geboren 28. April 1908, verschwand am Martinstag 1923.
Dem Zimmermann Jakob Hannappel und seiner Frau Marie, guter anständiger
Menschenschlag, schickte ihr 17jähriger Junge zum Martinstag ein Paket
mit Kuchen, Blumen und Würsten. Er war ein treuer, anhänglicher Mensch,
dem die Lehrer und sein Lehrherr das beste Zeugnis ausstellten. Anfang
1923 erkrankte der junge Düsseldorfer Zimmergesell an einer
Bauchfelltuberkulose. Aus dem Krankenhause schickte man ihn zur Erholung
nach der Heilstätte Watersloh im Lippischen. Als er im September endlich
als geheilt entlassen wurde, riet man ihm: „Zimmergesell ist zu schwer.
Bleib auf dem Lande. Ergreif einen leichteren Beruf.“ Und so trat Adolf
im Oktober 1923 in die Lehre bei dem Oberschweizer Rudolf Dehne, einem
derben, etwas stumpfen Mann, in Linsborn bei Lippstadt. Das Gut und die
Milchwirtschaft gehörten der Witwe Sürmann. Witwe Sürmann sagte:
„Hannappel is e lieve Jong. Aver er het e Pischtole. So wat hevve de
Kommeniste.“ Und der Oberschweizer sagte: „Fru, hei fret to vele. Der
Jung is noch in Wassen. Hei fret mek bale arm.“ – So kam man denn
überein, sich friedlich-schiedlich zu trennen. Hannappel sollte nach
Hannover und sollte dort im „Schweizerbüro“ von Wenger in der
Ballhofstraße eine gute Stellung erfragen. Bekam er keine, so konnte er
weiter zu seinem Onkel, der in Hamburg wohnt. Am 10. November, am
Martinstage, verkaufte Hannappel seine Pistole und mit dem erlösten
Gelde fuhr er ab vom Bahnhof Bennighausen nach Hannover. Aber von nun ab
hörte keiner mehr was von ihm. Das Wurstpaket an die Eltern „zum
Martinstage“ blieb sein letzter Gruß. Und doch meldeten sich, als man
nach dem Verschwundenen zu forschen begann, eine ganze Reihe Personen,
die ihn in der Nacht des 10. November in Hannover auf dem Bahnhof im
Wartesaal dritter Klasse gesehen hatten. Denn solch ein kernfester,
kreuzbraver junger deutscher Handwerksbursche vergißt sich nicht so
leicht. Er saß da bescheiden in einer Ecke auf seiner selbstgezimmerten
großen Reisetruhe und trug eine schöne neue Breecheshose; auffiel es
auch, daß er eine kleine Wasserwage neben sich stehen hatte. Einige
haben gesehen, daß Haarmann an Hannappel herantrat und auf ihn
einsprach; einige, daß Grans und der junge Hannappel die schwere
selbstgezimmerte Reisekiste zusammen zur Gepäckabgabe trugen. Auch dies
wurde gesehen, daß Hannappel mit Grans und Haarmann _gemeinsam_ in die
Stadt ging; in der Richtung aufs Café Kröpcke. Aber von da ab war nichts
weiter festzustellen. Erst im Juli des nächsten Jahres tauchten die
Kleider des Vermißten, seine Schnürstiefel aus Boxkalf, seine
Hosenträger, sein Sweater und auch seine alte Wasserwage wieder auf in
der Freundschaft und Verwandtschaft von Familie Engel. Ein
Kriminalbeamter auf dem Bahnhof (o Ironie!) trug den olivgrünen Hut mit
dem dunkelgrünen Band (ein Geschenk von seinem Kollegen Haarmann), und
Hans Grans trug die neue schöne Breecheshose. Alle hatten in der Küche
der Engel etwas von Haarmann billig gekauft oder zum Geschenke erhalten.
Der Fall lag einfach, um so mehr, als Haarmann die Tötung eingestand.
Aber er wurde zum verwickeltesten unter allen Fällen dadurch, daß Zeugen
auftraten, die gesehen haben wollten, wie Grans den Haarmann auf
Hannappel _aufmerksam_ machte und zwischen Hannappel und Haarmann eine
Bekanntschaft _vermittelte_. Diesen Umstand griff Haarmann auf, um
seinen ehemaligen Geliebten anzuklagen: Grans habe ihm _befohlen_, den
Hannappel zu töten, weil Grans selber die Breecheshose und den Inhalt
der Reisekiste besitzen wollte. Ihm habe der junge Mann keine
Leidenschaften eingeflößt. Denn er hätte nie auf Kleider gesehen. Aber
Grans habe mit Vorwürfen, Drängen und Bitten nicht nachgelassen bis die
Tat dann schließlich geschehen sei. Nun erwies sich freilich der
Hauptbelastungszeuge für Grans, der Friseur im Zuchthaus zu Hannover,
als eine Heuchlertype, die selbst unter der Halunkengalerie dieses
Prozesses wohl jedem unvergeßlich bleiben muß. Ein glatter, aaliger,
hehliger, eleganter Mensch, Kriegsverletzter mit einer Prothese, kommt
auf seinen Stock gestützt und erzählt (moralgeschwollen, trotz endloser
Strafliste) von seinen heiklen Beobachtungen im Bahnhof. Er hat
Zeitungen gelesen, und so weiß er genau, daß Haarmann unter
Grans’ „erotischer Hörigkeit“ stand. Alles andere hat er sich
zusammengeklittert und will gern eine Rolle spielen. Er weiß wie
Wittkowski oben auf dem Perron, wie Grans im Vestibül, wie Haarmann in
den Wartesälen ein ganzes Mordsystem mit Signalen und Zinken organisiert
haben. Er weiß, wie die Knaben von Hans und Hugo ausgesucht und dann dem
Haarmann zum Erdrosseln übergeben wurden.
Dazwischen macht er „Schmonzes“: von Reichtum, den er selber besessen,
von großen Geschäften, die er einst unternommen hat und versichert: „Ein
deutscher Mann, der die Heldenzeit mit erlebt und im großen Kriege sein
Blut fürs Vaterland geopfert hat, _lügt nicht_.“ Es wird allmählich
klar: Mitgetötet oder Opfer „zugeführt“ hat Grans wohl _nicht_. Aber es
bleiben doch unaufgeklärt die großen Widersprüche in der Darstellung,
welche Haarmann gibt und in der, die Grans gibt. Es konnte immerhin
festgestellt werden, daß nicht Haarmann, sondern Grans die Holztruhe des
Getöteten (gleich nach der Tötung) vom Bahnhof abgeholt hat und daß
Grans viele Sachen sich aneignete. – Die braven Eltern erbitten sich,
ehe sie aus dem Gerichtssaal scheiden, einige Kleiderreste zum Andenken,
und tief bitter sagt die Mutter im Hinausgehen: „Die Hose kann sich
_Grans_ nehmen; sie ist ja so elegant.“ Grans wurde (wehe den Richtern!)
zum Tode verurteilt.