„Ich trage das deine hier. Außerdem habe ich eine kleine Staffelei auf
meiner Kommode, wo es bei Nacht und –“
Er kam nicht zu Ende. Vor ihm stand Peeperkorn. Er hatte sich nach
seiner Reisebegleiterin umgesehen; durch die Portiere war er
hereingekommen und stand vor dem Stuhle dessen, mit dem er sie
hinterrücks plaudern sah, – stand da wie ein Turm, und zwar dicht vor
Hans Castorps Füßen, so daß dieser, durch seinen Somnambulismus nicht an
der Einsicht gehindert, daß es nun aufzustehen und höflich zu sein
gelte, Mühe hatte, zwischen den beiden von seinem Stuhle emporzukommen,
– er mußte sich seitlich davon herunterschieben, so daß denn also die
handelnden Personen in einem Dreieck standen, den Stuhl in ihrer Mitte.
Frau Chauchat genügte einer Forderung des gesitteten Abendlandes, indem
sie „die Herren“ einander vorstellte. Ein Bekannter von früher her,
sagte sie in Bezug auf Hans Castorp, – aus Tagen ihres vorigen
Aufenthalts. Herrn Peeperkorns Existenz bedurfte keiner Erläuterung. Sie
nannte seinen Namen, und der Holländer, den blassen Blick unter dem
idolhaften Arabeskenwerk seiner aufmerksam vertieften Stirn- und
Schläfenfalten auf den jungen Mann gerichtet, reichte ihm die Hand,
deren breiter Rücken sommersprossig war, – eine Kapitänshand, dachte
Hans Castorp, wenn man die Nagellanzen beiseite ließ. Zum erstenmal
stand er unter der unmittelbaren Einwirkung von Peeperkorns wuchtiger
Persönlichkeit („Persönlichkeit“ – man hatte das Wort beständig im Sinne
angesichts seiner; man wußte auf einmal, was das war, eine
Persönlichkeit, wenn man ihn sah, ja mehr noch, man war überzeugt, daß
eine Persönlichkeit überhaupt nicht anders aussehen könne als er), und
seine schwanken Jünglingsjahre fühlten sich erdrückt von dem Gewicht
dieser breitschultrigen, rotgesichtigen, weißumlohten Sechzig, mit dem
weh zerrissenen Munde und Kinnbart, der lang und schmal auf die
geistlich geschlossene Weste niederhing. Übrigens war Peeperkorn die
Artigkeit selbst.
„Mein Herr,“ sagte er, „– durchaus. Nein, erlauben Sie mir, – durchaus!
Ich mache heute abend Ihre Bekanntschaft, – die Bekanntschaft eines
vertrauenerweckenden jungen Mannes, – ich tue es mit Bewußtsein, mein
Herr, ich bin mit ganzer Kraft bei der Sache. Sie gefallen mir, mein
Herr; ich – bitte sehr! Erledigt. Sie sagen mir zu.“
Da gab es keine Widerrede. Seine Kulturgebärden waren allzu
peremtorisch, Hans Castorp gefiel ihm. Und Peeperkorn zog Folgerungen
daraus, die er andeutungsweise verlautbarte, und die durch den Mund
seiner Reisebegleiterin eine hilfreich-sinngemäße Ergänzung fanden.
„Mein Kind,“ sagte er, „– alles gut. Wie wäre es aber – ich bitte mich
wohl zu verstehen. Das Leben ist kurz, unser Vermögen, seinen
Anforderungen gerecht zu werden, es ist nun einmal – Das sind Tatsachen,
mein Kind. Gesetze. Un–er–bittlichkeiten. Kurzum, mein Kind, kurzum und
gut. –“ Er verharrte in ausdrucksvoll anheimstellender Geste, die
Verantwortung ablehnend für den Fall, daß hier trotz seines Hinweises
ein entscheidender Fehler begangen werden sollte.
Offenbar war Frau Chauchat geübt, die Richtung seiner Wünsche aufs halbe
Wort zu unterscheiden. Sie sagte:
„Warum nicht. Man könnte noch etwas beieinander bleiben, vielleicht ein
Spielchen machen und eine Flasche Wein trinken. Was stehen Sie?“ wandte
sie sich an Hans Castorp. „Regen Sie sich! Wir werden nicht zu dreien
bleiben, wir müssen Gesellschaft haben. Wer ist noch im Salon?
Engagieren Sie, wen Sie finden! Holen Sie einige Freunde von den
Balkons. Wir werden Doktor Ting-Fu von unserem Tische auffordern.“
Peeperkorn rieb sich die Hände.
„Absolut“, sagte er. „Perfekt. Vorzüglich. Eilen Sie, junger Freund!
Gehorchen Sie! Wir werden einen Kreis bilden. Wir werden spielen und
essen und trinken. Wir werden fühlen, daß wir – Absolut, junger Mann!“
Hans Castorp fuhr mit dem Lift in den zweiten Stock. Er klopfte bei A.
K. Ferge an, der seinerseits Ferdinand Wehsal und Herrn Albin aus ihren
Stühlen in der unteren Liegehalle holte. Man hatte Staatsanwalt Paravant
und das Ehepaar Magnus noch in der Halle, Frau Stöhr und die Kleefeld
noch im Salon gefunden. Hier wurde unter dem Mittellüster ein geräumiger
Spieltisch aufgeschlagen, den man mit Stühlen und kleinen
Anrichtetischen umgab. Mynheer begrüßte jeden Gast, der sich zugesellte,
blassen und höflichen Blickes, unter aufmerksam emporgezogenen
Stirnarabesken. Zu zwölf Personen ließ man sich nieder, Hans Castorp
zwischen dem majestätischen Gastgeber und Clawdia Chauchat; Karten und
Spielmarken wurden aufgelegt, denn man hatte sich auf einige Gänge
_Vingt et un_ geeinigt, und Peeperkorn bestellte in seiner bedeutsamen
Art bei der herbeigerufenen Zwergin Wein, einen weißen Chablis vom Jahre
06, drei Flaschen fürs erste, und Süßigkeiten dazu, was eben an
gedörrtem Südobst und Konfiserie würde aufzutreiben sein. Das
Händereiben, mit dem er die guten Dinge begrüßte, die aufgetragen
wurden, war voll von Behagen, und auch in Worten, die auf bedeutende Art
abrissen, suchte er seine Empfindungen mitzuteilen, mit vollem Gelingen
in der Tat, soweit eine allgemeine Persönlichkeitswirkung in Frage kam.
