ungünstiger Kriegsberichte bei den Zugereisten und beschließen eben,
einen Dolmetsch an sie abzusenden, als sich ihr Interesse einem anderen
Schauspiel zuwendet. Ein Mann, mit einem achtjährigen Jungen an der
Seite, kommt von der Höhe der Landstraße herab. Wie mit der Schere
ausgeschnitten, steht er im Rahmen der betannten Forste, vor dem hellen
Hintergrund der Luft. Seine hageren Glieder sind in die Röhre eines
fettglänzenden Kaftans eingepreßt, ein Filzhut deckt die ungepflegten
langen Haare, die sich mit enggerollten Schläfenlöckchen an den roten
Bartwuchs schließen; des Sohnes Gestalt ist dieser wunderlichen Leib- und
Haartracht lächerlich getreues Widerspiel. Die Tschechen lachen auch; mit
der Grausamkeit des Kindes, das dem Schwächeren achtlos weh tut, meckern
sie den beiden ein »Handelevuh« entgegen; die Südtiroler, ganz mit sich
beschäftigt, achten der Vorbeigehenden nicht. Der Jude aber läßt die
sanften, schwermütigen Augen lange auf den Fremden ruhen. Er denkt:
»So habt ihr freien Christen jetzt auch an euch erfahren, was es heißt,
entrechtet und verjagt zu sein.« Die Vorstellung der selbst erduldeten
Mißhandlung ist ihm noch ganz nahe, sie knebelt seine Seele, sie zwingt
ihn, sich in ein Gespräch mit seinem unmündigen Sohn zu flüchten.
»Jakobleben, erinnerst du dich noch?« Kann das Hirn des Kindes je
vergessen, wie sie sich im engen Raum verängstigt einander drückten: er
und die Großmutter, der Onkel, die Eltern, die Schwestern, die Bruderfrau
mit ihrem Säugling, den sein Vater, weil er im Felde steht, noch nicht
kennt? Mit Geratter und Geknatter jagt ihnen der Donner der Geschütze
näher zu. Sie wagen nicht, die Lampe anzuzünden. Die Frauen stöhnen, die
Männer, in die Gebetriemen gewickelt, murmeln Todespsalmen. Horch! Klingt
es jetzt nicht, als sei der Fluß aus seinem Bett getreten und wälze sich
heran? Ein verkneultes Brüllen, Trampeln, Splittern, Stürzen. Jemand
trommelt an die Scheiben. »Sie kommen, die Russen ziehen sich hierher
zurück. Flieht, flieht, daß sie euch nicht finden und erschlagen!« Die
Grenze von Galizien ist nicht weit; in drei Stunden kann ein Rüstiger die
Strecke überwinden. Welche qualvoll lange Nacht vergeht der kraftlosen
Familie, ehe sie ihr Ziel erreicht! »Jakobleben, erinnerst du dich noch?«
Der Knabe nickt. Hat er doch den Säugling tragen müssen, als dessen
Mutter niederbrach. Die Schwestern stützten ihren Onkel, der Vater
buckelte bald die Ahnin auf und bald die Ehefrau, manchmal faßten seine
Arme beide. Sie kommen eben im Galizischen zurecht, um in den Sturmwind zu
geraten, der alle Juden aus der Gegend fegt. »Was meinst du, Jakobleben,«
fragt der russische Pole, »ob man die Südtiroler auch in offene Viehwagen
verladen hat wie uns, durch Sonnenglut und Unwetter gefahren, dann wieder
ausgeladen und hinter Bahnhofsschranken, eingepfercht wie Schafe, den
langen kalten Nächten schutzlos preisgegeben?« Und doch, sie sagen es
einander, sind sie Bevorzugte des Glückes. Das Ungestüm der Fliehenden in
jener Nacht war wie ein Keil in die Masse der gehetzten Wanderer gestoßen;
da mochte mancher am Wege gestrauchelt und verkommen sein. Sie aber hielten
sich umschlungen, halbnackt, beschmutzt, verhungert, doch vereint. Und
das Reich, zu dem sie nicht gehörten, forschte nicht; sie waren eben
mitgeschwommen in dem Meer von Elend, das sich von Osten her ergoß.
