Die große Gereiztheit

Wie so die Jährchen wechselten, begann etwas umzugehen im Hause Berghof,

ein Geist, dessen unmittelbare Abstammung von dem Dämon, dessen

bösartigen Namen wir genannt haben, Hans Castorp ahnte. Mit der

unverantwortlichen Neugier des Bildungsreisenden hatte er diesen Dämon

studiert, ja, bedenkliche Möglichkeiten in sich vorgefunden, an dem

ungeheuerlichen Dienste, den die Mitwelt ihm widmete, ausgiebig

teilzunehmen. Dem Wesen zu frönen, das jetzt um sich griff, nachdem es

übrigens, genau wie das alte, keimweise und da und dort sich andeutend

schon immer vorhanden gewesen, war er nach seiner Gemütsart wenig

geschaffen. Trotzdem bemerkte er mit Schrecken, daß auch er, sobald er

sich ein wenig gehen ließ, in Miene, Wort und Gehaben einer Infektion

unterlag, der niemand in der Runde sich entzog.

Was gab es denn? Was lag in der Luft? – Zanksucht. Kriselnde

Gereiztheit. Namenlose Ungeduld. Eine allgemeine Neigung zu giftigem

Wortwechsel, zum Wutausbruch, ja zum Handgemenge. Erbitterter Streit,

zügelloses Hin- und Hergeschrei entsprang alle Tage zwischen Einzelnen

und ganzen Gruppen, und das Kennzeichnende war, daß die

Nichtbeteiligten, statt von dem Zustande der gerade Ergriffenen

abgestoßen zu sein oder sich ins Mittel zu legen, vielmehr

sympathetischen Anteil daran nahmen und sich dem Taumel innerlich

ebenfalls überließen. Man erblaßte und bebte. Die Augen blitzten

ausfällig, die Münder verbogen sich leidenschaftlich. Man beneidete die

eben Aktiven um das Recht, den Anlaß, zu schreien. Eine zerrende Lust,

es ihnen gleichzutun, peinigte Seele und Leib, und wer nicht die Kraft

zur Flucht in die Einsamkeit besaß, wurde unrettbar in den Strudel

gezogen. Die müßigen Konflikte, die gegenseitigen Bezichtigungen vor dem

Angesicht der schlichtungsbemühten, aber brüllender Grobheit selbst

erschreckend leicht verfallenden Obrigkeit häuften sich im Hause

Berghof, und wer es bei leidlich gesunder Seele verließ, konnte nicht

wissen, in welcher Verfassung er zurückkehrte. Ein Mitglied des Guten

Russentisches, eine recht elegante Provinzdame aus Minsk, noch jung und

nur leichtkrank – drei Monate und nicht mehr waren ihr zudiktiert –

begab sich eines Tages in den Ort hinunter zum französischen Blusenhaus,

um Einkäufe zu machen. Hier zankte sie sich derart mit der Ladnerin, daß

sie in letzter Erregung zu Hause wieder eintraf, einen Blutsturz erlitt

und fortan unheilbar war. Ihrem herbeigerufenen Gatten wurde eröffnet,

daß ihres Bleibens hier oben nun immer und ewig sein müsse.

Das war ein Beispiel dessen, was umging. Widerwillig führen wir weitere

an. Dieser und jener wird sich des rund bebrillten Schülers oder

ehemaligen Schülers am Tische Frau Salomons erinnern, dieses dürftigen

jungen Menschen, der die Gewohnheit hatte, sich seine Speisen auf dem

Teller zu einem Kleingemengsel zusammenzuschneiden und dieses,

aufgestützt, in sich hineinzuschlingen, wobei er zuweilen mit der

Serviette hinter die dicken Augengläser fuhr. So hatte er, immer noch

ein Schüler oder ehemaliger Schüler, all die Zeit hier gesessen,

geschlungen und sich die Augen gewischt, ohne Anlaß zu einer mehr als

flüchtig hinstreifenden Beachtung seiner Person zu geben. Jetzt jedoch,

eines Morgens, beim ersten Frühstück, ganz überraschend und sozusagen

aus heiterem Himmel, erlitt er einen Zufall und Raptus, der allgemeines

Aufsehen erregte, den ganzen Speisesaal auf die Beine brachte. Es wurde

laut in der Gegend, wo er saß; bleich saß er dort und schrie, und es

galt der Zwergin, die bei ihm stand. „Sie lügen!“ schrie er mit sich

überschlagender Stimme. „Der Tee ist kalt! Eiskalt ist mein Tee, den Sie

mir gebracht haben, ich will ihn nicht, versuchen Sie ihn doch selbst,

bevor Sie lügen, ob er nicht lauwarmes Spülicht ist und von anständigen

Menschen überhaupt nicht zu trinken! Wie können Sie es wagen, mir

eiskalten Tee zu bringen, wie können Sie auf den Gedanken verfallen und

sich einreden, Sie könnten mir solches laue Gesöff vorsetzen mit auch

nur einiger Aussicht, daß ich es trinke?! Ich trinke es nicht! Ich will

es nicht!“ kreischte er und fing an, mit beiden Fäusten auf den Tisch zu

trommeln, daß alles Geschirr der Tafel klirrte und tanzte. „Ich will

heißen Tee! Siedeheißen Tee will ich, das ist mein Recht vor Gott und

den Menschen! Ich will es nicht, ich will brühheißen, ich will auf der

Stelle sterben, wenn ich auch nur einen Schluck – – Verfluchter

Krüppel!!“ gellte er auf einmal, indem er gleichsam mit einem Ruck den

letzten Zügel abwarf und zur äußersten Freiheit der Raserei begeistert

durchstieß. Er hob die Fäuste dabei gegen Emerenzia und zeigte ihr

buchstäblich seine beschäumten Zähne. Dann fuhr er fort zu trommeln, zu

stampfen und sein „Ich will“, „Ich will nicht“ zu heulen, – während es

unterdessen im Saale wie immer ging. Furchtbare und angespannte

Sympathie ruhte auf dem tobenden Schüler. Einige waren aufgesprungen und

sahen ihm mit ebenfalls geballten Fäusten, zusammengebissenen Zähnen und

glühenden Blicken zu. Andere saßen bleich, mit niedergeschlagenen Augen,

und bebten. Dies taten sie noch, als der Schüler schon längst, in

Erschöpfung versunken, vor seinem ausgewechselten Tee saß, ohne ihn zu

trinken.

Was war das?

Ein Mann trat in die Berghofgemeinschaft ein, ein ehemaliger Kaufmann,

dreißigjährig, schon lange febril, seit Jahren von Anstalt zu Anstalt

gewandert. Der Mann war Judengegner, Antisemit, war es grundsätzlich und

sportsmäßig, mit freudiger Versessenheit, – die aufgelesene Verneinung

war Stolz und Inhalt seines Lebens. Er war ein Kaufmann gewesen, er war

es nicht mehr, er war nichts in der Welt, aber ein Judenfeind war er

geblieben. Er war sehr ernstlich krank, hustete schwer beladen und tat

zwischendurch, als ob er mit der Lunge nieste, hoch, kurz, einmalig,

unheimlich. Jedoch war er kein Jude, und das war das Positive an ihm.

Sein Name war Wiedemann, ein christlicher Name, kein unreiner. Er hielt

sich eine Zeitschrift, genannt „Die arische Leuchte“, und führte Reden

wie diese:

„Ich komme ins Sanatorium X. in A.. Wie ich mich in der Liegehalle

installieren will, – wer liegt links von mir im Stuhl? Der Herr Hirsch!

Wer liegt rechts? Der Herr Wolf! Selbstverständlich bin ich sofort

gereist“ usw.

„Du hast es nötig!“ dachte Hans Castorp mit Abneigung.

Wiedemann hatte einen kurzen, lauernden Blick. Es sah tatsächlich und

unbildlich so aus, als hinge dicht vor seiner Nase eine Puschel, auf die

er boshaft schielte, und hinter der er nichts mehr sah. Die Mißidee, die

ihn ritt, war zu einem juckenden Mißtrauen, einer rastlosen

Verfolgungsmanie geworden, die ihn trieb, Unreinheit, die sich in seiner

Nähe versteckt oder verlarvt halten mochte, hervorzuziehen und der

Schande zuzuführen. Er stichelte, verdächtigte und geiferte, wo er ging

und stand. Und kurz, das Betreiben der Anprangerung alles Lebens, das

nicht den Vorzug besaß, der sein einziger war, füllte seine Tage aus.

Die inneren Umstände nun, mit deren Andeutung wir eben befaßt sind,

verschlimmerten das Leiden dieses Mannes außerordentlich; und da es

nicht fehlen konnte, daß er auch hier auf Leben stieß, das den Nachteil

aufwies, von dem er, Wiedemann, frei war, so kam es unter dem Einfluß

jener Umstände zu einer Elendsszene, der Hans Castorp beizuwohnen hatte,

und die uns als weiteres Beispiel für das zu Schildernde dienen muß.

Denn es war da ein anderer Mann, – zu entlarven gab es nichts, was ihn

betraf, der Fall war klar. Dieser Mann hieß Sonnenschein, und da man

nicht schmutziger heißen konnte, so bildete Sonnenscheins Person vom

ersten Tage an die Puschel, die vor Wiedemanns Nase hing, auf die er

kurz und boshaft schielte, und nach der er mit der Hand schlug, fast

weniger, um sie zu verjagen, als um sie ins Pendeln zu versetzen, damit

sie ihn desto besser reize.

Sonnenschein, Kaufmann, wie der andere, von Hause aus, war ebenfalls

recht ernstlich krank und krankhaft empfindlich. Ein freundlicher Mann,

nicht dumm und selbst scherzhaft von Natur, haßte er Wiedemann für seine

Sticheleien und seine Puschelschläge auch seinerseits bald bis zum

Leiden, und eines Nachmittags lief alles in der Halle zusammen, weil

Wiedemann und Sonnenschein einander dort auf ausschweifende und

tierische Weise in die Haare geraten waren.

