»Und bringt wenig ein, und hört im Winter auf. Ein anstelliges,

fleißiges Mädchen wie Sie könnte aber in der Stadt, in Bozen oder in

München, einen guten Dienst finden für das ganze Jahr und viel mehr Geld

verdienen.«

Geld verdienen, das war das erste, das der Vefi von allen Reden

einleuchtete.

»Sell könnt' i scho brauchen.« Sie sah nachdenklich vor sich hin. Nach

einer kleinen Weile schüttelte sie den Kopf.

»'s ganget decht net, i tät' mi decht zu arg nar mei' Heimoatl blangen.«

Diese sentimentale Regung überraschte die Berlinerin.

»Ich denke, Sie hängen gar nicht an den Bergen?«

»Hiaz z'wegen dene Berg.«

Das Gespräch hatte das Heimweh, das ihr am Herzen fraß, gesteigert, sie

kämpfte mit dem Verlangen, jemandem ihr Leid zu klagen. Und da Klarisse in

ihrem Beglückungseifer sie noch mehr bedrängte:

»Was hält Sie denn zu Hause fest? Ich weiß, Sie haben keine Eltern

mehr,« kam es zögernd über ihre Lippen.

»Da is halt dös Haserl.«

Klarisse sah sie fragend an.

»Mei' Biabl.«

»Ein Kind?«

Vefi nickte.

Das Fräulein wurde rot, worüber sie sich ärgerte. Sie wußte doch, mit

Prüderie kam man im Verkehr mit den niederen Ständen nicht weiter. Sie

nahm sich sehr zusammen und sagte tapfer:

»Sie haben ein Kind? Aber Sie haben mir doch erzählt, Sie sind nicht

verlobt.«

Die Vefi zupfte an ihrer Schürze; sie war etwas verlegen.

»Just versprochen bin i a net, mir hab'n si holt gern. Der Meine kunnt mi

lei net heiraten, net ender manka*), aft sei Eltern g'storben sind.«

*) eher wenigstens.

»Und darauf wartet Ihr?« fragte Klarisse innerlich entrüstet.

»Ender kriegt er's Häusel net,« belehrte sie die Vefi eifrig, »und sei

Vatter möcht' a, daß er a Reiche nehmet. Die Trafoierzenz, wo dreitausend

Gulden mitkriegt, die ginget ihm glei zu.« Der Stolz auf ihres Liebsten

Anwert sprach aus ihrer Stimme.

Zu solchen moralischen Verirrungen konnte das Fräulein Müller doch nicht

schweigen.

»Aber Vefi, mit einem Menschen, der auf den Tod seiner Eltern wartet und

inzwischen mit einer Reichen liebäugelt, haben Sie sich eingelassen? Ich

fürchte, Sie rennen in Ihr Unglück.« Sie zögerte ein Weilchen, ehe sie

sich entschloß, zu fragen: »Sehen Sie ihn denn noch immer?«

»Freili, im Winter wann i hoam kimm.« Vefis Augen glänzten bei dieser

Vorstellung.

»In was für Abgründe man hineinblickt, wenn man mit dem Volk in

Berührung kommt,« dachte die Städterin. Aber ihr Prinzip, daß alle

Frauen solidarisch sind dem gemeinsamen Feind, dem Mann, gegenüber, ließ

es ihr als Pflicht erscheinen, Vefis Stumpfheit aufzurütteln. Sie

legte ihr Gesicht in ernste Falten und salbte ihr Organ mit dem Öl der

Menschenfreundlichkeit.

»Haben Sie denn nie daran gedacht, was für ein Unrecht Sie begehen?«

In Vefis Mienen zog ein Gewitter auf.

»Ös sprechts akrat a so wie der Kurat, wo am a a jed's Bußl as'n Sünd'

anrait.«

»Von der Moral will ich ja gar nicht sprechen.« Klarisse tat sich viel

zugut auf ihr Verständnis der Volksseele. »Aber so ein armes Kind in die

Welt zu setzen, um das sein Vater sich nicht kümmert ...«

»Sell müßts net denken,« unterbrach sie Vefi heftig; »a Klemmer is der

meine net, er zahlt vierzig Gulden 's Jahr fürs Muckerle.«

Nun wurde auch das Fräulein ungeduldig.