Aus der Sicherheit des Hafens blickt der vertriebene Jude die verjagten
Südtiroler an: »Beneidenswert seid ihr trotzdem. Ihr dürft Gebete
schicken eurem Gott, daß er euern Waffen Sieg verleihe. Was aber sollen
wir, wenn wir vor ihm im Staube liegen, aufschreien zu Jehova aus unserer
großen Not? Können wir ihn anflehen: Führe uns zurück in unser
Vaterland, wo doch steht auf seiner Schwelle der Henker mit dem Messer, das
uns sticht?«
Den Weg entlang, den sich die Übung bahnte, durch die tiefen Furchen
seitlich der gekrümmten Nase, rinnen dem Juden schwer und langsam die
Tränen über das verkümmerte Gesicht. Und wie um sich vor seinem Sohn zu
erklären, sagt er leise: »Die Heimat ist für jeden eine Mutter. Fragt
einer, ob die Mutter häßlich ist, ob schön? Man hat sie lieb, man ist
aus ihr geboren, in ihren Schoß will man sich niederlegen, wenn man müde
ist. Kein Kraut ist so gering, es verlangt nach mütterlicher Erde. Uns hat
sie ausgestoßen, wir haben keine Ruhestätte in der weiten Welt.«
[Illustration: Decoration]
So unheimlich nahe hatte uns in dieser Nacht der Flügelschlag der Zeit
noch nicht gestreift. Unsere eigenen kleinen Nöte hielten ein paar
Sekunden lang den Atem an.
Unser aller?
Ein Mann trat in den Vordergrund. Nichts Merkwürdiges an ihm als
die Augen, die wie Zangen nach uns faßten und unsere Erscheinung,
so undeutlich sie hervortrat in dem kargen Licht, in sich einzusaugen
schienen. Er schalt mit uns. Da habe er nun stundenlang gesessen und
unserer Unterhaltung zugehorcht. Nichts, mit einer Ausnahme (er nickte
zu dem heimlichen Poeten), als Brotsorgen, Liebesgram, Heimweh,
Nationalitätenstreitigkeiten. Immer habe er gelauert: brüllt denn nicht
endlich einer auf: die größte Marter ist die Kunst.
»Ihr alle, scheint es, wißt nichts von der Kunst, sie ist euch kein
Bedürfnis. Ich bedauere euch. Erdenwürmer, ohne Flügel, euch ins Licht
zu retten. Ich beneide euch. Ihr kennt die Folter nicht, von der Idee
verfolgt zu werden wie von einem Raubtier, das uns hetzt. Wie ein
Besessener ringt man mit dem Werk, das man nicht fassen kann, das einen
äfft. Ja, ich bin so ein armer Schächer.« Er schnippte mit dem Finger in
die Luft. »Habt keine Angst. Es gibt keine Tragödie. Nur eine Anekdote.
›A lustigs Stückl‹ würde Aloys sagen.« Er saß nieder und kreuzte
seine langen Beine. »Also die Geschichte von Mark Crystoll und der
Sonnenblume.« Er unterbrach sich. »Das heißt, der Mark Crystoll, das bin
natürlich ich.« Als ob er sagen wollte: ich mach' euch keine Flausen vor.
Aber es paßt mir besser, von mir zu sprechen, wie von einem Dritten.
[Illustration: Decoration]
Die Sonnenblume
»Nun hab' ich's aber satt.« Hubert Bach schleuderte das Ei, das er in
Händen hielt, so heftig auf den Frühstückstisch, daß seine Schale
weithin splitterte, »vier Tage lang setzt man uns dieselben Eier vor.«
»Woher weißt du das?«
»Ich habe sie bezeichnet, siehst du hier das Kreuz? Und das sogenannte
Rauchfleisch ist auch schon dürr wie Holz.«
Er warf ein paar von den papierdünnen Schnitten auf den Fußboden und
zertrat sie.
