Alle Geräusche, die in dem dicken Nebel eingepackt gewesen waren, schallen

in der aufgehellten Luft. Das Gebell der Hunde, das Räderknarren,

der Schlag des Schmiedehammers und das Kreischen eines Hobels. Von dem

Gespräch, das zwei Frauen über die Straße weg miteinander führen, ist

jede Silbe zu verstehen. Und schon von weitem hört man das Schwatzen und

Gelächter der Kinder, die, nach ihrem Mittagessen, wieder zu den frommen

Schwestern gehen, um dort bewahrt zu werden, bis die Mütter aus der Arbeit

kommen. Von allen Seiten trippeln sie herbei, das Seeufer entlang, vom

oberen Dorf her durch die Wiesen, einzeln oder paarweis, ein sechsjähriges

oft schon der Schutz für jüngere Geschwister. In der entlaubten

Kastanienallee, der Kleinkinderbewahranstalt gegenüber, finden sie sich

zueinander. Sie vergnügen sich damit, die verfaulten feuchten Blätter mit

den Füßen aufzuwühlen, und um jede halbvertrocknete Kastanie, die sie im

Laub entdecken, gibt es ein Gerauf und ein Gepuff.

Die kleinen Mädchen, gesitteter, weil sie sich schwächer fühlen als

die Buben, mahnen: »Seids stad, Buben, gehts zua, Schwester Brigitte tuat

g'wiß schon auf eis warten.« Sie laufen über die Landstraße hinweg

hinüber zu der Schule; langsam trotten die Jungen hinterdrein.

Die Kleinkinderbewahranstalt liegt in einem alten Haus (es ist fünf

Fenster breit und trotz seiner beiden Stockwerke nur niedrig), dem man es

nicht ansieht, daß es nicht nur die Herberge der Ortskranken und Armen

ist, sondern auch das Haftlokal für Landstreicher und Trunkenbolde. Es

ist ganz in Efeu eingesponnen; eine Statue der Muttergottes, die im Giebel

thront, breitet ihre Arme wie segnend über die Blumentöpfe aus, die in

grünen Gitterbrettchen vor jedem Fenster stehen. Und wirklich blühen

unter ihrem Schutz noch ein paar leuchtend rote Nelken und Geranien.

Einen kleinen Vorgarten, in dem die Rosenstöcke in Stroh gebunden an

der Erde liegen, haben die Kinder zu durchschreiten. Dann klinken sie

die Haustür auf, treten im Erdgeschoß in eine zur rechten Hand gelegene

große Stube und begrüßen ihre Lehrerin mit einem gemeinschaftlich

geplärrten: »Gelobt sei Jesus Christus. Küß die Hand.«

Schwester Brigitte, ganz klein und schlank in ihrem schwarzen Kleid, der

grauen Haube, der weißen Stirnbinde um das rosige Gesicht, ist im Begriff,

dicke Decken auf den Fußboden zu breiten. Für die Allerkleinsten, die

gleich ihr Mittagsschläfchen halten sollen. Sie schilt die Kinder um

die Verspätung und um die Prügelei. Beim Schelten vertiefen sich die

Grübchen in ihren runden Wangen.

In den Kindern ist auch keine Furcht. Die Buben streiten in den Ecken

um die erbeuteten Kastanien, die Mädel hüpfen in den engen Holzbänken

herum, und wer ein Püppchen in der Tasche hat, holt es heraus. Nur die

mütterlichsten unter ihnen helfen der Schwester die Knirpse, die jetzt

ruhen sollen, hinzulegen und zu betten. Es sind Schreihälse darunter,

Neulinge, die Heimweh haben und sich in der Fremde nicht zufrieden

geben wollen. Sie schlafen schon, als ihnen noch die Tränen über die

beschmutzten Bäckchen laufen.

