Mit Edhin Krokowskis Konferenzen hatte es im Laufe der Jährchen eine
unerwartete Wendung genommen. Immer hatten seine Forschungen, die der
Seelenzergliederung und dem menschlichen Traumleben galten, einen
unterirdischen und katakombenhaften Charakter getragen; neuerdings aber,
in gelindem, der Öffentlichkeit kaum merklichem Übergang, hatten sie die
Richtung ins Magische, durchaus Geheimnisvolle eingeschlagen, und seine
vierzehntägigen Vorträge im Speisesaal, Hauptattraktion des Hauses,
Stolz des Prospektes, – diese Vorträge, gehalten in Gehrock und
Sandalen, hinter gedecktem Tischchen und mit exotisch schleppenden
Akzenten vor dem unbeweglich lauschenden Berghofpublikum, sie handelten
nicht mehr von verkappter Liebesbetätigung und Rückverwandlung der
Krankheit in den bewußt gemachten Affekt, sie handelten von den
profunden Seltsamkeiten des Hypnotismus und Somnambulismus, den
Phänomenen der Telepathie, des Wahrtraums und des Zweiten Gesichtes, den
Wundern der Hysterie, bei deren Erörterung der philosophische Horizont
sich derart weitete, daß auf einmal solche Rätsel dem Auge der Zuhörer
erschimmerten, wie das des Verhältnisses der Materie zum Psychischen, ja
dasjenige des Lebens selbst, welchem beizukommen auf unheimlichstem, auf
krankhaftem Wege, wie es scheinen mochte, mehr Hoffnung war, als auf dem
der Gesundheit ...
Wir sagen dies, weil wir es für unsere Pflicht halten, leichtfertige
Geister zu beschämen, die wissen wollten, Dr. Krokowski habe sich nur
aus der Sorge, seine Vorträge vor heilloser Monotonie zu bewahren, zu
rein emotionellen Zwecken also, dem Verborgenen zugewandt. So sprachen
Lästerzungen, an denen es nirgends fehlt. Es ist wahr, daß bei den
Montagskonferenzen die Herren hastiger als je ihre Ohren schüttelten, um
sie hellhöriger zu machen, und daß Fräulein Levi womöglich noch genauer
als ehemals der Wachsfigur mit dem Triebwerk im Busen dabei glich. Aber
diese Wirkungen waren so legitim, wie die Entwicklung, die der Geist des
Gelehrten durchlaufen, und für die er nicht nur Folgerechtheit, sondern
geradezu Notwendigkeit in Anspruch nehmen durfte. Immer schon hatten
jene dunklen und weitläufigen Gegenden der menschlichen Seele sein
Studiengebiet ausgemacht, die man als Unterbewußtsein bezeichnet,
obgleich man möglicherweise besser täte, von einem Überbewußtsein zu
reden, da aus diesen Sphären zuweilen ein Wissen emporgeistert, das das
Bewußtseinswissen des Individuums bei weitem übersteigt und den Gedanken
nahelegt, es möchten Verbindungen und Zusammenhänge zwischen den
untersten und lichtlosen Gegenden der Einzelseele und einer durchaus
wissenden Allseele bestehen. Der Bereich des Unterbewußtseins, „okkult“
dem eigentlichen Wortsinne nach, erweist sich sehr bald auch als okkult
im engeren Sinn dieses Wortes und bildet eine der Quellen, woraus die
Erscheinungen fließen, die man aushilfsweise so benennt. Das ist nicht
alles. Wer im organischen Krankheitssymptom ein Werk aus dem bewußten
Seelenleben verbannter und hysterisierter Affekte erblickt, der
anerkennt die Schöpfermacht des Psychischen im Materiellen, – eine
Macht, die man als zweite Quelle der magischen Phänomene anzusprechen
gezwungen ist. Idealist des Pathologischen, um nicht zu sagen:
pathologischer Idealist, wird er sich am Ausgangspunkt von
Gedankengängen sehen, die ganz kurzläufig ins Problem des Seins
überhaupt, das will sagen: in das Problem der Beziehungen von Geist und
Materie münden. Der Materialist, Sohn einer Philosophie der bloßen
Robustheit, wird es sich niemals nehmen lassen, das Geistige als ein
phosphoreszierendes Produkt des Materiellen zu erklären. Der Idealist
dagegen, ausgehend vom Prinzip der schöpferischen Hysterie, wird geneigt
und sehr bald entschlossen sein, die Frage des Primats in vollständig
umgekehrtem Sinn zu beantworten. Alles in allem liegt hier nichts
Geringeres als die alte Streitfrage vor, was eher gewesen sei: Das Huhn
oder das Ei, – diese Streitfrage, die eben durch die doppelte Tatsache
eine so außerordentliche Verwirrung erfährt, daß kein Ei denkbar ist,
das nicht von einem Huhn gelegt worden wäre, und kein Huhn, das nicht
sollte aus einem vorausgesetzten Ei gekrochen sein.
Diese Angelegenheiten also erörterte Dr. Krokowski neuerdings in seinen
Vorträgen. Auf organischem, auf legitimem, auf logischem Wege war er
dazu gekommen, wir können es nicht sattsam betonen, und nur zum Überfluß
fügen wir hinzu, daß er in solche Erörterungen eingetreten war, lange
bevor durch das Erscheinen Ellen Brands auf der Bildfläche die Dinge in
ein empirisch-experimentelles Stadium traten.
Wer war Ellen Brand? Fast hätten wir vergessen, daß unsere Zuhörer es
nicht wissen, während uns natürlich der Name geläufig ist. Wer sie war?
Fast niemand auf den ersten Blick. Ein liebes Ding von neunzehn Jahren,
Elly gerufen, flachsblond, Dänin, doch nicht einmal aus Kopenhagen,
sondern aus Odense auf Fünen, woselbst ihr Vater ein Buttergeschäft
besaß. Sie selbst stand im praktischen Leben, hatte schon ein paar
Jahre, einen Schreibärmel über dem rechten Arm, als Beamtin der
Provinzfiliale einer hauptstädtischen Bank auf einem Drehbock über
dicken Büchern gesessen, – wobei sie Temperatur bekommen hatte. Der Fall
war unerheblich, er hatte wohl eigentlich nur Verdachtscharakter, wenn
Elly auch freilich ja zart war, zart und offenbar bleichsüchtig, – dabei
unbedingt sympathisch, so daß man ihr gern die Hand auf den
flachsblonden Scheitel gelegt hätte, was denn der Hofrat auch regelmäßig
tat, wenn er im Speisesaal mit ihr sprach. Nordische Kühle umgab sie,
eine gläsern-keusche, kindlich-jungfräuliche Atmosphäre, durchaus
liebenswert, wie der volle und reine Kinderblick ihrer Blauaugen und wie
ihre Sprache, die spitz, hoch und fein war, ein leicht gebrochenes
Deutsch mit kleinen typischen Lautfehlern, wie „Fleich“ statt „Fleisch“.
An ihren Zügen war nichts Bemerkenswertes. Das Kinn war zu kurz. Sie saß
am Tische der Kleefeld, die sie bemutterte.
Mit diesem Jungfräulein Brand also, dieser Elly, dieser freundlichen
kleinen dänischen Radfahrerin und Kontorbockhockerin hatte es
Bewandtnisse, von denen niemand beim ersten und zweiten Anblick ihrer
klaren Person sich etwas hätte träumen lassen, die aber schon nach ein
paar Wochen ihres Aufenthaltes hier oben anfingen sich zu entdecken, und
die in ihrer ganzen Seltsamkeit bloßzulegen Dr. Krokowskis Sache wurde.
Gemeinsame Unterhaltungen gelegentlich der Abendgeselligkeit gaben dem
Gelehrten ersten Anlaß zum Stutzen. Man übte sich in allerlei
Ratespielen; ferner im Auffinden versteckter Gegenstände mit Hilfe eines
Klavierspiels, das anschwoll, wenn man sich dem Verstecke näherte,
dagegen leiser wurde, wenn man Irrwege einschlug; und man ging in der
Folge dazu über, demjenigen, der während der Verabredung die Tür hatte
von außen besehen müssen, das richtige Ausführen bestimmter
zusammengesetzter Handlungen zuzumuten: z. B. die Ringe zweier gewisser
Personen zu wechseln; jemanden mit drei Verbeugungen zum Tanze
aufzufordern; ein bezeichnetes Buch der Bibliothek zu entnehmen und es
dem und dem zu überreichen und dergleichen mehr. Es ist zu bemerken,
daß Spiele dieser Art sonst nicht zu den Gewohnheiten der
Berghof-Gesellschaft gehört hatten. Wer eigentlich die Anregung dazu
gegeben, war nachträglich nicht festzustellen. Es war gewiß nicht Elly
gewesen. Dennoch war man erst in ihrer Gegenwart darauf verfallen.
Die Teilnehmer – es waren fast lauter alte Bekannte von uns, und auch
Hans Castorp war darunter – zeigten sich bei den Versuchen mehr oder
weniger anstellig oder versagten auch gänzlich. Die Tauglichkeit Elly
Brands aber erwies sich als außerordentlich, als auffallend, als
ungebührlich. Ihre sichere Findigkeit im Aufsuchen von Verstecken hatte
unter Beifall und bewunderndem Gelächter hingehen mögen; bei den
kombinierten Handlungen jedoch fing man an zu verstummen. Sie führte
aus, was immer man ihr heimlich vorgeschrieben, führte es aus, sobald
sie wieder eingetreten, mit sanftem Lächeln, ohne ein Schwanken, auch
ohne leitende Musik. Sie holte aus dem Speisesaal eine Prise Salz,
streute sie dem Staatsanwalt Paravant auf den Kopf, nahm ihn danach bei
der Hand und führte ihn zum Klavier, wo sie mit seinem Zeigefinger den
Anfang des Liedchens „Kommt ein Vogel geflogen“ spielte. Dann brachte
sie ihn zu seinem Platze zurück, machte einen Knix vor ihm, zog einen
Fußschemel herbei und setzte sich abschließend darauf zu seinen Füßen
nieder, – genau so, wie man es sich unter vielem Kopfzerbrechen für sie
ausgedacht.
So hatte sie also gehorcht!
Sie errötete; und mit wahrer Erleichterung, sie beschämt zu sehen, fing
man an, sie im Chore zu schelten, als sie versicherte: Nein, nein, nicht
so, man möge doch das nicht glauben! Nicht draußen, nicht an der Tür
habe sie gehorcht, gewiß und wahrhaftig nicht!
Nicht draußen, nicht an der Tür?
„O nein, ents-chuldigen Sie!“ Sie horche hier im Zimmer, wenn sie
hereinkomme, könne nicht umhin, es zu tun.
Nicht umhin? Im Zimmer?
Es flüstere ihr zu, sagte sie. Es werde ihr zugeflüstert, was sie zu tun
habe, leise, aber ganz scharf und deutlich.
Das war ein Geständnis, offenbar. Elly war in gewissem Sinne
schuldbewußt, hatte betrogen. Sie hätte sagen müssen, daß sie für ein
solches Spiel nicht tauge, da alles ihr zugeflüstert werde. Ein
Wettstreit verliert jeden menschlichen Sinn, wenn einer der
Konkurrierenden übernatürliche Vorteile besitzt. Im sportlichen Sinn war
Ellen plötzlich disqualifiziert, allein auf eine Weise, daß manchem der
Rücken kalt wurde bei ihrem Bekenntnis. Mehrere Stimmen auf einmal
riefen nach Dr. Krokowski. Man lief, ihn zu holen, und er kam: stämmig
und kernig lächelnd, sofort im Bilde, zu heiterem Vertrauen auffordernd
mit seinem ganzen Wesen. Man hatte ihm atemlos gemeldet, kraß Anormales
liege vor, es sei eine Allwissende aufgetreten, eine Jungfrau mit
Stimmen. – Ei, ei, und was weiter? Ruhe, meine Freunde! Wir werden
sehen. Es war sein Grund und Boden, – schwankend und sumpfig-nachgiebig
für alle, auf welchem er jedoch mit sicherer Sympathie sich bewegte. Er
fragte, er ließ sich erzählen. Ei, ei, und da sehe einer! „So steht es
also mit Ihnen, mein Kind?“ Und er legte, wie jeder gern tat, der
Kleinen die Hand aufs Haupt. Viel Ursache zur Aufmerksamkeit, doch nicht
die geringste zum Entsetzen. Er tauchte seine braunen exotischen Augen
in die hellblauen Ellen Brands, während er sanft mit der Hand von ihrem
Scheitel über die Schulter zum Arme abwärts strich. Fromm und frömmer
erwiderte sie seinen Blick, nämlich mehr und mehr von unten, da ihr Kopf
sich langsam zur Brust und Schulter neigte. Als ihre Augen anfingen,
sich zu brechen, tat der Gelehrte eine lässige Handbewegung aufwärts vor
ihrem Gesichtchen, worauf er alle Dinge für wohl bestellt erklärte und
die ganze erregte Gesellschaft zum Abenddienst schickte, ausgenommen
Elly Brand, mit der er noch etwas zu „plaudern“ gedachte.