»Staub werde, was aus Staub geboren ist.«
Mark Crystoll war erschreckt. Er bückte sich, um die Fleischatome
einzusammeln. Als er sah, daß sich Scott, Huberts langhaariger Pintscher,
bereits damit befaßte, steckte er das aufgeplatzte Ei ängstlich in die
Tasche.
»Wir sind doch nicht des Essens halber hier.«
»Des Verhungerns halber auch nicht. Das Land ist anderswo auch schön, man
muß nicht gerade im allerschmutzigsten Wirtshaus Hollands sitzen.«
Er stand auf und reckte sich.
»Komm, Scott, wir wollen uns in Leyden beim ›Löwen‹ den Magen wieder
auskurieren. Ja, sieh mich nur verächtlich an, Mark, ich bin außer Maler
auch noch Mensch und kann nicht bloß von schönen Motiven leben. Apropos
Motiv, ich habe ein wundervolles Nachmittagsmotiv gefunden. Sieh's dir
heute mal mit mir an.«
Da die Antwort ausblieb, pfiff er seinem Hund und ging.
Mark Crystoll atmete erleichtert auf, als er sich allein sah.
Was für ein Rohling, dieser Hubert. Das Geheimnis der Arbeit preiszugeben,
es zu pöbelhafter Gemeinsamkeit anzubieten. Als ob das, was eines anderen
Augen gesehen haben, noch den geringsten Wert besitzen könnte. Er nahm
sein Handwerkszeug und ging den Weg, der ihm zum Leidensweg geworden war.
Auf seinen Wanderwegen war ihm vor kurzer Zeit ein vereinzelt liegendes
Häuschen aufgefallen, dessen Alter eine eigenartige Innenbauart vermuten
ließ.
Der Eingang war verschlossen, und im Hintergarten, dessen Zaun an eine
grünversumpfte Wasserstraße grenzte, fand er keinen Menschen. Leer war
auch die Sommerlaube, das Taubenhaus und der Schweinekoben. Nichts lebte
in der Einsamkeit als die mächtige, vollerblühte Sonnenblume. Hoch
aufgereckt, daß ihr Stern das schwarze Schindeldach erreichte.
Das satte Gelb inmitten dieser dumpfen, fahlen Farben fesselte des Malers
Auge. Nach einer Stunde kehrte er zurück und war beglückt, die Insassin
des Häuschens daheim zu finden.
Doch die alte Frau, die mürrisch in der kleinen Küche herumhantierte,
hatte auf alle seine Worte nur ein steinernes »Nee, das tu' ich nicht«.
Er bat. Fünf Sitzungen -- nur vier -- nur drei, er verdoppelte die
Zahlung.
Sie blieb bei ihrem »Nee, das tu' ich nicht«.
Als er, vom Eifer fortgerissen, näher an sie drängte, wies sie ihm die
Tür.
»Und daß Sie mir nicht wiederkommen, sonst hol' ich die Polizei, Fie
Verheest läßt nicht mit sich spaßen.«
Seitdem umkreiste er den kleinen Garten. Das Verbot hatte das Verlangen
aufgereizt. Was nur ein Wunsch gewesen, wurde zur Begierde.
Auch heute war das Haus verschlossen. Doch die Alte war daheim, er hörte
das Klappen ihrer Holzschuhe.
Der Gedanke kam ihm: ein Fußtritt in das morsche Holz. Und so ein altes
Weib ist leicht überwältigt. Erschreckt von seiner Leidenschaft lief er
davon.
Noch nie hatte ihn das Wesen Huberts so abgestoßen. Das Lärmen mit dem
Hund, das Fluchen über das zähe Kuhfleisch, den petroleumdurchdufteten
Rosinenreis.
Als er abends heimkam und mit behaglicher Zufriedenheit seine Arbeit
zeigte, einen Allerweltskanal, mit Allerweltsgeschicklichkeit breit
hinuntergestrichen, fühlte Mark etwas wie Haß gegen seinen Freund.
