»Krank, schwer krank, wie ich fürchte. Sieht aus wie der Tod.«

Der Justizrat war gutmütig, wenn seine Zeit es ihm erlaubte.

»Dann kann man ihn doch nicht ohne weiteres auf die Straße setzen!

Schicken Sie ihn zum Arzt, gleich heute. Und er soll sich morgen bei mir

melden, zwischen neun bis zehn Uhr, ehe ich aufs Gericht gehe!«

Es bedurfte keiner langen Untersuchung.

»Essen und trinken Sie so gut wie möglich« verordnete der Arzt.

»Kleiden Sie sich warm, und wenn Sie vielleicht Verwandte auf dem Lande

haben, um für ein paar Wochen zu verreisen ...«

Nur dies eine Wort blieb in Sebastians Hirn haften:

Reisen -- reisen -- weit weg -- nach Indien!

Der Maitag war warm und lockend, im Bureau erwartete man ihn nicht. So

lange hatte er nicht unter Bäumen gesessen, am Rande eines Sees.

Trotz Müdigkeit und Schmerzen wanderte er hinaus. Doch die Seligkeit von

früher wollte nicht über ihn kommen. Er fror im hellsten Sonnenschein,

seine Phantasien verdichteten sich zu bösen Träumen.

Die wilden Weddahs, Teufeln gleich in ihrer braunen Nacktheit, schlichen

aus dem Gebüsch, umtanzten ihn und stachen ihn mit ihren Wurfspießen.

Die gelbe Kobra, Indiens Riesenschlange, zischte ihn an, blähte den

giftgefüllten Schlund, umschnürte mit kalten Ringen die erstickende

Brust.

Von plötzlicher Angst gejagt, lief er heim. Auf der Treppe sank er

zusammen, ein Strom von Blut brach aus seinen Lungen.

Er lag in seinem Bett allein und verlassen. Ab und zu sah die Nachbarin

nach ihm. Aber sie hatte selbst sechs Kinder und reichliche Arbeit.

»Er muß ins Krankenhaus« sagte sie zu Franz, der täglich kam und

zuweilen Erfrischungen brachte, die der Justizrat schickte. »Das muß doch

sein Dienstherr bezahlen. Lange macht er's doch nicht« setzte sie leiser

hinzu.

Franz stimmte bei, auch der Arzt teilte ihre Ansicht.

Aber wie ein eigensinniges Kind widersetzte sich Sebastian. Nur nicht ins

Krankenhaus. Er bat und weinte. Dann kam das Fieber, der Husten und das

rote Blut ...

Der alte Diener war in Verzweiflung. Da fiel ihm Frau Ruhnau ein. Eine

tüchtige Frau war sie gewesen, trotz alledem. Vielleicht wußte sie Rat.

Dampfend und zischend blieb das Oberhemd, an dem die Plättfrau mit

rotglühendem Bolzen arbeitete, auf dem Brett liegen.

Barhäuptig, ein Tuch um die Schultern, lief sie zu dem Kranken.

Der arme Junge. Wie er dalag. Das weiße Gesicht zusammengefallen, die

schmale Nase wachshell, schwarze Schatten unter den Augen, schweißfeuchte

Haarsträhnen tief in der blaugeäderten Stirn. Er erkannte sie nicht.

Unruhig warf er die Arme umher, stöhnte leise oder murmelte vor sich hin.

Armer Junge, armer, armer Junge!

»Kann man gar nichts für ihn tun?« fragte sie den Arzt.

Der zuckte die Achseln.

»Ihn wenigstens hier herausbringen?«

»Er will ja nicht ins Krankenhaus. Nach Italien werden Sie ihn wohl nicht

schicken können, würde ihm auch kaum mehr was nützen.«

Die Frau zuckte zusammen. »Wenn man ihn wenigstens hier herausbringen

könnte« wiederholte sie.

Sie sah sich um.

Die Kammer, das Bett, die Wäsche, alles klebte voll Staub und Schmutz. Die

Luft selbst roch nach Unsauberkeit und Armut.

Und draußen war es Sommer. Selbst in dieser traurigen Straße.

Eben war es einem Sonnenstrahl gelungen, die hohe Mauer zu erklettern. Aber

gleich war er wieder weg, als sei er erschrocken zurückgefahren.

