Eine glänzende Versammlung hoher Würdenträger und Militärs war es, die
sich im kaiserlichen Winterpalast zu St. Petersburg zusammenfand. Von
den einflußreichen Persönlichkeiten, die durch ihre amtliche Stellung
oder durch ihre persönlichen Beziehungen zum Herrscherhause berufen
waren, beratend und bestimmend auf die Geschicke des Zarenreiches
einzuwirken, fehlte kaum eine einzige. Aber es konnte kein festlicher
Anlaß sein, der sie hier zusammen führte; denn in allen Mienen war
der Ausdruck tiefen Ernstes, der sich hier und da bis zu banger Sorge
steigerte. Und die in leisem Flüsterton geführten Gespräche bewegten
sich um sehr bedeutsame Dinge.
Die breiten Flügeltüren gegenüber dem lebensgroßen Bilde des
regierenden Zaren wurden weit geöffnet, und unter lautloser Stille der
Versammelten betrat der greise Präsident des Reichsrats, der Großoheim
des Zaren, Großfürst Michael, den Saal. Zwei andere Mitglieder des
Kaiserhauses, die Großfürsten Wladimir Alexandrowitsch und Alexis
Alexandrowitsch, die Brüder des verstorbenen Herrschers, befanden sich
in seiner Begleitung.
Huldvoll erwiderten die Prinzen die tiefen Verbeugungen der Anwesenden.
Auf einen Wink des Großfürsten Michael gruppierte man sich um den
langen, mit grünem Tuch überzogenen Konferenztisch inmitten des
säulengetragenen Saales. Noch herrschte tiefe, ehrfurchtsvolle
Stille; aber auf ein Zeichen des Präsidenten erhob sich nunmehr der
Staatssekretär Witte, Vorsitzender des Minister-Komitees, um, gegen die
Großfürsten gewendet, zu beginnen:
„Kaiserliche Hoheiten und verehrte Herren! Eure Kaiserliche Hoheit
haben zu einer dringenden Beratung befohlen und mich mit dem Auftrage
betraut, deren Ursachen und Zweck darzulegen. Wir alle wissen, daß
Seine Majestät, der Kaiser, unser erhabener Herr und Gebieter, die
Erhaltung des Weltfriedens als das höchste Ziel seiner Politik
bezeichnet hat. Die christliche Idee, daß die Menschheit _eine_ Herde
unter _einem_ Hirten sein soll, hat in unserm erlauchten Herrscher
ihren ersten und vornehmsten Vertreter auf Erden gefunden. Die Liga
für den Weltfrieden ist das eigenste Werk Seiner Majestät, und wenn
wir berufen worden sind, um unsere untertänigsten Vorschläge zur
Beseitigung der dem Vaterlande in diesem Augenblick drohenden Gefahr
dem Allerhöchsten Herrn zu unterbreiten, so dürfen unsere Beratungen
immer nur von jenem Geiste erfüllt sein, der dem christlichen Gebot der
Menschenliebe entspricht.“
Unterbrechend erhob Großfürst Michael die Hand.
„Alexander Nikolajewitsch,“ wandte er sich an den Protokollführer,
„vergiß nicht, diesen Satz wörtlich niederzuschreiben.“
Der Staatssekretär machte eine kurze Pause, um dann mit etwas erhobener
Stimme und nachdrücklicherem Ton fortzufahren:
„Es bedarf keiner besonderen Beteuerung, daß bei solcher hochsinnigen
Denkungsart unseres höchsten Herrn ein Bruch des Weltfriedens niemals
von uns ausgehen konnte. Ein heiliges Besitztum aber, das wir von
niemandem antasten lassen dürfen, ist die nationale Ehre, und der
Angriff, den Japan im fernen Osten auf uns unternommen hat, zwang uns
zu ihrer Verteidigung das Schwert in die Hand. In der ganzen Welt kann
es keinen gerecht und billig denkenden Menschen geben, der um dieses
uns aufgezwungenen Krieges willen einen Vorwurf gegen uns erheben
dürfte. Aber es ist in der gegenwärtigen Gefahr für uns ein Gebot der
Selbsterhaltung, zu erwägen, ob Japan in Wahrheit der einzige und
der eigentliche Feind ist, gegen den wir uns zu verteidigen haben.
