Kann man die Zeit erzählen, diese selbst, als solche, an und für sich?
Wahrhaftig, nein, das wäre ein närrisches Unterfangen! Eine Erzählung,
die ginge: „Die Zeit verfloß, sie verrann, es strömte die Zeit“ und so
immer fort, – das könnte gesunden Sinnes wohl niemand eine Erzählung
nennen. Es wäre, als wollte man hirnverbrannterweise eine Stunde lang
ein und denselben Ton oder Akkord aushalten und das – für Musik
ausgeben. Denn die Erzählung gleicht der Musik darin, daß sie die Zeit
_erfüllt_, sie „anständig ausfüllt“, sie „einteilt“ und macht, daß
„etwas daran“ und „etwas los damit“ ist – um mit der wehmütigen Pietät,
die man Aussprüchen Verstorbener widmet, Gelegenheitsworte des seligen
Joachim anzuführen: längst verklungene Worte, – wir wissen nicht, ob
sich der Leser noch ganz im klaren darüber ist, wie lange verklungen.
Die Zeit ist das _Element_ der Erzählung, wie sie das Element des Lebens
ist, – unlösbar damit verbunden, wie mit den Körpern im Raum. Sie ist
auch das Element der Musik, als welche die Zeit mißt und gliedert, sie
kurzweilig und kostbar auf einmal macht: verwandt hierin, wie gesagt,
der Erzählung, die ebenfalls (und anders als das auf einmal leuchtend
gegenwärtige und nur als Körper an die Zeit gebundene Werk der bildenden
Kunst) nur als ein Nacheinander, nicht anders denn als ein Ablaufendes
sich zu geben weiß, und selbst, wenn sie versuchen sollte, in jedem
Augenblick ganz da zu sein, der Zeit zu ihrer Erscheinung bedarf.
Das liegt auf der flachen Hand. Daß aber hier ein Unterschied waltet,
liegt ebenso offen. Das Zeitelement der Musik ist nur eines: ein
Ausschnitt menschlicher Erdenzeit, in den sie sich ergießt, um ihn
unsagbar zu adeln und zu erhöhen. Die Erzählung dagegen hat zweierlei
Zeit: ihre eigene erstens, die musikalisch-reale, die ihren Ablauf, ihre
Erscheinung bedingt; zweitens aber die ihres Inhalts, die perspektivisch
ist, und zwar in so verschiedenem Maße, daß die imaginäre Zeit der
Erzählung fast, ja völlig mit ihrer musikalischen zusammenfallen, sich
aber auch sternenweit von ihr entfernen kann. Ein Musikstück des Namens
„Fünf-Minuten-Walzer“ dauert fünf Minuten, – hierin und in nichts
anderem besteht sein Verhältnis zur Zeit. Eine Erzählung aber, deren
inhaltliche Zeitspanne fünf Minuten betrüge, könnte ihrerseits, vermöge
außerordentlicher Gewissenhaftigkeit in der Erfüllung dieser fünf
Minuten, das Tausendfache dauern – und dabei sehr kurzweilig sein,
obgleich sie im Verhältnis zu ihrer imaginären Zeit sehr langweilig
wäre. Andererseits ist möglich, daß die inhaltliche Zeit der Erzählung
deren eigene Dauer verkürzungsweise ins Ungemessene übersteigt, – wir
sagen „verkürzungsweise“, um auf ein illusionäres oder, ganz deutlich zu
sprechen, ein krankhaftes Element hinzudeuten, das hier offenbar
einschlägig ist: sofern nämlich dieses Falls die Erzählung sich eines
hermetischen Zaubers und einer zeitlichen Überperspektive bedient, die
an gewisse anormale und deutlich ins Übersinnliche weisende Fälle der
wirklichen Erfahrung erinnern. Man besitzt Aufzeichnungen von
Opiumrauchern, die bekunden, daß der Betäubte während der kurzen Zeit
seiner Entrückung Träume durchlebte, deren zeitlicher Umfang sich auf
zehn, auf dreißig und selbst auf sechzig Jahre belief oder sogar die
Grenze aller menschlichen Zeiterfahrungsmöglichkeit zurückließ, – Träume
also, deren imaginärer Zeitraum ihre eigene Dauer um ein Gewaltiges
überstieg, und in denen eine unglaubliche Verkürzung des Zeiterlebnisses
herrschte, die Vorstellungen sich mit solcher Geschwindigkeit drängten,
als wäre, wie ein Haschischesser sich ausdrückt, aus dem Hirn des
Berauschten „etwas hinweggenommen gewesen wie die Feder einer
verdorbenen Uhr“.
