_Kyll_ (der angestrengt hinübergehorcht hat): Was haben Sie dem Mann

von mir gesagt? (Zu Truck.) Eben hat er mir versichert, ich sei so

unterhaltend, die ganze Nacht möchte er mit mir zusammensitzen. (Zieht

einen Revolver aus der Tasche.) Warum hast du gelogen -- Kerl!

_Broß_, _Truck_, das _Mädchen_: Zu Hilfe! Zu Hilfe!

_Kyll_ (mit vor Erregung erstickter Stimme): Ihr Feiglinge! Ihr Lumpenpack!

Ihr -- anderen -- (Er erschießt sich.)

[Illustration: Decoration]

Wir hatten alle den nämlichen Gedanken. Der grauhaarige Herr am Ofen hielt

uns zurück.

»Wenn er Ernst gemacht hat, kommt ihr doch zu spät.«

Mark Crystoll sagte trübe: »Er hat seine Todesleidenschaft gestaltet. Das

kühlt sie ab.«

»Der Unberatene. Meint, er kann ein Ende machen. Und kann doch nichts als

zu einem Tor hinausgehen, um durch ein anderes wieder zu erscheinen.«

Wir waren sparsam mit den elektrischen Laternen umgegangen. Trotzdem hatten

sie sich allmählich verzehrt, bis auf eine, die auch eben im Begriff war

auszulöschen. Die unbekannte Stimme war mit der Dunkelheit verschmolzen.

Es war nicht zu unterscheiden, wem sie angehörte.

»Auch ihr,« sprach es aus dem Unbekannten weiter. »Kurzsichtige. Mit

eurem Klagen und Verneinen. ›Ja‹ müßt ihr zu eurem Leben sagen. Und

›So will ich dich‹. Denn ihr wißt, mit allem seinem Schmutz und Elend

kommt es immer wieder zu euch zurück.« Dann wieder, mühsam, stockend,

wie aus innerem Grauen aufgestiegen:

»Oder kennt ihr es noch nicht, das schreckhafte, das apokalyptische

Geheimnis? Ach,« es ächzte wie aus einer Pein, die sich doch an ihrer

Einzigkeit berauscht, »daß ich verurteilt sein muß, seine Siegel vor

euch zu zerbrechen.«

Ich weiß nicht, wie es den übrigen erging. Mich steigerte die in Schleier

eingehüllte Herkunft dieses feierlichen Anrufs in eine erwartungsvolle

Stimmung. Es wäre mir Verletzung meines Feingefühls gewesen, hätte der

Unsichtbare das Pathos, mit dem er, wie aus einem tiefen Schacht, letzte

Dinge seines Fühlens aus der Seele holte, in hellem Lampenscheine vor uns

ausgebreitet. Die Verkündigung der abgeklärten Buddhalehre, von Nietzsche

unter Qualen umgewertet in Übermenschlichkeit.

[Illustration: Decoration]

Von ewiger Wiederkunft

Er liegt am Rande des sanft zum See gesenkten Ufers, von hochgewachsenen

Farren überdacht. Zu seiner Rechten, auf dem Hügel, um den die

Großstadtleute sich geschwätzig und geputzt ergehen, weiß er die Tafel

mit den wie vom Schicksal in den Stein gegrabenen Zeichen:

»Die Welt ist tief

Und tiefer als der Tag gedacht

. . . . . . . . .

Weh spricht: Vergeh'!

Doch alle Lust will Ewigkeit --

-- will tiefe, tiefe Ewigkeit!«

Er glaubt, ein Echo dieser Worte in dem Murmeln der anschlagenden Wellen

zu vernehmen. Wenn er die Augen schließt. Wenn er sie öffnet, ist der

schwere Klang verweht, und er sieht in ein Meer von Glanz und Duft. Die

Wasser jauchzen, und der See blüht. Wie ein Garten, wie ein Beet von

blauen Enzianen, über die ein Heer von weißen Schmetterlingen fliegt. Die

hinscheidende Sonne wirft aus dem Westen Purpurrosen auf die blaue Pracht,

sie durchglutet die Segel, die sich wie große Möwenflügel spreizen, und

das Gebäude, das vom jenseitigen Ufer grüßt, verklärt sich durch ihren

goldenen Abendschein zum Märchenschloß.

