Mynheer Peeperkorn, ein älterer Holländer, war eine Zeitlang Gast des
Hauses „Berghof“, das mit so großem Recht das Beiwort „international“ in
seinem Schilde führte. Peeperkorns leicht farbige Nationalität – denn er
war ein Kolonial-Holländer, ein Mann von Java, ein Kaffeepflanzer –
würde uns kaum vermögen, seine, Pieter Peeperkorns (so hieß er, so
bezeichnete er sich selbst; „jetzt labt Pieter Peeperkorn sich mit einem
Schnaps“, pflegte er zu sagen) – würde uns, sagen wir, noch nicht
bestimmen, seine Person zu elfter Stunde in unsere Geschichte
einzuführen; denn du großer Gott, in was für Tinten und Abschattungen
spielte nicht die Gesellschaft des bewährten Instituts, das Hofrat
Doktor Behrens in vielzüngiger Redensartlichkeit ärztlich leitete! Nicht
genug, daß neuerdings hier sogar eine ägyptische Prinzessin anwesend
war, dieselbe, die dem Hofrat einst das bemerkenswerte Kaffeegeschirr
und die Sphinxzigaretten geschenkt hatte, eine sensationelle Person mit
nikotingelben beringten Fingern und kurzgeschnittenem Haar, die, von den
Hauptmahlzeiten abgesehen, bei denen sie Pariser Toiletten trug, in
Herrensakko und gebügelten Hosen umherging, übrigens von der Männerwelt
nichts wissen wollte, sondern ihre zugleich träge und heftige Huld
ausschließlich einer rumänischen Jüdin zuwandte, die schlecht und recht
Frau Landauer hieß, während doch Staatsanwalt Paravant um Ihrer Hoheit
willen die Mathematik vernachlässigte und vor Verliebtheit geradezu den
Narren spielte: nicht genug also mit ihr persönlich, so befand sich
unter ihrem kleinen Gefolge auch noch ein verschnittener Mohr, ein
kranker, schwacher Mensch, der aber trotz seiner von Karoline Stöhr gern
gehechelten Grundverfassung am Leben mehr zu hängen schien als irgend
jemand, und sich untröstlich zeigte über das Bild, das die Platte von
seinem Inneren aufwies, nachdem man seine Schwärze durchleuchtet hatte
...
Verglichen mit solchen Erscheinungen also konnte Mynheer Peeperkorn fast
farblos wirken. Und wenn dieser Abschnitt unserer Erzählung, wie ein
früherer, die Überschrift „Noch jemand“ tragen könnte, so braucht
deshalb niemand zu besorgen, daß hier abermals ein Veranstalter
geistiger und pädagogischer Konfusion auf den Plan tritt. Nein, Mynheer
Peeperkorn war keineswegs der Mann, logische Verwirrung in die Welt zu
tragen. Er war ein völlig anderer Mann, wie wir sehen werden. Daß
gleichwohl schwere Verwirrung von seiner Person auf unseren Helden
ausging, begreift sich aus folgendem.
Mynheer Peeperkorn traf mit demselben Abendzuge in Station „Dorf“ ein,
wie Madame Chauchat, und fuhr mit ihr in demselben Schlitten nach Haus
Berghof, woselbst er mit ihr zusammen im Restaurant das Abendessen
einnahm. Es war eine mehr als gleichzeitige, es war eine _gemeinsame_
Ankunft, und diese Gemeinsamkeit, die ihre Fortsetzung zum Beispiel in
der Anordnung fand, daß Mynheer seinen Tischplatz neben der
Wiedergekehrten, am Guten Russentisch angewiesen erhielt, gegenüber dem
Doktorplatz, dort, wo ehemals der Lehrer Popów seine wilden
und zweideutigen Aufführungen veranstaltet hatte, – diese
Zusammengehörigkeit war es, die den guten Hans Castorp verstörte, da
dergleichen seiner Voraussicht entgangen war. Der Hofrat hatte ihm Tag
und Stunde von Clawdias Rückkehr auf seine Art angezeigt. „Na, Castorp,
alter Junge,“ hatte er gesagt, „treues Ausharren wird belohnt.
Übermorgen abend schleicht das Kätzchen sich wieder herein, ich hab’s
telegraphisch.“ Aber davon, daß Frau Chauchat nicht allein komme, hatte
er nichts verlauten lassen, vielleicht weil auch er nichts davon gewußt
hatte, daß sie und Peeperkorn zusammen kämen und zusammengehörten, –
wenigstens gab er Überraschung vor, als Hans Castorp ihn am Tage nach
der gemeinsamen Ankunft gewissermaßen zur Rede stellte.
„Kann ich Ihnen auch nicht sagen, wo sie den aufgegabelt hat“, erklärte
er. „Eine Reisebekanntschaft offenbar, von den Pyrenäen her, nehme ich
an. Tja, den müssen Sie nun erst mal in Kauf nehmen, Sie enttäuschter
Seladon, hilft Ihnen alles nichts. Dicke Freundschaft, verstehen Sie.
