Als sich um Mitternacht die Tore zum letztenmal in ihren Ang

Die

Bücherlese

Nachtgespräche

von

A. Hauschner

Verlag Paul List -- Leipzig

Alle Rechte vorbehalten

=Copyright 1919 by Paul List, Leipzig=

Druck von Grimme & Trömel in Leipzig

Nachtgespräche

Ich erlebte es auf einer Reise von Berlin nach Wien. Der graue Tag war

vorzeitig in die Nacht hineingeglitten. Die Lampen in den Abteilen waren

noch nicht angesteckt. Nur aus den Kronen der verschneiten Bäume, die

rechts und links den Zug umsäumten, fiel durch die trüben Scheiben

ein unsicheres Licht. Die Menschen saßen wie in Käfige gepfercht, ohne

Rücksicht auf die Vorrechte, die sie ihrem Fahrschein dankten. Neben der

Dame der Soldat, Körper an Körper Herr und Bauer. Zwischen den Bänken,

auf den Gängen drängte sich die Menge in unerwünschter wahlloser

Gemeinsamkeit. Keuchend, schnaubend, als schnappe sie nach Atem, schleppte

eben die Maschine ihre schwere Fracht über eine kleine Steigung. Oben

angelangt, wollte sie die Fahrtgeschwindigkeit erhöhen, als sie sich mit

einem Ruck, unter dem die ganze Wagengliederung sich bäumte, aufklirrend

nach rückwärts warf. Grell schrie sie auf. Gleich einem Blutstrom spie

sie Rauch und Funken. Ein Zittern lief durch ihre Flanken. Sie stand still.

Eine gewissermaßen gefrorene Bewegung bekundete sich in der eingekeilten

Menschenmasse. Aller Wahrscheinlichkeit entgegen gelang es einigen

geschickten Händen, verklemmte Türen aufzureißen. Wer konnte, kletterte

hinunter, von oben wurden Fragen in die Dunkelheit geworfen. Die Unruhe

hatte ihren Höhepunkt erreicht, als die Beamten kamen, Aufklärung

verbreitend: Fahrtunterbrechung. Vor der nächsten Haltestelle ist ein Zug

entgleist.

Aufschwirrende Gerüchte von Beschädigung des Bahnkörpers, Aufreißen der

Schienen, begegneten dem gleichen Achselzucken wie die Wißbegierde nach

der Dauer des unfreiwilligen Aufenthalts. Immerhin mußte die Mitteilung zu

denken geben: es stehe jedem frei, auszusteigen und im nächsten Dorf ein

Obdach aufzusuchen oder sich in seinem Abteil einzurichten. Der Zug werde

auf ein totes Gleis verschoben, wo ihn weder Störung noch Gefahr bedrohte.

Ich schloß mich einer kleinen Anzahl Mitreisender an, die einem schlechten

Nachtquartier den Vorzug stundenlanger Gefangenschaft in Mißgeruch und

dichter Menschennähe gaben.

Wir standen, ein Häuflein schwarzer Punkte, auf dem hartgefrorenen

Bahnsteigboden. Soweit das Auge reichte, keine Anhäufung von Lichtern

kräftig genug, um das Dasein eines Dorfes zu verraten. Nur hier und

da gegen das Massiv der Nacht ein Aufblinken, als ob ein Glühwürmchen

vorüberflöge. Wir schlugen aufs Geratewohl einen nach rechts abbiegenden

Feldweg ein. Wortkarg marschierten wir, die erstarrten Finger von der Last

des Handgepäcks zerschnitten.

»Haus in Sicht!« meldete die Vorhut. Klein, unscheinbar, der Giebel saß

auf dem Erdgeschoß wie eine zu weite Mütze. Das Geräusch herannahender

Schritte reizte den im Inneren des Gehöfts frei umherlaufenden Hund zu

einer wütenden Begrüßung. Im weiten Umkreis stimmten ihm die Brüder zu.

Inmitten eines mißtönigen Bellkonzerts begannen die Verhandlungen mit dem

Besitzer, der, unwirsch, eine Bildsäule der Gastfeindschaft, den Eingang

mit seinem breiten Rücken sperrte. Er mochte die Zahl der Brotschnitten

berechnen, die zu beschaffen wären, um so vielen Eßwerkzeugen zu

genügen. Erst die Versicherung, es gehe uns vor allem um ein Feuer,

den erstarrten Leichnam aufzutauen, zerbrach den langsam ausgehöhlten

Widerstand. Das Fremdenzimmer wurde aufgeschlossen, der Bauch des

Kachelofens mit einem Armvoll Holzscheiter gespeist, durch kleine

elektrische Laternen, den Taschen einiger der Reisenden entnommen, das

Dunkel notdürftig aufgehellt.

Unter dem Bann des einander Fremdseins sprachen wir wenig während

unserer emsigen Geschäftigkeit. Erst als der Tisch, in das mittlerweile

angewärmte Klima der Ofenbank gerückt und bestellt mit freiwilligen

Gaben, einen anheimelnden Anblick bot, bemächtigte sich unserer, die wir

uns um ihn gesellten, trotz der Verschiedenheit der Elemente, das Gefühl

einer Verbundenheit. Wir vertieften es, indem wir uns gelobten: keiner soll

den Namen des anderen befragen. Der Zufallswind hat uns hereingeweht, wir

können in diesem Dämmerlicht kaum unsere Züge unterscheiden. Laßt uns

auch nicht wissen, wer wir sind und wie wir heißen. Entfliehen wir für

eine Nacht der Wirklichkeit.

So, gleichsam unter Schutz von Masken, kam uns Sicherheit und Wunsch,

etwas von uns auszusagen. Selbsterlebtes? Selbsterdachtes? Wer vermochte

zu ergründen, ob sich Bekenntnisse verbargen unter den Erzählungen, mit

denen wir die Stunden der Gefangenschaft verkürzten?

Für mich war diese Nacht die bunteste, erkenntnisreichste meines Lebens.

In der Gesellschaft von Fremdlingen, in einem unbekannten Hause habe ich

sie verwacht. Ich konnte zwischen Tagesende und dem Anbruch eines neuen

Morgens, wie durch offene Fenster, in die Seelen von Menschen verschiedener

Stände, Weltanschauungen und Religionen blicken und sie auf dem Wege

einer inneren Erschütterung begleiten. Den Aufzeichnungen, die sich mein

Gedächtnis machte, habe ich in den nächsten Wochen aus der Erinnerung,

Form und Zusammenhang gegeben. So ist dieses Buch entstanden.

Wir bestimmten, als Pfadfinder gewissermaßen, einen Vierschrötigen mit

nachlässiger Haltung. Er sagte lächelnd:

»Ja wissens, ich bin halt ein Deutschböhme, ein Prager. Da hat man sich

sein Lebtag mit seinen lieben Mitbürgern von der anderen Nationalität

herumgerauft. Da ist beständig Unfrieden gewesen, und es ist immer

allerhand passiert. Ich hab's satt gekriegt und bin davon ins Reich. Aber

ich will Ihnen was erzählen, das hab' ich selbst noch miterlebt, ehe ich

auf immer weg bin aus meiner Vaterstadt.«

Er strich den blonden Vollbart behaglich auseinander und schlug ein Blatt

aus der Geschichte seines Landes vor uns auf.

[Illustration: Decoration]

Panik

Eine Prager Geschichte

Sie gingen ihrer dreißig aus der Ortschaft Motice heraus, dem Bahnhof zu.

