geboren 10. November 1904, verschwand am 6. Dezember 1923.
Es ist nichts von ihm übrig geblieben als sein alter Mantel. Der hatte
ursprünglich flache, gelbe Hornknöpfe. Sie sind abgetrennt und von
ungeübter Hand sind Lederknöpfe an ihre Stelle gesetzt. Diesen Mantel
beschlagnahmte man Burgstraße in der Wohnung, die Hans Grans und Hugo
Wittkowski teilten und stellte ihn aus auf dem Polizeipräsidium. Eine
Reihe von Zeugen haben dort unabhängig von einander den Mantel als den
des vor sechs Monaten verschwundenen 19jährigen Handlungsgehilfen Adolf
Hennies wiedererkannt. Zunächst seine Mutter, die Witwe Auguste Hennies,
geb. Habekost, Perlstraße 3: schwer und dumpf. Sie erkannte Schnitt,
Farbe und Ärmelfutter. Sodann der Untermieter bei Frau Hennies, Willi
Eisenschmiedt, ein glaubwürdiger, stiller, alter Mann, mit dem Adolf
dasselbe Zimmer teilte und in dessen Kleiderschrank lange Adolfs Mantel
hing. Auch sein Bruder, ein junger Arbeiter und sein naher Freund Willi
Rackebrand erkennen den Mantel. Und endlich auch die Kleiderfirma, bei
welcher dieser Mantel auf Abzahlung von Hennies gekauft wurde. Die
Einerleiheit ist also gesichert. Wie aber kommt der Mantel in den Besitz
von Grans? Grans behauptet, er habe ihn von Haarmann auf Abzahlung
gekauft und schulde dem Haarmann noch heute einen Teil des Kaufpreises.
Haarmann gibt an: „Eines Nachmittags, es war Schneetreiben und Frost,
kamen Wittkowski und Grans zu mir und baten: ‚Laß’ uns zu heut Abend
dein Zimmer. Wir haben eine Besprechung.‘ Ich sagte: ‚Meinetwegen‘, und
ging abends, wie ich immer tat, zum ‚schwulen Kessel‘ (der
Zusammenkunftsort der Gleichgeschlechtsliebenden unter den Linden am
Hoftheater), blieb dort einige Stunden und ging dann auf den Bahnhof.
Erst gegen Morgen komme ich nach Haus. Liegt da im Zimmer ein Toter.
Ganz entkleidet. Hugo und Hans schnüren grade Kleider zusammen. Ich
frage: ‚Was ist das?‘ Sie sagen: ‚Einer von den Deinen.‘ Ich denke: ‚Er
hat am Halse keine Wunde. Die meinen haben Lutschflecke.‘ Sie blieben
bei ihrer Behauptung und liefen fort. Nur der Mantel blieb zurück; den
hat Grans folgenden Tages auch geholt und mir acht Mark dafür hingelegt.
Ich hatte die Mühe, die Leiche zu zerlegen und fortzuschaffen. Ich weiß
nicht, _wer_ es war. Aber es war der, dem _dieser Mantel dort_ gehört
hat.“ – Die Beschuldigung gegen Grans machte Haarmann in größter
Steigerung mit tränenerstickter Stimme; am zweiten Verhandlungstage. Vor
dem Untersuchungsrichter hatte er angegeben, er habe den Mantel gekauft
und später an Grans überlassen; mit der Mahnung: „Ich glaube, der Mantel
ist heiß,“ weswegen Grans sich gleich andere Knöpfe annähte. – Die
Mutter berichtet: „Mein Sohn war streng ehrbar; er ist nie nachts
fortgeblieben. Es war das erste Mal, daß er abends nicht nach Hause kam.
Er besuchte nur hie und da mit seinem Freund Wedemeyer Tanzlokale, aber
das wußten wir stets. Wedemeyern hat er anvertraut, daß er für eine
junge Frau schwärme, die er als Laufbursche beim Großschlächter Ahrberg
einst bedient hatte; er möchte sie so gern mal ins Kino einladen, wage
das aber nicht.“ – Hennies war gerade stellenlos und suchte neue Arbeit.
An dem Tage seines Verschwindens bewarb er sich um eine Stelle als
Seifenreisender bei einem Kaufmann G. in der Alten Cellerstraße (da
dieser der homosexuellen Sphäre nahe stand, so knüpften sich an seine
Seifenfabrik ganze Romane). Es ist kein rechter Anhalt dafür da, daß
Hennies den Haarmann näher kannte, doch hat er sowohl seinem Bruder wie
seinem Freunde erzählt: „Ich habe einen Kriminalbeamten kennen gelernt,
der mir Arbeit nachweisen will und Kleider versprochen hat.“ – Es ist
anzunehmen, daß Haarmann durch solche Versprechungen den Hennies in
seine Wohnung gelockt hat. Aber klar ward das nicht. Daß Haarmann gerade
_diesen_ Mordfall auf Hugo und Hans abzuschieben versuchte, erkläre ich
mir aus einfachsten Gründen: Der hinterbliebene Mantel war in der Tat
ein _Streitobjekt_ der drei. Sie haben sich darum geprügelt und bedroht.
Grans und Wittkowski wollten Haarmann das Geld dafür nicht geben; darum
knüpfte sich gerade an _diesen_ (dazu gelegenen) Fall die
„kompensatorische“ Fantasie des Eifersuchtshasses gegen Wittkowski und
des Hasses aus verschmähter oder verdrängter Sexualität gegenüber Grans.