»Sie verstehen mich nicht; ich meine, wenn er nun eine andere nimmt

und läßt Sie sitzen. Ich sage Ihnen,« sie war von ihrer Güte ganz

hingerissen, »Sie sollten sich nicht so wegwerfen, so ein Mensch ist nicht

wert, daß Sie so an ihm hängen. Folgen Sie meinem Rat, schreiben Sie ihm,

oder wenn Sie wollen, schreibe ich für Sie --«

»Unterstehts Enk,« fauchte Vefi auf, ohne zu bedenken, daß die Fremde

des Burschen Aufenthalt nicht kannte, »daß mir mei' Schatz die Liab

aufsagt.«

Von so viel Natur fühlte sich das Fräulein angewidert.

»Das ist doch keine Liebe, das ist -- das ist gehandelt wie das liebe

Vieh.«

Da sprang die Vefi wütend auf sie zu.

»Sell geht Enk an Dreck an. Ös Drach'! Ös Bisgurn! Ös Bosnickl!

Ös --« der Atem ging ihr aus, sie mußte sich verpusten. »Freili,« fuhr

sie fort, und ihre Augen blitzten die Erschrockene ganz in der Nähe

an, »Ös habts Enk leicht, habts a Geld, a kommods Leben, alle Tag' a

Mehlspeis' und an Wein und a g'brat'nes Fleisch. Aber i bin an arm's Luder,

muß mi von der Früh' bis auf d' Nacht rackern und schinden, hab' nie koa

Gaudi net auf dera miserabligte Welt. Nix hab' i als dös bissel Liab von

mei' Buabn, daß er mi auf 'n Sunntig mei' Bier zoahlt und an Tanz, und

auf d' Nacht mit mi hoamgeht und mi halst und busselt, daß i siech, i bin

decht a a Mensch. Wann er mi dann sagt: so viel gut bin i di, und nicht

aufhört, mi zu bitten, soll i dann eppaer die G'spreizte spülln und

sag'n: Tu erst beim Pfarrer die Schlüssel holen?« Sie zitterte vor

Aufregung, die Tränen brannten ihr im Hals.

Klarisse war aus ihrem Gleichgewicht geworfen. Sie fürchtete, der Lärm

von Vefis Stimme könne auf die Straße dringen, und suchte nur nach dem

rechten Wort zu einem würdevollen Abgang.

»Sie sind so leichtsinnig und unvernünftig, daß Sie mir leid tun. Wenn

Sie sich's aber noch einmal überlegen sollten ...«

Die Bäuerin ließ sie nicht zu Ende kommen.

»Da kunnts warten bis af'n Nimmermehrstag.«

Und, da das Fräulein unentschlossen dastand:

»Hiaz will i endli mei' Ruh' hab'n.«

Sie rannte zur Tür, riß sie auf: »Schauts, daß aussikimmts!« Sie

machte eine deutliche Bewegung.

Mit einem verächtlichen Achselzucken verließ Klarisse den Raum. Da flog

ihr raschelnd etwas um den Kopf. Es war das blaue Schreibheft, das ihr die

Vefi nachgeworfen hatte.

»Nehmt dös a mit!« schrie sie höhnisch.

Dann ging sie in die Wirtsstube zurück, ergriff die Bürste und begann den

Schenktisch wütend zu bearbeiten.

Plötzlich ließ sie die Hände sinken, warf den Körper auf die feuchte

Platte, barg das Gesicht in beide Arme und heulte laut vor Zorn, Heimweh

und jäh erwachter Angst um ihre Zukunft.

[Illustration: Decoration]

›A lustigs Stückl‹ hatte der Aloys uns versprochen. Mich verfolgte,

während ich ihm zuhörte, das Dichterwort: In jeder Trennung steckt ein

Keim von Wahnsinn. Ungeweckte Seelen, dachte ich. Ihre Einfalt ist noch

unzerspalten. Ja ist Ja und Nein ist Nein. Redlichkeit und Treue sind

die Frucht ihrer Instinkte. Sie sind wie Pflanzen, die nur gedeihen im

Mutterboden. Herausgerissen, in fremde Erdreiche geworfen, entarten sie.