Und es liegen triftige Gründe vor, die uns dahin führen müssen, diese
Frage zu verneinen. Die Regierung Seiner Majestät ist überzeugt,
daß wir den japanischen Angriff lediglich der lange währenden und
in ihrer heimlichen Wühlarbeit nimmer ruhenden Feindschaft Englands
zu danken haben. Unablässig ist England von jeher darauf bedacht
gewesen, uns zur Erlangung eigenen Vorteils zu schaden. Bei allen
unseren Bestrebungen, das Wohl des Reiches zu fördern und die Völker
glücklich zu machen, sind wir von jeher auf den Widerstand Englands
gestoßen. Vom chinesischen Meere aus durch ganz Asien hindurch bis
zur baltischen See legt England uns Schwierigkeiten in den Weg, um
uns der Früchte unserer Kulturarbeit zu berauben. Niemand von uns ist
darüber im Zweifel, daß Japan in Wahrheit die Sache Englands führt.
Aber auch überall, wo sonst auf dem Erdball unsere Interessen in Frage
stehen, stoßen wir auf die offenen oder versteckten Feindseligkeiten
Englands. Die von ihm erregten und mit den verwerflichsten Mitteln
begünstigten Wirren in den Balkanländern und in der Türkei haben
einzig den Zweck, uns mit Oesterreich und Deutschland zu verfeinden.
Und nirgends treten die eigentlichen Ziele Britanniens deutlicher zu
Tage, als in Mittelasien. Mit unsäglichen Mühen und den größten Opfern
an Gut und Blut haben weise Regenten die öden, von halbwilden Völkern
bewohnten Landstrecken zwischen dem Schwarzen und Kaspischen Meere und
östlich von diesem bis zur chinesischen Grenze und an den Himalaja der
russischen Kultur zugänglich gemacht. Nie aber haben wir einen Schritt
nach Osten oder Süden tun können, ohne englischem Widerspruch oder
englischen Intriguen zu begegnen. Jetzt stehen wir nahe der Grenze
des britischen Ostindien und unmittelbar an der Grenze Persiens und
Afghanistans. Wir haben freundschaftliche Beziehungen zu den Herrschern
dieser beiden Reiche geschaffen, pflegen einen eifrigen Handelsverkehr
mit ihren Völkern, unterstützen ihre industriellen Unternehmungen und
sind vor keinen Opfern zurückgeschreckt, um diese Länder den Segnungen
der Kultur zugänglich zu machen. Aber auf Schritt und Tritt sucht
England unsere Tätigkeit zu hemmen. Britisches Gold und britische
Hetzereien waren es, die in Afghanistan zeitweilig eine kriegerische
Stellung gegen uns hervorzurufen vermochten. Einmal endlich müssen
wir uns die Frage vorlegen, wie lange wir solchem Beginnen untätig
zusehen dürfen. Rußland muß sich den Weg zum Meere frei machen. Viele
Millionen rüstiger Arme bebauen die heilige Erde unseres Vaterlandes.
Wir verfügen über unermeßliche Schätze an Getreide, Holz und an
allen Produkten der Landwirtschaft. Aber wir können nur mit einem
geringfügigen Bruchteil dieses uns vom Himmel beschiedenen Segens auf
den Weltmarkt gelangen, weil wir von allen Seiten eingeschlossen und
eingeengt sind, solange uns der Weg zum Meere versperrt bleibt. Unsere
mittelasiatischen Provinzen ersticken aus Mangel an Seeluft. Das weiß
England sehr gut, und darum ist all sein Verlangen darauf gerichtet,
uns das Meer zu verschließen. Mit einer durch nichts berechtigten
Anmaßung erklärt es den persischen Golf für seine Domäne und möchte das
ganze indische Meer, gleich Indien selbst, für sein Eigentum gehalten
wissen. Diesem Uebermut sollte endlich ein gebieterisches ‚Halt‘
zugerufen werden, wenn unser geliebtes Vaterland nicht in die Gefahr
geraten soll, unübersehbaren Schaden zu erleiden. Nicht wir sind es,
die den Kampf suchen, sondern man zwingt ihn uns auf. Ueber die Mittel
aber, mit denen er zu führen wäre, wenn England sich aus freien Stücken
zu einer Erfüllung unserer berechtigten Forderungen nicht versteht,
würde uns am besten Seine Exzellenz der Herr Kriegsminister Auskunft zu
geben vermögen.“
Er verbeugte sich abermals gegen die Großfürsten und ließ sich in
seinen Sessel nieder; die hohe stattliche Gestalt des Kriegsministers
Kuropatkin war es, die sich jetzt auf einen Wink des Präsidenten erhob
und Antwort gab.