Wie es scheint, haben sie sogar gemeinsame Reisekasse. Der Mann ist
schwer reich, nach allem, was ich höre. Kaffeekönig in Ruhestand, müssen
Sie wissen, malaiischer Kammerdiener, opulente Umstände. Übrigens kommt
er bestimmt nicht zum Spaß, denn außer einer gehörigen alkoholischen
Verschleimung scheint malignes Tropenfieber vorzuliegen, Wechselfieber,
verstehen Sie, verschleppt, hartnäckig. Sie werden Geduld mit ihm haben
müssen.“
„Bitte sehr, bitte sehr“, sagte Hans Castorp von oben herab. „Und du?“
dachte er. „Wie ist dir zumute? Ganz unbeteiligt bist du doch auch
nicht, von früher her, wenn mich nicht dieses und jenes täuscht,
blaubackiger Witwer mit deiner anschaulichen Ölmalerei. Legst allerlei
Schadenfreude in deine Worte, wie mir scheint, und dabei sind wir doch
Leidensgenossen, gewissermaßen in Hinsicht auf Peeperkorn.“ – „Kurioser
Mann, entschieden originelle Erscheinung“, sagte er mit entwerfender
Gebärde. „Robust und spärlich, das ist der Eindruck, den man von ihm
gewinnt, den ich wenigstens heute beim Frühstück von ihm gewonnen habe.
Robust und auch wieder spärlich, mit diesen Eigenschaftswörtern muß man
ihn meiner Meinung nach kennzeichnen, obgleich sie gewöhnlich nicht für
vereinbar gelten. Er ist wohl groß und breit und steht gern spreizbeinig
da, die Hände in seinen senkrechten Hosentaschen vergraben – sie sind
senkrecht angebracht bei ihm, wie ich bemerken mußte, nicht seitlich,
wie bei Ihnen und mir und sonst wohl in den höheren Gesellschaftsklassen
–, und wenn er so dasteht und nach holländischer Weise am Gaumen redet,
dann hat er unleugbar was recht Robustes. Aber sein Kinnbart ist
schütter, – lang, aber schütter, daß man die Haare zählen zu können
glaubt, und seine Augen sind auch nur klein und blaß, ohne Farbe
geradezu, ich kann mir nicht helfen, und es nützt nichts, daß er sie
immer aufzureißen sucht, wovon er die ausgeprägten Stirnfalten hat, die
erst an den Schläfen aufwärts und dann horizontal über seine Stirn
laufen, – seine hohe, rote Stirn, wissen Sie, um die das weiße Haar zwar
lang, aber spärlich steht, – die Augen bleiben doch klein und blaß,
trotz allem Aufreißen. Und seine Schlußweste verleiht ihm was
Geistliches, trotzdem der Gehrock karriert ist. Das ist mein Eindruck
von heute morgen.“
„Ich sehe, Sie haben ihn aufs Korn genommen“, antwortete Behrens, „und
sich den Mann gut angesehen in seiner Eigenart, was ich vernünftig
finde, denn Sie werden sich mit seinem Vorhandensein arrangieren
müssen.“
„Ja, das werden wir wohl“, sagte Hans Castorp. – Es ist ihm überlassen
geblieben, von der Figur des neuen, unerwarteten Gastes ein ungefähres
Bild zu zeichnen, und er hat seine Sache nicht schlecht gemacht, – wir
hätten sie auch nicht wesentlich besser machen können. Allerdings war
sein Beobachtungsposten der günstigste gewesen: wir wissen ja, daß er
während Clawdias Abwesenheit dem Guten Russentisch nachbarlich
nahegerückt war, und da der seine mit jenem parallel stand – nur daß der
andere etwas weiter gegen die Verandatür sich vorschob – und Hans
Castorp sowohl wie Peeperkorn die nach dem Saalinnern gelegenen
Schmalseiten einnahmen, so saßen sie sozusagen nebeneinander, Hans
Castorp etwas hinter dem Holländer, was eine unauffällige Exploration
erleichterte, – während er Frau Chauchat im Dreiviertelsprofil schräg
vor sich hatte. Ergänzend wäre seiner begabten Skizze etwa hinzuzufügen,
daß Peeperkorns Oberlippe rasiert, seine Nase groß und fleischig und
sein Mund ebenfalls groß und von unregelmäßiger Lippenbildung, gleichsam
zerrissen war. Ferner waren seine Hände zwar ziemlich breit, aber mit
langen, spitz zulaufenden Nägeln versehen, und er bediente sich ihrer
beim Sprechen – bei seinem fast unaufhörlichen, wenn auch für Hans
Castorp dem Inhalte nach nicht recht greifbaren Sprechen – zu
auserlesenen, die Aufmerksamkeit spannenden Gebärden, den delikat
nuancierenden, gepflegten, genauen und reinlichen Kulturgebärden eines
Dirigenten, den Zeigefinger mit dem Daumen zum Kreise gekrümmt oder die
flache Hand – breit, aber nagelspitz – behütend, abdämpfend, Achtsamkeit
fordernd ausgebreitet, – um dann die lächelnde Achtsamkeit, die er
hervorgerufen, durch die Ungreifbarkeit seiner so stark vorbereiteten
Äußerung zu enttäuschen, – oder vielmehr nicht eigentlich zu
enttäuschen, sondern in ein erfreutes Staunen zu verwandeln; denn die
Stärke, Zartheit und Bedeutsamkeit der Vorbereitung ersetzte in hohem
Grade noch nachträglich, was ausblieb, und wirkte befriedigend,
unterhaltend, ja bereichernd durch sich selbst. Zuweilen erfolgte die
Äußerung überhaupt nicht. Er legte zart seine Hand auf den Unterarm
seines Nachbarn zur Linken, eines jungen bulgarischen Gelehrten, oder
auf den Madame Chauchats zu seiner Rechten, hob dann diese Hand schräg
aufwärts, Schweigen und Spannung gebietend für das, was zu sagen er im
Begriffe war, und blickte mit hochgezogenen Brauen, so daß die
rechtwinklig von seiner Stirn zu den äußeren Augenwinkeln laufenden
Falten sich maskenhaft vertieften, neben dem so Gefesselten auf das
Tischtuch nieder, indes seine großen, zerrissenen Lippen, geöffnet, im
Begriffe schienen, höchst Wichtiges zu entlassen. Nach einer Weile
jedoch atmete er aus, verzichtete, winkte gleichsam „Rührt euch“ und
wandte sich unverrichteterdinge seinem Kaffee wieder zu, den er sich
extra stark, in einer eigenen Maschine, hatte servieren lassen.