Schwester Brigitte wendet sich jetzt um (sie ist hingekniet, um ein

Dreijähriges einzuhüllen) und fragt: »Mögt ihr lieber in den Garten

gehen? Es ist heute noch so wunderschönes Wetter.«

»In den Garten!« Es ist ein Jubelruf. Und schon stürmen sie den

weißgetünchten Flur entlang, durch die Hintertür hinaus.

Der Garten ist eigentlich nichts als ein Stück Sandland inmitten grüner

Hecken. Neben einem Holzschuppen, in dem die Schwestern allerlei Gerät

bewahren, steht eine Linde mit bereits vergilbtem und zerzaustem Laub. Eine

Handvoll kümmerliches Gras sprießt in einer Ecke. Den Kindern ist der

Platz just um seiner Kahlheit willen lieb. Da hat's keine Angst, den

Rasen zu zertreten oder Blumen weh zu tun. Da kann man nach Herzenslust

herumtollen, Sandhaufen bauen und in der Erde graben.

Die Großen holen ihre Schaufeln aus dem Schuppen, ihre Eimerchen und

Karren, die Kleinen gucken ihnen zu oder klettern auf die rechts und links

von einem Holztisch in den Boden eingerammten Bänke und sonnen sich wie

träge kleine Tierchen. Und alle plappern zu gleicher Zeit mit schrillen,

hellen Stimmchen, die keine Modulierung haben, nur auf einen Ton gestimmt

sind, wie das Gezirpe junger Vögel.

Oben im zweiten Stockwerk liegt ein siecher Mann auf seinem Lager. Die

Sonnenstrahlen sind bis zu seinem Bett gesprungen. Sie tänzeln um ihn

herum. Förmlich an der Hand fassen sie ihn an und rufen: »Steh' auf, komm

mit uns. Schau, wie wundervoll die Welt ist.«

»Wenn ich nur könnt'!«

Mühsam richtet er sich auf. O weh! O weh! Wie schmerzt die leiseste

Bewegung. Aber die Sonnenstrahlen lassen ihn nicht los. »Komm,« rufen

sie, »steh' auf.« Langsam, mit unsicheren Händen, der Schweiß läuft

ihm dabei aus allen Poren, legt er Stück für Stück von seiner Kleidung

an. Schwer auf den Stock gestützt, schleppt er sich bis zum Fenster. Dort

fällt er auf einen Stuhl. Ein paar Augenblicke lang ist alles schwarz

vor seinen Augen. Dann aber schaut er auf. Himmel Herrgott, was für eine

Pracht!

Es ist vielleicht, weil er wochenlang nichts über sich gesehen hat als das

schwere Federbett, und nichts um sich als die vier weißen Wände seines

engen Zimmers, daß ihm dünkt, so ein Herbsttag sei noch nie dagewesen.

Und er trägt doch an fünfzig Herbste auf dem Buckel.

Und Farben! Der See so blau -- so blau -- wie die Enzianen auf der

Tapetzaner Wiese. Und so still bewegt wie die Brust von einem schönen

Weibsbild, wenn es liegt und schläft. Nur ganz hinten, der Klause zu, wo

zwei Segel schwimmen, licht wie ausgespreizte Möwenflügel, ist das Wasser

sanft gekräuselt. Und ringsherum die Wiesenhänge, grün und saftig wie im

Sommer, und die Wälder rot geflammt, gerade als ob Feuer aus den dunkeln

Tannen schlagen. Obenher die Berge bis hinunter weiß beschneit, für

Gletscher könnte man sie halten. Und darüber eine Luft! Es blitzt nur so

in der Luft von Freude und von Lustigkeit.

Eine Gier, krankhafter als die nach Tabak und nach Schnaps, die man ihm

beide vorenthält, faßt den Kranken an, diese Luft zu schmecken.

Er denkt sich: »Gehst halt hinunter« und verlacht sich gleich: »Du

Tepp, du Dalk! Grad' bis auf den Gang tät's vielleicht noch klenken.

Dann, perdautz, da liegst.« Inbrünstig betet er zu seinem Schutzpatron.