Voran die Männer mit dem Vinzenz Zastoupil als Führer. Hinter ihnen, in

regellosen Reihen, die Weiber, von denen einige das Brustkind in den Armen

trugen. Dann kamen die jungen Mädel, in ihre Liebsten eingehängt. Und

ganz zuletzt kam noch die alte Babi Skoupek, die sich auf Stöcken

mühsam fortbewegte. Sie gingen durch die winterlichen Felder, unter den

beschneiten Bäumen, deren Zweige sich im Nachtwind ächzend hin und her

bewegten und ihnen feuchte Flocken in den Nacken warfen. Aus dem bewölkten

Himmel fiel kein Licht herab; das Auge sah die Straße nicht. Oft versank

der Fuß im Schlamm, stieß an Steine, scheute über Wurzeln. Dann gab es

einen Aufschrei, einen Fluch, ein Lachen. Doch ohne anzuhalten wanderten

sie weiter.

In kurzen Pausen stieg aus jungen Kehlen mehrstimmiger Gesang. Die

schwermütig weichen Töne eines Volksliedes mischten sich in das Gespräch

der Alten, die eifrig überlegten, ob sie den Zug auch noch zur Zeit

erreichen würden. Und ob das Gerücht vielleicht doch falsch sei. Es

war ja auch kaum glaublich: die =česka spořitelna=, die große, reiche

Sparkasse der Deutschböhmen, sollte zugrunde gehen! Freilich: der Vinzenz

hatte heute gelesen, wer noch etwas kriegen wolle, der müsse laufen. Und

was gedruckt ist, schwarz auf weiß, muß wahr sein. Damals den Krach der

Wenzelskasse, den hat auch niemand glauben wollen. Und waren doch da

noch andere Sicherheiten -- bei der Kirche! -- als bei diesen Hunden, den

verfluchten Deutschen ...

Bei solchen Reden schoß die Angst von neuem in das Blut der Bauern. Ihre

Schritte wurden schneller, und ihre Finger betasteten den Schatz, den sie

versteckt am Körper trugen. Das dünne Buch, den Ausweis ihrer schwer

ersparten Gulden. Dem Anton Zimprich sollten sie ein Schwein verschaffen.

Der Marie Lukesch die langersehnte Kuh. Dem Johann und der Rosa Dostal ging

es um das kleine Feld, das sie bisher als Pächter pflügten. Der Kathi

Jahoda und dem Josef Kratky um Tisch und Stuhl und Bett und eine Wiege für

das ungeborene Kind. Die Babi Skoupek wollte sich ein ehrliches Begräbnis

sichern und sechs Messen für das Heil der Seele. Die Nanny Zlatka sparte,

um ein rotes Kleid zu kaufen und zwei seidene Schürzen. Der Karl Jakesch,

um durch einen Halsschmuck von Granaten die Gunst des eiteln Mädels zu

gewinnen. Für jeden hatte das Ersparte eine andere Bedeutung und für

alle doch dieselbe. Es war das Licht im Dunkel ihres Lebens, das Sandkorn

Überfluß in der Wüste ihrer Not.

Als der Zug in den Bahnhof einlief, fanden die aus Motice das Abteil

dritter Klasse angefüllt mit Landvolk aus den Nachbardörfern. An allen

Stationen strömten noch Leute hinzu. Alle wurden von derselben Not an

dasselbe Ziel getrieben. Und jeder wußte neue Unglücksbotschaft. Ein Mann

zog einen Brief heraus, den ein Geschwisterkind an ihn geschrieben hatte:

»Du mußt Dich tummeln, Menschheit rennt nur so auf Kassen, sind schon

beinah' leer.« Ein anderer erzählte, ein Freund von ihm sei schon zweimal

vergeblich um sein Geld gegangen; immer habe man ihn vertröstet. Viele

berichteten von der wilden Wirtschaft, die wirklich auf der Sparkasse

gewesen war. Keine Aufsicht. Falsche Rechnungslegung. Alle Kontrollbeamten

bestochen. Sogar der Statthalter und viele hohe Herren haben Trinkgelder

bekommen. Na und überhaupt! Deutsche Schulen hat man unterstützt; mit dem

Geld von armen Leuten!

Nein: für den Aufstand in Mazedonien (niemand wußte, wer das war) sind

Millionen draufgegangen.

Dumpfe Wut erfüllte die Gemüter. Das Gespräch verstummte. Der Qualm

der Pfeifen und der Dunst der Menschenleiber verdüsterte noch das trübe

Lampenlicht. Durch die dicke Luft drangen Seufzer und Stoßgebete. Kinder

weinten, Männer schnarchten, Mütter sangen leise ihre Säuglinge in

Schlaf; nur die Jugend, leichtsinnig, verliebt, kicherte und küßte in den

Ecken. Draußen aber schrie die Dampfmaschine, wie um Hilfe, gellend durch

die Nacht; die Räder rollten kreischend ihre Fracht von Menschenangst

und Menschenelend. Und der Zug ging langsam, hielt an allen Stationen.

Unbekümmert um die Ungeduld, die in ihm fieberte und bebte. Bis er

endlich, endlich in die Hauptstadt einfährt. Stoßend, fluchend kämpft

sich die Menge nach dem Ausgang durch. Jeder will als erster das Haus

erreichen, zu dem alle hindrängen.

-- -- -- -- --

Die aus Motice halten sich zusammen. Von der Geldgier angespornt hasten sie

durch die breite Vorstadtstraße. Sie ist ausgestorben. In den einförmig

gebauten, arm und grämlich blickenden Gebäuden sind alle Fenster dunkel,

wie erblindet. Nur selten ist ein Erdgeschoß erleuchtet und mit blutroten

Gardinen fest verhangen. Aus der Tiefe seiner Zimmer dringt Gesang von

heiseren Frauenstimmen und der Brummton schlechtgestimmter Wirtshausbässe.

Plötzlich wird irgendwo in einer Schenke eine Tür geöffnet, ein wirrer

Menschenknäuel windet sich heraus. Man hört Ringen, Rennen, Weiber

kreischen und Betrunkene brüllen: »Haltet ihn!« »Schlagt ihn tot!«

»Zu Hilfe!« »Patrouille! Patrouille!« Dann folgt wieder Todesstille.

Und in der Luft, die fahlfarbig wie Asche ist, in dem Frösteln dieser

Dämmerstunde, hängt bleischwer eine hoffnungslose Traurigkeit.

Die Bauern traben vorwärts. Ihre schweren Tritte erwecken weithin einen

dumpfen Widerhall. Es ist, als stampfte eine Herde Tiere durch die Gassen.

Jetzt füllt ihre Last die Kettenbrücke, die sich schaukelnd hin und her

bewegt. Blasse Nebel steigen aus dem Flußbett und verhüllen die Umgebung.

Aber ein verworrenes Rauschen kündet den Wandernden von weitem: sie sind

nicht die ersten am Ziel. Spät kommen sie, zu spät vielleicht.

Da laufen sie, als könnten sie verlorene Stunden wieder fangen. Sie

stürzen vorwärts, bis sie, am Brückenende angelangt, sich jählings

rückwärts werfen. Wie die Woge zurückschlägt, die an den Stein des

Schutzwalls brandet. Eine Mauer von Berittenen sperrt den Weg. Als Kette

umschließen sie den Platz vor dem Sparkassengebäude, pferchen die

Versammelten ein und wehren den Zuströmenden den ungehemmten Einlaß.

