Als Soldat und brav

Immer hatte Hans Castorp kurze Nachrichten von seinem Vetter, erst gute,

übermütige, dann weniger günstige, endlich solche, die etwas recht

Trauriges matt beschönigten. Die Reihe der Postkarten fing an mit der

lustigen Meldung von Joachims Dienstantritt und von der schwärmerischen

Zeremonie, bei der er, wie Hans Castorp auf seiner Antwortkarte sich

ausdrückte, Armut, Keuschheit und Gehorsam gelobt hatte. Dann ging es

heiter fort: die Etappen einer glatten, begünstigten Laufbahn, geebnet

durch leidenschaftliche Liebe zur Sache und durch die Sympathie der

Oberen, wurden grüßend und winkend bezeichnet. Da Joachim ein paar

Semester studiert hatte, war er des Besuches der Kriegsschule überhoben,

vom Fähnrichsdienst befreit. Neujahr wurde er zum Unteroffizier

befördert und schickte eine Photographie, die ihn mit den Tressen

zeigte. Das Entzücken an dem Geist der ehrenstraffen, eisern gefügten

und dennoch verbissen-humoristisch dem Menschlichen nachgebenden

Hierarchie, in die er eingefügt war, leuchtete aus jedem seiner knappen

Rapporte. Er gab Anekdoten von dem romantisch-verzwickten Verhalten

seines Feldwebels, eines bärbeißigen und fanatischen Soldaten, zu ihm,

dem fehlbaren jungen Untergebenen, in dem er jedoch den geweihten

Vorgesetzten von morgen sah, welcher tatsächlich schon im

Offizierskasino verkehrte. Es war drollig und wild. Dann war von der

Zulassung zur Offiziersprüfung die Rede. Anfang April war Joachim

Leutnant.

Augenscheinlich gab es keinen glücklicheren Menschen, keinen, dessen

Wesen und Wünsche in dieser besonderen Lebensform reiner aufgegangen

wären. Mit einer Art von verschämter Wonne erzählte er, wie er zum

erstenmal in seiner jungen Pracht am Rathaus vorübergegangen und dem

Posten, der zur Ehrenbezeigung stillgestanden sei, aus einiger

Entfernung abgewinkt habe. Er berichtete von kleinen Verdrießlichkeiten

und Genugtuungen des Dienstes, von glänzend-wohliger Kameradschaft, von

der verschmitzten Treue seines Burschen, komischen Zwischenfällen beim

Exerzieren und in der Instruktionsstunde, von Besichtigungen und

Liebesmahlen. Auch von gesellschaftlichen Dingen, Visiten, Diners,

Bällen, war gelegentlich die Rede. Von seiner Gesundheit überhaupt

nicht.

Bis gegen den Sommer nicht. Dann hieß es, er hüte das Bett, habe sich

leider krank melden müssen: Katarrhfieber, Angelegenheit von ein paar

Tagen. Anfang Juni tat er wieder Dienst, aber Mitte des Monats hatte er

abermals „schlapp gemacht“, klagte bitter über sein „Pech“, und die

Angst brach durch, er möchte etwa zum großen Manöver, Anfang August, auf

das er sich von ganzem Herzen freute, nicht auf dem Posten sein. Unsinn,

im Juli war er kerngesund, wochenlang, so lange, bis eine Untersuchung

am Horizont erschien, die durch die vermaledeiten Schwankungen seiner

Temperatur zur Notwendigkeit geworden war, und von der viel abhängen

würde. Über das Ergebnis dieser Untersuchung hörte Hans Castorp dann

lange nichts, und als es geschah, war es nicht Joachim, der ihm schrieb,

– sei es, weil er nicht in der Lage war, zu schreiben, oder weil er sich

schämte, – sondern seine Mutter, Frau Ziemßen, und sie telegraphierte.

Sie zeigte an, die Beurlaubung Joachims auf einige Wochen sei

ärztlicherseits als unumgänglich befunden worden. Hochgebirge indiziert,

alsbaldige Abreise geraten, Belegung zweier Zimmer erbeten. Rückantwort

bezahlt. Gezeichnet: Tante Luise.

Es war Ende Juli, als Hans Castorp in seiner Balkonloge diese Depesche

durchflog, dann las und wieder las. Er nickte leise dazu, nicht nur mit

dem Kopf, sondern mit dem ganzen Oberkörper, und sagte zwischen den

Zähnen: „Szo, szo, szo! Szieh, szieh, szieh! – Joachim kommt wieder!“

durchfuhr ihn plötzlich die Freude. Aber er wurde gleich wieder still

und dachte: „Hm, hm, schwerwiegende Neuigkeiten. Man könnte sie auch als

schöne Bescherung bezeichnen. Verdammt, das ist schnell gegangen – schon

reif für die Heimat! Die Mutter fährt mit –“ (er sagte „die Mutter“,

nicht „Tante Luise“; sein Gefühl für Verwandtschaft, Familienbeziehungen

hatte sich unvermerkt bis zur Fremdheit abgeschwächt) – „das ist

gravierend. Und gerade vor den Manövern, auf die der Gute so brannte!

