geb. 13. Februar 1906, verschwand Ende September 1923.
In die gräßliche Folge von Schreckensbildern kommt nun etwas Holdes und
Liebliches. Fünf arme Kinder, drei Brüder, zwei Schwestern bleiben
elternlos zurück. Die Mutter geht mit einem Geliebten auf und davon nach
Amerika. Der Vater, Gelegenheitsarbeiter, kränklich und arbeitslos, kann
die Kinder nicht ernähren. Er findet Arbeit in Eisenach, bleibt aber so
arm, daß er nicht einmal imstande ist, nach Hannover zu fahren, um unter
den Leichenteilen die seines verschwundenen Sohnes vielleicht zu
agnoszieren. Die ganze Last der Ernährung der vier jüngeren Geschwister
liegt auf dem ältesten Bruder Otto und der ist doch erst 20 Jahre alt.
Aber Gott sei Dank: er hat ein junges Mädchen gefunden, das ihm hilft.
Und dieses junge Mädchen und ihre wackeren Eltern, sowie eine Nachbarin
Frau Hoffmann, geb. Brause vertreten Elternstelle an den verwahrlosten
Kindern. Vor das Gericht tritt, schlicht und würdig, eine liebe, blonde,
gute hannoversche junge Frau. Sie trägt ein Kind unterm Herzen. Sie ist
zwanzig Jahre alt und hat täglich elf Arbeitsstunden. Sie heißt Anna
Wiedehaus. Und dies junge, zarte Ding ward die Mutter für fünf arme
Kinder, deren leibliche Eltern auf und davon gingen. Der zweite Bruder,
Richard, 17 Jahre alt, hatte eine große Sehnsucht: „Ich will nach
Amerika. Zu Mama.“ Eines Septembertages ging er auf und davon, in die
Welt hinaus. Nach zwei Wochen kommt er zurück. Er konnte ohne Paß und
Geldmittel nicht aus Deutschland herauskommen. Seine Sachen sind ihm
gestohlen. Er ist ausgehungert und übermüdet. Anna gibt ihm Essen. Er
erzählt flackernd: „Ich habe auf dem Bahnhof einen feinen Herrn
kennengelernt. Er weiß für mich eine gute Stelle auf dem Lande. Ich muß
gleich wieder hin; er will mit mir sprechen; verdiene ich genug Geld,
dann komme ich doch noch zu Mama.“ Er begrüßt noch schnell die Tante
Hoffmann und seinen Gönner, Kaufmann Dickhaut, stürzt dann zum Bahnhof
und kommt nie wieder. Die Nachforschung wird lässig betrieben, denn man
sagte sich: „Er ist vielleicht doch nach Amerika.“ Fast ein Jahr später
tauchen die Kleider des Gemordeten auf. Richards Anzug trug der Sohn des
Friseurpaars Wegehenkel. Der Bruder Otto sagt: „Ja, das ist Richards
brauner Anzug. Ich habe ihn oft aufgebügelt.“ – Den Ulster des Knaben
hatte die Engel vorsichtig in die Pfandleihe verschleppt.