Er legte beide Hände auf die Unterarme seiner Nachbarn, hob den
lanzenspitzen Zeigefinger und forderte mit umfassendem Erfolge die
höchste Aufmerksamkeit für die herrliche Goldfarbe des Weins in den
Römern, für den Zucker, den die Malagatrauben schwitzten, für eine
gewisse Art kleiner Salz- und Mohnbrezeln, die er göttlich nannte, indem
er jeden Widerspruch, der sich gegen ein so starkes Wort etwa hätte
regen wollen, durch eine peremtorische Kulturgebärde im Keime erstickte.
Er war es, der als erster die Bank übernahm; doch trat er sie bald an
Herrn Albin ab, da, wenn man ihn recht verstand, das Amt ihn am freien
Genusse der Umstände hinderte.
Ersichtlich war das Hazard ihm Nebensache. Man spielte um nichts, seiner
Meinung nach, hatte fünfzig Rappen als kleinsten Einsatz ausgerufen nach
seinem Vorschlage, doch war das sehr viel für die Mehrzahl der
Beteiligten; Staatsanwalt Paravant sowohl wie Frau Stöhr wurden
abwechselnd rot und blaß, und namentlich diese wand sich in furchtbaren
Kämpfen, wenn sie vor der Frage stand, ob sie bei achtzehn noch kaufen
sollte. Sie kreischte laut, wenn Herr Albin ihr mit kalter Routine eine
Karte zuwarf, deren Höhe ihr Wagnis über und über zuschanden machte, und
Peeperkorn lachte herzlich darüber.
„Kreischen Sie, kreischen Sie, Madame!“ sagte er. „Es klingt schrill und
lebensvoll und kommt aus tiefster – Trinken Sie, laben Sie Ihr Herz zu
neuen –“ Und er schenkte ihr ein, schenkte auch seinen Nachbarn und sich
selber ein, bestellte drei neue Flaschen und stieß mit Wehsal und der
innerlich verödeten Frau Magnus an, da diese beiden ihm der Belebung am
bedürftigsten schienen. Rasch färbten die Gesichter sich hoch und höher
von dem in Wahrheit wundervollen Wein, mit Ausnahme desjenigen Doktor
Ting-Fus, das unveränderlich gelb blieb, mit jettschwarzen
Rattenschlitzen darin, und der mit verstecktem Kichern sehr hohe
Einsätze machte, und zwar mit unverschämtem Glück. Andere wollten nicht
zurückstehen. Staatsanwalt Paravant forderte schwimmenden Blickes das
Schicksal heraus, indem er zehn Franken auf eine nur mäßig
hoffnungsvolle Anfangskarte setzte, überkaufte sich erblassend und
gewann das Geld, da Herr Albin in trügerischem Vertrauen auf ein As, das
er erhalten, alle Einsätze hatte dublieren lassen, verdoppelt zurück.
Das waren Erschütterungen, die sich nicht auf die Person dessen
beschränkten, der sie sich bereitete. Der Kreis nahm teil daran, und
selbst Herr Albin, der an kalter Umsicht mit den Croupiers des Kasinos
von Monte Carlo wetteiferte, wo er Stammgast zu sein erklärte, war
seiner Erregung nur unzulänglich Herr. Auch Hans Castorp spielte hoch;
ebenso die Kleefeld und Frau Chauchat. Man ging zu den „Touren“ über,
spielte „Eisenbahn“, „Meine Tante, deine Tante“ und das gefährliche
„Différence“. Jubel und Verzweiflungsausbrüche, Entladungen der Wut und
hysterische Lachanfälle, hervorgerufen durch den Reiz, den das bübische
Glück auf die Nerven ausübte, ereigneten sich, und sie waren echt und
ernst, – nicht anders hätten sie lauten können in den Wechselfällen des
Lebens selbst.
Dennoch war es nicht nur und nicht einmal hauptsächlich das Spiel und
der Wein, die die seelische Hochspannung des Kreises, diese Erhitzung
der Mienen, diese Erweiterung der glänzenden Augen oder das zeitigten,
was man die Angestrengtheit der kleinen Gesellschaft, ihr
In-Atem-gehalten-sein, ihre fast schmerzhafte Konzentration auf den
Augenblick hätte nennen können. Vielmehr war all dies auf die Einwirkung
einer Herrschernatur unter den Anwesenden, auf die der „Persönlichkeit“
unter ihnen, auf diejenige Mynheer Peeperkorns zurückzuführen, der die
Führung in seiner gebärdenreichen Hand hielt und alle durch das
Schauspiel seiner großen Miene, seinen blassen Blick unter dem
monumentalen Faltenwerk seiner Stirne, durch sein Wort und die
Eindringlichkeit seiner Pantomimik in den Bann der Stunde zwang. Was
sagte er? Höchst Undeutliches, und desto Undeutlicheres, je mehr er
trank. Aber man hing an seinen Lippen, starrte lächelnd und mit
emporgerissenen Brauen nickend auf das Rund, das sein Zeigefinger mit
seinem Daumen bildete, und neben welchem die anderen Finger lanzenspitz
aufragten, während es in seinem königlichen Antlitz sprechend arbeitete,
und ließ sich ohne Widerstand zu einem Gefühlsdienst anhalten, der weit
das Maß von hingebender Leidenschaft überstieg, das diese Leute sich
sonst zuzumuten gewöhnt waren. Er ging über die Kräfte einzelner, dieser
Dienst. Frau Magnus wenigstens ward unpäßlich. Sie drohte in Ohnmacht
hinzuschwinden, weigerte sich aber zähe, ihr Zimmer aufzusuchen, sondern
begnügte sich mit ihrer Lagerung auf der Chaiselongue, woselbst man ihre
Stirn mit einer nassen Serviette versah, und von wo sie nach einiger
Erholung in den Kreis zurückkehrte.
Peeperkorn wollte ihr Versagen auf mangelhafte Nahrungszufuhr
zurückführen. In bedeutend abreißenden Worten, mit erhobenem
Zeigefinger, ließ er sich in diesem Sinne aus. Man müsse essen,
ordentlich essen, um den Anforderungen gerecht werden zu können, so gab
er zu verstehen, und bestellte Stärkung für die Runde, eine Kollation,
Fleisch, Aufschnitt, Zunge, Gänsebrust, Braten, Wurst und Schinken, –
Platten voll fetter Leckerbissen, die, mit Butterkugeln, Radieschen und
Petersilie garniert, prangenden Blumenbeeten glichen. Aber obgleich sie,
eines vorangegangenen Abendessens ungeachtet, über dessen Gediegenheit
kein Wort verloren zu werden braucht, frohen Zuspruch fanden, erklärte
Mynheer Peeperkorn sie nach wenigen Bissen für „Firlefanz“ – und zwar
mit einem Zorn, der die beängstigende Unberechenbarkeit seiner
Herrschernatur bekundete. Ja, er wurde kollerig, als jemand den Imbiß in
Schutz zu nehmen wagte; sein mächtiges Haupt schwoll an, und er schlug
mit der Faust auf den Tisch, indem er das alles für verdammten Quark
erklärte, – worauf man denn betreten verstummte, da er am Ende als
Spender und Wirt das Recht hatte, seine Gaben zu beurteilen.
