Strandspaziergang

Kann man die Zeit erzählen, diese selbst, als solche, an und für sich?

Wahrhaftig, nein, das wäre ein närrisches Unterfangen! Eine Erzählung,

die ginge: „Die Zeit verfloß, sie verrann, es strömte die Zeit“ und so

immer fort, – das könnte gesunden Sinnes wohl niemand eine Erzählung

nennen. Es wäre, als wollte man hirnverbrannterweise eine Stunde lang

ein und denselben Ton oder Akkord aushalten und das – für Musik

ausgeben. Denn die Erzählung gleicht der Musik darin, daß sie die Zeit

_erfüllt_, sie „anständig ausfüllt“, sie „einteilt“ und macht, daß

„etwas daran“ und „etwas los damit“ ist – um mit der wehmütigen Pietät,

die man Aussprüchen Verstorbener widmet, Gelegenheitsworte des seligen

Joachim anzuführen: längst verklungene Worte, – wir wissen nicht, ob

sich der Leser noch ganz im klaren darüber ist, wie lange verklungen.

Die Zeit ist das _Element_ der Erzählung, wie sie das Element des Lebens

ist, – unlösbar damit verbunden, wie mit den Körpern im Raum. Sie ist

auch das Element der Musik, als welche die Zeit mißt und gliedert, sie

kurzweilig und kostbar auf einmal macht: verwandt hierin, wie gesagt,

der Erzählung, die ebenfalls (und anders als das auf einmal leuchtend

gegenwärtige und nur als Körper an die Zeit gebundene Werk der bildenden

Kunst) nur als ein Nacheinander, nicht anders denn als ein Ablaufendes

sich zu geben weiß, und selbst, wenn sie versuchen sollte, in jedem

Augenblick ganz da zu sein, der Zeit zu ihrer Erscheinung bedarf.

Das liegt auf der flachen Hand. Daß aber hier ein Unterschied waltet,

liegt ebenso offen. Das Zeitelement der Musik ist nur eines: ein

Ausschnitt menschlicher Erdenzeit, in den sie sich ergießt, um ihn

unsagbar zu adeln und zu erhöhen. Die Erzählung dagegen hat zweierlei

Zeit: ihre eigene erstens, die musikalisch-reale, die ihren Ablauf, ihre

Erscheinung bedingt; zweitens aber die ihres Inhalts, die perspektivisch

ist, und zwar in so verschiedenem Maße, daß die imaginäre Zeit der

Erzählung fast, ja völlig mit ihrer musikalischen zusammenfallen, sich

aber auch sternenweit von ihr entfernen kann. Ein Musikstück des Namens

„Fünf-Minuten-Walzer“ dauert fünf Minuten, – hierin und in nichts

anderem besteht sein Verhältnis zur Zeit. Eine Erzählung aber, deren

inhaltliche Zeitspanne fünf Minuten betrüge, könnte ihrerseits, vermöge

außerordentlicher Gewissenhaftigkeit in der Erfüllung dieser fünf

Minuten, das Tausendfache dauern – und dabei sehr kurzweilig sein,

obgleich sie im Verhältnis zu ihrer imaginären Zeit sehr langweilig

wäre. Andererseits ist möglich, daß die inhaltliche Zeit der Erzählung

deren eigene Dauer verkürzungsweise ins Ungemessene übersteigt, – wir

sagen „verkürzungsweise“, um auf ein illusionäres oder, ganz deutlich zu

sprechen, ein krankhaftes Element hinzudeuten, das hier offenbar

einschlägig ist: sofern nämlich dieses Falls die Erzählung sich eines

hermetischen Zaubers und einer zeitlichen Überperspektive bedient, die

an gewisse anormale und deutlich ins Übersinnliche weisende Fälle der

wirklichen Erfahrung erinnern. Man besitzt Aufzeichnungen von

Opiumrauchern, die bekunden, daß der Betäubte während der kurzen Zeit

seiner Entrückung Träume durchlebte, deren zeitlicher Umfang sich auf

zehn, auf dreißig und selbst auf sechzig Jahre belief oder sogar die

Grenze aller menschlichen Zeiterfahrungsmöglichkeit zurückließ, – Träume

also, deren imaginärer Zeitraum ihre eigene Dauer um ein Gewaltiges

überstieg, und in denen eine unglaubliche Verkürzung des Zeiterlebnisses

herrschte, die Vorstellungen sich mit solcher Geschwindigkeit drängten,

als wäre, wie ein Haschischesser sich ausdrückt, aus dem Hirn des

Berauschten „etwas hinweggenommen gewesen wie die Feder einer

verdorbenen Uhr“.

