Damit war der Gärtner, Bellos Besitzer, gar nicht einverstanden. Er

mißbilligte schon Bellos Verkehr im Herrenhaus. »Bello soll nicht

zutunlich zu Tier und Menschen sein. Bös soll er werden, mißtrauisch und

scharf, sonst taugt er sein Lebtag nicht zum Kettenhund,« und duldete nur

aus wirtschaftlichen Gründen sein herzliches Verhältnis zu der Köchin.

Die Freundschaft mit den Zeitungsbuben aber war ihm geradezu zuwider.

Zum Schutz gegen Leute, die barfuß gingen und abgenutzte Kleider trugen,

sollte der Hund ja gerade aufgezogen werden.

Es wurde Bello sehr schwer, seine Bestimmung zu begreifen. Zu den ersten

Kläpsen hatte er, wie ein rechter frecher Bengel, mit mutwilligen Lauten

erwidert. Bald aber verspürte er, wie bitter Schläge schmecken.

Diese Erfahrung nahm ihm das Vertrauen zu der Menschengüte. Und mit dem

Kinderglauben auch die Kinderzuversicht. Er lernte lügen und betrügen.

Er tat heimlich, was er bisher für sein gutes Recht betrachtet hatte.

Mit geducktem Kopf, das Schwänzchen (sonst der Vergnügungsanzeiger des

kleinen Körpers) zwischen die Beine eingeklemmt, schlich er in die Halle,

vor jeder Handbewegung fluchtbereit. Den Berührungen der Dienstboten wich

er ängstlich aus und stahl, was ihm bisher freiwillig angeboten worden

war.

Am zögerndsten entsagte er der Neigung zu den zerlumpten Kameraden. Immer

wieder wurde er im Spiel mit ihnen angetroffen.

Da band der Gärtner ihn zur Strafe eines Nachts zum erstenmal in der

großen Hundehütte fest. Verlassen, frierend, von Furcht und Sehnsucht

fast von Sinnen, bat er unaufhörlich: »Verzeiht mir doch! Ich will ja

brav sein! Kommt denn niemand? Laßt mich nicht allein!« Und unterbrach

sein Winseln nur, um hämmernden Herzens, mit aufflammender und immer neu

enttäuschter Hoffnung aufzuhorchen, ob die Erlösung sich nicht nahe ...

Und in der nächsten Nacht derselbe Jammer ...

In den Stunden der Verzweiflung reifte langsam die Ahnung von dem

Weltzusammenhang in ihm. Von der Macht des Starken. Daß der Schwache

rechtlos sei und daß ihm nur _eine_ Waffe zu Gebote stehe -- die Bosheit.

Er veränderte sein Wesen. Das Fellgekräusel wurde glatt, die Blicke

kehrten sich nach innen, die Schnauze streckte sich und gab ihm das

Aussehen eines Fuchses.

Neun Monate war er alt, als er nach dem jüngeren der Zeitungsträger

schnappte.

Das Bübchen hatte sich, in dem Verlangen nach dem langentbehrten

Spielgefährten, bis zum Gartenhäuschen vorgewagt. Es hielt das Knurren

Bellos, dem man streng aufgetragen hatte, niemanden in die Wohnung

einzulassen, für eine der beliebten Narrenpossen seines Freundes, und

überschritt die Schwelle. Da biß der Hund nach ihm ... über das magere

Beinchen rieselte das Blut in Tropfen ...

Der Gärtner lobte seinen treuen Wächter und belohnte ihn mit einer halben

Wurst.

Bellos Erziehung war vollendet.

[Illustration: Decoration]

Unweit von mir trocknete eine junge Dame im Verborgenen eine Träne ab.

»Das war eine traurige Geschichte. Armer Bello.«

Die Männer lachten. Einige im Ärger, andere belustigt.

»Meine Freundin Isabella liebt die Tiere über alle Maßen,«

entschuldigte Isabellas Nachbarin.