Übrigens stand der Zorn, so unbegreiflich er anmuten mochte, ihm
vortrefflich zu Gesichte, wie namentlich Hans Castorp sich bekennen
mußte. Er entstellte ihn keineswegs, verkleinerte ihn nicht, wirkte in
seiner Unbegreiflichkeit, die mit den genossenen Weinmengen in Beziehung
zu setzen niemand in seinem Herzen sich unterstand, so groß und
königlich, daß alle sich duckten und jedermann sich hütete, von den
Fleischwaren noch einen Bissen zu nehmen. Frau Chauchat war es, die
ihren Reisegefährten beschwichtigte. Sie streichelte seine breite, nach
dem Schlag auf dem Tisch ruhende Kapitänshand und meinte schmeichelnd,
man könnte ja etwas anderes bestellen, ein warmes Gericht, wenn er
wolle, und wenn der Küchenchef noch dafür zu gewinnen sein werde. „Mein
Kind,“ sagte er, „– gut.“ Und mühelos, in voller Würde fand er den
Übergang von schwerem Koller zu einem gemäßigten Zustande, indem er
Clawdias Hand küßte. Er wollte Omeletten für sich und die Seinen, – für
jedermann eine gute Kräuter-Omelette, damit man den Anforderungen
gerecht werden könne. Und er schickte mit der Bestellung einen
Hundertfrankenschein in die Küche, um das Personal zum Unterbrechen des
Feierabends zu bestimmen.
Auch stellte sein Behagen sich völlig wieder her, als die dampfende
Speise auf mehreren Platten erschien, kanariengelb und grün gesprenkelt,
einen weichlich warmen Duft von Eiern und Butter im Zimmer verbreitend.
Man griff zu, gemeinsam mit Peeperkorn und im Genuß überwacht von ihm,
der mit abgerissenen Worten und zwingenden Kulturgebärden jedermann zu
aufmerksamster, ja inbrünstiger Würdigung der Gottesgabe anhielt. Er
ließ holländischen Genever dazu schenken, eine volle Runde, und zwang
alle, das klare Naß, dem ein gesunder Duft nach Getreide mit einem
zarten Einschlag von Wacholder entströmte, mit gespannter Andacht zu
sich zu nehmen.
Hans Castorp rauchte. Auch Frau Chauchat sprach den Mundstückzigaretten
zu, die sie in einer russischen, mit einer dahinsausenden Troika
geschmückten Lackdose zu ihrer Bequemlichkeit vor sich auf den Tisch
gelegt hatte, und Peeperkorn tadelte es nicht, daß seine Nachbarn sich
diesem Vergnügen überließen, rauchte aber selbst nicht, tat es niemals.
Verstand man ihn recht, so war seinem Urteile nach der Tabakkonsum
bereits den überfeinerten Genüssen zuzuzählen, deren Pflege einen Raub
an der Majestät der schlichten Lebensgaben bedeute, jener Gaben und
Ansprüche, denen gerecht zu werden unserer Gefühlskraft doch kaum
gelinge. „Junger Mann,“ sagte er zu Hans Castorp, indem er ihn mit
seinem blassen Blick und seiner Kulturgebärde bannte, – „junger Mann, –
das Einfache! Das Heilige! Gut, Sie verstehen mich. Eine Flasche Wein,
ein dampfendes Eiergericht, ein lauterer Korn, – erfüllen und genießen
wir das erst einmal, erschöpfen wir es, tun wir ihm wahrhaft Genüge,
bevor wir – Absolut, mein Herr. Erledigt. Ich habe Personen gekannt,
Männer und Frauen, Kokainesser, Haschischraucher, Morphinisten – Gut,
lieber Freund! Perfekt! Mögen sie doch! Wir sollen nicht rechten und
richten. Aber dem, was vorangehen sollte, dem Einfachen, dem Großen, dem
Gottesursprünglichen waren diese Leute durchaus alles – Erledigt, mein
Freund. Verurteilt. Verworfen. Sie waren ihm alles schuldig geblieben!
Wie Sie auch heißen mögen, junger Mann, – Gut, ich habe es schon gewußt,
ich habe es wieder vergessen, – nicht im Kokain, nicht im Opium, nicht
im Laster als solchem beruht die Lasterhaftigkeit. Die Sünde, die nicht
vergeben werden kann, sie beruht –“
Er hielt inne. Groß und breit, seinem Nachbar zugewandt, verharrte er in
mächtig ausdrucksvollem Schweigen, das zu verstehen zwang, den
Zeigefinger erhoben, mit unregelmäßig zerrissenem Munde unter der
nackten und roten, von der Rasur etwas wunden Oberlippe, angestrengt
emporgezogen das lineare Faltenwerk seiner kahlen, weiß umflammten
Stirn, erweitert die kleinen, blassen Augen, in denen Hans Castorp etwas
wie Entsetzen flackern sah vor dem Verbrechen, der großen Versündigung,
dem unverzeihlichen Versagen, auf das er angespielt hatte, und das in
seiner Schrecklichkeit zu ergründen er mit der ganzen bannenden Kraft
einer undeutlichen Herrschernatur schweigend befahl ... Entsetzen,
dachte Hans Castorp, von sachlicher Art, aber auch etwas wie
persönliches Entsetzen, ihn selbst, den königlichen Mann, betreffend, –
_Angst_ also, aber nicht geringe und kleine Angst, sondern etwas wie
panischer Schrecken flackerte dort, so schien es, einen Augenblick auf,
und Hans Castorp war von zu ehrerbietiger Anlage, als daß nicht, aller
Gründe ungeachtet, die zu feindseliger Einstellung seinerseits gegen
Frau Chauchats majestätischen Reisebegleiter vorhanden waren, diese
Beobachtung ihn hätte erschüttern müssen.
Er senkte die Augen und nickte, um seinem erhabenen Nachbarn die
Genugtuung des Verständnisses zu bereiten.
