22. _Robert Witzel_,

geb. 18. März 1906, verschwand 26. April 1924.

Der zweite Sohn des Werkmeisters Georg Witzel in Hannover-Linden trat

nach Beendigung seiner Schulzeit im Juli 1921 als Arbeiter ein bei den

Mittelland-Gummiwerken und ging im Mai 1924 über zu den

„Excelsior-Gummiwerken“. Sein nächster Freund wurde der Arbeiter

Friedrich Kahlmeyer, ein erst 14 Jahre alter, aber sehr frühentwickelter

schweigsamer, hintersonnener, hübscher Bursche mit Mädchengesicht. Diese

beiden jungen Arbeiter und gelegentlich auch der ältere Bruder Willi

Witzel trieben sich viel an den Treffpunkten der Gleichliebenden um,

verkehrten in dem homosexuellen „Gesellschaftshaus“ an der Calenberger

Straße und suchten fast jeden Abend am Bahnhof oder hinter dem Café

Kröpcke („Schwuler Kessel“, „Café Wellblech“) nach „Bekanntschaften“;

gingen auch mit in die Wohnungen, wo sie Geld erhielten und gelegentlich

auch bewirtet wurden. Daher war ihnen auch Haarmann, der sich oft halbe

Nächte lang an diesen Treffpunkten aufhielt, genau bekannt. – Sie hatten

auch mit ihm gelegentlich Verkehr. Bezüglich des hübschen jungen

Kahlmeyer äußerte Haarmann nach seiner Festnahme: „Ich bereue, daß ich

Kahlmeyer nicht genommen habe. Der hätte noch weg müssen.“ Am 26. April

1924 erbat Robert Witzel von seiner Mutter 50 Pfennig, da er in den

Zirkus gehen wolle, zog seinen guten Rock an, entfernte sich gegen 4 Uhr

nachmittags und wird seitdem vermißt. Als Kahlmeyer einige Zeit nach dem

Verschwinden des jungen Witzel den Haarmann traf und diesen fragte, ob

er nicht wisse, wo Witzel geblieben sei, tat Haarmann ungemein

erschrocken und schien noch gar nicht gehört zu haben, daß Witzel

_vermißt_ werde. Dies bestärkte den Kahlmeyer in dem Glauben, Haarmann

wisse nichts von der Sache und entschuldigt ein wenig, daß dieser in

gleichgeschlechtlichen Kreisen sehr beliebte Bursche aus Scham, aus

Furcht vor Strafe, vielleicht auch aus Angst vor Haarmann (welcher

beständig drohte: „Wenn Ihr zu Hause etwas sagt, laß ich Euch

verschütt gehen“ [d. h. bring ich Euch ins Gefängnis oder in die

Fürsorgeerziehung]), auch den Eltern des Verschwundenen gegenüber die

homosexuellen Beziehungen völlig verschwieg. Die Eltern und der Bruder

wollen in dem am 20. Mai 1924 im Lustgarten angetriebenen Schädel

bestimmt den des Verschwundenen erkennen und zwar an der eigenartigen

Zahnbildung (die vorderen Zähne waren abgedacht und geriffelt und ein

Backenzahn war einige Zeit vorher ausgebohrt, aber noch nicht mit einer

Plombe gefüllt worden). Der Dentist, der den Witzel behandelte, erkennt

aber den Schädel nicht wieder, und Haarmann glaubt gerade in _diesem_

Fall genau zu wissen, daß er den Schädel des Witzel zertrümmert habe.

Vollkommen gesichert dagegen ist die Dieselbigkeit der bei Haarmann und

seinen Hehlerinnen gefundenen Kleider, Stiefel, Wäsche, Schlüssel usw.

Auch fand sich in einer von Theodor Hartmann, dem Sohn der Engel,

getragenen Hose eine Ausweiskarte auf den Namen Robert Witzel, welche

der Hartmann dem Haarmann zurückgab. Haarmann glaubt, daß er den Witzel

gleich in der ersten Nacht, wo er ihn bei sich hatte, getötet und die

Leichenteile in die Leine geworfen habe.

Haarmann. Die Geschichte eines Werwolfs · 第 26 / 34 题