Zu plaudern! Man konnte es sich denken. Niemandem war wohl bei dem Wort,
einem rechten Wort des fröhlichen Kameraden Krokowski. Jedermann fühlte
sein Innerstes kalt davon angerührt, auch Hans Castorp, als er verspätet
seinen vorzüglichen Liegestuhl bezog und sich erinnerte, wie ihm bei
Ellys ungebührlichen Leistungen und der verschämten Erklärung, die sie
dafür gegeben, der Boden unter den Füßen geschwankt hatte, so daß eine
gewisse Übelkeit und körperliche Beängstigung, eine leichte Seekrankheit
ihn angekommen war. Er hatte niemals ein Erdbeben erlebt, aber er sagte
sich, daß damit wohl ähnliche Empfindungen unverwechselbaren Schreckens
verbunden sein müßten, – von der Neugier abgesehen, die Ellen Brands
fatale Fähigkeiten ihm außerdem einflößten: einer Neugier, die das
Gefühl ihrer höheren Hoffnungslosigkeit in sich selbst trug, das heißt:
das Bewußtsein der geistigen Unzugänglichkeit des Gebietes, wonach sie
tastete, und daher den Zweifel, ob sie nur müßig oder auch sündig sei,
was sie aber nicht hinderte, zu bleiben, was sie war, nämlich Neugier.
Hans Castorp hatte, wie jedermann, im Lauf seiner Lebensjahre von Dingen
der geheimen Natur oder Übernatur dies und jenes vernommen, – der
seherischen Urtante ist ja Erwähnung geschehen, von der eine
melancholische Überlieferung auf ihn gekommen. Aber niemals war diese
Welt, der er eine theoretische und unbeteiligte Anerkennung nicht
versagt hatte, ihm persönlich auf den Leib gerückt, nie hatte er
praktische Erfahrungen damit gemacht, und sein Widerstreben gegen solche
Erfahrungen, ein Geschmackswiderstreben, ein ästhetisches Widerstreben,
ein Widerstreben humanen Stolzes – wenn wir so anspruchsvolle Ausdrücke
verwenden dürfen in Hinsicht auf unseren durchaus anspruchslosen Helden
– kam der Neugier, die sie ihm lebhaft erregten, fast gleich. Er fühlte
im voraus, fühlte es klar und deutlich, daß diese Erfahrungen, wie sie
auch fortgehen mochten, nie anders sich würden anlassen können, als
abgeschmackt, unverständlich und menschlich würdelos. Dennoch brannte er
darauf, sie zu machen. Er begriff, daß „Müßig oder sündig“, als
Alternative schon schlimm genug, gar keine Alternative war, sondern daß
das zusammenfiel, und daß geistige Hoffnungslosigkeit nur die
außermoralische Ausdrucksform der Verbotenheit war. Das _Placet
experiri_ aber, ihm eingepflanzt von einem, der _solche_ Versuche
freilich aufs prallste mißbilligen mußte, saß fest in Hans Castorps
Sinn; seine Sittlichkeit fiel nachgerade mit seiner Neugier zusammen,
hatte das wohl eigentlich immer getan: mit der unbedingten Neugier des
Bildungsreisenden, die vielleicht schon, als sie vom Mysterium der
Persönlichkeit kostete, nicht mehr weit von dem hier auftauchenden
Gebiet entfernt gewesen war, und die eine Art von militärischem
Charakter bekundete dadurch, daß sie dem Verbotenen nicht auswich, wenn
es sich anbot. So beschloß Hans Castorp, auf dem Posten zu sein und
nicht beiseite zu stehen, wenn es mit Ellen Brand zu weiteren Abenteuern
kommen sollte.
Dr. Krokowski hatte ein striktes Verbot ergehen lassen, fernerhin
laienhafte Experimente mit Fräulein Brands geheimen Gaben anzustellen.
Er hatte das Kind mit wissenschaftlichem Beschlag belegt, hielt
Sitzungen mit ihr in seinem analytischen Verlies, hypnotisierte sie, wie
man hörte, war bestrebt, die in ihr schlummernden Möglichkeiten zu
entwickeln und zu disziplinieren, ihr seelisches Vorleben zu erforschen.
Dies tat übrigens auch Hermine Kleefeld, ihre mütterliche Freundin und
Patronin, und erfuhr unter dem Siegel der Verschwiegenheit dies und das,
was sie unter demselben Siegel im ganzen Hause verbreitete, bis in die
Concierge-Loge hinein. Sie erfuhr zum Beispiel, daß der- oder dasjenige,
was der Kleinen beim Spiele die Aufgaben zugeflüstert hatte, Holger hieß
– es war der Jüngling Holger, ein _spirit_, ihr wohlvertraut, ein
abgeschieden-ätherisch Wesen und etwas wie ein Schutzgeist der kleinen
Ellen. – Er also hatte ihr das mit der Salzprise und Paravants
Zeigefinger verraten? – Ja, die Schattenlippen liebkosend an ihrem Ohr,
so daß es leise kitzelte und zum Lächeln reizte, habe er es ihr
eingeflüstert. – Das müsse angenehm gewesen sein, wenn Holger ihr früher
in der Schule die Antworten eingesagt habe, wenn sie nicht vorbereitet
gewesen sei. – Hierauf hatte Ellen geschwiegen. Das habe Holger wohl
nicht gedurft, sagte sie später. In so ernste Dinge sich einzumischen,
sei ihm verwehrt, und übrigens habe er die Schulantworten wohl selber
nicht recht gewußt.
Ferner stellte sich heraus, daß Ellen von jung auf, wenn auch in
größeren Zeitabständen, Erscheinungen gehabt hatte, – sichtbare und
unsichtbare. – Was das denn heißen solle: unsichtbare Erscheinungen? –
Zum Beispiel so. Sie hatte als sechzehnjähriges Mädchen allein im
Wohnzimmer ihres Elternhauses gesessen, am runden Tisch mit einer
Handarbeit, am hellen Nachmittag, und neben ihr auf dem Teppich hatte
ihres Vaters Dogge, die Hündin Freia, gelegen. Der Tisch war mit einer
bunten Decke, einem solchen türkischen Schal, wie alte Frauen ihn
dreieckig trugen, bedeckt gewesen: übereck, mit kurz hängenden Zipfeln
hatte er auf der Platte gelegen. Und plötzlich hatte Ellen gesehen, wie
der Zipfel ihr gegenüber sich langsam aufgerollt hatte: still,
sorgfältig und regelmäßig war er aufgerollt worden, ein gutes Stück
gegen die Mitte der Tischplatte hin, so daß die Rolle schließlich schon
ziemlich lang gewesen war; und während dies geschehen, hatte Freia, wild
auffahrend, mit angestemmten Vorderbeinen und gesträubtem Fell sich auf
die Keulen gesetzt, war heulend ins Nebenzimmer gestürzt, unter das Sofa
gekrochen und dann ein volles Jahr lang nicht zu bewegen gewesen, einen
Fuß ins Wohnzimmer zu setzen.
Ob es Holger gewesen sei, fragte Fräulein Kleefeld, der die Schaldecke
aufgerollt habe. – Die kleine Brand wußte es nicht. – Und was sie sich
bei dem Vorkommnis denn wohl gedacht habe. – Aber da es absolut
unmöglich war, sich das Allergeringste dabei zu denken, so hatte auch
Elly sich weiter nichts dabei gedacht. – Ob sie es ihren Eltern
berichtet habe. – Nein. – Das war seltsam. Obgleich sich so ganz und gar
nichts dabei denken ließ, hatte Elly doch das Gefühl gehabt, in diesem
Fall und in ähnlichen, daß sie es für sich behalten und ein strenges,
schamhaftes Geheimnis daraus machen müsse. – Ob sie denn schwer daran
getragen habe. – Nein, nicht besonders schwer. Was denn auch an dem
Sich-Aufrollen einer Decke viel zu tragen sei. Aber an anderem habe sie
schwerer getragen. Zum Beispiel hieran:
Vor einem Jahre, ebenfalls in ihrem Elternhaus zu Odense, hatte sie
frühmorgens, in aller Frische, ihr Zimmer verlassen, das im Erdgeschoß
gelegen war, und sich über die Diele die Treppe hinauf ins Eßzimmer
begeben wollen, um, wie es ihre Gewohnheit war, Kaffee zu kochen, bevor
die Eltern sich einfanden. Fast bis zum Podest, wo die Treppe sich
wandte, war sie schon gelangt gewesen, da hatte sie auf eben diesem
Podest, am Rande desselben, dicht an den Stufen, ihre in Amerika
verheiratete ältere Schwester Sophie stehen sehen – leiblich und
wirklich. Sie hatte ein weißes Kleid angehabt und sonderbarerweise einen
Kranz von Wasserrosen, schilfigen Mummeln, auf dem Kopf getragen und die
Hände an der Schulter gefaltet und hatte ihr zugenickt. „Ja, aber,
Sophie, bist du da?“ hatte die angewurzelte Ellen halb freudig und halb
erschrocken gefragt. Da hatte Sophie noch einmal genickt und sich
darnach verflüchtigt. Sie war durchsichtig geworden; bald war sie nur in
dem Grade noch sichtbar gewesen, wie eine fließende Strömung heißer
Luft, und dann überhaupt nicht mehr, so daß der Weg frei gewesen war für
Ellen. Doch dann hatte sich erwiesen, daß in dieser selbigen
Morgenstunde Schwester Sophie in New-Jersey an Herzentzündung gestorben
war.
Nun, meinte Hans Castorp, als die Kleefeld es ihm erzählte, das habe
doch einigen Verstand, es lasse sich hören. Die Erscheinung hier, der
Todesfall dort, – immerhin, da sei ein gewisser achtbarer Zusammenhang
zu ersehen. Und er willigte ein, an einem spiritistischen
Gesellschaftsspiel, einem Glasrücken, teilzunehmen, das man aus
Ungeduld, unter heimlicher Umgehung von Dr. Krokowskis eifersüchtigem
Verbot, mit Ellen Brand zu veranstalten beschlossen hatte.
Nur gewisse Personen wurden zu der Sitzung, deren Schauplatz Hermine
Kleefelds Zimmer war, vertraulich zugezogen: außer der Gastgeberin, Hans
Castorp und der kleinen Brand, waren es nur noch die Damen Stöhr und
Levi sowie Herr Albin, der Tscheche Wenzel und Dr. Ting-Fu. Abends, erst
mit dem Schlage Zehn, trat man leise zusammen und musterte flüsternd die
Vorkehrungen, die Hermine getroffen, und die darin bestanden, daß auf
einem ungedeckten Rundtisch von mittlerer Größe, inmitten des Zimmers,
ein Weinglas, umgekehrt, den Fuß nach oben, gestellt war, rundum aber,
am Rande der Tischplatte, in gehörigen Abständen, kleine Beinplättchen,
Spielmarken nach ihrer gewöhnlichen Bestimmung, lagen, auf die mit Tinte
und Feder die fünfundzwanzig Buchstaben des Alphabets gezeichnet waren.
Vorerst reichte die Kleefeld Tee, was dankbar begrüßt wurde, da die
Damen Stöhr und Levi, ungeachtet der kindlichen Harmlosigkeit des
Unternehmens, über kalte Extremitäten und Herzklopfen klagten. Nach
genossener Erwärmung ließ man sich um das Tischchen nieder, und in
matt-rosiger Beleuchtung, da die Wirtin, der Stimmung zuliebe, das
Deckenlicht gelöscht und nur das verkleidete Nachttischlämpchen hatte
brennen lassen, legte jedermann einen Finger seiner Rechten leicht an
den Fuß des Glases. So wollte es die Methode. Man harrte des
Augenblicks, wo das Glas ins Rücken geraten würde.
