Und Sonntags Speck. Drei volle Pfunde. Wer seine Knochen noch bewegen

konnte, dem stand es frei, sich seinen Tabak zu verdienen. Nur Branntwein

war verpönt. Der schädigte den Körper und die Seele.

Zwölf waren sie. Verwaiste Eltern alle und keiner unter siebzig.

Der Tod war durch ihr Haus gegangen und hatte sie verschmäht. Wegmüde

Wanderer. Entzweigte Bäume, kronenlos, ins Lebensmark getroffen.

Nicht alle waren Heringsfischer.

Gwij Louw hat Zwiebel und Kartoffel eingesetzt und ausgegraben Jahr um

Jahr. Vom vielen Bücken war sein Rücken krummgebogen.

Joost Bluijs gab seine Kraft den Kähnen. Das Seil um seine Schultern ging

er uferlängs mit schweren Schritten, zog die schwerbeladenen,

flachen Kähne durch die Kanäle. Durch die stillen, grünumsäumten

Wasserstraßen, der Landschaft Zierde und die Freude aller

schönheitsfrohen Blicke.

Frucht und Gemüse hatte Arrie Paap durch das Land geschoben. Winter und

Sommer. Durch Schneesturm und durch Sonnenglut, durch Schlamm und Flugsand.

Dem Karren unter, zwischen Räderkreischen, die beiden Helfer. Kleine

Hunde, zottig, mager, unter ihrer Bürde aus atemlosen Lefzen keuchend. An

hundert Tiere mordete die Straße.

Huip van Spaart war Muschelsammler. Alltäglich, nach der Flut, war er ins

Meer gegangen, das Netz vor sich, quer durch die Wellen. Neben ihm, bis an

den Bauch im Wasser, zog das alte Pferd den hohen Wagen. »Ho--i,« schrie

Huip. Das Pferd stand still, der Fang fiel prasselnd in die Wagenhöhlung.

Und weiter ging's, quer durch die Wellen, Mann und Pferd bis an den Bauch

im Wasser.

Huip lebte noch die Frau, wie auch dem Gwij. Joost Bluijs war Witwer. Erst

seit kurzer Zeit. Nun durfte er das Doppelbett allein benutzen.

Da war noch Aagje Kruit, die Armenmutter vor Eef Waas gewesen war. Und

Tietje Boon, die nicht ganz richtig war im Kopf.

Seit ihrer Jugend, meinten manche.

Andere sagten, seit jenem Tag, an dem sie Mann und Kind verloren hatte.

An einem Wintersonntag auf der Heimfahrt aus der Kirche.

Im Treibeis kenterte das Boot. Der Vater hielt das Kind, bis die

erstarrten Hände Hilfe fanden. Dann sank er kraftlos. Tietje, am Bugspriet

angeklammert, bewußtlos, halb ertrunken, blieb am Leben. Sie lag in hohem

Fieber, als man das Kind begrub.

Sie saß meist und stierte in die Luft. Nur wenn das Essen kam und man ihr

das Verlangte nicht gleich reichte, erwachte sie und heulte wie ein Tier,

das Schmerzen hat.

* * * * *

Novemberabend.

Heulend rast der Sturm. Aus seinem Brüllen schreit der Tod.

Draußen -- weit draußen -- zwischen Gischt und Wirbel unter

schwarzverhangenem Himmel. Bergehoch, tälertief wirft er das Fahrzeug,

faßt es mit der Eisenfaust, zerbricht es -- begräbt sein Leben in dem

tollen Strudel. Jauchzend rennt er vorwärts, türmt die Wasser, rüttelt

an den Dämmen.

Auf das Armenhaus wirft er sich wütend. Dreihundert Jahre schon berennt

er es, kämpft er mit der buntbemalten Puppe, dem alten Fischer, die den

Giebel krönt.