Nachdem er ihn getrunken, verfuhr er, wie folgt. Er dämmte mit der Hand
die Unterhaltung zurück, schuf Stille, wie der Dirigent, der das
Durcheinander der stimmenden Instrumente zum Schweigen bringt und sein
Orchester, kulturell gebietend, zum Beginn der Aufführung sammelt, –
denn da sein großes, vom weißen Haar umflammtes Haupt mit den blassen
Augen, den mächtigen Stirnfalten, dem langen Kinnbart und dem
bloßliegenden wehen Munde darüber unstreitig bedeutend wirkte, so fügte
alles sich seiner Gebärde. Alle verstummten, sahen ihn lächelnd an,
warteten, und da und dort nickte einer ihm zur Ermunterung lächelnd zu.
Er sagte mit ziemlich leiser Stimme:
„Meine Herrschaften. – Gut. Alles gut. Er–ledigt. Wollen Sie jedoch ins
Auge fassen und nicht – keinen Augenblick – außer acht lassen, daß –
Doch über diesen Punkt nichts weiter. Was auszusprechen mir obliegt, ist
weniger jenes, als vor allem und einzig dies, daß wir verpflichtet sind,
– daß der unverbrüchliche – ich wiederhole und lege alle Betonung auf
diesen Ausdruck – der _unverbrüchliche_ Anspruch an uns gestellt ist – –
_Nein!_ Nein, meine Herrschaften, nicht so! Nicht so, daß ich etwa – Wie
weit gefehlt wäre es, zu denken, daß ich – – Er–_ledigt_, meine
Herrschaften! Vollkommen erledigt. Ich weiß uns einig in alldem, und so
denn: zur Sache!“
Er hatte nichts gesagt; aber sein Haupt erschien so unzweifelhaft
bedeutend, sein Mienen- und Gestenspiel war dermaßen entschieden,
eindringlich, ausdrucksvoll gewesen, daß alle und auch der lauschende
Hans Castorp höchst Wichtiges vernommen zu haben meinten oder, sofern
ihnen das Ausbleiben sachlicher und zu Ende geführter Mitteilung bewußt
geworden war, dergleichen doch nicht vermißten. Wir fragen uns, wie
einem Tauben zumute gewesen wäre. Vielleicht hätte er sich gegrämt, weil
er den Fehlschluß vom Ausdruck aufs Ausgedrückte gemacht und sich
eingebildet hätte, durch sein Gebrechen geistig zu kurz zu kommen.
Solche Leute neigen zu Mißtrauen und Bitterkeit. Ein junger Chinese
dagegen, am anderen Tischende, der des Deutschen noch wenig mächtig war
und nicht verstanden, aber gehört und gesehen hatte, bekundete seine
erfreute Befriedigung durch den Ruf: „_Very well!_“ – und applaudierte
sogar.
Und Mynheer Peeperkorn kam „zur Sache“. Er richtete sich auf, dehnte die
breite Brust, knöpfte den karrierten Gehrock über der geschlossenen
Weste zu, und sein weißes Haupt war königlich. Er winkte eine
Saaltochter heran – es war die Zwergin –, und obgleich sehr beschäftigt,
folgte sie sofort seinem bedeutenden Zeichen und stellte sich, Milch-
und Kaffeekanne in Händen, neben seinen Stuhl. Auch sie konnte nicht
umhin, ihm mit ihrem großen, ältlichen Gesicht lächelnd und ermunternd
zuzunicken, in Achtsamkeit gebannt von seinem blassen Blick unter den
mächtigen Stirnfalten, von seiner erhobenen Hand, deren Zeigefinger sich
mit dem Daumen zum Kreise vereinigte, während die drei übrigen Finger
aufwärts standen, von den Lanzenspitzen der Nägel überragt.
„Mein Kind“, sagte er, „– gut. Alles ganz gut soweit. Sie sind klein, –
was macht mir das? Im Gegenteil! Ich werte es positiv, ich danke Gott
dafür, daß Sie sind, wie Sie sind, und durch Ihre charaktervolle
Kleinheit – Nun gut denn! Auch was ich von Ihnen wünsche, ist klein,
klein und charaktervoll. Vor allem, wie heißen Sie?“
Sie stotterte lächelnd und sagte dann, daß ihr Name Emerentia sei.