Das mochte leichtlich geschehen, denn die Tischplatte war glatt, der
Glasrand wohl geschliffen, und der Druck, den die noch so leicht
aufgelegten, zitternden Finger übten, würde, da er natürlich
ungleichmäßig war, hier mehr vertikale, dort eher seitliche Richtung
haben mochte, auf die Dauer sehr hinreichend sein, das Glas zum
Verlassen seines mittlern Ortes zu bestimmen. An der Peripherie des
Bewegungsfeldes würde es auf Buchstaben stoßen, und wenn diejenigen, die
es anlief, in ihrer Zusammensetzung Worte und irgend welchen Sinn
ergaben, so würde das eine innerlich bis zur Unreinlichkeit verwickelte
Erscheinung sein, ein Mischprodukt ganz-, halb- und unbewußter Elemente,
der wunschgetriebenen Nachhilfe Einzelner – ob sie selbst ein solches
Tun sich nun eingestanden oder nicht – und des geheimen
Einverständnisses lichtloser Seelenschichten der Allgemeinheit, eines
unterirdischen Zusammenwirkens zu scheinbar fremden Ergebnissen, an
denen die Dunkelheiten des Einzelnen mehr oder weniger beteiligt sein
würden, am stärksten wohl diejenigen der lieblichen kleinen Elly. Dies
wußten im Grunde alle im voraus, und Hans Castorp, nach seiner Art,
schwatzte es sogar aus, während man mit zitternden Fingern saß und
wartete. Auch kamen die kalten Extremitäten und das Herzklopfen der
Damen, die bedrängte Heiterkeit der Herren eben nur daher, daß sie es
wußten, daher also, daß sie sich zu einem unreinlichen Spiel mit ihrer
Natur, einem furchtsam-neugierigen Erproben unbekannter Teile ihres
Selbst in stiller Nacht zusammengetan hatten und jener Schein- oder
Halb-Dinglichkeiten harrten, die man magisch nennt. Es war fast nur, um
der Sache eine Form zu geben, geschah also konventionellerweise, daß man
unterstellte, durch das Glas würden die Geister Abgeschiedener zu der
Versammlung reden. Herr Albin war erbötig, das Wort zu führen und mit
den etwa auftretenden Intelligenzen zu unterhandeln, da er schon früher
hie und da an spiritistischen Sitzungen teilgenommen.
Zwanzig und mehr Minuten vergingen. Der Stoff zum Flüstern versiegte,
die erste Spannung gab nach. Man stützte den rechten Arm mit der Linken
am Ellbogen. Der Tscheche Wenzel war im Begriffe einzunicken. Ellen
Brand, das Fingerchen leicht aufgelegt, hielt den großen und reinen
Kinderblick über die nahen Dinge hinweg in den Schein des
Nachttischlämpchens gerichtet.
Plötzlich kippte das Glas, schlug auf und lief den Umsitzenden unter den
Händen weg. Sie hatten Mühe, mit ihren Fingern zu folgen. Es rutschte
bis zum Tischrande, lief ein Stück daran entlang und kehrte dann
geradlinig ungefähr zur Mitte zurück. Hier schlug es noch einmal auf und
verhielt sich ruhig.
Der Schrecken aller war teils freudiger, teils banger Art. Frau Stöhr
erklärte weinerlich, lieber aufhören zu wollen, doch wurde ihr bedeutet,
daß sie sich früher hätte prüfen müssen und sich nun still zu verhalten
habe. Die Dinge schienen in Fluß zu kommen. Man stipulierte, daß, um ja
und nein zu antworten, das Glas nicht erst die Buchstaben sollte
anlaufen müssen, sondern sich mit ein- und zweimaligem Aufschlagen
begnügen möge.
„Ist eine Intelligenz zugegen?“ erkundigte sich Herr Albin mit strenger
Miene über die Köpfe hin ins Leere hinein ... Ein Zögern folgte. Dann
kippte das Glas und bejahte.
„Wie heißt du?“ fragte Herr Albin fast schroffen Tones, indem er die
Energie seiner Anrede durch ein Kopfschütteln verstärkte.
Das Glas rückte. Es lief mit Entschiedenheit und im Zickzack von Marke
zu Marke, indem es zwischendurch immer ein Stück gegen die Tischmitte
hin zurückkehrte; es lief zum _h_, zum _o_, zum _l_, es schien danach zu
ermatten, sich zu verwirren, nicht weiter zu wissen, aber es fand sich
wieder, fand auch das _g_, das _e_ und _r_. Hatte man’s doch gedacht! Es
war Holger persönlich, der _spirit_ Holger, der das mit der Salzprise
usw. gewußt, aber freilich in Schulfragen sich nicht eingemischt hatte.
Er war da, er flutete in den Lüften, er umschwebte das Kränzchen. Was
fing man nun mit ihm an? Eine gewisse Blödigkeit beherrschte den Kreis.
Man beriet sich leise und gleichsam hinter der Hand, was man von ihm zu
wissen begehren sollte. Herr Albin entschied sich, zu fragen, was
Holgers Stand und Geschäft bei Lebzeiten gewesen sei. Er tat es, wie
oben, im Tone des Verhörs, streng und mit zusammengezogenen Brauen.
Das Glas schwieg eine Weile. Dann begab es sich kippend und stolpernd
zum _d_, rückte ab und bezeichnete das _i_. Was wollte das werden? Die
Spannung war mächtig. Dr. Ting-Fu befürchtete kichernd, Holger sei ein
Dieb gewesen. Frau Stöhr verfiel in hysterisches Lachen, ohne dadurch
der Arbeit des Glases Einhalt zu tun, das, wenn auch humpelnd und
klappernd, zum _c_, zum _h_ glitt, das _t_ berührte und dann, offenbar
unter fehlerhafter Auslassung einer Letter, mit dem _r_ endigte. Es
hatte „Dichtr“ buchstabiert.
Was tausend, ein Dichter war Holger gewesen? – Zum Überfluß und nur aus
Stolz, wie es schien, kippte das Glas und klopfte bejahend. – Ein
lyrischer Dichter? fragte die Kleefeld, indem sie das _y_ wie _i_
aussprach, wie Hans Castorp unwillig bemerkte ... Zu solchen
Spezifikationen schien Holger unlustig. Er gab keine neue Antwort. Er
buchstabierte die vorige noch einmal, rasch, sicher und klar, das e
hinzufügend, das er vorhin vergessen.
Gut, gut, also Dichter. Die Verlegenheit wuchs, – eine sonderbare
Verlegenheit, die den Kundgebungen unkontrollierter Gegenden des eigenen
Inneren galt, aber durch die gleisnerisch-halbdingliche Gegebenheit
dieser Kundgebungen doch auch wieder die Richtung ins Außen-Wirkliche
erhielt. Ob Holger sich wohl und glücklich fühlte in seinem Zustande,
wollte man wissen. – Das Glas schob träumerischerweise das Wort
„Gelassen“. Ach so, „gelassen“ also. Nun ja, man wäre von selbst nicht
darauf gekommen, aber da denn das Glas so buchstabierte, fand man es
wahrscheinlich und gut gesagt. – Und wie lange Holger sich denn schon in
seinem gelassenen Zustande befinde? – Jetzt kam wieder etwas, worauf
niemand verfallen wäre, etwas träumerisch sich selbst Gebendes. Es
lautete: „Eilende Weile“. – Sehr gut! Es hätte auch „Weilende Eile“
lauten können, es war ein bauchrednerischer Dichterspruch von außen,
Hans Castorp namentlich fand ihn vorzüglich. Eine eilende Weile war
Holgers Zeitelement, natürlich, er mußte die Frager spruchweise
abfertigen, mit irdischen Worten und Maßgenauigkeiten mochte er freilich
zu operieren verlernt haben. – Was wollte man also noch von ihm
erfahren? Die Levi gestand ihre Neugier, zu wissen, wie Holger aussähe,
beziehungsweise einst ausgesehen habe. Ob er ein schöner Jüngling sei? –
Sie solle ihn selber fragen, ordnete Herr Albin an, der diesen
Wissenswunsch unter seiner Würde fand. So fragte sie per du, ob _spirit_
Holger wohl blonde Locken habe.
„Schöne braune, braune Locken“, zog das Glas, indem es das Wort „braune“
ausführlich zweimal buchstabierte. Erfreute Heiterkeit herrschte im
Kreise. Die Damen bekundeten offen Verliebtheit. Sie warfen Kußhände
schräg gegen den Plafond empor. Dr. Ting-Fu meinte kichernd, Mister
Holger scheine ja ziemlich eitel zu sein.
Da wurde das Glas zornig und toll! Es lief wie wild und ohne Sinn auf
dem Tische umher, kippte wütend, fiel um und rollte der Stöhr in den
Schoß, die schreckensbleich mit gespreizten Armen darauf niederblickte.
Man führte es behutsam und unter Entschuldigungen an seinen Ort zurück.
Der Chinese wurde gescholten. Wie er sich habe unterstehen können! Da
sehe er, wohin solch ein Vorwitz führe! Und wie, wenn Holger nun im
Zorne auf und davon war und kein Wort mehr verlauten ließ? Man redete
seinem Glase aufs beste zu. Ob er denn nicht vielleicht etwas dichten
wolle! Er sei ja ein Dichter gewesen, als er noch nicht in eilender
Weile gewebt und geschwebt habe. Ach, wie sie alle nach etwas
Gedichtetem verlangten! Sie würden es so herzlich genießen.
Und siehe, das gute Glas schlug Ja. Wirklich lag etwas
Gutmütig-Versöhnliches darin, wie es dies tat. Und dann begann _spirit_
Holger zu dichten und dichtete umständlich, ausführlich und ohne
Besinnen, wer weiß wie lange, – es schien, als werde er überhaupt nicht
wieder zum Schweigen zu bringen sein! Es war ein durch und durch
überraschendes Gedicht, das er bauchrednerisch vorbrachte, während die
Umsitzenden es bewundernd mit sprachen, eine magische Dingheit, uferlos,
wie das Meer, von dem es vornehmlich handelte, – Seemist in langen
Haufen entlang des schmalen Strandes der weit geschwungenen Bucht des
Insellandes mit steiler Dünenküste. O seht, wie sterbend grün
die ungeheure Weite ins Ewige verschwebt, wo unter breiten
Nebelschleierstreifen in trübem Karmesin und milchig-weichem Scheinen
die Sommersonne den Untergang verzögert! Kein Mund vermöchte zu sagen,
wann und wie des Wassers silbrig regsamer Widerglanz in lauter
Perlmutterschimmer sich wandelte, in ein unnennbar Farbenspiel
blaß-bunt-opalenen Mondsteinglanzes, das alles überzieht ... Ach,
heimlich, wie er entstanden, erstarb der stille Zauber. Das Meer
entschlief. Jedoch die sanften Spuren des Sonnenabschieds bleiben dort
drüben und draußen. Es wird nicht dunkel bis in die tiefe Nacht. Ein
halbes Geisterlicht waltet im Kiefernwalde der Dünenhöhe und läßt den
bleichen Sand des Grundes wie Schnee erscheinen. Täuschender Winterwald
im Schweigen, knackend durchstreift von einer Eule schwerem Flug! Sei
unser Aufenthalt zu dieser Stunde! So weich der Tritt, so hoch und mild
die Nacht! Und langsam atmet dort unten tief das Meer und flüstert
gedehnt im Traum. Verlangt dich’s, es wiederzusehen? So tritt hervor zum
fahlen Gletschergehänge der Düne und steige vollends im Weichen empor,
das kühl in deine Schuhe rinnt. Hart buschig fällt das Land und steil
zum steinigen Strande ab, und immer geistern noch am Rande der
vergehenden Weite die Reste des Tages ... Laß dich hier oben im Sande
nieder! Wie ist er todeskühl, wie mehlig-seidenweich! Er fließt dir aus
der geschlossenen Hand in farblos-dünnem Strahl und bildet ein zartes
Hügelchen bei sich im Grunde. Erkennst du dies feine Rinnen? Es ist das
lautlos schmale Strömen durch die Enge des Stundenglases, des ernsten,
gebrechlichen Geräts, das das Gehäuse des Klausners schmückt. Ein
aufgeschlagen Buch, ein Totenschädel und im Gestell, im leicht gefügten
Rahmen das dünne Doppelhohlgebläse, darin ein wenig Sand, dem Ewigen
entnommen, als Zeit sein heimlich und heilig beängstend Wesen treibt ...