»Herr Doktor.« Frau Ruhnau sprach langsam und überlegend, »mein

Schwager, er hat'n Fuhrgeschäft in der Möckernstraße, der hat so'n

kleines Häuschen zwischen Treptow und Eierhäuschen. Am Sonntag fährt

er mit der Familie 'raus, und an warmen Sommerabenden vergnügt er sich da

mit's Angeln. 'S is man 'ne Kabuse, 'n bißken feucht mag's auch sein --.

Aber immer noch besser wie hier. Wat meinen Sie, wenn man den Jungen da

'rausbrächte, könnt' er sich da erholen?«

Der Arzt schwieg.

»Könnt' er's wenigstens -- aushalten?«

»Das kann ich Ihnen nicht garantieren. Die Natur ist unberechenbar. Aber

er kann doch nicht draußen ganz allein --«

»Dafür lassen Sie mich sorgen. Ich hab' ihn von klein auf gekannt, er ist

wie mein eigener!« sagte sie noch rasch. Ganz rot wurde sie dabei. Wenn

der Doktor wüßte.

»Dann habe ich nichts dagegen.« Es wird ihm das Sterben erleichtern,

dachte er bei sich.

Am nächsten Nachmittag, es war etwas spät geworden der Pferde halber, die

nicht früher frei waren, trugen Frau Ruhnau und ihr Schwager den kranken

Sebastian die Treppen hinunter. Sie betteten ihn sorgsam in den offenen

Wagen, der Mann sprang auf den Kutschbock, die Frau saß auf dem Rücksitz

und hielt des Kranken Hände.

Er war sehr schwach und nicht bei vollem Bewußtsein. Er fühlte kaum die

Stöße und Rucke auf dem schlechten Pflaster. Frau Ruhnau aber zuckte

jedesmal zusammen. »Wären wir erst da! Wären wir erst da.«

Endlich hatten sie die Köpenicker Straße hinter sich, sie fuhren auf der

Treptower Chaussee. Der Wagen bog in den Wald ein, fuhr an den Fluß und

blieb vor einem kleinen Häuschen stehen. Ebenerdig, ohne Unterbau, aus

grün angestrichenen Brettern zusammengebaut, glich es einer Sommerlaube.

Hinter ihm lag die Spree im Abendsonnenschein.

Purpurrot lohte der Himmel, Purpur fiel auf Ufer und Fluß. Zartgrüne

Weiden, lichte Gewänder, weißliche Boote, von halbnackten Gestalten

pfeilschnell getrieben, schwellende Segel, schwärzliche Flöße, alles

schwamm und schwebte in rosigem Schein. Jede Schwere war behoben, jede

Härte aufgelöst, Flimmern und Leuchten in Wasser und Luft.

Frau Ruhnau beugte sich über den Kranken.

»Wir sind da, Sebastian, Sebastian!«

Er hob ein wenig den Kopf und starrte träumend in das lebendige Licht.

In seine erlöschenden Augen trat ein unirdischer Glanz.

»Indien -- das ist Indien!«

Frau Ruhnau schüttelte den Kopf.

»Nee, mein Jungechen, das is Treptow. Und das Häuschen, das is mein

Schwager seine Sommerbude.«

Er hörte sie nicht mehr. Aber als sie leise seine Wangen streichelte, mit

harten Fingern und doch sanft und zärtlich, huschte ein seliges Lächeln

über seine Züge.

»Wie schön bist du, Sidla -- zauberhaft schön!«

Einmal noch seufzte er tief -- streckte sich -- und fiel in die Kissen.

So war er doch in Indien gestorben.

[Illustration: Decoration]

Aus dem Hintergrund hatten sich schon wiederholte Laute der Ungeduld

gemeldet. Jetzt trat der Störenfried erkennbar in den Bereich der

Lampe. Wie ein Arbeiter gekleidet, hektisches Rot auf den vorspringenden

Backenknochen, den Stempel des Intellekts auf der tief durchfurchten Stirn.

»Faxen,« rief er. »Ist halt ein schwindsüchtiger Junge umgestanden. Was

ist daran schon gelegen.«

Verständnislos pflanzte er sich vor dem Jüngling auf, der, noch warm von

seiner Beichte, die Schultern hochzog wie unter einem kalten Wassersturz.