„Das ist wohl wahr“, sagte er. „Es mag Sünde sein – und ein Zeichen von
Unzulänglichkeit – den Raffinements zu frönen, ohne den einfachen und
natürlichen Gaben des Lebens, die so groß und heilig sind, gerecht
geworden zu sein. Dies ist Ihre Meinung, wenn ich Sie recht verstehe,
Mynheer Peeperkorn, und obgleich es mir selbst noch nicht eingefallen
ist, kann ich Ihnen aus eigener Überzeugung zustimmen, da Sie darauf
hinweisen. Es mag übrigens selten genug vorkommen, daß diesen gesunden
und einfachen Lebensgaben so recht volle Gerechtigkeit widerfährt.
Bestimmt sind die meisten Leute zu schlaff und unaufmerksam und
gewissenlos und innerlich ausgeleiert, um sie ihnen widerfahren zu
lassen, so wird es wohl sein.“
Der Gewaltige war hoch befriedigt. „Junger Mann,“ sagte er, „– perfekt.
Wollen Sie mir erlauben – kein Wort weiter. Ich bitte Sie, mit mir zu
trinken, das Glas bis zum Grunde zu leeren, und zwar Arm um Arm. Dies
soll noch nicht heißen, daß ich Ihnen das brüderliche Du anbiete, – ich
war eben im Begriff, es zu tun, besinne mich aber, daß es ein klein
wenig zu überstürzt wäre. Ich werde es Ihnen höchstwahrscheinlich in
sehr absehbarer Zeit – Verlassen Sie sich darauf! Wenn Sie aber wünschen
und darauf bestehen, daß wir sofort –“
Hans Castorp befürwortete andeutend den von Peeperkorn selbst angeregten
Aufschub.
„Gut, mein Junge. Gut, Kamerad. Unzulänglichkeit – gut. Gut und
schaudervoll. Gewissenlos, – sehr gut. Gaben – nicht gut. Anforderungen!
Heilige, weibliche Anforderungen des Lebens an Ehre und Manneskraft –“
Hans Castorp mußte plötzlich erkennen, daß Peeperkorn schwer betrunken
war. Doch wirkte auch seine Betrunkenheit nicht gering und beschämend,
nicht als Entwürdigungszustand, sondern verband sich mit der Majestät
seiner Natur zu einer großartigen und ehrfurchtgebietenden Erscheinung.
Auch Bacchus selbst, dachte Hans Castorp, stützte sich betrunken auf
seine enthusiastischen Begleiter, ohne darum an Gottheit einzubüßen, und
im höchsten Grade kam es darauf an, _wer_ betrunken war, eine
Persönlichkeit oder ein Leineweber. Er hütete sich innerlichst, im
Respekt vor dem erdrückenden Reisebegleiter im geringsten nachzulassen,
dessen Kulturgebärden schlaff geworden waren und dessen Zunge lallte.
„Duzbruder –“ sagte Peeperkorn, den mächtigen Körper in freier und
stolzer Trunkenheit zurückgeworfen, den Arm auf der Tischplatte
ausgestreckt und mit der schlaff geballten Faust leicht aufschlagend, „–
in Aussicht genommen, – in nahe Aussicht, wenn auch Besonnenheit
zunächst noch – gut. Erledigt. Das Leben – junger Mann – es ist ein
Weib, ein hingespreitet Weib, mit dicht beieinander quellenden Brüsten
und großer, weicher Bauchfläche zwischen den ausladenden Hüften, mit
schmalen Armen und schwellenden Schenkeln und halbgeschlossenen Augen,
das in herrlicher, höhnischer Herausforderung unsere höchste
Inständigkeit beansprucht, alle Spannkraft unserer Manneslust, die vor
ihm besteht oder zuschanden wird, – zuschanden, junger Mann, begreifen
Sie, was das hieße? Die Niederlage des Gefühls vor dem Leben, das ist
die Unzulänglichkeit, für die es keine Gnade, kein Mitleid und keine
Würde gibt, sondern die erbarmungslos und hohnlachend verworfen ist, –
er–ledigt, junger Mann, und ausgespien ... Schmach und Entehrung sind
gelinde Worte für diesen Ruin und Bankerott, für diese grauenhafte
Blamage. Sie ist das Ende, die höllische Verzweiflung, der Weltuntergang
...“
Der Holländer hatte beim Sprechen den mächtigen Körper mehr und mehr
zurückgeworfen, während zugleich sein königliches Haupt sich zur Brust
neigte, als wollte er einschlafen. Bei dem letzten Worte aber ließ er
die schlaffe Faust ausholend zu schwerem Schlage auf den Tisch fallen,
so daß der schmächtige Hans Castorp, nervös von Spiel und Wein und von
der Eigentümlichkeit aller Umstände, zusammenfuhr und ehrfürchtig
erschrocken auf den Gewaltigen blickte. „Weltuntergang“ – wie das Wort
ihm zu Gesichte stand! Hans Castorp erinnerte sich nicht, es jemals
aussprechen gehört zu haben, außer etwa in der Religionsstunde, und das
war kein Zufall, dachte er, denn wem unter allen Menschen, die er
kannte, wäre ein solches Donnerwort wohl zugekommen, wer hatte _das
Format_ dafür – um die Frage richtig zu stellen? Der kleine Naphta hätte
sich seiner wohl einmal bedienen können; doch wäre das Usurpation und
scharfes Geschwätz gewesen, während in Peeperkorns Munde das Donnerwort
seine ganze schmetternde und posaunenumdröhnte Wucht, kurz, biblische
Größe gewann. „Mein Gott – eine Persönlichkeit!“ empfand er zum
hundertstenmal. „Ich bin an eine Persönlichkeit geraten, und sie ist
Clawdias Reisebegleiter!“ Ziemlich benebelt auch seinerseits, drehte er
sein Weinglas auf dem Tisch um sich selbst, die andere Hand in der
Hosentasche und ein Auge zugekniffen vor dem Rauch der Zigarette, die er
im Mundwinkel hielt. Hätte er nicht schweigen sollen, nachdem von
berufener Seite Donnerworte gesprochen worden? Was sollte da noch seine
spröde Stimme? Aber an Diskussion gewöhnt durch seine demokratischen
Erzieher – beide von Natur demokratisch, obgleich der eine sich
sträubte, es zu sein –, ließ er sich zu einem seiner treuherzigen
Kommentare verleiten. Er sagte:
„Ihre Bemerkungen, Mynheer Peeperkorn“ (was war das für ein Ausdruck:
Bemerkungen! Macht man „Bemerkungen“ über den Weltuntergang?), „führen
meine Gedanken noch einmal auf das zurück, was vorhin über das Laster
ausgemacht wurde, nämlich daß es in einer Beleidigung der einfachen und,
wie Sie sagen, heiligen, oder, wie ich sagen möchte, klassischen
Lebensgaben besteht, der Lebensgaben von Format, sozusagen, zugunsten
der späten und ausgepichten, der Raffinements, denen man ‚frönt‘, wie
einer von uns beiden sich ausdrückte, während man sich den großen
‚weiht‘ und ihnen ‚huldigt‘. Aber hier scheint mir nun eben auch die
Entschuldigung – verzeihen Sie, ich bin eine zur Entschuldigung geneigte
Natur, – obgleich Entschuldigung wohl kein Format hat, wie ich deutlich
fühle – die Entschuldigung also für das Laster zu liegen, und zwar
gerade insofern es auf ‚Unzulänglichkeit‘, wie wir es nannten, beruht.