So war _spirit_ Holger bei seiner „lirischen“ Improvisation in
sonderbarer Gedankenflucht vom heimatlichen Meere auf einen Klausner und
das Werkzeug seiner Beschaulichkeit gekommen, und er kam noch auf
manches, auf Menschliches und Göttliches in träumerisch gewagten Worten,
über die das Kränzchen sich grenzenlos verwunderte, indes es sie
buchstabierte, und kaum fand man Zeit, seinen entzückten Beifall
einzuschalten, so rasch ging es im Zickzack vom Hundertsten ins
Tausendste weiter und wollte gar nicht aufhören, – nach einer Stunde
noch war dieses Dichtens kein Ende im entferntesten abzusehen, das von
Mutternot und dem ersten Kusse der Liebenden und von der Krone des
Leides und Gottes ernster Vatergüte ganz unerschöpflich handelte, sich
in das Weben der Kreatur vertiefte, in Zeiten und Ländern und im
Sternenraum sich verlor, einmal sogar der Chaldäer und des Tierkreises
erwähnte und bestimmt die ganze Nacht hindurch gewährt hätte, wenn nicht
die Beschwörer endlich doch ihre Finger vom Glase genommen und unter
besten Danksagungen an Holger erklärt hätten, nun müsse es für diesmal
genug sein, es sei von ungeahnter Herrlichkeit gewesen und ewig schade,
daß niemand mitgeschrieben habe, so daß nun das Gedichtete unfehlbar in
Vergessenheit geraten werde, ja, leider allergrößtenteils schon in
Vergessenheit geraten sei, vermöge einer gewissen Unhaltbarkeit, wie sie
Träumen eigne. Das nächste Mal wollte man rechtzeitig einen Schriftwart
bestellen und zusehen, wie es sich schwarz auf weiß bewahrt und im
Zusammenhang vorgetragen, wohl ausnehmen werde; für den Augenblick aber,
und ehe Holger in die Gelassenheit seiner eilenden Weile zurückkehre,
werde es besser und jedenfalls außerordentlich liebenswürdig von ihm
sein, wenn er dem Kreise vielleicht noch eine oder die andere sachliche
Frage beantworten wolle, – noch unbestimmt welche, aber ob er
gegebenenfalls wohl grundsätzlich und aus besonderer Gefälligkeit bereit
dazu sein würde?
„Ja“, lautete die Antwort. Doch nun entdeckte sich Ratlosigkeit, was zu
fragen sei. Es war wie im Märchen, wenn die Fee oder das Männchen eine
Frage freigeben und man Gefahr läuft, die kostbare Möglichkeit ganz
müßig zu vertun. Vieles schien wissenswert in Welt und Zukunft, und
verantwortungsvoll war es, eine Wahl zu treffen. Da niemand zum
Entschluß kommen mochte, sagte Hans Castorp, einen Finger am Glase, die
linke Wange in seine Faust gestützt, er wolle hören, wie hoch sich,
statt der drei Wochen, die er ursprünglich zu bleiben gedacht hatte, die
Zeit seines Aufenthaltes hier oben belaufen werde.
Gut, da man nichts Besseres wußte, mochte der Geist dies Erste-Beste aus
der Fülle seiner Kenntnisse künden. Nach einigem Zögern rückte das Glas.
Es rückte etwas ganz Sonderbares und, wie es scheinen wollte,
Beziehungsloses, worauf sich einen Vers zu machen, niemandem gelingen
wollte. Es rückte die Silbe „Geh“ und dann das Wort „Quer“, womit man
erst recht nichts anzufangen wußte, und danach rückte es etwas von Hans
Castorps Zimmer, so daß die ganze knappe Anweisung lautete, der Fragende
solle „quer durch sein Zimmer gehen“. – Quer durch sein Zimmer? Quer
durch Nummer 34? Was sollte nun das? Während man saß und beriet und die
Köpfe schüttelte, geschah auf einmal ein schwerer Faustschlag gegen die
Tür.
Alle erstarrten. War das ein Überfall? Stand Dr. Krokowski draußen, um
die verbotene Sitzung aufzuheben? Man schaute betreten, man gewärtigte
den Eintritt des Hintergangenen. Da schlug es krachend mitten auf den
Tisch, wiederum wie mit voller Faust und gleichsam um klarzustellen, daß
auch der erste Schlag nicht von außen, sondern von innen gefallen war.
Das war ein minderwertiger Scherz Herrn Albins gewesen! – Er leugnete
ehrenwörtlich, und übrigens waren alle auch ohne sein Wort so gut wie
sicher, daß niemand aus ihrer Runde den Schlag geführt hatte. So hatte
es Holger getan? Sie blickten auf Elly, deren stilles Verhalten allen
gleichzeitig auffällig geworden war. Sie saß, die Fingerspitzen bei
hängenden Handgelenken auf der Tischkante, an ihrer Stuhllehne, den Kopf
zur Schulter geneigt, die Augenbrauen empor-, das Mündchen aber,
verkleinert, etwas nach unten gezogen, mit einem ganz kleinen Lächeln,
das zugleich etwas Verstecktes und Unschuldiges hatte, und blickte mit
blauen Kinderaugen, die nichts sahen, schräg ins Leere. Man rief sie an,
doch ohne daß sie ein Zeichen von Gegenwart gegeben hätte. In diesem
Augenblick erlosch das Nachttischlämpchen.
Erlosch? Frau Stöhr, nicht mehr zu halten, schrie Hi und Hu, denn sie
hatte es knipsen hören. Das Licht war nicht ausgegangen, es war
abgedreht worden, von einer Hand, die man sehr schonend kennzeichnete,
wenn man sie eine _fremde_ Hand nannte. War es Holgers Hand? Er war so
sanft, so diszipliniert und poetisch gewesen bis dahin; jetzt aber hatte
sein Wesen begonnen, in Büberei und Schabernack auszuarten. Wer stand
dafür, daß eine Hand, die Faustschläge gegen Tür und Möbel führte und
bübisch das Licht ausdrehte, nicht irgendjemandem an die Gurgel fuhr? Im
Finstern rief man nach Zündhölzern, nach einer Taschenlaterne. Die Levi
kreischte auf, man habe sie am Stirnhaar gezogen. Vor Angst schämte Frau
Stöhr sich nicht, laut zu Gott zu beten. „Ach du Herr, noch diesmal!“
schrie sie und wimmerte, es möge Gnade vor Recht ergehen, obgleich man
die Hölle versucht habe. Dr. Ting-Fu war es, der den gesunden Gedanken
faßte, das Deckenlicht einzuschalten, so daß alsbald das Zimmer in
Klarheit lag. Während man feststellte, daß das Nachttischlämpchen in der
Tat nicht zufällig ausgegangen, sondern abgedreht worden war, und daß
man nur den verborgenerweise geschehenen Handgriff menschlich zu
wiederholen brauchte, um es wieder zum Brennen zu bringen, erfuhr Hans
Castorp persönlich und in der Stille eine Überraschung, die er als
besondere Aufmerksamkeit der hier sich kundgebenden kindischen
Dunkelheiten auffassen mochte. Auf seinen Knieen lag ein leichter
Gegenstand, das „Souvenir“, das einst seinen Onkel erschreckt hatte, als
er es von des Neffen Kommode genommen: das gläserne Diapositiv, das
Clawdia Chauchats Innenporträt zeigte, und das bestimmt nicht er, Hans
Castorp, in dieses Zimmer eingeführt hatte.
Er steckte es zu sich, ohne von der Erscheinung Aufhebens zu machen. Man
war um Ellen Brand beschäftigt, die immer noch in der beschriebenen
Haltung, blinden Blickes und mit sonderbar geziertem Gesichtsausdruck an
ihrem Platze saß. Herr Albin blies sie an und ahmte vor ihrem
Gesichtchen die aufwärts fächelnde Handbewegung Dr. Krokowskis nach,
worauf sie sich ermunterte und – unklar, warum – ein wenig weinte. Man
streichelte, tröstete sie, küßte sie auf die Stirn und schickte sie
schlafen. Die Levi erklärte sich bereit, die Nacht bei Frau Stöhr zu
verbringen, da die tiefstehende Frau vor Grauen nicht wußte, wie sie ins
Bett kommen sollte. Hans Castorp, seinen Apport in der Brusttasche,
hatte nichts dagegen, den ausgearteten Abend mit den anderen Herren auf
Albins Zimmer mit einem Kognak zu beschließen, denn er fand, daß
Vorkommnisse gleich diesen zwar weder auf das Herz noch auf den Geist,
wohl aber auf die Magennerven Wirkung übten – und zwar eine nachhaltige
Wirkung, so, wie der Seekranke wohl noch am Lande stundenlang die
übelkeiterregenden Schwankungen zu spüren meint.
Vorderhand war seine Neugier gestillt. Holgers Gedicht war ja im
Augenblick nicht übel gewesen, aber die vorausgeahnte innere
Hoffnungslosigkeit und Abgeschmacktheit des Ganzen hatte sich ihm doch
so unverkennbar aufgedrängt, daß es, so dachte er, bei diesen wenigen
Flocken Höllenfeuers, die ihn angestoben, sein Bewenden haben mochte.
Herr Settembrini, wie sich denken läßt, bestärkte ihn aus allen Kräften
in diesem Vorsatz, als Hans Castorp ihm von seinen Erlebnissen erzählte.
„Das,“ rief er, „war alles, was noch gefehlt hatte! O Elend, Elend!“ Und
kurzerhand erklärte er die kleine Elly für eine abgefeimte Betrügerin.
Sein Zögling sagte nicht ja und nicht nein dazu. Er meinte
achselzuckend, was Wirklichkeit sei, scheine nicht bis zur
Unzweideutigkeit klargestellt und folglich auch nicht, was Betrug.
Vielleicht sei die Grenze fließend. Vielleicht gäbe es Übergänge
zwischen beidem, Grade der Realität innerhalb der wort- und
wertungslosen Natur, die sich einer Entscheidung entzögen, der, wie ihm
scheine, etwas stark Moralisches anhafte. Wie Herr Settembrini über das
Wort „Gaukelei“ denke, diesen Begriff, in welchem Elemente des Traumes
und solche der Realität eine Mischung eingingen, die der Natur
vielleicht weniger fremd sei, als unserem derben Tagesdenken. Das
Geheimnis des Lebens sei buchstäblich bodenlos, und was Wunder denn,
wenn gelegentlich Gaukeleien daraus aufstiegen, die – und so fort in
unseres Helden freundlich zugeständlicher und reichlich laxer Art.
Herr Settembrini wusch ihm den Kopf nach Gebühr und erzielte denn auch
eine augenblickliche Gewissensstärkung und etwas wie ein Versprechen, an
solchem Greuel nie wieder teilhaben zu wollen. „Achten Sie“, so forderte
er, „den Menschen in sich, Ingenieur! Vertrauen Sie dem klaren und
humanen Gedanken und verabscheuen Sie die Hirnverrenkung, den geistigen
Pfuhl! Gaukelei? Lebensgeheimnis? _Caro mio!_ Wo der sittliche Mut zu
Entscheidungen und Unterscheidungen, wie der zwischen Betrug und
Wirklichkeit, sich zersetzt, da ist es mit dem Leben überhaupt, dem
Urteile, dem Werte, der bessernden Tat zu Ende, und der Verwesungsprozeß
moralischer Skepsis beginnt sein schauerliches Werk.“ Der Mensch sei das
Maß der Dinge, sagte er noch. Sein Recht, über Gut und Böse, Wahrheit
und Lügenschein erkennend zu befinden, sei unveräußerlich, und wehe dem,
der ihn im Glauben an dieses schöpferische Recht zu beirren sich
unterfange! Es sei ihm besser, einen Mühlstein um den Hals im tiefsten
Brunnen ertränkt zu werden.
Hans Castorp nickte dazu und hielt sich in der Tat fürs erste von diesen
Unternehmungen fern. Er hörte, daß Dr. Krokowski in seinem analytischen
Souterrain mit Ellen Brand Sitzungen veranstalte, zu denen ausgewählte
Mitglieder der Gästeschaft zugezogen wurden. Aber er lehnte die
Beteiligung gleichgültig ab, – natürlich nicht ohne über die
Versuchserfolge aus dem Munde der Mitwirkenden und Dr. Krokowskis selbst
dies und das zu erfahren. Kraftäußerungen von der Art, wie sie im Zimmer
der Kleefeld wilder und unwillkürlicher Weise sich ereignet hatten:
Schläge also gegen Tisch und Wände, das Abdrehen der Lampe und anderes,
weitergehendes, wurden bei diesen Zusammenkünften, nachdem Kamerad
Krokowski die kleine Elly nach der Kunst hypnotisiert und in
wachtraumhaften Zustand versetzt hatte, systematisch und unter
möglichster Gewähr ihrer Echtheit erzielt und geübt. Es hatte sich
gezeigt, daß eine musikalische Begleitung die Exerzitien erleichterte,
und so wechselte an diesen Abenden das Grammophon seinen Standort, wurde
von dem magischen Kreise mit Beschlag belegt. Da aber der Böhme Wenzel,
der es bei dieser Gelegenheit bediente, ein musikalischer Mann war, der
das Instrument gewiß nicht mißhandeln und schädigen würde, so konnte
Hans Castorp es in leidlicher Gemütsruhe übergeben. Aus dem
Plattenfundus stellte er für den besonderen Dienst ein Album zur
Verfügung, worin er allerlei Leichtigkeiten, Tänze, kleine Ouvertüren
und sonstiges Dideldum angeordnet hatte, das, da Elly keineswegs nach
höheren Tönen verlangte, seinen Zweck vollkommen erfüllte.