Hm, hm, es liegt eine hübsche Portion Gemeinheit darin, höhnische

Gemeinheit, es ist ein gegen-idealistisches Faktum. Der Körper

triumphiert, er will es anders als die Seele, und setzt sich durch, zur

Blamage der Hochfliegenden, die lehren, er sei der Seele untertan. Es

scheint, sie wissen nicht, was sie sagen, denn wenn sie recht hätten, so

würfe das ein zweifelhaftes Licht auf die Seele, in einem Fall wie

diesem. _Sapienti sat_, ich weiß, wie ichs meine. Denn die Frage, die

_ich_ aufstelle, ist eben, wie weit es verfehlt ist, sie gegeneinander

zu stellen, wie weit sie vielmehr unter einer Decke stecken und eine

abgekartete Partie spielen, – das fällt den Hochfliegenden zu ihrem

Glück nicht ein. Guter Joachim, wer wollte dir und deinem Biereifer zu

nahe treten! Du meinst es ehrlich – aber was ist Ehrlichkeit, frage ich,

wenn Körper und Seele nun mal unter einer Decke stecken? Sollte es

möglich sein, daß du gewisse erfrischende Düfte, eine hohe Brust und ein

grundloses Gelächter nicht hast vergessen können, die am Tische der

Stöhr deiner warten? ... Joachim kommt wieder!“ dachte er neuerdings und

zog sich zusammen vor Freude. „Er kommt in schlechtem Zustande,

offenbar, aber wir werden wieder zu zweien sein, ich werde nicht mehr so

ganz auf eigene Hand hier oben leben. Das ist gut. Es wird nicht alles

genau wie früher sein; sein Zimmer ist ja besetzt: Mistreß Macdonald, da

hustet sie auf ihre klanglose Art und hat natürlich wieder die

Photographie ihres kleinen Sohnes neben sich auf dem Tischchen oder auch

in der Hand. Aber das ist finales Stadium, und wenn das Zimmer noch

nicht wieder vorgemerkt ist, so ... Vorläufig wird ja ein anderes zu

haben sein. 28 ist frei, meines Wissens. Ich will gleich auf die

Verwaltung und namentlich zu Behrens. Ist das eine Neuigkeit, – traurig

von der einen und famos von der anderen Seite, aber jedenfalls eine

mächtige Neuigkeit! Ich möchte nur auf den gdießenden Kameraden warten,

der gleich kommen muß, da es, wie ich sehe, halb vier ist. Ich möchte

ihn fragen, ob er auch in diesem Falle der Meinung bleibt, daß man das

Körperliche als sekundär zu betrachten hat ...“

Noch vorm Tee war er im Verwaltungsbureau. Das gedachte Zimmer, am

selben Korridor wie seines gelegen, stand zur Verfügung. Auch für Frau

Ziemßen würde sich Unterkunft finden. Er eilte zu Behrens. Er traf ihn

im „Labor“, eine Zigarre in der einen Hand, in der anderen ein

Reagenzglas mißfarbenen Inhalts.

„Herr Hofrat, wissen Sie was?“ begann Hans Castorp ...

„Ja, daß der Ärger nicht abreißt“, erwiderte der Pneumotom. „Das ist

Rosenheim aus Utrecht“, sagte er und wies mit der Zigarre auf das Glas.

„Gaffky zehn. Und da kommt Fabrikdirektor Schmitz und zetert und

beschwert sich, daß Rosenheim auf der Promenade ausgespuckt hat, – mit

Gaffky zehn. Und ich soll ihn rüffeln. Aber wenn ich ihn rüffle, so

kriegt er Zustände, denn er ist maßlos irritabel und hat mit Familie

drei Zimmer belegt. Ich kann ihn nicht rausgraulen, ich kriege es mit

der Generaldirektion zu tun. Da sehen Sie, in was für Konflikte man

jeden Augenblick gerät, und wenn man auch noch so gern still und

unbefleckt seines Weges ziehen möchte.“

„Dumme Geschichte“, sagte Hans Castorp mit der Einsicht des Intimen und

Altsassen. „Ich kenne die Herren. Schmitz ist kolossal korrekt und

strebsam und Rosenheim reichlich salopp. Vielleicht bestehen aber auch

noch andere, als hygienische, Reibungsflächen, ich möchte es glauben.

Schmitz und Rosenheim sind beide befreundet mit Doña Perez aus

Barcelona, vom Tisch der Kleefeld, das wird es im Grunde wohl sein. Ich

würde vorschlagen, das betreffende Verbot vielleicht allgemein wieder in

Erinnerung zu bringen und übrigens ein Auge zuzudrücken.“

„Natürlich drücke ich. Ich kriege ja schon Blepharospasmus vor lauter

Augenzudrücken. Was treten Sie hier denn an?“

Und Hans Castorp rückte heraus mit seiner traurigen und auch wieder

famosen Neuigkeit.

Nicht, daß der Hofrat überrascht gewesen wäre. Er wäre es auf keinen

Fall gewesen, war es aber besonders nicht, weil Hans Castorp ihn,

gefragt oder ungefragt, über Joachims Ergehen auf dem laufenden gehalten

und schon im Mai Bettlägerigkeit signalisiert hatte.

„Aha“, machte Behrens. „Na also. Und was habe ich Ihnen gesagt? Was habe

ich ihm und Ihnen nicht zehn-, sondern hundertmal wörtlich gesagt? Da

haben Sie’s nun. Dreiviertel Jahr lang hat er seinen Willen und sein

Himmelreich gehabt. Aber ein nicht restlos entgiftetes Himmelreich,

dabei ist kein Segen, das hat der Ausbrecher dem ollen Behrens nicht

glauben wollen. Man soll aber immer dem ollen Behrens glauben, sonst

zieht man den kürzeren und kommt zu spät zu Verstand. Da hat er es nun

zum Leutnant gebracht, allerdings, nichts zu sagen. Was hat er davon?