Sie haben über die Schrecken der Unzulänglichkeit Dinge solchen Formates
gesagt, daß Sie mich aufrichtig betroffen sehen davon. Aber ich meine,
der Lasterhafte zeigt sich durchaus nicht unempfindlich für diese
Schrecken, sondern im Gegenteil läßt er ihnen alle Gerechtigkeit
widerfahren, indem das Versagen seines Gefühls vor den klassischen
Lebensgaben ihn zum Laster treibt, worin also keine Beleidigung des
Lebens liegt oder zu liegen braucht, da es ebensogut als Huldigung davor
aufgefaßt werden kann, und zwar insofern die Raffinements ja Rausch- und
Erhebungsmittel darstellen, _stimulantia_, wie man sagt, Stützen und
Steigerungen der Gefühlskräfte, weshalb denn also doch das Leben ihr
Zweck und Sinn ist, die Liebe zum Gefühl, das Trachten der
Unzulänglichkeit nach Gefühl ... Ich meine ...“
Was redete er da? War es nicht der demokratischen Unverschämtheit genug,
„einer von uns beiden“ zu sagen, wo es sich um eine Persönlichkeit und
um ihn handelte? Zog er den Mut zu dieser Frechheit aus Vergangenheiten,
die gewisse gegenwärtige Besitzrechte in ein schiefes Licht setzten?
Stach ihn der Haber, daß er sich obendrein in eine ebenfalls durchaus
unverschämte Analyse des „Lasters“ verstricken mußte? Nun mochte er
sehen, wie er sich aus der Sache zog; denn es war klar, daß er
Fürchterliches heraufbeschworen.
Mynheer Peeperkorn war während der Rede seines Gastes in seiner
zurückgeworfenen Haltung mit auf die Brust gesenktem Kopfe verharrt, so
daß man hätte zweifeln können, ob Hans Castorps Worte in sein Bewußtsein
drangen. Jetzt aber, allmählich, während der junge Mann sich verwirrte,
begann er, sich von der Lehne aufzurichten, höher und höher, zu voller
Größe, während zugleich sein majestätisches Haupt rot anschwoll, seine
Stirnarabesken sich hoben und spannten und seine kleinen Augen sich zu
blasser Drohung erweiterten. Was bereitete sich vor? Ein Koller, gegen
den der vorangegangene nur leichte Verstimmung bedeutet hatte, schien im
Anzuge. Mynheers Unterlippe stemmte sich in mächtigem Grimm gegen die
obere, so daß die Mundwinkel sich senkten und das Kinn vorgetrieben
wurde, und langsam hob sich sein rechter Arm von der Tischplatte in
Haupteshöhe und darüber hinaus, die Faust geballt, großartig ausholend
zum Vernichtungsschlage gegen den demokratischen Schwätzer, der, in
Schrecken gejagt und doch auch abenteuerlich erfreut durch das Bild
ausdrucksvoll königlichen Zornmutes, das sich vor ihm entfaltete, Mühe
hatte, Furcht und Fluchtneigung zu verbergen. Er sagte eilig
zuvorkommend:
„Natürlich habe ich mich mangelhaft ausgedrückt. Das Ganze ist eine
Frage des Formats, nichts weiter. Man kann nicht Laster nennen, was
Format hat. Das Laster hat niemals Format. Die Raffinements haben
keines. Aber dem menschlichen Trachten nach Gefühl ist ja von Urzeiten
her ein Hilfsmittel, ein Rausch- und Begeisterungsmittel an die Hand
gegeben, das selbst zu den klassischen Lebensgaben gehört und den
Charakter des Einfachen und Heiligen, also nicht des Lasterhaften trägt,
ein Hilfsmittel von Format, wenn ich so sagen darf, der Wein also, ein
göttliches Geschenk an die Menschen, wie schon die alten humanistischen
Völker behaupteten, die philanthropische Erfindung eines Gottes, mit der
sogar die Zivilisation zusammenhängt, erlauben Sie mir den Hinweis. Denn
wir hören ja, daß dank der Kunst, den Wein zu pflanzen und zu keltern,
die Menschen aus dem Stande der Roheit traten und Gesittung erlangten,
und noch heute gelten die Völker, bei denen Wein wächst, für gesitteter,
oder halten sich dafür, als die weinlosen, die Kimerer, was sicher
bemerkenswert ist. Denn es will sagen, daß Gesittung gar nicht Sache des
Verstandes und wohlartikulierter Nüchternheit ist, sondern vielmehr mit
der Begeisterung zu tun hat, dem Rausch und dem gelabten Gefühl, – ist
das nicht, wenn ich so frei sein darf, Ihnen die Frage vorzulegen, auch
Ihre Meinung in dieser Angelegenheit?“
Ein Schlingel, dieser Hans Castorp. Oder, wie Herr Settembrini es mit
schriftstellerischer Feinheit ausgedrückt hatte, ein „Schalk“.
Unvorsichtig und selbst frech im Verkehr mit Persönlichkeiten – und
geschickt dann auch wieder, wenn es galt, sich aus der Patsche zu
ziehen. Da hatte er erstens, in brenzligster Lage und aus dem Stegreif,
eine Ehrenrettung des Trunkes mit vielem Anstand vollzogen, hatte
ferner, ganz nebenbei, die Rede auf „Gesittung“ gebracht, von welcher in
Mynheer Peeperkorns ur-fürchterlicher Haltung allerdings wenig zu spüren
war, und endlich diese Haltung gelockert und unpassend gemacht, indem er
dem großartig darin Befangenen eine Frage vorgelegt hatte, die man mit
erhobener Faust unmöglich beantworten konnte. Der Holländer ließ denn
auch nach in seiner vorsündflutlichen Grimmgebärde; langsam senkte sein
Arm sich nieder zum Tisch, sein Haupt schwoll ab, „dein Glück!“ stand in
seiner nur noch bedingungsweise und nachträglich drohenden Miene zu
lesen, das Gewitter verzog sich, und überdies mischte nun Frau Chauchat
sich ein, indem sie ihren Reisebegleiter auf den eingerissenen Verfall
der Geselligkeit hinwies.