Unter diesen Klängen also war, so hörte Hans Castorp, ein Taschentuch
selbsttätig, oder vielmehr von einer in seinen Falten verborgenen
„Klaue“ geführt, vom Boden aufgestiegen, des Doktors Papierkorb hatte
sich schwebend zur Decke erhoben, der Perpendikel einer Wanduhr war „von
niemandem“ abwechselnd angehalten und wieder in Gang gesetzt, eine
Tischglocke „genommen“ und geläutet worden und dergleichen trübe
Nichtigkeiten mehr. Der gelehrte Versuchsleiter war in der glücklichen
Lage, diese Leistungen mit einem griechischen Namen voll
wissenschaftlichen Anstandes zu treffen. Es waren, so erläuterte er in
seinen Vorträgen und in Privatgesprächen „telekinetische“ Erscheinungen,
Fälle von Fernbewegung; und der Doktor ordnete sie einem Gebiet von
Phänomenen zu, das die Wissenschaft auf den Namen der Materialisation
getauft hatte, und auf das sein Sinnen und Trachten bei den Versuchen
mit Ellen Brand eigentlich gerichtet war.
In seiner Sprache handelte es sich da um biopsychische Projektionen
unterbewußter Komplexe ins Objektive, um Vorgänge, als deren Quelle man
die mediale Konstitution, den somnambulen Zustand zu betrachten hatte,
und die man insofern als objektivierte Traumvorstellungen ansprechen
mochte, als sich darin ein ideoplastisches Vermögen der Natur bewährte,
eine unter gewissen Bedingungen dem Gedanken zukommende Fähigkeit,
Materie an sich zu ziehen und sich zu ephemerer Wirklichkeit darin
auszuprägen. Diese Materie entströmte dem Körper des Mediums, um sich
außerhalb seiner zu biologisch-lebendigen Endorganen, Greifgliedern,
Händen, vorübergehend auszugestalten, die eben jene erstaunlichen
Unbeträchtlichkeiten vollbrachten, deren Zeuge man in Dr. Krokowskis
Laboratorium war. Unter Umständen waren sie sichtbar und tastbar, diese
Glieder, ließen in Paraffin und Gips ihre Form bewahren. Unter weiteren
Umständen aber brauchte es bei ihrer Ausbildung nicht sein Bewenden zu
haben. Köpfe, individuelle Menschenantlitze, Phantome in Vollgestalt
verwirklichten sich vor den Augen der Experimentierenden, um in einen
gewissen begrenzten Verkehr mit ihnen zu treten – – und hier begann Dr.
Krokowskis Lehre überäugig zu werden, begann zu schielen und einen
ähnlich schwankenden und doppeldeutigen Charakter anzunehmen, wie seinen
Expektorationen über die „Liebe“ geeignet hatte. Denn nun ging es nicht
länger unmißverständlich und gewahrten wissenschaftlichen Gesichtes um
ins Wirkliche gespiegelte Subjektivitäten des Mediums und seiner
passiven Mithelfer; nun mischten, wenigstens halb und halb, wenigstens
allenfalls, Ichheiten von außen und jenseits sich in das Spiel; es
handelte sich – möglicherweise, nicht ganz eingestandenermaßen – um
Nichtvitales, um Wesen, die die verzwickte und geheime Gunst des
Augenblicks benutzten, um in die Materie zurückzukehren und sich den
Rufenden kundzugeben, – kurz, um die spiritistische Beschwörung
Verstorbener.
Solche Erzeugnisse also waren es, die Kamerad Krokowski bei der Arbeit
mit den Seinen letztlich anstrebte. Stämmig und kernig lächelnd, zu
fröhlichem Vertraun auffordernd, strebte er sie an, heimisch für seine
untersetzte Person im Sumpfig-Verdächtigen und Untermenschlichen und ein
rechter Führer, denn also sogar für Zaghafte und Zweifelvolle in diesen
Bezirken. Auch schien, dank Ellen Brands außerordentlichen Gaben, die zu
entwickeln, zu züchten er sich angelegen sein ließ, der Erfolg ihm zu
lächeln, nach allem, was Hans Castorp erfuhr. Berührungen einzelner
Teilnehmer durch materialisierte Hände hatten sich ereignet.
Staatsanwalt Paravant hatte aus der Transzendenz eine derbe Backpfeife
empfangen und mit wissenschaftlicher Heiterkeit quittiert, ja, vor
Begier sogar noch die andere Backe hingehalten, – ungeachtet seiner
Eigenschaften als Kavalier, Jurist und Alter Herr einer schlagenden
Verbindung, welche alle ihn zu einem ganz anderen Verhalten würden
genötigt haben, wäre der Streich vitaler Herkunft gewesen. A. K. Ferge,
dieser schlichte Dulder, dem alles Höhere fernlag, hatte eines Abends
ein solches Geisterglied in seiner eigenen Hand gehalten und durch den
Tastsinn die Richtigkeit und Vollständigkeit seiner Bildung
festgestellt, worauf es sich seinem Griff, der herzhaft in den Grenzen
des Respektes gewesen war, auf nicht genau zu beschreibende Weise
entzogen hatte. Es dauerte geraume Frist, wohl zweieinhalb Monate, bei
zwei Sitzungen wöchentlich, bis eine Hand so hinterweltlicher Herkunft,
rötlich angestrahlt von einem mit rotem Papier verdunkelten
Tischlämpchen, – eines jungen Mannes Hand, wie es hatte scheinen wollen,
– über der Tischplatte fingernd sich allen Blicken dargestellt und in
einer irdenen Schüssel mit Mehl ihre Spur hinterlassen hatte. Aber nur
acht Tage später geschah es, daß eine Gruppe von Mitarbeitern Dr.
Krokowskis, Herr Albin, die Stöhr, das Ehepaar Magnus, noch gegen
Mitternacht mit allen Anzeichen verzerrter Begeisterung und fieberigen
Entzückens in Hans Castorps Balkonloge erschien und dem in beißendem
Froste Dämmernden in fliegendem Durcheinander berichtete, Ellys Holger
habe sich sehen lassen, über der Schulter der Somnambulen habe sein Kopf
sich gezeigt, er habe wirklich „schöne braune, braune Locken“ gehabt und
so unvergeßlich sanft und melancholisch gelächelt, bevor er verschwand!
Wie stimmte, dachte Hans Castorp, diese edle Trauer mit Holgers
anderweitigem Benehmen, seinen phantasielosen Kindereien und simplen
Bubenstücken, der ganz unmelancholischen Tatze, zum Beispiel, zusammen,
die der Staatsanwalt von ihm eingesteckt? Folgerechte Geschlossenheit
des Charakters war hier offenbar nicht zu fordern. Vielleicht lag eine
Gemütsverfassung vor, ähnlich der des bucklichen Männleins im Liede,
seiner kummervollen und fürbittebedürftigen Bosheit. Holgers Verehrer
schienen sich darüber keine Gedanken zu machen. Was ihnen am Herzen lag,
war, Hans Castorp zum Aufgeben seiner Enthaltsamkeit zu bestimmen.
Unbedingt müsse er der nächsten Sitzung beiwohnen, nun, wo alles so
prächtig stehe. Denn Elly habe im Schlafe versprochen, das nächste Mal
jeden beliebigen Verstorbenen vorzuführen, der aus dem Kreise würde
verlangt werden.
Jeden beliebigen? Hans Castorp hielt sich trotzdem ablehnend. Aber daß
es jeder beliebige Abgeschiedene sein könne, beschäftigte ihn dennoch in
einem Maße, daß er im Laufe der nächsten drei Tage zu entgegengesetzten
Beschlüssen kam. Genau genommen waren es nicht diese drei Tage, sondern
nur einige Minuten davon, die ihn dazu brachten. Seine Sinnesänderung
vollzog sich, während er zu einsamer Abendstunde im Musiksalon wieder
einmal jene Platte laufen ließ, in welche Valentins erzsympathische
Persönlichkeit eingeprägt war, – während er in seinem Stuhl diesem
Soldatengebet des scheidenden Braven lauschte, den es aufs Feld der Ehre
drängte, und der sang:
„Und ruft mich Gott zu Himmelshöhn,
Will schützend ich auf dich herniedersehn,
O Margarete!“
Da hob sich, wie immer bei diesem Gesange, aber diesmal durch gewisse
Möglichkeiten verstärkt und zum Wunsche verdichtet, große Rührung auf in
Hans Castorps Brust, und er dachte: „Müßig und sündig oder nicht, es
wäre doch herzlich seltsam und ein sehr liebes Abenteuer. Er, wenn er
damit zu tun hat, wird es nicht übelnehmen, wie ich ihn kenne.“ Und er
erinnerte sich des gleichmütig-liberalen, „Bitte, bitte!“, das er einst,
im Durchleuchtungslaboratorium, aus der Nacht zur Antwort erhalten, als
er um Erlaubnis zu gewissen optischen Indiskretionen einkommen zu sollen
geglaubt hatte.
Am nächsten Morgen meldete er seine Teilnahme an der abendlich
bevorstehenden Sitzung an und gesellte sich eine halbe Stunde nach dem
Diner zu denen, die, unbeklommen plaudernd, als Habitués des
Nichtgeheueren, den Weg ins Kellergeschoß einschlugen. Es waren lauter
wurzelständig Alteingesessene oder doch längst Zugehörige, wie Dr.
Ting-Fu und der Böhme Wenzel, mit denen er auf der Treppe und dann in
Dr. Krokowskis Gelaß zusammentraf: die Herren Ferge und Wehsal also, der
Staatsanwalt, die Damen Levi und Kleefeld, zu schweigen von denen, die
ihm die Erscheinung von Holgers Haupt gemeldet hatten, und von der
Mittlerin, Elly Brand.
Das nordische Kind befand sich bereits in des Doktors Obhut, als Hans
Castorp die mit der Visitenkarte geschmückte Tür durchschritt. An
Krokowskis Seite, der, bekleidet mit seinem schwarzen Arbeitskittel, in
väterlichem Sinne den Arm um ihre Schulter geschlungen hielt, erwartete
sie am Fuße der Stufen, die noch von der Ebene des Souterrains in die
Wohnung des Assistenten hinabführten, die Gäste und begrüßte sie mit
ihm. Allerseits war diese Begrüßung von aufgeräumt-unbedenklicher
Herzlichkeit getragen. Es schien Absicht, die Stimmung von jeder
feierlichen Beengung freizuhalten. Laut und scherzhaft sprach man
durcheinander, tauschte aufmunternde Rippenstöße und bekundete auf alle
Weise seine Unbefangenheit. In Dr. Krokowskis Barte zeigten sich
beständig mit jenem kernigen und zum Vertrauen auffordernden Ausdruck
seine gelben Zähne, während er sein „Ich gdieße Sie!“ wiederholte, und
besonders taten sie das, als er Hans Castorp willkommen hieß, der
schweigsam war, und dessen Miene schwankte. „Mut, mein Freund!“ schien
die auf- und rückwärts schüttelnde Kopfbewegung des Wirtes zu sagen,
während er dem jungen Mann fast derb die Hand drückte. „Wer wird die
Ohren hängen lassen? Hier gibt es nicht Duckmäusertum noch Frömmelei,
sondern einzig die männliche Heiterkeit vorurteilsloser Forschung!“ Dem
pantomimisch so Angeredeten wurde nicht wohler davon. Wir ließen ihn
sich bei seinen Vorsätzen des Durchleuchtungslaboratoriums erinnern,
doch diese Ideenverbindung reicht keineswegs hin, um den Zustand seines
Gemüts zu kennzeichnen. Vielmehr gemahnte dieser ihn selbst sehr lebhaft
an die eigentümlich und unvergeßlich aus Übermut und Nervosität,
Wißbegier, Verachtung und Andacht gemischte Verfassung, worin er sich
vor Jahren befunden, als er sich, etwas bekneipt, mit Kameraden zum
erstenmal angeschickt hatte, ein Mädchenhaus in Sankt Pauli zu besuchen.