Er selbst hatte die Stunden müßig vor sich hingebrütet. Alle seine
Skizzen hatte er hervorgeholt, sie in selbstquälerischer Stimmung
mißlungen und geheimnislos gefunden und an sich verzweifelt.
Sehnsucht nach dem kleinen Garten bohrte sich in seine Seele. Die
Sonnenblume, zu der ihn anfangs nur Form und Farbe lockte, war ihm ein
Symbol geworden. Ein Symbol der hellen Lebensfreude im grauen Einton der
Alltäglichkeit.
Er sah das Leuchten ihres glühenden Gesichts, das Wiegen ihres schlanken
Stengels. Ihm war, als könnte er mit diesem ungestillten Wunsch im Herzen
nie mehr etwas leisten.
Es ließ ihn nicht mehr los, verfolgte ihn, während er mit Hubert den
gewohnten Abendgang nach der nächsten Schenke machte; quälte ihn,
während er rauchend und schweigend zwischen den rauchenden, schweigenden
Bauern saß. Und auf dem Heimweg durch die stillen Wiesenstraßen besiegte
es den Willen und trat als Klage auf die Lippen. Daß Mefrouw Verheests
Eigensinn ihm die Arbeit töte.
»Fie Verheest, die verrückte Fie?«
»Du kennst sie?«
»Die kennt jeder hier im Dorf. Sie ist durch Unglück menschenscheu
geworden und furchtbar fromm. Über die hat nur der Pfaff Gewalt. Soll ich
mit ihm sprechen? Er hat mir neulich lange beim Malen zugesehen. Bei der
Gelegenheit hab' ich ihm seinen Jungen photographiert. Nun sind wir gute
Freunde. Na, zerdrück' mir nur die Finger nicht.«
Noch ein Vormittag unruhiger Erwartung, dann kam die Botschaft.
»Die Kirche hat gesiegt. Fie öffnet dir ihr Gitter.«
»Und Hubert, höre -- du besuchst mich nicht, nicht wahr?«
»Fällt mir nicht ein.«
So war das Ziel erreicht. Doch trübte Crystolls Glück noch manche Wolke.
Fie nörgelte an der Erlaubnis. Länger als zwei Stunden dürfe er nicht
bleiben, dann müsse sie aufs Feld und dulde keinen Fremden in ihrem
Besitztum.
Und Hubert, als wollte er seinen Freundschaftsdienst wieder ungeschehen
machen, war doppelt unausstehlich. Bei Tisch vergaß er sich so weit, das
Fleischstück einem Jungen durch das Fenster zuzuwerfen.
»Daß ihm's nur kein Loch in den Magen reißt.«
Crystoll entsetzte sich. Wenn die Wirtin von dieser neuen Schmach für ihre
Küche erfuhr, war keine Stunde Bleibens mehr für beide Künstler.
So, bedrängt von allen Seiten, arbeitete er so hastig, als es ihm seine
aufmerksame Art erlaubte. Die Zeichnung war bereits in Kohle aufgerissen,
nun legte er die Farbe an.
Wieder fühlte er in allen Nerven den Reiz des Vorwurfs. Den äußerlichen;
was für Töne saßen in dem alten Holzwerk, in den Mauerrissen, in dem
Sumpfkraut. Und den innerlichen, unaussprechbaren. Den lachenden Triumph
des Lebens in dem schwarzen Flecken Erde, durch die strahlend helle Sonne
der erblühten Blume.
Die Minuten flogen. Fie mochte ihr Verbot vergessen haben über der
Beschäftigung, ihr Haus zu säubern für den Sonntag. Crystoll hörte sie
umhergehen, bürsten, plätschern und reiben.
Plötzlich unterbrach sie sich mit einem Aufschrei, dem ein Hundebellen
folgte und der Ton von Huberts Stimme.
Übles ahnend, eilte Mark hinzu. Und sah Scott aus allen Zottelhaaren
triefend, auf der reingeseiften hellen Matte stehen, Fie mit einem Besen
hinter ihm. Während Hubert lachend sich bemühte, ihr zu wehren.
