Verlegenheit befinden würden, wenn Sie verlören.“

Unwillig fuhr der Angeredete auf.

„Was wollen Sie damit sagen, Herr Major? Wenn Ihre Worte einen Zweifel

an meiner Zahlungsfähigkeit ausdrücken sollen, -- --“

„Nun, nun -- ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten. Sie müssen ja

schließlich am besten wissen, was Sie verantworten können.“

Und mit trotziger Miene wiederholte Irwin:

„Zehntausend also! Ich erwarte Ihre Antwort, Mc. Gregor.“

Der Gegner blieb unverändert ruhig.

„Zehntausendfünfhundert.“

„Zwanzigtausend!“

„Sind Sie denn betrunken, Irwin?“ flüsterte von der anderen Seite her

der junge Leutnant Temple dem Kapitän ins Ohr. Der aber streifte ihn

mit einem zornfunkelnden Blick.

„Nicht mehr als Sie. Lassen Sie mich gefälligst in Ruhe!“

„Einundzwanzigtausend,“ klang es gelassen von der gegenüberliegenden

Seite des Tisches.

Eine kurze, erwartungsvolle Pause folgte. Kapitän Irwin kaute nervös an

seinem kleinen, dunklen Schnurrbart. Dann aber reckte er seine hagere

Gestalt und rief:

„Fünfzigtausend.“

Noch einmal glaubte der Major, Halt gebieten zu müssen.

„Ich erhebe Einspruch!“ sagte er. „Es ist bisher Regel bei uns gewesen,

daß der Pool nicht um mehr als tausend Rupien auf einmal erhöht werden

darf. Diese Regel ist längst überschritten.“

Ein häßliches, rauhes Lachen kam von Irwins Lippen.

„Es scheint, daß Sie die Absicht haben, mich zu retten, Herr Major!

Aber ich brauche durchaus keinen Retter. Wenn ich verliere, werde ich

zahlen. Und ich begreife nicht, weshalb sich die Herren in meinem

Interesse die Köpfe zerbrechen.“

Der Major, der einsehen mußte, daß er hier mit allem guten Willen

nichts auszurichten vermochte, zuckte die Achseln. Leutnant Temple

aber vermeinte, einen guten Einfall zu haben. Mit einer anscheinend

unbeabsichtigten, ungestümen Bewegung stieß er gegen den leichten

Feldtisch, daß Aschenbecher, Flaschen, Gläser und Karten zu Boden

fielen. Aber es war nichts damit gewonnen, denn die beiden hielten ihr

Spiel fest in der Hand und ließen sich durch den Zwischenfall nicht

einen Augenblick aus der Fassung bringen.

„Einundfünfzig,“ sagte Mc. Gregor.

„Sechzig.“

„Einundsechzig.“

„Siebzig.“

„Einundsiebzig.“

„Achtzig.“

„Einundachtzig.“

„Ein Lakh!“ schrie Irwin, der jetzt vor Aufregung kreidebleich geworden

war.

„Wirklich?“ fragte Mc. Gregor gleichmütig. „Das ist ein schönes Gebot.

Ein Lakh also -- nach dem heutigen Kurse sechstausendfünfhundert Pfund

Sterling. Sie werden ein reicher Mann sein, Irwin, wenn Sie gewinnen.

Zeigen Sie doch, was Sie in der Hand haben.“

Mit zitternden Fingern, doch mit triumphierender Miene deckte der

Kapitän seine Karten auf.

„~Straight flush!~“ sagte er heiser.

„Ja, das ist ein starkes Spiel,“ erwiderte der andere lächelnd. „Aber

sagen Sie doch, welches ist Ihre höchste Karte?“

„Der König, wie Sie sehen.“

„Schade! Ich habe nämlich auch ~straight flush~. Aber bei mir steht das

Aß an der Spitze.“

Langsam, eine nach der anderen, legte er seine Karten auf den Tisch:

Coeuraß, Coeurkönig, Coeurdame, Coeurbube, Coeurzehn. Wie ein einziger

Ausruf der Verwunderung kam es von den Lippen der Umstehenden. Keiner

hatte je das Zusammentreffen einer so merkwürdigen Kartenkombination

erlebt.

Kapitän Irwin saß für einen Moment regungslos, die flackernden Augen

starr auf die Karten seines Gegners geheftet. Dann plötzlich sprang er

mit einem wilden Lachen auf und verließ mit klirrenden Schritten das

Zelt.

„Dieser Verlust bedeutet für Irwin eine Katastrophe,“ sagte der Major

sehr ernst. „Er ist außer stande, eine solche Summe zu zahlen.“

„Mit Hülfe seiner Frau könnte er es wohl,“ meinte ein anderer, „aber es

würde sie so ziemlich den ganzen Rest ihres Vermögens kosten.“

„Ich nehme die Herren zu Zeugen, daß es nicht meine Schuld ist,“

erklärte Mc. Gregor, der einen gewissen Vorwurf in den Mienen seiner

Umgebung zu lesen glaubte. Man stimmte ihm zu. Aber Leutnant Temple,

der einzige unter allen Anwesenden, den eine gewisse oberflächliche

Freundschaft mit Irwin verband, bemerkte:

„Irgend jemand wird ihm nachgehen müssen, damit er in der ersten

Aufregung nicht eine Torheit begeht.“

Er wandte sich schon zum Gehen, aber ein Zuruf Mc. Gregors hielt ihn

zurück.