»Ihr seid, scheint's mir, auch so einer, der das Volk beschnüffelt, ohne

von seinem Wesen das Geringste zu verstehen. Seid's Ihr schon einmal ein

tschechischer Textilarbeiter gewesen? Habt's Ihr schon einmal, um einen

Schandlohn, bei Frost und Hitze einen Webstuhl zehn, elf Stunden lang

bedient? Wißt's Ihr, was, ehe wir gekommen sind, um ihm zu helfen,

so einem armen Webermädel die Dampfpfeife bedeutet hat? Ihr

Großstadtherrchen, also darüber sollt Ihr jetzt von mir etwas erfahren.«

Auf die Tischtafel gestützt, die Blicke herausfordernd auf den

Deutschböhmen gerichtet, fing er an. Der geübte Redner war ihm

anzumerken.

[Illustration: Decoration]

Die Dampfpfeife

Oh ... oh ... oh ... oh ...

Oh ... oh ... oh ... oh ... oh ... jeeeh ...!

Ein Pfiff, ein langgedehntes, grelles, aufheulendes Brüllen, gleich einem

Aufschrei der gequälten Kreatur.

Das Weib richtet den Oberkörper etwas auf.

»Es pfeift, Vaclav,« stöhnt sie aus ihren Schmerzen, »lauf', du

versäumst!«

Vaclav erhebt sich langsam. Er sucht beim trüben Schein der Lampe in der

Lade nach dem Brotlaib, schneidet einen Fetzen davon ab und steckt ihn in

die Jacke zu der Branntweinflasche. Noch einmal tritt er an das Bett und

streichelt seines Weibes feuchte Stirn.

»Sorgt Euch nicht, Stejskal, um die Božena,« sagt die alte Babi, die

beschäftigt ist, Wasser in ein kleines Holzgefäß zu gießen, »gut

wird's gehn. Wenn Ihr nach Haus kommt, ist ein Bub' da.«

Ob Bub', ob Mädel, ihm ist's gleich. Ein Esser mehr zu den dreien, die

schlafend in Kisten an der Erde liegen. Und die Frau erwerbslos für die

nächsten Wochen.

Was ist zu tun? Wenn Gott es so bestimmt hat.

Er läuft, um nicht in Strafe zu verfallen. So hastig rennt er durch die

unerhellte, nebeldicke Morgenluft, daß er die Kälte, die sein Gesicht

zerschneidet, nicht empfindet.

Schon steht er zwischen seinen beiden Stühlen.

Oh ... oh ... oh ... oh ...

Oh ... oh ... oh ... oh ... oh ... jeeeh heult zum zweitenmal die Pfeife.

Sssss zischt die Dampfmaschine, bewegt die Arme, bringt den Betrieb in

Gang; die Schützen fliegen durch die Kettenfäden.

Und Vaclav weiß nicht, daß sich in das Ausklingen des zweiten Pfiffs

daheim in seiner Hütte ein leiser Wehlaut mischt. Das erste Wimmern seines

vierten Kindes.

Piska -- es pfeift -- wird sie genannt. Die Dampfpfeife, die sie zur Welt

gerufen hat, wird ihre Patin.

* * * * *

Kind und Mutter. Alles Reiche, Starke, Zwingende ursprünglichster

Instinkte ... Fünf Wochen lang kriecht das Tierchen Piska an die

Mutterbrust. Mit seinem Hunger, seinem Frost, mit jedem Zittern seines

leiblichen Verlangens.

Plötzlich liegt es in Verlassenheit. Lange Stunden, Ewigkeiten.

Die Händchen tasten in das Leere, die Lippen stoßen klagend etwas

Mißschmeckendes zurück, schließen sich, lustlos saugend, um etwas

Kaltes, Nahrungsloses; bis sie der Lebensquell aufs neue füllt; bis

Mutterzärtlichkeit mit Brust und Arm und Mund den kleinen Körper wärmend

einhüllt.

In diesen Augenblicken tierischen Entzückens huscht durch das Dämmern des

kindlichen Bewußtseins ein Geräusch, ein Laut ...

Oh ... oh ... oh ... oh ...

Oh ... oh ... oh ... oh ... oooh ... jeeeh ...

Die Lust verschwindet. Piska ist allein. Großmutter schüttelt sie.

»Psch, psch, Pisenka, raunz' nicht. Maminka kommt wieder, abends, wenn sie

pfeifen.«

* * * * *

Das Band zwischen Natur und ihr ist durchgeschnitten. Piska ist kein

Säugling mehr.