»Ich will dich zwingen, Popanz -- heut' zertrümmere ich dich.«

Drinnen in der Halle hocken die Alten um den runden Tisch. Auf die weißen

Köpfe fällt das bleiche Licht der Hängelampe.

Aber in den tiefen Ecken, wo die schwarzen Schränke stehen, ballen

sich die Dunkelheiten, rücken drohend näher, fressen an dem blassen

Lichtkreis. Lärmend tost der Wind.

Hui -- ein Stoß -- und wieder einer.

Die rote Balkendecke zittert, zuckend tanzt die Lampenflamme, und die

Mauern schwanken. Klirrend reißt es an den Fenstern. Eisig pfeift es durch

die Ritzen, fegt mit Ungestüm quer durch den Saal.

In den greisen Körpern friert das Leben. Zögernd schleicht das kalte Blut

durch die welken Adern, und der Herzschlag stockt.

Sie fordern murrend »Mutters Zimmer« in der bösen Nacht. Es ist kleiner

und die Mauern dicker, man kann Feuer machen im Kamin.

Mutter Eef hat nichts verstanden. Sie geht in dem blauen Wollkleid (Rock

und Jacke, sommers, winters stets das gleiche), auf dem grauen Haar die

weiße Haube, hin und wieder, räumt und ordnet. Noch ganz jung, kaum

fünfzig Jahre.

Ihr nettes Stübchen. Heute hat sie erst die roten Ziegelsteine

reingescheuert.

Nicht einmal die Katze, die ihr Liebstes ist, durfte auf die hohen

Binsenstühle springen.

Diese Horde Schweine, die nach Schmutz und Branntwein stinken, Tabak

qualmen und in alle Ecken spucken.

Nützen nichts, die tauben Ohren. Immer lauter wird das Murren.

Und jetzt humpelt Aagje Kruit aus ihrem Stübchen. Einundneunzig,

eingeschrumpft und eingetrocknet, schon der Erde nahe, in die sie bald

gesenkt wird.

»Hör', Eef, in solchem Wetter haben sie ein Recht, bei dir zu sitzen.

Mach' das Feuer an in deiner Kammer.«

Mageres Feuer. Ein paar Stücke Torf, ein Korb voll Dünengras. Doch es

flackert, mischt sein sanftes Lied ins Sturmesheulen.

Eng umdrängen es die Häusler. Dicht beisammen. Als ob Wärme aus den

alten Körpern strömen könnte.

Schweigend rauchen sie, schon halb entschlafen. Manchmal weckt ein

Windstoß das Gedenken an Gefahren, die sie einst bestanden haben.

Aagje Kruit fängt plötzlich an zu reden.

Sie war Hebamme. Tausenden von Kindern hat sie auf die Welt geholfen,

tausende verderben sehen.

Sie erzählt von großen Kriegen. Von Napoleon. Von dem Brand in Moskau.

Einer ihrer Brüder war dabei gewesen. Fahnenflüchtig war er heimgekommen,

mit der Kunde von dem großen Brand und schwerem Elend.

Mutter Eef, die Augen scharf auf Joost, schreit plötzlich auf.

»Du Kerl, du Schwein, besoffenes Untier, hab' ich dir nicht streng

verboten, auf die reine Diele auszuspucken? Siehst du nicht den Speinapf?«

Sie faßt mit ihrer starken Hand den Alten und stößt ihn in die dunkle

Halle.

Alle anderen folgen, tappen in die Kojen, kriechen in die Kasten unter ihre

Lumpen.

Gwij und Huip und ihre Frauen schmiegen sich zusammen.

Wieviel Nächte noch?

Joost zieht heimlich seine Branntweinflasche aus dem Polster, heizt den

alten Leib.

Lautlos liegt das Haus, der Wind umheult es. Rüttelt an dem Giebel, an den

Türen.

Ab und zu erwacht ein Schläfer.