Ähnlich also wie diese Lasterträume vermag die Erzählung mit der Zeit zu
Werke zu gehen, ähnlich vermag sie sie zu behandeln. Da sie sie aber
„behandeln“ kann, so ist klar, daß die Zeit, die das Element der
Erzählung ist, auch zu _ihrem Gegenstande_ werden kann; und wenn es
zuviel gesagt wäre, man könne „die Zeit erzählen“, so ist doch, _von der
Zeit_ erzählen zu wollen, offenbar kein ganz so absurdes Beginnen, wie
es uns anfangs scheinen wollte, – so daß denn also dem Namen des
„Zeitromans“ ein eigentümlich träumerischer Doppelsinn zukommen könnte.
Tatsächlich haben wir die Frage, ob man die Zeit erzählen könne, nur
aufgeworfen, um zu gestehen, daß wir mit laufender Geschichte wirklich
dergleichen vorhaben. Und wenn wir die weitere Frage streiften, ob die
um uns Versammelten sich noch ganz im klaren darüber seien, wie lange es
gegenwärtig her ist, daß der unterdessen verstorbene ehrliebende Joachim
jene Bemerkung über Musik und Zeit ins Gespräch flocht (die übrigens von
einer gewissen alchimistischen Steigerung seines Wesens zeugt, da solche
Bemerkungen eigentlich nicht in seiner braven Natur lagen), – so wären
wir wenig erzürnt gewesen, zu hören, daß man sich wirklich im Augenblick
nicht mehr so recht im klaren darüber sei: wenig erzürnt, ja zufrieden
aus dem einfachen Grunde, weil die allgemeine Teilnahme an dem Erleben
unseres Helden natürlich in unserem Interesse liegt, und weil dieser,
Hans Castorp, in beregtem Punkte durchaus nicht ganz fest war, und zwar
schon längst nicht mehr. Das gehört zu seinem Roman, einem Zeitroman, –
so – und auch wieder so genommen.
Wie lange Joachim eigentlich hier oben mit ihm gelebt, bis zu seiner
wilden Abreise oder im ganzen genommen; wann, kalendermäßig, diese erste
trotzige Abreise stattgefunden, wie lange er weggewesen, wann wieder
eingetroffen und wie lange Hans Castorp selber schon hier gewesen, als
er wieder eingetroffen und dann aus der Zeit gegangen war; wie lange, um
Joachim beiseite zu lassen, Frau Chauchat ungegenwärtig gewesen, seit
wann, etwa der Jahreszahl nach, sie _wieder da_ war (denn sie war wieder
da), und wieviel Erdenzeit Hans Castorp im „Berghof“ damals verbracht
gehabt hatte, als sie zurückgekehrt war: bei all diesen Fragen, gesetzt,
man hätte sie ihm vorgelegt, was aber niemand tat, auch er selber nicht,
denn er scheute sich wohl, sie sich vorzulegen, hätte Hans Castorp mit
den Fingerspitzen an seiner Stirn getrommelt und entschieden nicht recht
Bescheid gewußt, – eine Erscheinung, nicht weniger beunruhigend als jene
vorübergehende Unfähigkeit, die ihn am ersten Abend seines Hierseins
befallen hatte, nämlich Herrn Settembrini sein eigenes Alter anzugeben,
ja, eine Verschlimmerung dieses Unvermögens, denn er wußte nun allen
Ernstes und dauernd nicht mehr, wie alt er sei!