Es war ein Anblick voll Grauen und Jammer. Sie katzbalgten sich wie

kleine Jungen, aber mit der Verzweiflung erwachsener Männer, mit denen

es dahin gekommen ist. Sie gingen einander mit den Krallen ins Gesicht,

hielten sich an Nase und Kehle, während sie aufeinander losschlugen,

umschlangen sich, wälzten sich in furchtbarem und radikalem Ernste am

Boden, spieen nach einander, traten, stießen, zerrten, hieben und

schäumten. Herbeigeeiltes Bureaupersonal trennte mit Mühe die

Verbissenen und Verkrallten. Wiedemann, speichelnd und blutend,

wutverblödeten Angesichts, zeigte das Phänomen der zu Berge stehenden

Haare. Hans Castorp hatte das noch nie gesehen und nicht geglaubt, daß

es eigentlich vorkomme. Die Haare standen Herrn Wiedemann starr und

steif zu Berge, und so stürzte er davon, während Herr Sonnenschein, das

eine Auge in Bläue verschwunden und eine blutende Lücke in dem Kranz

lockigen schwarzen Haares, das seinen Schädel umgab, ins Bureau geführt

wurde, wo er sich niederließ und bitterlich in seine Hände weinte.

So ging es mit Wiedemann und Sonnenschein. Alle, die es sahen, bebten

noch stundenlang. Es ist vergleichsweise eine Wohltat, im Gegensatz zu

solcher Misere von einem wahren Ehrenhandel zu erzählen, der ebenfalls

dieser Periode angehört, und der seinen Namen allerdings, der formalen

Feierlichkeit wegen, mit der er gehandhabt wurde, bis zur Lächerlichkeit

verdiente. Hans Castorp wohnte ihm in seinen einzelnen Phasen nicht bei,

sondern belehrte sich über den verwickelten und dramatischen Hergang nur

an der Hand von Dokumenten, Erklärungen und Protokollen, die, diese

Sache betreffend, im Hause Berghof und außerhalb seiner, nämlich nicht

nur am Ort, im Kanton, im Lande, sondern auch im Auslande und in Amerika

abschriftlich vertrieben und auch solchen zum Studium zugestellt wurden,

von denen ohne weiteres sicher sein mußte, daß sie der Angelegenheit

auch nicht einen Deut von Teilnahme widmen konnten und wollten.

Es war eine polnische Angelegenheit, ein Ehrentrubel, entstanden im

Schoße der polnischen Gruppe, die sich kürzlich im Berghof

zusammengefunden hatte, einer ganzen kleinen Kolonie, die den Guten

Russentisch besetzt hielt – (Hans Castorp, dies hier einzuflechten, saß

nicht mehr dort, sondern war mit der Zeit an den der Kleefeld, dann an

den der Salomon und dann an den Fräulein Levis gewandert). Die

Gesellschaft war dermaßen elegant und ritterlich gewichst, daß man nur

die Brauen emporziehen und sich innerlich auf alles gefaßt machen

konnte, – ein Ehepaar, ein Fräulein dazu, das mit einem der Herren in

freundschaftlichen Beziehungen stand, und sonst lauter Kavaliere. Sie

hießen von Zutawski, Cieszynski, von Rosinski, Michael Lodygowski, Leo

von Asarapetian und noch anders. Im Restaurant des Berghofs nun, beim

Champagner, hatte ein gewisser Japoll in Gegenwart zweier anderer

Kavaliere über die Gattin des Herrn von Zutawski, wie auch über das dem

Herrn Lodygowski nahestehende Fräulein namens Kryloff Unwiederholbares

geäußert. Hieraus ergaben sich die Schritte, Taten und Formalien, die

den Inhalt der zur Verteilung und Versendung gelangenden Schriftsätze

bildeten. Hans Castorp las:

„Erklärung, übersetzt aus dem polnischen Original. – Am 27. März 19..

wandte sich Herr Stanislaw von Zutawski an die Herren Dr. Antoni

Cieszynski und Stefan von Rosinski mit der Bitte, sich in seinem Namen

zum Herrn Kasimir Japoll zu begeben, um von demselben auf dem durch das

Ehrenrecht angezeigten Wege Satisfaktion zu verlangen für ‚die schwere

Beleidigung und Verleumdung, welche Herr Kasimir Japoll dessen Frau

Gemahlin Jadwiga von Zutawska im Gespräche mit den Herren Janusz Teofil

Lenart und Leo von Asarapetian zugefügt hat‘.

„Als von diesem obenerwähnten Gespräch, das Ende November stattgehabt

hat, vor einigen Tagen Herr von Zutawski mittelbar Kenntnis erhalten

hat, unternahm er sofort Schritte, um völlige Sicherheit über den

Tatbestand und das Wesen der geschehenen Beleidigung zu erlangen. Am

gestrigen Tage, dem 27. März 19.., wurde durch den Mund des Herrn Leo

von Asarapetian, dem unmittelbaren Zeugen des Gespräches, in welchem die

beleidigenden Worte und die Insinuationen gefallen sind, die Verleumdung

und Beleidigung festgestellt; hierdurch wurde Herr Stanislaw von

Zutawski veranlaßt, sich ungesäumt an die Unterzeichneten zu wenden, um

ihnen das Mandat zur Einleitung des ehrenrechtlichen Verfahrens gegen

Herrn Kasimir Japoll zu erteilen.

„Die Unterzeichneten geben folgende Erklärung ab:

‚1. Unter Zugrundelegung des von einer Partei abgefaßten Protokolls

vom 9. April 19.., welches in Lemberg von den Herren Zdzistaw

Zygulski und Tadeusz Kadyj in der Angelegenheit des Herrn Ladislaw

Goduleczny gegen Herrn Kasimir Japoll verfaßt worden ist, ferner

unter Zugrundelegung der Erklärung des Ehrengerichtes vom 18. Juni

19.., die zu Lemberg in ebenderselben Angelegenheit abgefaßt worden

ist, welch beide Schriftstücke in gemeinsamem Übereinklang stehend

feststellen, daß Herr Kasimir Japoll ‚infolge seines wiederholten

Verhaltens, welches nicht mit dem Begriff der Ehre in Einklang zu

bringen ist, als Gentleman nicht angesehen werden kann‘,

‚2. ziehen die Unterzeichneten die aus Obigem sich ergebenden

Konsequenzen in ihrer vollen Tragweite und stellen die absolute

Unmöglichkeit fest, daß Herr Kasimir Japoll irgendwie noch

satisfaktionsfähig wäre.

‚3. Dieselben erachten für ihre Person als unzulässig, gegen einen

Mann, der außerhalb des Begriffes der Ehre steht, die

Ehrenangelegenheit zu führen oder in derselben zu vermitteln.‘

„In Anbetracht dieser Sachlage machen die Unterzeichneten Herrn

Stanislaw von Zutawski darauf aufmerksam, daß es zwecklos sei, seinem

Recht auf dem Wege eines ehrenrechtlichen Verfahrens gegen Herrn Kasimir

Japoll nachzugehen und raten ihm, den strafgerichtlichen Weg

einzuschlagen, um zu verhindern, daß von seiten einer Persönlichkeit,

die in dem Maße außerstande ist, Satisfaktion zu leisten, wie es beim

Herrn Kasimir Japoll der Fall ist, weitere Schädigungen ergehen. –

(Datiert und gezeichnet:) Dr. Antoni Cieszynski, Stefan von Rosinski.“

Ferner las Hans Castorp:

„Protokoll

„der Zeugen über den Vorgang zwischen Herrn Stanislaw von Zutawski,

Herrn Michael Lodygowski

„und den Herren Kasimir Japoll und Janusz Teofil Lenart in der Bar des

Kurhauses zu D., am 2. April 19.. zwischen 7½ und 7¾ h abends.

„Da Herr Stanislaw von Zutawski auf Grund der Erklärung seiner

Vertreter, der Herren Dr. Antoni Cieszynski und Stefan Rosinski, in der

Angelegenheit des Herrn Kasimir Japoll am 28. März 19.. nach reifer

Überlegung zu der Überzeugung gekommen war, daß ihm die empfohlene

strafgerichtliche Verfolgung des Herrn Kasimir Japoll für ‚die schwere

Beleidigung und Verleumdung‘ seiner Gemahlin Jadwiga keine Satisfaktion

wird geben können, da:

1. der berechtigte Verdacht bestand, daß Herr Kasimir Japoll im

gegebenen Augenblick vor Gericht nicht erscheinen und seine weitere

Verfolgung mit Rücksicht darauf, daß er österreichischer

Staatsangehöriger ist, nicht nur erschwert, sondern geradezu unmöglich

sein wird,

2. da außerdem eine gerichtliche Bestrafung des Herrn Kasimir Japoll die

Beleidigung, durch die Herr Kasimir Japoll den Namen und das Haus des

Herrn Stanislaw von Zutawski und seiner Gemahlin Jadwiga in

verleumderischer Weise zu schänden versuchte, nicht zu sühnen vermöchte,

hat Herr Stanislaus von Zutawski den kürzesten, seiner Überzeugung nach

gründlichsten und in Anbetracht der gegebenen Verhältnisse

entsprechendsten Weg gewählt, nachdem er indirekt in Erfahrung gebracht

hat, daß Herr Kasimir Japoll beabsichtigt, hiesigen Ort am nächsten Tage

zu verlassen,

und hat am 2. April 19.. zwischen 7½ – 7¾ h abends in Gegenwart seiner

Gemahlin Jadwiga und der Herren Michael Lodygowski und Ignaz von Mellin

Herrn Kasimir Japoll, der in Gesellschaft des Herrn Janusz Teofil Lenart

und zweier unbekannter Mädchen in der American Bar hiesigen Kurhauses

bei alkoholischen Getränken saß, mehrfach geohrfeigt.

„Unmittelbar darauf hat Herr Michael Lodygowski Herrn Kasimir Japoll

geohrfeigt, indem er hinzufügte, daß dies für die dem Fräulein Krylow

und ihm zugefügten schweren Beleidigungen sei.

„Sofort danach ohrfeigte Herr Michael Lodygowski Herrn Janusz Teofil

Lenart für das Herrn und Frau von Zutawski zugefügte unqualifizierbare

Unrecht, worauf noch,

„ohne einen Augenblick zu verlieren, auch Herr Stanislaus von Zutawski

Herrn Janusz Teofil Lenart für die verleumderische Besudelung seiner

Gemahlin sowohl wie Fräulein Krylows wiederholt und mehrfach ohrfeigte.