Da man übrigens vollzählig war, so zog Dr. Krokowski sich mit zwei
Assistentinnen, zu welchen diesmal Frau Magnus und die elfenbeinfarbene
Levi ernannt worden, zur Leibeskontrolle des Mediums ins Nebengelaß
zurück, während Hans Castorp mit den neun verbleibenden Teilnehmern das
Ende dieses regelmäßig und stets ergebnislos wiederholten Aktes
wissenschaftlicher Strenge im Arbeits- und Ordinationszimmer des Doktors
erwartete. Der Raum war ihm vertraut von gewissen Plauderstunden her,
die er eine Zeitlang, hinter Joachims Rücken, hier mit dem
Analytiker abgehalten. Es war, mit seinem Schreibbureau nebst
Armsessel und Besucherfauteuil links hinten am Fenster, seiner
Handbibliothek zu beiden Seiten der Nebentür, seiner von der
Schreibtischgruppe durch einen mehrteiligen Wandschirm getrennten schräg
stehenden Wachstuch-Chaiselongue im rechten Hintergrunde, seinem
Instrumentenglasschrank im dortigen Winkel, der Hippokratesbüste in
einem anderen und dem Stich nach Rembrandts Anatomie über dem Gaskamin
an der rechten Seitenwand, alltäglich ein ärztliches Empfangszimmer wie
andere mehr; doch waren einige für den besonderen Zweck getroffene
Abänderungen in seiner Einrichtung festzustellen. Der Mahagonirundtisch,
der gewöhnlich, von Sesseln umgeben, in der Mitte, unter dem
elektrischen Lüster auf dem fast den ganzen Boden bedeckenden roten
Teppich seinen Platz hatte, war gegen den linken Winkel des
Vordergrundes, dorthin, wo die Gipsbüste stand, verrückt, und
exzentrisch, näher gegen den brennenden und eine trockene Hitze
ausströmenden Kamin hin, stand ein kleineres, leicht bedecktes
Tischchen, das ein rot verkleidetes Lämpchen trug, und über dem, von der
Decke herab, noch eine weitere, ebenfalls mit rotem und außerdem noch
mit schwarzem Schleierstoff umkleidete Birne hing. Auf und neben dem
Tischchen standen ein paar berüchtigte Gegenstände: die Tischglocke,
oder eigentlich zwei von verschiedener Konstruktion, eine Handschelle
und eine Druckglocke, zum Daraufschlagen, ferner der Teller mit Mehl,
der Papierkorb. Etwa ein Dutzend Stühle und Sessel unterschiedlichen
Typs umgaben das Tischchen in einem Halbkreis, dessen eines Ende nahe
dem Fußende der Chaiselongue und dessen anderes ziemlich genau in der
Mitte des Zimmers, unter dem Deckenlüster gelegen war. Hier, in der Nähe
des letzten Sitzes, etwa halbwegs zur Nebentür, hatte auch der
Musikschrein seinen Platz gefunden. Das Album mit den Leichtigkeiten lag
auf einem Stuhle daneben. So die Anordnung. Noch waren die roten Lampen
nicht entzündet. Der Deckenkörper spendete tagweißes Licht. Das Fenster,
dem der davor stehende Schreibtisch die Schmalseite zukehrte, war mit
einem dunklen Vorhang verhüllt, vor dem noch ein cremefarbener,
spitzenartig durchbrochener, ein sogenannter Store, herniederhing.
Nach zehn Minuten kehrte der Doktor mit den drei Damen aus dem Kabinett
zurück. Das Äußere der kleinen Elly hatte sich verändert. Sie zeigte
sich nicht mehr in ihren Kleidern, sondern in einer Art Sitzungskostüm,
einem schlafrockartigen Gewande aus weißem Crepe, das um die Taille von
einer Gürtelschnur, einer Kordel zusammengehalten wurde und ihre
schmalen Arme entblößt ließ. Da ihre jungfräuliche Brust sich so weich
und ungefesselt darunter abzeichnete, schien es, daß sie unter diesem
Gewande wenig trage.
Sie wurde lebhaft begrüßt. „Hallo, Elly! Wie reizend sie wieder
aussieht! Die reine Fee! Mach’s gut, mein Engel!“ Sie lächelte über die
Zurufe, über ihren Aufzug, von dem sie wohl wußte, daß er sie kleidete.
„Vorkontrolle negativ“, stellte Dr. Krokowski fest. „Frisch ans Werk
denn, Kameraden!“ fügte er mit nur einmal anschlagendem exotischem
Zungen-_r_ hinzu; und Hans Castorp, übel berührt von der Anrede, war im
Begriff, sich gleich den anderen, die unter Hallos, Geschwätz und
Schulterschlägen den Halbkreis der Stühle einzunehmen begannen,
irgendeinen Platz zu suchen, als der Doktor sich persönlich an ihn
wandte.
„Ihnen, mein Freund (mein Freind)“, sagte er, „der Sie gewissermaßen als
Gast oder Neuling in unserer Mitte weilen, möchte ich für diesen Abend
besondere Ehrenrechte zuerkennen. Ich betraue Sie mit der Kontrolle
unseres Mediums. Wir üben sie, wie folgt.“ Und er bat den jungen Mann an
das eine Ende des offenen Zirkels, an das der Chaiselongue und dem
Wandschirm benachbarte, wo Elly, das Gesicht mehr der Eingangstür mit
den Stufen, als der Zimmermitte zugewandt, einen gewöhnlichen Rohrstuhl
eingenommen hatte, setzte sich auf einen ebensolchen ihr dicht gegenüber
und ergriff ihre Hände, indem er ihre beiden Knie zwischen die seinen
klemmte. „Ahmen Sie das nach!“ befahl er und ließ Hans Castorp für sich
eintreten. „Sie werden zugeben, daß die Haft vollkommen ist. Zum
Überfluß erhalten Sie Unterstützung. Mein Fräulein Kleefeld, darf ich
ersuchen?“ Und die so höfisch-exotisch Beorderte gesellte sich zu der
Gruppe, indem sie mit ihren beiden Händen Ellys gebrechliche Handgelenke
umfaßte.
Es war nicht ganz zu vermeiden, daß Hans Castorp in das dem seinen so
nahe Gesicht des eng von ihm gefesselten jungfräulichen Wunderkindes
blickte. Ihre Augen begegneten sich, aber Ellys glitten ab und nieder,
zum Zeichen einer Schamhaftigkeit, die nach Lage der Dinge wohl
begreiflich war, und sie lächelte dazu ein wenig geziert, mit schrägem
Kopfe und leicht gespitzten Lippen, wie neulich bei der Glasseance.
Übrigens flog noch eine andere und weitläufigere Erinnerung ihren
Aufseher an bei dieser stillen Ziererei. So ungefähr, fiel ihm ein,
hatte Karen Karstedt gelächelt, als er mit Joachim und ihr an der noch
unaufgemachten Bettstatt des Friedhofs von „Dorf“ gestanden hatte ...
Der Halbkreis war seßhaft geworden. Es waren dreizehn Personen, nicht
eingeschlossen den Böhmen Wenzel, der seine Person zur Versorgung
Polyhymnias freizuhalten gewohnt war und neben dem Apparat, nachdem er
ihn in Bereitschaft gesetzt, im Rücken der gegen die Zimmermitte hin
Sitzenden einen Hocker einnahm. Auch seine Guitarre hatte er bei sich.
Unter dem Mittellüster, dort, wo die gekrümmte Reihe wiederum endigte,
ließ Dr. Krokowski sich nieder, nachdem er mit einem Handgriff die
beiden roten Beleuchtungskörper entzündet und mit einem zweiten das
Deckenweißlicht gelöscht hatte. Sacht glühende Finsternis lag nun über
dem Zimmer, dessen entferntere Gegenden und Winkel dem Blick überhaupt
unzugänglich geworden waren. Eigentlich war nur die Platte des
Tischchens und seine nächste Umgebung schwach rötlich erhellt. Man sah
kaum seinen Nachbarn während der nächsten Minuten. Nur langsam bequemten
die Augen sich dem Dunkel und lernten, das zugestandene Licht sich
zunutzezumachen, das durch das Flämmchengetänzel des Kamins eine gewisse
Verstärkung erfuhr.
Der Doktor widmete der Beleuchtung einige Worte, entschuldigte ihre
wissenschaftlichen Mängel. Man möge sich hüten, sie im Sinne der
Stimmungsmache und Mystifikation zu deuten. Kein Mehr an Licht sei
leider beim besten Willen vorerst zu erreichen gewesen. Die Natur der
hier in Frage stehenden und zu studierenden Kräfte bringe es nun einmal
mit sich, daß sie bei Weißlicht sich nicht zu entwickeln, nicht wirksam
zu werden vermöchten. Das sei eine bedingende Tatsache, mit der man sich
vorläufig abzufinden habe. – Hans Castorp war es zufrieden. Das Dunkel
tat wohl; es milderte die Eigentümlichkeiten der Gesamtlage. Überdies
erinnerte er sich zur Rechtfertigung des Dunkels an dasjenige, worin man
sich im Durchleuchtungsraum fromm gesammelt und mit dem man sich die
Tagaugen gewaschen hatte, bevor man „sah“.
Das Medium, so setzte Dr. Krokowski sein Vorwort fort, das er offenbar
an Hans Castorp besonders richtete, bedürfe der Einschläferung durch
ihn, den Arzt, nicht länger. Sie falle, wie der Kontrolleur schon merken
werde, von selbst in Trance, und, dies geschehen, spreche ihr
Schutzgeist, der bekannte Holger, aus ihr, an den man sich auch – und
nicht an sie – mit seinen Wünschen zu wenden habe. Übrigens sei es
irrtümlich und könne Mißlingen zeitigen, zu glauben, man müsse Willen
und Gedanken mit Gewalt auf das gewärtigte Phänomen versammeln. Im
Gegenteil sei eine halb zerstreute und gesprächige Aufmerksamkeit das
Gebotene. Hans Castorp möge vor allem darauf bedacht sein, die
Extremitäten des Mediums in untadeliger Obhut zu halten.
„Man bilde die Kette!“ schloß Dr. Krokowski, und so tat man, lachend,
wenn im Dunkel die Hände der Nachbarn nicht gleich zu finden waren. Dr.
Ting-Fu, Hermine Kleefeld zunächst sitzend, legte seine Rechte auf ihre
Schulter und reichte die Linke Herrn Wehsal, der auf ihn folgte. Neben
dem Doktor saßen Herr und Frau Magnus, an die A. K. Ferge sich schloß,
welcher, wenn Hans Castorp sich nicht täuschte, die Hand der
elfenbeinfarbenen Levi zu seiner Rechten hielt, – und so fort. „Musik!“
befahl Dr. Krokowski; und der Tscheche im Rücken des Doktors und seiner
Nächsten, ließ laufen und setzte die Nadel auf. „Gespräch!“ kommandierte
Krokowski wieder, während die ersten Takte einer Ouvertüre von Millöcker
erschollen; und gehorsam rückte man sich auf, um eine Unterhaltung in
Gang zu setzen, die von nichts und wieder nichts, hier von den
Schneeverhältnissen dieses Winters, da von der letzten Speisenfolge,
dort von einer Arrivée, einer wilden oder legitimen Abreise handelte
und, halb zugedeckt von der Musik, abreißend und wieder anhebend, sich
künstlich am Leben hielt. So vergingen einige Minuten.
Die Platte war noch nicht abgelaufen, als Elly heftig zusammenzuckte.
Ein Zittern durchlief sie, sie seufzte, ihr Oberkörper sank nach vorn,
so daß ihre Stirn diejenige Hans Castorps berührte, und gleichzeitig
begannen ihre Arme mit denen der Aufseher sonderbar pumpende, vor- und
rückwärts stoßende Bewegungen auszuführen.
„Trance!“ meldete kundig die Kleefeld. Die Musik verstummte. Das
Gespräch brach ab. In die jähe Stille hinein hörte man des Doktors weich
schleppenden Bariton die Frage tun:
„Ist Holger zur Stelle?“
Elly erzitterte aufs neue. Sie schwankte auf ihrem Stuhl. Dann spürte
Hans Castorp, wie sie mit beiden Händen fest und kurz die seinen
drückte.