»Und du meinst, Franziska, daß ich mich dessen schämen sollte?«

Isabellas Stimme, zuerst wie von Müdigkeit verschleiert, wurde klarer.

Ich dachte, sie hat den D-Moll-Klang des »Immer leiser wird mein

Schlummer«-Lieds von Brahms.

»Ja, ich liebe sie, die Tiere,« fuhr sie fort, »sie sind so hilflos wie

die kleinen Kinder, sie sind so ganz auf unsere Güte angewiesen und haben

zu uns so ein rührendes Vertrauen. Wir aber täuschen sie beständig und

mißhandeln sie zum Lohn für ihre Liebe.« Sie hob sich etwas aus dem

weiten Mantel, in den sie, fröstelnd, eingesunken war. »Nur wir Frauen

sind ihnen überlegen in der Fähigkeit, stumme Martern zu ertragen.« Sie

hatte ihren Platz verlassen und stand sehr schlank in einem hochgegürteten

Gewand von weicher schwarzer Seide, ein dünnes Perlenschnürchen um die

weiße Kehle. »Ach, was wißt ihr Männer, wie wir Frauen um die Liebe

leiden können. Wir haben einen sechsten Sinn dafür.«

Ich dachte: Was tut sie? Wie weit wird sie sich vergessen?

»Wir liegen auf der Erde und zerschlagen unsere Brüste, wir hassen

euch und möchten euch verwünschen. Aber wenn ihr kommt, findet ihr uns

schmeichlerisch und zärtlich. Wir wissen, ihr wollt von uns die Wahrheit

nicht. Und nur durch die Sinne halten wir euch fest.« Ich hätte zu

ihr treten und sie verhindern mögen, sich weiter vor fremder Neugier

zu entkleiden, aber sie schien schon rettungslos dem Zauber dieser Nacht

verfallen, der die Schlösser an den Herzen sprengte und die Seelen zwang,

schamlos zu sein. Nur tiefer in das Zimmer zog Isabella sich zurück. Wie

auf einer Geigensaite sang der Mollton ihrer Stimme aus der Ferne.

[Illustration: Decoration]

Vision

Noch einmal liebte er. Noch einmal hüllte ihn die Leidenschaft in

ihren Purpurschleier, noch einmal träumte er das holde Märchen vom

Sichverlieren und in einer anderen wiederfinden. Doch sein Schlummer war

nicht tief. Im Traume wußte er von seinen Träumen, und daß ein lauter

Anruf ihn erwecken würde. Und der Schleier, der ihn hüllte, war nicht

unversehrt. Ein Riß nur, und das Licht des Alltags drang durch seine

Maschen. Das wußte er, und er zäumte Dunkelheit und Stille um sein

letztes Glück.

Sie liebte ihn. Ihr ging zum erstenmal des Weibes Lebenssonne auf. Kein

Zweifel war in ihr. Mit demütiger Wonne gab sie ihr Ich an ihn verloren.

Um Anbeginn und Ausgang ihrer Liebe standen Ewigkeiten. Ein Reichtum war

in ihr, ein Jubeln und ein Singen. Und ein Drang, sich zu entdecken, zu

bekennen. Jede Erinnerung holte sie aus den Verborgenheiten des Empfindens,

um sie mit dem Geliebten nochmals zu durchkosten. Und sie verlangte ihren

Anteil an jeder Regung seines Wesens.

Er lächelte und schwieg. Er schloß die Augen, legte ihr die Finger

auf die Lippen, zog sie in seine Arme, riß sie mit sich in das Meer der

Seligkeiten. Und über ihren Häuptern schlug die Flut zusammen.

Doch wenn ihr die Besinnung wiederkehrte, hörte sie, wie ihre Seele

klagte: du schwelgst und läßt mich darben. Du glühst, und ich erfriere.

Fühlst du denn nicht? Er ist nicht dein Freund. Was er dir gibt, ist

nichts als sein Begehren.