»Heiliger Josef, mach', daß eine von den Schwestern zu mir heraufkommt.«

Und weiß doch, daß sein Bittgesuch vergebens ist. Weiß, Schwester

Brigitte gibt jetzt im Garten Obacht auf die Kinder, derweil muß Schwester

Anna nach den Kleinen schauen, die im Zimmer schlafen. Schwester Maria

wäscht das Geschirr vom Mittagessen ab, und die Oberschwester Ursula

verirrt sich nur selten in die Krankenzimmer.

Es gelingt ihm, sich an der Fensterklinke hochzuziehen und die Flügel

aufzumachen. Eine Welle durchsonnter und mit Tannenduft durchwürzter Luft

strömt zu ihm ein. Das schmeckt -- o wie das schmeckt! Wenn's ihm nur beim

tiefen Atemholen nicht so in die Lunge stechen möchte.

Er denkt: »Könnt' ich doch im Garten in der Sonne sitzen!« Er schreit

hinunter: »Schwester Brigitte, Schwester Brigitte!« Das heißt, er

möchte schreien, aber es kommt ihm nur ganz heiser aus der Kehle.

Vielleicht steht ihm aber doch der heilige Josef bei. Oder trägt die reine

Luft so weit? Schwester Brigitte blickt herauf. Sie sieht das aschfahle,

verwüstete Gesicht, sie sieht die angstvoll bittende Gebärde.

Sie denkt: »Jesus, Jesus, wie kommt der sterbenskranke Josef Kirschenhauer

aus dem Bett ans Fenster? Geht's vielleicht mit ihm zu Ende? Und die

Kräfte flackern im letzten Augenblick noch einmal auf? Da müßt man ihn

ja schnell versehen lassen.«

Mit ruhigem, gelassenem Schritt, wie die Ordensregel ihn ihr vorschreibt,

steigt sie die Stiege aufwärts. Oben streckt der Josef die Arme nach ihr

aus, wie der Gläubige nach dem Bildnis des Gekreuzigten.

»Schwester Brigitte, tut mir eine Liebe, helft mir hinunter in den

Garten.«

Mit Festigkeit und Sanftmut redet ihm die Schwester diesen Einfall aus.

»Das ist unmöglich, Kirschenhauer. Das schafft Ihr nicht. Und es könnt'

Euch schaden. Und denkt nur, wenn Euch was passiert, ehe ...«

Sie spricht den Satz nicht bis zu Ende. Aber der Josef errät, woran sie

denkt, und der Atem geht ihm aus, wie wenn ihm wer aufs Herz geschlagen

hätte. Steht es so mit ihm? Aber dann erst recht ...

»Schwester Brigitte,« fleht er sie an, und seine Augenlider zucken wie

im Krampf, »ich möcht' halt so gern hinunter. Es ist eh' vielleicht

das letzte Mal. Ich werd' auch im Himmel dafür für Euch beten, und Ihr

verdient Euch Gottes Lohn.«

Er sagt das, weil er nichts Dringlicheres weiß, sie nimmt es völlig

ernst. Um Gotteslohn tut sie ja alles, betreut die kleinen Kinder, sorgt

für die Betrunkenen und die armseligen Pfründnersleute, wäscht und

füttert die Kranken. Und eine Fürbitte im Himmel, durch die sie näher an

Gottes Thron zu sitzen kommt, ist ihr das wertvollste Geschenk. Sie meint:

der Josef sieht auch wirklich besser aus, er hält sich wohl noch ein paar

Tage.

»Ich schau' gerad' hinunter in den ersten Stock, ob einer von den armen

Männern daheim ist.«

Niemand ist in den Armeleutezimmern, der Sonnenschein hat alle weggelockt.

»Also versuchen wir's in Jesu Christi Namen.«

Eine Plage ist's, den schweren Mann zu schleppen, den Gang entlang, über

die zwei Stiegen. So oft der Josef keuchend innehalten muß, beredet ihn

die Schwester, wieder umzukehren. Dann bettelt er, beschwört sie bei ihrer

jenseitigen Seligkeit, stellt ihr vor, wie die Himmelsfreuden durch die

Last der Erdentrübsal wachsen.