Den Ruhenden unter dem Farrendickicht schmerzt diese Pracht und

Fröhlichkeit. Die Augen zu. Dunkelheit um sich geschaffen. Und dem dumpfen

Laut gelauscht, mit dem die Brandung zu den Kieseln spricht:

»O Mensch! Gib acht!

Was spricht die tiefe Mitternacht?

Ich schlief, ich schlief ...«

Als er erwacht, findet er die Welt um sich vertauscht. Wie ein guter

Hausverwalter, wenn der letzte Gast gegangen ist, die Lampen abdreht und

Tücher auf die Seidenmöbel und die festlichen Geräte wirft, so hat der

späte Nachmittag hinter den letzten Sonnenstrahlen alle Farben ausgeblasen

und über Tanz und Spiel der Wellen einen mißtönigen Flor gebreitet.

Fahl und flach liegt der weite Spiegel; vor dem Märchenschloß, das ihn

begrenzt, ist ein grauer Vorhang zugezogen.

Der Ruhende springt auf. Ihn fröstelt. Und er schreitet kräftig aus,

um den steif gewordenen Gliedern die Geschmeidigkeit zurückzugeben.

Die Halbinsel gehört ihm nun allein. Die Spaziergänger sind vor der

einbrechenden Dämmerung geflüchtet, und bereden den Alltag jetzt in

aufgehellten Räumen.

Ihn, der gekommen ist, um in den Spuren eines Einsamen zu wandeln, graut

vor der Gemeinschaft mit den Vielzuvielen. Er läßt die Wohnstätten der

Menschen hinter sich und sucht sich den schmalen Weg, der, der Wagenstraße

gegenüber, sich an die Windungen des Wassers schmiegt.

Immer dichter sind inzwischen die Dünste hochgestiegen, haben sich

geballt und rechts und links zur Mauer aufgerichtet. Alle Wirklichkeit

ist abgetrennt. Nichts gegenwärtig als das Angedenken dessen, der seine

kränksten Nöte und seine lachendsten Genesungen hier auf und ab getragen

haben mochte. In der großen Stille scheint der Boden wie entsühnt von der

Berührung mit den Massen, die seitdem durch ihren Tritt die Fußspur eines

Ungewöhnlichen entweihten. Und auf leisen Sohlen schleichen die Schatten

der Vergangenheit herbei.

Vielleicht an dieser Stelle war vor dem Dichter das helle

Mittagsstundenwunder aufgetaucht. Hier hatte er vielleicht gesessen, »ganz

See, ganz Mittag, ganz Zeit ohne Ziel. Da plötzlich, Freundin, wurde eins

zu zwei und Zarathustra ging an mir vorbei«. Und hier vielleicht, ein

andermal, in einer Finsternis wie dieser, wie im Urchaotischen gefangen,

mochte er mit dem Doppelgänger Brust an Brust gerungen haben. Ihm die

feindliche, die mörderische Waffe zu entreißen.

Der Wanderer stöhnt auf.

Wie er jetzt körperlich den Wegen des Verkünders folgt, so war er

ihm auch geistig nachgegangen. Und war an der Schwelle einer letzten

Ausgangspforte einem Gespenst begegnet. Qual und Marter, ihm ins Gesicht zu

sehen! Glich es nur dem Meister? Trug es nicht die eigenen Züge? Hatte es

nicht längst im eigenen Leben tückisch lauernd dagelegen, um in bangen

Stunden den Gefolterten zu überfallen?

Ewige Wiederkunft? Kein Entrinnen aus dem Kreis des Ekels und des

Überdrusses!

Mag sein Fuß die schmale Grenze überspringen, die das feste Land vom

Wasser scheidet: es behält ihn nicht, es bringt ihn wieder.

Immer wieder auf das Rad geflochten ... »Krumm ist der Pfad der

Ewigkeit.«

Nein! Seine Schultern tragen die Last dieses Gedankens nicht. Ihm fehlt die

Kraft, den Kopf der Natter abzubeißen, um ihn lachend auszuspeien. »Ist

das das Leben? Wohlan denn: noch einmal!« Er ist nicht brünstig nach dem

hochzeitlichen Ring der Wiederkunft.