„Zwanzig Jahre habe ich in Mittelasien gedient, und ich beurteile
unsere Lage an der Südgrenze aus eigener Anschauung. Für einen Krieg
gegen England ist Afghanistan zunächst der entscheidende Schauplatz.
Drei wichtige Pässe führen aus Afghanistan nach Indien hinein: der
Kaiberpaß, der Bolanpaß und das Kuramtal. Als die Engländer im November
des Jahres 1878 in Afghanistan einmarschierten, gingen sie in drei
Kolonnen von Peschawar, von Kohat und von Quetta aus auf Kabul,
Gasna und Kandahar. Diese drei Wege sind auch uns vorgezeichnet. Die
öffentliche Meinung hält sie für die allein möglichen. Es würde zu
weit führen, wenn ich meine strategische Ansicht über die Richtigkeit
oder Unrichtigkeit dieser Annahme hier entwickeln wollte. Genug:
wir werden den Weg nach Indien finden. Habib Ullah Khan würde sein
sechzigtausend Mann starkes Afghanenheer zu uns stoßen lassen, sobald
wir in sein Land einrückten. Allerdings ist er ein Bundesgenosse
von zweifelhafter Zuverlässigkeit; denn er würde wahrscheinlich
ebenso bereitwillig mit den Engländern gehen, wenn diese zuerst
mit einer Macht, die ihm hinlänglich imponierte, in seinem Lande
erschienen. Aber es hindert uns nichts, die ersten zu sein. Unsere
Eisenbahn führt bis Merw, 120 Kilometer von Herat, und von dieser
Zentralstelle bis zur Grenze Afghanistans. Mit unserer transkaspischen
Bahn können wir die kaukasischen Armeekorps und die Truppen des
Generalgouvernements Turkestan an die afghanische Grenze bringen. Ich
mache mich anheischig, innerhalb vier Wochen nach der Kriegserklärung
eine ausreichende Feldarmee in Afghanistan um Herat herum konzentriert
zu haben. Unserer ersten Armee aber kann ein unablässiger Strom von
Regimentern und Batterien folgen. Die Reserven des russischen Heeres
sind unerschöpflich, und wir stellen, wenn es sein muß, vier Millionen
Soldaten und mehr als eine halbe Million Pferde ins Feld. Ich möchte
aber bezweifeln, daß England uns in Afghanistan entgegentreten wird.
Die englischen Generäle würden jedenfalls nicht sehr klug daran tun,
Indien zu verlassen. Würden sie in Afghanistan geschlagen, so kämen
sicherlich nur schwache Trümmer ihres Heeres nach Indien zurück.
Die Afghanen würden eine fliehende englische Armee erbarmungslos
vernichten, wie sie es schon einmal getan haben. Wir aber, wenn sich,
was Gott verhüten möge, das Kriegsglück anfänglich gegen uns wendete,
hätten immer noch einen Rückweg nach Turkestan offen, auf dem man
uns schwerlich folgen würde, und wir könnten den Angriff jederzeit
erneuern. Wird die englische Armee geschlagen, so ist Indien für
Großbritannien verloren. Denn die Engländer stehen in Indien wie in
Feindesland; sie finden als Unterliegende keinen Rückhalt im indischen
Volke. Von den eingeborenen Fürsten, deren Selbständigkeit sie
brutal vernichtet haben, würden sie in dem Augenblick, da ihre Macht
zusammenbricht, auf allen Seiten angegriffen werden. Uns aber würde man
als Befreier von einem unerträglichen Joch mit offenen Armen empfangen.