Wie durch eine schmale Gasse müssen sie sich zwischen Pferdeleibern und

Pferdehufen in die Gruppen der zuletzt Gekommenen drängen. Da stehen sie,

von Nebeln eingeschlossen, eingekeilt in eine dunkle Menschenmasse, und

müssen warten.

Nach und nach erhellt sich die Luft ein wenig. Die fahle Dämmerung gebiert

den grauen, regenschweren Tag. Windschauer künden sein Kommen. Sie zerren

an den feuchten Kleidern der Harrenden, die frierend auf den nassen Steinen

hocken, reißen die Nebel auseinander und entschleiern die Landschaft.

Ein breiter Strom fließt ruhig zwischen den Quadersteinen der

Kaieinfassung. An seinem linken Ufer baut sich ein Teil der Stadt auf; das

altertümliche Aristokratenviertel, dessen Kirchen und Paläste mit ihren

Türmen und Fassaden aus dem Gewühl der Bürgerhäuser ragen. An steilen

Höhenzügen steigt es aufwärts und trägt als stolze Krone die

alte Königsburg, deren Masse sich wuchtig von dem Dom mit dem feinen

Spitzenwerk der Strebebogen abhebt. Ein wundervolles Bild, der Schwere ganz

entkleidet in dem Morgendunst, der es in fließenden Luftstoff hüllt.

Nur hundert Schritte weit, nur bis zum Rande das Kaiufers brauchen all die

Menschen hinzutreten, um es in sich aufzunehmen. Und den Anblick der vielen

kühngeschwungenen Brücken, der Inseln, die im Fluß gebettet liegen, und

der Wehren, über die das Wasser tosend schäumt. Doch hätte selbst der

Zaun der Wachen sich aufgetan: diese Menschen hätten den Kopf nicht nach

links gekehrt. Ihre Augen sind für Natur und Schönheit ganz verschlossen.

Sie sehen nichts als das Gebäude, das ihre Hoffnungen einschließt, und

die Menge, die sie davon trennt. Sie bohren ihre Blicke in die Mauern, als

könnten sie durch ihre Ritzen dringen und entdecken, welches Schicksal

sich für sie dahinter vorbereite.

Die Qual ist unerträglich. Da ist das Haus; man braucht nur hineinzugehen.

Und muß warten, als wär's meilenweit entfernt. Drei Stunden muß man noch

warten, ehe das Tor sich öffnet. Und wie viele Stunden, ehe die Reihe an

einen kommt! So viele Feinde vor sich, so viele Nebenbuhler in dem Kampf

um das ersparte Geld. Jeder haßt grimmig seinen Vordermann und seinen

Nachbar. Vielleicht ist der gerade der letzte, dem vergönnt ist, seine

Habe zu erraffen und seinem Nachbar das bißchen Eigentum zu stehlen.

Der Menschenhaufe wächst noch immer; umritten und geknufft, getreten

und gestoßen. Und aus der dunkeln Masse steigen aufreizende Klagen und

Gerüchte.

»Hör' ich, sind die Kassen leer.«

»Wahr ist es. Die Millionen, mit denen die deutschen Zeitungen sich

berühmen, stehen nur auf dem Papier.«

»Alles haben sie verspekuliert.«

»Mit den Türkenlosen; die sind so gefallen.«

»Kein Gedanke! Für die deutschen Wahlen sind dreißig Millionen

draufgegangen.«

»Was euch nicht einfällt! Den deutschen Fabrikanten hat man aufgeholfen.

Deutschen Studenten hat man Geld geschenkt und große Häuser.«

»Mit dem Schweiß von armen Tschechen haben diese Schweinehunde sich

gemästet!«

»Stinkende Gemeinheit! Wo das ihnen gar nicht gehört. Wo das ihnen von

Kaiser Franz geschenkt ist, daß es armem Volk zugute kommt!«

Ein Brummen, Rollen, Brausen, das sich nach und nach verstärkt, hallt

durch die Straßen. Die Stadt ist erwacht und schickt ihre Boten.

Allerlei Verkäufer drängen sich heran. Mit Brezeln, warmen Würsten,

Bratkartoffeln, Kastanien und gebackenen Fischen. Und durch die Kette der

Berittenen kriechen seltsame Gestalten. Männer in verschlissenen Röcken,

unrasiert und ungewaschen, manche noch im Schlafrock mit Pantoffeln. Wie

Geier, die Beute wittern, umkreisen sie die Wartenden, schieben sich an

die Gefolterten, Erschöpften heran, schüren ihre Aufregung und Angst;

flüstern ihnen zu, daß die Sachen schlecht stehen; daß sogar die

deutschen Einleger schon alle ihr Vermögen behoben haben; daß sämtliche

Wertpapiere der Sparkasse versetzt sind; daß sich heute nacht einer von

den Direktoren erschossen hat; daß zwei andere in Wien vergeblich von Tür

zu Tür laufen und um Hilfe betteln. Sie lassen sich die Büchel zeigen,

schütteln bedauernd die Köpfe, weisen nach, daß kein Kreuzer mehr darauf

zu kriegen sei, und sind nur aus Mitleid und aus Menschenliebe erbötig,

die wertlosen Dokumente für ein Geringes einzulösen.

Häßliche Weiber, die ungekämmten Haare unter wollenen Hauben, um die

fetten Hängebrüste buntkarierte Umschlagtücher, machen sich an junge

Frauen, an die hübschen Mädel. Sie suchen sie für Stellungen zu werben,

deren Vorteile sie lockend schildern. Wenig Arbeit, hoher Lohn, alle Tage

Fleisch, Bier und Mehlspeise; und abends Freiheit, um zur Tanzmusik zu

gehen und sich zu unterhalten.

Freche, rotgeschminkte Dirnen gehen auf dem Pflaster auf und ab, lauern

dem Mannsvolk auf; wenn es, die Taschen voll Geld, die Großstadtfreuden

kennenlernen will ...

Ein aufgeregtes Meer von Leidenschaften und Gelüsten umwogt das Gebäude,

das grau und düster, mit festverschlossenen Fensterläden, dasteht; ein

Fels, den der Gischt der Brandung nicht erreicht.

Die aus Motice waren voneinander losgerissen. Nur die Paare, die sich ganz

fest verklammert hatten, waren nicht getrennt. Der Karl Jakesch hielt die

Nanny Zlatka dicht an sich gepreßt. Er ließ sie nicht erfrieren, und ihm

ward die Zeit nicht lang. Den Bankkrach und die Kälte hätte er gesegnet,

ohne die eifersüchtige Wut auf die Begehrlichkeit der Burschen, die sich

an seine Liebste drängten und sich mit Worten und Gebärden an ihr zu

schaffen machten. Nicht weit von diesen beiden saß die Kathi Jahoda auf

der Erde. Mitleidige hatten dem armen Weib aus ein paar Bündeln einen Sitz

geschaffen. Darauf hockte sie, lehnte sich an ihren Josef und erleichterte

ihr schweres Herz von Zeit zu Zeit mit einem Tränenstrom. Die alte Babi

Skoupek aber hatte sich, trotz Fußtritten und Rippenstößen, wie eine

Katze vorgeschlichen, bis zu dem Prellstein dicht beim Eingangstor der

Kasse. Den Rücken an den Stein gelehnt, den müden Körper schwer auf

ihren Krücken, murmelte sie ein Ave um das andere. Sie wollte ja die

Gulden nicht verjuxen und verfressen. Darum mußte die Jungfrau Maria

auch ein Einsehen haben und ihr zu ihrem Geld verhelfen, damit sie nicht

verdammt sei, im Fegefeuer gebraten und gespießt zu werden.