„Vortrefflich!“ rief Peeperkorn, indem er sich gegen die Stuhllehne
zurückwarf und den Arm gegen die Zwergin ausstreckte. Er rief es mit
einer Betonung, als wollte er sagen: Aber was wollen Sie denn? Alles
steht wundervoll! – „Mein Kind,“ fuhr er aufs ernsteste und fast mit
Strenge fort, „– das übertrifft alle meine Erwartungen. Emerentia – Sie
sprechen es mit Bescheidenheit aus, aber der Name – und in Verbindung
mit Ihrer Person – kurzum, das eröffnet die schönsten Möglichkeiten. Er
ist wohl wert, daß man ihm nachhängt und alles Gefühl seiner Brust
daransetzt, um – in der Koseform – Sie verstehen mich wohl, mein Kind:
in der _Kose_form – möge es Rentia heißen, aber auch Emchen wäre
erwärmend, – für den Augenblick halte ich es ohne Schwanken mit Emchen.
Emchen also, mein Kind, merke auf: Ein wenig Brot, meine Liebe. Halt!
Steh! Daß ja kein Mißverständnis sich einschleiche! Ich sehe es deinem
verhältnismäßig großen Gesichte an, daß diese Gefahr – Brot, Renzchen,
aber nicht gebackenes Brot, – wir haben hier davon die Fülle, in
allerlei Gestalt. Sondern gebranntes, mein Engel. Gottesbrot, klares
Brot, kleine Koseform, und zwar der Labung wegen. Ich bin ungewiß, ob
Ihnen der Sinn dieses Wortes – ich würde vorschlagen, ‚Herzstärkung‘
dafür einzusetzen, liefe hier nicht die neue Gefahr mit unter, es im
Sinne gebräuchlicher Leichtfertigkeit – Er–ledigt, Rentia. Erledigt und
ausgeschlossen. Vielmehr im Sinn unserer Pflicht und heiligen
Verbindlichkeit – Zum Beispiel also der mir obliegenden Ehrenschuld,
mich deiner charakteristischen Kleinheit so recht starken Herzens –
Einen Genever, Geliebte! – Zu erfreuen, wollte ich sagen. Schiedamer,
Emerenzchen. Eile und bringe mir einen!“
„Einen Genever, echt“, wiederholte die Zwergin, drehte sich einmal um
sich selbst, in dem Wunsch, ihrer Kannen ledig zu werden, und stellte
sie dann auf Hans Castorps Tisch, neben sein Besteck, offenbar, weil sie
Herrn Peeperkorn nicht damit behelligen mochte. Sie eilte, und ihr
Auftraggeber erhielt sofort das Gewünschte. Das Gläschen war so voll
geschenkt, daß das „Brot“ an allen Seiten daran herunterlief und den
Teller benetzte. Er nahm es mit Daumen und Mittelfinger und hob es gegen
das Licht. „Sohin“, erklärte er, „labt Pieter Peeperkorn sich mit einem
Schnaps.“ Und er schluckte das Korndestillat, nachdem er es kurz gekaut.
„Jetzt“, sagte er, „sehe ich Sie alle mit erquickten Augen an.“ Und er
nahm Frau Chauchats Hand vom Tischtuch, führte sie an die Lippen und
legte sie dann zurück, worauf er die seine noch einige Zeit darauf ruhen
ließ.
Ein eigentümlicher, persönlich gewichtiger, wenn auch undeutlicher Mann.
Die Berghof-Gesellschaft nahm regen Anteil an ihm. Er habe sich kürzlich
von den Kolonialgeschäften zurückgezogen, hieß es, und das Seine ins
Trockene gebracht. Man sprach von seinem prächtigen Hause im Haag und
seiner Villa in Scheveningen. Frau Stöhr nannte ihn einen
„Geld-Magneten“ (Magnat! Die Fürchterliche!) und konnte dabei auf eine
Perlenreihe hinweisen, die Madame Chauchat seit ihrer Heimkehr zum
Abendkleide trug, und die nach Karolinens Meinung wohl kaum als Zeugnis
transkaukasischer Gattengalanterie verstanden werden durfte, sondern der
„gemeinsamen Reisekasse“ entstammte. Sie zwinkerte dabei, wies seitlich
mit dem Kopf auf Hans Castorp und zog in parodistischer Betrübnis den
Mund herunter, indem sie, unverfeinert durch Krankheit und Leiden, seine
Mißlage zu rücksichtsloser Verhöhnung ausnutzte. Er bewahrte Haltung. Er
verbesserte ihren Bildungsschnitzer sogar nicht ohne Witz. Sie habe sich
versprochen, sagte er. Geldmagnat. Aber Magnet sei auch nicht schlecht,
denn offenbar habe Peeperkorn viel Anziehendes. Auch der Lehrerin
Engelhart, als sie ihn matt errötend, scheel lächelnd und ohne ihn
anzusehen befragte, wie der neue Gast ihm behage, antwortete er mit gut
bewahrtem Gleichmut. Mynheer Peeperkorn sei eine „verwischte
Persönlichkeit“, sagte er, – eine Persönlichkeit, aber verwischt. Die
Genauigkeit dieser Kennzeichnung bewies Objektivität und damit
Gemütsruhe; sie warf die Lehrerin aus ihrer Position. Und was nun gar
Ferdinand Wehsal und seinen verzerrten Hinweis auf die unerwarteten
Umstände betraf, unter denen Frau Chauchat zurückgekehrt war, so bewies
hier Hans Castorp, daß es Blicke gibt, die an präziser Eindeutigkeit um
kein Haar dem artikuliertesten Worte nachstehen. „Erbärmlicher!“ besagte
der Blick, mit dem er den Mannheimer maß, besagte es unter Ausschluß
jeder auch nur aufs leichteste fehlgehenden Auslegung, und Wehsal
anerkannte denn auch diesen Blick und steckte ihn ein, ja er nickte
sogar dazu, indem er seine zerstörten Zähne zeigte, nahm aber doch von
nun an Abstand davon, auf Spaziergängen mit Naphta, Settembrini und
Ferge Hans Castorps Paletot zu tragen.
