19. _Alfred Hogrefe aus Lehrte_,

geb. 6. Oktober 1907, verschwand 6. April 1924.

Alfred, der 17jährige Sohn des Lokomotivführers Gustav Hogrefe in

Lehrte, war in Hannover Mechanikerlehrling in der Schlägerstraße. Er

fuhr regelmäßig morgens 6 von Lehrte mit der Bahn nach Hannover zu

seiner Lehrstelle und kam abends gegen 7½ zurück. Montags besuchte er

die Gewerbeschule. An diesem Tage kam er immer erst gegen 10, angeblich

weil er im Anschluß an den Gewerbeschulunterricht von 7½-8½ noch Turnen

hatte. Am 1. April 1924 erhielten seine Eltern von dem Leiter der

Gewerbeschule die Nachricht, daß der Junge den Unterricht versäume. Der

Junge wurde von den sehr unpädagogischen Eltern vorgenommen. Er war tief

verlegen. Der Vater schrie ihn an: „Gut! Mutter und ich fahren morgen

zur Gewerbeschule nach Hannover. Dann werden wir weiter sehen.“ – Am

anderen mittag um 2 fuhren beide Eltern zum Lehrer des Jungen. Es kam

eine ganze Lügenblase zum Platzen. Der Junge hatte drei Montage die

Schule geschwänzt und sich selber Entschuldigungszettel geschrieben. Die

Eltern erfuhren auch, daß das Turnen nicht am Abend von 7½ bis 9½ Uhr

stattfinde, sondern am Tage während des übrigen Unterrichts. Inzwischen

war der Junge (natürlich in Todesangst, daß nun „alles herauskommen“

müsse) wie immer in seine Mechanikerwerkstatt gefahren und ging mittags

2 Uhr von der Lehrstätte fort mit der Begründung, er wolle seine Eltern

von der Bahn abholen. Tatsächlich aber fuhr er, während die Eltern von

Lehrte nach Hannover fuhren, seinerseits von Hannover nach Lehrte

zurück, packte dort in seiner Herzensangst seine Sachen zusammen und

entfernte sich mit diesen aus dem Elternhause. Erst nach und nach

sickerte in den folgenden Monaten einige Kunde durch über den Verbleib

des Jungen. Nachdem er aus dem Elternhause entlaufen war, traf er auf

dem Bahnhof in Lehrte einen Bekannten, den Lehrling Wiese. Hogrefe

erzählte dem Wiese, er werde zu Hause von den Eltern „schlecht

behandelt“ und wolle deshalb fort. Er bot dem Wiese sein Fahrrad zum

Kauf an. Wiese, ein heller Junge, nutzte die Gelegenheit und kaufte sich

billig das Rad. Natürlich schwieg er dann über die ganze Begegnung. Am

Abend des folgenden Tages traf der junge Wiese den Hogrefe wieder;

diesmal auf dem Hauptbahnhof in Hannover. Hogrefe hatte jetzt einen

lederimitierten Handkoffer bei sich, kam lebhaft auf Wiese zu und

erzählte: „Mensch, den Koffer da hab ich mir von deinem Gelde fürs

Fahrrad gekauft.“ Der andere fragte: „Wo hast du denn _geschlafen_?“

Hogrefe gestand, daß er auf dem Bahnhof geschlafen habe und fragte Wiese

kleinlaut, ob er wohl die nächste Nacht bei ihm in Lehrte auf dem

Heuboden schlafen könne. Er hatte offenbar schon wieder Sehnsucht nach

Hause, wagte sich aber doch nicht, nachdem sein ganzes Lügengewebe

herausgekommen war, zurück zu den strengen Eltern. Dies war am 3. April.

Am 4. April gegen 8 Uhr abends traf abermals ein Bekannter aus Lehrte,

der Schneidergeselle Farin den Hogrefe in Hannover vor dem Bahnhof.