„Sie drückt mir die Hände“, teilte er mit.
„Er“, verbesserte ihn der Doktor. „Er hat sie Ihnen gedrückt. Er ist
also gegenwärtig. – Wir gdießen dich, Holger“, fuhr er mit Salbung fort.
„Sei uns von Herzen willkommen, Gesell! Und laß dich erinnern! Als du
das letztemal unter uns weiltest, versprachst du, jeden beliebigen
Abgeschiedenen, sei es ein Menschenbduder oder eine Schwester,
herbeizurufen und unseren sterblichen Augen sichtbar zu machen, der dir
aus unserem Kreise genannt werden würde. Bist du gewillt und fühlst du
dich vermögend, heut dieses Versprechen einzulösen?“
Wieder schauderte Elly. Sie seufzte und zögerte mit der Antwort. Langsam
führte sie ihre Hände nebst denen der Beisitzer an ihre Stirn, wo sie
sie eine Weile ruhen ließ. Dann flüsterte sie dicht an Hans Castorps Ohr
ein heißes „Ja!“
Der Sprechhauch unmittelbar in sein Ohr hinein schuf unserem Freund
jenes epidermale Gruseln, das man volkstümlich als „Gänsehaut“
bezeichnet, und dessen Wesen der Hofrat ihm eines Tages erläutert hatte.
Wir sprechen von einem Gruselreiz, um das rein Körperliche vom
Seelischen zu unterscheiden; denn von Grauen konnte nicht wohl die Rede
sein. Was er dachte, war ungefähr: „Na, die vermißt sich ja weitgehend!“
Zugleich aber wandelte Rührung, ja Erschütterung ihn an, eine verwirrte
Rührung und Erschütterung, ein Gefühl, geboren aus Verwirrung, aus dem
täuschenden Umstande nämlich, daß ein junges Blut, dessen Hände er
hielt, an seinem Ohre ein „Ja“ gehaucht hatte.
„Er hat Ja gesagt“, rapportierte er und schämte sich.
„Gut denn, Holger!“ sprach Dr. Krokowski. „Wir nehmen dich beim Wort.
Wir alle vertrauen, daß du redlich das Deine tust. Der Name des Teuren,
nach dessen Manifestation wir verlangen, wird dir sogleich genannt
werden. Kameraden“, wandte er sich an die Gesellschaft, „heraus mit der
Sprache! Wer ist es, der einen Wunsch in Bereitschaft hat? Wen soll uns
Freund Holger zeigen?“
Ein Schweigen folgte. Es wartete jeder auf eine Äußerung des anderen.
Der einzelne hatte sich wohl in den letzten Tagen geprüft, wohin, zu wem
seine Gedanken gingen; doch bleibt die Rückkunft Verstorbener, das
heißt: die Wünschbarkeit solcher Wiederkehr immer ein verwickeltes und
heikles Ding. Im Grunde und gerade heraus gesprochen besteht sie nicht,
diese Wünschbarkeit; sie ist ein Irrtum; sie ist, bei Lichte besehen,
genau so unmöglich, wie die Sache selbst, was sich erweisen würde, höbe
die Natur die Unmöglichkeit dieser nur einmal auf; und was wir Trauer
nennen, ist vielleicht nicht sowohl der Schmerz über die Unmöglichkeit,
unsere Toten ins Leben kehren zu sehen, als darüber, dies gar nicht
wünschen zu können.
So empfanden dunkel alle, und wiewohl es sich hier um keine ernste und
praktische Rückkehr ins Leben, sondern um eine rein sentimentale und
theatralische Veranstaltung handelte, bei der man den Ausgeschiedenen
eben nur sehen sollte, der Fall also lebensunbedenklich war, so
fürchteten sie sich doch vor dem Angesichte dessen, an den sie dachten,
und jeder hätte das Recht, einen Wunsch zu äußern, lieber dem Nächsten
zugeschoben. Auch Hans Castorp, obgleich er das gutmütig liberale „Bitte
– bitte!“ aus der Nacht vernahm, hielt sich zurück und war im letzten
Augenblick ziemlich bereit, einem anderen den Vortritt zu lassen. Da es
ihm aber zu lange dauerte, so sagte er denn, den Kopf gegen den
Sitzungsleiter gewandt, mit belegter Stimme:
„Ich möchte meinen verstorbenen Vetter Joachim Ziemßen sehen.“
Das war Befreiung für alle. Von sämtlichen Anwesenden hatten nur Dr.
Ting-Fu, der Tscheche Wenzel und das Medium selbst den Angeforderten
nicht gekannt. Die übrigen, Ferge, Wehsal, Herr Albin, der Staatsanwalt,
Herr und Frau Magnus, die Stöhr, die Levi, die Kleefeld, bekundeten laut
und froh ihren Beifall, und selbst Dr. Krokowski nickte zufrieden,
obgleich sein Verhältnis zu Joachim allezeit kühl gewesen war, da dieser
im Punkte der Analyse sich wenig willfährig erwiesen hatte.
„Sehr wohl“, sagte der Doktor. „Du hörtest, Holger? Im Leben war der
Genannte dir fremd. Erkennst du ihn im Jenseits der Dinge und bist du
bereit, ihn uns herbeizuführen?“
Größte Erwartung. Die Schlafende schwankte, seufzte und schauderte. Sie
schien zu suchen und zu kämpfen, während sie, hin und her sinkend, bald
an Hans Castorps Ohr, bald an dem der Kleefeld Unverständliches
flüsterte. Endlich empfing Hans Castorp von ihren beiden Händen den
Druck, der „Ja“ bedeutete. Er erstattete Meldung, und –
„Gut denn!“ rief Dr. Krokowski. „An die Arbeit, Holger! Musik!“ rief er.
„Gespräch!“ Und er wiederholte die Einschärfung, daß keinerlei
Gedankenkrampf und gewaltsame Vorstellung des Erwarteten, sondern einzig
eine zwanglos schwebende Achtsamkeit der Sache zu dienen vermöge.
Nun folgten die sonderbarsten Stunden, die unseres Helden junges Leben
bis dahin aufzuweisen hatte; und obgleich uns sein späteres Schicksal
nicht vollkommen deutlich ist, obgleich wir ihn an einem bestimmten
Punkt unserer Geschichte aus den Augen verlieren werden, möchten wir
annehmen, daß es die überhaupt sonderbarsten blieben, die er erlebte.
Es waren Stunden, mehr als zwei, wir sagen es gleich, eine kurze
Unterbrechung der nun anhebenden „Arbeit“ Holgers oder eigentlich des
Jungfräuleins Elly mit eingerechnet, – dieser Arbeit, die sich
entsetzlich in die Länge zog, so daß man endlich an einem Ergebnis zu
verzagen allgemein im Begriffe war und außerdem aus purem Mitleid oft
genug sich versucht fühlte, sie verzichtend abzukürzen, denn sie schien
wirklich erbarmungswürdig schwer und über die zarten Kräfte zu gehen,
denen sie auferlegt war. Wir Männer, wenn wir dem Menschlichen nicht
ausweichen, kennen aus einer bestimmten Lebenslage dies unerträgliche
Erbarmen, das lächerlicherweise von niemandem angenommen wird und
wahrscheinlich gar nicht am Platze ist, dies empörte „Genug!“, das sich
unserer Brust entringen will, obgleich „es“ nicht genug sein will und
darf und so oder so zu Ende geführt werden muß. Man versteht schon, daß
wir von unserer Gatten- und Vaterschaft sprechen, vom Akt der Geburt,
dem Ellys Ringen tatsächlich so unzweideutig und unverwechselbar glich,
daß auch derjenige ihn wiedererkennen mußte, der ihn noch gar nicht
kannte, wie der junge Hans Castorp, welcher also, da auch er dem Leben
nicht ausgewichen war, diesen Akt voll organischer Mystik in solcher
Gestalt kennen lernte, – in was für einer Gestalt! Und zu welchem
Behufe! Und unter welchen Umständen! Unmöglich konnte man sie anders als
skandalös bezeichnen, die Merkmale und Einzelheiten dieser animierten
Wochenstube im Rotlicht, sowohl was die jungfräuliche Person der
Wöchnerin in ihrem fließenden Schlafrock und mit ihren bloßen Ärmchen,
wie auch was die weiteren Verhältnisse, die unaufhörliche leichtlebige
Grammophon-Musik, das künstliche Geschwätz betraf, das der Halbkreis auf
Befehl zu unterhalten suchte, die Zurufe fröhlich aufmunternder Art, die
aus ihm immerfort an die Kämpfende ergingen: „Hallo, Holger! Mut! Es
wird schon! Nicht nachlassen, Holger, und immer heraus damit, so wirst
du’s schaffen!“ Und keineswegs nehmen wir hier die Person und Lage des
„Gatten“ aus – wenn wir Hans Castorp, der ja den Wunsch getan, als den
zugehörigen Gatten betrachten dürfen – des Gatten also, der die Knie der
„Mutter“ zwischen den seinen, ihre Hände in seinen hielt: diese
Händchen, die so naß waren, wie der kleinen Leila ihre einst gewesen, so
daß er beständig seinen Zugriff erneuern mußte, damit sie ihm nicht
entglitten.
Denn der Gaskamin im Rücken der hier Sitzenden strahlte Hitze.
Mystik und Weihe? Ach nein, es ging laut und abgeschmackt zu im
Rotdunkel, an welches die Augen sich nachgerade soweit gewöhnt hatten,
daß sie das Zimmer so ziemlich beherrschten. Die Musik, das Rufen
erinnerten an Aufpulverungsmethoden der Heilsarmee, erinnerten auch
denjenigen daran, der, wie Hans Castorp, einem Gottesfest dieser
aufgeräumten Zeloten noch niemals beigewohnt hatte. Mystisch,
geheimnisvoll, den Fühlenden zur Frömmigkeit anhaltend, wirkte die Szene
in keinerlei gespenstischem Sinn, sondern einzig in einem natürlichen,
organischen – und durch welche nähere und intime Verwandtschaft, das
sagten wir schon. Ellys Anstrengungen kamen wehenartig, nach
Ruhezuständen, während welcher sie seitlich schlaff vom Stuhle hing, in
einer Verfassung von Unzugänglichkeit, die Dr. Krokowski als
„Tief-Trance“ bezeichnete. Dann wieder fuhr sie auf, stöhnte, warf sich
hin und her, drängte, rang mit ihren Aufsehern, flüsterte Heißes und
Sinnloses an ihren Ohren, schien mit seitwärts schleudernden Bewegungen
etwas aus sich hinausjagen zu wollen, knirschte mit den Zähnen und biß
einmal sogar in Hans Castorps Ärmel.
Das ging so eine Stunde und länger. Dann fand der Sitzungsleiter es im
allseitigen Interesse geraten, eine Pause eintreten zu lassen. Der
Tscheche Wenzel, der erleichternder Abwechselung halber den Musikapparat
zuletzt geschont und sehr gewandt die Gitarre hatte schollern und tönen
lassen, stellte sein Instrument beiseite. Man löste aufseufzend die
Hände. Dr. Krokowski schritt zur Wand, um das Deckenlicht einzuschalten.
Blendend flammte die weiße Helligkeit auf, daß alle die Nachtaugen blöde
verkniffen. Elly schlummerte weit vorgebeugt, das Gesicht fast in ihrem
Schoß. Man sah sie eigentümlich beschäftigt, begriffen in einem Tun, das
den anderen vertraut schien, dem aber Hans Castorp verwundert und
aufmerksam zusah: Einige Minuten lang fuhr sie mit der hohlen Hand in
der Gegend ihrer Hüfte hin und her, – führte die Hand von sich fort und
mit schöpfender oder rechender Bewegung wieder an sich heran, so, als
zöge und sammle sie etwas ein. – Dann kam sie in mehrmaligem Aufzucken
zu sich, blinzelte, auch sie, mit blöden Schlafaugen ins Licht und
lächelte.
Sie lächelte, – zierlich und etwas verschlossen. Das Erbarmen mit ihrer
Mühsal schien in der Tat verschwendet. Es sah nicht aus, als sei sie
besonders erschöpft davon. Vielleicht erinnerte sie sich gar nicht
daran. Sie saß in des Doktors Besuchersessel an der rückwärtigen
Breitseite des Schreibtisches am Fenster, zwischen ihm und der
spanischen Wand, die die Chaiselongue umstand; hatte dem Stuhl eine
Wendung gegeben, daß sie den Arm auf die Schreibtischplatte stützen
konnte und ins Zimmer blickte. So saß sie, von gerührten Blicken
gestreift, mit aufmunterndem Kopfnicken hie und da bedacht, schweigend
während der ganzen Pause, die fünfzehn Minuten dauerte.