„Die Herren Kasimir Japoll und Janusz Teofil Lenart verhielten sich

während dieses ganzen Vorganges völlig passiv. (Datiert u. gezeichnet:)

Michael Lodygowski, Ign. v. Mellin.“

Die inneren Umstände erlaubten Hans Castorp nicht, über dies

Schnellfeuer offizieller Ohrfeigen zu lachen, wie er es sonst wohl getan

haben würde. Er erbebte, indem er davon las, und der untadelige Komment

der einen –, die bübische und schlaffe Ehrlosigkeit der anderen Seite,

wie beides aus den Dokumenten dem Leser in die Augen sprang, erregten

ihn in ihrer etwas unlebendigen, aber eindrucksvollen Gegensätzlichkeit

aufs tiefste. So ging es allen. Weit und breit wurde der polnische

Ehrenhandel leidenschaftlich studiert und mit zusammengebissenen Zähnen

besprochen. Etwas ernüchternd wirkte ein Gegenflugblatt des Herrn

Kasimir Japoll, dahingehend, dem von Zutawski sei ganz genau bekannt

gewesen, daß er, Japoll, seinerzeit in Lemberg von irgendwelchen

aufgeblasenen Laffen für satisfaktionsunfähig erklärt worden sei, und

alle seine sofortigen und ungesäumten Schritte seien das reine

Affentheater gewesen, da er von vornherein gewußt habe, daß er sich

nicht werde schlagen müssen. Auch habe von Zutawski einzig und allein

aus dem Grunde darauf verzichtet, ihn, Japoll, zu verklagen, weil, wie

jedermann und er selbst ebenfalls recht gut wisse, seine Gemahlin

Jadwiga ihn mit einer ganzen Geweihsammlung versehen habe, wofür er,

Japoll, spielend den Wahrheitsbeweis hätte erbringen können, wie denn

auch mit der allgemeinen Aufführung der Krylow vor Gericht wenig Ehre

einzulegen gewesen wäre. Übrigens sei nur seine eigene, Japolls,

Satisfaktionsunfähigkeit erhärtet, nicht auch bereits die seines

Gesprächspartners Lenart, und von Zutawski habe sich hinter die erstere

verschanzt, um keine Gefahr zu laufen. Von der Rolle, die Herr

Asarapetian in der ganzen Sache gespielt habe, wolle er nicht reden. Was

aber den Auftritt in der Kurhaus-Bar betreffe, so sei er, Japoll, ein

wenn auch mundscharfer und zum Witz geneigter, so doch äußerst

schwächlicher Mensch; von Zutawski habe sich mit seinen Freunden und der

ungewöhnlich kräftigen Zutawska in physischer Überlegenheit befunden,

zumal die beiden Dämchen, die sich in seiner, Japolls, und Lenarts

Gesellschaft befunden, zwar lustige Geschöpfe, aber schreckhaft wie die

Hühner gewesen seien; und so habe er, um eine wüste Schlägerei und

öffentlichen Skandal zu vermeiden, Lenart, der sich habe zur Wehr setzen

wollen, veranlaßt, sich ruhig zu verhalten und die flüchtigen

gesellschaftlichen Berührungen der Herren von Zutawski und Lodygowski in

Gottes Namen zu dulden, die nicht weh getan hätten und von den

Umsitzenden als freundschaftliche Neckerei aufgefaßt worden seien.

So Japoll, für den natürlich nicht viel zu retten war. Seine Korrekturen

vermochten den schönen Kontrast von Ehre und Misere, wie er aus den

Feststellungen der Gegenseite hervorging, nur oberflächlich zu stören,

zumal er nicht über die Vervielfältigungstechnik der Zutawskischen

Partei verfügte, sondern nur ein paar Maschinendurchschläge seiner

Replik unter die Leute zu bringen wußte. Jene Protokolle dagegen, wie

gesagt, erhielt jedermann, auch völlig Fernstehende erhielten sie.

Naphta und Settembrini z. B. hatten sie ebenfalls zugestellt bekommen, –

Hans Castorp sah sie in ihren Händen, und zu seiner Überraschung

bemerkte er, daß auch sie mit verbissenen und sonderbar hingerissenen

Mienen darauf niederblickten. Den heiteren Spott, den er selbst vermöge

der herrschenden inneren Umstände nicht aufbrachte, von Herrn

Settembrini wenigstens hatte er ihn erwartet. Aber auch über den klaren

Geist des Maurers übte die umlaufende Infektion, die Hans Castorp

beobachtete, offenbar eine Gewalt, die ihm das Lachen verschlug, ihn für

die aufpeitschenden Reize des Ohrfeigenhandels ernstlich empfänglich

machte; und außerdem verdüsterte ihn, den Mann des Lebens, sein langsam

und unter foppenden Rückschlägen zum Guten, aber unaufhaltsam sich

verschlechternder Gesundheitszustand, den er verwünschte, und dessen er

sich ingrimmig und mit Selbstverachtung schämte, der ihn aber um diese

Zeit schon alle paar Tage zwang, das Bett zu hüten.

Naphta, seinem Hausgenossen und Widersacher, erging es nicht besser.

Auch in seinem organischen Innern schritt die Krankheit fort, die der

physische Grund – oder muß man sagen: Vorwand gewesen, weshalb seine

Ordenslaufbahn ein so verfrühtes Ende genommen, und die hohen und dünnen

Bedingungen, unter denen man lebte, konnten ihrer Ausbreitung nicht

Einhalt tun. Auch er war oft bettlägerig; der Tellersprung seiner Stimme

klapperte stärker, wenn er sprach, und er sprach bei erhöhtem Fieber

mehr noch, schärfer und beißender als ehedem. Jene ideellen Widerstände

gegen Krankheit und Tod, deren Niederlage vor der Übergewalt einer

niederträchtigen Natur Herrn Settembrini so schmerzte, mußten dem

kleinen Naphta fremd sein, und seine Art, die Verschlimmerung seines

Körperzustandes aufzunehmen, war denn auch nicht Trauer und Gram,

sondern eine höhnische Aufgeräumtheit und Angriffslust sondergleichen,

eine Sucht nach geistiger Bezweifelung, Verneinung und Verwirrung, die

die Melancholie des anderen aufs schwerste reizte und ihre

intellektuellen Streitigkeiten täglich verschärfte. Hans Castorp,

natürlich, konnte nur von denen reden, denen er beiwohnte. Aber er war

so ziemlich gewiß, daß er keine versäumte, daß seine, des pädagogischen

Objektes, Gegenwart vonnöten war, um bedeutende Kolloquien zu entzünden.

Und wenn er Herrn Settembrini nicht den Kummer ersparte, Naphtas

Bosheiten hörenswert zu finden, so mußte er doch zugeben, daß sie

nachgerade alles Maß und häufig genug die Grenze des geistig Gesunden

überschritten.

Dieser Kranke besaß nicht die Kraft oder den guten Willen, sich über die

Krankheit zu erheben, sondern sah die Welt in ihrem Bilde und Zeichen.

Zum Ingrimm Herrn Settembrinis, der den lauschenden Zögling am liebsten

aus dem Zimmer gewiesen oder ihm die Ohren zugehalten hätte, erklärte er

die Materie für ein bei weitem zu schlechtes Material, um den Geist

darin verwirklichen zu können. Dies anzustreben, sei eine Narrheit. Was

komme dabei heraus? Eine Fratze! Das Wirklichkeitsergebnis der

gepriesenen französischen Revolution sei der kapitalistische

Bourgeoisstaat – eine schöne Bescherung! die man in der Weise zu

verbessern hoffe, daß man den Greuel universal mache. Die Weltrepublik,

das werde das Glück sein, sicher! Fortschritt? Ach, es handele sich um

den berühmten Kranken, der beständig die Lage wechsele, weil er sich

Erleichterung davon verspreche. Der uneingestandene, aber heimlich ganz

allgemein verbreitete Wunsch nach Krieg sei davon ein Ausdruck. Er werde

kommen, dieser Krieg, und das sei gut, obgleich er anderes zeitigen

werde, als seine Veranstalter sich davon versprächen. Naphta verachtete

den bürgerlichen Sicherheitsstaat. Er nahm Veranlassung, sich darüber zu

äußern, als man im Herbst auf der Hauptstraße spazieren ging und bei

beginnendem Regen plötzlich und wie auf Kommando alle Welt Regenschirme

über die Köpfe hielt. Das war ihm ein Symbol für die Feigheit und

ordinäre Verweichlichung, die das Ergebnis der Zivilisation seien. Ein

Zwischenfall und Menetekel wie der Untergang des Dampfers „Titanic“

wirke atavistisch, aber wahrhaft erquicklich. Danach großes Geschrei

nach mehr Sicherheit des „Verkehrs“. Überhaupt immer die größte

Empörung, sobald die „Sicherheit“ bedroht scheine. Das sei jämmerlich

und reime sich in seiner humanitären Schlaffheit recht artig auf die

wölfische Krudität und Niedertracht des wirtschaftlichen Schlachtfeldes,

das der Bürgerstaat darstelle. Krieg, Krieg! Er sei einverstanden, und

die allgemeine Lüsternheit danach scheine ihm vergleichsweise ehrenwert.

Sobald aber etwa Herr Settembrini das Wort „Gerechtigkeit“ ins Gespräch

einführte, und dieses hohe Prinzip als vorbeugendes Mittel gegen innen-

und außenpolitische Katastrophen empfahl, da zeigte es sich, daß Naphta,

der kürzlich noch das Geistige für zu gut befunden hatte, als daß seine

irdische Ausprägung je gelingen könne und solle, eben dies Geistige

selbst unter Zweifel zu setzen und zu verunglimpfen bestrebt war.

Gerechtigkeit! War sie ein anbetungswürdiger Begriff? Ein göttlicher?

Ein Begriff ersten Ranges? Gott und Natur waren ungerecht, sie hatten

Lieblinge, sie übten Gnadenwahl, schmückten den einen mit gefährlicher

Auszeichnung und bereiteten dem anderen ein leichtes, gemeines Los. Und

der wollende Mensch? Für ihn war Gerechtigkeit einerseits eine lähmende

Schwäche, war der Zweifel selbst – und auf der anderen Seite eine

Fanfare, die zu unbedenklichen Taten rief. Da also der Mensch, um im

Sittlichen zu bleiben, stets „Gerechtigkeit“ in diesem Sinne durch

„Gerechtigkeit“ in jenem Sinne korrigieren mußte, – wo blieben

Unbedingtheit und Radikalismus des Begriffs? Übrigens war man „gerecht“

gegen den einen Standpunkt _oder_ gegen den anderen. Der Rest war

Liberalismus, und kein Hund war heutzutage mehr damit vom Ofen zu

locken. Gerechtigkeit war selbstverständlich eine leere Worthülse der

Bürgerrhetorik, und um zum Handeln zu kommen, müsse man vor allen Dingen

wissen, welche Gerechtigkeit man meine: diejenige, die jedem das Seine,

oder diejenige, die allen das Gleiche geben wolle.