Dann weinte sie und forderte vom Schicksal: erhöre mich. Nimm ihm sein

Begehren, gib mir dafür seine Freundschaft.

Die Blüten ihrer Freude fingen an zu welken. Ein Mißton gellte durch

ihr innerliches Jauchzen. In die festen Wurzeln ihres Glaubens drang ein

Fäulnistropfen, und dem zerstörten Erdreich entwuchs der Schmerz wie eine

kranke Blume.

Er ahnte nichts von ihren Qualen. Dankbar genoß er ihr Verstummen und

schlürfte ihre wehe Zärtlichkeit wie eine neue Würze. Er ahnte nicht,

daß ihre Lippen, auf denen eben noch die seinen brannten, in sich den

Schrei erstickten: Schicksal, erhöre mich. Nimm ihm sein Begehren. Gib mir

dafür seine Freundschaft.

Einmal aber kam es, daß ihre Zweifel durch ihr Schweigen brachen. Wie ein

lang zurückgedämmter Strom stürzten ihre Klagen über ihn hinweg: »Du

liebst mich nicht, an deiner Seele hab' ich keinen Anteil, du gibst mir

nichts als deine Sinne.«

Er blieb die Antwort schuldig. Er nahm sie sanft in seine Arme, wiegte sie

hin und her und sagte nur mit einem müden Lächeln: »Du Kind.«

Am nächsten Tage fehlte er um die gewohnte Stunde.

Sie stand und wartete auf ihn, in Unruhe zuerst, dann in Erstarrung. Sie

stand ganz nahe bei der Tür, weit vorgebeugt, um das Nahen seiner Schritte

eher zu erlauschen. Es wurde finster, und sie wartete noch immer. Sie

zündete kein Licht an. Ihr war, als bringe ihn das Dunkel ihrer Sehnsucht

näher.

Plötzlich streifte sie sein Atem. -- Sie fuhr empor und sah ihn in der

Tiefe eines Sessels lehnen.

Sie fragte nicht: wie ist er eingetreten? Sie fragte nicht: wer hat die

Lampe angesteckt, die rot verschleiert aus der Ecke leuchtet? Ein Nebel lag

auf ihrem Denken, sie fröstelte. Das kam daher -- er hatte sie beim Kommen

nicht geküßt.

Er lehnte in der Tiefe eines Sessels, ihr gegenüber. Er erzählte von

Erlebnissen und Plänen, forschte, wie sie sich tagsüber beschäftigt

habe.

Sie dachte: ist das seine Stimme? dieser gleichmäßige Klang, der niemals

jäh erstickt und im Geflüster abbricht?

Er zog ein Buch aus seiner Tasche, empfahl es ihr und bot sich an, ihr

daraus vorzulesen.

Sie wollte rufen: du -- du -- kommst du nicht zu mir?

Der Laut erstickte in der Kehle.

Er plauderte inzwischen weiter. Er wurde witzig, zuweilen wurde er sogar

bedeutend.

Sie dachte: ist er es denn wirklich?

Sie fand ihr Bild nicht mehr in seinen Augen, aus seinen Zügen war jede

Heimlichkeit gelöscht. Sie sagte gleichgültige Dinge. Es wurde eine

angeregte Unterhaltung.

Sie wollte aufstehen, sich in seine Arme stürzen. Etwas Unüberwindliches

hielt sie zurück. Die kurzen Schritte, die sie von ihm trennten, waren

nicht zu überschreiten.

Sie dachte: wenn er es wirklich ist, dann hab' ich meine Liebe nur

geträumt, den Mann mir gegenüber kenn' ich nicht.

Jemand sagte: »Was euch vereint hat, ist zerrissen. Sein Leben ist

erstorben. Du aber lebst. Und keine Brücke führt vom Lebenden zum

Toten.«

Ein mörderischer Griff preßte ihr Herz zusammen. Aus schwerster Not

stöhnte sie auf ...