Sie welken. Ich gedachte Iwans Abenteuer auf dem Gut der ostpreußischen

Freunde. Ich fragte: Darf ich? Man erteilte mir das Wort.

[Illustration: Decoration]

Wirkung in die Ferne

Gegen Abend fing es an zu schneien. Ganz langsam und bedächtig. Die

großen Flocken schienen zuweilen stehenzubleiben in der regungslosen Luft,

ehe sie sich niedersenkten und die Erde sanft berührten. Binnen kurzem war

das Landschaftsbild verändert. Der Schnee warf auf die kahlen Wiesen

und entblößten Wälder einen fleckenlosen weißen Mantel, unter dessen

schimmernden Falten das Auf und Ab der Hügel sich verflachte, so daß die

welligen Bewegungen des Bodens zu einer Ebene geglättet schienen, die sich

geheimnisvoll in die Unendlichkeit verlor.

Iwan Michailow war auf die Landstraße getreten und starrte in die weiße

helle Fläche. Im Sommer in Gefangenschaft geraten und dem ostpreußischen

Besitzer als Landarbeiter zugewiesen, erlebte er den ersten Schneefall

auf dem ermländischen Gut. Er dachte: Nun werden sie zu Hause auch schon

Winter haben.

Zu Hause! Rechts die Anhöhe hinauf, immer der Richtung zu, in der sich

allmorgendlich die Sonne zeigte. Wer doch Flügel hätte!

Vier seiner Gefährten hatten im Juli den Versuch gemacht, zu Fuß die

Grenze zu erreichen. Heilige Mutter Gottes, in was für einem Zustand

hatte man sie wieder hergebracht. Zu Gerippen abgemagert, verprügelt und

verhungert. Wie die Wölfe waren sie über die bereitgestellte Mahlzeit

hergefallen, sie, der Nahrung wochenlang entwöhnt. Jammervoll, wie sie

erkrankten.

Von dieser Erinnerung verfolgt, kehrte Iwan in das kleine Haus zurück, in

dem er mit seinen Kameraden wohnte. In einem viereckigen Raum, dessen Decke

tief herunterreichte, saßen neun Männer auf Holzbänken um einen schmalen

Tisch beim Abendessen. Sie schoben eben ihre Blechnäpfe beiseite, in

manchen war die Grützsuppe nicht bis zur letzten Neige ausgelöffelt.

Nicht daß die Leute übersatt gewesen wären; doch ihr Magen hatte ein

standhaftes Gedächtnis, er verschmähte immer noch die fremde Kost und

malte ihnen, mit der Übertreibung eines Dichters, die Tafelfreuden der

Vergangenheit. Sie standen auf; einige von ihnen schütteten ihre Schwermut

in die Klänge einer Ziehharmonika, der lange Jakow blies die Glut im Ofen

an und fütterte sie mit einer Hand voll Reisig. Wie anders prasselten

daheim die Scheiter in dem Bauch des Kachelofens, wie schmorte man, auf die

Ofenbank gestreckt, in seiner ausströmenden Hitze. Die Augen gingen ihnen

über, seufzend streckten sie sich auf die Diele, unausgekleidet, in ihre

Decke eingewickelt.

Iwan hatte die Schüsseln aufgestapelt, um sie in das Herrenhaus zu

tragen. Er war bevorzugt, dort zu der Hintertür ein- und auszugehen

und Hilfedienste zu verrichten. Der Himmel stäubte noch, er hatte den

entlaubten Obstbäumen im Garten mächtige Perücken aufgesetzt und

überpuderte auch Iwans Schädel, als er im Vorübergehen durch den dünnen

Vorhang in das Herrschaftszimmer lugte. Der junge Gutsherr saß darin mit

seiner hübschen jungen Frau unter der Hängelampe, die mit einem gelben

Seidenschirm verschleiert war, sie hielten sich umschlungen und lasen aus

demselben Buche.

Iwan verzehrte diesen Anblick wie ein süßes Gift, das, genossen, die

Eingeweide auseinanderschneidet. O Katinka! ein Tränenkloß erstickte

ihm die Kehle, seit einem Jahr von dir getrennt. Dich so in meinen Armen

halten, ich wüßte etwas Gescheiteres als Lesen mit dir anzufangen. Er

hatte Mühe, nicht herauszuheulen.