War das nicht ein Schrei? Das Rufen eines Kindes, das vor vielen Jahren in

solcher Sturmnacht auf der See ertrunken ist?

* * * * *

Schweineschlachten. Fest im Armenhaus. Im November kauft die Mutter das

Ferkel ein, zieht es unter aller Augen auf. Aller Hände haben es betastet.

Tag um Tag. Wie es zunimmt. Ob am Fett mehr, ob am Fleisch? Heut, im

Februar, wird es geschlachtet. Dick van Keer, der alte Heringsfischer, der

so oft den Todesschnitt geübt hat, darf es stechen.

Seine dürre Hand, die zögernd zittert, wird noch einmal fest. Er stößt

mit scharfem Messer in das Herz des Tieres, dessen Blut hervorschießt. In

den Bottich, den Joost Bluijs ihm vorhält.

Gwij und Arrie holen Pech herbei, bestreuen den Leichnam. Während Eef das

Feuer auf dem Herd entzündet und den Kessel aufstellt.

Siedend wird das Wasser auf das Schwein gegossen, daß die Borsten,

aufgeweicht, sich schaben lassen.

Alle Männer, ihre Kraft vereinend, ziehen und schleppen nun den schweren

Körper in die Halle. Dort wird er gehängt und abgewogen.

Juchhei! Zweihundertundzwanzig Pfund. Fast um zwanzig mehr als im

vergangenen Jahr.

Um das Tier geschart, besprechen sich die Alten, achten auf die Teilung,

sehen den Frauen zu, die die Eingeweide waschen, umdrehen, salzen und

zerkleinern, um sie in den langen Darm zu stopfen.

Ihre Augen treten aus den Höhlen, ihre Zungen lecken lüstern ihre Lippen.

Ganz beseligt tasten sie die Seiten. Dieser Speck -- so weiß und fest. Und

die Schinken.

Nein, sie werden dieses Mal nicht dulden, daß Eef irgend etwas von dem

Schwein verkauft. Sie verlangen ihren Anteil an den Würsten, an dem

Räucherfleisch.

Es ist Geld genug im Armenfonds. Muß denn Zins auf Zins gelegt sein? Ihrer

ist die Gegenwart, das Schwein. Was bekümmert sie die Zukunft? Ihre Tage

sind gezählt.

Mutter Eef hält Wacht mit scharfen Augen, daß kein Frecher sich an ihrem

Gut vergreift. Jetzt faucht sie wie eine Katze auf. Ihre Faust in Arries

Tasche, zerrt sie wütend, zieht das Stück, das er vom Schweinemagen

heimlich abgeschnitten hat, heraus.

»Halunke, Lump, gemeiner Dieb!«

Arrie schweigt. Er ist zufrieden, daß der Eindringling die Flasche nicht

gefunden hat. Seine liebe Branntweinflasche.

In der Ecke, wie beleidigt, tut er einen tiefen Schluck daraus und reicht

sie heimlich weiter.

»Prosit! Unser totes Schwein soll leben.«

Und sie lachen wie die Kinder, hundert Runzeln in den alten Zügen.

Aus der großen Halle schrillt ein Wehruf. Lautes Weinen, wilder Jammer. Es

ist Tietje Boon.

Des Schweines Todeskampf, das blutig-rote Fleisch, der Blutgeruch haben sie

erregt. Irgend etwas ringt sich dämmernd aus dem zerstörten Denken. Aus

der Tiefe ihres Unbewußtseins tritt ein langvergessener Schmerz.

Sie liegt auf dem Boden, heult, schreit, rauft sich die Haare.

»Tietje Boon ist wieder mal nicht richtig,« sagt Gwij Louw zu Arrie.

»Sicher ist es so.«

Und den Umstand nutzend, daß die Mutter in die Halle geht, Tietje

auszuschelten, leert er seine Branntweinflasche bis zur Neige.

* * * * *

Konzert und Ball im Badhotel.