Sie lag im Dunkeln an der Erde. Ihre Wangen waren naß von Tränen. Und

schnell, ehe die betäubte Seele sich von ihrer Angst befreien konnte,

stammelte der Mund, mit blassen Lippen: »Schicksal, erhöre mich -- nimm

mir, wenn es sein muß, seine Freundschaft, aber laß, o laß mir sein

Begehren.«

[Illustration: Decoration]

Isabella, jetzt auf einem niederen Schemel unterhalb des Fenstertritts

gekauert, hätte die Wiederkehr in unsere Gemeinsamkeit nicht scheuen

brauchen. Mit Ausnahme einer faunischen Bemerkung des grauhaarigen

Zigarettenrauchers entheiligte kein Männerwort den Nachhall der

ausgeströmten Klage. Nur in Franziska, mir entging es nicht, rang ein

Kampf. Ein Widerspruch, ein Stolz? Mit einem Hochmut, der ihr wohl helfen

mußte, ihre Abneigung gegen diese öffentliche Kundgebung zu überwinden,

erkannte sie die Tyrannei der Sinnlichkeit nicht an. Mehr als den

Geliebten suche die Frau jetzt in dem Manne den Vater ihrer Kinder, den

gleichberechtigten Gefährten.

Wieder war es eine Frau, die sich ihr entgegenstellte. Am wenigsten hätte

ich es dieser zugetraut. Sie war mir jenseits jedes passionellen Sturms

erschienen. Ich entdeckte bald den Einfluß, unter dem mein Urteil stand.

Entgegen den heutigen Gebräuchen war ihre Kleidung der Anzahl ihrer Jahre

angepaßt. Das gab ihr vorzeitig den Anschein der Matrone. Es gelang mir,

ihr früheres Ich bildhaft vor mir wiederherzustellen. Die feine Linie

des jetzt zur Fülle neigenden Ovals, den schönen Schnitt der großen

schwarzen Augen, jetzt von sanfter Traurigkeit verschattet, die Lockungen

der Lippen, ehe die Zeit ihnen die Frische nahm.

Fühlte sie von mir etwas zu sich herübertasten? Sie wendete sich nur

an mich, als sie ruhig sagte, sie habe keine Vorstellung von einer

Weltordnung, die es den Frauen möglich machen werde, vom Mittelpunkt ihrer

Natur sich zu entfernen. Was für Geschöpfe würden sie dann sein? Vom

Fluch des Triebes befreit, von der Versklavung durch das Blut, das seine

Forderungen am gebieterischsten stellt, wenn es die Grenzen seiner Macht

erreicht. Ruhigere sicher. Ob aber glücklichere? Ohne die Glorie

ihrer tödlichsten, unentbehrlichsten, aus der Wurzel ihres Weibseins

aufsteigenden Schmerzen. Ganz schlicht, die Farbe ihrer Wangen kaum

erhöht, erzählte sie; es mochte ihr Erlebnis, es mochte das Tausender

ihrer Mitschwestern gewesen sein.

[Illustration: Decoration]

Herbst

Noch ein Tücherschwenken. Glück auf den Weg! Liebe! Liebste! Dann bog der

Wagen um die Ecke, allmählich verkräuselte der aufgewühlte Staub.

Doch noch verweilte Frau Beate an dem Gartentor. Mit feuchten Augen sah sie

in die Herbstlandschaft hinaus.

Durch die große Ruhe der Natur ging es wie ein Ton verhaltenen Gefühls.

Wehmütig entflatterte das fahle Laub den kahlen Zweigen. Daneben aber

flammten Bäume purpurn auf, als jauchzten sie im Abschiednehmen schon

dem Wiedersehen zu. Und die grünen Wiesen, ganz durchwirkt mit lichten

Herbstzeitlosen, gaben sich der auslöschenden Abendröte mit solcher

Inbrunst hin, daß sie, wie von innen her, erglühten.