„Lieber Freund, Sie vernachlässigen Ihre Gäste“, sagte sie auf
französisch. „Sie widmen sich allzu ausschließlich diesem Herrn, mit dem
Sie zweifellos wichtige Dinge auszumachen haben. Aber unterdessen hat
das Spiel fast aufgehört, und ich fürchte, man langweilt sich. Wollen
wir den Abend beschließen?“
Peeperkorn wandte sich sogleich der Tafelrunde zu. Es war richtig:
Demoralisation, Lethargie, Stumpfsinn hatten um sich gegriffen; die
Gäste trieben Allotria wie eine unbeaufsichtigte Schulklasse. Mehrere
waren am Einschlafen. Peeperkorn ergriff sofort die schleifenden Zügel.
„Meine Herrschaften!“ rief er mit erhobenem Zeigefinger, – und dieser
lanzenspitze Finger war wie ein winkender Degen oder wie eine Fahne,
sein Ruf aber gleich dem „Mir nach, wer keine Memme ist!“ des Führers,
der eine beginnende Deroute zum Stehen bringt. Auch war der Einsatz
seiner Persönlichkeit sofort von weckender und sammelnder Wirkung. Man
raffte sich auf, straffte die schlaff gewordenen Mienen und nickte
lächelnd in des mächtigen Wirtes blasse Augen unter der idolhaften
Lineatur seiner Stirn. Er bannte alle und hielt sie aufs neue zum
Dienste an, indem er die Spitze des Zeigefingers zu der des Daumens
senkte und die anderen langgenagelt daneben aufragen ließ. Er breitete
die Kapitänshand behütend und zurückdämmend aus und von seinen weh
zerrissenen Lippen kamen Worte, deren abspringende Undeutlichkeit dank
ihrem Persönlichkeitsrückhalt zwingendste Macht über die Gemüter übte.
„Meine Herrschaften – gut. Das Fleisch, meine Herrschaften, es ist nun
einmal – Erledigt. Nein – erlauben Sie mir – ‚schwach‘, so steht es in
der Schrift. ‚Schwach‘, das heißt geneigt, sich den Anforderungen – Aber
ich appelliere an Ihre – Kurzum und gut, meine Herrschaften, ich
_ap–pel–liere_. Sie werden mir sagen: der Schlaf. Gut, meine
Herrschaften, perfekt, vortrefflich. Ich liebe und ehre den Schlaf. Ich
veneriere seine tiefe, süße, labende Wollust. Der Schlaf zählt zu den –
wie sagten Sie, junger Mann? – zu den klassischen Lebensgaben vom
ersten, vom allerersten – ich bitte sehr – vom obersten, meine
Herrschaften. Wollen Sie jedoch bemerken und sich erinnern: Gethsemane!
‚Und nahm zu sich Petrum und die zween Söhne Zebedei. Und sprach zu
ihnen: Bleibet hie und wachet mit mir‘. Sie erinnern sich? ‚Und kam zu
ihnen und fand sie schlafend und sprach zu Petro: Könnet Ihr denn nicht
eine Stunde mit mir wachen?‘ Intensiv, meine Herrschaften.
Durchdringend. Herzbewegend. ‚Und kam und fand sie aber schlafend, und
ihre Augen waren voll Schlafs. Und sprach zu ihnen: Ach, wollt Ihr nun
schlafen und ruhen? Siehe, die Stunde ist hie –‘ Meine Herrschaften:
Durchbohrend, herzversehrend.“
Tatsächlich waren alle in tiefster Seele ergriffen und beschämt. Er
hatte die Hände vor der Brust über dem schmalen Kinnbart gefaltet und
das Haupt schräg geneigt. Sein blasser Blick hatte sich gebrochen bei
dem, was an einsamem Todesschmerz von seinen zerrissenen Lippen
gekommen. Frau Stöhr schluchzte. Frau Magnus stieß einen hohen Seufzer
aus. Staatsanwalt Paravant sah sich veranlaßt, vertretungsweise,
gleichsam als Abgeordneter der Gesellschaft, einige Worte mit gesenkter
Stimme an den verehrten Gastgeber zu richten, um ihn der allgemeinen
Gefolgschaft zu versichern. Hier müsse ein Irrtum vorliegen. Man sei
frisch und munter, flott, fidel und bei der Sache mit Herz und Sinn. Es
sei ein so schöner, festlicher, schlechthin außerordentlicher Abend, –
alle verständen und empfänden das, und niemand denke vorläufig daran,
von dem Lebensgute des Schlafs Gebrauch zu machen. Mynheer Peeperkorn
könne sich auf seine Gäste verlassen, auf jeden einzelnen von ihnen.
„Perfekt! Vorzüglich!“ rief Peeperkorn und richtete sich auf. Seine
Hände lösten sich, gingen auseinander und aufwärts, ausgebreitet,
aufrecht, die Innenflächen nach außen, wie zu heidnischem Gebet. Seine
großartige Physiognomie, eben noch von gotischem Schmerz beseelt,
erblühte üppig und heiter; sogar ein sybaritisches Grübchen zeigte sich
auf einmal in seiner Wange. „Die Stunde ist hie –“ Und er ließ sich die
Karte geben, setzte einen Hornklemmer auf, dessen Bügel ihm hoch an der
Stirn emporragte, und bestellte Champagner, drei Flaschen Mumm & Co.,
_Cordon rouge, très sec_; dazu _petits fours_, köstliche, kegelförmige
kleine Schlemmerbissen, mit farbigem Zuckerguß überkleidet, von
zartestem Biskuitcharakter, im Innern benetzt von Schokolade- und
Pistaziencreme, und auf Papierdeckchen mit reichem Spitzenrande
angeboten. Frau Stöhr leckte sich alle Finger bei ihrem Genuß. Herr
Albin löste mit lässiger Routine den ersten Pfropfen aus seiner Haft von
Draht, ließ den pilzförmigen Kork mit dem Knall einer Kinderpistole dem
geschmückten Hals entschlüpfen und zur Decke fahren, worauf er die
Flasche nach elegantem Herkommen zum Einschenken in eine Serviette
hüllte. Der edle Schaum befeuchtete das Linnen der Anrichtetischchen.
