in der Bangigkeit der letzten Stunde verläßt ihn seine Zuversicht. Ein
Schrecken würgt ihn -- wie wird es ihm ergehen? Gibt es vielleicht doch
Fegfeuer und Hölle -- wird er seine Sünden büßen müssen? Das Fieber
beutelt ihn, jedes Haar sträubt sich auf seinem Schädel, seine Zähne
schlagen aufeinander. Krampfhaft preßt er die Finger ineinander:
»Vater unser, der du bist im Himmel, vergib uns unsere Schuld.« Und
immerfort dasselbe: »Vergib uns unsere Schuld.« Immer schneller. Wie
ein Feuerrad dreht sich ihm der Satz im Hirn herum. Er bäumt sich auf, er
fuchtelt mit den Armen in der Luft ...
* * *
Schwester Brigitte führt den Bogen sacht. Um die Kathi Leitgeb nicht zu
übertönen, die schüchtern, in jedem Ton das Pochen ihrer Kinderangst,
die Verkündigung des Engels singt:
»Hirten! Wachet auf!
Hirten! Wachet auf!
Eilt hinunter in das Tal,
Und dann schauet in den Stall;
Denn geboren ward
Dort ein Kindlein zart,
Das von Adams Sündenfall
Euch erlöset all.«
Aus rauhen Kehlen, aber mit dem Zauber, der in dem Klang von unschuldigen
Stimmen liegt, antwortet der Chor der Cherubim:
»Ehre sei Gott in der Höhe!
Lieblicher Friede
Sei aller Welt!«
... Des Josefs Hände lösen sich. Sein Mund beruhigt sich in einem weichen
Lächeln.
Der Baum ... er liegt darunter ... die Krone wölbt sich wie das Dach von
einer Kirche ... die Sterne schaun mit goldenen Augen durch. Ganz deutlich
kann er nicht verstehen, was die Vögel in den Zweigen singen, er fühlt
nur, wie etwas unsagbar Lindes, Tröstliches in die Bedrängnis seines
Wesens fällt ...
* * *
Schwester Brigitte steht versonnen. Der letzte Violinenton verzittert auf
den Saiten.
Da zupft sie etwas.
»... Ja? ...«
»Schwester Brigitte,« sagt die kleine Resi, »komm, dem fremden Mann ist
schlecht.«
Jesus, der Kirschenhauer! Den hat die Schwester ganz vergessen. Längst
müßte er oben sein. Es ist schon viel zu kalt für einen Kranken. Sie
geht hinüber.
Der Josef Kirschenhauer lehnt auf seinem Sessel. Ganz klein ist er
geworden. Der Kopf ist ihm auf die Brust gesunken. Verklärung liegt auf
seinen Zügen.
Mit der frohen Botschaft in den Ohren ist er eingeschlafen.
[Illustration: Decoration]
Die Nacht fing an sich zu entfinstern. Eine graue Dämmerung überkroch
den Horizont. Im Hause kreischte eine Angel. Die Magd mochte in den Stall
gegangen sein. Uns fröstelte.
Ohne Verabredung, als wir die Schwelle unserer Nachtherberge überschritten
hatten, wechselten wir, wie zu unausgesprochenem Gelöbnis, einen
Händedruck. Dann traten wir den Rückweg an. Ein jeder in seine unbekannte
Zukunft.
[Illustration: Decoration]
Verlag von Paul List in Leipzig
Demnächst erscheint:
Lena Christ
Bauern
Bayerische Geschichten
Geheftet ca. M. 5.50, gebunden ca. M. 7.50
Unerschöpflichkeit der Kraft und Urwüchsigkeit, seltene Vielseitigkeit
des Schauens und Schilderns, heiliger Ernst und lachender Humor sind Lena
Christ wie wenigen eigen. Ihr neuestes Werk »Bauern« zeigt sie in
der Fülle ihrer Gestaltungskraft, aus der heraus ihr das zarteste
Stimmungsbild wie der derbste Schwank zu gleichen Meisterstücken geraten.
Das Buch gehört zum Besten, was über Bauern und Volkstum geschrieben
worden ist.
Mit mehrfarbigem Umschlagbild
Verlag von Paul List in Leipzig
Verlag von Paul List in Leipzig
Ferner im Erscheinen:
H. von Mühlau
Das Glück nach der Liebe
Roman
Geheftet ca. M. 7.--, gebunden ca. M. 9.--
Ein Erziehungs- und Entwicklungsroman, ein Werk von kulturgeschichtlicher
Bedeutung. Es behandelt das heute im Vordergrund des Interesses stehende
Problem des Hineinwachsens der Frau in ihre gegenwärtig so gänzlich
veränderte soziale Stellung. In eigenartig fesselnder Weise gestaltet die
Dichterin ihren Stoff und wird so zur Künderin unserer Zeit.
Mit mehrfarbigem Umschlagbild
Verlag von Paul List in Leipzig
Verlag von Paul List in Leipzig
Ferner im Erscheinen:
E. Bonn
Die Mündung
Roman
Geheftet ca. M. 7.50, gebunden ca. M. 10.--
Robert Kohlrausch
Das große Geheimnis
Roman
Geheftet ca. M. 5.50, gebunden ca. M. 7.50
Mit mehrfarbigen Umschlagbildern
Verlag von Paul List in Leipzig
Von
Auguste Hauschner
erschienen früher:
Romane
Abschied -- Lehrgeld -- Kunst -- Zwischen den Zeiten -- Die Familie
Lowositz -- Rudolf und Camilla (2. Teil der »Familie Lowositz«) -- Die
große Pantomime -- Die Siedelung -- Der Tod des Löwen
Novellen
=Dr.= Ferenczy -- Die Unterseele -- Daatzes Hochzeit
Dialoge
Frauen unter sich (Zwölf Gespräche)
[ Hinweise zur Transkription
Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.
Darstellung abweichender Schriftarten: _gesperrt_, =Antiqua=.
Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden
Ausnahmen,
Seite 2:
"verklammte" geändert in "verklemmte"
(verklemmte Türen aufzureißen)
Seite 72:
"," eingefügt
(die Schwelle des Gartenhäuschens rollte, trat er) ]