Endlich ist er im Garten angelangt. Die Kinder werfen ihm gemeinsam ihr

plärrendes: »Gelobt sei Jesus Christus. Küß die Hand« entgegen. Dann

holen sie auf einen Wink der Schwester einen alten Sessel aus dem Schuppen

und rücken ihn unter die entlaubte Linde, mitten in die pralle Sonne.

Seinen Willen hat der Josef durchgesetzt. Aber merkwürdig, so wärmen, wie

man es hätt' glauben sollen, tut ihn die Sonne nicht. Ein Frösteln läuft

ihm an den Gliedern hinunter. Wenn er nur besser hätte atmen können. Und

das Herz schlägt ihm wie ein Hammer an die Rippen. Er beißt die Zähne

aufeinander, über und über naß von der Anstrengung, der Schwester seinen

Zustand zu verbergen.

Die Schwester achtet nicht auf ihn. Sie hat vollauf zu tun, die Kinder, die

während des Alleinseins ganz verwildert sind, zur Räson zu bringen. Die

Resi Leitgeb und der Karl Bastl haben sich im Spiel vergessen und

heulen jetzt aus Angst vor Strafe (Schwester Brigitte hält sehr auf

Reinlichkeit). Der Seppel Beer und der Franz Stadler sind beim Raufen

hingeschlagen und beschuldigen sich gegenseitig. Die Mirzl Holzer weint,

weil ihr bang' ist und weil ihr die Nandl Stark, um sie zu trösten, den

Mund mit einem Kipfel stopfen will. Und sie laufen alle durcheinander wie

ein Volk aufgescheuchter Hühner und reden, singen, lachen, weinen alle auf

einmal.

Mit Gelassenheit stiftet die Schwester Ruhe, trocknet die Feuchten, trennt

die Kämpfer, beruhigt die Betrübten. Mit ihrer klaren Stimme sagt

sie dann: »Wir werden jetzt unser Krippenspiel probieren, die ›Frohe

Botschaft‹.«

Ihre wasserblauen Augen glänzen auf, als sie das sagt. Das Spiel zu Ehren

der Geburt des Herrn. Das Krippenspiel, der Brennpunkt ihrer Wünsche und

Gedanken, der Zusammenfluß aller ihrer irdischen Genüsse.

Andere Mädchen putzen sich, liebeln, tanzen, gehen in Theater und

Konzerte, Schwester Brigitte trichtert einfältigen Bauernkindern durch

Monate hindurch Verse ein, die ihnen unverständlich bleiben. Sie bückt

sich bei Tages- und bei Lampenlicht über die heiligen Gewänder und

überlegt: Ist das Kleid der Gottesmutter nicht schon ausgeblaßt?

Sollte man's nicht lieber wenden? Und verlangt der Josefsmantel nicht

ein haltbareres Futter? Sie frischt die Königsunterkleider auf. Das

scharlachrote des Kaspar kriegt blanke Borten, das weiße, das dem

Melchior gehört, muß neue Flittern und Fransen haben. Der grüne Leibrock

Balthasars ist gar auf der Brust zerrissen. Das Einsetzen der Flicken

muß man sehr eigen machen, daß die Nähte nicht zu merken sind. Und die

Flügel von den Engeln -- so ordentlich hat sie sie im vergangenen Jahr

doch eingepackt --, ganz grau sind sie geworden. Fleckwasser gehört darauf

und Kreide. Und sie wäscht die Wämser von den Hirten aus, bürstet an den

Mänteln der Trabanten. Und klopft und nagelt an den einfachen Kulissen,

vergoldet den Stern, den Wegweiser nach Bethlehem, klebt frische Pappe auf

den Stein, des Jesuskindleins hartes Lager.

Das schönste dann -- die stillen Sonntagnachmittage!