„Es würde keinen Zweck haben, Temple, wenn Sie ihm nicht zugleich etwas

Beruhigendes sagen können. Und es gibt meines Erachtens da nur einen

einzigen Ausweg. Man müßte ihm einreden, die Sache hätte nur ein Spaß

sein sollen und die Karten wären vorher geordnet gewesen.“

Der Leutnant kehrte zum Tische zurück.

„Die Erfindung dieses Auskunftsmittels gereicht Ihnen zur Ehre, Herr

Kapitän! Aber ich zweifle, daß jemand von uns den Mut haben würde, ihm

mit solcher Lüge zu kommen.“

Das Schweigen der anderen schien diesen Zweifel zu bestätigen. Da

ertönte die markige Stimme des deutschen Gastes:

„Wollen Sie mich mit dieser Mission betrauen, meine Herren? Ich kenne

den Kapitän Irwin zwar nur flüchtig, und ich hätte keinen Anlaß, mich

in seine Angelegenheiten zu mischen; aber ich höre, daß es das Vermögen

seiner Gattin ist, das hier auf dem Spiel steht. Und da ich Mrs. Irwin

für eine sehr verehrungswürdige Dame halte, würde ich gern das meinige

dazu beitragen, sie vor einem so schweren Verlust zu bewahren.“

Mc. Gregor reichte ihm die Hand.

„Sie würden mich zu Dank verpflichten, Mr. Heideck, wenn es Ihnen

gelänge. Aber ich rate Ihnen, keine Zeit zu verlieren.“

Rasch verließ Heideck das Zelt. Und als er in die köstliche, mondhelle

Nacht hinaustrat, sah er in der Entfernung von zwanzig Schritten

Kapitän Irwin neben seinem Pferde. Der Bursche hielt das Tier am Zügel,

Kapitän Irwin aber machte sich am Sattel zu schaffen. Während Heideck

näher kam, sah er den Soldaten sich entfernen und gewahrte, daß Irwin

einen Revolver in der Hand hielt.

Mit raschem Griff hatte er das Handgelenk des Offiziers erfaßt.

„Einen Augenblick, Kapitän Irwin.“

Dieser schrak zusammen, drehte sich um und blickte wütend auf Heideck.

„Ich bitte um Entschuldigung,“ sagte der Deutsche. „Aber Sie befinden

sich im Irrtum, Herr Kapitän. Das Spiel gilt nicht. Man hat sich einen

Scherz mit Ihnen erlaubt. Die Karten sind vorher arrangiert worden.“

Irwin erwiderte nichts, aber er pfiff nach seinem Burschen und ging,

noch immer ohne mit Heideck zu sprechen, in das Zelt zurück, den

Revolver in der Hand. Heideck folgte ihm.

Beide Herren traten an den Spieltisch, und Irwin wandte sich an Mc.

Gregor. „Also das Spiel ist arrangiert gewesen?“ fragte er.

„Zur Lehre für Sie, Irwin, der Sie immer wie toll und töricht darauf

losgehen und sich einbilden, ein guter Spieler zu sein, während Sie gar

nicht das kalte Blut dazu haben.“

„Nun,“ sagte Irwin, „das ist eine Geschichte, die ich als Beispiel

kameradschaftlicher Gesinnung in allen Garnisonen Indiens herumbringen

werde, damit ein jeder sich hütet, der einmal hierherkommt und verführt

werden sollte, ein Spiel zu machen. Eine solche niederträchtige

Geschichte habe ich noch nicht erlebt, aber es ist mir allerdings eine

Lehre, daß man nur mit ehrlichen Leuten -- --“

„Ah, Kapitän Irwin,“ sagte Mc. Gregor, sich hoch aufrichtend, indem er

den Beleidiger mit einem vernichtenden Blick seiner großen blauen Augen

fixierte, „an Ihre junge Frau sollten Sie lieber denken, die Sie in

Armut gestürzt hätten, wenn dies Spiel kein Scherz war.“

Irwin taumelte zurück, der Revolver entfiel seiner Hand.

„Was?“ kreischte er, „was ist das? So ist es kein Scherz gewesen? So

habe ich das Geld wirklich verloren? O, ihr -- ihr -- Aber für wen

haltet ihr mich? Seid gewiß, ich werde bezahlen!“ „Aber,“ rief er, sich

besinnend, „ich möchte doch wohl wissen, was nun Wahrheit ist. Euch

alle frage ich und nenne euch Schurken und Lügner, wenn ihr nicht die

Wahrheit sagt: hat man wirklich einen Spaß mit mir getrieben oder ist

das Spiel ein ehrliches Spiel gewesen?“

„Kapitän Irwin,“ entgegnete der Major, ihm entgegentretend, „ich

sage Ihnen als Aeltester im Namen der Kameraden, daß Ihr Benehmen

unverzeihlich wäre, wenn nicht eine Art von Tollheit Sie beherrschte.

Dies ist ein ehrliches Spiel gewesen, und nur die Großmut des Kapitän

Mc. Gregor war es, die -- -- --“

Irwin hörte den Schluß seiner Rede nicht mehr, denn mit einem wilden

Fluch hatte er abermals das Zelt verlassen.

[Illustration]

Der Weltkrieg, Deutsche Träume: Roman · 第 8 / 49 题