Gott sieht ins Herze, der sieht nicht auf Rang und Stand, vor dem stehen

wir alle in unsrer Blöße, ob General oder gemeiner Mann ...“ Er geriet

ins Kohlen, rieb sich mit der riesigen Hand, zwischen deren Fingern er

die Zigarre hielt, die Augen und sagte, nun solle Hans Castorp ihm aber

für diesmal nicht länger lästig fallen. Eine Bude für Ziemßen sei ja

wohl faßbar, und wenn er komme, solle sein Vetter ihn ohne Verzug ins

Bett stecken. Ihn, Behrens, betreffend, so trage er keinem was nach, er

halte die Arme väterlich geöffnet und sei bereit, ein Kalb für den

Ausreißer zu schlachten.

Hans Castorp telegraphierte. Er erzählte nach rechts und links, daß sein

Vetter wiederkomme, und alle, die Joachim kannten, waren betrübt und

erfreut, und zwar beides aufrichtig, denn Joachims propperes,

ritterliches Wesen hatte die allgemeine Zuneigung gewonnen, und manches

unausgesprochene Urteil und Gefühl ging in der Richtung, daß er der

Beste gewesen sei von allen hier oben. Wir haben niemanden persönlich im

Auge, glauben aber an eine gewisse Genugtuung, die mancher darüber

empfand, daß Joachim aus dem Soldatenstande zur horizontalen Lebensweise

zurückkehren mußte und in seiner Propperkeit nun wieder einer der

Unsrigen sein würde. Frau Stöhr, bekanntlich, hatte sich gleich das ihre

gedacht; sie fand sich bestätigt in dem ordinären Zweifelsinn, mit dem

sie Joachims Aufbruch ins Flachland begleitet hatte, und verschmähte

nicht, sich seiner zu rühmen. „Faul, faul“, machte sie. Sie habe die

Sache sogleich als faul erkannt und wolle nur hoffen, daß Ziemßen sie

nicht oberfaul gemacht habe mit seinem Eigensinn. („Oberfaul“ sagte sie

vor lauter unermeßlicher Gewöhnlichkeit.) Da sei es denn doch viel

besser, man bleibe gleich bei der Stange, wie sie, die auch ihre

Lebensinteressen im Flachlande, nämlich in Cannstadt, habe, einen Mann

und zwei Kinder, sich jedoch zu beherrschen wisse ... Es kam gar keine

Rückäußerung mehr von Joachim oder Frau Ziemßen. Hans Castorp blieb

unwissend über Tag und Stunde ihrer Ankunft; zu einem Empfang am Bahnhof

kam es aus diesem Grunde nicht, sondern drei Tage nach Absendung von

Hansens Depesche waren sie einfach da, und Leutnant Joachim trat mit

erregtem Lachen an seines Vetters Dienstlager.

Es war nach begonnener Abendliegekur. Derselbe Zug hatte sie

hergebracht, mit dem Hans Castorp vor Jahren, die weder kurz noch lang,

sondern ohne Zeit, in hohem Grade erlebnisreich und dennoch null und

nichtig gewesen waren, hier oben eingetroffen war, und auch die

Jahreszeit war dieselbe, sogar genau: der allerersten Augusttage einer.

Joachim, wie gesagt, trat freudig – ja, für den Augenblick unzweifelhaft

freudig erregt bei Hans Castorp ein oder vielmehr aus dem Zimmer, das er

im Geschwindschritt durchmessen, auf den Balkon hinaus und grüßte

lachend, rasch atmend, gedämpft und abgerissen. Er hatte die weite

Reise, durch mehrerer Herren Länder, über den meerartigen See und dann

auf gedrangen Pfaden hoch – hoch herauf wieder zurückgelegt, und da

stand er nun, als sei er nie weggewesen, von seinem aus der Horizontale

halb aufgefahrenen Verwandten mit Hallos und Nanus empfangen. Seine

Farbe war lebhaft, sei es dank dem Freiluftleben, das er geführt, oder

durch Reiseerhitzung. Direkt, ohne sein Zimmer erst zu betreten, war er

auf Nr. 34 geeilt, um den Genossen alter Tage, die nun wieder Gegenwart

wurden, zu begrüßen, während seine Mutter mit ihrer Toilette beschäftigt

war. Man wollte zu Abend essen in zehn Minuten, natürlich im Restaurant.

Hans Castorp würde schon noch etwas mitessen können oder doch einen

Schluck Wein trinken. Und Joachim zog ihn hinüber auf Nr. 28, wo es

ging, wie einst am Abend von Hansens Ankunft, nur umgekehrt: Joachim,

fiebrig plaudernd, wusch sich am blitzenden Becken die Hände, und Hans

Castorp sah ihm zu, – erstaunt übrigens und gewissermaßen enttäuscht,

den Vetter in Zivil zu sehen. Man merke ihm von seiner Karriere ja gar

nichts an. Er habe ihn sich immer als Offizier, in Uniform vorgestellt,

und nun stehe er da in grauem Uni, wie irgend jemand. Joachim lachte und

fand ihn naiv. Ach nein, die Uniform habe er hübsch zu Hause gelassen.

Mit der Uniform, müsse Hans Castorp wissen, habe es was auf sich. Nicht

jedes Lokal besuche man in Uniform. „Ach so. Danke gehorsamst“, sagte

Hans Castorp. Aber Joachim schien sich keines beleidigenden Sinnes

seiner Erklärung bewußt zu sein, sondern erkundigte sich nach allen

Personen und Umständen im „Berghof“ nicht nur ohne jeden Hochmut,

sondern mit der ganzen angelegentlichen Bewegtheit des Heimgekehrten.

Dann erschien Frau Ziemßen durch die Verbindungstür, begrüßte den Neffen

in der Form, die manche Leute bei solchen Gelegenheiten wählen, nämlich

als sei sie freudig überrascht, ihn hier zu treffen, ein Ausdruck, der

übrigens durch Abgespanntheit und stillen Kummer, welcher sich offenbar

auf Joachim bezog, melancholisch gedämpft wurde, – und sie fuhren

hinunter.