In Gottes Namen, er konnte ihn selber tragen, er trug ihn sogar lieber
selbst, und nur aus Freundlichkeit hatte er ihn dem Elenden dann und
wann überlassen. Das aber verkennt wohl niemand in unserer Runde, daß
Hans Castorp hart betroffen war durch jene völlig unvorhergesehenen
Umstände, die alle Vorbereitungen zuschanden machten, die er für das
Wiedersehen mit dem Gegenstand seiner Faschingsabenteuer innerlich
getroffen hatte. Besser gesagt: sie machten sie überflüssig, und darin
lag das Beschämende.
Seine Vorsätze waren die zartesten, besonnensten gewesen, weit entfernt
von täppischem Ungestüm. Kein Gedanke daran, daß er Clawdia etwa vom
Bahnhof hatte abholen wollen, – und ein Glück nur, daß er diesen
Gedanken nicht hatte aufkommen lassen! Überhaupt aber war ganz ungewiß
gewesen, ob eine Frau, der die Krankheit so große Freiheit verlieh, die
phantastischen Ereignisse einer fernen maskierten und fremdsprachigen
Traumnacht auch nur werde wahrhaben wollen, oder ob sie wünschen werde,
unmittelbar daran erinnert zu sein. Nein, keine Zudringlichkeit, kein
plumper Anspruch! Selbst zugegeben, daß sein Verhältnis zu der
schrägäugigen Kranken die Grenzen abendländischer Vernunft und Gesittung
dem Wesen nach hinter sich ließ, – in der Form war vollkommenste
Zivilisation und für den Augenblick sogar der Schein der
Gedächtnislosigkeit zu wahren. Ein Kavaliersgruß von Tisch zu Tisch –
fürs erste nichts weiter! Ein höfisches Hinzutreten bei späterer
Gelegenheit, unter leichter Erkundigung nach dem Ergehen der Reisenden
seit neulich ... Das eigentliche Wiedersehen mochte sich zu seiner
Stunde als Lohn beherrschter Ritterlichkeit daraus ergeben.
All dieser Zartsinn, wie gesagt, erschien nun hinfällig dadurch, daß ihm
die Freiwilligkeit und damit alle Verdienstlichkeit genommen war. Die
Gegenwart Mynheer Peeperkorns schaltete die Möglichkeit einer Taktik,
die _nicht_ in äußerster Zurückhaltung bestanden hätte, allzu gründlich
aus. Hans Castorp hatte am Abend der Ankunft von seiner Loge aus den
Schlitten, auf dessen Bock neben dem Kutscher der malaiische
Kammerdiener saß, ein gelbes Männchen mit einem Pelzkragen auf dem
Überzieher und in steifem Hut, im Schritt die Wegschleife heraufkommen
sehen, und zuseiten Clawdias im Fond hatte, Hut in der Stirn, der Fremde
gesessen. Diese Nacht hatte Hans Castorp wenig geschlafen. Am Morgen
hatte es keine Schwierigkeiten bereitet, den Namen des verwirrenden
Mitkömmlings zu erfahren, mit der Nachricht als Dreingabe, daß beide im
ersten Stockwerk nachbarliche Vorzugsräumlichkeiten bezogen hätten. Dann
war das erste Frühstück gekommen, bei dem er, zeitig an seinem Platze
und blaß genug, auf das Zufallen der Glastür gewartet hatte. Es war
ausgeblieben. Clawdias Eintritt hatte sich lautlos vollzogen, denn
hinter ihr hatte Mynheer Peeperkorn die Glastür geschlossen, – groß,
breit und hochgestirnt, weiß umlodert das mächtige Haupt, war er den
Spuren der Reisegefährtin gefolgt, die sich mit vertrautem Katzentritt,
vorgeschobenen Kopfes, ihrem Tisch genähert hatte. Ja, sie war es,
unverändert. Programmwidrig und selbstvergessen umfaßte Hans Castorp sie
mit seinem übernächtigen Blick. Es war ihr rötlichblondes, nicht weiter
kunstreich frisiertes, sondern in einfacher Flechte um den Kopf gelegtes
Haar, es waren ihre „Steppenwolfslichter“, ihre Nackenrundung, ihre
Lippen, die voller erschienen, als sie waren, vermöge jener Betonung der
Wangenknochen, die eine anmutige Höhlung der Wangen selbst bewirkte ...
Clawdia! dachte er erschauernd, – und er faßte den Unerwarteten ins
Auge, nicht ohne ein spöttisch-trotziges Kopfaufwerfen gegen die
maskenhafte Großartigkeit seiner Erscheinung, nicht ohne die
Aufforderung an sein Herz, sich lustig zu machen über die
Großmächtigkeit eines gegenwärtigen Besitzrechtes, das durch gewisse
Vergangenheiten in ein recht schiefes Licht gesetzt wurde: _gewisse_
Vergangenheiten in der Tat, nicht dunkel unsichere, auf dem Gebiet der
dilettantischen Ölmalerei gelegen, wie sie ihn selbst wohl zu
beunruhigen vermocht hatten ... Auch ihre Art, vor dem Platznehmen gegen
den Saal hin lächelnd Front zu machen, sich gleichsam der Gesellschaft
zu präsentieren, hatte Frau Chauchat bewahrt, und Peeperkorn leistete
ihr Gefolgschaft darin, indem er schräg hinter ihr stehend die kleine
Zeremonie sich vollziehen ließ, um sich danach an seinem Tischende zu
Clawdias Seite niederzulassen.