In der Küche war noch Lärm und Bewegung. Die Köchin rührte irgend

etwas auf der heißen Platte, das Lehrmädchen knetete den Teig zum

Sonntagskuchen, ein Weib, das in der Ecke hockte, vermehrte den Vorrat der

enthäuteten Kartoffeln, die sie in einen mit kaltem Wasser angefüllten

Kübel warf, das Stubenmädchen putzte Silber, die Küchenmagd scheuerte an

Holzgefäßen; und über diesem Klappern, Kratzen, Schlurren erhob sich

die schrille Vielstimmigkeit des polnisch sprechenden Gesindes mit einem

Tonfall, der dem harmlosen Gespräch den Anschein eines ausbrechenden

Streites gab.

Franziska Wechsel, die Mamsell, hatte sich in den Flur zurückgezogen. Sie

packte Äpfel, die versendet werden sollten, in zwei hohe Kisten ein, jedes

Stück wickelte sie sorgsam in Papier, um es vor Schaden zu bewahren. Sie

wehrte Iwan nicht, daß er sich einen Schemel hole, um ihr beizustehen.

Franziska hatte erst vor acht Wochen ihre Stellung angetreten. Ihr, der

Königsbergerin, des Polnischen unkundig, der einzigen, der Verständigung

mit ihm unmöglich war, gesellte Iwan sich am liebsten zu. Er meinte, daß

sie seiner Katja gleiche; nicht so rundlich wie sein Schatz, aber auch so

blond, dieselben treuherzigen braunen Augen, und der Mund ... Iwan konnte

ihn nicht ansehen, ohne den Geschmack von Katjas Lippen auf den seinigen zu

fühlen.

Auch sie wurde durch den Russen lebhaft an den Bräutigam gemahnt, der

vor Ypern in die Hand der Engländer geraten war. Anton war wohl dunkler,

untersetzter, auch viel selbstbewußter als der schlanke Bursche mit dem

wehmütigen traurigen Gesicht, aber in Gang und in Gebärden dünkte ihr

die Übereinstimmung so groß zu sein, daß sie zuweilen beim Eintreten

von Iwan glaubte, die Schritte ihres Liebsten zu begrüßen. Sie vermochten

nicht, sich mitzuteilen, daß sie ineinander die Verkörperung ihres

beherrschenden Gedankens fanden, die Zahl der Worte, die sie tauschen

konnten, war überhaupt eine beschränkte; aber sie hatten einander ihre

Lieder abgelauscht. Ob _sie_ von Scheiden, Vergißnichtmein und kühler

Mühle sang, ob _er_ vom Ringlein und der Saronrose, stets fiel der andere

mit der zweiten Stimme ein. Warum auch nicht? Waren denn die Melodien nicht

alle auf der gleichen Unterlage aufgebaut? Auf der ewigen Verurteilung der

Menschen, welchem Volksstamm sie auch angehörten, zur Unerbittlichkeit der

Liebe, zu den Stürmen der Geschlechtlichkeit?

Auch jetzt summten die beiden, während ihre Finger schafften. Es war

schummrig in ihrem Arbeitswinkel, der nur aus der Küche Helligkeit

empfing; das Papier, das sie zerrissen, raschelte, der Duft der Äpfel

drang ihnen berauschend in die Nase, er mischte sich mit dem tierischen

Geruch ihrer jungen Körper, die sich tagsüber in Staub und Luft getummelt

hatten. »Anton,« sehnte sich Franziska. In Iwan schrie es »Katinka«.

Ihr Verlangen, das sie gemeinsam zu verschiedenen Zielen schickten,

sonderte sie von den anderen ab wie eine Mauer.

Die Leute in der Küche machten Feierabend. Iwan wurde ausgesperrt. Er

machte wieder einen Umweg durch den Garten; das Haus war dunkel, nur aus

dem Schlafzimmer der Herrschaft blinzelte ein Licht. Iwan stöhnte auf; im

Drang, irgend etwas zu umarmen, umklammerte er einen Baum und preßte sich

an dessen eisigkalte Rinde. Dumpf knallte ein Klumpen Schnee hinunter. Iwan

erschrak, er ergriff die Flucht. Die Ausdünstung neun Schnarchender schlug

ihm in der Russenschlafstelle entgegen, auch war sein Platz am Fenster so

geschmälert, daß er um seine Rückeroberung hätte kämpfen müssen.