Wir haben da nur auf gut Glück aus dem Uferlosen ein Beispiel

herausgegriffen dafür, wie er es darauf anlegte, die Vernunft zu stören.

Aber noch schlimmer wurde es, wenn er auf die Wissenschaft zu sprechen

kam, – an die er nicht glaubte. Er glaube nicht an sie, sagte er, denn

es stehe dem Menschen völlig frei, an sie zu glauben oder nicht. Sie sei

ein Glaube, wie jeder andere, nur schlechter und dümmer als jeder

andere, und das Wort „Wissenschaft“ selbst sei der Ausdruck des

stupidesten Realismus, der sich nicht schäme, die mehr als fragwürdigen

Spiegelungen der Objekte im menschlichen Intellekt für bare Münze zu

nehmen oder auszugeben und die geist- und trostloseste Dogmatik daraus

zu bereiten, die der Menschheit je zugemutet worden sei. Ob etwa nicht

der Begriff einer an und für sich existierenden Sinnenwelt der

lächerlichste aller Selbstwidersprüche sei? Aber die moderne

Naturwissenschaft als Dogma lebe einzig und allein von der

metaphysischen Voraussetzung, daß die Erkenntnisformen unserer

Organisation, Raum, Zeit und Kausalität, in denen die Erscheinungswelt

sich abspiele, reale Verhältnisse seien, die unabhängig von unserer

Erkenntnis existierten. Diese monistische Behauptung sei die nackteste

Unverschämtheit, die man dem Geiste je geboten. Raum, Zeit und

Kausalität, das heiße auf monistisch: Entwicklung, – und da habe man das

Zentraldogma der freidenkerisch-atheistischen Afterreligion, womit man

das erste Buch Mosis außer Kraft zu setzen und einer verdummenden Fabel

aufklärendes Wissen entgegenzustellen meine, als ob Haeckel bei der

Entstehung der Erde zugegen gewesen sei. Empirie! Der Weltäther sei wohl

exakt? Das Atom, dieser nette mathematische Scherz des „kleinsten,

unteilbaren Teilchens“ – bewiesen? Die Lehre von der Unendlichkeit des

Raumes und der Zeit fuße sicherlich auf Erfahrung? In der Tat, man

werde, ein wenig Logik vorausgesetzt, zu lustigen Erfahrungen und

Ergebnissen gelangen mit dem Dogma von der Unendlichkeit und Realität

des Raumes und der Zeit: nämlich zum Ergebnis des Nichts. Nämlich zur

Einsicht, daß Realismus der wahre Nihilismus sei. Warum? Aus dem

einfachen Grunde, weil das Verhältnis jeder beliebigen Größe zum

Unendlichen gleich null sei. Es gebe keine Größe im Unendlichen und

weder Dauer noch Veränderung in der Ewigkeit. Im räumlich Unendlichen

könne es, da jede Distanz dort mathematisch gleich null sei, nicht

einmal zwei Punkte nebeneinander, geschweige denn Körper, geschweige

denn gar Bewegung geben. Dies stelle er, Naphta, fest, um der

Dreistigkeit zu begegnen, mit der die materialistische Wissenschaft ihre

astronomischen Flausen, ihr windiges Geschwätz vom „Universum“ für

absolute Erkenntnis ausgäbe. Beklagenswerte Menschheit, die sich durch

ein prahlerisches Aufgebot nichtiger Zahlen ins Gefühl eigener

Nichtigkeit habe drängen, um das Pathos der eigenen Wichtigkeit habe

bringen lassen! Denn es möge noch leidlich heißen, wenn menschliche

Vernunft und Erkenntnis sich im Irdischen hielten und in dieser Sphäre

ihre Erlebnisse mit den Subjektiv-Objekten als real behandle. Greife sie

aber darüber hinaus ins ewige Rätsel, indem sie sogenannte Kosmologie,

Kosmogonie treibe, so höre der Spaß auf, und die Anmaßung komme auf den

Gipfel ihrer Ungeheuerlichkeit. Welch ein lästerlicher Unsinn, im

Grunde, die „Entfernung“ irgendeines Sternes von der Erde nach

Trillionen Kilometern oder auch Lichtjahren zu berechnen und sich

einzubilden, mit solchem Zifferngeflunker verschaffe man dem

Menschengeist Einblick ins Wesen der Unendlichkeit und Ewigkeit, –

während doch Unendlichkeit mit Größe und Ewigkeit mit Dauer und

Zeitdistanzen überhaupt und schlechterdings nichts zu schaffen hätten,

sondern, weit entfernt, naturwissenschaftliche Begriffe zu sein,

vielmehr geradezu die Aufhebung dessen bedeuteten, was wir Natur

nennten! Wahrhaftig, die Einfalt eines Kindes, das glaube, die Sterne

seien Löcher im Himmelszelt, durch welche die ewige Klarheit scheine,

sei ihm vieltausendmal lieber, als das ganze hohle, widersinnige und

anmaßende Geschwätz, das die monistische Wissenschaft vom „Weltall“

verübe!

Settembrini fragte ihn, ob er, seinesteils, in betreff der Sterne jenen

Glauben hege. Worauf er antwortete, er behalte sich jede Demut und

Freiheit der Skepsis vor. Daraus war wieder einmal zu ersehen, was er

unter „Freiheit“ verstand, und wohin ein solcher Begriff davon zu führen

vermochte. Und wenn nur nicht Herr Settembrini Grund gehabt hätte, zu

fürchten, Hans Castorp möchte das alles hörenswert finden!

Naphtas Bosheit lag auf der Lauer nach Gelegenheiten, die Schwächen des

naturbezwingenden Fortschritts zu erspähen, seinen Trägern und Pionieren

menschliche Rückfälle ins Irrationale nachzuweisen. Aviatiker, Flieger,

sagte er, seien meist recht üble und verdächtige Individuen, vor allem

sehr abergläubisch. Sie nähmen Glücksschweine, eine Krähe mit an Bord,

sie spuckten dreimal dahin und dorthin, sie zögen die Handschuhe von

glücklichen Fahrern an. Wie sich so primitive Unvernunft mit der ihrem

Beruf zum Grunde liegenden Weltanschauung reime? – Der Widerspruch, den

er aufzeigte, ergötzte ihn, bereitete ihm Genugtuung; er hielt sich

lange darüber auf ... Aber wir greifen im Unerschöpflichen hin und her

nach Proben von Naphtas Feindseligkeit, während es nur allzu

Gegenständliches zu erzählen gibt.

Eines Nachmittags im Februar vereinigten sich die Herren, nach Monstein

auszufliegen, einem Orte, anderthalb Stunden Schlittenfahrt von der

Stätte ihres Alltags entfernt. Es waren Naphta und Settembrini, Hans

Castorp, Ferge und Wehsal. In zwei einspännigen Schlitten fuhren sie,

Hans Castorp mit dem Humanisten, Naphta mit Ferge und Wehsal, der neben

dem Kutscher saß, um 3 Uhr, gut eingehüllt, vom Domizil der Auswärtigen

ab und nahmen unter Schellengeläut, das so freundlich durch schneestille

Landschaft geht, ihren Weg an der rechten Lehne hin, vorbei an

Frauenkirch und Glaris, gegen Süden. Schneebedeckung rückte rasch aus

dieser Himmelsrichtung vor, so daß bald nur noch hinten über der

Rhätikonkette ein blaßblauer Streifen zu sehen war. Der Frost war stark,

das Gebirge nebelig. Die Straße, die sie führte, schmale, geländerlose

Plattform zwischen Wand und Abgrund, hob sich steil ins Tannenwilde. Es

ging schrittweise. Abfahrende Rodler kamen oft auf sie zu, die bei der

Begegnung absteigen mußten. Hinter Biegungen klang zart und warnend

fremdes Geläute auf, Schlitten, mit zwei Pferden hintereinander

bespannt, gingen vorbei, und das Ausweichen forderte Behutsamkeit. Nahe

dem Ziele tat ein schöner Blick auf eine felsige Partie der Zügenstraße

sich auf. Man stieg aus den Decken vor dem kleinen Gasthaus von

Monstein, das sich „Kurhaus“ nannte, und, die Schlitten zurücklassend,

ging man noch einige Schritte weiter, um gegen Südosten nach dem

„Stulsergrat“ auszuschauen. Die Riesenwand, dreitausend Meter hoch, war

nebelverhüllt. Nur irgendwo ragte eine himmelhohe Zacke, überirdisch,

walhallmäßig fern und heilig unzugänglich aus dem Gedünst hervor. Hans

Castorp bewunderte das sehr und forderte auch die andern auf, es zu tun.

Er war es, der mit Unterwerfungsgefühlen das Wort „unzugänglich“

aussprach und damit Herrn Settembrini Anlaß gab, zu betonen, daß jener

Fels natürlich sehr wohl betreten sei. Überhaupt gäbe es das kaum noch:

Unzugänglichkeit und irgendwelche Natur, auf die der Mensch nicht schon

seinen Fuß gesetzt habe. Eine kleine Übertreibung und Dicktuerei,

erwiderte Naphta. Und er nannte den Mount Everest, der dem Vorwitz des

Menschen bis dato eisige Ablehnung entgegengesetzt habe und in dieser

Reserve dauernd verharren zu wollen scheine. Der Humanist ärgerte sich.

Die Herren kehrten zum „Kurhaus“ zurück, vor dem neben den eigenen ein

paar fremde, ausgespannte Schlitten standen.

Man konnte hier wohnen. Im Obergeschoß gab es Hotelzimmer mit Nummern.

Dort lag auch das Eßzimmer, bäurisch und wohl geheizt. Die Ausflügler

bestellten einen Imbiß bei der dienstwilligen Wirtin: Kaffee, Honig,

Weißbrot und Birnenbrot, die Spezialität des Ortes. Den Kutschern ward

Rotwein geschickt. Schweizerische und holländische Besucher saßen an

anderen Tischen.