»Na, gebt Euch, Mutter Fie. Es tut mir selber leid. Hier habt Ihr einen
Gulden, kauft Euch Seife zu einer neuen Wäsche.«
Zu Crystoll sagte er:
»Das Tier hat gerade ein Bad genommen im Kanal und hat dich im Vorbeigehen
aufgespürt.«
Mark war keines Wortes mächtig. Schnell ging er in den Garten, zitternd
vor der Strafe, die ihn für Scotts Verbrechen treffen würde.
Fie aber war ganz still. Von neuem fing sie an, zu waschen und zu bürsten
und sah nicht auf, als Mark beim Weggehen noch zwei Gulden Schmerzensgeld
auf ihre Lade legte.
Eine schwüle Stimmung lastete auf den zwei Freunden an dem arbeitslosen
Sonntag. Zum erstenmal in all den Wochen ging Crystoll nicht des Abends mit
zum Bier. Und als er sich am nächsten Morgen Fies Häuschen nahte, schlug
ihm das Herz, als wartete verbotene Liebe hinter jenem Gitter.
Gottlob, das Haus war offen und Fies Gruß sogar vergnügter als
gewöhnlich.
Der Maler lief nach hinten. Stutzte, rieb sich die Augen. Er war wohl
falsch gegangen. Das war doch nicht sein Garten, dieser wüste, leere
Winkel.
Auf einmal wußte er's.
Er stürzte in die Stube.
»Wo ist die Sonnenblume?«
»Ich hab' sie abgeschnitten. Jetzt werden mir die fremden Hunde nicht mehr
das Haus versauen.«
* * * * *
Als Hubert von der Arbeit heimkam, fand er den Tisch für sich allein
gedeckt.
»Mijnheer Mark Crystoll ist abgereist. Dort hat er einen Zettel
hingelegt.«
Hubert las.
»Ich hatte nur die Wahl, den Hund zu töten oder unsere Freundschaft. Ich
ließ den Hund am Leben.«
[Illustration: Decoration]
»Oh du!«
Ein Seltsamer stieß diese beiden Silben aus. Er hatte, auch als das Zimmer
wärmer wurde, nicht seinen abgeschabten Lodenmantel abgelegt. Ich hatte
denken müssen: vielleicht um die Armut zu verdecken, die er darunter
birgt. »Oh du!« Er sprang Mark Crystoll an, bohrte in ihn seine Blicke.
»Du Mittelmaß, du Kleinheit. Du bist noch lange nicht in den Kern der
Verdammnis eingedrungen. Auf der Oberfläche krabbelst du herum. Du wirst
noch lange vegetieren und Bilderbogen pinseln.« Er zog eine Rolle aus
der Tasche. »Willst du den letzten Willen hören von einem, den sie zur
Strecke gebracht haben, der entschlossen ist zum Tod. Hier liegt er. Wohl
bekomm's.« Er schleuderte die Blätter auf den Boden. Hinter ihm krachte
die Tür ins Schloß. Ich hob die Rolle auf. »Soll ich lesen?« Sie
umdrängten mich.
[Illustration: Decoration]
Die Anderen
_Personen_:
Kyll
Broß
Truck
Ein Mädchen
Ein Kellner.
Zwei Uhr morgens. Der mit kaltem Rauch gefüllte Raum eines Kaffees. Alle
Tische verlassen. Der _Kellner_ ist hinter dem Büfett halb vom Stuhl
gesunken und schläft. Die elektrischen Flammen sind ausgedreht. Nur an dem
Tisch, an dem _Kyll_ und _Broß_ sitzen, brennt Licht. Auf dem Tisch stehen
leere Kaffeetassen, eine Flasche Kognak und zwei Gläser, eine Aschenschale
mit Zigarren- und Zigarettenstummeln gefüllt. _Kyll_, 26 Jahre,
schmächtige Gestalt, nachlässige dunkle Kleidung. Sehr blaß.