Doch von der Großmutter noch immer vor den anderen bevorzugt. Sie nimmt

die Kleine mit, wenn sie, die schwarze Tasche auf dem Arme, zur Mittagszeit

davonschlürft. Langsam, doch noch viel zu schnell für schwache, kurze

Beinchen. Den Waldweg abwärts, über die Brücke, vor das große Haus.

Sie warten lange, bis sein Tor sich öffnet. Viele Menschen gibt es her.

Männer, Frauen, Burschen, Mädel.

Božena und Vaclav sind darunter. Bleich und verdrossen. Er unzufrieden mit

dem Zugebrachten. Keine fünfzig Deka Fleisch die ganze Woche. Sie oft zu

kraftlos, um zu essen.

Sie sitzen zur Sommerszeit auf einer grünen Wiese. Im Winter in einem

großen, kahlen Zimmer mit vielen anderen. Manch einer hätschelt Piska,

schiebt ihr einen Bissen in den Mund, läßt Branntwein oder Bier in ihre

Kehle laufen.

Die Hand der Mutter liebkost sie nicht mehr. Müde ruht sie auf dem Schoß,

in dem sich wieder neues Leben regt. Schon ruft es abermals zur Mühsal.

Seufzend stehen alle auf, folgen der Mahnerin, der Unerbittlichen ...

Oh ... oh ... oh ... oh ...

Oh ... oh ... oh ... oh ... oooh ... jeeeh ...

* * * * *

Was sich die kleine Piska alles denkt, wenn sie die Pfeife hört. »Ein

großer Mann, ein Riese, noch höher als ihr Häuschen, der so schreit.«

Sie ahmt ihm nach, wenn sie mit den Kindern spielt. Auf der offenen

Heerstraße, die ihr Spielplatz ist. Sie pfeift, die anderen müssen in den

Winkel rennen, »in die Fabrik«. Im Winter dringt ihnen der Schnee in die

zerlumpten Stiefel. Im Sommer wühlen ihre nackten Sohlen den Staub auf,

daß er in Wolken aufsteigt und ihnen fressend in die Lungen dringt.

Viel später, Piska geht schon in die Schule und weiß: es ist der Dampf,

der mit so tobendem Gekreisch entweicht, verbindet sie geheimnisvolle

Vorstellungen mit dem grellen Schrei.

Er ist ihr der Direktor, vor dem die Mutter zittert, der die gut und

schlecht bezahlte Arbeit zu vergeben und die Strafen anzusetzen hat. Auf

den der Vater schimpft: »Lump, verfluchter, tritt den Arbeitsmann, kriecht

dem Herrn in den H.....n!«

Oder gar der Herr Besitzer selbst, der furchtbar reiche, der die Tasche

voll mit Sechserln hat, alle Tage zweimal Fleisch kriegt und drei Liter

Pilsener Bier dazu.

Oder sonst ein Übermächtiger, ein Zauberer.

Alles richtet sich nach ihm. Daß die Eltern weggehen und daß sie

wiederkommen. Daß es Samstag eine halbe Stunde früher die Suppe und die

aufgewärmten Knödel gibt. Daß die Mutter dann das Zimmer aufreibt und

die Kinder badet. Daß der Vater erst um Mitternacht nach Hause kommt und

die Mutter prügelt, die ihm weinend vorwirft, daß er wieder den halben

Wochenlohn vertrunken hat.

* * * * *

Nun ist sie selber in des Zauberers Bann geraten.

Bei der Mutter, die die Fäden durch die Zeuge zieht und sie an eine neue

Kette andreht, hockt die Kleine. Garnabfälle hängen ihr am Arm, und die

Finger lernen Weberknoten.

Eine blasse, magere Vierzehnjährige, der der Pfiff kein Spiel mehr

bedeutet.

Bald rückt sie auf, sitzt an der Spulmaschine. Wie beim Instrument die

Tasten reihen sich dem samtnen Kissen Stifte an, auf denen die Bobinen

stecken. Und dahinter trägt der große schräge Rahmen Spulen.

Aufgepaßt. Nicht geprudelt, nicht gefaulenzt. Geld verdienen. Aufgepaßt,

daß keine Fäden reißen, daß, wenn die Bobine abgespult ist,

kunstgerechte Knoten zu der neuen führen. Und daß ja der Baumwollflug

nicht auf dem Kissen bleibe und den Faden schädigt.