Jetzt geht ein Dröhnen durch die Luft. Von allen Türmen schlägt es

neunmal. Das langverschlossene Tor dreht sich in seinen Angeln.

Wie ein reißender Gebirgsstrom stürzt sich die Menge in die Öffnung.

Sie beachtet die Fäuste nicht, nicht die Pferdehufe und das Kreischen

der getretenen Frauen und gequetschten Kinder. Es gibt Wunden wie in einer

Schlacht, als die Polizisten, mit der Rücksichtslosigkeit der Notwehr, die

schweren Flügel wieder schließen, unbekümmert um die Menschenleiber,

die sich dazwischen pressen, klammern und stemmen. Ein ganzer Schwarm

ist trotzdem schon in das Haus gedrungen; und auf der Treppe, die in den

Lichthof führt, wiederholt sich der Kampf. Die Schwächsten werden in den

Hof geworfen, wo sie an den Brunnen stürzen, verschmachtet trinken,

sich dann entkleiden und waschen, überhaupt tun, als wären sie in ihrem

eigenen Haus. Ihre glücklicheren Gefährten balgen sich inzwischen um

die Plätze an den Kassenschaltern. Und die Marter der bangen Nacht- und

Morgenstunden steigert sich im Augenblick der äußersten Entscheidung zur

fürchterlichen Spannung.

Die ersten, die ihr Geld in Händen halten, stoßen Töne aus wie Tiere,

die, den Bissen schon im Maul, noch eines Raubes gewärtig sind. Ihr

Aufschrei überreizt die Erregung derer, die schon sehen und noch nicht

haben. Ihre Augen treten aus den Höhlen, ihre vom Fieber trockenen Lippen

sind weit geöffnet. Sie knittern das Kassenbuch in ihren Fäusten und

schieben sich besinnungslos vorwärts. Bis auch sie das Rascheln des

Papieres, den Klang des Geldes hören und alle Pein im Freudenrausch

vergessen.

Viele hat der jähe Übergang von Verzweiflung zu Entzücken ganz

betäubt. Sie wurzeln im Boden und müssen fortgetrieben werden, damit die

Menschenwoge, die von neuem zu der Schwelle des Parteiensaales aufsteigt,

sie nicht verschütte.

Ein Weib, das eben einen Tausender erhoben hat, hält ihn verkehrt in ihren

Fingern und bestarrt verständnislos das Stück Papier. Man muß ihr den

Wert erklären. Ihr schwindelt. So reich ist sie? Und solches fürstliche

Vermögen steht auf diesem kleinen Wisch? Als sie ihn bergen will,

zerreißt sie ihn, so beben ihre Glieder.

Ein zweites Weib verlangt Gold, reißt die Rollen auf und taucht mit

hysterischem Gelächter ihre Hände in die blanken Münzen.

Manche brüllen auf vor Glück, sobald sie ihr Vermögen zu Gesicht

bekommen. Dann erklären sie sich befriedigt. Ihr Geld ist da; sie haben

es gesehen, betastet. Nun soll es die Kasse wiederum behalten. Schwer ist

ihnen beizubringen, daß dies nicht ohne weiteres zu machen sei.

Das Mißtrauen anderer ist um so größer. Sie verweigern die Annahme der

Summe, um die sich, durch die Zinsen, ihr Sparpfennig vergrößert hat. Sie

halten diesen Überschuß für Bestechung und wittern, daß man sie in eine

Falle locken wolle.

Inmitten dieses Wirbelwindes von Zweifeln, Wünschen und Bedenken stehen

die Beamten ruhig hinter ihren Schranken. Sie sind übermüdet und

erschlafft und halten sich nur mühsam aufrecht. Aber unbeirrt und

gleichmütig versehen sie den Dienst, und nichts in diesem Ansturm scheint

sie zu erschrecken. Ist ihre Zuversicht erheuchelt, ist sie echt? Ist der

Goldquell, aus dessen Fülle sie seit Tagen schöpfen, unversiegbar, oder

ist er dem Vertrocknen nahe? Ruht das Gebäude des Vertrauens, an dem sie

mitgebaut hatten, auf unerschütterlichem Grund, oder wankt es in seinen

Pfeilern und droht in der nächsten Stunde einzustürzen und die Wohlfahrt

Hunderttausender unter seinen Trümmern zu begraben? Keine Bewegung ihrer

überwachten Züge verrät, was sie empfinden. Mit unermüdlicher Geduld

halten sie den Fragen Stand, rechnen und zahlen, beruhigen, beraten und

erklären und finden noch die Kraft, den Mut der Einleger durch Scherze zu

beleben.

Dem trüben Tag ist Dunkelheit gefolgt. Das Glühlicht flammt auf und

steigert die Hitze. Aller Sauerstoff ist aus der Luft geatmet; sie ist vom

Gluthauch wilder Leidenschaft verbrannt. Schlechte Dünste und Gerüche

ballen sich zusammen und durchziehen sie in dicken Streifen. Wie im

Nebelwetter auf der Straße ein Strahlenkranz um die Laternen zittert, so

schwebt irisierend der Staub um das Glas der Lampenglocken. Dick lagert er

auf dem Holz der Schalter, klebt auf der Haut und auf der Kleidung, dringt

in alle Ecken, überzieht Banknoten und Dukaten. Aus seinem Grau hebt sich

nur der Farbenfleck der Kassenbücher, die sich auf den Pulten türmen und

deren Einband verrät, daß sie alle aus tschechischen Bezirken stammen.

Rot leuchten sie aus dem Düster. Es ist, als überströmte Blut die

Tische. Das Lebensblut des Volkes, das in nationalem Haß sich selbst

zerfleischt, um den Gegner zu vernichten.

Es ist Nacht geworden. Bleiern lähmt Müdigkeit die Tatkraft der Beamten.

Schweigend, mit automatischen Gebärden, von Staub und Rauch in Schleier

eingehüllt, bewegen sie sich hin und her wie Schatten. Doch die Wut des

Ansturms tobt unvermindert. Wie dem Sagentier für jedes abgeschlagene

Haupt ein neues wuchs, so kommt der Menge vor dem Tor für jeden Trupp, der

abzog, neuer Zuwachs aus den Straßen. Und der Anblick der Beglückten, die

ihre Habe geborgen mit sich führen, schürt, statt sie zu dämpfen, ihre

fieberhafte Angst.

Unmöglich scheint, daß der Vorrat noch immer reichen könne. Vielleicht

werden in diesem Augenblick die letzten Summen ausgeteilt, vielleicht

erbeutet der Vordermann, der eben ins Haus gedrungen war, das letzte

Goldstück. Sie aber würden nur die leeren Kassen finden, den Bankerott,

das Elend.