Auch in Frau Beatens Seele war ein Weinen und ein Lachen. Unter einer

sanften Traurigkeit sammelte sich eine aufsteigende Kraft in ihr, etwas wie

ein Wunsch, der noch unter der Schwelle des Bewußtseins schläft.

Vom Hause her kam jemand, um sich eine wirtschaftliche Anweisung zu holen.

Das riß die Sinnende aus ihrem Träumen. Langsam ging sie, die schwere

Schleppe nachlässig gerafft, der Villa zu, den mit gelbem Kies bestreuten

Weg entlang, zwischen den Rabatten, an denen noch ein paar späte Rosen

blühten.

Sie mied den Eingang durch die Halle, in der die Dienerschaft beschäftigt

war, die gewohnte Ordnung wiederherzustellen und stieg die Seitentreppe

aufwärts, zu dem Zimmer ihrer Tochter. Ein süßlicher Geruch schlug ihr

entgegen. Er strömte aus den halbverwelkten Blumenkränzen, die sich, von

liebevoller Hand gewunden, um die hellen Möbel schlangen.

Beate öffnete ein Fenster, drehte den Verschluß der elektrischen

Beleuchtung auf, das Zimmer befand sich noch in demselben Zustand, in dem

die Neuvermählte es verlassen hatte. Allerlei Zierlichkeiten, wie eine

elegante Frau sie zu ihrer Kleidung braucht, lagen durcheinander. Auf

dem Teppich Nadeln, Bänder. Die weißen Seidenstrümpfe mit den

Myrtensträußchen neben den Atlasschuhen, als seien sie eben von den

Füßen abgestreift. Über die Sofalehne floß das Brautkleid wie

ein Lebendiges hinunter, in seinen Falten hing noch der Duft zarter

Mädchenhaftigkeit.

Frau Beate drückte ihre Lippen in die weiche Seide, innige Segenswünsche

im Gemüt. Dann bückte sie sich nach dem Schleier, der auf den Fußboden

herabgeglitten war.

Mit Fingern, die vor Erregung bebten, hatte sie Kranz und Spitze aus dem

Haar der Braut gelöst. Etwas hastig. Denn von Zeit zu Zeit hatte der junge

Ehemann mahnend an die Tür geklopft. »Lena, Liebling, beeile dich ein

wenig, bitte. Wir haben eine Stunde bis zum Bahnhof. Und bei dem Pech, daß

wir gerade heute das Auto nicht benutzen können ...«

Glättend fuhren Frau Beatens Hände über das kostbare Gespinst, ein

Erbstück, das von ihres Mannes Mutter stammte, und das auch sie an ihrem

Ehrentag getragen hatte. Einundzwanzig Jahre war es her.

Wie das lebendig vor ihr aufstand -- den ganzen Tag über hatte es sie

schon verfolgt. In einer anderen Stimmung als die Lenas war sie damals vor

den Altar getreten. Nicht so siegessicher, weil nicht so begehrt. Mit der

Unruhe im Herzen: werde ich Robert genügen? In demütigem Staunen:

warum wurde gerade ich von ihm gewählt? Von ihm, dem so viel Älteren,

Gereiften. So klug, so fein, so reich. Und sie hatte nichts als die frische

Unberührtheit ihrer Jugend.

Gut und rücksichtsvoll war er auf der Hochzeitsreise dann zu ihr gewesen,

hatte sie vor den Kunstwerken Italiens und Griechenlands nicht fühlen

lassen, wie wenig sie wußte und verstand. Und doch dieses Ungreifbare

zwischen ihnen, diese Sehnsucht, ihm einmal aus verborgenster Empfindung

»Du« zu sagen.