Im gemeinschaftlichen Wohnzimmer, dicht an dem weißen Vorhang, der zwei

enge klösterliche Betten deckt, steht das Harmonium. Die Oberschwester

setzt sich vor die Tasten, Schwester Brigitte stellt ihr Notenpult daneben

auf, nimmt ihre Violine. Sie üben miteinander das Vorspiel und die

Begleitung zu der Verkündigung der Engel. Ein himmlisches Konzert ist es

Brigitte. Während ihre arbeitsharte Hand den Bogen führt, spricht die

Seele: »Das tu' ich dir, Herr Jesus.« Ihr Herz -- es weiß, es sündigt,

ihm ziemt Demut und Entsagung -- ihr Herz schwillt und pocht vor Ungeduld.

Daß er schon da wäre, der große, große Augenblick. Und sie erlebt ihn

im vornhinein, im Geiste ...

Im Saal vom Löwengasthof sind alle Flammen des Lusters angesteckt.

Öllampen hängen zwischen Tannenkränzen und Büscheln roter Beeren an

den Wänden. In einer Ecke trägt ein Riesentannenbaum das Licht von vielen

bunten Kerzen auf den ausgestreckten Zweigen. Und es riecht nach Wachs,

nach Kiefernadeln und ein wenig nach dem Weihrauch aus dem Kessel König

Balthasars. Und die Gäste sitzen auf den aufgereihten Stühlen. Ganz vorn

Schwester Angelika, die Abgesandte aus dem Mutterhaus des Ordens.

Daneben Seine Ehrwürden der Herr Pfarrer und der Kurat. Hinter ihnen die

Ortshonoratioren und die Zugereisten. Aus allen Ortschaften rings um

den See, von den landeinwärts gelegenen Gehöften, aus der Stadt sogar.

Zuletzt die Bauern mit Angehörigen und Freunden. Die Mütter heben ihre

Kleinsten hoch, damit sie größer sind und besser gucken können. Und die

Dirndl und die Burschen drängen sich im Hintergrund. Es geht ein Summen

und ein Raunen durch die Menge. Ab und zu kreischt ein von Ehrfurcht

schnell ersticktes Lachen auf.

Und nun öffnet sich der Vorhang, das fromme Spiel beginnt. In diesem

Augenblick sind es für Schwester Brigitte nicht mehr einfältige

Bauernkinder, die in unverstandenen Versen, die sie ihnen durch Monate

hindurch mühselig eingetrichtert hat, die heilige Familie spielen. Es sind

ihr die Personen selbst. Die unbefleckte Jungfrau, Josef, ihr Gemahl,

die Könige aus dem Morgenland, die Hirten, die Trabanten. Alle wandeln

leibhaftig vor ihr auf der Erde, und was geschieht, ist Wirklichkeit.

Das Harmonium setzt mit dunkeln Akkorden ein, leise spielt die Violine. Der

Gesang erhebt sich. Engel sind aus den himmlischen Gefilden abgestiegen.

Sie künden das erhabene Geheimnis: Christus ist der Welt geboren.

Das Gotteslamm, der süße, unschuldige Jesusknabe, das Gefäß aller

Schmerzen, der Born aller Seligkeit. Der Heiland, dem sich in Liebe zu

ergeben unsagbare Wonne ist. Während Schwester Brigittes arbeitsharte Hand

den Bogen führt, vergeht sie innerlich in anbetender Sehnsucht. Fromme

Schauer laufen über ihren Leib, aus ihren Augen stürzen Tränen. Könnte

sie ihn doch umfangen, den Himmelsbräutigam, den Mund auf seine Wundenmale

drücken und in ihm vergehen.

Ein Abglanz dieser vorgefühlten Wonne verklärt auch jetzt Schwester

Brigittens Mienen, während sie die Vorbereitungen zum Probespiel der

»Frohen Botschaft« trifft.

Sie verteilt die Kinder. »Die, wo mittun, treten auf die rechte Seite. Ihr

anderen geht an den Tisch und spielt. Und ich bitt' mir aus, daß eine Ruh'

ist.«

Sie setzt an Stelle des Steins, auf den die todmüde Maria niedersinken

soll, eine Fußbank und winkt dem Nannerl Stark, das die Maria spielt.