Er zog es vor, wie er schon bisweilen unentdeckt getan, im Pferdestall

zu übernachten. Unter der braunen Stute kroch er in das Stroh, sie

beschnupperte ihn zutraulich; er war gut Freund mit allen Tieren.

Wie im Vaterhaus lag er gebettet, über sich das Pferdeschnauben, links

ein gedämpftes Grunzen aus den Schweinekoben, rechts hier und da das Muhen

einer unruhigen Kuh. Dieses heimische Behagen machte ihm die kalte Fremde

um so qualvoller bewußt. Von bitterlichem Schluchzen hart gestoßen,

verzweifelte er, den nächsten Tag in dieser trostlosen Vereinsamung zu

überleben; wie von einem Berg war sein Herz von Traurigkeit verschüttet,

seine Sehnsucht flüchtete zu seiner Liebsten, nannte sie mit allen

Kosenamen, bis sie ihm der Schlummer an die Seite legte.

Auch Franziska hatte keine Ruhe finden können. Der Vielbeschäftigten

gebrach es meist an Muße, um Empfindsamkeiten nachzuhängen. Es waren

seltene Augenblicke, in denen sie das Gleichgewicht verlor und eine Unruhe

zu ihrem Liebsten ihr das Blut verbrannte, eine Auflehnung gegen die

Grausamkeit, ihre Jugend ohne seine Zärtlichkeiten zu verwarten. Eine

solche Stimmung hatte ihr heute die Müdigkeit verscheucht. Sie holte

Antons Karten, die aus dem Westen in großen Zwischenräumen an sie

gelangten, doch an den kargen, eingezäumten Worten kühlte sich ihr Fieber

nicht.

Ein gedämpfter Laut des Kummers, der vom Wirtschaftshof her zu ihr drang,

brachte sie der Wirklichkeit zurück. Die braune Kuh, Franziskas Liebling,

hatte vorgestern gekalbt, und das Kälbchen war ihr sofort weggenommen

worden, weil es, laut Kriegsgesetz, auf die mütterliche Vollmilch keine

Berechtigung besaß. Darum jammerte die Mutter und rief das Menschenmitleid

an. Franziska, der vierbeinigen Kreatur stets sorglich zugetan, fühlte

sich ihren Nöten eben mehr denn je verbunden. Sie schlüpfte in die

Schuhe, warf den Mantel über und tappte bei der Führung der Laterne durch

den Schnee. Nach einem kurzen Zuspruch an die Wöchnerin besann sie

sich nicht lange, die militärische Verordnung zu umgehen; sie hob das

Neugeborene aus dem Verschlag, in dem es zitternd und klagend nach der

Erfüllung der betrogenen Instinkte suchte, und legte es der Mutter an den

vollen Euter. Als sie das Sattgetrunkene, Eingedöste aufnahm, um es

wieder auf seiner Streu zu bergen, kuschelte es sich, seinen Aufenthalt

verkennend, in die Weichheit ihres Schoßes ein, zog ihren Finger in

sein zartes Mäulchen und begann, wohl in dem Wahne, seine Mahlzeit

fortzusetzen, daran zu lutschen.

Es war nur ein Tier, doch seine Hilfsbedürftigkeit, die Wärme, die aus

seinem Körper in den ihren strömte, das sanfte Saugen, als Ausdruck

seines kindhaften Vertrauens in die gütigen Zusammenhänge der Natur,

rührten das Urgründigste in Franziskas Weibeswesen auf. Die Tränen,

die das Fell des Kälbchens überschwemmten, flossen aus den Quellen ihrer

ursprünglichsten Bedürftigkeit, und die Forderungen ihrer Sinne, die

zugleich ein Umweg zu ihrer Mutternotwendigkeit waren, stürzten in

Gedanken zu dem einzigen, durch den sie sich erfüllen wollten.

* * * * *

»Katja, Täubchen,« sagte Iwan im Traum zu seinem Mädchen, »ich muß

weg von dir, es ist schon Tag. Nebenan haben sie schon die Stalltür

aufgemacht.« Dabei schmiegte er sich ihr wieder an, unfähig, ihre Nähe

aufzugeben.