Das mag abenteuerlich klingen, ist aber so weit entfernt, unerhört oder
unwahrscheinlich zu sein, daß es vielmehr unter bestimmten Bedingungen
jederzeit jedem von uns begegnen kann: nichts würde uns, solche
Bedingungen vorausgesetzt, vor dem Versinken in tiefste Unwissenheit
über den Zeitverlauf und also über unser Alter bewahren. Die Erscheinung
ist möglich kraft des Fehlens jedes Zeitorgans in unserem Innern, kraft
also unserer absoluten Unfähigkeit, den Ablauf der Zeit von uns aus und
ohne äußeren Anhalt auch nur mit annähernder Zuverlässigkeit zu
bestimmen. Bergleute, verschüttet, abgeschnitten von jeder Beobachtung
des Wechsels von Tag und Nacht, veranschlagten bei ihrer glücklichen
Errettung die Zeit, die sie im Dunklen, zwischen Hoffnung und
Verzweiflung zugebracht hatten, auf drei Tage. Es waren deren zehn
gewesen. Man sollte meinen, daß in ihrer höchst beklommenen Lage die
Zeit ihnen hätte lang werden müssen. Sie war ihnen auf weniger als ein
Drittel ihres objektiven Umfanges zusammengeschrumpft. Es scheint
demnach, daß unter verwirrenden Bedingungen die menschliche
Hilflosigkeit eher geneigt ist, die Zeit in starker Verkürzung zu
erleben, als sie zu überschätzen.
Niemand bestreitet nun freilich, daß Hans Castorp, wenn er gewollt
hätte, ohne wirkliche Schwierigkeit aus dem Ungewissen sich rechnerisch
hätte ins Klare setzen können, – ebenso, wie das der Leser mit leichter
Mühe zu tun vermöchte, falls das Verschwommene und Versponnene seinem
gesunden Sinn widerstehen sollte. Was Hans Castorp betraf, so war ihm
vielleicht nicht gerade besonders wohl darin, allein irgendwelche
Anstrengung, sich der Verschwommenheit und Versponnenheit zu entringen
und sich klarzumachen, wie alt er hier schon geworden sei, ließ er
sich’s auch nicht kosten; und die Scheu, die ihn daran hinderte, war
eine Scheu seines Gewissens, – obgleich es doch offenbar die schlimmste
Gewissenlosigkeit ist, der Zeit nicht zu achten.
Wir wissen nicht, ob man es ihm zugute halten soll, daß die Umstände
seinem Mangel an gutem Willen – wenn man nicht geradezu von seinem bösen
Willen reden will – so sehr zustatten kamen. Als Frau Chauchat
wiedergekehrt war (anders, als Hans Castorp es sich hatte träumen lassen
– aber davon an seinem Orte), hatte wieder einmal Adventszeit geherrscht
und der kürzeste Tag, Wintersanfang also, astronomisch gesprochen, in
naher Aussicht gestanden. In Wirklichkeit aber, von theoretischer
Anordnung abgesehen, in Hinsicht auf Schnee und Frost, hatte man damals
Gott weiß wie lange schon wieder Winter gehabt, ja, dieser war allezeit
nur ganz vorübergehend unterbrochen gewesen, von brennenden Sommertagen
mit einer Himmelsbläue von so übertriebener Tiefe, daß sie ins
Schwärzliche spielte, – von Sommertagen also, wie sie übrigens auch in
den Winter fielen, wenn man den Schnee beiseite ließ, der übrigens auch
in jedem Sommermonat fiel. Wie oft hatte Hans Castorp mit dem seligen
Joachim über diese große Konfusion geschwatzt, welche die Jahreszeiten
vermengte, sie durcheinander warf, das Jahr seiner Gliederung beraubte
und es dadurch auf eine langweilige Weise kurzweilig oder auf eine
kurzweilige Weise langweilig machte, so daß von Zeit, einer frühen und
mit Ekel getanen Äußerung Joachims zufolge, überhaupt nicht die Rede
sein konnte. Was eigentlich vermengt und vermischt wurde bei dieser
großen Konfusion, das waren die Gefühlsbegriffe oder die
Bewußtseinslagen des „Noch“ und des „Schon wieder“, – eins der
verwirrendsten, vertracktesten und verhextesten Erlebnisse überhaupt,
und ein Erlebnis dabei, das zu kosten Hans Castorp gleich an seinem
ersten Tage hier oben eine unmoralische Neigung verspürt hatte: nämlich
bei den fünf übergewaltigen Mahlzeiten im lustig schablonierten
Speisesaal, wo denn ein erster Schwindel dieser Art, vergleichsweise
unschuldig noch, ihn angewandelt hatte.