Ähnlich also wie diese Lasterträume vermag die Erzählung mit der Zeit zu

Werke zu gehen, ähnlich vermag sie sie zu behandeln. Da sie sie aber

„behandeln“ kann, so ist klar, daß die Zeit, die das Element der

Erzählung ist, auch zu _ihrem Gegenstande_ werden kann; und wenn es

zuviel gesagt wäre, man könne „die Zeit erzählen“, so ist doch, _von der

Zeit_ erzählen zu wollen, offenbar kein ganz so absurdes Beginnen, wie

es uns anfangs scheinen wollte, – so daß denn also dem Namen des

„Zeitromans“ ein eigentümlich träumerischer Doppelsinn zukommen könnte.

Tatsächlich haben wir die Frage, ob man die Zeit erzählen könne, nur

aufgeworfen, um zu gestehen, daß wir mit laufender Geschichte wirklich

dergleichen vorhaben. Und wenn wir die weitere Frage streiften, ob die

um uns Versammelten sich noch ganz im klaren darüber seien, wie lange es

gegenwärtig her ist, daß der unterdessen verstorbene ehrliebende Joachim

jene Bemerkung über Musik und Zeit ins Gespräch flocht (die übrigens von

einer gewissen alchimistischen Steigerung seines Wesens zeugt, da solche

Bemerkungen eigentlich nicht in seiner braven Natur lagen), – so wären

wir wenig erzürnt gewesen, zu hören, daß man sich wirklich im Augenblick

nicht mehr so recht im klaren darüber sei: wenig erzürnt, ja zufrieden

aus dem einfachen Grunde, weil die allgemeine Teilnahme an dem Erleben

unseres Helden natürlich in unserem Interesse liegt, und weil dieser,

Hans Castorp, in beregtem Punkte durchaus nicht ganz fest war, und zwar

schon längst nicht mehr. Das gehört zu seinem Roman, einem Zeitroman, –

so – und auch wieder so genommen.

Wie lange Joachim eigentlich hier oben mit ihm gelebt, bis zu seiner

wilden Abreise oder im ganzen genommen; wann, kalendermäßig, diese erste

trotzige Abreise stattgefunden, wie lange er weggewesen, wann wieder

eingetroffen und wie lange Hans Castorp selber schon hier gewesen, als

er wieder eingetroffen und dann aus der Zeit gegangen war; wie lange, um

Joachim beiseite zu lassen, Frau Chauchat ungegenwärtig gewesen, seit

wann, etwa der Jahreszahl nach, sie _wieder da_ war (denn sie war wieder

da), und wieviel Erdenzeit Hans Castorp im „Berghof“ damals verbracht

gehabt hatte, als sie zurückgekehrt war: bei all diesen Fragen, gesetzt,

man hätte sie ihm vorgelegt, was aber niemand tat, auch er selber nicht,

denn er scheute sich wohl, sie sich vorzulegen, hätte Hans Castorp mit

den Fingerspitzen an seiner Stirn getrommelt und entschieden nicht recht

Bescheid gewußt, – eine Erscheinung, nicht weniger beunruhigend als jene

vorübergehende Unfähigkeit, die ihn am ersten Abend seines Hierseins

befallen hatte, nämlich Herrn Settembrini sein eigenes Alter anzugeben,

ja, eine Verschlimmerung dieses Unvermögens, denn er wußte nun allen

Ernstes und dauernd nicht mehr, wie alt er sei!