Schwere Arbeit für die schwachen Kräfte. Aber Jugend, goldene

Jugend. Über deine Brücke geht aus jedem Dunkel der Weg zu hellen

Fröhlichkeiten.

Neckereien, Gelächter, Püffe rechts und links. Rasch und heimlich.

Wenn ein Unberufener naht, gleich die Augen wieder ehrbar auf die Bank

gerichtet. Eine Hetz'!

Und endlich pfeift sie doch, die Stunde der Erlösung. Wie dann mittags im

Winter der aufgewärmte Kaffee schmeckt. Im Sommer die Handvoll Birnen und

die saure Gurke.

Manche freilich essen besser. Streichen Schmalz aufs Brot und kaufen einen

halben Liter Bier in der Kantine. Zu so etwas reicht Piskas Lohn noch

nicht. Sechzig Heller täglich; dreißig davon an die Mutter. Was bleibt

da für den Putz? Mag auch jeder arbeitsfreie Augenblick beim Sticheln

aufgehen, beim Waschen, Stärken, Bügeln. Dem Johann Tronezek zuliebe.

Der Johann Tronezek steht schon am Webstuhl. Er webt Kattune. Schlecht

bezahlte Ware. Leichte Ware, wie er selber ist. Kein hübscher Junge. Dürr

und käsig. Sohn eines Säufers und mit Branntwein aufgezogen. Aber flink

und frühreif wie die Piska selber.

Sie passen gut zusammen, wenn sie am Sonntag miteinander tanzen.

Stundenlang. Die Arme eng verschränkt, die Hände gegenseitig auf den

Schultern, die Köpfe einander zugeneigt, daß die Stirnen sich berühren.

Brust und Leib dem anderen angeschmiegt, schieben, drehen und drängen

sie sich durch den Knäuel der Paare. Sie sprechen nicht. Das Mädchen

schließt die Augen, öffnet ihre Lippen. Gibt sich in sinnlicher

Verzückung der Wonne hin. Dem Tanz, der schwindelnden Bewegung, der

dichten Nähe ihres Burschen.

Die Luft wird schwül und dick. Aus Bierneigen, Speiseresten,

Menschenschweiß ballt sich Gestank zusammen. Die Fiedel quietscht, der

Baß ist brummig und verstimmt, mißtönig kreischt der Chor der halb

Betrunkenen dazwischen. Das Mädchen sieht, hört und riecht es nicht. Die

Augen zu, die Lippen offen, dreht sie sich inbrünstig im Kreise.

An ihres Liebsten Körper angepreßt, genießt sie dumpf und unbewußt,

wonach des Menschen tiefste Notdurft schreit -- das Glück.

Andere haben Muße, Bildung, Luxus, Kunst, Natur.

Sie hat nichts als diese kurze Freiheit. Der Inhalt ihres Lebens drängt

sich in diese Stunden. Sie sind das Licht, nach dem die Schatten ihres

Daseins flüchten, die Sonne in dem Dunkel ihres Denkens, die Freude, die

sie gierig einschlürft, mit all der Leidenschaft, die das Entbehren ihrer

Seele in ihrem Körper aufpeitscht.

Tanz und Liebe ... Bis zur Neige leert sie den Becher, sinnlos, zügellos.

Dem allzu schnell enteilten Tag fügt sie die Nacht hinzu, den frühen

Morgen. Noch eine Runde ... eine noch ...

Erschöpft und schwindlig möchte sie die fliehenden Minuten halten.

Oh ... oh ... oh ... oh ...

Oh ... oh ... oh ... oooh ... jeeeh ... schreit die Pfeife.

Der Arbeitstag ist da, rennt, Leute, eilt, daß ihr der Strafe nicht

verfallt!

In ihren Sonntagskleidern, ungesäubert, ungestärkt, stürzen sie den Berg

hinunter, den Fluß entlang, über die Brücke, an das große Tor ...

Gerade sitzen, Piska, die Lider offen halten! Aufpassen, nichts verpatzen,

Geld verdienen!

* * * * *

Piska tanzt noch immer. Aber lange Pausen legt sie zwischen jede Runde.

Ihre blauen Augen liegen tief und schwarzumrändert in den Höhlen, ihre

jungen Züge sind verfallen, lässig schleppt sie ihre Glieder. Sie ist

krank. Doch diese Krankheit gilt nicht bei der Krankenkasse. Auch zu Hause

muß sie sie verschweigen. Aus Angst vor Prügel und vor hartem Zanken.