Luise Ziemßen hatte dieselben schönen, schwarzen und sanften Augen wie

Joachim. Ihr ebenfalls schwarzes, mit Weiß aber schon stark vermischtes

Haar war durch ein fast unsichtbares Schleiernetz in Form und Sitz

befestigt, und das paßte zu ihrer Wesenshaltung überhaupt, die besonnen,

freundlich gemessen und sanft zusammengenommen war und ihr bei

deutlicher Geistesschlichtheit eine angenehme Würde verlieh. Es war

klar, und Hans Castorp wunderte sich auch nicht darüber, daß sie sich

auf Joachims Lustigkeit, auf den raschen Gang seiner Atmung und seiner

sich überstürzenden Rede, Erscheinungen, die zu seinem Verhalten zu

Hause und auf der Reise wahrscheinlich in Widerspruch standen und

tatsächlich seiner Lage widersprachen, nicht verstand und gewissermaßen

Anstoß daran nahm. Dieser Einzug erschien ihr traurig, und sie glaubte

sich dementsprechend halten zu sollen. In die Empfindungen Joachims,

turbulente Empfindungen der Heimkehr, die im Augenblick alles

Entgegenstehende trunken überwogen und durch das Wiederatmen der Luft,

unserer unvergleichlich leichten, nichtigen und erhitzenden Luft hier

oben, wohl noch befeuert wurden, konnte sie sich nicht finden, sie waren

ihr undurchsichtig. „Mein armer Junge“, dachte sie, und dabei sah sie

den armen Jungen sich mit seinem Vetter einer ausgelassenen Fröhlichkeit

hingeben, hundert Erinnerungen auffrischen, hundert Fragen stellen und

sich mit der Antwort lachend in den Stuhl zurückwerfen. Mehrmals sagte

sie: „Aber, Kinder!“ Und was sie schließlich sagte, sollte erfreut

kommen, kam aber mit Befremdung und leisem Tadel: „Joachim, wahrhaftig,

so habe ich dich lange nicht gesehen. Es scheint, wir müßten hierher

fahren, damit du wieder wärest wie am Tag deiner Beförderung.“ Worauf es

denn freilich mit Joachims Lustigkeit zu Ende war. Seine Stimmung schlug

um, er kam zur Besinnung, schwieg, aß nichts vom Nachtisch, obgleich es

ein überaus leckeres Schokolade-Soufflé mit Schlagrahm war, das

erschien, (Hans Castorp hielt sich statt seiner daran, obgleich seit

Abschluß des übergewaltigen Diners erst eine Stunde vergangen war) und

blickte endlich überhaupt nicht mehr auf, offenbar weil er Tränen in den

Augen hatte.

Das war Frau Ziemßens Meinung nun gewiß nicht gewesen. Eigentlich mehr

anstandshalber hatte sie ein wenig gemäßigten Ernst herbeiführen wollen,

unwissend, daß gerade das Mittlere und Gemäßigte hier ortsfremd und nur

die Wahl zwischen Extremen gegeben war. Da sie den Sohn so gebrochen

sah, schien sie selbst den Tränen nicht fern und war ihrem Neffen

dankbar für seine Bemühungen, den Tieftraurigen wieder zu beleben. Ja,

was den Personalbestand angehe, sagte er, so werde Joachim manches

verändert und erneuert finden, anderes dagegen habe sich während seiner

Abwesenheit schon wieder hergestellt und sei wie vordem. Die Großtante

zum Beispiel mit Begleitung sei längst wieder da. Die Damen säßen, wie

immer, am Tische der Stöhr. Marusja lache viel und herzlich.

Joachim schwieg, Frau Ziemßen dagegen fand sich durch diese Worte an

eine Begegnung erinnert und an Grüße, die auszurichten seien, ehe sie es

vergesse, – die Begegnung mit einer Dame, nicht unsympathisch, wenn auch

alleinstehend und mit etwas gar zu ebenmäßigen Augenbrauen, die in

München, wo man zwischen zwei Nachtfahrten einen Tag verbracht hatte, im

Restaurant an ihren und Joachims Tisch herangetreten sei, um Joachim zu

begrüßen. Eine ehemalige Mitpatientin, – Joachim möge ihr doch helfen

...

„Frau Chauchat“, sagte Joachim still. Sie halte sich zur Zeit in einem

Kurort des Allgäus auf und wolle im Herbst nach Spanien gehen. Zum

Winter werde sie dann wahrscheinlich wieder hierher kommen. Beste Grüße

von ihr.

Hans Castorp war kein Knabe mehr, er hatte Gewalt über die Gefäßnerven,

die sein Gesicht hätten erblassen oder erröten lassen können. Er sagte:

„Ach, die war das? Sieh an, da ist sie also wieder hinter dem Kaukasus

hervorgekommen. Und nach Spanien will sie?“

Die Dame hatte einen Ort in den Pyrenäen genannt. „Hübsche oder doch

reizvolle Frau. Angenehme Stimme, angenehme Bewegungen. Aber freie

Manieren, nachlässig“, sagte Frau Ziemßen. „Redet uns einfach an wie

alte Freunde, fragt und erzählt, obgleich Joachim, wie ich höre,

eigentlich nie ihre Bekanntschaft gemacht hat. Fremdartig.“

„Das ist der Osten und die Krankheit“, erwiderte Hans Castorp. Mit

Maßstäben der humanistischen Gesittung dürfe man da nicht herantreten,

das sei verfehlt. Und da denke er nun darüber nach, daß Frau Chauchat

also nach Spanien zu gehen beabsichtige. Hm. Spanien, das liege

andererseits ebensoweit von der humanistischen Mitte ab, – nicht nach

der weichen, sondern nach der harten Seite; es sei nicht Formlosigkeit,

sondern Überform, der Tod als Form, sozusagen, nicht Todesauflösung,

sondern Todesstrenge, schwarz, vornehm und blutig, Inquisition,

gestärkte Halskrause, Loyola, Eskorial ... Interessant, wie es Frau

Chauchat in Spanien gefallen werde. Das Türenwerfen werde ihr dort wohl

vergehen, und vielleicht könne eine gewisse Kompensation der beiden

außerhumanistischen Lager zum Menschlichen sich vollziehen. Es könne

aber auch etwas recht boshaft Terroristisches zustande kommen, wenn der

Osten nach Spanien gehe ...