Das Nannerl, siebenjährig, flachsblond und untersetzt, bohrt verlegen in

der Nase. »Na, Nannerl,« ermahnt die Schwester, »fang' doch an.« Und

sie sagt ihr leise ein: »Wie bin ich so erschöpft und matt ...«

Das Nannerl muß erst noch ein paarmal schlucken, dann fängt es an. Das

Hochdeutsch klingt in seinem Mund wie eine fremde Sprache, es dehnt die

Silben und gibt jeder gleichen Wert. Seine Mimik besteht darin, bald

den rechten, bald den linken Arm automatisch auf die Brust zu legen und

seitlich wieder auszustrecken.

»Wie bin ich so er--schöpft und matt

Vohn uhn--srem Gan--ge in die Stadt.

(Armbewegung nach der rechten Seite.)

Wie sehnt sich Leib und See--le nuhn,

Einmal ein biß--chen aus--zu--ruhn.

(Armbewegung nach der linken Seite.)

* * * * *

Der Josef Kirschenhauer fährt in die Höhe. Ihn friert. Im Halbschlaf

tastet er um sich. Die Tuchent ist ihm sicher weggerutscht. Er murmelt:

»Zenzel, hörst, ich glaub', ich muß davon -- es wird schon Tag.« Als er

die Augen aufschlägt, ist er ganz verwirrt. Gerad' war er noch im Kammerl

bei seinem Schatz. Und jetzt ... er kennt sich nicht gleich aus. Erst nach

und nach ...

Ach so! Er sitzt ja im Armenhaus, im Garten, ein schwacher, kranker Mann.

Das heißt: schwach ist er wohl, kaum, daß er sich noch auf dem Sessel

halten kann. Aber krank? Nein, krank ist er nimmer. Weg sind die Schmerzen

und die Stiche. Nur so komisch leicht ist ihm im Kopf, wie wenn man ihm das

Hirn herausgenommen hätt'. Er muß sich ordentlich besinnen: »Wie bin ich

denn dahergekommen?«

Richtig, richtig. Er lacht. Ein hilfloses, verschlucktes Lachen. Das muß

man sagen. Sakrisch ist er in die Höh' gekommen, in dem Haus. Zuerst war

er zu ebener Erde einlogiert, auf einer Holzpritsche, Brot und Wasser neben

sich. Damals in der Nacht. Der Mordsrausch! Und hat er nicht im Gemeindeamt

die Fenster eingeschlagen? Und da hat man ihn halt eingeführt. Er will

wieder lachen, aber es zuckt ihm dabei um die Augen wie ein Krampf. Der

Josef Kirschenhauer. Der lustigste und frischlebigste Bursch im ganzen

Dorf. Mit seinem mud'lsaubern Schatz, der Zenzi. Freilich arm wie die

Kirchenmäuse alle zwei. Er ein Holzknecht und sie die Sennerin auf der

Gruberalm. Wie erst das Kind gekommen ist, haben sie sich beide arg hart

getan.

Der Josef greift sich an die Stirn. Ganz schwindlig ist ihm von dem vielen

Denken. Und die Zunge trocknet ihm im Gaumen.

»Gelt, Baberl,« sagt er zu einem kleinen Mädel, das dasteht, glotzt und

an ihrem Daumen lutscht, »gelt, Baberl, du gehst mir um a Wasser?«

Die Kleine nimmt den Finger aus dem Mund.

»I heiß nicht Babi, i heiß Resi.«

Nicht Babi? Dem Josef ist doch gerad' gewesen, wie wenn sein Töchterl vor

ihm steht, die Babi. Akkurat so blonde Lockerl hat's gehabt, und akkurat so

hat's geglotzt damals beim Abschied, wie er nach Bayern gegangen ist, um

zu verdienen. »Heul' nicht aso,« hat er der Zenz gesagt, »ich komm bald

wieder.« Und war dann zwanzig Jahre weggeblieben.