Seitdem hatte dieser Sinnen- und Geistestrug weit größeren Maßstab
angenommen. Die Zeit, sei ihr subjektives Erlebnis auch abgeschwächt
oder aufgehoben, hat sachliche Wirklichkeit, sofern sie tätig ist,
sofern sie „zeitigt“. Es ist eine Frage für Berufsdenker – und nur aus
jugendlicher Anmaßung hatte also Hans Castorp sich einmal damit
eingelassen –, ob die hermetische Konserve auf ihrem Wandbort außer der
Zeit ist. Aber wir wissen, daß auch am Siebenschläfer die Zeit ihr Werk
tut. Ein Arzt beglaubigt den Fall eines zwölfjährigen Mädchens, das
eines Tages in Schlaf verfiel und dreizehn Jahre darin verharrte, –
wobei sie aber kein zwölfjähriges Mädchen blieb, sondern unterdessen zum
reifen Weibe erblühte. Wie könnte es anders sein. Der Tote ist tot und
hat das Zeitliche gesegnet; er hat viel Zeit, das heißt: er hat gar
keine, – persönlich genommen. Das hindert nicht, daß ihm noch Nägel und
Haare wachsen, und daß alles in allem – aber wir wollen die burschikose
Redensart nicht wiederholen, die Joachim einmal in diesem Zusammenhange
gebraucht, und an der Hans Castorp damals flachländischen Anstoß
genommen hatte. Auch ihm wuchsen Haare und Nägel, sie wuchsen schnell,
wie es schien, er saß so oft in den weißen Mantel gehüllt auf seinem
Operationsstuhl beim Coiffeur in der Hauptstraße vom Dorf und ließ sich
das Haar schneiden, weil an den Ohren sich wieder Fransen gebildet
hatten, – er saß eigentlich immer dort, oder vielmehr, wenn er saß und
mit dem schmeichelnd-gewandten Angestellten plauderte, der sein Werk an
ihm tat, nachdem die Zeit das ihre getan; oder wenn er an seiner
Balkontür stand und sich mit Scherchen und Feile, seinem schönen
Samtnecessaire entnommen, die Nägel kürzte, – flog plötzlich mit einer
Art von Schrecken, dem neugieriges Ergötzen beigemischt
war, jener Schwindel ihn an: ein Schwindel in des Wortes
schwankender Doppelbedeutung von Taumel und Betrug, das wirbelige
Nicht-mehr-unterscheiden von „Noch“ und „Wieder“, deren Vermischung und
Verwischung das zeitlose Immer und Ewig ergibt.
Wir haben oft versichert, daß wir ihn nicht besser, aber auch nicht
schlechter zu machen wünschen, als er war, und so wollen wir nicht
verschweigen, daß er sein tadelnswertes Gefallen an solchen mystischen
Anfechtungen, die er wohl gar bewußt und geflissentlich hervorrief, oft
doch auch durch gegenteilige Bemühungen zu sühnen suchte. Er konnte
sitzen, seine Uhr in der Hand – seine flache, glattgoldene Taschenuhr,
deren Deckel mit dem gravierten Monogramm er hatte springen lassen, –
und niederblicken auf ihre mit schwarzen und roten arabischen Ziffern
doppelt rundum besetzte Porzellankreisfläche, auf der die beiden
zierlich-prachtvoll verschnörkelten Goldzeiger auseinander wiesen und
der dünne Sekundenzeiger den geschäftig pickenden Gang um seine
besondere kleine Sphäre tat. Hans Castorp hielt ihn im Auge, um einige
Minuten zu hemmen und zu dehnen, die Zeit am Schwanze zu halten. Das
Weiserchen trippelte seines Weges, ohne der Ziffern zu achten, die es
erreichte, berührte, überschritt, zurückließ, weit zurückließ, wieder
anging und wieder erreichte. Es war fühllos gegen Ziele, Abschnitte,
Markierungen. Es hätte auf 60 einen Augenblick anhalten oder wenigstens
sonst ein winziges Zeichen geben sollen, daß hier etwas vollendet sei.
Doch an der Art, wie es sie rasch, nicht anders als jedes andere
unbezifferte Strichelchen, überschritt, erkannte man, daß ihm die ganze
Bezifferung und Gliederung seines Weges nur _unterlegt_ war, und daß
es eben nur ging, ging ... So barg denn Hans Castorp sein
Glashüttenerzeugnis wieder in der Westentasche und überließ die Zeit
sich selbst.