Als sich um Mitternacht die Tore zum letztenmal in ihren Angeln drehen und

sich dann erneutem Eingang kreischend schließen, ohne Rücksicht auf die

Verzweifelten, die sich zwischen die Flügel werfen, klammern und stemmen,

da geht ein Wehruf durch die Reihen der Enttäuschten, die wieder eine

lange bange Nacht von der Erfüllung trennt. In den Häusern, die den Platz

begrenzen, fahren die Schläfer auf. Sie recken sich hoch in ihren Betten

und lauschen zitternd. Und sie ahnen, daß zu ihren Füßen ein Raubtier

wacht, das seiner Kräfte nur bewußt zu werden braucht, um mit den starken

Pranken Käfig und Bändiger zu zerbrechen.

In der kahlen Bahnhofshalle saßen die aus Motice und erwarteten den Zug,

der sie in ihre Heimat bringen sollte. Niemand fehlte als die Nanny Zlatka

und der Karl Jakesch. Sie waren fahl und schmutzig wie Soldaten, die von

einer langen Übung kommen, und ein säuerlicher Branntweinduft umströmte

sie. Mit Geräusch und lebhaften Gebärden besprachen sie die Abenteuer

dieser vierundzwanzig Stunden, in denen sie mehr Aufregung gekostet hatten

als während ihres ganzen Lebens. Der Franz Zastoupil war der beredtste.

Er nahm den Mund sehr voll, hielt alle seine Beschuldigungen aufrecht,

prophezeite nahen Untergang der =Spořitelna= und wußte viel zu schimpfen

über die Grobheit der Bankbeamten und die Roheit der Polizisten. Doch

er verschwieg, daß er verstanden hatte, ein paar Verängstigten ihre

Sparbücher für den halben Wert herauszulisten, und daß er unter seinem

schmierigen Gewand eine Summe trug, die ihm die Schenke, die er nur

gemietet hatte, als Eigentum erwerben sollte.

In einer Ecke kauerte die Maria Jahoda und stützte ihren Josef, der, lang

ausgestreckt, sich auf den Steinen wälzte. Weinend klagte sie: als sie

endlich zu ihrem Geld gekommen waren, sei der Josef beinahe närrisch vor

Freude geworden. Er habe sie ins Wirtshaus mitgeschleppt, dort Bier und

Fleisch bestellt und, schon halb betrunken, mit einem Frauenzimmer, das ihn

umstrich, zu scharmieren angefangen. Plötzlich sei er aufgesprungen, habe

das Mädel um den Leib gefaßt und sei mit ihr auf und davon gerannt. Sie

hatte seine Zeche zahlen müssen und war dann ausgegangen, ihn zu suchen.

Erst nach vielen Stunden hatte sie ihn an einer Straßenecke wieder

aufgefunden. Er war sinnlos berauscht; aus seiner Tasche fehlten hundert

Gulden. Für ihre Vorwürfe bekam sie Schläge, und mit Mühe schleppte sie

den Taumelnden hierher. Die Tränen flossen in Strömen über ihre hohlen

Wangen. Das Schluchzen stieß sie krampfhaft. Der Mann an ihrer Seite,

der in der Trunkenheit die Schuldigen vertauschte, lallte stumpfsinnig

dazwischen: »Sie muß Prügel haben! Das Weibsmensch hat mich bestohlen!

Wenn sie nach Haus kommt, kriegt sie ihre Prügel.«

Der Johann und die Rosa Dostal dagegen waren sehr zufrieden. Sie hatten

einen Menschenfreund gefunden, der sich ihrer Not erbarmte. Einen furchtbar

reichen Herrn; das große Zinshaus nahe bei dem Sparkassengebäude

gehörte ihm; sie wußten es aus seinem eigenen Munde. Er hatte sich bereit

erklärt, ihr Erspartes in seinem Bankhaus anzulegen. Zu hohen Zinsen.

Acht Prozent pro Jahr. Die erste Rate hatte er gleich ausbezahlt. In der

Seligkeit des neuen Reichtums hatten sie viel eingekauft. Kaffee, Zucker,

Tabak, Kleiderstoffe für die Kinder und einen Teppich, den sich die Frau

schon lange wünschte. Lächelnd hörte ihnen die Babi Skoupek zu. Von

Zeit zu Zeit befühlte sie den Brustlatz, unter dem sie, in ein Taschentuch

geknotet, ihr Gold geborgen hatte. Sie dachte nicht daran, sich noch einmal

davon zu trennen. Unter ihren Strohsack wollte sie es schieben oder in

ihrem Gärtchen in die Erde graben. Da konnte es ihr nicht verlorengehen.

Die Türen zum Bahnsteig wurden geöffnet, und der Schaffner rief zum Zug

ab. Und immer noch fehlten die Nanny Zlatka und der Karl Jakesch.

Man lachte. Manche meinten: das gemeinsame Warten hat dem Pärchen so

gefallen, daß es auch diese Nacht zusammen verbringen wird. Vor dem

Sparkassengebäude -- oder anderswo.

Schon waren die aus Motice in ihr Abteil eingestiegen, kaum eine Minute

fehlte noch bis zur Abgangszeit, da stürzte Karl Jakesch in den Wagen und

schrie: »Ist die Nanny hier?« Die Haare hingen wild um seine Schläfe;

in seine Augen war das Blut getreten. »Ist die Nanny hier?« Obgleich ihm

sein Auge Antwort gab, durchsuchte er die Winkel. Dann, in der Sekunde,

wo der Zug sich in Bewegung setzte, riß er die Tür auf und sprang wieder

hinunter auf die Steine. Er stürzte, stand wieder auf, lief auf den

Schienen hin und her. Die Fahrenden hörten noch sein wildes Brüllen:

»Ich schlag' sie tot! Wenn ich das Luder antreff', schlag' ich's tot!«

[Illustration: Decoration]

Ein dürftig aussehender, engbrüstiger Jüngling war mir durch die

Aufmerksamkeit aufgefallen, mit der er die Rede des Deutschböhmen

verfolgte. Nun fiel er schnell in dessen letzte Silbe ein:

»Was für fremdartige Bilder. Was für sonderbare Leute. Wie waren

Sie doch zu beneiden, mit einem Volk zu leben, das noch so jung ist.

Unangekränkelt von Bildung und Kultur. Voll von Eigenart und

Farbigkeit und Rasse. Sie lachen?« Er warf mit einer wie es schien

gewohnheitsmäßigen Bewegung die glatten schwarzen Haare aus dem Gesicht

zurück. »Sie wissen vielleicht nicht, was es heißt, am grauen Einerlei

zugrunde gehen. Immer nur von Fertigem umgeben. Keine Freude, als die

Sehnsucht. Und die Hoffnung, daß vielleicht irgend einmal sich ein Wunsch

erfüllt. So ist es,« er zögerte, »einem Freund von mir ergangen. Wenn

ich wagen darf, möchte ich Ihnen von ihm sprechen.«

Er sah sich um, als fürchte er, es könne ihm die Zustimmung verweigert

werden. Ich dachte: er ist gewiß ein heimlicher Poet. Noch in Keuschheit

zugeschlossen und doch schon glücklich, etwas von seinem inneren Empfinden

preiszugeben. Ich hörte seine Stimme zittern bei den ersten Worten.

[Illustration: Decoration]

Die Reise nach Indien

Sebastian Schierke war von Geburt an ein Träumer. Er lag stundenlang in

seinem Korb und starrte in die Hängelampe, unter der der Vater auf seinem

Schusterschemel saß und nähte. Seine ersten Wahrnehmungen erwachten in

ihrem Lichte. Sie blieb ihm die Sonne, als er schon reif genug war, auf

allen Vieren zu kriechen. Der Kreis, den ihre Strahlen erhellten, schien

ihm unermeßlich. Und die Ecken, in die sie nicht hineinleuchtete, waren

für ihn unheimliche, von schrecklichen Dingen erfüllte Höhlen.