Nein, er war nicht rot oder blaß geworden, aber der Eindruck, den die

unverhofften Nachrichten über Frau Chauchat auf ihn gemacht, äußerte

sich in Reden, auf die denn freilich nur betretenes Schweigen die

Antwort sein konnte. Joachim war weniger erschrocken; er kannte des

Vetters Scharfköpfigkeit hier oben von früher her. Aber in Frau Ziemßens

Augen malte sich größte Bestürzung; sie verhielt sich nicht anders, als

habe Hans Castorp grobe Unanständigkeiten geäußert, und hob nach einer

peinlichen Pause die Tafel mit Worten taktvoller Vertuschung auf. Bevor

man sich trennte, teilte Hans Castorp die Order des Hofrats mit, daß

Joachim jedenfalls morgen im Bett bleiben solle, bis jener ihn

untersucht habe. Das Weitere werde sich finden. Dann lagen die drei

Verwandten bald in ihren offenen Zimmern in der Frische der

Hochgebirgs-Sommernacht, – ein jeder mit seinen Gedanken, Hans Castorp

vornehmlich mit dem an Frau Chauchats binnen Halbjahrsfrist zu

erwartende Wiederkehr.

Und so war denn der arme Joachim zu einer rätlich gewordenen kleinen

Nachkur wieder in die Heimat eingerückt. Dies Wort von der kleinen

Nachkur war offenbar die im Flachland ausgegebene Parole, und auch hier

oben ließ man sie gelten. Selbst Hofrat Behrens nahm die Wendung an,

obgleich es allein schon vier Wochen Bettlage waren, die er Joachim vor

allem einmal aufbrummte: die seien nötig, um das Gröbste zu reparieren,

zur neuen Akklimatisation und um seinen Wärmehaushalt vorläufig etwas zu

regeln. Sich auf eine Befristung der Nachkur festlegen zu lassen, wußte

er zu vermeiden. Frau Ziemßen, verständig, einsichtsvoll, durchaus nicht

sanguinisch, brachte, fern von Joachims Lager, den Herbst, Oktober etwa,

als Entlassungstermin in Vorschlag, und Behrens stimmte ihr insofern zu,

als er erklärte, um diese Zeit werde man jedenfalls weiter sein als

gegenwärtig. Übrigens gefiel er ihr ausgezeichnet. Er war ritterlich,

sagte „meine gnädigste Frau“, indem er sie mit seinen blutunterlaufenen

Quellaugen mannentreu anblickte, und sprach so korpsstudentisch

redensartlich, daß sie bei aller Betrübnis lachen mußte. „Ich weiß ihn

in besten Händen“, sagte sie, und reiste acht Tage nach ihrer Ankunft

nach Hamburg zurück, da von der Notwendigkeit irgendwelcher Pflege

nicht ernstlich die Rede sein konnte und Joachim außerdem ja

Verwandtengesellschaft hatte.

„Also, sei froh: im Herbst“, sagte Hans Castorp, wenn er auf Nr. 28 an

seines Vetters Bette saß. „Der Alte hat sich doch einigermaßen gebunden;

du kannst dich daran halten und damit rechnen. Oktober – das ist so die

Zeit. Da gehen manche Leute nach Spanien, und du kehrst dann auch zu

deiner _bandera_ zurück, um dich über Gebühr auszuzeichnen ...“

Sein täglich Geschäft war, Joachim zu trösten, namentlich darüber, daß

dieser das große Kriegsspiel hier oben versäumen mußte, das in diesen

Augusttagen begann, – denn das verwand er nicht und äußerte geradezu

Selbstverachtung der gottverfluchten Schlappheit wegen, der er im

letzten Augenblick unterlegen war.

„_Rebellio carnis_“, sagte Hans Castorp. „Was willst du da machen? Da

kann der tapferste Offizier nichts machen, und sogar der heilige

Antonius wußte ein Lied davon zu singen. In Gottes Namen, Manöver sind

jedes Jahr, und dann kennst du doch die hiesige Zeit! Es ist ja gar

keine, du bist nicht lange genug fort gewesen, um nicht ganz leicht

wieder ins Tempo zu kommen, und eh du die Hand drehst, ist deine kleine

Nachkur vorbei.“

Immerhin war die Auffrischung des Zeitsinnes, die Joachim durch das

Leben im Flachlande erfahren hatte, zu bedeutend, als daß er sich vor

den vier Wochen nicht hätte fürchten sollen. Doch war man ihm vielfach

behilflich, sie zurückzulegen; die Sympathie, die man allgemein seiner

propperen Natur entgegenbrachte, äußerte sich in Besuchen von nahe und

ferner: Settembrini kam, war teilnehmend und charmant und redete

Joachim, da er ihn immer schon „Leutnant“ genannt hatte, nun

„_Capitano_“ an; auch Naphta sprach vor, und aus dem Hause selbst ließen

sich nach und nach die alten Bekannten sehen, indem sie eine dienstfreie

Viertelstunde benutzten, um sich an sein Bett zu setzen, das Wort von

der kleinen Nachkur zu wiederholen und sich seine Schicksale erzählen zu

lassen: die Damen Stöhr, Levi, Iltis und Kleefeld, die Herren Ferge,

Wehsal und andere mehr. Einige brachten ihm sogar Blumen. Als die vier

Wochen um waren, stand er auf, da sein Fieber so weit gedämpft war, daß

er umhergehen konnte, und setzte sich im Speisesaal zu seinem Vetter,

zwischen ihn und die Brauersgattin Frau Magnus, Herrn Magnus gegenüber,

an den Eckplatz, den seinerzeit Onkel James und ein paar Tage lang auch

Frau Ziemßen eingenommen hatten.