Tiefliegende schwärmerische Augen, wirre schwarze Haare, nervös zuckende
Lippen. _Broß_, 27 Jahre, blond, etwas aufgeschwemmt, wasserblaue Augen,
Habyschnurrbart. Kleidung und Bewegungen eines =Commis voyageur=.
_Broß_ (legt die ausgebrannte Zigarre auf den Aschenbecher): Also gute
Nacht, Herr ... (Er sucht den Namen.)
_Kyll_ (der vor sich hingebrütet hat, fährt auf): Sie wollen schon fort?
_Broß_: Schon? Es geht auf zwei. Wir sind ohnehin die einzigen.
_Kyll_: Gottlob -- ich atme auf. Endlich sind sie weg -- die Feinde.
_Broß_ (erstaunt): Feinde? Sie haben ja gesagt, Sie kennen hier keinen
einzigen.
_Kyll_ (nervös): Ja, haben Sie denn niemals das Gefühl, daß sie alle
unsere Feinde sind, die anderen, die außer uns noch auf der Welt sind?
_Broß_ (auflachend): Nein, wirklich. So was ist mir noch nie eingefallen.
_Kyll_ (auf den Tisch gestützt, mit der Hand in den Haaren wühlend,
düster): Auf mir lastet der Gedanke wie ein Alp. Er vergällt mir jede
Freude. Selbst im Schlaf werde ich ihn nicht los.
_Broß_ (innerlich belustigt, aber aus Höflichkeit ganz ernst): Aber wieso
denn? Was können Ihnen denn ganz wildfremde Leute tun?
_Kyll_ (heftig): Daß sie da sind, daß man von ihnen weiß. Daß sie auf
uns drücken mit ihrer Freude und mit ihren Sorgen. (Wie zu sich selbst.)
Tage gibt es, da muß ich immer daran denken, was die anderen leiden. Auf
der Straße sehe ich nichts als Schmerz und Kummer. Jede traurige Gestalt,
jede ausgestreckte Hand trifft mich wie ein Vorwurf.
_Broß_: Sind Sie denn nicht Mitglied des Vereins gegen Verarmung und
Bettelei?
_Kyll_ (ohne auf ihn zu hören, leidenschaftlich erregt): Die Vorstellung
von allem Grausamen, was in demselben Augenblick geschieht, verfolgt mich.
Ich höre die Kinder, die man prügelt, um Erbarmen flehen, ich höre die
Tiere winseln, die man peinigt. Ich fühle die Bangigkeit von verlassenen
Kranken und wie Hunger, Angst und Kälte Verzweifelte zum Selbstmord
treibt. (Immer erregter.) Ich ahne alles Unglück, alles Elend, das in all
den Tausenden von Häusern verkommt und zittert. Ich bin wie ohne Haut,
alles verwundet mich. Das Mitleid bohrt sich mir wie mit Stacheln in das
wehe Fleisch. Das Herz schnürt sich mir zusammen, ich kann nicht sprechen,
ohne laut zu weinen. (Er hält inne, um nicht in Schluchzen auszubrechen.)
_Broß_: Sie sind sehr nervös, Herr ... Sie sollten Brom nehmen.
_Kyll_ (den Kopf in den Händen, leise vor sich hin): Dann kommen wieder
Stunden -- im Frühling -- die Sonne scheint -- verhalten, wie wenn die
Natur ganz still vor sich hinlacht. Ich gehe durch den Wald -- es riecht so
untereinander -- nach alten Blättern und jungem Gras; ein bißchen schon
nach frischen Tannensprossen. Und ich komme auf eine Lichtung, der See
liegt vor mir, ganz still, wie eingeschlafen. Nur manchmal schüttelt er
sich, wie im Traum. Ich werfe mich hin, sehe in den Himmel, breite die Arme
auseinander -- mir wird so weit, so groß. Szenen, Bilder stehen vor mir
auf -- ich hab' es gefunden -- endlich -- das Erhabene, das noch niemals
Dagewesene. Ich schreie vor Jubel los, ich brülle vor mich hin, Worte,
Sätze, ganze Verse. Auf einmal fällt mir ein: Das hat schon in Goethe
gestanden, das in Heine, das habe ich von Ibsen, das von Maeterlink -- von
all den anderen, die vor mir gelebt und gedichtet haben -- die verfluchten
anderen. (Er wirft sich mit dem Gesicht auf die Hände.)