Es war nichts gewesen mit dem Kavaliersgruß von Tisch zu Tisch. Clawdias
Augen waren bei der „Vorstellung“ über Hans Castorps Person wie über
seinen ganzen Ort in fernere Gegenden des Saales hinweggeschweift; bei
der folgenden Zusammenkunft im Speisesaal war es nicht anders gewesen;
und je mehr Mahlzeiten vergingen, ohne daß die Blicke sich anders
begegnet wären, als in einem blinden und gleichgültigen Hinstreifen von
Frau Chauchats Seite, wenn sie sich während des Essens einmal umwandte,
desto unpassender wurde es, den Kavaliersgruß noch anzubringen. Während
der kurzen Abendgeselligkeit hielten die Reisegefährten sich in dem
kleinen Salon: Auf dem Sofa saßen sie nebeneinander, im Kreise ihrer
Tischgenossen, und Peeperkorn, dessen großartiges Angesicht hochgerötet
gegen die Weiße seines flammenden Haars und seines Kinnbartes abstach,
trank die Flasche Rotwein zu Ende, die er sich zum Diner hatte geben
lassen. Zu jeder Hauptmahlzeit trank er eine, auch anderthalb oder zwei,
zu schweigen von dem „Brote“, mit dem er schon beim ersten Frühstück
begann. Offenbar war der königliche Mann der Labung in ungewöhnlichem
Grade bedürftig. Auch in Gestalt von extrastarkem Kaffee führte er sie
sich mehrmals am Tage zu: nicht nur in der Frühe, sondern auch mittags
trank er ihn aus großer Tasse, – nicht nach der Mahlzeit, sondern
während ihrer und neben dem Wein. Beides, hörte Hans Castorp ihn sagen,
sei gut gegen das Fieber, – von aller labenden Wirkung ganz abgesehen,
sehr gut gegen sein intermittierendes Tropenfieber, das ihn schon am
zweiten Tage für mehrere Stunden an Zimmer und Bett fesselte.
Quartanfieber nannte der Hofrat es, da es den Holländer ungefähr
viertägig anwandelte: erst als ein Klappern, dann als ein Glühen und
dann als ein Schwitzen. Auch eine geschwollene Milz sollte er davon
haben.
_Vingt et un_
So verging eine Zeit, – es waren Wochen, wohl drei bis vier, von uns aus
geschätzt, da wir uns auf Hans Castorps Urteil und messenden Sinn
unmöglich verlassen können. Sie glitten dahin, ohne neue Veränderung zu
zeitigen, sie zeitigten auf seiten unseres Helden gewohnheitsmäßigen
Trotz gegen unvorgesehene Umstände, die ihm eine verdienstlose
Zurückhaltung auferlegten; gegen jenen Umstand, der sich selbst Pieter
Peeperkorn nannte, wenn er einen Schnaps zu sich nahm; an das störende
Vorhandensein dieses königlichen, gewichtigen und undeutlichen Mannes, –
störend in der Tat auf viel derbere Weise, als etwa Herr Settembrini
„hier gestört“ hatte, in alten Tagen. Trotzig-mißlaunige Falten gruben
sich senkrecht zwischen Hans Castorps Brauen ein, und unter diesen
Falten betrachtete er fünfmal am Tage die Heimgekehrte, froh immerhin,
sie betrachten zu können und voller Geringschätzung für eine
großmächtige Gegenwart, die nicht ahnte, ein wie schiefes Licht die
Vergangenheit auf sie warf.
Eines Abends nun aber, wie das wohl ohne besonderen Anlaß einmal
geschehen mochte, hatte die Abendgeselligkeit in Halle und Zimmern sich
reger als alltäglich gestaltet. Es hatte Musik gegeben, Zigeunerweisen,
von einem ungarischen Studenten auf der Geige keck exekutiert, worauf
Hofrat Behrens, der ebenfalls mit Doktor Krokowski auf eine
Viertelstunde erschienen war, irgend jemanden genötigt hatte, in der
tieferen Lage des Pianinos die Melodie des „Pilgerchors“ zu spielen,
während er selbst, daneben stehend, den Diskant des Instrumentes auf
hüpfende Art mit einer Bürste bearbeitete und so die begleitenden
Violinfiguren parodierte. Das gab zu lachen. Unter großem Applaus, mit
wohlwollendem Kopfschütteln, das dem eigenen Übermut galt, verließ der
Hofrat danach die Konversationsräume. Die Geselligkeit aber spann sich
hin, noch wurde fortmusiziert, ohne daß gesammelte Aufmerksamkeit dafür
gefordert worden wäre, man saß bei Domino und Bridge mit Getränken,
unterhielt sich mit den Scherzinstrumenten, und plauderte da und dort.