So lebten die jungen Leute denn wieder Seite an Seite wie ehedem; ja,

damit das alte Bild noch vollständiger wieder erstehe, fiel ihm, da

Mistreß Macdonald, das Bild ihres Knaben in Händen, den letzten Seufzer

getan, auch sein angestammtes Zimmer, das neben Hans Castorps, wieder

zu, selbstverständlich nach gründlicher Entkeimung durch H₂CO.

Eigentlich und gefühlsmäßig gesprochen, war es nun so, daß Joachim an

Hans Castorps Seite lebte und nicht mehr umgekehrt: dieser war nun der

Eingesessene, dessen Daseinsform der andere auf kurze Zeit und

besuchsweise teilte. Denn den Oktobertermin bemühte sich Joachim steif

und fest im Auge zu behalten, obgleich gewisse Punkte seines

Zentralnervensystems sich nicht zu humanistischer Norm des Verhaltens

wollten anhalten lassen und die kompensatorische Wärmeausgabe seiner

Haut verhinderten.

Auch ihre Besuche bei Settembrini und Naphta sowie die Spaziergänge mit

diesen beiden feindlich Verbundenen nahmen sie wieder auf, und wenn A.

K. Ferge und Ferdinand Wehsal sich beteiligten, was öfters geschah, so

waren sie zu sechsen, und jene Widersacher im Geiste lieferten ihre

unaufhörlichen Duelle, bei deren Vorführung wir irgendwelche

Vollständigkeit nicht anstreben könnten, ohne uns ebenso ins

Desperat-Unendliche zu verlieren, wie sie es täglich taten, vor einem

stattlichen Publikum, wenn auch Hans Castorp seine arme Seele als

Hauptgegenstand ihres dialektischen Wettstreites betrachten wollte. Von

Naphta hatte er erfahren, daß Settembrini Freimaurer sei, – was keinen

geringeren Eindruck auf ihn gemacht hatte als des Italieners Eröffnung

über Naphtas jesuitische Herkunft und Versorgtheit. Wiederum war er

phantastisch überrascht gewesen, zu hören, daß es im Ernst noch

dergleichen gäbe und hatte den Terroristen mit Fleiß über den Ursprung

und das Wesen dieser kuriosen Einrichtung ausgeholt, die in einigen

Jahren ihr zweihundertjähriges Jubiläum würde begehen können. Wenn

Settembrini über Naphtas geistiges Wesen hinter seinem Rücken, im Tone

pathetischer Warnung und als von etwas Teuflischem sprach, so machte

sich Naphta, hinter dem des anderen, über die Sphäre, die dieser

vertrat, ohne Anstrengung lustig, indem er zu verstehen gab, daß es sich

da um etwas recht Altmodisches und Rückständiges handle: um bürgerliche

Aufklärung und eine Freigeisterei von vorgestern, welche nichts weiter

sei, als armseliger Geisterspuk, sich aber der skurrilen Selbsttäuschung

hingebe, noch immer revolutionären Lebens voll zu sein. Er sagte: „Was

wollen Sie, schon sein Großvater war Carbonaro, zu deutsch also

Köhler. Von ihm hat er den Köhlerglauben an die Vernunft, die

Freiheit, den Menschheitsfortschritt und diese ganze Mottenkiste

klassizistisch-bourgeoiser Tugendideologie ... Sehen Sie, was die Welt

verwirrt, ist das Mißverhältnis, das zwischen der Geschwindigkeit des

Geistes und der ungeheueren Unbeholfenheit, Langsamkeit,

Beharrungsträgheit und -kraft der Materie besteht. Man muß zugeben, daß

dieses Mißverhältnis ausreichen würde, jede Interesselosigkeit des

Geistes am Wirklichen zu entschuldigen, denn die Regel ist, daß die

Fermente, die die Revolutionen der Wirklichkeit herbeiführen, ihm längst

zum Ekel geworden sind. Tatsächlich ist toter Geist dem lebendigen

widerwärtiger als irgendwelche Basalte, die wenigstens nicht den

Anspruch erheben, Geist und Leben zu sein. Solche Basalte, Reste

ehemaliger Wirklichkeiten, die der Geist so weit hinter sich gelassen

hat, daß er sich weigert, den Begriff des Wirklichen überhaupt noch

damit zu verbinden, erhalten sich träge fort und bewahren durch ihren

plumpen und toten Fortbestand das Abgeschmackte leidigerweise davor,

seiner Abgeschmacktheit inne zu werden. Ich spreche allgemein, aber Sie

werden die Nutzanwendung auf jenen humanitären Freisinn zu ziehen

wissen, der glaubt, sich gegen Herrschaft und Autorität noch immer in

heroischem Stande zu befinden. Ach, und nun gar die Katastrophen,

vermittelst deren er sich sein Leben beweisen möchte, die verspäteten

und spektakulösen Triumphe, die er vorbereitet und die er eines Tages zu

feiern träumt! Beim bloßen Gedanken daran könnte der lebendige Geist

