Der Donnerschlag

Sieben Jahre blieb Hans Castorp bei Denen hier oben, – keine runde Zahl

für Anhänger des Dezimalsystems, und doch eine gute, handliche Zahl in

ihrer Art, ein mythisch-malerischer Zeitkörper, kann man wohl sagen,

befriedigender für das Gemüt als etwa ein trockenes halbes Dutzend. Er

hatte an allen sieben Tischen des Speisesaales gesessen, an jedem

ungefähr ein Jahr. Zuletzt saß er am Schlechten Russentisch, zusammen

mit zwei Armeniern, zwei Finnen, einem Bucharier und einem Kurden. Er

saß dort mit einem kleinen Bärtchen, das er sich mittlerweile hatte

stehen lassen, einem strohblonden Kinnbärtchen ziemlich unbestimmbarer

Gestalt, das wir als Zeugnis einer gewissen philosophischen

Gleichgültigkeit gegen sein Äußeres aufzufassen gezwungen sind. Ja, wir

müssen weitergehen und diese Idee einer persönlichen Neigung zur

Vernachlässigung seiner selbst in Verbindung bringen mit einer

ebensolchen Neigung der Außenwelt in Beziehung zu ihm. Die Obrigkeit

hatte aufgehört, Diversionen für ihn zu ersinnen. Außer der

morgentlichen Frage, ob er „schön“ geschlafen habe, die aber

rhetorischer Art war und summarisch gestellt wurde, richtete der Hofrat

nicht mehr besonders oft das Wort an ihn, und auch Adriatica von

Mylendonk (sie trug ein hochreifes Gerstenkorn um die Zeit, von der wir

reden) tat es nicht alle paar Tage. Sehen wir die Dinge genauer an, so

geschah es selten oder nie. Man ließ ihn in Ruhe – ein wenig wie einen

Schüler, der des eigentümlich lustigen Vorzuges genießt, nicht mehr

gefragt zu werden, nichts mehr zu tun zu brauchen, weil sein

Sitzenbleiben beschlossene Sache ist und weil er nicht mehr in Betracht

kommt, – eine orgiastische Form der Freiheit, wie wir hinzufügen, indem

wir uns selber fragen, ob Freiheit je von anderer Form und Art sein

könne, als ebendieser. Jedenfalls war hier einer, auf den die Obrigkeit

fürder kein sorgendes Auge zu haben brauchte, weil es gewiß war, daß in

seiner Brust keine wilden und trotzigen Entschlüsse mehr reifen würden,

– ein Sicherer und Endgültiger, der längst gar nicht mehr gewußt hätte,

wohin denn sonst, der den Gedanken der Rückkehr ins Flachland überhaupt

nicht mehr zu fassen imstande war ... Drückte sich nicht eine gewisse

Sorglosigkeit in betreff seiner Person allein in der Tatsache aus, daß

er an den Schlechten Russentisch versetzt worden war? Womit übrigens

gegen den sogenannten Schlechten Russentisch nicht das Allergeringste

gesagt sein soll! Es gab keine irgendwie greifbaren Vor- oder Nachteile

unter den sieben Tischen. Es war eine Demokratie von Ehrentischen, kühn

gesagt. Dieselben übergewaltigen Mahlzeiten wurden an diesem gereicht,

wie an allen anderen; Rhadamanthys selbst faltete dort zuweilen, im

Turnus, die riesigen Hände vor seinem Teller; und die daran speisenden

Völkerschaften waren ehrenwerte Mitglieder der Menschheit, wenn sie auch

kein Latein verstanden und sich beim Essen nicht übertrieben zierlich

benahmen.

Die Zeit, die nicht von der Art der Bahnhofsuhren ist, deren großer

Zeiger ruckweise, von fünf zu fünf Minuten fällt, sondern eher von der

jener ganz kleinen Uhren, deren Zeigerbewegung überhaupt untersichtig

bleibt, oder wie das Gras, das kein Auge wachsen sieht, ob es gleich

heimlich wächst, was denn auch eines Tages nicht mehr zu verkennen ist;