Aufgeregt erzählte der Junge, er sei vor einigen Tagen seinen Eltern

entlaufen, er habe sein Fahrrad verkauft und sich dafür einen Koffer

angeschafft, der liege in der Handgepäckaufbewahrungsstelle. Die Nacht

schlafe er bei einem Herrn, den er kennen gelernt habe, der in der Neuen

Straße wohne und Kriminalbeamter sei. – Farin hat danach den Hogrefe

nicht wieder gesehen. Aber noch einmal sah ihn ein _dritter_ Bekannter

aus Lehrte, der Lehrling Wilhelm Köhler, welcher täglich zur

Arbeitsstelle nach Hannover fährt. Auch diesem erzählte Hogrefe ganz die

gleiche Geschichte. „Mein Vater hat mich rausgeschmissen. Ich habe einen

Koffer in der Gepäckausgabestelle.“ (Und jungenhaft-stolz zeigte er dem

Köhler den Gepäckschein.) Am nächsten Abend (also etwa 6. April) sah

Köhler den Hogrefe mit Haarmann (von dem er wußte, daß er „Fritz“ hieß

und „Kriminal“ sei) an einem Tische im Wartesaal I. und II. Klasse

sitzen und sich unterhalten. Und nach abermals zwei Tagen (etwa 8.

April) traf Köhler den Hogrefe abermals im Bahnhofe und ging mit ihm ein

Stück bis zur Herschelstraße, wo Hogrefe sich verabschiedete. Hogrefe

erzählte, er treffe sich jetzt oft mit „Kriminal Fritz“. Von da an sah

ihn niemand mehr. Den Haarmann kannten die aus Lehrte zur Arbeitsstelle

fahrenden Jungen alle vom Bahnhof her. Sie hielten ihn für einen

Beamten. Auch der Lehrling Walter Schnabel, der mit Hogrefe jeden Morgen

zur gemeinsamen Lehrstelle fuhr, hat später bezeugt, daß Haarmann (den

sie aber nicht mit Namen kannten) oft schon um 6 Uhr in der

Bahnhofshalle war und sie dann immer scharf ansah. Ein älterer

Werkmeister hat auch Hogrefe mit Grans und Haarmann im Gespräch gesehen.

Das war aber schon im März. Alle Kleider des Verschwundenen,

Marengojacke, Krimmermantel, Barchenthemd, Schal usw. sind später bei

Haarmann oder bei der Engel und den Unterverkäufern zum Vorschein

gekommen. Hierbei wurde die Engel zum ersten Male auf Widersprüchen

ertappt. Sie will den Mantel des Getöteten unter Lumpen gefunden und

ihrer Tante, die Pantoffeln macht, weitergegeben haben. Aber sie hat der

Tante über die Herkunft des Mantels andere Angaben gemacht. Haarmann

erklärt: „Ich nehme bestimmt an, daß ich Hogrefe getötet habe, an sein

Gesicht erinnern kann ich mich nicht.“ (Ließe man Haarmann vor seinem

Tode seine Erinnerungen an die Getöteten niederschreiben, so würde sich

herausstellen, daß er lediglich peinliche Erinnerungen _verdrängt_.) –

Es liegt hier der Tatbestand vor: Ein verängstigter Knabe, der geprügelt

werden soll, drückt sich acht Tage lang sehnsüchtig und hungrig auf dem

Bahnhof herum. Der Vater selber ist Eisenbahner. Alle Jungens aus

Lehrte, die zur Stadt fahren und viele Eisenbahnbeamten kennen den

Knaben. Sie sehen ihn fortdauernd auf dem Bahnhof in Gesellschaft des

Haarmann. Sie kennen aber auch alle den Haarmann. Nichts geschieht, um

den Entlaufenen aufzugreifen. Und als er verschwunden ist, geschieht

nichts, um – – den Haarmann zu befragen.

Haarmann. Die Geschichte eines Werwolfs · 第 23 / 34 题