_Broß_ (überlegen wie mit einem Kind): Wie wollen Sie das ändern? Es
muß doch noch Menschen auf der Welt gegeben haben außer Ihnen.
_Kyll_ (auffahrend): Weiß ich das nicht? Natürlich muß es. Das ist
notwendig wie -- Schmerzen -- Krankheit -- wie das Leben selbst. Aber man
könnte doch auch nicht durch die Wüste reisen, wenn nicht Oasen wären.
Das müßte sein -- Oasen müßten sein. Jeder Mensch müßte noch einen
haben, der kein anderer ist.
_Broß_ (ihn verständnislos ansehend): Sie meinen?
_Kyll_ (ganz unpersönlich): Sie haben sich gewiß gewundert, daß ich mich
an Ihren Tisch gesetzt habe und Sie angesprochen. Wir passen doch gar nicht
zueinander. Ich (auflachend), der verrückte Dichter, und Sie, der Krämer.
_Broß_ (verletzt): Erlauben Sie --
_Kyll_ (in demselben Ton): Es sieht Ihnen aus dem Gesicht, daß Sie nichts
im Sinn haben als Geschäftemachen -- Geldverdienen.
_Broß_ (auffahrend): Herr, wollen Sie mich beleidigen!
_Kyll_ (ganz unbekümmert): Wie ich hereingekommen bin, sind Sie mir
deshalb aufgefallen. Ich habe mir gesagt: das ist vielleicht ein Mann, der
nicht anders ist, als wie er scheint.
_Broß_ (wieder mit mitleidiger Überlegenheit): Legen Sie darauf solchen
Wert?
_Kyll_ (ohne auf die Unterbrechung zu achten): Wie ich noch jung war, habe
ich gemeint: einen Menschen, der eins mit mir ist, müßt' ich leicht für
mein ganzes Leben finden. Dann bin ich bescheidener geworden. Nur für
Jahre habe ich mir's verlangt -- nur für Monate -- für Wochen -- Stunden.
Jetzt habe ich auch das aufgegeben. Ich suche nach einem Menschen, der
nicht doppelgesichtig ist, vieläugig, hundertzüngig. Und ich such' -- ich
suche. --
_Broß_ (trivial): Sie haben sicher schlechte Erfahrungen mit Weibern
gemacht, daß Sie so mißtrauisch geworden sind.
_Kyll_ (heftig): Reden Sie mir nicht vom Weib, von diesem Trugbild unserer
Phantasie.
_Broß_ (ordinär): Da haben Sie recht. Was Frauenzimmer heißt, lügt und
betrügt.
_Kyll_: Doch nicht mehr als der Mann. Es ist nur sein tragisches
Verhängnis, daß es der Gipfelpunkt der Mannesillusionen ist. Immer wieder
-- immer wieder glaubt er in fiebernder Erregung an die Erfüllung seiner
höchsten Sehnsucht, an das Zu-eins-verschmelzen mit einem zweiten Wesen.
Und weiß doch -- müßte es doch wissen -- daß es in wenigen Sekunden
für ihn ein anderes sein wird -- ein fremdes, das ihn belästigt.
_Broß_ (mit gemeinem Auflachen): Also -- was das betrifft ...
_Kyll_ (ohne die Unterbrechung zu beachten, schwärmerisch, mit Tränen in
den Augen): Zwei Menschen, die füreinander keine anderen waren. Das war
das Paradies. Die Schlange war die andere. Das erste Wort, das Eva mit ihr
gesprochen hat, war der Sündenfall. Seitdem sind wir zu Lug und Heuchelei
verdammt.