»Für die Armen, liebe Leute, es sind ihrer viel im Dorf.«

Mildtätigkeit rauscht aus den Seidenröcken, Mildtätigkeit blitzt aus den

edeln Steinen.

Mildtätigkeit entblößt die Büsten, schmückt die künstlichen Frisuren

mit Band und Blumen, läßt Champagnerpfropfen knallen.

Händedrücken -- Augenschmachten -- Hüftenwiegen. Die Verlockung wird zur

Pflicht.

Zweimal schon, zu je zehn Gulden einen Kuß, hat der blonde Hauptmann Frau

von Reuß die weißen Arme küssen dürfen.

Für die Armen, liebe Leute, muß man Opfer bringen.

Mutter Eef in ihrem blauen Kleid, stets das gleiche, auf dem grauen Haar

die Spitzenhaube, deckt die Tafel, bringt die Teller, Gläser und Bestecke.

Heute gibt es warmes Abendessen. Braten, süße Speisen, Wein und Bier und

für jeden Mann ein Päckchen Tabak.

Eben treten schon die Spender in die Halle. Ihre Wohltat zu vollenden,

wollen sie die Armen selbst bedienen.

Die Alten stehen sehr verlegen in den Türen ihrer Kojen.

In ihrem Herzen kämpft die Sehnsucht nach den feinen Speisen mit der Scheu

vor diesen Herrenleuten.

Mynheer van der Werft, der reiche Reeder, tritt jetzt vor, hält eine Rede.

Von der Güte Gottes, »denn der Herr ist auf dem Grunde jedes Tuns

und Lassens. Täglich müßt ihr ihn lobpreisen, daß er euch so schön

geführt hat. In dies Haus, wo euer Lebensabend hinfließt wie ein

Bächlein, still und rein und ohne Sorgen.«

Von der Menschengüte, die den alten Leuten dieses schöne Fest bereitet

habe. Von der Pflicht der Dankbarkeit für diese Wohltat, von der Pflicht

der Demut und Zufriedenheit.

»Ist er nicht bald fertig?« denken sich die Häusler. »Erdäpfel und

Braten werden kalt.« Unter den gesenkten Lidern fliegen ihre Blicke nach

der Tafel.

Endlich!

Um den runden Tisch sitzen jetzt die Alten. Das blasse Licht der

Hängelampe fällt auf ihre weißen Köpfe. Anfangs zögernd, immer

dreister greifen alle zu.

Schmatzend essen sie und trinken glucksend. Das Geräusch des Kauens und

des Schluckens mischt sich mit dem Rauschen der Gewänder. Wenn die Damen,

die zum Volk heruntersteigen, Schüsseln reichen, Gläser füllen. Da

fällt ein Teller klirrend auf die Diele und zerbricht. Er ist Frau von

Reuß entfallen.

Einer Ohnmacht nahe, starrt sie nach den Alten. Nach dem Lichtkreis über

ihnen, den die Finsternisse, in den Ecken dicht geballt, umdrängen und

ihn drohend fressen. Daß er matt und ungewiß die welken Körper und die

dürren Glieder und die bleichen Wangen fahl beleuchtet.

Ihr ist plötzlich: lauter Leichen sitzen um die Tafel. Fleischlose

Gerippe, deren Kiefern zahnlos malmen. In den Dunst von Wein und Speisen

steigen ihre Verwesungsdüfte. Ihrer selbst nicht mächtig, stürzt sie

durch die Tür ins Freie. Auch die anderen Herrenleute, schnell erkaltet in

dem Eifer sich zu opfern, suchen einen Vorwand, sich zu flüchten.

Unbekümmert, ohne aufzusehen, füllen sich die Alten Schlund und Magen.

Sie vertilgen bis zum Rest die Braten, und sie leeren Wein und Bier zur

Neige.

Dann, des Übermaßes ungewohnt, sitzen sie betäubt. Ein Gefühl des

Unbehagens überfällt sie, eine Lust zu streiten und zu raufen.