Ihm wird zumut, als wachten alle Peinen auf, die hier jahrelang versteinert

im Gebüsch gelegen haben, und stürzten sich auf ihn, um ihn zu schrecken

und zu würgen. Der Wahnsinn krallt sich in ihn ein, Verlassenheit, das

verzerrte Abbild der königlichen Einsamkeit, greift nach ihm mit kalten

Knochenarmen. Er läuft und läuft ... Er fühlt, was zu sehen ihm

der Nebel wehrt, daß der Waldweg sich verbreitert, daß seine Sohlen

Wiesenboden treten.

Von irgendwoher wehen abgerissene Laute zu ihm hin. Menschenstimmen. Er

saugt sie gierig ein. Tastet sich zu ihnen hin. Etwas Lichtes durchzittert

den feuchten Brodem. Der Fuß stößt an ein Hindernis, wagt sich behutsam

ein paar Stufen aufwärts. Die ausgestreckte Hand rührt an eine Holzwand,

faßt eine Messingklinke, drückt sie herab: ein Tor geht auf ...

Ein Glashaus, in dem zwischen hohen Palmen leichte, aus Stroh geflochtene

Möbel stehen. Dahinter der weite Saal. Grellweiß mit zopfiger Vergoldung.

Von der Decke, an metallenen Ketten, geschliffene Kristalle, in denen

Glühkörper wie Blumen blühen. Unter ihrem strahlend grellen Schein ein

Mischmasch von surrenden und summenden Geräuschen. Gespräch, Gelächter,

das Rascheln weicher Seiden, das Schleifen kostbarer Brokate. Frauennacken,

die tief entblößt aus Tüll und Spitzen steigen, mächtige Frisuren, von

Reihern bekrönt und mit diamantenen Kämmen festgehalten. Aus dem bunten

Durcheinander sticht das dumpfe Schwarz der Herrentracht hervor und die

einförmige Blankheit der steifgestärkten Hemdenbrüste.

Inmitten dieses Wirrwarrs von Schattierungen und Tönen ein grün-roter

Farbenfleck, wie aus einer Riesentube hingeschleudert. Die roten, grün

besetzten Wämser und Barette der Italiener, die eben ihr Konzert beginnen.

Mit einem Ritornell zum Lobe Neapels. Sie stehen aufrecht, wie von ihrem

Enthusiasmus aufgeschnellt, und schmettern mit begeisterten Gebärden

gemeinsam den Refrain heraus:

=Dolce Napoli

O suol beato

Ove sorridere

Volle il creato.=

Den Mann, der aus dem dunkeln Grauen in den hellen Leichtsinn tritt,

erfaßt ein Schwindel. Er flüchtet in eine der Nischen, um deren Rundung

ein silbergrauer Diwan läuft. Er läßt sich in das Polster sinken und

winkt einem der Diener, die, im blauen Frack mit messinggelben Knöpfen,

durch die Menge laufen. Der beäugelt mißtrauisch den Gast, der wagt,

im Sportdreß, den Nachttau in den verwühlten Haaren, in diese festliche

Versammlung einzutreten. Doch die Gebärde, von der der Befehl, eine

Flasche Sekt zu bringen, begleitet wird, ist so gebieterisch, daß sich die

Lakaienseele duckt.

Auch der übrigen Gesellschaft ist der Fremde aufgefallen, der so

rücksichtslos der hergebrachten Sitte trotzt. Man einigt sich: so kann nur

ein Deutscher sich vergessen. Und er ist auch wirklich blond, blauäugig

und, trotz seinen langen geraden Gliedern, ein bißchen unbeholfen. Nur

seltsam, daß der junge Kopf schon an den Schläfen graue Fäden zeigt.

Und was für ein Kontrast zwischen den breiten, festen Flächen des

oberen Gesichts und dem zurückfliehenden Unterkiefer. Die Musternden sind

geneigt, ihn für einen Skandinaven zu halten. Man gibt zu: gegen Stoff und

Schnitt des beanstandeten Knickerbocker sei kein Einwand zu erheben. Und

das Gebaren dieses Außenseiters habe einen Zug von Vornehmheit. Manches

Mädchen denkt: holt er mich heute wohl zum Tanz?