Hatte er sich dann doch ermuntert, war in die ungestirnte Nacht

hinausgetreten und hatte in den Nachbarstall gelauscht? Aber wie kam denn

Katinka, die er eben erst verlassen hatte, dazu, schon dazusitzen und

zu melken? ihm den Rücken zugewendet und von der Finsternis kaum zu

unterscheiden. Nur wenn ihr Kopf in den Bereich der Stallaterne tauchte,

blitzte der Goldschein ihrer langherabhängenden blonden Zöpfe auf und das

Weiß des Hemdes, das ein wenig von der vollen Schulter rutschte. Wie oft

hatte er sie im Morgengrauen so überrascht? Sie so beschlichen, ihren

Nacken so ungestüm geküßt?

* * * * *

Wunderkräfte wirken in der Liebe. Auf ihrem Zauberwagen flog Iwan, über

Hunderte von Meilen weg, zu seinem Russenmädchen. Mit Antons Schritten

lief sie auf Franziska zu.

Das Laternchen war umgefallen. Im Dunkel vollzog sich das Geheimnis der

Verwandlung. In festerer Treue wurde Untreue noch nie geübt.

[Illustration: Decoration]

»Weh' mir, weh' mir!«

Der Mann im Kaftan hatte schon den Heimwehkrampf der Grödner-Vefi

mit sonderbaren Ausrufen begleitet. Mir war es, während ich sprach,

beunruhigend gewesen, daß er sich mit leisem Stöhnen hin und her bog wie

in Schmerzen. Ich ging zu ihm, um ihn zu fragen, was ihm fehle. Er hob

den Kopf, ich blickte in Verzweiflung. Er preßte meine Hände. Seine

Kehllaute, verständlich, wenn die Rede ruhig floß, verschwammen oft,

wenn er in äußerster Erregung in sein Jiddisch-Deutsch verfiel. Was der

Auslegung aber nicht bedurfte war der Ton, der aus ihm schrie, wie aus den

finstersten Verließen menschlicher Unbarmherzigkeit, das Leid, das aus ihm

brach wie Eiter aus Jahrtausend alten Wunden, die von Haß vergiftet, ewig

am Leib der Menschheit schwärend, sich niemals schließen können.

[Illustration: Decoration]

Heimat

In dem tschechischen Fabrikort Zlatnik kündete der grelle Schrei der

Pfeife die Mittagspause an. Die Arbeiter entströmten den Gebäuden,

verteilten sich in das Dorf und die Kantine, und viele streckten sich, um

das zugebrachte Essen zu verzehren, gemäß ihrer Gewohnheit, am Waldesrand

im Schatten aus. Der und jener zog eine Zeitung aus der Tasche, er las

vor, seine Umgebung lauschte; heute aber entspann sich nicht wie sonst eine

aufgeregte Unterhaltung zwischen ihnen: es lag ein Dämpfer auf den

Worten und Gebärden, und nur die ausgelassensten der Weberinnen waren zum

Schäkern mit ihren Schätzen aufgelegt. Auch sie verstummten, als ein Zug

vorbeimarschierte, Kameraden, die, zum Kriegsdienst einberufen, auf den

Bahnhof zur Versammlungsstelle zogen. Sie trugen Ränzel auf dem Rücken

oder eine Schachtel in der Hand, die Schirme ihrer Mützen verschwanden

unter Laubgewinden, und große Sträuße schmückten ihre Brust.

Die Burschen johlten, die Familienväter aber, umkreist von ihrer

tiefbetrübten Sippe, schritten schweigend und tauschten ernste Grüße mit

den vom Wald her Zuwinkenden aus. Ortsansässige waren darunter, die neben

ihrem Häuschen ein Stückchen Feld besaßen und einen Streifen Wiese.

