geboren 23. November 1906, verschwand 26. Mai 1924.
Der Fall Wittig und der Fall Hannappel waren die beiden Fälle, in denen
Haarmann behauptete, auf Befehl und unter dem Einflusse des Hans Grans
getötet zu haben. Er bezeichnet beide Fälle immer mit dem Kennwort
„Düsseldorfer“. Den Hannappels, weil er über diesen nur wußte, daß er
„aus Düsseldorf“ sei; den Wittigs, weil (wie er behauptet) Wittig einen
rheinländischen Dialekt sprach. Aber während im Fall Hannappel das
Gericht den Hans Grans wegen _Anstiftung_ zum Morde (nach § 49 St.G.B.)
zum Tode verurteilte, wurde Grans im Falle Wittig nur der _Beihilfe_ zum
Morde schuldig befunden und zu 12 Jahren Zuchthaus verurteilt. Als
Beweggrund zur Anstiftung wie zur Beihilfe nahm das Gericht an, daß
Grans die _Kleider_ der Getöteten für sich begehrte. Für den
Psychologen, der die gedrungene Vielheit aller Antriebe auch im
scheinbar einfachsten Falle kennt und der weiß, daß man Taten immer nur
vom nachhinein _vereinfachend_ auf _ein_ Motiv zurückführt (worin sich
jene beruhigende Ökonomie des menschlichen Denkens kundtut, die ich
„logificatio post festum“ nannte), kann der Fall _nicht so klipp und
klar_ liegen, wie für die Rechtsprechung, welche die Urteile zu _ihrer_
Beruhigung findet; („non quia peccatum sed ne peccetur“). Wir müssen
also uns bemühen, die Untiefen dieses wunderlichen Falles zu erschürfen.
– Fritz Wittig war ein gutgebauter, reichveranlagter Junge von 17
Jahren, 1,73 m groß mit langem, nach hinten gekämmtem blondem Haar, das
an den Schläfen in Wellen abstand. Sein Vater, ein Kesselschmied in
Kassel und sein junger Schwager, der Kaufmann Hermann Schaad waren über
den hübschen begabten Jungen, der in einer Spirituosenfabrik als
Lehrling arbeitete, sehr ungehalten, weil er schon frühe mit jungen
Mädchen sich abgab; sie ahnten aber noch nicht, daß er auch homosexuelle
Bekanntschaften gemacht hatte. Nach einem Zerwürfnis mit dem Vater, der
dem Sohn seinen Leichtsinn vorhielt, entfernte der Junge sich am 27.
April aus Kassel, nahm dabei einen seinem Chef gehörigen schwarzen
Lederkoffer mit, in den er seine Kleider und Wäsche einpackte und
versuchte, auswärts Arbeit zu erhalten. Am 30. April stellte er sich bei
der Inhaberin der Süßwarengroßhandlung Carl Zwanzig in Hannover auf der
Goethestraße vor und bat um Beschäftigung als Reisender. Da er einen
guten Eindruck machte, und sein Lehrzeugnis deponierte, so wurde er zum
Besuch der Stadtkundschaft eingestellt. Er trat am 1. Mai die Stelle an,
erhielt Muster, die er in einem schwarzen Koffer (offenbar der in Kassel
unterschlagene) verpackte, kam aber am Abend zurück und sagte, daß es
ihm nicht gelungen sei, etwas zu verkaufen. Auch am 2. Mai abends kam er
wieder und berichtete, daß er nichts habe verkaufen können; gab die
Muster wieder ab mit der Begründung, daß seine Mutter in Kassel schwer
erkrankt sei und daß er deshalb nach Hause fahren wolle und ließ sich
auch sein Lehrzeugnis zurückgeben. Am Abend des 3. Mai erschien er aber
schon wieder bei Zwanzig und erklärte, daß er am Montag noch einmal den
Versuch machen möchte, Ware zu verkaufen. Den schwarzen Koffer und sein
Lehrzeugnis hatte er aber nicht mehr bei sich, sondern angeblich in
Kassel zurückgelassen. Am Montag, den 5. Mai, stellte Herr Zwanzig eine
umfangreiche Musterauswahl zusammen und übergab ihm hierzu seinen
eigenen Koffer, sowie ferner einen zweiten flachen schwarzen Koffer mit
einer Anzahl Mustergläsern. Fritz Wittig entfernte sich mit den beiden
Koffern und kehrte nicht zu Zwanzig zurück. Wie sich nachher
herausstellte, war seine Erklärung über die Erkrankung seiner Mutter und
den Verbleib seines Koffers nicht wahr gewesen. Eine Verwechselung der
Person ist darum unmöglich, weil Wittig durch einen verkümmerten rechten
Arm und zur Arbeit unbrauchbare rechte Hand leicht erkennbar war. Die
Angehörigen Wittigs erhielten von diesem am 4. Mai einen in Hannover
abgestempelten Brief, in welchem er als seine Anschrift „Gasthaus
Dißmer, Heiligerstraße“ angab, woselbst er in der Tat eine Nacht
geschlafen und dann mehrmals gegessen hat. Später erhielten die
Angehörigen noch eine Karte mit Bahnpoststempel Hannover-Bebra, 14. Mai.