Er, blind für Beobachtung oder Kritik, ist ganz erfüllt von dem

beglückenden Bewußtsein: ich bin geborgen. Über die Schwelle dieser

billigen Karawanserei wagt sich der Spuk der Nachtgesichte nicht. Zweimal

schon hat er den hohen Kelch geleert. Eine wohltuende Wärme legt sich

besänftigend auf seine Brust.

Da kommt ihm von irgendwoher eine Hemmung seines Wohlbehagens. Was ist

es, das an seinen Nerven zerrt? Er sucht die störende Empfindung

wegzustreichen. Vergebens. Sie umschwirrt ihn wie ein lästiges Insekt. Er

hebt den Kopf und begegnet einem Augenpaar, das sich fest und unbekümmert

in das seine bohrt. Den Augen eines Weibes.

Schön? Bizarr. Wie eine fremdländische Tropenblume. Wie ein kostbares

Geschmeide, in einer uralten Kultur entdeckt.

Rostbraunfarbige starre Haare umschließen in schweren Wellen eng die

schmalen Schläfen. Der vorgewölbte Mund schneidet brennendrot durch

die gelblich blasse Haut der Wangen. Die Augen, mit grünlichen Pupillen,

stehen etwas schräg gegen die kleine, gerade Nase. Ein weißes Pannekleid,

rosig angehaucht wie das Innere einer Muschel und in jeder Biegung von

irisierenden Reflexen überrieselt, steigt hoch hinauf bis zu den kleinen

Ohren. Und sie ist juwelenlos. Nur auf der Stirn liegt, von einem dünnen

Kettchen festgehalten, ein schimmernder Opal. Sehr jung ist sie dabei; und

so mädchenzart, daß man den feisten, kahlköpfigen Herrn, der neben ihr

hinter seiner Zeitung fast verschwindet, für ihren Vater halten könnte,

wenn nicht die Besitzermiene, mit der er, den Arm um sie gelegt, von Zeit

zu Zeit ihr etwas zuflüstert, verriete, daß er ihr Gatte ist. Sie achtet

weder seines Redens noch seines Verstummens. In dem Armstuhl, der für

ihre schmale Gestalt viel zu weit ist, lehnt sie sich ein wenig vor, ein

Lächeln teilt ihre Lippen, die Augen haften fest an ihrem Gegenüber.

Er wendet sich beinahe ungezogen ab. Aber das Fluidum, das von ihr zu ihm

hinüberströmt, dringt ihm in alle Poren. Sie zwingt ihn zu sich, wie

durch Zauber. Er sieht das Blut in ihren Adern kochen, er sieht, wie die

Wünsche in ihr auf und nieder steigen. Das Idiom der Zungen würde sie

wahrscheinlich trennen. Ohne Worte verstehen sie einander gleich.

»Du,« sagt sie zu ihm; »du!«

Es trifft ihn wie ein Kuß.

Und ohne seine Antwort abzuwarten, fährt sie fort: »Mir ist, als kenne

ich dich lange. Du gefällst mir. Sehr gefällst du mir.«

Von ihrer Liebkosung entzündet, wehrt er sich gegen ihre buhlerische

Zärtlichkeit. »Was sprichst du so zu mir, dem Fremden, und sitzest doch

an der Seite deines Ehemannes?«

Sie hebt verächtlich ihre Achseln. »Ehemann? Richtig; das ist wohl einer

seiner Namen. Er hat noch andere. Phil und John und Will. Ich mußte ihm

alle geben, als ich mich ihm verkaufte. Mich frei von Elend und von Schande

kaufte, frei für Luxus, Glanz und Liebe.« Wie ein Schlänglein läuft

ihre rote Zungenspitze über die weißen, spitzen Zähne. »O wie ich

hungere nach Liebe!«

Die Musikanten stimmen nach kurzer Unterbrechung wieder ihre Instrumente.

Über abgerissene Akkorde, die nur auf Tonika und Dominante stehen, hebt

sich die sentimentalisch süße Melodie. Der Tenor, ein tiefbrauner Bursche

von quecksilberner Beweglichkeit, beklagt die Launenhaftigkeit seiner

Geliebten.