Man ließ die Flachkelche klingen und leerte das erste Glas auf einen
Zug, elektrisierte sich den Magen mit dem eiskalten, duftigen Geprickel.
Die Augen glitzerten. Das Spiel hatte aufgehört, ohne daß man sich
bemüßigt gesehen hätte, Karten und Geld vom Tische zu räumen. Die
Gesellschaft überließ sich einem seligen Nichtstun, indem sie ein
zusammenhangloses Geschwätz tauschte, dessen Elemente bei jedem
einzelnen aus erhöhtem Gefühle stammten und in irgendeinem Urzustande
das Schönste versprochen hatten, aus denen aber auf dem Wege zur
Mitteilung ein fragmentarisch-lippenlahmer, teils indiskreter, teils
unverständlicher Gallimathias wurde, geeignet, die zornige Scham jedes
nüchtern Hinzukommenden zu erregen, doch von den Beteiligten ohne
Beschwer ertragen, da alle sich in dem gleichen verantwortungslosen
Zustand wiegten. Frau Magnus selbst hatte rote Ohren bekommen und
gestand, sie fühle, wie Leben sie durchrinne, was aber Herrn Magnus
nicht lieb zu sein schien. Hermine Kleefeld lehnte mit dem Rücken an der
Schulter Herrn Albins, indem sie ihm ihren Kelch zum Einschenken
vorhielt. Peeperkorn, das Bacchanal mit lanzenspitzen Kulturgebärden
leitend, sorgte für Zufuhr und Nachschub. Er ließ Kaffee kommen nach dem
Champagner, _Mocca double_, der wiederum von „Brot“ begleitet war und
von süßen Scharfheiten, Apricots Brandy, Chartreuse, Creme de Vanille
und Maraschino für die Damen. Später gab es noch saure Fischfilets und
Bier dazu, endlich Tee, und zwar sowohl chinesischen wie Kamillentee für
solche, die es nicht vorzogen, beim Sekt oder Likör zu bleiben oder zu
einem ernsthaften Wein zurückzukehren, wie Mynheer selbst, der sich nach
Mitternacht zusammen mit Frau Chauchat und Hans Castorp zu einem
Schweizer Roten von naiv-spritziger Art durchgeläutert hatte, von dem
er mit wirklichem Durst einen Glasbecher nach dem anderen
hinunterschüttete.
Noch um ein Uhr dauerte die Festsitzung an, zusammengehalten teils durch
bleierne Rauscheslähmung, teils durch das eigentümliche Vergnügen,
sich die Nacht um die Ohren zu schlagen, teils durch die
Persönlichkeitswirkung Peeperkorns und durch das abschreckende Beispiel
Petri und der Seinen, an deren Fleischesschwäche niemand teilhaben
wollte. Allgemein gesprochen, schien der weibliche Teil weniger
gefährdet in dieser Hinsicht. Denn während die Männer, rot oder fahl,
die Beine von sich streckten und die Backen aufbliesen, indem sie nur
noch mechanisch dann und wann dem Becher zusprachen, von rechter
Dienstfreudigkeit nicht mehr beseelt, hielten die Frauen sich tätiger.
Hermine Kleefeld, die nackten Ellbogen auf die Tischplatte gestemmt, die
Wangen in den Händen, wies lachend dem kichernden Ting-Fu den Schmelz
ihrer Vorderzähne, indes Frau Stöhr, mit angezogenem Kinn über die
vorgebogene Schulter kokettierend, den Staatsanwalt ans Leben zu fesseln
suchte. Mit Frau Magnus war es dahin gekommen, daß sie auf Herrn Albins
Schoß Platz genommen hatte und ihn an beiden Ohrläppchen zog, was aber
Herr Magnus eher als Erleichterung zu empfinden schien. Anton
Karlowitsch Ferge ward aufgefordert, die Geschichte seines Pleura-Choks
zum besten zu geben, kam aber wegen Zungenschlages nicht zustande damit
und erklärte ehrlich seinen Bankerott, der als Anlaß zum Trinken
einstimmig ausgerufen wurde. Wehsal weinte vorübergehend bitterlich, aus
irgendwelchen Elendstiefen, in welche seinen Mitmenschen Einblick zu
eröffnen auch seine Zunge nicht mehr imstande war, wurde aber mit Kaffee
und Kognak seelisch wieder auf die Beine gebracht und erregte übrigens
durch das Gewimmer seiner Brust, durch sein runzelig bebendes Kinn, das
von Tränen troff, das bedeutendste Interesse Peeperkorns, der mit
erhobenem Zeigefinger und hochgezogenen Arabesken die allgemeine
Aufmerksamkeit für Wehsals Zustand in Anspruch nahm.
„Das ist –“, sagte er. „Das ist nun doch – Nein, erlauben Sie mir:
Heilig! Trockne ihm das Kinn, mein Kind, nimm meine Serviette! Oder
besser noch, nein, unterlaß es! Er selber verzichtet darauf. Meine
Herrschaften, – heilig! Heilig in jederlei Sinn, im christlichen wie im
heidnischen! Ein Urphänomen! Ein Phänomen vom ersten – vom obersten –
Nein, nein, das ist – –“
Auf dieses „Das ist“, „Das ist nun doch“ waren überhaupt die
leitend-erläuternden Äußerungen gestimmt, mit denen er unter genauen,
wenn auch nachgerade etwas burlesk gewordenen Kulturgebärden seine
Veranstaltung begleitete. Er hatte eine Art, den Ring, den sein
gekrümmter Zeigefinger mit dem Daumen bildete, über das Ohr
emporzuhalten und das Haupt schief-scherzhaft davon abzuwenden, die
Gefühle erweckte, wie etwa der bejahrte Priester eines fremden Kults sie
erregen würde, der mit gerafften Gewändern und wunderlicher Grazie vor
dem Opferaltar tanzte. Dann wieder, breit hingelagert in seiner
Großartigkeit, den Arm um die benachbarte Stuhllehne geschlungen, zwang
er alle zu ihrer Bestürzung, sich mit ihm in die lebendige und
durchdringende Vorstellung des Morgens zu vertiefen, eines frostigen,
dunklen Wintermorgens, wenn der gelbliche Schein unserer Nachttischlampe
sich durch die Fensterscheibe hinausspiegelt zwischen kahles Geäst, das
draußen in eisige, krähenschreiharte Nebelfrühe starrt ...