Das mag abenteuerlich klingen, ist aber so weit entfernt, unerhört oder

unwahrscheinlich zu sein, daß es vielmehr unter bestimmten Bedingungen

jederzeit jedem von uns begegnen kann: nichts würde uns, solche

Bedingungen vorausgesetzt, vor dem Versinken in tiefste Unwissenheit

über den Zeitverlauf und also über unser Alter bewahren. Die Erscheinung

ist möglich kraft des Fehlens jedes Zeitorgans in unserem Innern, kraft

also unserer absoluten Unfähigkeit, den Ablauf der Zeit von uns aus und

ohne äußeren Anhalt auch nur mit annähernder Zuverlässigkeit zu

bestimmen. Bergleute, verschüttet, abgeschnitten von jeder Beobachtung

des Wechsels von Tag und Nacht, veranschlagten bei ihrer glücklichen

Errettung die Zeit, die sie im Dunklen, zwischen Hoffnung und

Verzweiflung zugebracht hatten, auf drei Tage. Es waren deren zehn

gewesen. Man sollte meinen, daß in ihrer höchst beklommenen Lage die

Zeit ihnen hätte lang werden müssen. Sie war ihnen auf weniger als ein

Drittel ihres objektiven Umfanges zusammengeschrumpft. Es scheint

demnach, daß unter verwirrenden Bedingungen die menschliche

Hilflosigkeit eher geneigt ist, die Zeit in starker Verkürzung zu

erleben, als sie zu überschätzen.

Niemand bestreitet nun freilich, daß Hans Castorp, wenn er gewollt

hätte, ohne wirkliche Schwierigkeit aus dem Ungewissen sich rechnerisch

hätte ins Klare setzen können, – ebenso, wie das der Leser mit leichter

Mühe zu tun vermöchte, falls das Verschwommene und Versponnene seinem

gesunden Sinn widerstehen sollte. Was Hans Castorp betraf, so war ihm

vielleicht nicht gerade besonders wohl darin, allein irgendwelche

Anstrengung, sich der Verschwommenheit und Versponnenheit zu entringen

und sich klarzumachen, wie alt er hier schon geworden sei, ließ er

sich’s auch nicht kosten; und die Scheu, die ihn daran hinderte, war

eine Scheu seines Gewissens, – obgleich es doch offenbar die schlimmste

Gewissenlosigkeit ist, der Zeit nicht zu achten.

Wir wissen nicht, ob man es ihm zugute halten soll, daß die Umstände

seinem Mangel an gutem Willen – wenn man nicht geradezu von seinem bösen

Willen reden will – so sehr zustatten kamen. Als Frau Chauchat

wiedergekehrt war (anders, als Hans Castorp es sich hatte träumen lassen

– aber davon an seinem Orte), hatte wieder einmal Adventszeit geherrscht

und der kürzeste Tag, Wintersanfang also, astronomisch gesprochen, in

naher Aussicht gestanden. In Wirklichkeit aber, von theoretischer

Anordnung abgesehen, in Hinsicht auf Schnee und Frost, hatte man damals

Gott weiß wie lange schon wieder Winter gehabt, ja, dieser war allezeit

nur ganz vorübergehend unterbrochen gewesen, von brennenden Sommertagen

mit einer Himmelsbläue von so übertriebener Tiefe, daß sie ins

Schwärzliche spielte, – von Sommertagen also, wie sie übrigens auch in

den Winter fielen, wenn man den Schnee beiseite ließ, der übrigens auch

in jedem Sommermonat fiel. Wie oft hatte Hans Castorp mit dem seligen

Joachim über diese große Konfusion geschwatzt, welche die Jahreszeiten

vermengte, sie durcheinander warf, das Jahr seiner Gliederung beraubte

und es dadurch auf eine langweilige Weise kurzweilig oder auf eine

kurzweilige Weise langweilig machte, so daß von Zeit, einer frühen und

mit Ekel getanen Äußerung Joachims zufolge, überhaupt nicht die Rede

sein konnte. Was eigentlich vermengt und vermischt wurde bei dieser

großen Konfusion, das waren die Gefühlsbegriffe oder die

Bewußtseinslagen des „Noch“ und des „Schon wieder“, – eins der

verwirrendsten, vertracktesten und verhextesten Erlebnisse überhaupt,

und ein Erlebnis dabei, das zu kosten Hans Castorp gleich an seinem

ersten Tage hier oben eine unmoralische Neigung verspürt hatte: nämlich

bei den fünf übergewaltigen Mahlzeiten im lustig schablonierten

Speisesaal, wo denn ein erster Schwindel dieser Art, vergleichsweise

unschuldig noch, ihn angewandelt hatte.