sich zu Tode langweilen, wüßte er nicht, daß in Wahrheit doch nur er aus

solchen Katastrophen als Sieger und Nutznießer hervorgehen wird, – er,

der Elemente des Alten in sich mit Zukünftigstem zu wahrer Revolution

verschmilzt ... Wie geht es Ihrem Vetter, Hans Castorp? Sie wissen, daß

ich ihm viel Sympathie entgegenbringe.“

„Danke, Herr Naphta. Dem bringt wohl jedermann aufrichtige Sympathie

entgegen, ein so braver Junge, wie er ja offensichtlich ist. Auch Herr

Settembrini mag ihn ausgesprochen gern leiden, wenn er auch einen

gewissen schwärmerischen Terrorismus, der in Joachims Stande liegt,

natürlich mißbilligen muß. Da höre ich nun, daß er Logenbruder ist. Sehe

einer an. Es berührt mich nachdenklich, das muß ich sagen. Es rückt mir

seine Person in eine neue Beleuchtung und verdeutlicht mir manches. Ob

er gelegentlich auch seine Füße in den rechten Winkel stellt und seinem

Händedruck eine besondere Beschaffenheit verleiht? Ich habe nie etwas

bemerkt ...“

„Über solche Kindereien,“ meinte Naphta, „ist unser guter

Drei-Punkte-Bruder wohl hinaus. Ich nehme an, daß das Logenzeremoniell

eine recht kümmerliche Anpassung an den nüchternen Staatsbürgergeist der

Zeiten erfahren hat. Man würde sich des Rituals von ehedem wohl als

eines unzivilen Hokuspokus schämen, – nicht mit Unrecht, denn den

atheistischen Republikanismus als Mysterium einzukleiden, wäre am Ende

wirklich ungereimt. Ich weiß nicht, mit welchen Schrecknissen man Herrn

Settembrinis Standhaftigkeit auf die Probe gestellt hat, – ob man ihn

mit verbundenen Augen durch allerlei Gänge geführt und ihn in finsteren

Gewölben hat warten lassen, bevor der von gespiegeltem Licht erfüllte

Bundessaal sich ihm auftat. Ob man ihn feierlich katechisiert und

angesichts eines Totenkopfes und dreier Lichter seine entblößte Brust

mit Schwertern bedroht hat. Sie müssen ihn selber fragen, aber ich

fürchte, Sie werden ihn wenig gesprächig finden, denn sollte es auch

viel bürgerlicher dabei zugegangen sein, auf jeden Fall hat er

Verschwiegenheit geloben müssen.“

„Geloben? Verschwiegenheit? Also doch?“

„Gewiß. Verschwiegenheit und Gehorsam.“

„Auch noch Gehorsam. Hören Sie, Professor, jetzt kommt mir vor, als ob

er gar nicht Ursache hätte, sich über Schwärmerei und Terrorismus im

Stande meines Vetters aufzuhalten. Verschwiegenheit und Gehorsam! Nie

hätte ich gedacht, daß ein so freisinniger Mann wie Settembrini sich so

ausgemacht spanischen Bedingungen und Gelöbnissen unterwerfen könnte.

Ich spüre da geradezu was Militärisch-Jesuitisches in der Freimaurerei

...“

„Sie spüren ganz richtig“, erwiderte Naphta. „Ihre Wünschelrute zuckt

und klopft auf. Die Idee des Bundes überhaupt ist untrennbar und schon

in der Wurzel verbunden mit der des Unbedingten. Folglich ist sie

terroristisch, das heißt: antiliberal. Sie entlastet das individuelle

Gewissen und heiligt im Namen des absoluten Zweckes jedes Mittel, auch

das blutige, auch das Verbrechen. Man hat Anhaltspunkte, daß auch in

Maurerlogen ehemals der Bruderbund symbolisch mit Blut besiegelt wurde.

Ein Bund ist niemals etwas Beschauliches, sondern immer und seinem Wesen

nach etwas in absolutem Geist Organisatorisches. Sie wissen nicht, daß

der Gründer des Illuminatenordens, der eine Zeitlang mit der Maurerei

beinahe verschmolz, ein ehemaliger Angehöriger der Gesellschaft Jesu

war?“

„Nein, das ist mir natürlich neu.“

„Adam Weishaupt organisierte seinen humanitären Geheimbund ganz nach dem

Muster des Jesuitenordens durch. Er selbst war Maurer, und die

angesehensten Logenmänner der Zeit waren Illuminaten. Ich spreche von

der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts, die Settembrini nicht

zögern wird, Ihnen als eine Zeit der Verderbnis seiner Gilde zu

kennzeichnen. In Wirklichkeit war sie die ihrer Hochblüte, wie des

ganzen geheimen Bundeswesens überhaupt, die Zeit, wo die Maurerei

wahrhaft höheres Leben gewann, ein Leben, von dem sie später durch Leute

vom Schlage unseres Menschheitsfreundes wieder gereinigt wurde, der

damals unbedingt zu denen gehört hätte, die ihr Jesuitismus und

Obskurantismus zum Vorwurf machten.“

„Und dafür gab es Gründe?“

„Ja, – wenn Sie wollen. Die triviale Freigeisterei hatte Gründe dafür.

