geb. 2. Dezember 1901, verschwand Mitte April 1924.
Der Fall Bock dürfte von allen Fällen der dunkelste sein; wenn Haarmann
wirklich diese Tat beging, so dürfte es wahrscheinlicher sein, daß hier
ein lang geplanter Mord verübt wurde, als nur eine Tötung im
Geschlechtsrausch.
Der „Arbeiter“ Bock aus Ülzen, 22 Jahre alt, war einer von denen, die
sich beschäftigungslos in Hannover umhertrieben, bald auf dem Bahnhof,
bald in der Altstadt. Er war blond, groß, kräftig und kühn. Haarmann
kannte ihn seit 1921 „vom Bahnhof her“. Er machte mit ihm gelegentlich
kleine Schiebergeschäfte oder nutzte ihn als Kommissionär beim Verkauf
von dunkel erworbenen Kleidern. Als Bock Mitte April verschwand, weinte
ihm keiner eine Träne nach. Nur der Dreher Fritz Kahmann aus der
Neuenstraße, mit dem Bock das Zimmer geteilt hatte (er ist dummlich,
ängstlich, dumpf und unsicher und hat kleine ängstliche Augen) fragte
einige Wochen nach dem Verschwinden des Bock seinen Nachbar Haarmann:
„Du, Fritz, wo is eigentlich _Bock_ geblieben?“ Haarmann antwortete:
„Soll _ich_ das wissen? Wird woll ein Ding gedreht haben, hat vielleicht
von Kollegen eins auf die Platte ’kriegt.“ Darauf der dummliche Kahmann:
„Fritz, du _mußt_ es doch wissen. Er is zuletzt gesehen, wie er mit
einem Koffer nach deiner Wohnung ging.“ Haarmann wurde nachdenklich.
Dann sagte er: „Das is mir doch alles ein Rätsel. Hermann is ein
hübscher Bengel und nich auf ’en Kopf gefallen.“ Kahmann darauf
ängstlich: „Ich meine man, wir sollten zur Polizei gehen und ihn
‚vermißt‘ melden.“ „Dunnerslag,“ erwiderte Haarmann, „da haste recht,
Kahmann. Weißte was? Ich bin doch auf ’er Polizei gut bekannt. Ich
besorge die Meldung. Und außerdem: Bei die Krankenhäuser und im
Gerichtsgefängnis muß angeklingelt werden. Das mach ich alles noch
_heute_.“ Am nächsten Tage trafen sich die beiden wieder auf der
„Insel“. Haarmann begann sofort: „Alle Mühe ist umsonst. Ich habe
überall nachgefragt. Keiner weiß von Hermann.“ (Später kam heraus, daß
Haarmann nirgendwo wegen des Bock nachgefragt noch telephoniert hatte.)
... Bock hatte noch mehrere nahe Freunde: Paul Sieger, genannt Alex,
roh, blond, brutal, Franz Kirchhoff, Schlosser, 20 Jahre alt, ein
defekter Junge mit kleinem Kopf, kleinen Augen, kleiner Nase, dicker
Unterlippe und belegter Stimme, sowie endlich Hans Ulawski, ein langer
dünner Kellner im „Simplizissimus“, welchen Haarmann so charakterisiert:
„Das is der größte Gauner vom Bahnhof. Is Zauberkünstler. Zieht rum auf
die Jahrmärkte.“ Alle diese jungen Leute kannten Haarmann seit vielen
Jahren. Sie hielten ihn stets für einen Kriminalbeamten. (Er hat ihnen
oft weiß gemacht: „Ich muß heute zur Konferenz aufs Präsidium.“) Sie
wußten auch, daß Bock mit Haarmann zusammensteckte. Er aß mit Haarmann
in der Wirtschaft bei der Engel. Er schlief auch oft bei Haarmann. Aber
seine Komplizen bezeugen: „Mit Männern machte er nichts. Er war nur für
die Mädchens. Er war normal.“ In der Tschechoslowakei hatte Ulawski eine
Braut! Zu dieser sind Bock und Ulawski zweimal zusammen hingefahren. Die
Mutter des Bock, 51 Jahre alt, aus Ülzen, simpel, stumpf, glupschäugig,
schwerhörig und kränklich, hat sich gar nicht um den Verschwundenen
bekümmert. „Der Junge kam woll zu Weihnachten. Als am 8. April Herr
Kahmann mich ’ne Karte schrieb, da dachte ich: Na, hei schall schon
wedder komen.“ Höchst merkwürdig ist es nun, wie die Sachen des Bock bei
Haarmann „festgestellt“ wurden. Als nach Festnahme des Haarmann auch
Ulawski in Haarmanns Gegenwart unter den ausgestellten Sachen nachsah,
fand sich gar nichts. Aber im Fortgehen fällt der Blick des Ulawski auf
das Zeug, das Haarmann selber am Leibe trägt. Er stutzt, besieht sichs
genau und ruft dann bestimmt: „Haarmann trägt ja Hermanns Anzug auf dem
_Leibe_.“ Haarmann lachte ihn aus und erklärt: „Die Sache ist viel zu
ernst, als daß man mich da herein bringt.“ Ulawski blieb bei seiner
Behauptung, und da er wußte, bei welchem Schneider sein Freund arbeiten
ließ, so geht er zu diesem, und der Schneider kann denn auch unter Eid
bestätigen, nicht nur, daß er den Anzug, welchen Haarmann trägt, einst
für Bock angefertigt hat, sondern auch, daß Haarmann _selber_ ihn später
mit der Bemerkung, er habe den Anzug für 30 Mark von Bock erworben, für
seine Statur hat umändern lassen. Jetzt erinnert sich denn auch
Haarmann, er habe den Anzug „vielleicht“ von Bock gekauft. Aber
inzwischen fand sich auch die Aktentasche des Bock. Der eingeschriebene
Name: Hermann Bock, Hannover, ist ausgescheuert, aber noch klar
leserlich. Die Tasche wurde von der Kleiderhexe Engel als Markttasche
benutzt. Haarmann hatte sie ihr geschenkt. Alle anderen Sachen des Bock
sind ebenso wie die Leichenteile aus der Welt verschwunden. Daß Lustmord
vorliegt, ist nicht wahrscheinlich; der Verschwundene war ja
langjähriger Bekannter, der oft bei Haarmann schlief, war nicht
homosexuell und nicht mehr in dem Alter, welches Haarmann bevorzugte.
Wurde hier etwa einer beseitigt, der manches gemerkt hatte und plaudern
konnte? Oder lockten Koffer und Kleider? Oder war ein Zank
vorausgegangen? Oder spielte alles ineinander? Es erfolgte
Freisprechung.