Seitdem hatte dieser Sinnen- und Geistestrug weit größeren Maßstab

angenommen. Die Zeit, sei ihr subjektives Erlebnis auch abgeschwächt

oder aufgehoben, hat sachliche Wirklichkeit, sofern sie tätig ist,

sofern sie „zeitigt“. Es ist eine Frage für Berufsdenker – und nur aus

jugendlicher Anmaßung hatte also Hans Castorp sich einmal damit

eingelassen –, ob die hermetische Konserve auf ihrem Wandbort außer der

Zeit ist. Aber wir wissen, daß auch am Siebenschläfer die Zeit ihr Werk

tut. Ein Arzt beglaubigt den Fall eines zwölfjährigen Mädchens, das

eines Tages in Schlaf verfiel und dreizehn Jahre darin verharrte, –

wobei sie aber kein zwölfjähriges Mädchen blieb, sondern unterdessen zum

reifen Weibe erblühte. Wie könnte es anders sein. Der Tote ist tot und

hat das Zeitliche gesegnet; er hat viel Zeit, das heißt: er hat gar

keine, – persönlich genommen. Das hindert nicht, daß ihm noch Nägel und

Haare wachsen, und daß alles in allem – aber wir wollen die burschikose

Redensart nicht wiederholen, die Joachim einmal in diesem Zusammenhange

gebraucht, und an der Hans Castorp damals flachländischen Anstoß

genommen hatte. Auch ihm wuchsen Haare und Nägel, sie wuchsen schnell,

wie es schien, er saß so oft in den weißen Mantel gehüllt auf seinem

Operationsstuhl beim Coiffeur in der Hauptstraße vom Dorf und ließ sich

das Haar schneiden, weil an den Ohren sich wieder Fransen gebildet

hatten, – er saß eigentlich immer dort, oder vielmehr, wenn er saß und

mit dem schmeichelnd-gewandten Angestellten plauderte, der sein Werk an

ihm tat, nachdem die Zeit das ihre getan; oder wenn er an seiner

Balkontür stand und sich mit Scherchen und Feile, seinem schönen

Samtnecessaire entnommen, die Nägel kürzte, – flog plötzlich mit einer

Art von Schrecken, dem neugieriges Ergötzen beigemischt

war, jener Schwindel ihn an: ein Schwindel in des Wortes

schwankender Doppelbedeutung von Taumel und Betrug, das wirbelige

Nicht-mehr-unterscheiden von „Noch“ und „Wieder“, deren Vermischung und

Verwischung das zeitlose Immer und Ewig ergibt.

Wir haben oft versichert, daß wir ihn nicht besser, aber auch nicht

schlechter zu machen wünschen, als er war, und so wollen wir nicht

verschweigen, daß er sein tadelnswertes Gefallen an solchen mystischen

Anfechtungen, die er wohl gar bewußt und geflissentlich hervorrief, oft

doch auch durch gegenteilige Bemühungen zu sühnen suchte. Er konnte

sitzen, seine Uhr in der Hand – seine flache, glattgoldene Taschenuhr,

deren Deckel mit dem gravierten Monogramm er hatte springen lassen, –

und niederblicken auf ihre mit schwarzen und roten arabischen Ziffern

doppelt rundum besetzte Porzellankreisfläche, auf der die beiden

zierlich-prachtvoll verschnörkelten Goldzeiger auseinander wiesen und

der dünne Sekundenzeiger den geschäftig pickenden Gang um seine

besondere kleine Sphäre tat. Hans Castorp hielt ihn im Auge, um einige

Minuten zu hemmen und zu dehnen, die Zeit am Schwanze zu halten. Das

Weiserchen trippelte seines Weges, ohne der Ziffern zu achten, die es

erreichte, berührte, überschritt, zurückließ, weit zurückließ, wieder

anging und wieder erreichte. Es war fühllos gegen Ziele, Abschnitte,

Markierungen. Es hätte auf 60 einen Augenblick anhalten oder wenigstens

sonst ein winziges Zeichen geben sollen, daß hier etwas vollendet sei.

Doch an der Art, wie es sie rasch, nicht anders als jedes andere

unbezifferte Strichelchen, überschritt, erkannte man, daß ihm die ganze

Bezifferung und Gliederung seines Weges nur _unterlegt_ war, und daß

es eben nur ging, ging ... So barg denn Hans Castorp sein

Glashüttenerzeugnis wieder in der Westentasche und überließ die Zeit

sich selbst.

