geb. 15. Juni 1906, verschwand 5. Januar 1924.
Sie brachte aus ihrer Jugendliebe ein Kind mit in die Ehe und muß es
sehr geliebt haben, denn sie vermag vor Weinen nichts auszusagen. Eines
Morgens, Januar 1924, mußte der 17jährige in einem Prozeß als Zeuge
auftreten. Er zog sein Festgewand an. Es stammte aus dem
Herrenschneidergeschäft des Stiefvaters, eines feinen sympathischen
Mannes. Vom Gericht aus ging er noch mit seinem Freunde Siegfried Kurth
spazieren, nahm dann Abschied in der Nähe des Theaters und kam nicht
wieder. Dieser Fall zeigt in fast schauerlicher Weise, von welchen
Zufällen Mordentdeckungen abhängen und wie leicht Rechtsirrtümer
zustande kommen. Der junge Kurth, Sohn eines Fabrikanten, stand nämlich
an dem Tage, wo sein Freund verschwand, vor der Auswanderung nach
Argentinien. War es also ein Wunder, daß manche Leute, daß vielleicht
die Nahestehenden mit Entsetzen den Gedanken aufgriffen, der
Ausgewanderte könne um das Verschwinden wissen? Lebenslänglich wäre ein
falscher Verdacht haften geblieben, wenn nicht im Juni nahezu das
gesamte Zeug des Verschwundenen aus den bekannten Hehlerwinkeln zum
Kriminalpräsidium gebracht worden wäre. Die Stutzen, die Sportmütze, die
Stahluhr mit den Hirschgrandeln hatte Grans weiter verkauft, das
Oberhemd trug er bei seiner Verhaftung am Leibe; er trug gleichzeitig am
Leibe Kleidungsstücke von vier Getöteten und handelte mit Kleidern
_anderer_ Getöteter; so daß nur ungeheuerliche Frechheit oder volle
Arglosigkeit bezüglich der Herkunft dieser von Haarmann empfangenen
Sachen solches Zurschautragen von Mordtaten begreiflich macht. Auch die
Bekanntschaft des verschwundenen jungen Spiecker mit Haarmann konnte
bewiesen werden; der Sohn des Spieckerschen Hauswirts bekannte, daß er
und sein verschwundener Freund den Haarmann im „schwulen Kessel“ kennen
gelernt und von ihm Zigaretten erhalten hatten. Haarmann behauptet (wie
in sämtlichen Mordfällen), daß er nach dem Lichtbild den jungen Spiecker
nicht erkennen könne, sich auch an ihn nicht entsinne (obwohl der Junge
ein Glasauge hatte); aber er müsse wohl annehmen, daß er eines seiner
Opfer geworden sei, da ja alle Sachen bei ihm gefunden wurden.
Vielleicht sei es jener schöne Jüngling gewesen, der, als er um
Mitternacht erwacht sei, tot in seinen Armen gelegen habe. Er sei bei
dem Anblick ohnmächtig geworden oder vor Mattigkeit wieder
eingeschlafen. – „Als ich erwachte frühmorgens, lag der Tote neben mir.
Steif und kalt und blau. Ich habe ihn mit den Händen aus dem Bett
gezogen, auf den Fußboden gelegt und zerstückelt. Ich habe diesen Fall
im Gedächtnis behalten, der Tote lag da so furchtbar krank.“