Arrie Paap fängt plötzlich an zu winseln: hätten sie ihn doch gefragt.

Hätten sie ihm, statt des Nachtmahls, doch lieber seinen höchsten

Wunsch erfüllt, den letzten seines Lebens. Einmal noch nach Amsterdam zur

Kirmeß. Auf den Straßen singen hören, tanzen sehen, in den Waffelbuden

sitzen und das Karussell besuchen. Einmal noch in diesen großen Kutschen

fahren. In den wunderbaren weißen Kutschen, ganz vergoldet und mit

goldenen Pferden, die sich nach dem Klang des großen Spielwerks langsam

drehen.

An den Fingern zählt er sich die Kosten ab. Für Wein und Bier, und für

den Braten, für die süße Speise. »Das hat mehr gekostet als die Fahrt

zur Kirmeß, meint Ihr nicht auch, Mutter Eef.«

Eef ist sehr verdrießlich.

Das Gesindel, diese feinen Damen. Erst sind sie so freundlich, bieten ihre

Dienste an, wollen helfen und bedienen. Und dann rennen sie davon, lassen

ihr die Plackerei und Arbeit.

Keine einzige hat ihr etwas gegeben, keinen Cent, ihre Hand ist leer.

Gerade nur, daß sie sich die beiden Flaschen Wein hat beiseite bringen

können, und die halbe Torte und die Wurst.

Arrie winselt immer noch in seiner Ecke. »Hätten sie mich doch nach

meinem Wunsch gefragt.«

»Du bist ganz besoffen, Kerl, leg' dich schlafen,« sagte die Mutter.

Wütend schichtet sie die leeren Teller, packt sie auf den Arm und trägt

sie weg. Auf dem Weg zur Küche murmelt sie verächtlich: »Diese reichen

Leute.«

[Illustration: Decoration]

Katjes Erfolg war unbestritten; sie hatte der Frauen Mitleid angerührt,

dem jungen Dichter eine neue Welt erschlossen, die geräuschvolle

Zustimmung des tschechischen Genossen eingeheimst. So offensichtlich

platzte nun auch Aloys aus allen Nöten vor Erzählerlust, daß ich

lächeln mußte, wenn ich den Ton als höchst geschmacklos auch verdammte,

als der grauhaarige Herr dem Südtiroler seine Zigarettendose reichte und

ruhig sagte:

»Na, Herr Oberkellner, und was haben Sie gegen ihre frühere Kundschaft

auf dem Herzen? Heraus damit. Es kitzelt Sie ja schon in der Kehle.«

Wie gekränkt in seiner Manneswürde hielt Aloys sich zuerst zurück. Dann

siegte wohl die »Bitte sehr, bitte gleich«-Natur in ihm. Er verbeugte

sich, und eingedenk vielleicht seiner Gewohnheit, die Zahl nach oben

abzurunden, nahm er an Stelle eines Tabakstengels ihrer sechs aus dem

Behälter.

»Na natürli,« sagte er begütigend, »es is halt alles unterschiedlich

auf der Welt. Es hat ihrer unter die Herrschaften viel noblichte und

anständige a. Aber sell muß wahr sein: a fremds Brot is a sauers Brot.

Und die Armen und die Reichen, das paßt halt z'samm' als wie, mit Verlaub,

an Schweinshaxel in an Judenmagen. Und um so mehr als wie sich Müh' geben,

sich gemein mit unsereins zu machen, um so talketer stellens sich halt an.

Auf d' letzt noch,« er rückte seinem Ziele näher, »acht Täg bevor

i hab' weg müssen zu die Soldaten, is oben in unserm Alpenwirtshaus

was passiert. Wenn die Herrschaften erlauben, werd' i so frei sein und's

erzählen. Ein ganz a lustigs Stückl. Kurz is's a.«

Er erbat sich Feuer von dem grauhaarigen Herrn, setzte sich an Katjes Seite

und begann.