Zwar die Mutter wurde auch erst kurz vor Piskas Ankunft Vaters Frau. Doch

der Eltern eigene Verfehlung strafen sie bei ihren Kindern. Anständig soll

die Tochter bleiben, Geld nach Hause bringen. Überhaupt die Piska, so ein

Fratz, noch keine sechzehn. Und die Mutter selbst noch alle Jahre in der

Hoffnung.

Auch der Johann ist verdrossen. Nicht wie sonst macht er sich häufig in

dem Spulmaschinenraum zu schaffen. Sie ist es nun, die einen Vorwand sucht,

den Websaal durchzulaufen. Aber das Getöse übertönt die Stimme. Sie

zieht ihn mit sich in den Seilgang.

Nur ein Wort.

Na also -- was? Wie wenn er nicht schon wüßte. Also ja, wie oft soll er

es sagen. Er wird sie nehmen. Wahrscheinlich. Später, wenn sie beide mehr

verdienen. Aber gleich das Haus voll Kinder. Dafür dankt er. Sucht sich

lieber eine andere, die nicht so ungeschickt ist. Na -- nicht gleich. Sie

braucht nicht so zu weinen.

Sie drängt sich angstvoll an ihn an. Eine kurze, heftige Umarmung vereint

die beiden, die Strafe und Entdeckung nicht bedenken.

* * * * *

Hochsommer. Glühend brennt die Sonne auf die ungeschützten Scheiben. In

schrägen Streifen tanzt der Staub und Baumwollflug im Saale. Piska sieht

weiß aus. Ihre Finger zittern, wenn sie den Knoten knüpfen sollen. Bei

jeder Lohnauszahlung trifft sie seit Wochen eine Strafe, und der Direktor

droht mit der Entlassung.

Jetzt nimmt sich eine Mitleidige ihrer an.

»Geh' bissel auf die Luft, ich gib' dir Obacht.«

Die Kleine wankt hinaus; sie schleppt sich aufwärts in den Wald. Ein Tier,

das in das Dickicht kriecht, dort zu verenden.

Ist ihr schlecht. Jeschisch Margotte ... was für Schmerzen. Sie schreit

und jammert. Stromweise stürzen ihr die Tränen aus den Augen, die Hände

krallen in die glatten Tannennadeln, die den Boden decken.

Die Pfeife hört sie noch und denkt verworren: Wenn man nur nicht gemerkt

hat, daß ich eher weg bin. Dann überwältigen die Qualen die Gedanken.

* * *

Ein grelles, langgedehntes, aufheulendes Brüllen weckt sie auf. Sie

möchte aufstehen, an die Spulbank eilen.

Sie kann nicht. Entkräftet, sterbend sinkt sie nieder. Und in das

Ausklingen der Pfeife mischt sich ein leiser Wehlaut. Das erste Wimmern

ihres Kindes.

Der Kreislauf ist vollendet. Ein Leben geht zugrunde und gibt der Arbeit

einen neuen Sklaven.

Oh ... oh ... oh ... oh ...

Oh ... oh ... oh ... oh ... oooh ... jeeeh ...

[Illustration: Decoration]

Wir saßen mit gesenkten Köpfen. Von der Trostlosigkeit dieser

Zustandsschilderung bedrückt und aufgereizt, uns zu verachten. Nur ein

grauhaariger Herr, wie schlafend an die Kachelwand gelehnt und in die

Spiralen seiner kunstgerechten Rauchringe gewickelt, schlug die Augen auf

und sagte: »Ja, so seid Ihr. Immer Weiß und Schwarz. Der Proletarier

ist edel, der Bürger ist ein elendes Subjekt. Ein Ausbeuter. Und ohne

ein paarmal hunderttausend Guldenrente tut Ihr's bei ihm nicht. Meiner

Erfahrung nach taugen wir Menschen auf beiden Seiten nichts. Wer die

Macht hat, übt Gewalt und unterdrückt das Recht. So ist's von Weltanfang

gewesen. Wenn Ihr am Ruder seid, werdet Ihr's nicht anders machen.« Er

bewegte die Feder seines Benzinfeuerbüchschens, entzündete bedächtig

eine frische Zigarette und führte ein Beispiel für seine Weltanschauung

an.