Das empfand er, ehe er es verstand. Ehe er noch seinem Spielzeug, den

zerrissenen Stiefeln, den Holzleisten und Handwerksgeräten Namen und

Gefühle verlieh. Ehe er noch für das Gemisch von Pech-, Leder- und

Petroleumgeruch einen Ausdruck erfunden hatte. Das Wort »Buhaha«, in das

er eine Fülle von Bedeutung hineingeheimnißte.

Dann, als er zum erstenmal die Kellertreppe hinaufkletterte, sah er, wie

groß die Welt war. Wochenlang dauerte seine Reise durch alle Gänge,

Nischen, Höfe und Bodenräume des altmodischen, winkeligen Hinterhauses.

Die Straße mied er, sie war ihm zu hell und schnurgerade. Auch scheute er

die anderen Kinder und ihre geräuschvollen Spiele.

Am liebsten saß er im Holzkeller zwischen den Stößen, während die

Mutter die gefüllten Körbe in die Wohnung des Hausherrn schleppte. Da war

er in dem großen, finsteren Märchenwald, von dem ihm der Vater zuweilen

erzählte. Von ganz hinten kam ein matter Lichtschein (es war Mutters

Laterne, die an der Erde stand) aus einem einsamen Haus. Darin hielt die

böse Hexe das Königskind gefangen. Er selbst hockte zwischen riesigen

Bäumen, roch die Tannen und welkenden Blätter und lauschte auf ein

entferntes Rauschen und Murmeln. Und gleich mußte die Tür aufgehen und

die Prinzessin eintreten, im weißen Kleid, die goldene Krone auf dem Kopf,

und zu ihm sagen: »Bitte, lieber Prinz ...«

Gewöhnlich kam im schönsten Augenblick die Mutter und schalt, wenn sie

ihn antraf. Müßig, mit verschlafenen Augen. Der Vater aber nahm ihn

immer in Schutz. Der blasse Mann, an dem eine tückische Krankheit langsam

zehrte, verstand seinen Knaben. Auch ihm waren die Gedanken die liebsten

Gefährten. Aber hatte er es nur bis zum Flickschuster gebracht, der

Sebastian war zu etwas Höherem geboren. Dafür hatte er, schwarz auf

weiß, die sicheren Beweise.

Auf der Kommode in der Hinterstube lag, zwischen einem Porzellanhund und

einem Glaspokal, eine schwarze, goldbetreßte Mappe. Darin ruhten, nach dem

Datum geordnet, Sebastians gesammelte Gedichte.

Das erste, das er in seinem siebenten Jahre mit ungelenken Buchstaben

hingemalt hatte:

»Nachtz mich der Schluhmer fliht,

Gott in mein Hertze siht,

Nichtz is alz Lihbe drein,

Lihb für mein Feterlein.«

Das gereiftere, beiden Eltern gewidmete:

»Und eh wangt Fels und Stein,

Eh fellt des Himmels Welbung ein,

Eh ich vergehs was ich euch dank

Was ihr mir tuth mein Leben lank.«

Das Lied, zu dem ihn drei Jahre später ein Ausflug nach Wilmersdorf

begeistert hatte:

»Mein Herz gleicht der wandernden Welle

Es gleicht dem schimmernden See

Es mischt in die Freude die helle

Sich leise ein flüchtiges Weh.«

Und viele andere. -- Vater Schierke kannte sie alle auswendig, er summte

sie bei der Arbeit halblaut vor sich hin. Und für die Kunden, die sie zu

hören verlangten, suchte er das haltbarste Leder aus.

Der Gemeindeschullehrer war weniger zufrieden mit dem jungen Sebastian.

Rechnen und Rechtschreiben waren dem Knaben unsympathisch. In der

Geographie interessierten ihn nur die entferntesten Erdteile, und

dem deutschen Aufsatz war seine lebhafte Phantasie mehr störend als

förderlich.

Daß ihm im Grunewald eine Hyäne begegnet sei, wollte ihm der Lehrer

durchaus nicht glauben. Und ein Gedicht, das er in die Schilderung der

Ferienfreuden einflocht:

»Rings im Schlummer lag die Welt,

Niemand wach als sie und ich,

Und im gelben Ährenfeld

Küßt' ich sie und küßt' sie mich«

wurde als »völlig anstößig« mit einer schweren Rüge bestraft.

Den Vater bekümmerte das nicht. Sein Junge war eben ein Genie. Und

»Genies brauchen keine Bildung, sie nimmt ihnen nur die Kraft und die

Naivität,« versicherte ihm der junge Schriftsteller, der Jahr um Jahr

seine Stiefeln schuldig blieb.

Bis zur dritten Klasse war Jungschierke mühsam geklettert. Da legte sich

der Alte zum Sterben.

Nach acht Wochen schweren Siechtums trug man ihn, unter der brennenden

Lampe hinweg, in das ewige Dunkel. Er freute sich nicht mehr an den Versen,

die ihm sein Dichter auf den Grabstein schrieb:

»Schatten des Todes, du schreckest uns nicht,

Die wir vertrau'n auf das göttliche Licht.

Will uns vor Schmerz auch das Herz fast vergeh'n,

Bleibt uns der Trost doch, Dich wiederzuseh'n.«

Er litt nicht mehr an dem Kummer, den sein Tod seinem Liebling brachte.

Krankheit und Begräbnis hatten alle Ersparnisse aufgezehrt und zu Schulden

gezwungen. Frau Schierke verkaufte Handwerkszeug, Vorräte und die besten

Möbel. Sie vermietete die Vorder- und Hinterstube an eine Plättanstalt

und sich selbst als Gehilfin. Für sich und den Jungen behielt sie nur die

Küche und eine kleine Kammer.

Mit der Kommode, dem Porzellanhund und dem Glaspokal verschwand auch die

Mappe mit Sebastians gesammelten Gedichten. Bis Ostern durfte er die Schule

noch besuchen, dann wurde er eingesegnet und ausgeschickt, einen Erwerb zu

suchen. Zu einem Handwerker natürlich. Denn »jelernt haste nischt, und

vor det olle Jequassel und Jeschmiere jiebt dir keen Mensch keenen Dreier

nich« meinte die Mutter.

Sebastian widersprach nicht. Sein Kindersinn war schwer verdüstert durch

den Verlust des gütigen Vaters. War er früher still gewesen, jetzt wurde

er stumm.

Sein Abgangszeugnis war schlecht. Seine schwächliche, engbrüstige

Gestalt, die zögernde Sprache nahmen gegen ihn ein. Von Stelle zu Stelle

wurde er abgewiesen. Bis sich ein früherer Kunde des alten Schusters,

für den Frau Schierke jetzt die Hemden plättete, seiner annahm. Der alte

Justizrat Korn setzte den jungen Schierke als Schreiber in seine Kanzlei.

Da saß er nun Tag um Tag und Jahr um Jahr an einem gelben Holztisch, den

überschlanken Körper weit vorgebeugt, um die kurzsichtigen Augen

den schreibenden Fingern zu nähern, und malte verständnislos, aber

gewissenhaft die Buchstaben auf das Papier. Tag um Tag freute er sich auf

den Augenblick, in dem er die Feder ausspritzen, den grauen Kattunärmel

abstreifen und die Tür des Bureaus hinter sich schließen durfte. Dann

regten sich die heimlichen Gedanken, die Tags über an der Kette lagen.