[Illustration: Decoration]

Volksbeglückung

Es war die zweite Stunde eines heißen Julinachmittags. Um diese Zeit

kam keine Kundschaft in die Schwemme des großen Alpengasthofes »Zum

Latemar«, der auf einem Hochplateau erbaut war, von den Dolomiten wie von

einem Kranz umgeben. Vefi Rifeser, die Kellnerin, konnte ungestört die

Platte ihres Schenktisches seifen. Sie rieb und bürstete mit Eifer, wie

jemand, dessen Gedanken nicht bei seiner Arbeit sind. Von Zeit zu Zeit fuhr

sie mit der Schürze über die erhitzten Wangen und trocknete zugleich die

nassen Augen.

Die Vefi war ein mittelgroßes, schlankes Mädchen, mit brauner Haut,

feurigen Augen und starken schwarzen Haaren. Sie war im Grödnertal

geboren, von welschen Eltern, ihr Sinn war ungestüm, und ihr Geblüt war

heiß. An schwülen Tagen wie dem heutigen machte es ihr viel zu schaffen

und begehrte heim zu allem, was sie, dem Broterwerb zuliebe, dort

zurückgelassen hatte.

In solchen Augenblicken war es geraten, ihr aus dem Weg zu gehen, das Wort

saß ihr dann lose auf der Zunge und die Hand lose im Handgelenk. Zwar, sie

war auch sonst nicht maulfaul und verkniff sich keinen derben Ausdruck. Mit

den Bauern war sie grob aus Hochmut, weil sie sich ihrer Armut halber nicht

von ihnen ducken lassen wollte, und mit den Städtern aus Schlauheit. Sie

merkte wohl, daß ihre Art die Herrenleute in die Schwemme lockte, die

Männer reizte und die Frauen unterhielt, und daß die Trinkgelder mit

ihrer Keckheit wuchsen. Sie sah und merkte überhaupt so manches und lachte

heimlich über die verrückten Leute, die sich vom Wirt und den Kellnern

das Geld aus den Taschen ziehen ließen. Die, anstatt bis Mittag im

bequemen Bett zu schlafen, vor Sonnenaufgang aufstanden und in die Berge

liefen. Die voreinander den ganzen Tag Komödie spielten und sich in einem

fort verkleideten; in der Früh' als Tiroler, in geflickten Lodenjacken,

Lederbuxen und Dirndlgwand'ln, zu Mittag wie die Kunstreiter in Sportanzug

und in Radelröcken, und auf die Nacht wie die Affen; die Mannsbilder in

schwarzen Schniepeln und glänzenden Stiefletten, die Weibsleute obenher

halbnackt, daß man sich schämte sie anzuschauen, untenher mit langen

Seiden- und Spitzenfahnen, die sie auf dem roten Bergsand schleifen

ließen. Und die sich alle auf die Gebildeten und Feinen spielten und doch

grad' so nixnutzig waren, so verlogen und verliebt wie die gemeinen Leute

auch.

Vefi hatte Gelegenheit genug, das alles aus der Nähe zu beobachten; denn

zum Verdruß des Landvolks und zum Ärger des feinen Oberkellners hielten

sich viele Fremde lieber in der Schwemme auf als in der eleganten Halle

des Hotels. Neugierig waren manche, konnten sich nicht genug tun mit Fragen

nach bäuerlichen Sitten und Gebräuchen, als ob Tirol im Mond gelegen

wäre. Andere kamen ihr mit Ratschlägen und Anerbietungen, mit

unverschämten und auch gutgemeinten.