Wir hätten Lust zu sagen, daß an demjenigen unserer fünf Freunde die

Erwärmung durch den heißen und sehr löblichen Kaffee ein höheres

Gespräch gezeitigt habe. Doch wären wir ungenau damit, denn dies

Gespräch war eigentlich ein Monolog Naphtas, der es nach wenigen Worten,

die andere beigetragen, allein bestritt, – ein Monolog, geführt auf

recht sonderbare und gesellschaftlich anstößige Art, da der Ex-Jesuit

sich nämlich, liebenswürdig instruierend, ausschließlich an Hans Castorp

damit wandte, Herrn Settembrini, der an seiner anderen Seite saß, den

Rücken zukehrte und auch die beiden anderen Herren völlig unbeachtet

ließ.

Es wäre schwer gewesen, das Thema seiner Improvisation, der Hans Castorp

mit halb und halb zustimmendem Kopfnicken folgte, bei Namen zu nennen.

Einheitlichen Gegenstandes war sie wohl eigentlich nicht, sondern

bewegte sich locker im Geistigen, da und dort anstreifend und im

wesentlichen darauf aus, die Zweideutigkeit der geistigen

Lebenserscheinungen, die irisierende Natur und kämpferische

Unbrauchbarkeit der daraus abgezogenen großen Begriffe auf eine

entmutigende Art nachzuweisen und bemerklich zu machen, in wie

schillerndem Gewande das Absolute auf Erden erscheine.

Allenfalls hätte man seinen Vortrag auf das Problem der Freiheit

festlegen können, das er im Sinne der Verwirrung behandelte. Unter

anderem sprach er von der Romantik und dem faszinierenden Doppelsinn

dieser europäischen Bewegung vom Anfang des 19. Jahrhunderts, vor der

die Begriffe der Reaktion und der Revolution zunichte würden, sofern sie

sich nicht zu einem höheren vereinigten. Denn es sei selbstverständlich

höchst lächerlich, den Begriff des Revolutionären ausschließlich mit dem

Fortschritt und der siegreich anrennenden Aufklärung verbinden zu

wollen. Die europäische Romantik sei vor allem eine Freiheitsbewegung

gewesen: antiklassizistisch, antiakademisch, gerichtet gegen den

altfranzösischen Geschmack, gegen die Alte Schule der Vernunft, deren

Verteidiger sie als gepuderte Perückenköpfe verhöhnt habe.

Und Naphta fiel auf die Freiheitskriege, auf Fichte’sche Begeisterungen,

auf jene rausch- und gesangvolle völkische Erhebung gegen eine

unerträgliche Tyrannei, – als welche nur leider, he, he, die Freiheit,

das heiße: die Ideen der Revolution verkörpert habe. Sehr lustig: Laut

singend habe man ausgeholt, um die revolutionäre Tyrannei zugunsten der

reaktionären Fürstenfuchtel zu zerschlagen, und das habe man für die

Freiheit getan.

Der jugendliche Zuhörer werde da des Unterschiedes oder auch Gegensatzes

von äußerer und innerer Freiheit gewahr – und zugleich der kitzlichen

Frage, welche Unfreiheit mit der Ehre einer Nation am ehesten, he, he,

am wenigsten verträglich sei.

Freiheit sei wohl eigentlich mehr noch ein romantischer, als ein

aufklärerischer Begriff, denn mit der Romantik habe er die unentwirrbare

Verschränkung menschheitlicher Ausdehnungstriebe und leidenschaftlich

verengernder Ichbetonung gemeinsam. Individualistischer Freiheitstrieb

habe den historisch-romantischen Kultus der Nationalen gezeitigt, der

kriegerisch sei, und den der humanitäre Liberalismus finster nenne,

wiewohl dieser doch ebenfalls den Individualismus lehre, nur eben ein

wenig anders herum. Der Individualismus sei romantisch-mittelalterlich

in seiner Überzeugung von der unendlichen, der kosmischen Wichtigkeit

des Einzelwesens, woraus die Lehre von der Unsterblichkeit der Seele,

die geozentrische Lehre und die Astrologie sich ergäben. Andererseits

sei Individualismus eine Angelegenheit des liberalisierenden Humanismus,

welcher zur Anarchie neige und jedenfalls das liebe Individuum davor

schützen wolle, der Allgemeinheit geopfert zu werden. Das sei

Individualismus, eins und auch wieder das andere, ein Wort für manches.

Aber das müsse man einräumen, daß Freiheitspathos die glänzendsten

Freiheitsfeinde, die geistreichsten Ritter des Vergangenen im Kampf mit

dem andachtslos zersetzenden Fortschritt erzeugt habe. Und Naphta nannte

Arndt, der den Industrialismus verflucht und den Adelsstand

verherrlicht, nannte Görres, der die Christliche Mystik verfaßt habe.

Und ob denn Mystik etwa nichts mit Freiheit zu tun habe? Ob sie etwa

nicht anti-scholastisch, anti-dogmatisch, anti-priesterlich gewesen sei?

Man sei freilich gezwungen, in der Hierarchie eine Freiheitsmacht zu

erblicken, denn sie habe der schrankenlosen Monarchie einen Damm

entgegengesetzt. Die Mystik des ausgehenden Mittelalters aber habe ihr

freiheitliches Wesen als Vorläuferin der Reformation bewährt, – der

Reformation, he, he, die ihrerseits ein unauflösliches Filzwerk von

Freiheit und mittelalterlichem Rückschlag gewesen sei ...

Luthers Tat ... Ei ja, sie habe den Vorzug, mit derbster Anschaulichkeit

das fragwürdige Wesen der Tat selbst, der Tat überhaupt zu

demonstrieren. Ob Naphtas Zuhörer wisse, was eine Tat sei? Eine Tat sei

beispielsweise die Ermordung des Staatsrats Kotzebue durch den

Burschenschaftler Sand gewesen. Was habe dem jungen Sand,

kriminalistisch zu reden, „die Waffe in die Hand gedrückt“?

Freiheitsbegeisterung, selbstverständlich. Sehe man jedoch näher hin, so

sei es eigentlich nicht diese, es seien vielmehr Moralfanatismus und der

Haß auf unvölkische Frivolität gewesen. Allerdings nun wieder habe

Kotzebue in russischen Diensten, im Dienste der Heiligen Allianz also,

gestanden; und so habe Sand denn doch wohl für die Freiheit geschossen,

– was freilich aufs neue der Unwahrscheinlichkeit verfalle kraft des

Umstandes, daß sich unter seinen nächsten Freunden Jesuiten befunden

hätten. Kurzum, was immer die Tat auch sein möge, auf jeden Fall sei sie

ein schlechtes Mittel, sich deutlich zu machen, und zur Bereinigung

geistiger Probleme trage sie auch nur wenig bei.

„Darf ich mir die Erkundigung erlauben, ob Sie mit Ihren

_Schlüpfrigkeiten_ bald zu Rande zu kommen gedenken?“

Herr Settembrini hatte es gefragt und zwar mit Schärfe. Er hatte

gesessen, mit den Fingern auf dem Tisch getrommelt und den Schnurrbart

gedreht. Jetzt war es genug. Seine Geduld war zu Ende. Aufrecht saß er,

mehr als aufrecht: – sehr bleich, hatte er sich sozusagen im Sitzen auf

die Zehen gestellt, so daß nur noch seine Schenkel den Stuhlsitz

berührten, und so begegnete er blitzenden schwarzen Auges dem Feinde,

der sich mit geheucheltem Erstaunen nach ihm umgewandt hatte.

„_Wie_ beliebten Sie sich auszudrücken?“ lautete Naphtas Gegenfrage ...

„Ich beliebte“, sagte der Italiener und schluckte hinunter, „– ich

beliebe mich dahin auszudrücken, daß ich entschlossen bin, Sie daran zu

hindern, eine ungeschützte Jugend noch länger mit Ihren Zweideutigkeiten

zu behelligen!“

„Mein Herr, ich fordere Sie auf, nach Ihren Worten zu sehen!“

„Einer solchen Aufforderung, mein Herr, bedarf es nicht. Ich bin

gewohnt, nach meinen Worten zu sehen, und mein Wort wird präzis den

Tatsachen gerecht, wenn ich ausspreche, daß Ihre Art, die ohnehin

schwanke Jugend geistig zu verstören, zu verführen und sittlich zu

entkräften, eine _Infamie_ und mit Worten nicht streng genug zu

züchtigen ist ...“

Bei dem Wort „Infamie“ schlug Settembrini mit der flachen Hand auf den

Tisch und stand, seinen Stuhl zurückschiebend, nun vollends auf, – das

Zeichen für alle übrigen, ein Gleiches zu tun. Von anderen Tischen

blickte man aufhorchend herüber, – von einem eigentlich nur, die

Schweizer Gäste waren schon aufgebrochen, und nur die Holländer

lauschten mit verdutzten Mienen auf den ausbrechenden Wortwechsel.

Sie standen also alle steif aufrecht an unserem Tisch: Hans Castorp und

die beiden Gegner und ihnen gegenüber Ferge und Wehsal. Alle fünf waren

sie blaß, mit erweiterten Augen und zuckenden Mündern. Hätten nicht die

drei Unbeteiligten den Versuch machen können, beschwichtigend

einzuwirken, mit einem Scherzwort die Spannung zu lösen, durch irgendein

menschliches Zureden alles zum Guten zu wenden? Sie unternahmen ihn

nicht, diesen Versuch. Die inneren Umstände hinderten sie daran. Sie

standen und bebten, und unwillkürlich ballten ihre Hände sich zu

Fäusten. Selbst A. K. Ferge, dem alles Höhere erklärtermaßen völlig fern

lag und der von vornherein gänzlich darauf verzichtete, die Tragweite

des Streites zu ermessen, – auch er war überzeugt, daß es hier auf

Biegen und Brechen gehe, und daß man, selbst mit hingerissen, nichts tun

könne, als den Dingen ihren Lauf zu lassen. Sein gutmütiger

Schnurrbartbausch wanderte heftig auf und nieder.

Es war still, und so hörte man Naphta mit den Zähnen knirschen. Das war

für Hans Castorp eine ähnliche Erfahrung, wie die mit Wiedemanns

gesträubtem Haar: Er hatte gedacht, es sei nur eine Redensart und komme

in Wirklichkeit nicht vor. Nun aber knirschte Naphta tatsächlich in der

Stille, ein furchtbar unangenehmes, wildes und abenteuerliches Geräusch,

das sich aber immerhin als Zeichen einer gewissen fürchterlichen

Beherrschung erwies, denn er schrie nicht, sondern sagte leise und nur

mit einer Art von keuchendem Halblachen:

„Infamie? Züchtigen? Werden die Tugendesel stößig? Haben wir die

pädagogische Schutzmannschaft der Zivilisation so weit, daß sie blank

zieht? Das nenne ich einen Erfolg, für den Anfang, – leicht erzielt, wie

ich mit Geringschätzung hinzufüge, denn eine wie gelinde Neckerei hat

hingereicht, den wachhabenden Tugendsinn in Harnisch zu jagen! Das

Weitere wird sich finden, mein Herr. Auch die ‚Züchtigung‘, auch diese.