Wie sollen wir flachländischer Ehrbarkeit die Veränderungen faßlich

machen, die in dem inneren Haushalt des jungen Abenteurers sich

vollzogen? Es wuchs der Maßstab der schwindligen Identitäten. War es bei

einiger Nachgiebigkeit nicht leicht, ein Jetzt gegen eines von gestern,

von vor- und vorvorgestern abzusetzen, das ihm geglichen hatte wie ein

Ei dem andern, so war ein Jetzt auch schon geneigt und fähig, seine

Gegenwart mit einer solchen zu verwechseln, die vor einem Monat, einem

Jahre obgewaltet hatte, und mit ihr zum Immer zu verschwimmen. Sofern

jedoch die sittlichen Bewußtseinsfälle des Noch und Wieder und Künftig

gesondert blieben, schlich eine Versuchung sich ein, Beziehungsnamen,

mit denen das „Heute“ sich Vergangenheit und Zukunft bestimmend vom

Leibe hält, das „Gestern“, das „Morgen“, nach ihrem Sinne zu erweitern

und sie auf größere Verhältnisse anzuwenden. Unschwer wären Wesen

denkbar, vielleicht auf kleineren Planeten, die eine Miniaturzeit

bewirtschafteten und für deren „kurzes“ Leben das flinke Getrippel

unseres Sekundenzeigers die zähe Wegsparsamkeit des Stundenmessers

hätte. Aber auch solche sind vorzustellen, mit deren Raum sich eine Zeit

von gewaltigem Gange verbände, so daß die Abstandsbegriffe des „Eben

noch“ und „Über ein Kleines“, des „Gestern“ und „Morgen“ in ihrem

Erlebnis ungeheuer erweiterte Bedeutung gewännen. Das wäre, sagen wir,

nicht nur möglich, es wäre, im Geiste eines duldsamen Relativismus

beurteilt und nach dem Satze „Ländlich, sittlich“, auch als legitim,

gesund und achtbar anzusprechen. Was aber soll man von einem Erdensohne

denken, des Alters obendrein, für den ein Tag, ein Wochenrund, ein

Monat, ein Semester noch solche wichtige Rolle spielen sollten, im Leben

so viele Veränderungen und Fortschritte mit sich bringen, – der eines

Tages die lästerliche Gewohnheit annimmt oder doch zuweilen der Lust

nachgibt, statt „Vor einem Jahre“: „Gestern“ und „Morgen“ für „Übers

Jahr“ zu sagen? Hier ist unzweifelhaft das Urteil „Verirrung und

Verwirrung“ und damit höchste Besorgnis am Platze.