Dann schlüpften sie aus ihrem Versteck und flatterten und sangen um ihn

her wie freigewordene Vögel.

Zu Hause mußte er noch der Mutter helfen. Einholen, Feuerung tragen, fegen

und bürsten. Nachts aber, allein in der kalten Kammer, schrieb er beim

Kerzenlicht auf, was in ihm klang und weinte. Seine schwerersparten

Groschen wandte er an Papier, Tinte und Porto. Einmal mußte doch der

Erfolg kommen, die Anerkennung -- die Freiheit.

Ach! Sie kamen alle wieder, die Reime, die er in die Welt hinausschickte.

Diejenigen ausgenommen, deren Rücksendung man ganz vergaß.

Da starben ihm langsam Mut, Hoffnung und der Glauben an sich selbst. Nur

die Phantasie blieb leben und hungerte. Er suchte ihr fremde Nahrung. Er

machte Jagd auf alles Gedruckte. Auf die billige Zeitung seiner Wirtin,

der Plättstubenbesitzerin Frau Ruhnau. Auf die Kolportagehefte ihrer

Gehilfinnen, auf ihre Käse- und Stullenpapiere. Seine Spargroschen trug er

jetzt zum Trödler, bei dem er in alten, zerrissenen Büchern wühlte.

Was ihn entzückte, waren Ritter- und Schauerromane, Kriminal- und

Jagdgeschichten. Außergewöhnliche, aufregende Ereignisse. Der Gegensatz

zu seinem armseligen, eintönigen Leben.

Eines Tages fand er im Bureau unter einem Stoß alter, dem Einstampfen

geweihter Akten ein paar rote Bände. Verjährte Baedeker von Oberitalien

und der Schweiz, zum Wegwerfen bestimmt. Er nahm sie an sich. Des Einbandes

halber, und weil ihn jedes Buch reizte. Zu Hause erst entdeckte er,

was für einen Schatz er sich erbeutet hatte. Was waren alle erfundenen

Geschichten gegen diese fesselnde Wirklichkeit! Was für Herrlichkeiten gab

es draußen in der Welt! Wie leicht waren sie zu erreichen! Man brauchte

nur Geld in seine Börse zu tun, in den ersten besten Eisenbahnzug zu

steigen und dann dem roten Wegweiser getreulich zu folgen.

Er tat das alles -- im Geiste.

Er überschritt die höchsten Pässe, bestieg die gefahrvollsten Gipfel,

durchlief die herrlichsten Kirchen und Galerien. Jeden Weg und Steg lernte

er auswendig, bemaß alle Entfernungen, kannte alle Aussichtspanoramen und

hätte mit verbundenen Augen die schwierigsten Bergübergänge gefunden.

Er war ein vornehmer Reisender. Fuhr nur mit Schnellzug und Extrapost,

bewohnte die teuersten Hotels, speiste in den feinsten Restaurants, kaufte

ab und zu kostbare Kunstgegenstände und sparte nicht mit Trinkgeld. Und

mußte nur täglich seine Reise für vierzehn Stunden unterbrechen, um in

der Kanzlei und Plättstube zu arbeiten.

An einem Freitag Abend war er mit zwei der besten Führer aufgebrochen, um

den Montblanc zu besteigen. Er wählte den schwierigsten Aufstieg über den

Brouillardgletscher und wurde eben angeseilt, um eine kaminartige Schlucht

zu erklimmen. Da holte ihn Frau Ruhnau. Vorn im Laden lag die Mutter.

Mitten in der Arbeit hatte ein Herzschlag sie umgeworfen.

Sebastian hatte der Mutter innerlich nicht nahe gestanden. Was er, der

Weltfremde, an ihr verlor, machte er sich nicht klar. Um so weniger, als

Frau Ruhnau, eine kinderlose Witwe, sich anbot, ihn für ein geringes

Entgelt weiter zu versorgen. So bedeutete ihm dieser Tod fast eine

Befreiung.

Fortan gehörten seine Mußestunden ihm. Er konnte erleben, was er bisher

geträumt, er konnte reisen. Nur in den Tiergarten zwar und Sonntags

allenfalls in den Grunewald. Aber eine Bank unter Bäumen, am Rande eines

Sees wurde ihm zum Zauberroß, das ihn in weite Fernen trug.

Er schloß die Augen und hörte das Rauschen des Wasserfalles, roch den

Duft der Matten. Die Glocken der Pferdebahn wurden ihm zum Kuhgeläute, das

Pfeifen der Stadtbahnzüge zum Signal des Dampfschiffes. Fremdartige Vögel

sangen ihm zu Häupten, in fremden Zungen redeten die Menschen, die ihn

umgaben.

Und das schönste blonde Mädchen, das bei ihm vorbeiging, war sein

heimliches Liebchen. Zwar tat sie fremd und erhob nicht die Blicke. Aber er

wußte, seine Träume wußten, wie süß und zärtlich sie ihn liebte.

Zuweilen gelang es ihm, sich zu verirren.

Dann überliefen ihn alle Schauer des Geheimnisvollen. Der Kiefernforst

wurde zum Urwald. Hinter dem undurchdringlichen Dickicht lag eine

unbekannte Welt. In den Zweigen und Blättern knackten und raschelten die

Tritte wilder Tiere, er schwebte in lauernden Gefahren. Bis zum Herzklopfen

wußte er sich die unheimliche Stimmung zu steigern.

Trat er dann auf eine Lichtung hinaus und sah im Frieden des stillen

Sommerabends ein Rudel Rehe äsen, sah das letzte Licht der Sonne, das

die Stämme rötlich streifte und den See durchglühte, dann füllte ein

übermächtiges Gefühl Herz und Seele. Er warf sich in das Heidegras und

weinte vor trauriger, sehnsuchtsvoller Seligkeit.

Von diesen Ausflügen kam er ermattet heim. Mit fiebernden Wangen, in

den Augen einen trunkenen Glanz, die Lippen glühend wie vom Kuß der

Geliebten. Nachts schlief er schlecht, hustete, wälzte sich ruhelos und

schlich am anderen Morgen lustlos zu seiner Arbeit.

Frau Ruhnau sah ihm kopfschüttelnd nach. Sie hatte sich den Verkehr mit

ihm ganz anders gedacht. Eine Mischung von mütterlicher und weiblicher

Liebe fesselte sie an ihren jungen Mieter. Seine Hilflosigkeit dauerte

sie, zugleich war sie berührt von seiner stillen Eigenart. Wenn er der

Versuchung, seine alten Gedichte wieder einmal zu hören, nicht widerstehen

konnte und ihr abends daraus vorlas, wenn seine Gestalt sich aufrichtete,

wenn ihm die Haare in das blasse Gesicht fielen und seine Züge sich

verklärten, schien er ihr fast schön. Längst machte sie sich allerlei

Gedanken.

Er war zwar neun Jahre jünger als sie, aber darauf kam es bei so einem

nicht an. Eine Junge, Leichtsinnige würde schlecht zu ihm passen. Er

brauchte eine Alte, Erfahrene. Hausfrau und Mutter zugleich, die seine

zarte Gesundheit schonte und pflegte. So eine wie sie. Dafür konnte er

die dumme Schreiberei an den Nagel hängen, ihre Bücher führen, ihre

Rechnungen schreiben, es konnte ein prachtvolles Leben geben.