»=Dimmi, dimmi nenella mia bella

pechè staje affaciate? pechè?=«

Er bettelt um ein gutes Wort:

»=Quanno me dice che me vuó bene

tutte le pene me faie scordà.=«

Die Arme zu einer Huldigung gerundet, die allen Damen dieses Kreises gilt,

lockt er sein Mädchen zum verliebten Stelldichein. Und seine ungeschulte

aber weiche Stimme tremuliert heftig in der Übertreibung seines feurigen

Gefühls.

»=Si tu nenella mia viene comme

Uh! quanta cose t'aggio a di cantanno

Jo! quanta cose t'aggio a fai sapè.=«

Ein Hauch von Lust fächelt die Gesellschaft, die, von der Höhenluft

erregt, sich nach reichem Mahl zu müßiggängerischem Tändeln hier

zusammenfindet. Schultern drängen sich näher aneinander, heiße Finger

streifen sich, Fußspitzen begrüßen sich in heimlicher Begegnung.

Den Einsamen in seinem Winkel überkommt die weiche Stimmung, von der

er sich doch sagt, daß sie eine Täuschung seiner müden Sinne ist; die

Sehnsucht nach einem zweiten, dem er sein Ich verschmilzt, um es reiner und

erhöhter wieder zu empfangen.

Von drüben fliegt der Spott wie scharfe Pfeile auf ihn zu. »Du Tor

spekulierst und grübelst: und das heiße Leben rauscht an dir vorbei.

Greif' zu! Genieße!«

»Und meine Seele?«

Rasch läuft das Schlänglein ihrer roten Zunge über den vorgewölbten

Mund. »Sorgst du um deine Seele? Armer Narr! So hast du das Weib der

großen Seligkeit noch nie besessen. Wie? Das Wunder, daß zwei Menschen

miteinander in dem Nichts vergehen, aus dem sie einmal herausgekommen sind,

wäre nichts als ein Gefühl der Haut? Und wo bliebe denn die Seele in dem

rätselhaften Augenblick, in dem die Körper außer sich, über sich hinaus

geraten? Ins Uferlose, Unbegrenzte, außer Zeit und Raum, ohne Anfang,

ohne Ende, nur Wonne und geniale Ahnung, wie sie Gott durchschauert haben

mögen, da er die Welt erschuf.«

Er, innerlich gefangen, wehrt sich in den Maschen ihres Netzes. »Schlange!

Kluge! Listige! Was versuchst du mich zu lügender Erkenntnis?«

Um die rotgrüne Musikanteninsel kräuselt eine lärmende Bewegung.

Kastagnetten begleiten den Klang von Geige, Cello, Tamburin und Mandoline.

Und indem die Italiener ihre Instrumente streichen, schütteln, zupfen,

singen sie zu gleicher Zeit und drehen sich in kecken Sprüngen. Eine wilde

Tarantella, wie sie das Volk an seinen Festen tanzt.

»=Jammo a bedere nterra a l'arena,

mento che spanfia la luna, li

pescatore de Merglina.=«

Der Rhythmus der jagenden Triolen reißt das Blut der Hörer mit. Die

Leiber und die Beine zucken, verlangend kehrt die Jugend sich zu der Tür

des Tanzsaals, der eben aufgeschlossen wird. Und die Tarantella rast noch

immer, und die Musikanten jubeln, schreien.

Durch den Wirbel der Atome geht der Strom magnetisch von dem Weib mit den

rostbraunfarbigen Haaren zu dem Mann, der einsam in seinem Winkel sitzt.

Er ist wie eingehüllt in die Glut ihres Begehrens. Er erschauert unter

dem liebkosenden Getaste ihrer Finger, ihre weißen Zähne graben sich in

seinen Hals, er fühlt die Knospen ihrer jungen Brüste an den seinen, ihre

Flechten, aus ihrem Zwang gelöst und von ausspringenden Löckchen wie von

kleinen Flämmchen überflattert, begraben seinen Atem unter ihrem schweren

Duft. Sie gibt ihm die Wollust tausender im heißen Spiel der Liebe

erträumter Nächte in einem kurzen Augenblick. Die ganze Weibheit hält er

mit ihrem schlanken Leib in seinem Arm.