Da war besonders ein Fräulein aus Berlin, Klarisse Müller hieß es, und

wohnte schon seit einem Monat im Hotel, das hatte die Grödnerin in ihr

Herz geschlossen und war ganz erpicht darauf, sie zu unterrichten. Dafür

verlangte sie nicht nur keine Bezahlung, sondern sie beschenkte ihre

Schülerin noch, um sie anzueifern. Aus diesem Grund ließ sich's die Vefi

auch gefallen; aber sie war doch herzlich froh, wie das Fräulein auf ein

paar Tage fortmachte, auf eine Bergtour.

Heute namentlich, da ihr die Traurigkeit beinahe das Herz zersprengte,

hätte sie sich lieber in ihrem Dorf um geringsten Taglohn schwer geplagt,

als hier in der Fremde in ihrem Sonntagsstaat die Bauern zu bedienen und

den Herrenleuten einen Hanswurst vorzumachen. Wie sie das grad' so bei sich

dachte und ihr dabei die Tränen wieder in die Augen stiegen, tat sich die

Tür auf, Fräulein Klarisse trat herein; sie trug ein Päckchen in der

Hand.

»Grüß Gott, Vefi!« sagte sie mit norddeutscher Betonung.

»Grüß Gott, Freilen,« erwiderte die Kellnerin nicht eben freundlich.

Dabei bückte sie sich hinter die Kredenz, so daß sie die ausgestreckte

Hand des Fräuleins nicht zu schütteln brauchte.

Fräulein Klarisse nahm ihr das nicht übel. Sie hatte feste Theorien in

bezug auf den Verkehr mit Frauen unterer Stände. Die wollten ihrer Ansicht

nach gewonnen und umworben werden, man mußte sie behandeln wie die Kinder,

und ihnen wider ihren Willen helfen.

Vertraulich setzte sie sich an einen Holztisch und erbat sich ein Glas

Milch.

»Nun, und wie ist es Ihnen denn ergangen, Vefi, während ich nicht hier

war? Ist Ihnen bang' nach mir gewesen?« Sie erhob die Stimme, als könnte

sie ihr Hochdeutsch dadurch besser verständlich machen. »Ich hab' an Sie

gedacht, sehen Sie, ich hab' Ihnen was mitgebracht.«

Sie löste die Hülle des Paketchens und überreichte Vefi ein geschnitztes

Kästchen, dessen Deckel ein buntbemaltes Bildchen zierte. Das Dorf

St. Ulrich, überragt vom Langkofel und der Sellagruppe.

Vefi starrte auf das Geschenk. Sie wußte mit dem Kästchen nichts Rechtes

anzufangen, aber die wohlbekannten Formen der Berge, die seit Jugend an

ihren täglichen Horizont gebildet hatten, weckten eine wilde Sehnsucht in

ihr auf.

»I dank Enk, Freilen.«

Sie war nicht dankbar. Wütend war sie, daß sie hier stehen und schwatzen

mußte und nicht ihr Bündel nehmen und nach Hause laufen durfte.

»Denken Sie, ich hab' den Langkofel bestiegen,« plauderte indes das

Fräulein weiter, »bis zur Hütte. Herrlich war es oben, diese wundervolle

Aussicht. Na, Sie sind den Weg gewiß schon oft gegangen.«

Vefi wußte nicht, was Nerven sind, sie fühlte nur, daß sie an sich

halten mußte, um den Gast nicht vor die Tür zu werfen.

»I,« erwiderte sie mürrisch, »baleib net, zu so was hab' i net Zeit.«

»Aber am Sonntag doch? Zieht es Sie denn da nicht hinaus in die schöne

Natur?«

»Meinen S' die Berg? Die siech i akrat a so von unten. Und am Sunntig will

i decht a mei Ruh' hab'n.«

»Wie doch die Dumpfheit des Geistes dem Volk die schönsten Freuden

raubt,« dachte Klarisse und erzählte, nicht ohne erzieherische Absicht,

daß einer von den Führern, ein furchtbar netter Kerl, womöglich noch

begeisterter vom Sonnenaufgang war als die Städter. »Er war aus Ihrer

Gegend, vielleicht ist er Ihnen bekannt, Peter Purtscheider war sein

Name.«

Vefi lachte verächtlich auf. »Ui jegerl der Peter, sell is der recht',

der lugt mit 'm Maul, bal er betet. Um a guat's Trinkgeld plauscht der die

Frischleut' sakrisch an.«

Was hatte nur die Vefi? So üble Laune hatte sie noch nie gezeigt.