»Laß uns nur erst zu Haus sein,« hatte sie sich getröstet, »nicht mehr

fremden Blicken ausgesetzt. Dann will ich meine Schüchternheit bezwingen

und ihm zeigen, wie heiß, wie leidenschaftlich meine Liebe zu ihm ist.«

Da, noch vor der Heimkehr, jene Stunde, in der sie ihm ihr Geheimnis hatte

anvertrauen müssen.

Nein, hatte sie je eine so strahlende Glückseligkeit aus den Zügen eines

Menschen brechen sehen? Ihre Hände hatte er geküßt, wenig fehlte, er

wäre vor ihr auf die Knie gesunken.

Fortan war sie mit ausgesuchter Sorgsamkeit von ihm behandelt worden, jedes

Unbehagen, das sie traf, für ihn ein Schreck. Am liebsten hätte er sie

gar nicht mehr verlassen. In ihrem ganzen Leben war sie noch nicht so

verhätschelt worden. Was peinigte sie sich mit der Vorstellung: das alles

gilt nicht dir. Du bist nur das Tabernakel für sein künftiges Idol.

Frau Beate ging zum Toilettentisch, griff nach Lenas Bild und strich

liebkosend darüber hin. Wie in nachträglicher Abbitte für allen Groll

und alle Eifersucht auf das Übermaß der väterlichen Liebe.

Das Kind. Das Kind, der Mittelpunkt alles Geschehens. Ihm zuliebe hatte

sich die Frau allsommerlich auf Monate von ihrem Manne trennen müssen. Ihm

zuliebe, um es nicht so lange zu missen, wurde dann das Landgut angekauft.

Und damit das eigene Geschick besiegelt.

Vor drei Monaten war Lena einer Einladung Barons von Norden, des neuen

Gutsnachbarn, gefolgt. Ihr Vater, durch eine Erkältung verhindert sie zu

holen, hatte ungeduldig der Verspäteten geharrt. Endlich -- das Signal der

Hupe. Heiß und aufgeregt war die Tochter dem Vater an den Hals geflogen.

»Vatti, ich bin so unaussprechlich glücklich.«

Sie war verlobt. Mit Kurt von Norden. Eine Liebe auf den ersten Blick, seit

Wochen brannte sie in beiden. Auf der Heimfahrt war das »Ja« gefallen.

Und nun wartete er draußen.

»Darf er herein?«

»Nein!«

»Auch morgen nicht?« Das verwöhnte Mädchen war ganz fassungslos

geworden. »Du verweigerst deine Zustimmung? Aus welchen Gründen? Aber ich

lasse nicht von ihm ...«

Was nun folgte: Tränen, Nervenkrisen, Selbstmordgedanken. Seit jener Zeit

teilte Frau Beate Lenas Zimmer in der Nacht. Bis der Sieg errungen war.

Die schlimme Brautzeit, auch für die Mutter, die den Vater trauernd leiden

sah.

Armer Freund! Wie tapfer er sich heute gehalten hatte (nur bei dem

Trinkspruch auf das junge Paar war seine Selbstbeherrschung sekundenlang

bedroht gewesen), mit welch gutgespielter Heiterkeit er sich erboten hatte,

den Hochzeitswagen auf dem Weg zum Bahnhof selbst zu lenken. Aber in was

für einer Stimmung würde er ihr wiederkehren?

Mechanisch hatte Frau Beate in das Spiegelglas geblickt, ohne sich darin

wahrzunehmen. Wie kam es, daß sie sich jetzt entdeckte? Daß aus dem

Gedächtnis die Erinnerung an Huldigungen tauchte, die heute unbeachtet an

ihrem Geist vorbeigegangen waren? Ein freches Wort dabei, nicht für ihr

Ohr bestimmt: Wenn ich zu wählen hätte, weiß Gott, die Mutter wär' mir

lieber.

Sie drängte sich näher an das Glas heran, prüfte Haare, Haut, Gestalt.