Ich hoffe, daß Ihre zivilen Grundsätze Sie nicht hindern, zu wissen, was

Sie mir schuldig sind, sonst wäre ich gezwungen, diese Grundsätze durch

Mittel auf die Probe zu stellen, die –“

Eine steile Bewegung Herrn Settembrinis ließ ihn fortfahren:

„Ah, ich sehe, das wird nicht nötig sein. Ich bin Ihnen im Wege, Sie

sind es mir, – gut denn, wir werden den Austrag dieser kleinen Differenz

an den gehörigen Ort verlegen. Für den Augenblick nur eines. Ihre

frömmelnde Angst um den scholastischen Begriffsstaat der

Jakobiner-Revolution sieht in meiner Art, die Jugend zweifeln zu lassen,

die Kategorien über den Haufen zu werfen und die Ideen ihrer

akademischen Tugendwürde zu berauben, ein pädagogisches Verbrechen.

Diese Angst ist nur allzu berechtigt, denn es ist geschehen um Ihre

Humanität, seien Sie dessen versichert, – geschehen und getan. Sie ist

schon heute nur noch ein Zopf, eine klassizistische Abgeschmacktheit,

ein geistiges _Ennui_, das Gähnkrampf erzeugt, und mit dem aufzuräumen

die neue, _unsere_ Revolution, mein Herr, sich anschickt. Wenn wir als

Erzieher den Zweifel stiften, tiefer, als euere modeste Aufgeklärtheit

sich je hat träumen lassen, so wissen wir wohl, was wir tun. Nur aus der

radikalen Skepsis, dem moralischen Chaos geht das Unbedingte hervor, der

heilige Terror, dessen die Zeit bedarf. Dies zu meiner Rechtfertigung

und Ihrer Belehrung. Das Weitere steht auf einem anderen Blatt. Sie

werden von mir hören.“

„Sie werden Gehör finden, mein Herr!“ rief Settembrini ihm nach, der den

Tisch verließ und zum Kleiderständer eilte, um sich seines Pelzwerks zu

bemächtigen. Dann ließ der Freimaurer sich hart auf seinen Stuhl

zurücksinken und preßte sein Herz mit den Händen.

„_Distruttore! Cane arrabbiato! Bisogna ammazzarlo!_“ stieß er kurzen

Atems hervor.

Die anderen standen noch immer am Tisch. Ferges Schnurrbart fuhr fort

auf und ab zu wandern. Wehsal hatte den Unterkiefer schief gestellt.

Hans Castorp ahmte die Kinnstütze seines Großvaters nach, denn ihm

zitterte das Genick. Alle bedachten, wie wenig man sich bei der Ausfahrt

solcher Dinge versehen habe. Alle, Herrn Settembrini nicht ausgenommen,

bedachten gleichzeitig, welch ein Glück es sei, daß man in zwei

Schlitten und nicht in einem gemeinsamen gekommen war. Dies erleichterte

vorderhand einmal die Heimkehr. Aber was dann?

„Er hat Sie gefordert“, sagte Hans Castorp beklommen.

„Allerdings“, antwortete Settembrini und warf zu dem neben ihm Stehenden

einen Blick empor, um sich gleich danach von ihm abzuwenden und den Kopf

in die Hand zu stützen.

„Sie nehmen an?“ wollte Wehsal hören ...

„Sie fragen?“ antwortete Settembrini und betrachtete auch ihn einen

Augenblick ... „Meine Herren“, fuhr er fort und erhob sich vollkommen

gefaßt, „ich beklage den Ausgang unseres Vergnügens, allein mit solchen

Zwischenfällen muß jeder Mann im Leben rechnen. Ich mißbillige

theoretisch das Duell, ich denke gesetzlich. Mit der Praxis jedoch ist

es eine andere Sache; und es gibt Lagen, wo, – Gegensätze, die – kurzum,

ich stehe diesem Herrn zur Verfügung. Es ist gut, daß ich in meiner

Jugend ein wenig gefochten habe. Ein paar Stunden Übung werden mir das

Handgelenk wieder geläufig machen. Gehen wir! Das Nähere wird zu

verabreden sein. Ich vermute, daß jener Herr bereits anzuspannen

befohlen hat.“

Hans Castorp hatte Augenblicke, während der Heimfahrt und nachher, wo

ihm vor der Ungeheuerlichkeit des Bevorstehenden schwindelte,

namentlich, als sich herausstellte, daß Naphta von Hieb und Stich nichts

wissen wollte, sondern auf einem Pistolenduell bestand, – und daß

tatsächlich er die Waffe zu wählen hatte, da er nach ehrenrechtlichen

Begriffen der Beleidigte war. Augenblicke, sagen wir, kamen dem jungen

Mann, wo er seinen Geist aus der allgemeinen Verstrickung und Benebelung

durch die inneren Umstände bis zu einem gewissen Grade befreien konnte

und sich vorhielt, daß dies ja Wahnsinn sei, und daß man es verhindern

müsse.

„Wenn eine wirkliche Beleidigung vorläge!“ rief er im Gespräch mit

Settembrini, Ferge und Wehsal, den Naphta schon auf der Rückfahrt als

Kartellträger gewonnen hatte, und der den Verkehr zwischen den Parteien

vermittelte. „Eine Beschimpfung bürgerlicher, gesellschaftlicher Art!

Wenn einer des anderen ehrlichen Namen in den Schmutz gezogen hätte,

wenn es sich um eine Frau handelte, um irgendein solches handgreifliches

Lebensverhängnis, bei dem man keine Möglichkeit des Ausgleichs sieht!

Gut, für solche Fälle ist das Duell als letzter Ausweg da, und wenn dann

der Ehre Genüge geschehen und die Sache glimpflich abgegangen ist, und

es heißt: Die Gegner schieden versöhnt, so kann man sogar finden, daß es

eine gute Einrichtung ist, heilsam und praktikabel in gewissen

Verwicklungsfällen. Aber was hat er getan? Ich will ihn nicht etwa in

Schutz nehmen, ich frage nur, was er zu Ihrer Beleidigung getan hat. Er

hat die Kategorien über den Haufen geworfen. Er hat, wie er sich

ausdrückt, den Begriffen ihre akademische Würde geraubt. Dadurch haben

Sie sich beleidigt gefühlt, – mit Recht, wollen wir mal unterstellen –“

„Unterstellen?“ wiederholte Herr Settembrini und sah ihn an ...

„Mit Recht, mit Recht! Er hat Sie beleidigt damit. Aber er hat Sie nicht

beschimpft! Das ist ein Unterschied, erlauben Sie mal! Es handelt sich

um abstrakte Dinge, um geistige. Mit geistigen Dingen kann man

beleidigen, aber man kann nicht damit beschimpfen. Das ist eine Maxime,

die jedes Ehrengericht annehmen würde, ich kann es Ihnen bei Gott

versichern. Und darum ist auch das, was Sie ihm von ‚Infamie‘ und

‚strenger Züchtigung‘ geantwortet haben, keine Beschimpfung, denn auch

das war geistig gemeint, es hält sich alles im geistigen Bezirke und hat

mit dem persönlichen überhaupt nichts zu tun, worin es einzig so etwas

wie Beschimpfung gibt. Das Geistige kann niemals persönlich sein, das

ist die Vervollständigung und die Erläuterung der Maxime, und deshalb –“

„Sie irren, mein Freund“, versetzte Herr Settembrini mit geschlossenen

Augen. „Sie irren erstens in der Annahme, daß Geistiges nicht

persönlichen Charakter gewinnen könne. Sie sollten das nicht meinen“,

sagte er und lächelte eigentümlich fein und schmerzlich. „Sie gehen

jedoch vor allem fehl in Ihrer Einschätzung des Geistigen überhaupt, das

Sie offenbar für zu schwach halten, um Konflikte und Leidenschaften zu

zeitigen von der Härte derjenigen, die das reale Leben mit sich bringt,

und die keinen anderen Ausweg lassen, als den des Waffenganges. _All’

incontro!_ Das Abstrakte, das Gereinigte, das Ideelle ist zugleich auch

das Absolute, es ist damit das eigentlich Strenge, und es birgt viel

tiefere und radikalere Möglichkeiten des Hasses, der unbedingten und

unversöhnlichen Gegnerschaft, als das soziale Leben. Wundern Sie sich,

daß es sogar direkter und unerbittlicher, als dieses, zur Situation des

Du oder Ich, zur eigentlich radikalen Situation, zu der des Duells, des

körperlichen Kampfes führt? Das Duell, mein Freund, ist keine

‚Einrichtung‘ wie eine andere. Es ist das Letzte, die Rückkehr zum

Urstande der Natur, nur leicht gemildert durch eine gewisse Regelung

ritterlicher Art, die sehr oberflächlich ist. Das Wesentliche der Lage

bleibt das schlechthin Ursprüngliche, der körperliche Kampf, und es ist

Sache jedes Mannes, sich in aller Entfernung vom Natürlichen dieser Lage

gewachsen zu halten. Er kann täglich in sie geraten. Wer für das Ideelle

nicht mit seiner Person, seinem Arm, seinem Blute einzutreten vermag,

der ist seiner nicht wert, und es kommt darauf an, in aller

Vergeistigung ein Mann zu bleiben.“

Da hatte Hans Castorp seine Zurechtweisung. Was gab es darauf zu

erwidern? Er schwieg in bedrücktem Grübeln. Herrn Settembrinis Worte

taten gefaßt und logisch, und dennoch klangen sie fremd und unnatürlich

aus ihm hervor. Seine Gedanken waren nicht seine Gedanken, – wie er ja

auch auf den des Zweikampfes gar nicht von selbst verfallen war, sondern

ihn nur von dem terroristischen kleinen Naphta übernommen hatte –; sie

waren Ausdruck der Umfangenheit durch die allgemeinen inneren Umstände,

deren Knecht und Werkzeug Herrn Settembrinis schöner Verstand geworden

war. Wie, das Geistige, weil es streng war, sollte unerbittlich zum

Tierischen, zum Austrag durch den körperlichen Kampf führen? Hans

Castorp lehnte sich auf dagegen, oder er versuchte doch, es zu tun, – um

zu seinem Schrecken zu finden, daß er es auch nicht konnte. Sie waren

stark auch in ihm, die inneren Umstände, er war nicht der Mann, er auch

nicht, sich ihnen zu entwinden. Furchtbar und letztgültig wehte es ihn

an aus jener Erinnerungsgegend, wo Wiedemann und Sonnenschein sich in

ratlos tierischem Kampfe wälzten, und er begriff mit Grauen, daß am Ende

aller Dinge nur das Körperliche blieb, die Nägel, die Zähne. Ja, ja, man

mußte sich wohl schlagen, denn so war wenigstens jene Milderung des

Urstandes durch ritterliche Regelung zu retten ... Hans Castorp bot sich

Herrn Settembrini als Sekundanten an.