Wie sollen wir flachländischer Ehrbarkeit die Veränderungen faßlich
machen, die in dem inneren Haushalt des jungen Abenteurers sich
vollzogen? Es wuchs der Maßstab der schwindligen Identitäten. War es bei
einiger Nachgiebigkeit nicht leicht, ein Jetzt gegen eines von gestern,
von vor- und vorvorgestern abzusetzen, das ihm geglichen hatte wie ein
Ei dem andern, so war ein Jetzt auch schon geneigt und fähig, seine
Gegenwart mit einer solchen zu verwechseln, die vor einem Monat, einem
Jahre obgewaltet hatte, und mit ihr zum Immer zu verschwimmen. Sofern
jedoch die sittlichen Bewußtseinsfälle des Noch und Wieder und Künftig
gesondert blieben, schlich eine Versuchung sich ein, Beziehungsnamen,
mit denen das „Heute“ sich Vergangenheit und Zukunft bestimmend vom
Leibe hält, das „Gestern“, das „Morgen“, nach ihrem Sinne zu erweitern
und sie auf größere Verhältnisse anzuwenden. Unschwer wären Wesen
denkbar, vielleicht auf kleineren Planeten, die eine Miniaturzeit
bewirtschafteten und für deren „kurzes“ Leben das flinke Getrippel
unseres Sekundenzeigers die zähe Wegsparsamkeit des Stundenmessers
hätte. Aber auch solche sind vorzustellen, mit deren Raum sich eine Zeit
von gewaltigem Gange verbände, so daß die Abstandsbegriffe des „Eben
noch“ und „Über ein Kleines“, des „Gestern“ und „Morgen“ in ihrem
Erlebnis ungeheuer erweiterte Bedeutung gewännen. Das wäre, sagen wir,
nicht nur möglich, es wäre, im Geiste eines duldsamen Relativismus
beurteilt und nach dem Satze „Ländlich, sittlich“, auch als legitim,
gesund und achtbar anzusprechen. Was aber soll man von einem Erdensohne
denken, des Alters obendrein, für den ein Tag, ein Wochenrund, ein
Monat, ein Semester noch solche wichtige Rolle spielen sollten, im Leben
so viele Veränderungen und Fortschritte mit sich bringen, – der eines
Tages die lästerliche Gewohnheit annimmt oder doch zuweilen der Lust
nachgibt, statt „Vor einem Jahre“: „Gestern“ und „Morgen“ für „Übers
Jahr“ zu sagen? Hier ist unzweifelhaft das Urteil „Verirrung und
Verwirrung“ und damit höchste Besorgnis am Platze.
Es gibt auf Erden eine Lebenslage, gibt landschaftliche Umstände (wenn
man von „Landschaft“ sprechen darf in dem uns vorschwebenden
Falle), unter denen eine solche Verwirrung und Verwischung der
zeitlich-räumlichen Distanzen bis zur schwindligen Einerleiheit
gewissermaßen von Natur und Rechtes wegen statthat, so daß denn ein
Untertauchen in ihrem Zauber für Ferienstunden allenfalls als statthaft
gelten möge. Wir meinen den Spaziergang am Meeresstrande, – ein
Sichbefinden, dessen Hans Castorp nie ohne größte Zuneigung gedachte, –
wie wir ja wissen, daß er sich durch das Leben im Schnee an heimatliche
Dünengefilde gern und dankbar erinnern ließ. Wir vertrauen, daß auch
Erfahrung und Erinnerung des Lesers uns nicht im Stiche lassen werde,
wenn wir auf diese wundersame Verlorenheit Bezug nehmen. Du gehst und
gehst ... du wirst von solchem Gange niemals zu rechter Zeit nach Hause
zurückkehren, denn du bist der Zeit und sie ist dir abhanden gekommen. O
Meer, wir sitzen erzählend fern von dir, wir wenden dir unsere Gedanken,
unsre Liebe zu, ausdrücklich und laut anrufungsweise sollst du in
unserer Erzählung gegenwärtig sein, wie du es im stillen immer warst und
bist und sein wirst ... Sausende Öde, blaß hellgrau überspannt, voll
herber Feuchte, von der ein Salzgeschmack auf unseren Lippen haftet. Wir
gehen, gehen auf leicht federndem, mit Tang und kleinen Muscheln