Das waren Zeiten. Bis nach der Türkei hinunter hat's ihn getrieben.

War ein Geld da, hat er mal etwas der Zenz geschickt, hat's ein andermal

vertrunken und verjuxt. War kein Geld da, hat er gehungert und gefroren.

Und hat vom Wanderleben doch nicht lassen können.

Der Durst -- der Durst. Und die Resi kommt nicht mit dem Wasser. Der Josef

beugt sich vor, er ruft: »Schwester Brigitte, Schwester Brigitte.«

Die Schwester überhört den Ruf, sie ist ganz vertieft in ihre Probe.

Nein, über diese Buben. Wissen doch, jetzt kommt die Szene, wo sie als

Hirten um ein Feuer sitzen sollen und sich was erzählen. Aus den Ecken

muß sie sie zusammenklauben. Und wie sie ausschauen.

»Putz dir die Nase, Franzl.«

»Mathias, hast dir schon wieder nicht die Hosen richtig zugeknöpft!«

Endlich hat sie sie beisammen. Sie hocken an der Erde, jeder seinen

Hirtenstab zur Seite, wärmen ihre Hände an der Fußbank, die ihnen jetzt

als Reisigfeuer dient, und stieren schweigend vor sich hin.

Himmlischer Vater, wird das am Heiligabend auch so werden?

Die Schwester stößt den Franzl an. »Ah! heunt is's aba ...«

Wie aus einem Uhrwerk, das man aufzieht, schnarrt es aus dem Franz heraus:

»Ah! heunt is's aba orndli frisch,

I bin schon kalt, als wiar a Fisch.

Is das a Kälten! -- es is a Graus,

Ma halt's schon warli nima aus«

und schnappt dann ab.

Es gibt eine Pause.

»Mathias, jetzt bist du dran,« drängt die Schwester. »So sitz di

halt ...«

»So sitz di halt a zum Feuer her,« schreit plötzlich der Mathias.

»Schau, mi' friert jetzt gar nimmermehr.«

Wieder gibt es eine Pause. Der Hansel muß sehr ermuntert werden, ehe er

stockend flüstert:

»Dafür ist der Himmel so hell und klar

I woas koan Nacht, daß amal so war.«

Der Nazel dagegen leiert seinen Vers so hastig, daß die Silben

durcheinander purzeln.

»Ja -- dö Stern göb'n heunt an bsundan Schein,

Und schaun ganz eigen lusti drein.«

Mühsam, mit vielen Aufenthalten, schleppt sich das Gespräch der Hirten

weiter. Über die Bedrückungen der Römer, und wie alles sehnsüchtig

auf den Messias hoffe. Bis Michel, holterdipolter (wie einen mit Steinen

beladenen Karren schiebt er seine lange Rede vor sich hin) von dem frommen

Mann erzählt und von der zarten, wunderlieben Frau, die, Herberge suchend,

auf die Straße hinausgestoßen wurden.

»Und so Leut', dö dö Fremden und dö Arman,

Fortjag'n und sich gar nöt dabarman --

Dö stat an Herzen hab'n nur a Bröt --

Dö mag a unser Herrgott nöt.

Und d'rum, toats mas nöt übelnehma,

Drum mag da Messias a nöt kema!«

»... Ja, ja,« murmelte der Josef für sich hin. In seinem Kopf vermischt

sich Spiel und Wirklichkeit. »Ja, ja.«

So hat er auch dahergesessen mit seinen Kameraden, oft ganze Nächte durch,

und hat sich mit ihnen was erzählt. Manch einer war darunter, der an Gott

und Teufel nicht geglaubt und an den Pfaffen kein gutes Haar gelassen hat.