die Zeit, eine Linie, die sich aus lauter ausdehnungslosen Punkten

zusammensetzt (wobei der unselig verstorbene Naphta wahrscheinlich

fragen würde, wie lauter Ausdehnungslosigkeiten es anfangen, eine Linie

hervorzubringen): die Zeit also hatte in ihrer schleichend

untersichtlichen, geheimen und dennoch betriebsamen Art fortgefahren,

Veränderungen zu zeitigen. Der Knabe Teddy, um nur ein Beispiele zu

nennen, war eines Tages – aber natürlich nicht „eines Tages“, sondern

ganz unbestimmt von welchem Tage an – kein Knabe mehr. Die Damen konnten

ihn nicht mehr auf den Schoß nehmen, wenn er zuweilen aufstand, den

Pyjama mit dem Sportanzug vertauschte und herunterkam. Unmerklich hatte

das Blättchen sich gewendet, er nahm sie selbst auf den Schoß bei

solchen Gelegenheiten, und das machte beiden Teilen ebensoviel

Vergnügen, sogar noch mehr. Er war zum Jüngling – wir wollen nicht

sagen: erblüht, aber doch aufgeschossen: Hans Castorp hatte es nicht

gesehen, aber er sah es. Übrigens bekamen die Zeit und das Aufschießen

dem Jüngling Teddy nicht, er war nicht dafür geschaffen. Das Zeitliche

segnete ihn nicht, – in seinem einundzwanzigsten Jahre starb er an der

Krankheit, für die er aufnahmelustig gewesen, und in seinem Zimmer wurde

gestöbert. Mit ruhiger Stimme erzählen wir es, da kein großer

Unterschied war zwischen seinem neuen Zustande und dem bisherigen.

Aber gewichtigere Todesfälle ereigneten sich, flachländische Todesfälle,

die unseren Helden näher angingen oder doch ehemals ihn näher angegangen

hätten. Wir denken an das kürzlich erfolgte Ableben des alten Konsul

Tienappel, Hansens Großonkel und Pflegevater verblaßten Angedenkens. Er

hatte unzuträgliche Luftdruckverhältnisse sorgfältigst gemieden und es

Onkel James überlassen, sich darin zu blamieren; aber der Apoplexie

hatte er auf die Dauer doch nicht entgehen können, und die drahtlich

knapp, aber zart und schonend abgefaßte Nachricht von seinem Hintritt –

zart und schonend mehr mit Rücksicht auf den Verblichenen, als auf den

Empfänger der Botschaft – war eines Tages herauf an Hans Castorps

vorzüglichen Liegestuhl gelangt, worauf er sich schwarz gerändertes

Papier gekauft und den Onkel-Cousins geschrieben hatte, er, die

Doppelwaise, die sich nun als noch einmal, als dreifach verwaist zu

betrachten habe, sei um so betrübter, als es ihm verwehrt und verboten

sei, seinen hiesigen Aufenthalt zu unterbrechen, um dem Großonkel das

letzte Geleite zu geben.

Von Trauer zu reden, wäre Schönfärberei, doch zeigten Hans Castorps

Augen in jenen Tagen immerhin einen Ausdruck, der sinnender war als

gewöhnlich. Dieser Sterbefall, dessen Gefühlsbedeutung niemals mächtig

gewesen wäre und durch abenteuerliche Jährchen der Entfremdung auf fast

nichts herabgemindert worden war, er kam doch dem Zerreißen noch einer

Bindung, noch einer Beziehung zur unteren Sphäre gleich, gab dem, was

Hans Castorp mit Recht die Freiheit nannte, letzte Vollständigkeit.

Wirklich war in der späten Zeit, von der wir sprechen, jede Fühlung

zwischen ihm und dem Flachlande restlos aufgehoben. Er schrieb keine

Briefe dorthin und empfing keine. Er bezog Maria Mancini nicht mehr von

dort. Er hatte hier oben eine Marke gefunden, die ihm zusagte, und der

er nun ebenso Treue trug wie einst jener Freundin: ein Fabrikat, das

selbst dem Polarforscher im Eise über die ärgsten Strapazen

hinweggeholfen hätte, und mit dem versehen, man einfach wie am Meere lag

und es aushalten konnte, – eine besonders gut gepflegte

Sandblattzigarre, namens „Rütlischwur“, etwas gedrungener, als Maria,

mausgrau von Farbe, mit einem bläulichen Leibring, sehr fügsam und mild

im Charakter und zu schneeweißer, haltbarer Asche, in welcher die Adern

des Deckblattes stehen blieben, so gleichmäßig sich verzehrend, daß sie

dem Genießenden statt einer fließenden Sanduhr hätte dienen können und

ihm nach seinen Bedürfnissen auch so diente, denn seine Taschenuhr trug

er nicht mehr. Sie stand, sie war ihm eines Tages vom Nachttisch

gefallen, und er hatte davon abgesehen, sie wieder in messenden Rundlauf

setzen zu lassen, – aus denselben Gründen, weshalb er auch auf den

Besitz von Kalendern, sei es zum täglichen Abreißen, sei es zur

Vorbelehrung über den Fall der Tage und Feste, schon längst verzichtet

hatte: aus Gründen der „Freiheit“ also, dem Strandspaziergange, dem

stehenden Immer-und-Ewig zu Ehren, diesem hermetischen Zauber, für den

der Entrückte sich aufnahmelustig erwiesen, und der das Grundabenteuer

seiner Seele gewesen, dasjenige, worin alle alchymistischen Abenteuer

dieses schlichten Stoffes sich abgespielt hatten.

So lag er, und so lief wieder einmal, im Hochsommer, der Zeit seiner

Ankunft, zum siebentenmal – er wußte es nicht – das Jahr in sich selber.

Der Zauberberg. Zweiter Band · 第 28 / 31 题