Betäubt, entfestet, ohnmächtig gegen die Naturgewalt zu kämpfen, gibt er

sich ihr widerstandslos hin.

Erobererhochmut tritt in ihre Züge, da sie seine Unterjochung fühlt. Sie

erhebt sich und entbietet ihm noch einmal ihren Willen, daß er ihn in die

Gefolgschaft ihres Kleidersaumes zwingt.

Er zögert, beschwert von trauriger Ermattung. Der Kontakt ist

unterbrochen. Der Funke sprüht nicht zwischen den konträren Polen auf.

In einer Sekunde des Besinnens richtet sich das unbegrabene Skelett des

gespenstischen Gedankens vor ihm auf. Die ganze Weibheit hat er in ihrem

schlanken Leib genossen. Tausende heißer Nächte haben sich ihm in einen

kurzen Augenblick gepreßt. Weil sein Gedächtnis tausend zugefallene

Pforten der Erinnerung aufgebrochen hat, um ihm vertausendfacht sein Ich zu

zeigen, wie in einem Raum mit tausend Spiegelwänden.

Ja, er erkennt es wieder, sein ewiges Erlebnis. Stets das gleiche. Die

Flucht aus der Wüste der Askese in die Üppigkeit der Lebensgier. Und

Licht, Musik und Tanz. Und das Weib. Immer das gleiche. Der Brennpunkt

aller Illusionen. Und wenn ihr Wesen, bis zur letzten Falte ausgespäht,

keine Rätsel mehr zu bieten hat, ein Gewicht, das in die Niedrigkeit

hinunterzieht, das mißachtete Gefäß eines schal gewordenen Trunkes.

... Wie berückend die Erscheinung in dem weißen, rosig überhauchten

Sammetgewand, in jeder Biegung von irisierenden Reflexen überrieselt. Eine

einzige mitten in der Allgemeinheit. Ein künstlerisch vollendetes Gebilde

der Sansara.

Wie mit Ketten reißt es ihn wieder zu ihr hin. Zwischen Verlangen und

Verzicht ertrinken ihm die Sinne, nur an eine feste Vorstellung geklammert:

Dies ist die Stunde der äußersten Entscheidung. Jetzt oder niemals

durchbrichst du dein Geschick. Jetzt oder nie tritt das Göttliche in dir

die erdenschwere, schuldbeladene Materie nieder.

Und es lichtet sich um ihn wie Morgenröte. Ihm ist, als klimme er auf

einen Gipfel, tief unter sich die bunte Sinnenwelt.

Sieg! Triumph! Er hat den Ring der ewig gleichen Wiederkunft gesprengt. Er

kann wunschlos eingehen in Nirwana.

Von dem inneren Kampf zerbrochen, geht er langsam zu der Ausgangstür und

faßt die Klinke. Ein Blick noch, wie ihn der Abscheidende den Erdendingen

zuwirft, bevor er sie verläßt ...

Das Bild hat sich verändert. Die Italiener sind in den Tanzsaal

übersiedelt und locken mit dem wiegenden Dreivierteltakt eines

schmeichlerischen Wiener Walzers. Und schon naht einer, der sich vor der

Frau mit den rostbraunfarbigen Haaren tief verbeugt und dem sie die Gunst

gewährt, sie minutenlang an sich zu drücken.

Der Mann, der bereit ist, sich von der Erbsünde zu lösen, macht eine

hastige Gebärde zu den beiden hin. Noch einmal in den Fängen seiner

Menschlichkeit. Und die Unruhe, die ihn durchrüttelt, entwurzelt in ihm

einen schrecklichen Verdacht.

Wie, wenn ihn die Erkenntnis äffte? Wenn die Wahrheit, der den Schleier

abzureißen er sich vermaß, sich ihm nur um so undurchdringlicher

verhüllte? Und gerade dieses sein ewig wiederholtes Fatum bliebe:

zu verdammen, was er heiß ersehnt? Kraftlos vor dem Entschluß

zurückzuweichen und einem Kühneren das Glück zu überlassen, das in der

Phantasie schon sein gewesen ist?

Der Angstschweiß bricht ihm aus. Alles wankt und schwankt um ihn herum.