[Illustration: Decoration]

Die Erziehung zur Bosheit

Denkt euch einen braunen Wollknäuel, dem man vier Pfötchen und ein

Schwänzchen angebunden hat. Oder noch besser, stellt euch eine Kugel vor,

mit einem braunen Fellchen überzogen. Daran ein Köpfchen mit zwei blanken

Augenpunkten, einem schwarzen Näschen und einer sammetweichen Schnauze.

Oder ein lächerliches, winzig kleines Löwenjunges ...

Aber vielleicht glich Bello, als ihn der Gärtner in der Rocktasche vom

Markte mit nach Hause brachte, am meisten einem jener Spielzeugshunde, die

schreien, wenn man sie etwas auf den Magen drückt. Nur daß man Bello dazu

nicht zu drücken brauchte. Denn er klagte unaufhörlich um die Mutter,

der man ihn zu früh entrissen hatte. Selbst, als er sich bereits darein

ergeben hatte, tags die leere, kalte Luft und nachts eine lieblose

Filzdecke über sich zu fühlen (an Stelle des weichen, gastfreundlichen

Leibs, in dessen tierisch temperierter Wärme er mit den Geschwistern

gekuschelt war), suchte sein Mäulchen sehnsüchtig im Halbschlaf die stets

bereite Nahrungsquelle. Und er weinte schmerzlich, wenn noch niemand wach

war, um ihm das gewohnte Dämmerfrühstück zu kredenzen.

Nach und nach verblaßte in ihm die Erinnerung an die Großmut der Natur.

Er paßte sich der rauhen Notwendigkeit an, und aus dem wehleidigen

Säugling wurde ein frohes, spielerisches Kind. Mit der Vertrauensseligkeit

der ersten Jugend blickte er ins Leben. Wenn er des Morgens über die

Schwelle des Gartenhäuschens rollte, trat er wie ein Herrscher in

sein Reich. Die ganze Umwelt war sein Eigentum. Die kiesbestreuten,

glattgeharkten Wege, die Blumenbeete, das Birkenwäldchen und der

Rosenflor. Und die Himmelsglocke, die über dem Garten blaute, und die

Sonnenflecken, die den grünen Rasen rötlich sprenkelten.

Er war keinen Augenblick im Zweifel, daß auch die Villa ihm gehöre,

die Freitreppe, die zu der Eingangshalle führte, die Korbmöbel und

Lorbeerkübel. Und daß der Spitzensaum der Tafeldecke nur darum tief

herabhänge, um seinen Pfötchen ein angenehmes Spiel zu bieten. Wenn

ihn ein unmutiges Wort verscheuchte, hielt er's für einen Scherz und

antwortete in der Sprache, die er eben erst in sich entdeckt und die

anzuwenden ihm offenbar eine richtige Erfinderfreude gab; antwortete mit

einem Bellen, das an das Krähen eines sehr jungen Hahnes gemahnte.

Ohne Hochmut besuchte er die Küche, schnupperte in allen Winkeln,

schleckte alle Schüsseln aus und verschaffte sich Genüsse, die ihm sein

zweites Vaterhaus nicht bot.

Für Zärtlichkeiten war er sehr empfänglich. Wehrte sich nicht, wenn die

Küchenmagd ihn auf die Ohren küßte. Und träumte sich auf dem Schoß

der umfangreichen Köchin, von ihrem hinströmenden Busen überragt, in

den Dunstkreis seiner Kinderstube. Allem Beweglichen und Raschen sprang er

entgegen; ob es auf vier oder zwei Beinen ging, auch nur ein Schatten war,

ein Blatt, das eigene Schwänzchen, nach dem er sich im Kreise drehte.

Doch seine liebsten Kameraden waren die kleinen Jungen, die allmorgendlich

die Zeitungsblätter brachten. Sie kamen stets zu zweit, als fühlten sie,

daß ihre dürftige Erscheinung erst verdoppelt _ein_ Individuum ergebe.

Sie gingen barfuß, ihre ausgewachsenen Kleider waren mehr zerrissen als

geflickt, und in den abgemagerten Gesichtern standen die dunkeln Augen

unnatürlich groß.

Bello bereitete ihnen stets einen festlichen Empfang. Schon von weitem lief

er ihnen zu, umhüpfte sie und entschüchterte sie so geschickt mit seinen

Kapriolen, daß sie zum Schluß mit ihm auf einem Haufen gemeinsam an der

Erde lagen.

Nachtgespräche · 第 2 / 9 段