Der gewaltigste aller Kriminalfälle, der des französischen Marschalls
Gilles de Rais zeigt viele ähnliche „Kompensationen“. – Immerhin kann
man Haarmann nur der Tat überführen; nicht sie ihm beweisen. Er wurde
freigesprochen.
Zwischenspiel.
Der Fall Keimes.
Ich reihe hier denjenigen Mordfall ein, der unter den _nicht_ mit zur
Verhandlung gelangten Mordfällen mit der merkwürdigste und von allen
Mordtaten des Haarmann der für den Seelenforscher rätselhafteste zu sein
scheint. –
Ich leite ihn ein mit einigen Sätzen aus einem längeren Schreiben des
Herrn Georg Koch, Kaufmann in Hannover (dessen 14jähriger Sohn Hermann
möglicherweise gleichfalls ein Opfer des Haarmann geworden ist): „Als
Vater des 1918 verschwundenen 14jährigen Hermann Koch möchte ich zu der
Bemerkung der Polizei, als habe man sie ungenügend über den Verbrecher
_orientiert_, den Gegenbeweis liefern. Daß Haarmann mit meinem Sohn
Verkehr unterhalten hat, wurde von ihm zugegeben; geht auch hervor aus
einem Entschuldigungszettel, den Haarmann der Schule zugehen ließ, als
mein Sohn auf seine Veranlassung aus der Schule wegblieb. Als die
Polizei nichts über Verbleib meines Sohnes zu ermitteln vermochte und
den Haarmann aus der Untersuchungshaft entließ, übertrug ich den Fall
dem Detektivbüro Sebastian, welches nach umfangreichen Recherchen dem
Haarmann den Mord glatt auf den Kopf zusagte. Dennoch wurde das
Wiederaufnahmeverfahren abgelehnt. Dies war im November 1921. –
Inzwischen aber hat dasselbe Detektivbüro in einer zweiten Mordsache
(Keimes) _ebenfalls_ Haarmann als Täter eruiert und unter dem 11. Mai
1922 ein Verfahren gegen ihn beantragt. Auch _dieser Antrag blieb
unbeantwortet_, obwohl in den Jahren 1922 bis 1924 viele Personen
(Rehbock, Klobes, Lammers, Lindner) immer wieder Anzeigen machten.“
Um was nun handelt es sich beim Fall Keimes? Am 17. Mai 1923 verschwand
in der Südstadt der 17 Jahre alte Sohn der Eheleute Keimes, ein
außergewöhnlich schöner Jüngling. Die Eltern wandten sich an die
Polizeibehörde, die aber trotz inständiger Bitten keine Vermißtenanzeige
in den Zeitungen erließ, so daß drei Tage später die Familie selber
Inserate in die Lokalzeitungen einrücken ließ, worin eine hohe Belohnung
demjenigen versprochen wurde, der über den Verbleib des Jünglings
Auskunft zu geben vermöchte. Daraufhin erschien einige Tage später bei
der Familie ein Mann (der später als Haarmann erkannt wurde), gab an,
daß er Kriminalist sei und sich für den Fall interessiere und bat, ein
Bild des Sohnes sehen zu dürfen; indem er äußerte: „Wenn Ihr Sohn noch
in Hannover ist, so kläre ich binnen drei Tagen den Fall auf.“ Während
die Mutter fortging, um ein Bild des Sohnes zu holen, blieb der Mann mit
der Schwester des Verschwundenen allein im Zimmer; das Kind gab nach dem
Fortgehen des Mannes an, er habe sie „teuflisch angelacht“. Die Leiche
des Jünglings wurde am 6. Mai 1922 (also erst nach sieben Wochen)
aufgefunden im Kanal, eine Stunde vor Hannover. Sie war nackt, der Hals
stranguliert und ein Strick darum geschlungen und im Munde steckte ein
Taschentuch mit dem Monogramm G. – Man nahm an (so unbegreiflich das
ist), daß ein echter Raubmord vorläge und der Jüngling an Ort und Stelle
erschlagen sei. Merkwürdig ist nun, daß Haarmann nach dem Besuch bei der
Familie Keimes ins Polizeipräsidium ging und Hans Grans jenes Raubmordes
verdächtigte (eine Bezichtigung, die aber zusammenbrach, da man annahm,
daß zur Zeit, wo die Tat geschah, Hans Grans sich in Haft befand). Das
Taschentuch im Munde der Leiche war aber scheinbar wirklich ein
Taschentuch des Grans. – Es gibt hier jedenfalls der Umstand zu denken,
daß Haarmann (wie später im Fall Hennies) schon einmal seinen Geliebten
mit einer (vielleicht von ihm selber begangenen oder mitbegangenen) Tat
zu belasten versucht hat; möglicherweise sogar bewußt die Verschleppung,
Strangulierung und Knebelung mit einem Tuche so veranstaltete, daß Grans
hereinfallen _sollte_. Es geschah das unmittelbar nach dem großen Krach
zwischen Haarmann und Grans, als Haarmann aus Jägerheide zurückkehrend,
sein Zimmer durch Wittkowski und Grans ausgeräubert fand und voller
Rachsucht gegen beide sein mußte. Die Klärung des Fall Keimes ist nicht
gelungen. Überhaupt sind von den 400 Asservaten, die sich bei Haarmann
fanden, nur 100 anerkannt worden.