Von da ab bekamen sie keine Nachricht weiter; konnten auch durch die
Polizei nichts mehr erfahren und fanden erst wieder Spuren des
Verschwundenen, als nach Ausstellung der bei Haarmann gefundenen
Gegenstände sie nach Hannover fuhren und unter den Gegenständen den bei
Grans beschlagnahmten Anzug sowie das bei Haarmann beschlagnahmte
Notizbuch mit der Handschrift des Vermißten fanden. In dem Notizbuch
befand sich ein Kalender auf der letzten Seite. Auf ihm waren die Tage
bis zum 23. Mai einschließlich, durchstrichen. Außerdem lag darin ein
Zettel folgenden Inhalts: „Gebe hiermit Herrn Hans Grans einen grauen
Anzug in Kommission; selbiger muß bis Montag Abend, den 26. Mai, wieder
in meinen Händen sein, widrigenfalls 40 Goldmark bis zum 26. Mai 1924 zu
zahlen sind. Hannover, den 26. Mai.“ Die Zahl 40 war durchstrichen und
statt ihrer Zwanzig in _Buchstaben_ darüber geschrieben. Dieser konfuse
Zettel, der die Unruhe eines unklaren Augenblicks zu atmen scheint, ist
geschrieben in Haarmanns großer, korrekter, nach rechts überwiegender,
stark gebundener, an Zeichen für Vorsicht, Zurückhaltung und Hinterhalt
überreichen Schrift und ist unterschrieben von Haarmann _und von Grans_.
Es handelt sich offenbar um eine zwischen Haarmann und Grans getroffene
Abmachung bezüglich des von dem Getöteten getragenen Anzugs. – Es trat
nun nach der Zeugenvernehmung als wahrscheinlich hervor, daß Wittig in
der Nacht des 26. Mai von Haarmann getötet wurde und daß Grans am 27.
Mai den Anzug von Rote Reihe 2 _abgeholt_ hat. – Hat Grans von dem Morde
gewußt? Hat er ihn selber angestiftet? Zwei Zeugen wurden aufgefunden,
welche auszusagen vermögen, was der Verschwundene getrieben hat zwischen
dem 5. Mai, wo er mit den Koffern der Schokoladenfirma Zwanzig davonging
und dem 26. Mai, an welchem er (wahrscheinlich) getötet wurde. Es ist
zunächst wahrscheinlich, daß Wittig am 4. Mai, einem Sonntag, aus
unbekanntem Grunde nach Bielefeld fuhr. Ein Reisender namens Fritz
Brinkmann hat ihn auf der Fahrt von Bielefeld nach Hannover kennen
gelernt. Wittig erzählte diesem Mitreisenden, daß er bisher bei der
Schokoladenfirma Zwanzig tätig gewesen sei und sich nun auf der Suche
nach Arbeit befinde. Auf dem Bahnsteig in Hannover wurde Wittig von
einem Bekannten angesprochen, den er dem Brinkmann als Kriminalbeamten
Haarmann vorstellte, dieser Bekannte hat dann Wittig zu einem Glase Bier
eingeladen. In den folgenden Tagen will Brinkmann den Wittig noch
wiederholt in Gesellschaft des Haarmann getroffen haben. Er behauptet,
auch Grans mit Wittig gesehen zu haben, wie sie eingehakt am
Ernst-August-Platz zusammen spazieren gingen. Bei einer dieser
Begegnungen soll Wittig dem Brinkmann erzählt haben, er habe Aussicht,
auf der deutschen Werft in Hamburg Arbeit zu erhalten und habe keine
Lust mehr, in Hannover zu bleiben. Bei einer späteren Begegnung aber
erzählte er, sein Freund Haarmann habe ihm nun doch geraten, lieber in
Hannover zu bleiben. Durch den zweiten Zeugen, den Schneider Richard
Huth, wurde festgestellt, daß der junge Wittig in seinen arbeitslosen
Stunden an mann-männliche Kreise herangetreten war und an dem
Sammelpunkt hinter Kröpcke offenbar Bekanntschaften gesucht hat. Huth,
ein alter Bekannter von Haarmann und Grans, bekundet, daß er Anfang Mai
hinter Kröpcke mit Haarmann (den auch er stets für einen Kriminalbeamten
hielt) im Gespräche stand, als ein hübscher junger Mann auf ihn
zugetreten sei und um Feuer gebeten habe. Haarmann sei diskret
fortgegangen. – Als der junge Mann ihm sagte, er sei arbeitslos und hier
fremd und wäre froh, wenn er erst einmal für diese Nacht Unterkunft
hätte, bot Huth ihm an, die Nacht bei _ihm_ zu verbringen. Inzwischen