Das wurde abgelehnt. Nein, es passe nicht, es wolle sich nicht schicken,

wurde ihm geantwortet, – zuerst von Herrn Settembrini mit einem Lächeln,

das fein und schmerzlich war, dann auch, nach kurzer Überlegung, von

Ferge und Wehsal, die ebenfalls ohne besondere Begründung fanden, es

gehe nicht an, daß Hans Castorp sich an der Mensur in dieser Eigenschaft

beteilige. Als Unparteiischer etwa – denn auch die Anwesenheit eines

solchen gehörte ja zu den vorgeschriebenen ritterlichen Milderungen des

Tierischen – möge er auf dem Kampfplatz zugegen sein. Selbst Naphta ließ

sich durch den Mund seines Ehrengeschäftsträgers Wehsal in diesem Sinne

vernehmen, und Hans Castorp war es zufrieden. Zeuge oder Unparteiischer,

auf jeden Fall gewann er die Möglichkeit, Einfluß auf die Festsetzung

der Modalitäten zu nehmen, was sich als bitter nötig erwies.

Denn Naphta war ja außer Rand und Band mit seinen Vorschlägen. Er

verlangte fünf Schritt Distanz und dreimaligen Kugelwechsel, falls es

nötig sein sollte. Diesen Wahnsinn ließ er noch am Abend des

Zerwürfnisses durch Wehsal überbringen, der sich völlig zum Mundstück

und Vertreter seiner wilden Interessen gemacht hatte und teils im

Auftrage, teils gewiß auch nach eigenem Geschmack mit größter Zähigkeit

auf solchen Bedingungen bestand. Natürlich fand Settembrini nichts daran

auszusetzen, aber Ferge, als Sekundant, und der unparteiische Hans

Castorp waren außer sich, und dieser wurde sogar grob mit dem elenden

Wehsal. Ob er sich nicht schäme, fragte er, solche wüsten

Unannehmlichkeiten auszukramen, wo es sich um ein rein abstraktes Duell

handle, dem gar keine Realinjurie zugrunde liege! Pistolen seien schon

kraß genug, aber nun diese mörderischen Einzelheiten. Da höre die

Ritterlichkeit auf, und ob man sich nicht gleich übers Schnupftuch

schießen wolle! Er, Wehsal, solle ja nicht auf sich feuern lassen auf

solche Entfernung, darum gehe ihm der Blutdurst wohl so leicht von den

Lippen – und so fort. Wehsal zuckte die Achseln, wortlos andeutend, daß

eben die radikale Situation vorliege, wodurch er denn die Gegenseite,

die dies zu vergessen geneigt war, gewissermaßen entwaffnete. Immerhin

gelang es dieser beim Hin und Her des folgenden Tages, vor allem den

dreimaligen Kugelwechsel auf einen zurückzuführen, dann aber die

Distanzfrage so zu regeln, daß die Kombattanten sich auf fünfzehn

Schritte gegenüberstehen und das Recht haben sollten, fünf Schritte

vorzugehen, bevor sie schössen. Aber auch dies wurde nur erreicht gegen

die Zusicherung, daß keine Versöhnungsversuche gemacht werden sollten.

Übrigens hatte man keine Pistolen.

Herr Albin hatte welche. Außer dem blanken kleinen Revolver, mit dem er

die Damen zu ängstigen liebte, besaß er noch ein Zwillingspaar in den

Samt eines gemeinsamen Etuis gebetteter Offizierspistolen, die aus

Belgien stammten: automatische Brownings mit Griffen aus braunem Holz,

in denen sich die Magazine befanden, bläulich stählerner

Geschützmaschinerie und blank gedrehten Rohren, auf deren Mündungen

knapp und fein die Visiere saßen. Hans Castorp hatte sie irgendwann

einmal bei dem Windbeutel gesehen und erbot sich gegen seine

Überzeugung, aus reiner Umfangenheit, sie von ihm auszuleihen. So tat

er, indem er aus dem Zwecke sachlich kein Hehl machte, ihn aber in

persönliches Ehrengeheimnis hüllte und mit leichtem Erfolge sich an den

Kavalierssinn des Windbeutels wandte. Herr Albin unterwies ihn sogar im

Laden und gab mit ihm im Freien blinde Probeschüsse aus beiden Gewehren

ab.

Das alles kostete Zeit, und so kam es, daß bis zum Stelldichein zwei

Tage und drei Nächte vergingen. Der Treffpunkt war von Hans Castorps

Erfindung: Es war der malerische, im Sommer blau blühende Ort seiner

Regierungs-Zurückgezogenheit, den er in Vorschlag gebracht hatte. Hier

sollte am dritten Morgen nach dem Streit, sobald es nur hell genug war,

der Handel seine Erledigung finden. Erst am Vorabend, ziemlich spät,

verfiel Hans Castorp, der sehr aufgeregt war, auf den Gedanken, daß es

ja nötig sei, einen Arzt mit auf den Kampfplatz zu nehmen.

Er beriet sofort mit Ferge den Punkt, der sich als sehr schwierig

erwies. Radamanth war zwar Korpsstudent gewesen, aber unmöglich konnte

man den Chef der Anstalt um Unterstützung einer solchen Ungesetzlichkeit

angehen, zumal es sich um Patienten handelte. Überhaupt bestand kaum

Hoffnung, daß man hier einen Arzt werde ausfindig machen, der bereit

sein würde, zu einem Pistolenduell zwischen zwei Schwerkranken die Hand

zu bieten. Krokowski angehend, so war nicht einmal sicher, ob dieser

spirituelle Kopf überhaupt sehr fest in der Wundbehandlung sei.

Wehsal, der zugezogen wurde, teilte mit, Naphta habe sich schon

geäußert, nämlich dahin, er wolle keinen Arzt. Er gehe an jenen Ort

nicht, um sich salben und wickeln zu lassen, sondern um sich zu schlagen

und zwar sehr ernsthaft. Was nachher komme, sei ihm gleichgültig und

werde sich finden. Das schien eine finstere Kundgebung, die aber Hans

Castorp so zu deuten sich bemühte, als sei Naphta der stillen Meinung,

ein Arzt werde nicht nötig sein. Hatte nicht auch Settembrini durch den

zu ihm entsandten Ferge sagen lassen, man solle die Frage absetzen, sie

interessiere ihn nicht? Es war nicht ganz unvernünftig, zu hoffen, die

Gegner möchten im Grunde einig sein in dem Vorsatz, es zu keinem

Blutvergießen kommen zu lassen. Man hatte zweimal geschlafen seit jenem

Wortwechsel und würde es ein drittes Mal tun. Das kühlt, das klärt, dem

Zuge der Stunden hält eine bestimmte Gemütsverfassung nicht ungewandelt

stand. Morgen früh, das Schießzeug in der Hand, würde keiner der

Streitbaren noch der Mann sein, der er am Abend des Zwistes gewesen.

Höchstens mechanisch noch und ehrenzwangsweise, nicht nach gegenwärtigem

freien Willen würden sie handeln, wie sie damals aus Lust und

Überzeugung gehandelt hätten; und eine solche Verleugnung ihres

aktuellen Selbst zugunsten dessen, was sie einmal gewesen, mußte sich

irgendwie ja verhüten lassen!

Hans Castorp hatte nicht unrecht mit seiner Überlegung, – nicht unrecht

nur leider auf eine Art, von der er sich nichts träumen lassen konnte.

Er hatte sogar vollkommen recht damit, soweit Herr Settembrini in Frage

kam. Hätte er aber geahnt, in welchem Sinn Leo Naphta bis zum

entscheidenden Augenblick seine Vorsätze würde geändert haben oder in

eben diesem Augenblick ändern würde, so hätten selbst die inneren

Umstände, aus denen dies alles hervorging, ihn nicht vermocht, das

Bevorstehende zuzulassen.

Um 7 Uhr war die Sonne weit entfernt, hinter ihrem Berge hervorzukommen,

aber es tagte mühsam qualmend, als Hans Castorp nach unruhig verbrachter

Nacht Haus Berghof verließ, um sich zum Rendezvous zu begeben.

Dienstmägde, die die Halle putzten, sahen verwundert von der Arbeit nach

ihm auf. Er fand jedoch das Haupttor nicht mehr verschlossen: Ferge und

Wehsal, einzeln oder zu zweien, hatten es gewiß schon passiert, der

eine, um Settembrini, der andere, um Naphta zum Kampfplatze abzuholen.

Er, Hans, ging allein, da seine Eigenschaft als Unparteiischer ihm nicht

gestattete, sich einer der beiden Parteien anzuschließen.

Er ging mechanisch und ehrenzwangsweise unter dem Druck der Umstände.

Daß er dem Treffen beiwohnte, war selbstverständliche Notwendigkeit.

Unmöglich, sich davon auszuschließen und das Ergebnis im Bette zu

erwarten, erstens, weil – aber das Erstens führte er nicht aus, sondern

fügte gleich das Zweitens hinzu, daß man die Dinge überhaupt nicht sich

selbst überlassen dürfe. Noch war nichts Schlimmes geschehen, gottlob,

und es brauchte nichts Schlimmes zu geschehen, es war sogar

unwahrscheinlich. Man hatte bei künstlichem Licht aufstehen müssen und

mußte nun ungefrühstückt, in bitterer Frostfrühe im Freien

zusammenkommen, so war es einmal verabredet. Aber dann würde, unter der

Einwirkung von seiner, Hans Castorps, Gegenwart sich zweifellos

irgendwie alles zum Guten und Heiteren wenden, – auf eine Weise, die

nicht vorauszusehen war, und die erraten zu wollen, man besser

unterließ, da die Erfahrung lehrte, daß selbst der bescheidenste Vorgang

anders verlief, als man vorwegnehmend ihn sich auszumalen versucht

hatte.