Wie ein Schauer überlief sie ein Verständnis, das schon vorhin leise aus

der Natur zu ihr gesprochen hatte. Daß dem Verblühen ein heftigerer Reiz

entströmen könne als dem Entknospen, der tödlich süße Schmerz des

Endes, der dem Genuß die feinste Wollust gibt. Und jäh und heiß schoß

ihr eine Vorstellung ins Blut: wenn er zurückkommt, gehört er mir allein.

Wie vor einundzwanzig Jahren. Kein Drittes zwischen uns.

Eine Hoffnung lohte in ihr auf, ihr Herz tat einen großen Sprung, sie

mußte sich am Tischrand halten.

Dann, verwirrt, mit fieberhaft erregten Pulsen, lief sie an einen Schrank,

suchte, wühlte. Das Kleid, das sie in ihrer Hochzeitsnacht getragen hatte,

war dort aufbewahrt. Ein weites faltiges Gewand aus blaßblauer Seide. Es

paßte noch. Die Haare rasch gelöst, zu der Frisur von einst geordnet.

Den Mantel umgeworfen, wie zu unerlaubter Tat hinabgehuscht, die

spätblühenden Sträucher zu berauben. Die betauten Rosen in Roberts

Junggesellennest getragen, daß sie ihre Düfte über die Einsamkeit des

Lagers streuen.

Im Dunkeln, hinter herabgelassener Gardine, spähte sie in die Nacht

hinaus. Mit hämmerndem Herzschlag, in zitternder bräutlicher Erwartung

und der Sehnsucht der gereiften Frau.

... Männerschritte unten in dem Garten. Und oben in ihr eine fast

mädchenhafte Scham, ihm hier zu begegnen, eine Wendung zu entfliehen.

Zu spät, er ist schon auf der Treppe. Jetzt geht die Tür zu ihrem

Schlafgemach. Gewiß, er sucht sie, gleich wird er die Schwelle dieses

Zimmers übertreten ...

Da kommt ihr eine große Kühnheit. Sie macht Licht, er soll sie sehen,

wie sie sich für ihn geschmückt. Nicht mehr nur die Mutter seines Kindes.

Seine Liebste. Seine Frau. Wo er nur bleibt? Auf leichten Sohlen, die

Nerven in weher Zärtlichkeit gespannt, schleicht sie hinaus, lugt durch

die Spalte der angelehnten Tür.

Vor dem Bett der Tochter liegt der Mann, das Gesicht im seidenen Pfühl

begraben. Wie vom Krampf geschüttelt beben seine Glieder. Und er weint ...

Daß sie nur unbemerkt entkommen kann. In Lenas Stube reißt sie

schamüberflammt die blaue Seide ab, knöpft ihren unscheinbarsten

Morgenrock bis zu den Ohren zu, streicht die Haare fest zurück, zöpft sie

zu einer matronenhaften Flechte.

Hart und hörbar tritt sie auf, gibt ihm Zeit aufzustehen, sich zu

besinnen.

»Ich erfahre eben, daß du schon zurück bist, Robert. Bitte komm in das

Rauchzimmer hinunter. Dort ist für dich gedeckt. Du mußt mir von den

Kindern erzählen. Und nach der langen Fahrt wirst du sicher hungrig

sein.«

[Illustration: Decoration]