trat aber Haarmann in Gesellschaft von Grans wieder an ihn und den
Fremden heran und forderte sie beide auf, zu einem Glase Bier
mitzukommen. Sie gingen alle vier in die Gastwirtschaft „Alte
Reichshand“ in der Gr. Packhofstraße, wo Grans immer von neuem zum
Trinken animierte (obwohl er die Zeche zahlte), während Haarmann zur
Mäßigung mahnte. Nach Eintritt der Polizeistunde entfernten sie sich aus
der Wirtschaft und Huth kam von den anderen ab, da ihm vorm Corso-Café
ein Mädchen im Übermut den Hut vom Kopfe nahm. Er holte sie dann am
Bahnhof wieder ein, traf aber nur noch Haarmann, der auf die Frage nach
dem Verbleib der anderen erwiderte, der Unbekannte sei mit Grans
gegangen. Als Huth hierauf bemerkte, er denke, Grans sei doch gar nicht
„so veranlagt“, sagte Haarmann: „Er hat jedenfalls einen Bock auf ihn.“
Darauf haben sich dann auch Haarmann und Huth voneinander verabschiedet.
– Dies wären also die Zeugnisse für die Vorgänge, durch welche Wittig
von Grans und Haarmann eingefangen und gleichsam dem Huth abgejagt
wurde. Nun machen aber Haarmann und Grans über den Zusammenhang
verschiedene Angaben. Haarmann (der _diesen_ Mord von Anfang an zugeben
mußte, weil des verstümmelten Armes wegen sein ewiges: „Ich erinnere
mich an meine Opfer nicht“, _unglaubwürdig_ gewesen wäre) behauptete
sogleich, Grans habe am Café Kröpcke ihn auf den mit Schneider Huth
sprechenden jungen Mann aufmerksam gemacht mit den Worten: „Du, den
Anzug muß ich unbedingt haben. Meiner geht schon an den Ärmeln entzwei.“
Er, Haarmann, sei dann auf Grans’ Drängen an den Fremden herangetreten
und Grans habe alles Folgende eingefädelt und den Wittig dazu überredet,
statt mit Huth lieber doch mit Haarmann zu gehen, welcher „sehr gut“ sei
und ihm auch zu essen geben werde. Haarmann hat dann den Unbekannten
nach der Roten Reihe verschleppt; aber beim Geschlechtsverkehr Anstoß
genommen daran, daß die rechte Hand unbrauchbar war. Er hat daher am
folgenden Tage Wittig wieder weggeschickt. Von da an aber sei Wittig auf
Grans’ Veranlassung dennoch immer wieder gekommen. Als Haarmann, der den
Fremden nicht leiden mochte, ihn wieder wegschickte, habe dieser abends
vor der Wohnung aufgepaßt und als er Licht im Zimmer bemerkte, so lange
gerufen und gepfiffen, bis Haarmann den Hausschlüssel herunterwarf.
(Welche Vorgänge denn auch von Hausbewohnern bestätigt werden.) Am
dritten Tage ließ sich Haarmann (wie die Engel bestätigt) vor Wittig
verleugnen, der aber kurz darauf zusammen mit Grans wiederkam. Grans sei
in diesen Tagen wiederholt zu ihm gekommen und habe gefragt, wann er
denn nun den Anzug bekäme. Haarmann habe gesagt: „Ich kann den Menschen
nicht lieben.“ Worauf Grans äußerte: „Man macht das doch leichter bei
einem, den man _nicht_ liebt.“ Am vierten Tage gegen Mittag sei Wittig
freudestrahlend wiedergekommen und habe erzählt, daß es ihm gelungen
sei, in Hamburg Arbeit zu erhalten. Er wolle am Nachmittag zwischen 5
und 6 Uhr mit einem Transport abreisen. Aber am Abend um 11 Uhr traf
dann Haarmann den Wittig auf dem Bahnhof in Gesellschaft von Grans, der
ihn von der Reise abgehalten habe. (Was denn freilich den Angaben des
Brinkmann widerspricht, wonach Wittig erzählte, daß _Haarmann selber_
ihn abhielt.) Grans habe ihn beiseite genommen und leise gesagt: „Fritz,
du Idiot, der Anzug paßt mir doch. Nimm den Jungen doch mit. Ich möchte
den Anzug doch so gern haben.“ – Um endlich vor Grans Ruhe zu haben,
habe er an diesem Abend Wittig wieder mitgenommen und getötet, und, als
er am Morgen mit Zerstückeln der Leiche beschäftigt gewesen sei, sei
Grans des Anzugs wegen schon erschienen. Er, Haarmann, habe (da Grans