Die anglo-indische Armee sieht auf dem Papier viel gefährlicher aus,
als in der Wirklichkeit, sie zählt angeblich 200000 Mann; aber nur
ein Drittel davon sind englische Soldaten, während sich der Rest aus
Eingeborenen zusammensetzt. Und diese Armee besteht überdies aus
vier Korps, die über das ganze große Gebiet Indiens verteilt sind.
Eine Feldarmee, die an der Grenze oder jenseits der Grenze verwendet
werden sollte, müßte erst aus diesen vier Korps herausgezogen und neu
organisiert werden. Sie könnte höchstens 60000 Mann stark sein, weil
das Land um der Unzuverlässigkeit der Bevölkerung willen nicht von
Garnisonen entblößt werden darf. Ich möchte nach all diesem meiner
Ueberzeugung dahin Ausdruck geben, daß der Krieg in Indien selbst
geführt werden muß und daß Gott uns den Sieg verleihen wird.“
Die in energischem und zuversichtlichem Ton vorgebrachten Ausführungen
des Generals hatten ersichtlich einen tiefen Eindruck auf die Hörer
gemacht. Aber die Rücksicht auf die Anwesenheit der Großfürsten
verhinderte jede laute Kundgebung. Der greise Präsident reichte dem
Kriegsminister die Hand. Dann erteilte er dem Minister der auswärtigen
Angelegenheiten das Wort.
„Es unterliegt für mich keinem Zweifel,“ sagte der Diplomat, „daß die
soeben von Seiner Exzellenz dem Herrn Kriegsminister entwickelten
strategischen Ansichten einer eingehenden Sachkenntnis und richtigen
Würdigung der Verhältnisse entsprungen sind, und ich bin gewiß, daß
die sieggewohnten Truppen Seiner Majestät des Zaren im Falle eines
Krieges bald in der Ebene des Indus stehen werden. Auch ist es durchaus
meine Ueberzeugung, daß Rußland am besten tun würde, die Offensive
zu ergreifen, sobald sich einmal die Unhaltbarkeit des gegenwärtigen
Verhältnisses zu England erwiesen hat. Aber wer mit Großbritannien
Krieg führt, darf nicht mit einem Kriegsschauplatz rechnen. Wir müßten
im Gegenteil auf Angriffe der verschiedensten Art gefaßt sein, zunächst
wohl auf einen Angriff auf unsere Finanzen, unsern Kredit, worüber
Exzellenz Witte uns bessere Aufschlüsse geben könnte als ich. Die
englische Bank und die mit ihr verbündeten großen Bankhäuser würden
diesen Finanzkrieg ungesäumt eröffnen. Weiter würde sich schwerlich
noch ein unter russischer Flagge segelndes Schiff auf offenem Meere
zeigen dürfen, und unser internationaler Handel würde bis zur
Niederwerfung des Gegners völlig unterbunden sein. Bedeutsamer aber
als Erwägungen dieser Art muß für uns die Frage nach dem Verhalten
der anderen Großmächte sein. Wer wird für uns und wer wird gegen uns
sein? Englands politische Kunst hat sich seit der Zeit Oliver Cromwells
hauptsächlich in der geschickten Ausnutzung der kontinentalen Mächte
offenbart. Es ist keine Uebertreibung, zu sagen, daß Englands Kriege
vornehmlich mit kontinentalen Heeren geführt worden sind. Das ist keine
Herabsetzung der Kriegstüchtigkeit Englands. Wo immer die englische
Flotte und englische Armeen auf dem Kriegsschauplatze erschienen sind,
hat sich die Energie, die Zähigkeit und Tapferkeit ihrer Offiziere,
ihrer Seeleute und Soldaten stets im glänzendsten Lichte gezeigt. Die
Tradition der englischen Truppen, die einst Frankreich unter Führung
des Schwarzen Prinzen und Heinrichs V. siegreich durchzogen, ist in