Eine leise Stimme will ihn trösten: »Es ist deine Jugend, die sich gegen

dieses letzte Opfer bäumt.«

Er glaubt sich nicht. Er hat das Vertrauen zu sich verloren. Und sagt sich

mit wehmütiger Bitterkeit: »So werde ich die Probe machen müssen.«

Drückt die Klinke nieder. Und geht durch Nebel und Verlassenheit an den

See zurück.

... Hinter ihm lachen die Violinen.

[Illustration: Decoration]

Auch dieser Gast verschwand. Ganz leise. In das Schweigen, das er

hinterließ, fiel ein sehr alltägliches Geräusch.

Der Grauhaarige hatte an seinem Feuerzeug geknipst für eine seiner vielen

Zigaretten. Er steckte die Zündschnur noch einmal in Brand und half der

Nachbarin ein Kerzenende aus ihrem Reisesacke kramen. In Schlupfwinkeln von

Männertaschen wurden Wachsstreichhölzer aufgestöbert.

In dieser unzureichenden Beleuchtung sahen wir, wie sich die Frau in

Nonnentracht erhob, die beim Instandsetzen der kahlen Kammer wacker

mitgeholfen hatte, um sich dann, als sei jede Minute Müßiggang ein Raub,

den Nadeln ihres Strickstrumpfs zuzuwenden. Jetzt legte sie die Arbeit

nieder und faltete die Hände.

»Ach, meine lieben Schwestern und Brüder, mein Herz ist bis zum Rand

gefüllt mit Traurigkeit um euch. Wie ihr alle aneinander leidet. Wie ihr

einander weh tut und eins sich nach dem anderen doch sehnt und nach ihm

sucht und an ihm vorbeitappt in die Einsamkeit. Das kommt daher: Jeder von

euch ist zu viel mit sich selbst beschäftigt, ihr seid beständig hin und

her gerissen von Wollen und Verlangen. Ihr habt nicht mehr den Glauben.

Nein,« schnitt sie Bedenken in uns ab, noch ehe sie sich regten, »ich

will euch nicht bekehren. Nennt ihn Jehova, Jesus Christus, Gott oder

Natur. Nur daß euch eine Zuversicht gegeben ist, an die ihr euch vergeßt,

eine Frömmigkeit, an der ihr euch beruhigt.«

Ihr klares, gütiges Organ, etwas eintönig, als seien im Gebet seine

feinen Schwingungen ertötet, aber unendlich wohltuend, gleich einer

Auflösung der vorhergegangenen Dissonanzen, schilderte das kleine Haus, in

dem sie demütig dem Herrn diente.

Habe ich ihre Absicht recht verstanden? Und sie in meiner Wiedergabe

richtig ausgedeutet? Daß sie uns an einem Beispiel lehren wollte: das

Nichtwissen schließt die höchste Weisheit in sich ein.

[Illustration: Decoration]

Frohe Botschaft

Herbstnebel! Er überspinnt das ganze Dorf, umflort die Häuser, hängt

graue Tücher vor die Berge und über das Gesicht des Sees. Die Sonne müht

sich vergebens, ihn zu durchdringen, er verzehrt ihre Strahlen und frißt

ihren Schein, daß sie fahl am Himmel steht wie eine Tote. Da tun sich die

große Turmuhr und der Wind zusammen. Die Turmuhr schleudert zwei Schläge

und dann noch elf gegen die geballte graue Masse, der Wind springt

hinterher und bläst aus vollen Backen. Von obenher bohrt sich die Sonne

durch. Und Schall und Wind und Wärme reißen den Brodem auseinander. Noch

klammert er sich am Gebirge an und raucht aus den Schluchten. Aber als

der Mittag ausgeläutet wird, findet er den Himmel reinlich ausgefegt. Die

letzten grauen Fetzen, zwischen Felsen eingeklemmt, haben die Kraft nicht

mehr, sich festzuhalten. Sie verflattern zu Fahnen, lösen sich in Flocken

auf und vergehen in den Tannenwipfeln. Nichts bleibt mehr von dem Dunst

zurück als ein zarter Silberhauch, der wie ein Schleier über den sanften

Umrissen der Landschaft liegt.

Nachtgespräche · 第 7 / 9 段