geb. 1. Juni 1904, verschwand Ende Mai 1923.
Hans, der 20 Jahre alte Sohn des Kaufmanns Johann Sonnenfeld in Hannover
wurde seit Ende Mai 1923 vermißt. Er hatte zuletzt in der Fabrik Sichel
in Limmer gearbeitet, war dann auf dem Bahnhof in schlechte Gesellschaft
geraten, hatte sich eine Geschlechtskrankheit zugezogen und bummelte
nun. Nach einem Krach zu Hause wurde ihm der Hausschlüssel genommen. In
Wut darüber ging er davon. Er kam nicht wieder. Nur der vierzehnjährigen
Schwester Grete hatte er anvertraut: „Ich habe einen Freund, dessen
Braut ich bin.“ Alle Nachforschungen waren erfolglos. Erst ein Jahr
später, als die anderen Haarmannschen Morde aufgedeckt wurden, kam ein
Bekannter des Verschwundenen namens Grote (auch einer aus der jungen
Bahnhofsräuberbande, die im Bahnhofsvestibül, beim Schützenfest, auf der
Insel usw. herumstrolchten), zu den Eltern und erzählte ihnen: „Zuletzt
hab ich Hans mit Heinz Mohr gesehen. Sie hatten einen Teppich nach
Berlin verschoben.“ Wer aber ist Heinz Mohr? Unter einem ganzen Humpel
von jugendlichen Strolchen, Pennbrüdern, Fürsorgezöglingen,
Puppenjungen, welche alle den Verschwundenen gut kannten, erscheint nun:
Heinz Mohr, eine der psychologisch merkwürdigsten Figuren dieses
Kriminaldramas. Ein baumlanger, spirriger, hektischer, ganz schlaffer,
kompliziert brüchiger, aber zweifellos sehr verfeinerter Mensch steht
mit schambrennendem Antlitz vor Gericht und gesteht, daß er die
hinterlassene „Geliebte“ des Verschwundenen gewesen ist, daß sie
zusammen manche Gaunerfahrt gemacht haben, daß aber zuletzt nach der
Rückkehr von einer Gaunerreise Hans plötzlich verschwunden sei; jedoch
einige Wochen später, da habe er den _Mantel_ des Verschwundenen, einen
Schlüpfer (Ulster), _wieder_gesehen: an Haarmanns Leibe. Eine ganze
Reihe anderer junger Leute, dazu auch Grans, ebenso die beiden Dirnchen,
das schöne Dörchen und die nette Elli, ebenso Haarmanns Hehlerinnen
Engel und Wegehenkel und sogar der Freund und Kompagnon Sr. Ehrwürden
Herr Olfermann, alles beschwört übereinstimmend: „Ja, Haarmann, der
_vor_ Sonnenfelds Verschwinden einen schwarzen Mantel trug, trug einige
Wochen _nach_ Sonnenfelds Verschwinden einen gelben Schlüpfer mit
Fischgräten-Muster und stark paspeliertem Futter.“ – Aber es ist
merkwürdig: Haarmann, der sonst jeden Mord zugibt, wehrt sich gerade in
_diesem_ Falle verzweifelt und verwickelt sich dabei in schwere
Widersprüche. Zuerst gab er an, den Schlüpfer von Sonnenfeld (der im
ganzen Insel-Viertel allen bekannt war) _gekauft_ zu haben. Später
leugnet er überhaupt ab, einen solchen Schlüpfer _besessen_ zu haben.
Merkwürdig ist auch dieses: Auch der vom Sportverein gespendete Schlips
des Sonnenfeld, auch das von der Mutter selber gestickte Taschentuch und
auch der Wollschal des Verschwundenen fanden sich an bei Grans, bei der
Wegehenkel, und bei der Engel und so tauchte (da Haarmann gerade
_diesen_ Fall abstreitet) sogar der Verdacht auf, daß der ganze
Menschenknäuel um Haarmann herum von dem Verschwinden des ihnen allen
bekannten Sonnenfeld _wissen_ könne. Besonders dreht sich nun alles um
den ominösen „Schlüpfer“, aus welchem diese Leute alle ihren
_Entschlüpfer_ zu machen bemüht sind. Die größte Verwickelung aber
schafft dieses: Hans Grans tritt mit der Behauptung hervor: „_Den_
Schlüpfer, welchen _Haarmann_ trug, hab ich selbst für ihn verkauft. Für
20 Mark an ‚Gravörwilli‘.“ – Gravörwilli, ein dunkler Ehrenmann, wird
geholt und bestätigt Grans’ Aussagen, aber gibt an, daß der Schlüpfer
vernichtet sei, indem er ihn seiner Frau, der Sophie geschenkt habe, die
ihn zu Scheuertüchern verschnitt. Statt sofortige Haussuchung bei Sophie
anzuordnen, läßt das Gericht Gravörwillis Sophie holen, die unter Eid
versichert, daß Haarmanns, durch Grans verkaufter Schlüpfer nicht mehr
da sei. Aber nun hat man ja in der Tat einen _eben_solchen Schlüpfer
unter den von der Kleiderhexe Engel verschleppten Sachen _gefunden_. Er
liegt auf dem Gerichtstisch! _Ist_ er es oder ist er es _nicht_? Die
Fäden werden immer verwirrter, bis das in Rechts- und Unrechtsgeschäften
bestbewanderte Mitglied des Gerichtshofes der Angeklagte Grans
bescheiden vorschlägt: „Man kann ja doch den Schneider holen, der nach
Angabe der _Eltern_ den _Sonnenfeld_schen Schlüpfer gemacht hat.“ Nach
fünf Minuten ist denn auch der ganz in der Nähe wohnende Schneider
geholt und stellt fest, daß der auf dem Gerichtstisch liegende Schlüpfer
in der Tat der Sonnenfeldsche _ist_. – Aber was war nun _das_ für ein
Schlüpfer, den Grans für Haarmann an Gravörwilli verkaufte und Sophie zu
Wischtüchern zerschnitt? Wenn die Nachwelt das nicht erfährt, so liegt
es wohl hauptsächlich daran, daß das Schwurgericht Hannover die
Anfangsgründe der Kriminalpsychologie vernachlässigte. – Ein Zeuge hat
einen Kleiderstoff wiedererkannt und benennt einen zweiten Zeugen,
welcher ihn ebenfalls wiedererkennen _werde_. Man schickt sofort im Auto
den ersten Zeugen fort, um den zweiten zu holen, womit natürlich das
Zeugnis des zweiten a priori wertlos geworden ist. Man legt, wenn es
gilt einen Stoff wiederzuerkennen, nicht etwa drei oder fünf
Kleiderstoffe dem Zeugen vor und fragt: „Welcher ist es?“ sondern man
hält ihm das Objekt unter die Augen und fragt: „Ist es _dieser_?“ Dank
solcher Fehler wurde gerade _dieser_ Fall so verwirrt, daß der Mord an
Sonnenfeld (vielleicht der letzte im Hause Neue Straße 8; vielleicht gar
ein nicht von Haarmann allein verübter Mord) völlig unaufgeklärt blieb.