den Kriegen gegen Frankreich im 18. Jahrhundert und gegen Napoleon
lebendig geblieben. Ungleich größere Erfolge aber als durch diese
eigenen Waffentaten hat England dadurch errungen, daß es fremde Völker
für sich kämpfen ließ und auf dem Kontinent die Truppen Oesterreichs,
Frankreichs, Deutschlands und Rußlands gegeneinander führte. Seit
zweihundert Jahren sind überhaupt sehr wenig Kriege ohne Englands Zutun
und ohne Nutzen für England geführt worden. Diese wenigen Ausnahmen
sind die nur zum Vorteile und zum Ruhme des eigenen Volkes geführten
Kriege Bismarcks, der darum auch der bestgehaßte Mann der Engländer
war. Während das europäische Festland von inneren Kriegen zerrissen
wurde, die Englands Staatskunst angeschürt, hat Großbritannien
seinen ungeheuren Kolonialbesitz erworben. Uns selbst hat England
in Feldzüge verwickelt, die lediglich seinen Vorteil bildeten. Ich
erinnere nur an den blutigen, opfervollen Krieg von 1877/78 und an den
verhängnisvollen Frieden von San Stefano, wo Englands Intriguen uns
um den Lohn unserer Siege über den Halbmond brachten. Ich erinnere
weiter an den Krimkrieg, wo eine kleine englische und eine große
französische Armee uns zum Vorteil Englands bekriegten. Daß jetzt
hinter unseren japanischen Angreifern wiederum nur England steht, ist
von den Vorrednern bereits betont worden. Unsere Gegner haben eben
nicht die mindeste Veranlassung, von ihrer so gut bewährten Politik
abzugehen, und die Aufgabe der unsrigen mußte es deshalb sein, uns der
Bundesgenossenschaft oder wo dies durch die Umstände ausgeschlossen
war, wenigstens der wohlwollenden Neutralität der übrigen kontinentalen
Großmächte für den Fall eines Krieges gegen England zu versichern. Was
zunächst unseren Alliierten, die französische Republik, betrifft, so
war eine befriedigende Lösung der Aufgabe schon durch die bestehenden
Verträge gesichert. Immerhin verpflichten dieselben die französische
Regierung nicht, uns für den Fall eines Krieges, der in den Augen
kurzsichtiger Beobachter vielleicht als ein von uns heraufbeschworener
Angriffskrieg erscheinen wird, seine militärische Unterstützung zu
gewähren. Wir haben deshalb durch unsern Botschafter Verhandlungen
mit Mr. Delcassé, dem Minister der auswärtigen Angelegenheiten
Frankreichs, und mit dem Präsidenten selbst führen lassen. Es gereicht
mir zur besonderen Genugtuung, Ihnen das Ergebnis dieser Verhandlungen
in folgender, heute eingetroffener Depesche unseres Botschafters
vorlegen zu dürfen. Dieselbe lautet in der Hauptsache wie folgt:
„Ich beeile mich, Eurer Exzellenz mitzuteilen, daß mir von seiten
des Herrn Delcassé namens der französischen Regierung die bindende
Zusage erteilt worden ist, Frankreich werde England sofort den Krieg
erklären, wenn Seine Majestät der Zar seine Armeen gegen Indien
marschieren ließe.“ Ueber die Erwägungen, von denen die französische
Regierung zu diesem Beschlusse geführt worden sei, sprach sich Mr.
Delcassé in unserer heutigen Unterredung ungefähr dahin aus: „Schon
Napoleon hat vor mehr als 100 Jahren mit genialem Scharfblick erkannt,
daß England der eigentliche Feind aller kontinentalen Völker ist
und daß der europäische Kontinent keine andere Politik verfolgen
sollte, als die der gemeinsamen Abwehr dieses großen Seeräubers.