Auch die Gesellschaft des Guten Russentisches hatte sich unter die
Gruppen der Halle und des Klavierzimmers gemischt. Man sah Mynheer
Peeperkorn an verschiedenen Stellen, – man konnte nicht umhin, ihn zu
sehen, sein majestätisches Haupt überragte jede Umgebung, schlug sie
durch königliche Wucht und Bedeutung, und wenn diejenigen, die ihn
umstanden, ursprünglich nur durch das Gerücht seines Reichtums mochten
angezogen worden sein, so war es doch sehr bald seine Persönlichkeit
selbst und allein, an der sie hingen: lächelnd standen sie und nickten
ihm zu, ermunternd und selbstvergessen; gebannt durch sein fahles Auge
unter den mächtigen Stirnfalten, in Spannung gehalten durch die
Eindringlichkeit seiner langnägeligen Kulturgebärden und ohne über die
unverständliche Abgerissenheit, Undeutlichkeit und tatsächliche
Unbrauchbarkeit dessen, was ihnen folgte, sich des leisesten
Enttäuschungsgefühles bewußt zu werden.
Sehen wir uns unter diesen Verhältnissen nach Hans Castorp um, so finden
wir ihn im Schreib- und Lesezimmer, jenem Gesellschaftsraum, wo ihm
einst (dies Einst ist vage; Erzähler, Held und Leser sind nicht mehr
ganz im klaren über seinen Vergangenheitsgrad) gewichtige Eröffnungen
über die Organisation des Menschheitsfortschritts zuteil geworden. Es
war stiller hier; nur ein paar Personen teilten mit ihm den Aufenthalt.
Jemand schrieb unter einer elektrischen Hängelampe an einem der
Doppelpulte. Eine Dame mit zwei Zwickern auf der Nase blätterte an der
Bibliothek sitzend in einem illustrierten Bande. Hans Castorp saß in der
Nähe des offenen Durchganges zum Klavierzimmer, den Rücken der Portiere
zugewandt, mit einer Zeitung auf dem Stuhl, der dort eben gestanden
hatte, einem plüschbezogenen Renaissancestuhl, wenn man ihn sehen will,
mit hoher, gerader Rückenlehne und ohne Armlehnen. Der junge Mann hielt
seine Zeitung zwar so, wie man sie hält, um zu lesen, las aber nicht,
sondern lauschte mit schrägem Kopf auf das abgerissene und mit Gespräch
durchsetzte Musizieren nebenan, während die Finsternis seiner Brauen
darauf hindeutete, daß auch dies nur mit halbem Ohre geschah, und daß
seine Gedanken unmusikalische Wege gingen, dornige Wege der Enttäuschung
durch Umstände, die einen jungen Mann, der große Wartezeit auf sich
genommen, am Ende dieser Wartezeit schmählich zum Narren hielten, –
bittere Wege des Trotzes, auf denen es bestimmt nicht mehr weit war bis
zu dem Entschluß und seiner Ausführung, die Zeitung auf diesen
zufälligen und unbequemen Stuhl zu legen, durch jene Tür, durch die nach
der Halle, hinauszugehen und die frostbeißende Einsamkeit der
Balkonloge, zu zweien mit Maria Mancini, gegen diese verpfuschte
Geselligkeit einzutauschen.
„Und Ihr Vetter, Monsieur?“ fragte hinter ihm, über seinem Kopf, eine
Stimme. Es war eine bezaubernde Stimme für sein Ohr, das nun einmal
geschaffen war, ihre herbsüße Verschleierung als extreme Annehmlichkeit
zu empfinden – den Begriff des Angenehmen eben auf einen extremen Gipfel
getrieben –, es war die Stimme, die vor Zeiten gesagt hatte: „Gern. Aber
mach ihn nicht entzwei“, eine bezwingende, eine Schicksalsstimme, und
wenn ihm recht war, so hatte sie nach Joachim gefragt.
Er ließ seine Zeitung langsam sinken und schob das Gesicht etwas höher,
so daß sein Kopf weiter oben, nur mit dem Haarwirbel an der steilen
Stuhllehne lag. Er schloß sogar die Augen ein wenig, tat sie aber gleich
wieder auf, um sie schräg aufwärts, in der Richtung, die seinem Blick
durch die Haltung seines Kopfes gewiesen war, irgendwohin ins Leere zu
richten. Der Gute, man hätte sagen mögen, sein Ausdruck habe fast etwas
Seherisches und Somnambules. Er wünschte, sie möchte noch einmal fragen,
doch das geschah nicht. So war er nicht einmal sicher, ob sie noch
hinter ihm stände, als er nach geraumer Zeit, mit sonderbarer Verspätung
und halber Stimme zur Antwort gab:
„Er ist tot. Er hat Dienst gemacht in der Ebene und ist gestorben.“
Er selbst bemerkte, daß „tot“ das erste betonte Wort war, das wieder
zwischen ihnen fiel. Er bemerkte zugleich, daß sie aus Mangel an
Vertrautheit mit seiner Sprache zu leichte Ausdrücke des Mitgefühls
wählte, als sie hinter und über ihm sagte:
„O weh. Das ist schade. Ganz tot und begraben? Seit wann?“
„Seit einiger Zeit. Seine Mutter nahm ihn mit sich hinunter. Es war ihm
ein Kriegsbart gewachsen. Es sind drei Ehrensalven über seinem Grabe
abgegeben worden.“
„Die hatte er verdient. Er war sehr brav. Viel braver als andere Leute,
gewisse andere.“
„Ja, er war brav. Radamanth sprach immer von seinem Biereifer. Aber sein
Körper wollte es anders. _Rebellio carnis_, heißt es bei den Jesuiten.