bestreutem Grunde, die Ohren eingehüllt vom Wind, von diesem großen,
weiten und milden Winde, der frei und ungehemmt und ohne Tücke den Raum
durchfährt und eine sanfte Betäubung in unserem Kopfe erzeugt, – wir
wandern, wandern und sehen die Schaumzungen der vorgetriebenen und
wieder rückwärts wallenden See nach unseren Füßen lecken. Die Brandung
siedet, hell-dumpf aufprallend rauscht Welle auf Welle seidig auf den
flachen Strand, – so dort wie hier und an den Bänken draußen, und dieses
wirre und allgemeine, sanft brausende Getöse sperrt unser Ohr für jede
Stimme der Welt. Tiefes Genügen, wissentlich Vergessen ... Schließen wir
doch die Augen, geborgen von Ewigkeit! Nein, sieh, dort in der schaumig
graugrünen Weite, die sich in ungeheueren Verkürzungen zum Horizont
verliert, dort steht ein Segel. Dort? Was ist das für ein Dort? Wie
weit? Wie nah? Das weißt du nicht. Auf schwindelige Weise entzieht es
sich deinem Urteil. Um zu sagen, wie weit dies Schiff vom Ufer entfernt
ist, müßtest du wissen, wie groß es an sich selber als Körper ist. Klein
und nahe oder groß und fern? In Unwissenheit bricht sich dein Blick,
denn aus dir selber sagt kein Organ und Sinn dir über den Raum Bescheid
... Wir gehen, gehen, – wie lange schon? Wie weit? Das steht dahin.
Nichts ändert sich bei unserem Schritt, dort ist wie hier, vorhin wie
jetzt und dann; in ungemessener Monotonie des Raumes ertrinkt die Zeit,
Bewegung von Punkt zu Punkt ist keine Bewegung mehr, wenn Einerleiheit
regiert, und wo Bewegung nicht mehr Bewegung ist, ist keine Zeit.
Die Lehrer des Mittelalters wollten wissen, die Zeit sei eine Illusion,
ihr Ablauf in Ursächlichkeit und Folge nur das Ergebnis einer
Vorrichtung unsrer Sinne und das wahre Sein der Dinge ein stehendes
Jetzt. War er am Meere spaziert, der Doktor, der diesen Gedanken zuerst
empfing, – die schwache Bitternis der Ewigkeit auf seinen Lippen? Wir
wiederholen jedenfalls, daß es Ferienlizenzen sind, von denen wir da
sprechen, Phantasien der Lebensmuße, von denen der sittliche Geist so
rasch gesättigt ist, wie ein rüstiger Mann vom Ruhen im warmen Sand. An
den menschlichen Erkenntnismitteln und -formen Kritik zu üben, ihre
reine Gültigkeit fraglich zu machen, wäre absurd, ehrlos,
widersacherisch, wenn je ein anderer Sinn damit verbunden wäre, als
derjenige, der Vernunft Grenzen anzuweisen, die sie nicht überschreitet,
ohne sich der Vernachlässigung ihrer eigentlichen Aufgaben schuldig zu
machen. Wir können einem Manne wie Herrn Settembrini nur dankbar sein,
wenn er dem jungen Menschen, dessen Schicksal uns beschäftigt, und den
er bei Gelegenheit sehr fein als ein „Sorgenkind des Lebens“
angesprochen hatte, die Metaphysik mit pädagogischer Entschiedenheit als
„Das Böse“ kennzeichnete. Und wir ehren das Andenken eines uns lieben
Verstorbenen am besten, indem wir aussprechen, daß Sinn, Zweck und Ziel
des kritischen Prinzips nur eines sein kann und darf: der
Pflichtgedanke, der Lebensbefehl. Ja, indem gesetzgeberische Weisheit
die Grenzen der Vernunft kritisch absteckte, hat sie an ebendiesen
Grenzen die Fahne des Lebens aufgepflanzt und es als die soldatische
Schuldigkeit des Menschen proklamiert, unter ihr Dienst zu tun. Soll man
es dem jungen Hans Castorp aufs Entschuldigungskonto setzen und
annehmen, es habe ihn in seiner lästerlichen Zeitwirtschaft, seinem
schlimmen Getändel mit der Ewigkeit bestärkt, daß, was ein
melancholischer Schwadroneur seines militärischen Vetters „Biereifer“
genannt, letalen Ausgang genommen hatte?