Der grandiose Plan Napoleons war die Vereinigung Frankreichs mit
Spanien, Italien, Oesterreich, Deutschland und Rußland, um dem System
der Ausbeutung von seiten Englands entgegenzutreten. Und er würde
diesen Plan wahrscheinlich durchgeführt haben, wenn nicht Rücksichten
der inneren Politik den Zaren Alexander I. trotz seiner Verehrung
für das Genie Napoleons zum Widerstande gegen seine Absichten
bestimmt hätten. Die Folgen der Niederlage Napoleons haben sich in
dem gewaltigen Anwachsen der englischen Macht während der letzten
100 Jahre deutlich genug gezeigt. Darum sollte man die gegenwärtige
politische Konstellation, die der vom Jahre 1804 in vielen Stücken
sehr ähnlich ist, dazu benützen, den Plan Napoleons wieder zu
beleben. Rußland hat an einer Niederwerfung Englands allerdings das
nächste und dringendste Interesse; denn es gleicht einem Riesen, dem
Hände und Füße gebunden sind, so lange Großbritannien alle Meere und
alle wichtigen Küstenstriche beherrscht. Aber auch Frankreich ist in
seiner natürlichen Entwickelung gehemmt. Seine blühenden Kolonien
in Amerika und im Atlantischen Ozean wurden ihm im 18. Jahrhundert
durch England entrissen. Aus seinen Niederlassungen in Ostindien
wurde es durch diesen übermächtigen Gegner verdrängt, und -- was vom
französischen Volke vielleicht am schmerzlichsten empfunden wird --
Aegypten, das der große Napoleon mit dem Blute seiner Soldaten für
Frankreich erkaufte, wurde ihm durch englisches Gold und englische
Intriguen genommen. Der von dem Franzosen Lesseps erbaute Suezkanal ist
im Besitz der Engländer. Er erleichtert ihnen den Verkehr mit Indien
und sichert ihnen die Weltherrschaft. Frankreich wird also für seine
Bundesgenossenschaft gewisse Forderungen stellen -- Bedingungen, die
so loyal und billig sind, daß ihre Annahme von seiten des alliierten
Rußland von vornherein keinem Zweifel unterliegen kann. Frankreich
verlangt, daß ihm seine Erwerbungen in Tonking, Kochinchina,
Kambodscha, Annam und Laos garantiert werden, daß Rußland ihm
behilflich sei, Aegypten zu erwerben, und daß es sich verpflichte, die
französische Politik in Tunis und im übrigen Afrika zu unterstützen.“
Nach den mir gewordenen Instruktionen glaubte ich, Monsieur Delcassé
die Annahme dieser Bedingungen zusichern zu dürfen. Auf meine Frage,
ob ein Krieg gegen England in Frankreich populär sein würde, erhielt
ich die Antwort: ‚Das französische Volk wird zu jedem Opfer bereit
sein, wenn wir Faschoda zu unserer Parole machen.‘ Niemals hat sich der
britische Uebermut brutaler und beleidigender geoffenbart als in diesem
Falle. Unser braver Marchand war mit einer überlegenen Mannschaft
am Platze, und Frankreich befand sich in seinem guten Recht. Aber
die bloße Aufforderung eines englischen Offiziers, dem keine andere
Macht als die moralische der englischen Fahne zur Seite stand, zwang
uns unter den damaligen politischen Verhältnissen, unsere begründeten
Ansprüche aufzugeben und den tapferen Führer zurückzurufen. Wie das
Volk diese Niederlage aufnahm, haben wir deutlich genug gesehen. Die
Pariser begrüßten Marchand jubelnd, wie einen Nationalhelden, und die
französische Regierung rechnete allen Ernstes mit der Möglichkeit einer
Revolution. Jetzt könnten wir Revanche nehmen für die Demütigung,
die wir damals aus vielleicht allzugroßer Vorsicht über uns ergehen
ließen. Schreiben wir den Namen Faschoda auf die Trikolore, und es
wird keinen waffenfähigen Mann in ganz Frankreich geben, der uns nicht
mit Begeisterung folgte. Es schien mir ratsam, mich zu vergewissern,
ob die Regierung oder die von ihr inspirierte Presse dem Volke
vielleicht auch die Wiedererwerbung Elsaß-Lothringens als Preis eines
siegreichen Krieges verheißen würde. Aber der Minister verneinte mit
aller Entschiedenheit. ‚Die Frage Elsaß-Lothringen muß gänzlich aus
dem Spiele bleiben, sobald wir uns anschicken, Realpolitik zu treiben,‘
erklärte er. ‚Nichts könnte verhängnisvoller sein, als die Erregung
einer Mißstimmung in Deutschland. Denn der deutsche Kaiser ist das
Zünglein an der Wage, auf der die Geschicke der Welt gewogen werden.‘
Daß England von ihm, den es nicht als einen Deutschen, sondern als
einen Engländer ansieht, keine Feindseligkeiten zu befürchten habe, ist
eine feststehende Ueberzeugung bei unsern Nachbarn jenseits des Kanals.