Fräulein Müller lenkte daher das Gespräch in andere Bahnen.

»Haben Sie denn für mich gearbeitet, liebe Vefi?«

Das Mädchen brummte etwas Widerwilliges, doch ging sie an den Schenktisch

und kramte in der Lade nach Tintenfaß und Schreibheft. Das Fräulein hatte

es doch gut gemeint mit ihrem Kästchen, auch für die Milch wieder zehn

Heller Trinkgeld hergegeben.

Klarisse sah das dünne blaue Heft mit dem zerrissenen beschmutzten Deckel

kopfschüttelnd an.

»Aber Vefi, wie sieht das wieder aus. Und was haben Sie da obenan

geschrieben?«

»'S is die Zech' vom Patscherjörgl, 's hat ihm gar so arg g'schleunt und

i kunt koa Kreid'n finden.«

Das Fräulein überflog die Rechnung.

»Wie haben Sie das nur wieder buchstabiert? Wein mit eu und Rührei mit

ai.«

Das Blut stieg Vefi in die Schläfen. Sie faßte nach dem Buch, um es an

sich zu reißen!

Klarisse hielt es fest.

»Ich darf nicht die Geduld verlieren,« mahnte sie sich selber, sagte:

»Lassen Sie mich nur erst Ihre Arbeit sehen!« und öffnete die Blätter.

Sie hatte ihrer Schülerin, der die großen Buchstaben nicht ganz geläufig

waren, die Aufgabe gestellt, zu jedem Zeichen des Alphabets einen Rufnamen

zu finden. Nun las sie, ohne zu verstehen, eine Anzahl Worte.

»Was soll denn das hier heißen, Durl, Hias, Lipp, Neas?«

Die Kellnerin lehnte, auf die Ellbogen gestützt, neben der Lesenden.

»So heißt mer bei mir dahoam die Dorothee, den Matthias, den Philipp und

die Agnes,« erklärte sie.

»Ja, warum haben Sie denn dann die Namen nicht an die richtige Stelle

gesetzt?« lächelte die Lehrerin. »Und ein paar Buchstaben haben Sie ganz

ausgelassen, das G zum Beispiel.«

»Auf G hab' i koa einzig's Wörtl finden kunnt.«

»Aber Vefi! Ihr eigener Name -- Genoveva!«

Vefi schlug sich vor die Stirn.

»I Dalk, i Tepp, daß i dadrauf net denkt hab'.«

Sie griff nach den Blättern, riß die beschriebene Seite aus und zerfetzte

sie in viele Stücke.

»Lassen S' mi aus, Freilen,« rief sie, »i sag's Enk alm; von

Hundsschweifeln g'winnts koa Unschlitt. I bring' dös Zeig nimmer in mei'

dalketen Schädel eini.«

Das Fräulein suchte sie zu besänftigen.

»Wie können Sie so sprechen? Sie wollen nur nicht.«

Da warf die Kellnerin trotzig den Kopf zurück.

»Von z'wegen was a?«

»Um im Leben vorwärts zu kommen und auch um Ihrer selbst willen, Bildung

macht die Menschen frei.«

»Ui jegerl,« kreischte die Vefi auf, »was sollet i mit a Büldung? Für

mei' Arbeit bin i g'bild't gnua.«

»Sie könnten aber leichtere bekommen, hier ist sie doch oft recht schwer

für Sie.«

»Sell is wahr,« bestätigte die Vefi.

Nachtgespräche · 第 4 / 9 段