Es war eine richtige Pause, – gelöst und von sanfter Genugtuung im
Hinblick auf die schon geleistete Arbeit erfüllt. Die Zigarettenbüchsen
der Herren klappten. Man rauchte mit Behagen und besprach da und dort
nahe beieinander stehend den Charakter der Sitzung. Viel fehlte, daß man
an diesem Charakter verzagen, eine endgültige Ergebnislosigkeit hätte
ins Auge fassen müssen. Es gab Anzeichen, geeignet, solchen Kleinmut
völlig hintanzuhalten. Diejenigen, die am entgegengesetzten Ende des
Halbkreises, beim Doktor, gesessen hatten, stimmten darin überein,
mehrmals und deutlich jenen kühlen Hauch verspürt zu haben, der
regelmäßig, wenn Phänomene sich vorbereiteten, von der Person des
Mediums in eine bestimmte Richtung ausgehe. Andere wollten
Lichterscheinungen bemerkt haben, weiße Flecken, wandernde Ballungen von
Kraft, die sich vor der spanischen Wand verschiedentlich gezeigt hätten.
Kurzum, kein Nachlassen! Keine Mattherzigkeit! Holger hatte sein Wort
gegeben, und man hatte kein Recht, zu zweifeln, daß er es einlösen
werde.
Dr. Krokowski gab das Zeichen zum Wiederbeginn der Sitzung. Er selbst
geleitete Elly, während auch die übrigen ihre Plätze wieder aufsuchten,
zu ihrem Marterstuhl zurück, wobei er ihr Haar streichelte. Alles ging
wie vorhin; Hans Castorp beantragte zwar seine Ablösung vom Posten des
ersten Kontrolleurs, wurde aber vom Sitzungsleiter abschlägig
beschieden. Er lege Wert darauf, sagte dieser, demjenigen, der den
Wunsch getan, die unmittelbar sinnliche Gewähr zu geben, daß jede
irreführende Manipulation des Mediums praktisch ausgeschlossen sei. So
nahm Hans Castorp seine sonderbare Stellung mit Elly wieder ein. Das
Licht erlosch zum Rotdunkel. Die Musik begann wieder. Wieder folgten
nach einigen Minuten das jähe Zusammenzucken, die Pumpbewegungen Ellys,
und diesmal war es Hans Castorp, der „Trance“ meldete. Die skandalöse
Niederkunft nahm ihren Fortgang.
Wie schrecklich schwer sie vonstatten ging! Sie schien nicht vonstatten
gehen zu wollen, – und konnte sie denn? Welcher Wahnsinn! Woher hier
Mutterschaft? Entbindung – wie und wovon? „Helft! Helft!“ stöhnte das
Kind, während seine Wehen in jenen unförderlichen und gefährlichen
Dauerkrampf überzugehen drohten, den gelehrte Geburtshelfer als
Eklampsie bezeichnen. Sie rief nach dem Doktor zwischendurch, daß er ihr
die Hände auflege. Er tat es unter kernigem Zureden. Die Magnetisierung,
wenn es denn eine solche war, stärkte sie zu weiterem Ringen.
Also verging die zweite Stunde, während abwechselnd die Gitarre
schollerte und das Grammophon die Weisen des leichten Albums in den Raum
warf, dessen Lichtverhältnissen die tagentwöhnten Augen sich wieder
leidlich angepaßt hatten. Da ereignete sich ein Zwischenfall, – Hans
Castorp war es, der ihn herbeiführte. Er gab eine Anregung, sprach einen
Wunsch und Gedanken aus, den er längst, eigentlich von allem Anbeginn,
gehegt und mit dem er möglicherweise früher hätte hervortreten sollen.
Eben lag Elly, das Gesicht auf ihren gehaltenen Händen, in „Tieftrance“,
und Herr Wenzel war im Begriffe die Platte zu wechseln oder sie
umzudrehen, als unser Freund mit Entschluß begann und sagte, er habe
einen Vorschlag zu machen, – unbedeutend übrigens, und doch könne seine
Annahme vielleicht von Nutzen sein. Er habe da ... das heiße: der
Plattenschatz des Hauses enthalte eine Nummer: aus „Margarete“ von
Gounod, Gebet des Valentin, Bariton mit Orchester, sehr ansprechend. Er,
Redner, meine, daß man es einmal mit dieser Platte versuchen sollte.
„Und warum das?“ fragte der Doktor durch das Rotdunkel ...
„Stimmungssache, Gefühlsangelegenheit“, versetzte der junge Mann. Der
Geist des fraglichen Stückes sei eigentümlich und speziell. Es komme auf
einen Versuch damit an. Nicht ganz ausgeschlossen, seiner Meinung nach,
daß dieser Geist und Charakter den Prozeß, um den es hier gehe, werde
abkürzen können.
„Ist die Platte zur Stelle?“ erkundigte sich der Doktor.
Nein, das war sie nicht. Aber Hans Castorp konnte sie ohne weiteres
holen.
„Wo denken Sie hin!“ Krokowski wies das unbedingt von der Hand. Wie?
Hans Castorp wollte gehen und kommen, etwas holen und dann die
unterbrochene Arbeit wieder aufnehmen? Unerfahrenheit rede aus ihm.
Nein, das sei schlechthin unmöglich. Alles wäre zerstört, man könnte von
vorn beginnen. Auch die wissenschaftliche Exaktheit verbiete, an solch
willkürliches Aus- und Eingehen nur zu denken. Die Tür sei verschlossen.
Er, der Doktor, trage den Schlüssel in der Tasche. Und kurz, wenn die
Platte nicht ohne weiteres greifbar sei, so müsse man – Er redete noch,
als der Tscheche vom Grammophon her dazwischen warf:
„Die Platte ist hier.“
„Hier?“ fragte Hans Castorp ...
Ja, hier. Margarete, Gebet des Valentin. Bitte sehr. Sie hatte
ausnahmsweise im leichten Album gesteckt und nicht im grünen Arien-Album
Nummer II, wohin sie nach der Organisation gehörte. Sie war
zufälligerweise, außerordentlicherweise, schlampigerweise,
erfreulicherweise unter die Allotria geraten und brauchte nur eingelegt
zu werden.
Was sagte Hans Castorp dazu? Er sagte nichts. Der Doktor war es, der
„Desto besser“ sagte, und mehrere wiederholten es. Die Nadel wetzte, der
Deckel sank. Und männlich begann es zu choralhaften Klängen: „Da ich nun
verlassen soll –“
Niemand sprach. Man lauschte. Elly hatte, sobald der Gesang begann, ihre
Arbeit erneuert. Sie war aufgefahren, zitterte, ächzte, pumpte und
führte wieder die gleitnassen Hände an ihre Stirn. Die Platte lief. Es
kam der mittlere Teil, mit umspringendem Rhythmus, die Stelle von Kampf
und Gefahr, keck, fromm und französisch. Sie ging vorüber, es folgte der
Schluß, die orchestral verstärkte Reprise des Anfangs, mächtigen Klangs:
„O, Herr des Himmels, hör’ mein Flehn –“
Hans Castorp hatte mit Elly zu tun. Sie bäumte sich, zog durch verengte
Kehle die Luft ein, sank dann lang ausseufzend in sich zusammen und
blieb still. Besorgt beugte er sich über sie, da hörte er die Stöhr mit
piepender, winselnder Stimme sagen:
„Ziem – ßen –!“
Er richtete sich nicht auf. In seinen Mund trat ein bitterer Geschmack.
Er hörte eine andere Stimme tief und kalt erwidern:
„Ich sehe ihn längst.“
Die Platte war abgelaufen, der letzte Bläserakkord verklungen. Aber
niemand stoppte den Apparat. Leer kratzend in der Stille lief die Nadel
inmitten der Scheibe weiter. Da hob denn Hans Castorp den Kopf, und
seine Augen gingen, ohne suchen zu müssen, den richtigen Weg.
Es war einer mehr im Zimmer, als vordem. Dort, abseits von der
Gesellschaft, im Hintergrund, wo die Reste des Rotlichtes sich fast in
Nacht verloren, so daß die Augen kaum noch dahin drangen, zwischen
Schreibtisch-Breitseite und spanischer Wand, auf dem gegen das Zimmer
gedrehten Besucherstuhl des Doktors, wo während der Pause Elly gesessen,
saß Joachim. Es war Joachim mit den schattigen Wangenhöhlen und dem
Kriegsbart seiner letzten Tage, in dem die Lippen so voll und stolz sich
wölbten. Angelehnt saß er und hielt ein Bein über das andere geschlagen.
Auf seinem abgezehrten Gesicht erkannte man, obgleich es von einer
Kopfbedeckung beschattet war, den Stempel des Leidens und auch den
Ausdruck von Ernst und Strenge wieder, der es so männlich verschönt
hatte. Zwei Falten standen auf seiner Stirn zwischen den Augen, die tief
in knochigen Höhlen lagen, doch das beeinträchtigte nicht die Sanftmut
des Blicks dieser schönen, groß-dunklen Augen, der still und freundlich
spähend auf Hans Castorp, auf diesen allein, gerichtet war. Sein kleiner
Kummer von ehedem, die abstehenden Ohren waren erkennbar auch unter der
Kopfbedeckung, der sonderbaren Kopfbedeckung, auf die man sich nicht
verstand. Vetter Joachim war nicht in Zivil; sein Säbel schien am
übergeschlagenen Schenkel zu lehnen, er hielt die Hände am Griff, und
etwas wie eine Pistolentasche glaubte man gleichfalls an seinem Gürtel
zu unterscheiden. Doch war das auch kein richtiger Waffenrock, was er
trug. Nichts Blankes noch Farbiges war daran zu bemerken, es hatte einen
Litewkakragen und Seitentaschen, und irgendwo ziemlich tief saß ein
Kreuz. Die Füße Joachims wirkten groß und die Beine sehr dünn; sie
schienen eng eingewickelt, auf sportliche mehr, denn auf militärische
Art. Und wie war das mit der Kopfbedeckung? Sie sah aus, als hätte
Joachim sich ein Feldgeschirr, einen Kochtopf aufs Haupt gestülpt und
ihn durch Sturmband unter dem Kinn befestigt. Doch wirkte das
altertümlich und landsknechthaft und kriegerisch kleidsam,
merkwürdigerweise.
Hans Castorp spürte den Atem Ellen Brands auf seinen Händen. Neben sich
hörte er den der Kleefeld, der beschleunigt ging. Sonst war nichts zu
vernehmen, als das unaufhörliche wetzende Geräusch der abgelaufenen,
unter der Nadel weiter rotierenden Platte, die niemand stoppte. Er sah
sich nach keinem seiner Kumpane um, wollte nichts von ihnen sehen und
wissen. Schräg hin über die Hände, den Kopf auf seinen Knien, starrte er
weit vorgebeugt durch das Rotdunkel auf den Besuch im Sessel. Einen
Augenblick schien sein Magen sich umkehren zu wollen. Es zog ihm die
Kehle zusammen, und ein vier- oder fünffaches Schluchzen stieß ihn
innig-krampfhaft. „Verzeih!“ flüsterte er in sich hinein; und dann
gingen die Augen ihm über, so daß er nichts mehr sah.
Er hörte raunen: „Reden Sie ihn an!“ – Er hörte Dr. Krokowskis
baritonale Stimme feierlich und heiter seinen Namen nennen und die
Aufforderung wiederholen. Statt ihr nachzukommen, zog er seine Hände
unter Ellys Gesicht fort und stand auf.
Wieder rief Dr. Krokowski seinen Namen, diesmal in streng vermahnendem
Ton. Aber Hans Castorp war mit wenigen Schritten bei den Stufen der
Eingangstür und schaltete mit knappem Handgriff das Weißlicht ein.
Die Brand war in schwerem Chok zusammengefahren. Sie zuckte in den Armen
der Kleefeld. Jener Sessel war leer.
Auf den im Stehen protestierenden Krokowski ging Hans Castorp zu, nahe
vor ihn hin. Er wollte sprechen, aber von seinen Lippen kam kein Wort.
Mit brüsk heischender Kopfbewegung streckte er die Hand aus. Da er den
Schlüssel empfangen, nickte er dem Doktor mehrmals drohend ins Gesicht,
machte kehrt und ging aus dem Zimmer.