Und diese Zuversicht ist eine der stärksten Stützen des britischen
Uebermuts. Die immer wiederholten Versicherungen des deutschen Kaisers,
daß er den Frieden und nichts als den Frieden wolle, scheinen ja die
Richtigkeit dieser Auffassung zu bestätigen. Aber ich bin gewiß, daß
Kaiser Wilhelms Friedensliebe da eine Grenze hat, wo das Wohl und
die Sicherheit Deutschlands ernstlich in Frage stehen. Er ist trotz
seines impulsiven Temperaments nicht der Herrscher, der sich von jeder
Aeußerung der Volksstimme beeinflussen und von jeder aufrauschenden
Strömung zu entscheidenden Handlungen treiben ließe. Aber er ist
weitblickend genug, eine wirkliche Gefahr rechtzeitig zu erkennen und
ihr mit der ganzen Wucht seiner Persönlichkeit entgegenzutreten. Ich
halte darum die Hoffnung, ihn als Alliierten zu gewinnen, nicht für
eine Utopie, und ich hoffe, daß die russische Diplomatie sich mit der
unsrigen vereinigen werde, dieses Bündnis zustande zu bringen. Ein
Krieg gegen England ohne die Unterstützung Deutschlands würde immerhin
ein bedenkliches Unternehmen bleiben. Wir sind ja bereit, uns um
unserer Freundschaft für Rußland und um unserer nationalen Ehre willen
darauf einzulassen, aber wir würden uns einen sicheren Erfolg nur
von einem geschlossenen Zusammengehen aller kontinentalen Großmächte
versprechen können.“
Mochte auch die Tatsache des mit Frankreich für den Fall eines Krieges
gegen England abgeschlossenen Schutz- und Trutzbündnisses den meisten
der hier Versammelten nicht mehr unbekannt gewesen sein, so war die
Vorlesung der Depesche, der man in atemloser Spannung gefolgt war, doch
unverkennbar von tiefer Wirkung. Ihre Bekanntgabe ließ keinen Zweifel
mehr, daß man an höchster Stelle zu diesem Kriege entschlossen sei, und
wenn auch keine laute Kundgebung des Beifalls erfolgte, ging es doch
wie ein Aufatmen der Erleichterung durch die illustre Versammlung, und
deutlich war auf fast allen Gesichtern die freudigste Genugtuung zu
lesen.
Einer nur blickte mit finster zusammengezogenen Brauen wie in ernster
Mißbilligung drein -- und dieser Eine galt seit Jahrzehnten für den
einflußreichsten Mann in Rußland -- für eine Macht, die schon oft
alle Pläne der leitenden Staatsmänner durchkreuzt und mit unbeugsamer
Energie ihren Willen durchgesetzt hatte.
Das war der vielgehaßte und noch mehr gefürchtete greise Pobjedonoszew,
der Oberprokurator des heiligen Synod.
Seine düstere Miene und sein Kopfschütteln waren dem präsidierenden
Großfürsten nicht entgangen. Und er hielt es offenbar für seine
Pflicht, dem durch die Gunst dreier Zaren fast allmächtig gewordenen
Manne Gelegenheit zur Aeußerung seiner abweichenden Meinung zu geben.