Und wenn die Rede auf die Weibsleute gekommen ist, da hat der Josef auch

sein Stück bestanden. Stark und gesund ist er damals gewesen. Bis dann in

Kroatien, wie sie den großen Wald geschlagen haben, das Unglück über ihn

gekommen ist. Gerad' neben ihm und halb auf ihn die Eiche. Ein Wunder, daß

sie ihn nicht gleich totgeschlagen hat. Und dann drei Monate im Spital, und

aus dem Spital heraus per Schub nach Haus. Ojemine! _Das_ Heimkommen! Die

Zenzi, ein vergrämtes Weib, das Weib von einem anderen, das Baberl in der

Stadt in Dienst, die alten Freunde tot oder kalt und fremd geworden. No

ja, wer kennt auch gern so einen, wie der Josef jetzt ist, ein Fallot, reif

fürs Armenhaus, eine Last für die Gemeinde. Und hätt' sich noch bedanken

sollen für die Wohltat. Mit noch drei Krüppeln in einem engen Kammerl

sitzen, mit dreißig Kreuzer täglich ausgehalten. Und jetzt, seit es gar

so schlecht mit ihm geworden ist, sogar wie eine Herrschaft ganz allein

im zweiten Stock, in einem Krankenbett. Allein -- Tag und Nacht allein mit

seinen Schmerzen. Oje! Oje!

In das verworrene Gedenken, aus dem sein ganzes Leben schattenhaft an ihm

vorüberhuscht, zuckt wie ein greller Blitz die Erinnerung an das Wort der

Schwester: »Wenn Euch was passiert -- ehe ...«

Die Schultern hochgezogen, die Arme an die Brust gepreßt, krümmt sich der

Josef. Unwillkürlich rückt er aus dem Schatten, der schon einen Teil des

Gartens deckt, in die Sonne, die bereits langsam ihre Kraft verliert,

als könne er damit aus dem Todesschatten in das Sonnenlicht des Lebens

flüchten.

Zu Ende? Aus? Für immer aus? Und nachher ...?

Er ächzt, er biegt sich in großen Qualen hin und her. Er ruft:

»Schwester Brigitte, Schwester Brigitte!«

Schwester Brigitte ist ins Haus gegangen. Sie holt die Violine und stimmt

sie erst, bevor sie wiederkommt.

Der Josef hat früher oft über das Nachher nachgedacht. In den Nächten,

wenn er unter einem Baum gelegen ist, auf einem Kopfpolster von Moos.

Ganz still ist es dann nach und nach um ihn geworden. Und doch lebendig.

Gerad' wie wenn die Natur atmen tät und aus dem Traum heraus ganz leise

reden. Wenn dann der Mond aufgegangen ist, hat sich der Baum mit seiner

Krone und mit seinen Ästen über ihm gewölbt, wie das Dach von einer

Kirche, die aus Silberfiligran gesponnen ist. Und die Sterne haben wie

goldene Augen durchgeschaut. Und wenn auch kein Mondschein war, ganz

finster ist es nie geworden. Immer ist so ein unbestimmtes Licht von

irgendwo gekommen. Bis ein leichter Wind aufgestanden ist und hat den Wald

geweckt. Ganz verschlafen hat es dann gezirpt, gehuscht, getuschelt. Und

immer lichter ist es in der Luft geworden, bis auf einmal der Himmel ganz

in Flammen war. Wie ein rotglühender Ballon ist die Sonne aufgestiegen,

und es ist ein Jubilieren angegangen um sie herum. So, hat der Josef sich

gedacht, mag's an dem Tag gewesen sein, wo Gott die Welt vollendet hat. Ihm

war dann gewesen, wie wenn er das Zwitschern, Fliegen, Wehen um sich

her verstehen könnt', wie wenn er auch nichts anderes wär' wie ein

Eichkatzel, ein Specht, ein Buchenblatt. Ganz fromm ist ihm zumut gewesen.

Er wär' am liebsten hingekniet und hätt' gebetet: »Herr Gott, ich danke

dir. Ich bin aus dir herausgekommen; wenn meine Zeit da ist, werd' ich

getrost wiederum in dich hinübergehen.«

Nachtgespräche · 第 8 / 9 段