dergleichen nicht sehen konnte) die Leiche schnell unters Bett geschoben
und sich die blutigen Hände gewaschen. Grans aber habe hastig gefragt:
„Was riecht hier so schlecht?“ und „Wo ist das Zeug?“ Als Haarmann
sagte: „_Der_ (womit er Wittig meinte) ist nicht mehr da,“ habe Grans
sofort zu suchen angefangen; er aber, Haarmann, habe sich vor das Bett
hingestellt und dem Grans den Schlüssel zu der von Hannappel
hinterlassenen Truhe gegeben; daraus habe sich Grans den Anzug des
Wittig hervorgezogen; dann sei er ihm um den Hals gefallen, habe ihn
geküßt und gesagt: „Fritz, du bist doch der Beste. Auf dich kann ich
mich immer verlassen.“ Haarmann habe sodann gejammert, er habe an Wittig
über 40 Mark Kosten gehabt, die müsse Grans mittragen. Grans habe dann
auch gleich 8 Mark angezahlt und über den Rest hätten sie das in Wittigs
Notizbuch vorgefundene Schriftstück sogleich aufgesetzt, weil er,
Haarmann, gefürchtet hat, daß Grans ihn bemogeln wolle. – Grans erklärt
alle diese Angaben für nur halbwahr. Er erzählt die Sache so: „Nicht
_ich_ habe mich an den mit Huth am Café Kröpcke stehenden jungen Mann
herangemacht, sondern Haarmann hat mir gesagt: „Du, auf den hab ich
einen Bock.“ Nicht _ich_ habe Haarmann gesagt, daß ich von einem anderen
das Zeug haben möchte, sondern Haarmann hat zu mir (im Fall Hannappel
wie im Fall Wittig) gesagt: „Schau mal den Anzug da; möchtest du den
wohl haben?“ „Ich habe gelacht, weil ich nicht glaubte, daß er durch
irgend eine Gaunerei mir den Anzug verschaffen könne. Als er ihn mir
dennoch verschaffte, habe ich wahrhaftig nicht denken können, daß er das
durch einen Mord getan hatte.“ Ich habe nicht das mindeste dazu getan,
den Wittig gefügig zu machen, daß er mit Haarmann mitgehe. Ich habe aber
in der Tat am 26. Mai den Anzug des Wittig von Haarmann _bekommen_ und
habe ihm dafür eine Anzahlung gemacht. Haarmann forderte zuerst 40 Mark,
ließ den Anzug aber auf mein Bitten mir dann für 20 Mark.“ – Aus der
Besichtigung des mit Zwischenbügel versehenen Haarmannschen Bettes
ergibt sich zweifelsfrei, daß es _unmöglich_ wäre, eine Leiche darunter
zu schieben. Nun bestätigt freilich die Engel, daß Haarmann wiederholt
sich vor Wittig verleugnen ließ und sich sogar in ihrer Küche
versteckte. Der Fremde, den sie in Wittigs Bilde wiedererkennt, hat auch
ihr voller Freude erzählt, er habe Arbeit in Hamburg gefunden und wolle
am Nachmittag weiterreisen, ist dann aber am Abend desselben Tages doch
in Begleitung von Grans und Haarmann wieder mitgekommen. – So drängt
sich schließlich der ganze Fall zusammen in die folgende Frage der
Seelenkunde: Ist der sicher bewiesene Umstand, daß Haarmann den jungen
Wittig wiederholt _abwies_, ein Erweis dafür, daß der Mord durch Grans
_aufgedrängt_ sein muß? Zunächst möge man bedenken, daß Haarmann nicht
immer _nur_ aus sexueller Begierde tötete. Es wäre möglich, daß er
_selber_ das Zeug des Wittig sich oder dem Grans verschaffen wollte (sei
es als Geschenk, sei es gegen Bezahlung, sei es um zu imponieren, oder
um zu werben, oder aus irgend einem anderen Beweggrund). Es wäre aber
auch dies möglich, daß eine dunkle Triebangst ihn vor dem jungen Wittig
sich verstecken ließ, indem er ihn töten wollte und auch wieder _nicht_
wollte und daß gerade erst der Umstand, daß da ein anderer sich immer
wieder anbot und aufdrängte (möglicherweise nur, um mit Unzucht Geld zu
verdienen), schließlich die sexuelle Wolfswut aufgestachelt hat. So bin
ich zuguterletzt geneigt geworden, zwar (wie auch in mehreren anderen
Fällen) eine dunkle _Mitwisserschaft_ des Grans, keinesfalls aber
_Anstiftung_ und auch nicht _Beihilfe_ zum Morde anzunehmen.