17. _Willi Senger_,

geb. 6. Juli 1904, verschwand 2. Februar 1924.

Ein liebloses Zuhause. Der Vater, ein Arbeiter in Linden, kümmert sich

nicht um die Kinder. Ebensowenig die Mutter, eine stumpfe, wasserblonde,

lymphatische Frau. Der ältere Bruder ist schwerfällig und

ausdrucksschwer; wenig mitteilsam. Eine freudearme Familie. In diesem

Daheim wurde wenig gesprochen. Der 17jährige Willi trieb sich schon seit

Jahren auf dem Bahnhof und bei den Homosexuellen herum. Ein

schöngebauter Junge; aber roh und Gewaltmensch. Eines Februarabends sagt

er zu Mutter und Schwester: „Ich will verreisen,“ zieht sein gutes Zeug

an und geht. Als er nicht wiederkommt, wird in dieser stumpfen Welt von

seinem Fortbleiben wenig Aufhebens gemacht. „Ein Esser weniger.“ Erst

als im Juni die vielen Morde aufkommen, denken die Angehörigen: „Können

uns ja mal die Sachen ansehen,“ und finden nun darunter den

Selbstbinder, den der Bruder Heinrich dem Vermißten geschenkt und genäht

hat, und seinen braunen Mantel. Haarmann behauptet, die Sachen am

Bahnhof von irgendwem gekauft oder getauscht zu haben; den Senger hat er

freilich seit Jahren gekannt und ebenso dessen unzertrennlichen Freund,

den 19jährigen Fritz Barkhof. „Das waren die beiden größten Rowdys von

allen auf dem Bahnhof. Ich hatte vor den beiden immer Angst. Senger war

groß, roh und stark. Ich hätte ihn nicht bezwungen. Schon darum kann ich

ihn nicht getötet haben.“ – Es fällt auf, daß Haarmann nie die Tötung

eines Menschen zugibt, den er lange Zeit hindurch _kannte_. Er räumt nur

dann die Tötung ein, wenn er mit einiger Glaubwürdigkeit angesichts der

Photographie sagen kann: „Ich erkenne ihn _doch_ nicht wieder. Möglich;

möglich auch nicht“ (wie ihm denn überhaupt das Betrachten der

Lichtbilder _sichtbar quälend_ ist). – Für die Beziehung des Senger zu

Haarmann ist nur ein Zeuge da, jener Fritz Barkhof; aber der wirkt wenig

vertrauenswürdig: zugleich roh und feminin, zugleich eitel und

verschlagen. Verfehlterweise vernahm man diesen verdächtigen Burschen

über das Vorleben Sengers in Gegenwart von dessen Angehörigen, wobei

ganz zweifellos aus Angst oder Schonung oder Geniertheit manches

ungesagt blieb. Denn es ist sicher: Diese beiden Burschen gehörten zur

engeren Gruppe der berufsmäßig Sich-Selbstfeilbietenden. Senger hat dem

Barkhof erzählt, daß er mehrfach bei Haarmann genächtigt habe und als

nach Verschwinden Sengers der Barkhof den Haarmann fragte, ob er nichts

von Senger wisse, da erklärte dieser derb: „Den kenn ich gar nicht.“

Brach auch später solche Fragen immer kurz ab. Über den Zeitpunkt, zu

dem Haarmann den Mantel des Senger erworben haben will, verwickelt er

sich in Widersprüche. Es konnte ihm aber klar bewiesen werden, daß er

erst unmittelbar nach dem Verschwinden des Senger den Mantel im Besitz

hatte.

Haarmann. Die Geschichte eines Werwolfs · 第 21 / 34 题