Dennoch war es der unangenehmste Morgen seiner Erinnerung. Flau und

übernächtig, neigte Hans Castorp zu nervösem Zähneklappern und war

schon in geringer Tiefe seines Wesens sehr versucht, seinen

Selbstbeschwichtigungen zu mißtrauen. Es waren so ganz besondere Zeiten

... Die zankzerstörte Dame aus Minsk, der tobende Schüler, Wiedemann und

Sonnenschein, der polnische Ohrfeigenhandel gingen ihm wüst durch den

Sinn. Er konnte sich nicht vorstellen, daß vor seinen Augen, wenn er

zugegen war, zwei aufeinander schießen, sich blutig zurichten würden.

Aber wenn er bedachte, was mit Wiedemann und Sonnenschein vor diesen

seinen Augen zur Tatsache geworden war, so mißtraute er sich und seiner

Welt und fröstelte in seiner Pelzjacke, – während übrigens immerhin und

bei alldem ein Gefühl von der Außerordentlichkeit und Pathetik der Lage,

zusammen mit den stärkenden Elementen der Frühluft ihn erhob und

belebte.

Unter so gemischten und wechselnden Empfindungen und Gedanken stieg er

im Halbhellen, langsam sich Erhellenden in „Dorf“ von der Mündung der

Bobbahn auf schmalstem Pfade die Lehne hinan, erreichte den tief

verschneiten Wald, überschritt die Holzbrücken, unter denen die Bahn

hinablief, und stapfte auf einem Wege, der mehr ein Erzeugnis von

Fußspuren, als der Schaufel war, zwischen den Stämmen weiter. Da er

hastig ging, überholte er sehr bald Settembrini und Ferge, welcher mit

einer Hand den Pistolenkasten unter seinem Radmantel festhielt. Hans

Castorp nahm keinen Anstand, sich zu ihnen zu gesellen, und kaum war er

an ihrer Seite, so erblickte er auch schon Naphta und Wehsal, die

geringen Vorsprung hatten.

„Kalter Morgen, mindestens achtzehn Grad,“ sagte er in guter Absicht,

erschrak aber selbst über die Frivolität seiner Worte und fügte hinzu:

„Meine Herren, ich bin überzeugt ...“

Die anderen schwiegen. Ferge ließ seinen gutmütigen Schnurrbart auf und

nieder wandern. Nach einer Weile blieb Settembrini stehen, nahm Hans

Castorps Hand, legte auch noch seine andere darauf und sprach:

„Mein Freund, ich werde nicht töten. Ich werde es nicht. Ich werde mich

seiner Kugel darstellen, das ist alles, was mir die Ehre gebieten kann.

Aber ich werde nicht töten, verlassen Sie sich darauf!“

Er ließ los und ging weiter. Hans Castorp war tief ergriffen, sagte

jedoch nach einigen Schritten:

„Das ist wunderbar schön von Ihnen, Herr Settembrini, nur, andererseits

... Wenn er für sein Teil ...“

Herr Settembrini schüttelte nur den Kopf. Und da Hans Castorp überlegte,

daß, wenn einer nicht schösse, auch der andere sich dessen unmöglich

würde unterwinden können, so fand er, daß alles sich glücklich anlasse

und daß seine Annahmen sich zu bestätigen begönnen. Es wurde ihm

leichter ums Herz.

Sie überschritten den Steg, der über die Schlucht führte, worin im

Sommer der jetzt in Starre verstummte Wasserfall niederging, und der so

sehr zu dem malerischen Charakter des Ortes beitrug. Naphta und Wehsal

gingen im Schnee vor der mit dicken weißen Kissen gepolsterten Bank auf

und ab, auf der Hans Castorp einst, unter ungewöhnlich lebendigen

Erinnerungen, das Ende seines Nasenblutens hatte erwarten müssen. Naphta

rauchte eine Zigarette, und Hans Castorp prüfte sich, ob er ebenfalls

Lust hätte, das zu tun, fand aber nicht die geringste Neigung dazu in

sich vor und schloß, daß es also bei jenem erst recht auf Affektation

beruhen müsse. Mit dem Wohlgefallen, das er hier stets empfand, sah er

sich in der kühnen Intimität seiner Stätte um, die unter diesen eisigen

Umständen nicht weniger schön war, als zu Zeiten ihrer blauen Blüte.

Stamm und Gezweig der schräg ins Bild ragenden Fichte waren mit Schnee

beschwert.

„Guten Morgen!“ wünschte er mit heiterer Stimme, in dem Wunsch, einen

natürlichen Ton sofort in die Versammlung einzuführen, der Böses

zerstreuen helfen sollte, – hatte aber kein Glück damit, denn niemand

antwortete ihm. Die gewechselten Grüße bestanden in stummen

Verbeugungen, die bis zur Unsichtbarkeit steif waren. Dennoch blieb er

entschlossen, seine Ankunftsbewegung, den herzlichen Hochgang seines

Atems, die Wärme, die der rasche Gang durch den Wintermorgen ihm

mitgeteilt, ohne Säumen zum guten Zweck zu verwenden und fing an:

„Meine Herren, ich bin überzeugt ...“

„Sie werden Ihre Überzeugungen ein andermal entwickeln,“ schnitt Naphta

ihm kalt das Wort ab. „Die Waffen, wenn ich bitten darf,“ fügte er mit

demselben Hochmut hinzu. Und Hans Castorp, auf den Mund geschlagen,

mußte zusehen, wie Ferge das fatale Etui unter seinem Mantel

hervorholte, und wie Wehsal, der zu ihm getreten war, eine der Pistolen

von ihm empfing, um sie an Naphta weiterzugeben. Settembrini nahm aus

Ferges Hand die andere. Dann mußte man Raum geben, Ferge ersuchte

murmelnd darum und fing an, die Distanzen auszugehen und sichtbar zu

machen: die äußere Begrenzung, indem er mit dem Absatz kurze Linien in

den Schnee grub, die inneren Barrieren mit zwei Spazierstöcken, seinem

eigenen und dem Settembrinis.

Der gutmütige Dulder, womit befaßte er sich da? Hans Castorp traute

seinen Augen nicht. Ferge war langbeinig und griff gehörig aus, so daß

wenigstens die fünfzehn Schritte eine stattliche Entfernung ergaben,

wenn da auch noch die verdammten Barrieren waren, die wirklich nicht

weit voneinander lagen. Gewiß, er meinte es redlich. Doch immerhin, im

Zwange welcher Umnebelung handelte er, indem er Vorkehrungen so

ungeheuerlichen Sinnes traf?

Naphta, der seinen Pelzmantel in den Schnee geworfen hatte, so daß man

das Nerzfutter sah, trat, die Pistole in der Hand, auf einen der äußeren

Absatzstriche, sobald er nur gezogen war und während Ferge an weiteren

Markierungen noch arbeitete. Als er fertig war, bezog auch Settembrini,

die schadhafte Pelzjacke offen, seine Stellung. Hans Castorp riß sich

aus einer Lähmung und trat hastig noch einmal vor.

„Meine Herren,“ sagte er bedrängt, „keine Übereilungen! Es ist trotz

allem meine Pflicht ...“

„Schweigen Sie!“ rief Naphta schneidend. „Ich wünsche das Zeichen.“

Aber niemand gab ein Zeichen. Das war nicht gut verabredet. Es sollte

wohl „Los!“ ausgesprochen werden, allein daß es Sache des Unparteiischen

sein werde, die furchtbare Aufforderung ergehen zu lassen, war nicht

bedacht und jedenfalls nicht erwähnt worden. Hans Castorp blieb stumm

und niemand sprang für ihn ein.

„Wir beginnen!“ erklärte Naphta. „Gehen Sie vor, mein Herr, und schießen

Sie!“ rief er zu seinem Gegner hinüber und begann selbst vorzugehen, die

Pistole mit gestrecktem Arm auf Settembrini, in Brusthöhe, gerichtet, –

ein unglaubwürdiger Anblick. Auch Settembrini tat so. Beim dritten

Schritt – der andere war, ohne zu feuern, schon bis zur Barriere gelangt

– hob er die Pistole sehr hoch und drückte ab. Der scharfe Schuß weckte

vielfaches Echo. Die Berge warfen einander Hall und Widerhall zu, das

Tal lärmte davon, und Hans Castorp dachte, die Leute müßten

zusammenlaufen.

„Sie haben in die Luft geschossen,“ sagte Naphta mit Selbstbeherrschung,

indem er die Waffe sinken ließ.

Settembrini antwortete:

„Ich schieße, wohin es mir beliebt.“

„Sie werden noch einmal schießen!“

„Ich denke nicht daran. Die Reihe ist an Ihnen.“ Herr Settembrini,

erhobenen Hauptes gen Himmel blickend, hatte sich etwas seitlich zum

anderen gestellt, nicht ganz in Front, was rührend zu sehen war. Man

merkte deutlich, daß er gehört hatte, man solle dem Gegner nicht gerade

die volle Breitseite bieten, und daß er nach dieser Weisung handelte.

„Feigling!“ schrie Naphta, indem er mit diesem Aufschrei der

Menschlichkeit das Zugeständnis machte, daß mehr Mut dazu gehöre, zu

schießen, als auf sich schießen zu lassen, hob seine Pistole auf eine

Weise, die nichts mehr mit Kampf zu tun hatte, und schoß sich in den

Kopf.

Kläglicher, unvergeßlicher Anblick! Er taumelte oder stürzte, während

die Berge mit dem scharfen Lärm seiner Untat Fangball spielten, ein paar

Schritte rückwärts, indem er die Beine nach vorn warf, beschrieb mit dem

ganzen Körper eine schleudernde Rechtsdrehung und fiel mit dem Gesicht

in den Schnee.

Alle standen einen Augenblick starr. Settembrini, nachdem er sein

Schießzeug weit von sich geworfen, war der erste bei ihm.

„_Infelice!_“ rief er. „_Che cosa fai per l’amor di Dio!_“

Hans Castorp war ihm behilflich, den Körper umzulegen. Sie sahen das

schwarzrote Loch neben der Schläfe. Sie sahen in ein Gesicht, das man am

besten mit dem seidenen Schnupftuch bedeckte, von dem ein Zipfel aus

Naphtas Brusttasche hing.

Der Zauberberg. Zweiter Band · 第 27 / 31 题