_Broß_: Einfälle haben Sie, Herr ... (Er sucht nach dem Namen.)
_Kyll_ (immer erregter): Bei jedem neuen Menschen fängt der
Paradieseszustand wieder an. Mutter und Kind sind zuerst ganz dasselbe. Und
lange noch sind sie kristallklar füreinander, bis sich das fürchterliche
Anderssein dazwischen drängt.
_Broß_ (gelangweilt): Das ist nun mal der Lauf der Welt.
_Kyll_ (schlägt erregt mit der Faust auf die Tischplatte): Es ist ihr
Fluch. Und es ist gegen die Natur. Woher käme sonst dieses Entsetzen,
dieser Schmerz, wie es keinen furchtbareren gibt -- wenn man an einen
Freund in vertrauter Zweiheit voll geglaubt hat und man sieht ihn
plötzlich unter anderen, verwandelt, unecht, ein ganz anderer.
(Verzweifelt.) Gott! _Einen_ Menschen finden, den ich achten kann! _Eine_
Seele, deren ganze Nacktheit ich entblößen dürfte, ohne eine Täuschung
zu entschleiern.
_Broß_ (steht auf und will nach seinem Paletot langen): Sie nehmen das
zu tragisch, Herr ... (Er sucht den Namen.) Die Menschen sind eben keine
Engel.
_Kyll_ (steht auf, tritt vor ihn hin, aufgeregt): Meinetwegen Teufel,
Tiere. Aber sie -- sie selbst. Ihr Charakter ist ihr Schicksal. Sie
entgehen ihm nicht; warum verbergen sie ihn also?
_Broß_ (der nur daran denkt, das Gespräch abzubrechen, ablenkend): Die
wenigsten Menschen denken so wie Sie.
_Kyll_ (immer wilder): Warum? Warum? Alles verfault in ihnen, alles ist
vergiftet. Selbst mit sich selber sind sie nicht mehr eins. Sie reden,
woran sie nicht denken, tun, wobei nicht ihr Interesse ist. Sich selbst
belügen sie.
_Broß_ (über Kyll hinweg nach seinem Paletot langend, ungeduldig): Gott,
Sie werden das nicht ändern.
_Kyll_ (Broß am Arm fassend, schreiend): Aber ich ertrag's nicht länger.
Ich kann nicht länger unter Masken leben. Ich wage nicht mehr, mich nach
einem Abschied umzudrehen. Ich sehe des anderen heuchlerisches Lächeln
sich zu Spott verzerren. Ich fühle ihn den Dolch seiner verleumderischen
Rede mir meuchlings in den Rücken stoßen. (Tritt ganz hart an Broß
heran, mit wild flackernden Blicken.) Das Hirn möchte ich dem Kerl
auseinanderreißen, der mir gegenüber sitzt, das Herz möchte ich ihm
zerfleischen, um zu wissen, was er denkt und fühlt.
(Broß macht erschreckt einen Schritt gegen das Büfett, hinter dem der
Kellner schläft.)
_Kyll_ (faßt ihn beim Arm): Wo wollen Sie hin?
_Broß_ (mit einem Versuch, seine Angst zu verheimlichen): Ich wollte nur
den Kellner -- ich möchte noch einen Kognak.
_Kyll_ (mit wildem Blick): Sie lügen -- Sie fürchten sich vor mir.
_Broß_ (gezwungen auflachend): Aber, lieber Herr ... (Er sucht den Namen.)
Wie können Sie nur glauben -- Sie sind so unterhaltend -- ich könnte noch
bis Tagesanbruch mit Ihnen zusammensitzen.
(_Truck_ tritt ein mit einem _Mädchen_.)
_Truck_ (zu Broß): Nu frag' ich einen Menschen. Broß, Menschenkind,
trifft man Sie in nachtschlafender Zeit noch im Kaffee?
_Broß_ (erlöst aufatmend, faßt Trucks Hand, leise): Sie schickt mir der
Himmel. Ich bin da an einen Wahnsinnigen geraten.