Auf seinen Wink erhob sich der Oberprokurator und sagte unter lautloser
Stille der Versammelten:
„Es kann nicht meine Aufgabe sein, mich über die Möglichkeit oder
die Aussichten eines Bündnisses mit Deutschland zu äußern. Denn ich
kenne ebensowenig wie einer der hier Anwesenden die Absichten und
Pläne des deutschen Kaisers. Wilhelm II. ist die große Sphinx unserer
Zeit. Er spricht viel, und seine Reden machen den Eindruck vollster
Offenherzigkeit. Wer aber mag erraten, was sich hinter ihnen verbirgt?
Daß er sich ein bestimmtes Programm für sein Lebenswerk gesetzt
hat, und daß er der Mann ist, es durchzuführen, gleichviel, ob die
öffentliche Meinung für ihn oder gegen ihn sei, scheint mir gewiß.
Bildet die Niederwerfung Englands einen Teil dieses Programms, so
dürfte die Hoffnung des französischen Ministers ja in der Tat keine
Utopie sein, vorausgesetzt, daß Kaiser Wilhelm den gegenwärtigen
Zeitpunkt für den geeigneten hält, der Welt seine letzten Ziele zu
offenbaren. Die Aufgabe unseres diplomatischen Vertreters am Berliner
Hofe würde es sein, sich darüber zu informieren. Aber eine andere
Frage wäre es, ob Rußland eines Bündnisses mit Deutschland oder mit
der westlichen Macht, die vorhin hier genannt worden ist, überhaupt
bedarf. Und meine Anschauung der Dinge führt mich dahin, diese Frage
zu verneinen. Rußland ist zur Zeit in Europa der letzte und einzige
Hort des absolutistischen Prinzips. Und wenn ein von Gottes Gnade zu
dem höchsten und verantwortlichsten aller irdischen Aemter berufener
Herrscher stark genug bleiben soll, den Geist der Unbotmäßigkeit und
der Unmoral niederzuwerfen, der sich hier und da unter dem Einfluß
fremder staatsfeindlicher Elemente in unserem geliebten Vaterlande
regen will, so müssen wir vor allem darauf bedacht sein, das Gift
der sogenannten liberalen Ideen, des Unglaubens und des Atheismus,
mit dem es von Westen her verseucht werden soll, von unserem Volke
fernzuhalten. Wie wir vor einem Jahrhundert den mächtigen Heerführer
der Revolution niedergeworfen haben, so werden wir auch heute über
unsern Feind triumphieren -- wir ganz allein! Laßt unsere Heere in
Persien, Afghanistan und Indien einmarschieren und durch ganz Asien
die Herrschaft des wahren Glaubens zum Siege führen. Aber hütet unser
heiliges Rußland vor der Ansteckung durch das Gift jenes ketzerischen
Geistes, der ihm ein schlimmerer Feind werden würde, als es ihm je eine
auswärtige Macht sein kann.“
Er setzte sich, und sekundenlang herrschte eine tiefe Stille. Der
Großfürst machte ein ernstes Gesicht und wechselte ein paar geflüsterte
Worte mit seinen beiden Neffen.
Dann sagte er: „Von all den Herren, die uns hier ihre Ansichten
vorgetragen haben, ist die Kriegserklärung an England als eine zwar
tief beklagenswerte aber den Umständen nach unabweisbare Notwendigkeit
bezeichnet worden. Ehe ich aber Seiner Majestät, unserem erhabenen
Herrn, diese Anschauung als die der hier Versammelten unterbreite,
richte ich an Sie, meine Herren, die Frage, ob unter Ihnen jemand ist,
der eine abweichende Meinung vertritt. Ich würde ihn bitten, sich zum
Worte zu melden.“
Er wartete eine kleine Weile, aber niemand leistete der Aufforderung
Folge. Da erhob er sich aus seinem Sessel und gab durch ein kurzes
Wort des Dankes und durch eine leichte Verneigung gegen die ebenfalls
aufgestandenen Würdenträger kund, daß er die Sitzung, die für die
Geschicke der Welt von entscheidender Bedeutung gewesen war, als
geschlossen betrachte.
[Illustration]