Nie hatte sie bemerkt, daß er nach den Mädchen sah; nun verdächtigte sie

ihn zum erstenmal einer heimlichen Liebschaft.

Ganz glücklich war sie, als er im Herbst seine Spaziergänge aufgab und zu

seinen Büchern zurückkehrte. Häuslicher denn je, denn der Zufall hatte

ihm einen neuen Schatz in den Schoß geworfen. Ein kostbares Werk --

Reisebilder aus Indien -- aus dem Englischen übersetzt. Drei dicke Bände

mit Illustrationen. Durch einen Zimmerbrand beschädigt und geschwärzt,

waren sie zum Altbücherhändler und in Sebastians Hände geraten.

Aus ihren verstümmelten, versengten Blättern erwuchs ihm eine Fülle

neuer Freuden. Schweiz- und italienmüde wie er war, überdrüssig des

bequemen Führers auf geebneten, betretenen Wegen, fand er in diesen

Blättern ungeahnte Sensationen.

Da waren Abenteuer und Seefahrten, tollkühne Ritte, wilde Jagden, da

war Glanz und Pracht, Blumenduft, Blut und Grausamkeit. Alle Märchen der

Jugend wurden lebendig: die unheimlichen Höhlen in der Schusterstube, die

Prinzessin im Holzkeller, das »Buhaha« der Kindheit, dieser Inbegriff

alles Geheimnisvollen.

Sein körperlicher Zustand, ein leichtes Fieber, das unbeachtet in ihm

brannte, steigerte die Feinfühligkeit seiner Nerven, überhitzte seine

krankhaft erregte Phantasie.

Zum erstenmal wurde es ihm schwer, die Arbeit des Tages von den Träumen

der Muße zu trennen. Zwischen die trockenen Aktensätze schoben sich

die Elefantenrüssel, die Götzenbilder und Palmenhaine Indiens.

Buntschillernde Insekten umsummten ihn, die heiligen Affen wiegten sich

auf schaukelnden Zweigen. Seine Blicke hingen an dem Zeiger der Uhr, seine

Wünsche ersehnten den Moment der Erlösung. Heim stürzte er, vergrub

sich in seine Bücher und war blind und taub für alles, was um ihn herum

vorging.

Da fand es Frau Ruhnau an der Zeit, deutlicher zu werden. Sie nahm seine

angegriffene Gesundheit als Vorwand, brachte ihm allerlei Leckerbissen und

lud ihn zu sich in die Vorderstube. Da könnte er ebensogut lesen. Oder

noch besser, ihr vorlesen. So wäre ihnen beiden geholfen.

Die gute Frau Ruhnau. Sie ahnte nichts von den Erlebnissen ihres Mieters.

Bisher war er ein mächtiger Maharadscha gewesen, der Herrscher in

Bhurtpur. Vor kurzem erst hatte er einem englischen Herzog zu Ehren

glänzende Feste gegeben. Er hatte eine Dschungel abbrennen lassen und die

flüchtenden Tiere des Waldes zu Tausenden getötet. Er hatte Tiger und

Elefanten gejagt, Büffelkämpfe veranstaltet, er hatte Gold und Edelsteine

unter die Menge geworfen.

Seit einigen Tagen aber hatte er sich in einen Brahmanen verwandelt und

diente dem vielarmigen Gott Siva in dem herrlichen Tempel von Rameswaram.

Die schlanke Sidla, die schönste aller Bajaderen, war seine Freundin.

Allnächtlich besuchte er sie in ihrer Zelle. Perlen und Opale rieselten

an ihr hernieder, seidene Gewänder umrauschten sie. Doch heller als alle

Gesteine glänzten ihre Augen, weicher als alle Seide flossen ihre Haare.

Aus silbernen Schleiern blühten ihre Brüste, die Gazellenzartheit ihrer

weißen Glieder. Sie liebkoste ihn mit sanften Händen, sie umtanzte ihn

mit leichten Füßen. Und wenn sie müde war, sank sie neben ihm nieder,

unter die Punka, die zwölf ihrer holden Gespielinnen leise bewegten. Von

solcher Huld begnadet, wie hätte er Sinne behalten für die derben Reize

seiner Wirtin.

Höflich dankte er ihr und verriegelte hinter ihr die Tür.

Sie kam wieder, sie pochte und fragte und wollte sich den Eingang

erzwingen. Zu einer Stunde, da die liebliche Sidla, von Tanz und Liebe

ermüdet, auf weichen Teppichen soeben in Schlummer gesunken war.

Sebastians Zorn erwachte. Er wies die Störerin hinaus, verlangte sein

Hausrecht und den Frieden seiner Stube, die er ehrlich bezahlte.

Da brach es wild hervor, was an Enttäuschung und Groll in Frau Ruhnaus

Innerem kochte. Von erwiesenen Wohltaten sprach sie, von Undank und

Bettelstolz. Sie fragte, ob er wirklich glaube, für die lumpigen paar

Groschen solche Kost und Pflege beanspruchen zu können. Sie sagte viel

Böses. Und der arme Träumer erwachte.

Er sah ein, daß er nur Gnaden genossen, wo er geglaubt hatte, Rechte zu

besitzen.

Es war ein böses Erwachen.

Wie ein Schlaftrunkener stand er verwirrt vor der Scheltenden. Dann griff

er nach Hut und Mantel und lief hinaus. Seinen einzigen Bekannten, den

Bureaudiener Franz, um ein Obdach für die Nacht zu bitten.

Am anderen Morgen mietete er die erste schlechteste Wohnung. Eine kleine

Kammer im vierten Stockwerk eines düsteren Hinterhauses. In sein altes

Heim kehrte er nur zurück, um seine Siebensachen zu packen.

Frau Ruhnau, verängstigt und reuevoll, versuchte eine tränenreiche

Versöhnung. Mit der eigensinnigen Festigkeit der Schwäche wies

Sebastian sie ab. Aus den Räumen, die ihm vierundzwanzig Jahre die Heimat

bedeuteten, ging er grollend in die unbekannte Welt.

Nun war er ganz frei. Wenn er abends nach Hause kam, war sein Zimmer nicht

geheizt, sein Bett nicht geordnet, sein Mahl nicht bereitet. Aber er konnte

ungestört lesen und träumen, niemand belästigte, niemand befragte ihn.

Als der Frühling kam, hätte er ganze Nächte im Freien umherlaufen

können, ohne jemanden zu betrüben. Nur daß seine Kräfte nicht reichten.

Eine bleierne Müdigkeit hing ihm im Körper. Der Husten, der ihm den

Schlaf störte, quälte ihn auch bei Tage, stechende Schmerzen benahmen

ihm Atem und Sprache, mühsam nur trugen ihn die Füße von der Wohnung zur

Arbeit.

In der Kanzlei war man immer freundlich zu ihm gewesen. Man hatte sich

an seine stille, bescheidene Art gewöhnt und ihm manche Nachlässigkeit

verziehen. Jetzt verlangte die Menschlichkeit, seinen Zustand nicht zu

übersehen.

»Es geht nicht länger mit dem Schierke, Herr Justizrat« sagte der

Bureauchef, während er die Akten zur Unterschrift vorlegte. »Er macht

nichts als Dummheiten.«

»Verliebt?«

Nachtgespräche · 第 1 / 9 段