geboren 30. Dezember 1909, verschwand 9. Mai 1924.
Der Vater Bauklempnermeister Georg Martin in Chemnitz war 1918 in
Frankreich gefallen. Der zehnjährige Heinz war zurückgeblieben mit
Mutter und Schwester. Er war ein guter, ordentlicher Junge, bis Ostern
1924 Schüler des Realreformgymnasiums, dessen junges Leben zwei große
Ereignisse hatte, der Besuch mit einer Schar anderer Sekundaner in
Bremerhaven 1921 und nochmals 1922. Seither träumte er davon,
Schiffsingenieur zu werden, baute Schiffe und las Reisegeschichten.
Ostern 1924 wurde er konfirmiert und sollte nun zunächst in der
Strickmaschinenfabrik als Schlosserlehrling lernen; aber seine
Jungensträume steuerten in die weite Welt. Die Mutter war ernst und
streng. Seinem Freunde und Mitlehrling Horst Clemens gegenüber erschloß
er sein Herz: „Ich möchte wieder nach Bremerhaven auf das große Schiff.
Was hab ich hier? Muß die Küche aufräumen. Das Bett machen. Ist das
etwas für Jungen? Wundert euch nicht, wenn ich mal davon gehe.“ Zur
Einsegnung hatten die Verwandten dem Jungen ein Geldgeschenk gemacht;
insgesamt 32 Mark; er kam sich damit reich vor. Er trug den Besitz immer
bei sich. „Du mußt sparen,“ sagte die Mutter, „gib mir das Geld; ich
brings auf die Sparkasse.“ Der Junge, errötend, sagt: „Och, das liegt in
der Fabrik in meinem Werkzeugkasten.“ Die Mutter, fühlend, daß da etwas
nicht stimmt, meint: „Nun, ich will morgen Nachmittag doch in die
Fabrik; ich sehe dann mal nach.“ Das war am 8. Mai. Am 9., wie immer
geht der 14jährige in die Fabrik, kommt dort nachmittags 2 Uhr zu seinem
Werkmeister und bittet: „Morgen muß ich nach Leipzig zur Beerdigung
meiner Großmutter. Kann ich wohl einen Tag Urlaub haben und einen
Passierschein?“ „Gewiß, mein Junge,“ sagt, keine Lüge ahnend, der
Werkmeister. Der Junge packt seine Sachen zusammen, geht und bleibt
seitdem verschwunden.
Vor dem Schwurgericht in Hannover stehen zwei Frauen, wie aus dem Grabe
entstiegen, im Feuer äußersten Leidens geläutert. Acht Wochen lang
suchte man nach dem Kinde, aber fand keine Spur. Man dachte wohl an
Bremerhaven und an seinen Wunsch, Schiffsbauingenieur zu werden. Aber
merkwürdigerweise hatte er von seinem Konfirmationsgelde 20 Mark im
Werkzeugkasten zurückgelassen. Er konnte also höchstens 12 Mark bei sich
haben. Sollte er nun aber gar _darum_ entlaufen sein, weil er fürchtete,
daß die Mutter am Nachmittag kommen und das Geld nachzählen werde, so
hatte er jedenfalls den Rest oder einen Teil des Restes schon _früher_
verbraucht und war also in diesem Falle ganz ohne Geld oder mit sehr
wenig Geld fortgelaufen. Nur bekleidet mit seiner blauen
Marinesportmütze, mit seiner blauleinenen Schlosserjacke, einem
weiß-rot-gekästelten Hemd und einer braunen Unterjacke. Es war wohl kaum
zu vermuten, daß er in diesem Zustand aus Chemnitz herauskam. Aber als
im Juni die großen Leichenfunde in Hannover aufkamen, fuhren doch die
beiden Frauen nach Hannover, um die aus Haarmanns Umgebung
zusammengebrachten Sachen immerhin mal anzusehen. Und da finden sie
unter den 400 Fundstücken die Kleider ihres Heinz. Auf eine sehr
merkwürdige Weise wird das in das Schweißleder der Marinemütze
eingepreßte Monogramm H. M. völlig sichergestellt als das des Kindes.
Man schickte die Mütze an die kleine Hutfabrik, von der die Mütze des
Knaben bezogen war, und diese wies nach, daß in dem gestanzten M sich
ein Merkmal (eine defekte Stelle) befindet, das nur in einer von ihr
bezogenen Mütze sich befinden _kann_. Aber wie ist der Knabe nun nach
Hannover gelangt? Es läßt sich nur _vermuten_, daß er entweder
vielleicht von einem Helfer des Haarmann verschleppt wurde oder auf dem
Wege nach Bremerhaven in Hannover aussteigen und sich Arbeit suchen
wollte, daß er dann auf dem Bahnhof gleich allen anderen Knaben dem
Haarmann in die Arme lief. Haarmann hat nach anfänglichem Leugnen die
Tat zugegeben.