Diese stockten an der Gabelung des Weges, um ihr Heim noch einmal

zu begrüßen. Dürr war das Leben ihnen hingelaufen; aber da sie es

verließen, blühte es in ihrer Schätzung auf. Waren sie auch karg

genährt gewesen, eng behaust und knapp bezahlt, sie hatten doch besessen,

was innerhalb der engen Wände stand; und ein paar Rabatten Sommerblumen

an der Hecke und das bißchen Ackerland dabei; dort hatte man sich nach dem

Arbeitsschluß getummelt und die mit Flachs und Baumwollfasern verfilzte

Lunge wieder ausgespült. Krautköpfe hatte man gebaut, Erdäpfel, Rüben;

Gras geschnitten für die Ziege und ein paar Löcher in den vielen Mägen

damit zugestopft.

So friedlich lag es da, im Kranz der baumbewachsenen Hügel, das kleine

Dorf, in dem man du sagte zu jedem Ziegelstein, zu jeder Staude. Wer weiß,

ob man es jemals wiedersah? Die Abziehenden lüfteten die Mützen und

sangen ihm das wehmütige Lied zum Preis der Heimat zu. Es klang den

Hörern im Walde wie eine Mahnung: Machet euch auch bereit!

Die stärkste Wirkung des Gesanges drückte sich in dem Benehmen einer

Gruppe von Arbeitern aus, an Zahl etwa ein Dutzend, die sich ein wenig

abseits der Genossen hielten. Es waren Südtiroler aus vom Krieg bedrohten

Grenzgebieten, den Tschechen durch die Gemeinsamkeit des Vaterlandes

verbunden, doch durch alle Merkmale des Wesens von ihnen getrennt. Von

einem Tag zum anderen waren sie aus ihrem Land verwiesen und der

Gemeinde Zlatnik zugeteilt worden; hier hatten sie das Arbeitsangebot des

böhmischen Fabrikherrn wie ein Geschenk der Vorsehung begrüßt; sie waren

anstellig und fleißig und Meister der Bedürfnislosigkeit. Doch etwas

nicht Gegenwärtiges haftete an ihrer Haltung, etwas Aufgescheuchtes,

als hätten sie den Atem noch nicht wieder, der ihnen bei Einbruch einer

Naturgewalt weggeblieben war. Man möchte sie wohl befragen, da sie jetzt

schweigend beieinander hockten: »Du grauhaariger Mann, du junger Knabe,

ihr schlanken, braunäugigen Weiber, was bekümmert euch so sehr?«

Sie müßten sich vielleicht besinnen, um ihr Weh in seine Elemente

aufzulösen. Da war die Sorge um die Zukunft, der Gram um den Verlust von

schwer erworbener Habe, jetzt den Diebstrieben ihrer Nachbarn belassen. Und

die Unrast in dem Blut der Mädchen, deren Jugend nach dem Freunde schrie.

Vor zwei Wochen noch ihr Liebster; heute galt er als ihr Feind; heute hob

er die Waffen gegen ihre Brüder.

»Uns ist bange nach der Heimat«: in diese Formel würden sie

wahrscheinlich ihre Stimmung fassen; und gedrängt, ihr tiefer

nachzuforschen, vielleicht hinzufügen: »Eure Häuser halten dicht und

stehen gerade, unsere klaffen, und der Regen dringt in sie hinein; aber

auch der Sonnenschein, der blaue Himmel und der Duft der Blumen. Und wir

halten uns in unseren Stuben wenig auf. Ach, wenn ihr doch nur unsere Berge

kenntet, wie schroff sie ragen; auf halber Höhe, dicht am Abgrund, klebt

ihnen, mit seinem steilen Gäßchen, irgend ein verwegenes Raubnest an,

aus der Zeit der Sarazenen; auf manchen liegt in Ewigkeit der Schnee; über

andere laufen die silbergrauen Wellen der Oliven; von ihren Gipfeln kann

man in das andere Tal hinunterspähen, der See blinkt wie ein Spiegel, an

seinen Ufern, die im Zickzack lustig in das Wasser schießen, reihen sich

die weißen Sommerhäuser, festtäglich anzuschauen in ihren Schleiern

von Rosen und Glyzinen.« Und ihrer Ständchen würden sie gedenken,

des nächtlichen Lautenspieles; denn Musik bewegt sie sehr. Die innige

getragene Weise, mit der die Tschechen Abschied nehmen, fällt ihre

Fassung; die Frauen weinen, den Männern steigt ein Schluchzen würgend in

die Brust.

Nachtgespräche · 第 5 / 9 段