Er war immer körperlich gesinnt, auf ehrenhafte Weise. Aber sein Körper
hatte Unehrenhaftes eindringen lassen und schlug seinem Biereifer ein
Schnippchen. Es ist übrigens moralischer, sich zu verlieren und selbst
zu verderben, als sich zu bewahren.“
„Ich sehe wohl, man ist immer noch ein philosophischer Taugenichts.
Radamanth? Wer ist das?“
„Behrens. Settembrini nennt ihn so.“
„Ah, Settembrini, ich weiß. Das war jener Italiener da ... Ich liebte
ihn nicht. Er war nicht menschlich gesinnt.“ (Die Stimme sprach das Wort
„mähnschlich“ aus, mit einer gewissen trägen und schwärmerischen
Dehnung.) „Er war hochmütig.“ (Auf der zweiten Silbe betont.) „Er ist
nicht mehr da? Ich bin dumm. Ich weiß nicht, was das ist: Radamanth.“
„Etwas Humanistisches. Settembrini ist verzogen. Wir haben weitläufig
philosophiert in diesen Zeiten, er und Naphta und ich.“
„Wer ist Naphta?“
„Sein Widersacher.“
„Wenn er sein Widersacher ist, möchte ich seine Bekanntschaft machen. –
Aber habe ich nicht gesagt, daß Ihr Vetter sterben würde, wenn er
versuchte, in der Ebene Soldat zu sein?“
„Ja, du hast es gewußt.“
„Was fällt Ihnen ein!“
Längeres Stillschweigen. Er widerrief nichts. Er wartete, den Wirbel
gegen die steile Lehne gedrückt, mit Seherblick auf das Wiederlautwerden
der Stimme, ungewiß aufs neue, ob sie noch hinter ihm sei, befürchtend,
das abgerissene Musizieren nebenan möchte das Geräusch sich entfernender
Schritte verschlungen haben. Endlich jedoch kam es wieder:
„Und Monsieur ist nicht einmal zum Begräbnis des Vetters gefahren?“
Er antwortete:
„Nein, ich habe ihm hier Adieu gesagt, bevor man ihn einschloß, da er
anfing, zu lächeln. Du glaubst nicht, wie kalt seine Stirne war.“
„Schon wieder! Was für eine Redeweise zu einer Dame, die man kaum
kennt!“
„Soll ich humanistisch reden statt menschlich?“ (Unwillkürlich dehnte
auch er das Wort auf schläfrige Weise, ungefähr wie jemand, der sich
reckt und gähnt.)
„_Quelle blague!_ – Sie waren immer hier?“
„Ja. Ich habe gewartet.“
„Worauf?“
„Auf dich.“
Ein Lachen zu seinen Häupten, hervorgestoßen zugleich mit dem Worte
„Narr!“ „Auf mich! Man wird dich nicht fortgelassen haben.“
„Doch, Behrens hätte mich einmal fortgelassen, im Jähzorn. Aber es wäre
nur wilde Abreise gewesen. Denn außer den alten Narben von früher her,
aus meiner Schulzeit, du weißt, ist da die frische Stelle, die Behrens
gefunden hat, und die mir das Fieber macht.“
„Immer noch Fieber?“
„Ja, immer etwas. Fast immer. Es wechselt. Aber es ist kein
Wechselfieber.“
„_Des allusions?_“
Er schwieg. Er machte finstere Brauen über seinem Seherblick. Nach einer
Weile fragte er:
„Und wo warst _du_?“
Eine Hand schlug auf die Stuhllehne.
„_Mais c’est un sauvage!_ – Wo ich war? Überall. In Moskau“ (die Stimme
sagte „Muoskau“, – es war eine ähnlich träge Dehnung wie die von
„mähnschlich“), „in Baku, in deutschen Bädern, in Spanien.“
„O, in Spanien. Wie war es?“
„Soso. Man reist schlecht. Die Leute sind halbe Mohren. Kastilien ist
sehr dürr und starr. Der Kreml ist schöner als das Schloß oder Kloster
dort am Fuß des Gebirges ...“
„Der Eskorial.“
„Ja, Philipps Schloß. Ein unmähnschliches Schloß. Mir hat viel besser
gefallen der Volkstanz in Katalunien, die Sardana, zum Dudelsack. Ich
habe selbst mitgetanzt. Alle fassen sich an und tanzen Ringelreihn. Der
ganze Platz ist voll. _C’est charmant._ Es ist mähnschlich. Ich habe mir
eine kleine blaue Mütze gekauft, wie dort alle Männer und Knaben des
Volks sie tragen, fast schon ein Fes, die Boina. Ich trage sie in der
Liegekur und sonst. Monsieur wird urteilen, ob sie mir gut steht.“
„Welcher Monsieur?“
„Der hier im Stuhl.“
„Ich dachte: Mynheer Peeperkorn.“
„Der hat schon geurteilt. Er sagt, sie stände mir reizend.“
„Hat er das gesagt? Zu Ende gesagt? Den Satz zu Ende gesprochen, daß man
ihn verstehen konnte?“
„Ah, es scheint, man ist mißgelaunt. Man möchte boshaft sein, beißend.
Man versucht, sich lustig zu machen über Leute, die viel größer und
besser und mähnschlicher sind als man selber mitsamt seinem ... _avec
son ami bavard de la Méditerranée, son maître grand parleur_ ... Aber
ich werde nicht erlauben, daß man meine Freunde –“
„Hast du mein Innenporträt noch?“ unterbrach er die Stimme in
schwermütigem Tonfall.