Andeutungsweise wußte er diese nüchterne Alltagsanschauung so stark zu
machen, daß alle erschauerten, besonders da er auch noch des eiskalten
Wassers gedachte, das man sich etwa in solcher Frühe aus einem großen
Schwamme über den Nacken drücke, und das er heilig nannte. Das war nur
eine Abschweifung, eine beispielhafte Unterweisung in Dingen der
Lebensaufmerksamkeit, ein phantastisches Impromptu, das er fallen ließ,
um seine dienstliche Eindringlichkeit und Gefühlsgegenwart alsbald der
festlich gelösten Nachtstunde wieder zuzuwenden. Er zeigte sich verliebt
in all und jede erreichbare Weiblichkeit, wahllos und ohne Ansehen der
Person. Er machte der Zwergin Anträge solcher Art, daß das krüppelhafte
Wesen sein übergroßes, ältliches Gesicht in grinsende Falten legte,
sagte der Stöhr Artigkeiten eines Kalibers, daß die ordinäre Frau ihre
Schulter noch ärger vorbog und die Ziererei bis zur völligen
Verrücktheit trieb, erbat sich von der Kleefeld einen Kuß auf seinen
großen, zerrissenen Mund und scharmierte selbst mit der trostlosen Frau
Magnus – dies alles unbeschadet seiner zärtlichen Ergebenheit gegen
seine Reisebegleiterin, deren Hand er oft mit galanter Andacht an die
Lippen führte. „Der Wein –“ sagte er – „Die Frauen – – Das ist – Das ist
nun doch – Erlauben Sie mir – Weltuntergang – – Gethsemane – –“
Gegen zwei Uhr flog die Nachricht auf, „der Alte“ – Hofrat Behrens also
– nähere sich in Gewaltmärschen den Konversationsräumen. Panik wütete in
demselben Augenblick unter der entnervten Gästeschaft. Stühle und
Eiskübel stürzten. Man floh durch das Bibliothekszimmer. Peeperkorn, von
königlichem Koller ergriffen bei der jähen Auflösung seines
Lebensfestes, schlug wohl mit der Faust auf und sandte den
Fortstiebenden etwas von „furchtsamen Sklaven“ nach, ließ sich aber dann
durch Hans Castorp und Frau Chauchat bis zu einem gewissen Grade mit dem
Gedanken versöhnen, daß dies Gastmahl, das an sechs Stunden gedauert
hatte, ohnehin einmal sein Ende habe nehmen müssen, schenkte auch der
Mahnung an das heilige Labsal des Schlafes sein Ohr und willigte ein,
sich zu Bette geleiten zu lassen.
„Stütze mich, mein Kind! Stütze mich andererseits, junger Mann!“ sagte
er zu Frau Chauchat und Hans Castorp. So waren sie seinem schweren
Körper beim Aufkommen vom Stuhle behilflich, boten ihm ihre Arme dar,
und eingehängt in beide trat er breitbeinig, das mächtige Haupt auf eine
seiner hochgezogenen Schultern geneigt und bald den einen, bald den
anderen seiner Führer durch die Schwankungen seines Schrittes zur Seite
drängend, den Weg zur Ruhe an. Im Grunde war es wohl ein königlicher
Luxus, den er sich leistete, indem er sich dieser Art lotsen und stützen
ließ. Wahrscheinlich hätte er, wenn es ihm darauf angekommen wäre, auch
allein gehen können, – er verschmähte jedoch diese Anstrengung, die ja
nur den kleinen und untergeordneten Sinn hätte haben können, seinen
Rausch schamhaft zu verbergen, während er sich desselben offenbar nicht
nur durchaus nicht schämte, sondern sich im Gegenteil groß und üppig
darin gefiel und sich einen königlichen Spaß daraus machte, seine
dienenden Führer schwankend nach rechts und links zu stoßen. Er selbst
äußerte unterwegs:
„Kinder, – Unsinn, – man ist natürlich gar nicht – Wenn diesen
Augenblick – Ihr solltet sehen – Lächerlich –“
„Lächerlich!“ bestätigte Hans Castorp. „Aber ohne jeden Zweifel! Man
gibt der klassischen Lebensgabe das ihre, indem man sich freimütig
schwanken läßt zu ihren Ehren. Dagegen im Ernst ... Ich habe doch auch
mein Teil, aber trotz aller sogenannten Betrunkenheit bin ich mir klar
bewußt, daß ich die besondere Ehre habe, eine ausgesprochene
Persönlichkeit zu Bett zu bringen, so wenig vermag der Rausch sogar über
mich, der ich doch in Hinsicht auf Format überhaupt gar nicht erst in
Vergleich komme –“
„Na, du, Schwätzerchen“, sagte Peeperkorn und stieß ihn wankend gegen
das Treppengeländer, indem er Frau Chauchat mit sich zog.
Ersichtlich war das Gerücht vom Nahen des Hofrats ein leerer
Schreckschuß gewesen. Vielleicht hatte die müde Zwergin ihn abgegeben,
um die Geselligkeit zu sprengen. Unter diesen Umständen blieb Peeperkorn
stehen und wollte umkehren, um weiter zu trinken; aber von beiden Seiten
wurde ihm in besserem Sinne zugeredet, und so ließ er sich wieder in
Bewegung setzen.
Der malaiische Kammerdiener, dies Männchen in weißer Krawatte und mit
schwarzseidenen Schuhen an den Füßen, erwartete seinen Gebieter auf dem
Korridor, vor der Tür des Appartements, und nahm ihn mit einer
Verneigung in Empfang, zu der er eine Hand auf die Brust legte.
„Küßt euch!“ gebot Peeperkorn. „Küsse diese reizende Frau zum Schluß auf
die Stirn, junger Mann!“ sagte er zu Hans Castorp. „Sie wird nichts
dagegen haben und es erwidern. Tut es auf mein Wohl und mit meiner
Erlaubnis!“ sagte er; aber Hans Castorp weigerte sich dessen.
„Nein, Eure Majestät!“ sagte er. „Entschuldigen Sie, das geht nicht.“
Peeperkorn, an den Kammerdiener gelehnt, zog seine Arabesken hoch und
verlangte zu wissen, warum das nicht gehe.
„Weil ich mit Ihrer Reisebegleiterin keine Stirnküsse tauschen kann“,
sagte Hans Castorp. „Ich wünsche recht wohl zu ruhen! Nein, das wäre,
von allen Seiten gesehen, der reine Unsinn.“
Und da auch Frau Chauchat schon auf ihre Zimmertür zuging, so ließ
Peeperkorn den Widerspenstigen ziehen, indem er ihm freilich noch eine
Weile über die eigene Schulter und die des Malaien mit angezogenem
Faltenwerk nachblickte, erstaunt über eine Unbotmäßigkeit, auf die seine
Herrschernatur nicht zu stoßen gewohnt sein mochte.