Ich hatte keinen Blick von der Erzählerin gewendet. In ihrer

Selbstverständlichkeit zu Pflichterfüllung und Entsagung schien sie mir

die Verkörperung der Fraulichkeit. Erstaunt bemerkte ich, daß sie das

Interesse der anderen Hörer nicht in gleichem Maße erregte. Hier und da

war einer aufgestanden, ich hörte gedämpftes Flüstern vom Fenster

her. Als ich hinzutrat, nahm auch ich Leute auf der Straße wahr, die

mit dringenden Gebärden Einlaß verlangten. Wir wagten nicht, den Bauer

aufzuwecken, mochten auch nicht, wir die Selbstgeschützten, den Bittenden

die Unterkunft versagen. So übten wir eigenhändig Hausrecht aus. Die

Eingelassenen gaben sich als Fahrtgenossen zu erkennen. Nachträglich

hatten sie den Zug verlassen und nirgends Aufnahme gefunden. Ich dachte,

als sie sich aus ihren Hüllen schälten: seltsame Bettgenossen macht

die Not. Ein Mann im Kaftan, Ringellocken an den Schläfen, ein zweiter,

bartlos, abgezehrt, die Augen glanzlos, wie nach innen blickend, den

schwarzen Rock hoch zugeknöpft, zum Mönch fehlte ihm nur die Kutte. Eine

Frau zuletzt, robust, den blonden Scheitel weißlich ausgeblichen. Den

Händen sah man an: sie scheuten sich nicht, unbedenklich zuzugreifen.

Und nun wurde zum erstenmal in diesem Raum gelacht. Als einer der

Anwesenden sich auf die Weißlichblonde stürzte und sie sich beide vor

Heiterkeit die Seiten hielten: da haben wir, meiner Seel', im selben Zug

gesessen, und eins hat nix vom anderen gemerkt. Sie machten kein Hehl aus

ihren Wie's und Wo's. Wer wollte, konnte es erfahren, daß der Südtiroler

Aloys und die Holländerin Katje in Scheveningen in dem nämlichen Hotel

bedienstet waren, vor zehn Jahren, er als Kellner, sie als

Stubenmädchen. Laut und unbekümmert füllten sie die Lücken ihres

Nicht-voneinander-Wissens aus. Geruch des Krieges haftete an ihnen. Ihn

hatte England interniert, sie war in Flandern Pflegerin gewesen.

»Und bist epper wieder in an Gasthaus angestellt?«

Sie machte eine unzweideutige Bewegung der Zurückweisung. Einen

Kriegsbeschädigten hatte sie zum Mann genommen, sie fingen einen kleinen

Handel an. Um den Tod niet wollte sie wieder den reichen Janhagel bedienen

und für ein paar dubbeltje Trinkgeld »Dank je well« zu jedem Lümmel

sagen. Sie stieß Aloys in die Rippen: »Nicht Aloys? Was hat man da in

die großen Hotels für ein Aasen mit die Guldens anschaun müssen und ein

Schlingen und Champagnersaufen, und ein paar Gassen weiter sind die armen

Fischersleut' verreckt, bei Erdäpfel und Heringsschwänzen.«

Die meisten schienen sich an ihrem derben Wesen zu ergötzen. Man

ermunterte sie zu weiterer Gesprächigkeit. Sie glich einer Künstlerin,

die Beifall findet, gab Berufsgeheimnisse zum besten, malte die Volkssitten

an ihrer Heimatküste. Bunte Farbenflecken warf sie auf eine roh gezimmerte

Palette. Ich habe sie vereint zum Bilde.

[Illustration: Decoration]

Altersfrieden

Es ging ihnen gut, den Häuslersleuten im »Haus für arme Fischer«.

In Armut waren sie geboren, in Entbehrung aufgewachsen. In Sorgen hatten

sie gelebt, waren in schwerer Arbeit grau geworden. Nun aber litten sie

nicht Not.

Ein Dach zu Häupten und ein Lager, um den müden Leib zu betten. Ein Raum

für jedes. Hoch genug, um aufrecht drin zu stehen, und breit genug, um,

beide Arme ausgestreckt, die Mauern kaum zu streifen.

An der weißgetünchten Wand ein Binsenstuhl, ein kleiner Tisch. Ein halbes

Dutzend Nägel ob der alten buntbemalten Truhe. Und wem das nicht genügte

konnte Bretter in den Bettschrank nageln und seine Habe darin bergen.

Für ihren Magen war gesorgt.

Kaffee des Morgens, Kaffee vormittags, mittags, nachmittags und abends.

Nachtgespräche · 第 3 / 9 段