Es gibt auf Erden eine Lebenslage, gibt landschaftliche Umstände (wenn

man von „Landschaft“ sprechen darf in dem uns vorschwebenden

Falle), unter denen eine solche Verwirrung und Verwischung der

zeitlich-räumlichen Distanzen bis zur schwindligen Einerleiheit

gewissermaßen von Natur und Rechtes wegen statthat, so daß denn ein

Untertauchen in ihrem Zauber für Ferienstunden allenfalls als statthaft

gelten möge. Wir meinen den Spaziergang am Meeresstrande, – ein

Sichbefinden, dessen Hans Castorp nie ohne größte Zuneigung gedachte, –

wie wir ja wissen, daß er sich durch das Leben im Schnee an heimatliche

Dünengefilde gern und dankbar erinnern ließ. Wir vertrauen, daß auch

Erfahrung und Erinnerung des Lesers uns nicht im Stiche lassen werde,

wenn wir auf diese wundersame Verlorenheit Bezug nehmen. Du gehst und

gehst ... du wirst von solchem Gange niemals zu rechter Zeit nach Hause

zurückkehren, denn du bist der Zeit und sie ist dir abhanden gekommen. O

Meer, wir sitzen erzählend fern von dir, wir wenden dir unsere Gedanken,

unsre Liebe zu, ausdrücklich und laut anrufungsweise sollst du in

unserer Erzählung gegenwärtig sein, wie du es im stillen immer warst und

bist und sein wirst ... Sausende Öde, blaß hellgrau überspannt, voll

herber Feuchte, von der ein Salzgeschmack auf unseren Lippen haftet. Wir

gehen, gehen auf leicht federndem, mit Tang und kleinen Muscheln

bestreutem Grunde, die Ohren eingehüllt vom Wind, von diesem großen,

weiten und milden Winde, der frei und ungehemmt und ohne Tücke den Raum

durchfährt und eine sanfte Betäubung in unserem Kopfe erzeugt, – wir

wandern, wandern und sehen die Schaumzungen der vorgetriebenen und

wieder rückwärts wallenden See nach unseren Füßen lecken. Die Brandung

siedet, hell-dumpf aufprallend rauscht Welle auf Welle seidig auf den

flachen Strand, – so dort wie hier und an den Bänken draußen, und dieses

wirre und allgemeine, sanft brausende Getöse sperrt unser Ohr für jede

Stimme der Welt. Tiefes Genügen, wissentlich Vergessen ... Schließen wir

doch die Augen, geborgen von Ewigkeit! Nein, sieh, dort in der schaumig

graugrünen Weite, die sich in ungeheueren Verkürzungen zum Horizont

verliert, dort steht ein Segel. Dort? Was ist das für ein Dort? Wie

weit? Wie nah? Das weißt du nicht. Auf schwindelige Weise entzieht es

sich deinem Urteil. Um zu sagen, wie weit dies Schiff vom Ufer entfernt

ist, müßtest du wissen, wie groß es an sich selber als Körper ist. Klein

und nahe oder groß und fern? In Unwissenheit bricht sich dein Blick,

denn aus dir selber sagt kein Organ und Sinn dir über den Raum Bescheid

... Wir gehen, gehen, – wie lange schon? Wie weit? Das steht dahin.

Nichts ändert sich bei unserem Schritt, dort ist wie hier, vorhin wie

jetzt und dann; in ungemessener Monotonie des Raumes ertrinkt die Zeit,

Bewegung von Punkt zu Punkt ist keine Bewegung mehr, wenn Einerleiheit

regiert, und wo Bewegung nicht mehr Bewegung ist, ist keine Zeit.

Die Lehrer des Mittelalters wollten wissen, die Zeit sei eine Illusion,

ihr Ablauf in Ursächlichkeit und Folge nur das Ergebnis einer

Vorrichtung unsrer Sinne und das wahre Sein der Dinge ein stehendes

Jetzt. War er am Meere spaziert, der Doktor, der diesen Gedanken zuerst

empfing, – die schwache Bitternis der Ewigkeit auf seinen Lippen? Wir

wiederholen jedenfalls, daß es Ferienlizenzen sind, von denen wir da

sprechen, Phantasien der Lebensmuße, von denen der sittliche Geist so

rasch gesättigt ist, wie ein rüstiger Mann vom Ruhen im warmen Sand. An

den menschlichen Erkenntnismitteln und -formen Kritik zu üben, ihre

reine Gültigkeit fraglich zu machen, wäre absurd, ehrlos,

widersacherisch, wenn je ein anderer Sinn damit verbunden wäre, als

derjenige, der Vernunft Grenzen anzuweisen, die sie nicht überschreitet,

ohne sich der Vernachlässigung ihrer eigentlichen Aufgaben schuldig zu

machen. Wir können einem Manne wie Herrn Settembrini nur dankbar sein,

wenn er dem jungen Menschen, dessen Schicksal uns beschäftigt, und den

er bei Gelegenheit sehr fein als ein „Sorgenkind des Lebens“

angesprochen hatte, die Metaphysik mit pädagogischer Entschiedenheit als

„Das Böse“ kennzeichnete. Und wir ehren das Andenken eines uns lieben

Verstorbenen am besten, indem wir aussprechen, daß Sinn, Zweck und Ziel

des kritischen Prinzips nur eines sein kann und darf: der

Pflichtgedanke, der Lebensbefehl. Ja, indem gesetzgeberische Weisheit

die Grenzen der Vernunft kritisch absteckte, hat sie an ebendiesen

Grenzen die Fahne des Lebens aufgepflanzt und es als die soldatische

Schuldigkeit des Menschen proklamiert, unter ihr Dienst zu tun. Soll man

es dem jungen Hans Castorp aufs Entschuldigungskonto setzen und

annehmen, es habe ihn in seiner lästerlichen Zeitwirtschaft, seinem

schlimmen Getändel mit der Ewigkeit bestärkt, daß, was ein

melancholischer Schwadroneur seines militärischen Vetters „Biereifer“

genannt, letalen Ausgang genommen hatte?

Der Zauberberg. Zweiter Band · 第 19 / 31 题