Es war die Zeit, wo unsere Väter den Bund mit katholisch-hierarchischem

Leben zu erfüllen suchten, und wo zu Clermont in Frankreich eine

jesuitische Freimaurerloge blühte. Es war ferner die Zeit, wo das

Rosenkreuzertum in die Logen eindrang, – eine sehr merkwürdige

Brüderschaft, von der Sie sich merken dürfen, daß sie rein rationale

politisch-gesellschaftliche Verbesserungs- und Beglückungsziele mit

eigentümlichen Beziehungen zum Geheimwissen des Ostens, zu indischer und

arabischer Weisheit und magischer Naturerkenntnis verband. Damals

vollzog sich die Reform und Berichtigung vieler Freimaurerlogen im Sinne

der strikten Observanz, – einem ausgesprochen irrationalen und

geheimnisvollen, magisch-alchimistischen Sinn, dem die schottischen

Hochgrade des Maurertums ihr Dasein verdanken, – Ordensrittergrade, die

man der alten militärischen Rangstufenordnung von Lehrling, Geselle und

Meister hinzufügte, Großmeistergrade, die ins Hieratische führten und

von rosenkreuzerischem Geheimwissen erfüllt waren. Es handelt sich da um

ein Zurückgreifen auf gewisse geistliche Ritterorden des Mittelalters,

die Templer insbesondere, Sie wissen, die vor dem Patriarchen von

Jerusalem das Gelübde der Armut, der Keuschheit und des Gehorsams

ablegten. Noch heute führt ein Hochgrad der Freimaurerhierarchie den

Titel ‚Großfürst von Jerusalem‘.“

„Mir neu, mir alles ganz neu, Herr Naphta. Ich komme da unserem

Settembrini auf Schliche ... ‚Großfürst von Jerusalem‘ ist nicht

schlecht. So sollten Sie ihn bei Gelegenheit scherzweise auch mal

nennen. Er seinerseits hat Ihnen neulich den Spitznamen ‚_Doctor

angelicus_‘ gegeben. Das fordert Rache.“

„Oh, es gibt noch eine Menge ähnlich bedeutender Titel für die Hoch- und

Templergrade der Strikten Observanz. Wir haben da einen Vollkommenen

Meister, einen Ritter vom Osten, einen Großen Oberpriester, und der

einunddreißigste Grad heißt sogar der ‚Erhabene Fürst des königlichen

Geheimnisses‘. Sie bemerken, daß alle diese Namen auf Beziehungen zur

morgenländischen Mystik deuten. Das Wiedererscheinen des Templers selbst

bedeutete nichts anderes, als die Aufnahme solcher Beziehungen,

tatsächlich den Einbruch irrationalen Gärstoffes in eine Ideenwelt

vernünftig-nützlicher Gesellschaftsverbesserung. Dadurch gewann das

Maurertum einen neuen Reiz und Glanz, der den Zulauf erklärt, dessen es

sich damals erfreute. Es zog sämtliche Elemente an sich, die der

Vernünftelei des Jahrhunderts, seiner humanen Auf- und Abgeklärtheit

müde waren und nach stärkeren Lebenstränken durstig. Der Erfolg des

Ordens war derart, daß die Philister klagten, er entfremde die Männer

dem häuslichen Glück und der weiblichen Würde.

„Nun, hören Sie, Professor, dann muß man es verstehen, daß Herr

Settembrini sich nicht gern an diese Hochblüte seines Ordens erinnert.

„Nein, er erinnert sich nicht gern daran, daß es Zeiten gab, wo sein

Bund all die Antipathie auf sich versammelte, die Freigeisterei,

Atheismus, enzyklopädische Vernunft sonst dem Komplex von Kirche,

Katholizismus, Mönch, Mittelalter zuwendete. Sie hörten, daß man die

Maurer des Obskurantismus zieh ...“

„Warum? Ich möchte gern deutlicher hören, wieso.“

„Das will ich Ihnen sagen. Die Strikte Observanz war gleichbedeutend mit

einer Vertiefung und Erweiterung der Überlieferungen des Ordens, mit

einer Zurückverlegung seiner historischen Ursprünge in die

Geheimniswelt, die sogenannte Finsternis des Mittelalters. Die

Hochmeistergrade der Logen waren Eingeweihte der _physica mystica_,

Träger magischen Naturwissens, in der Hauptsache große Alchimisten ...“

„Jetzt muß ich mich aus allen Kräften zu besinnen suchen, was es mit der

Alchimie im Großen-Ganzen noch ungefähr auf sich hatte. Alchimie, das

ist also Goldmacherei, Stein der Weisen, _Aurum potabile_ ...“

„Ja, populär gesprochen. Etwas gelehrter gesprochen ist sie Läuterung,

Stoffverwandlung und Stoffveredlung, Transsubstantiation, und zwar zum

Höheren, Steigerung also, – der _lapis philosophorum_, das

mann-weibliche Produkt aus Sulfur und Merkur, die _res bina_, die

zweigeschlechtige _prima materia_ war nichts weiter, nichts Geringeres

als das Prinzip der Steigerung, der Hinauftreibung durch äußere

Einwirkungen, – magische Pädagogik, wenn Sie wollen.“

Hans Castorp schwieg. Er blickte augenblinzelnd schräg empor.

„Ein Symbol alchimistischer Transmutation,“ fuhr Naphta fort, „war vor

allem die Gruft.“

„Das Grab?“

„Ja, die Stätte der Verwesung. Sie ist der Inbegriff aller Hermetik,

nichts anderes als das Gefäß, die wohlverwahrte Kristallretorte, worin

der Stoff seiner letzten Wandlung und Läuterung entgegengezwängt wird.“

„‚Hermetik‘ ist gut gesagt, Herr Naphta. ‚Hermetisch‘ – das Wort hat mir

immer gefallen. Es ist ein richtiges Zauberwort mit unbestimmt

weitläufigen Assoziationen. Entschuldigen Sie, aber ich muß immer dabei

an unsere Weckgläser denken, die unsere Hamburger Hausdame – Schalleen

heißt sie, ohne Frau und Fräulein, einfach Schalleen – in ihrer

Speisekammer reihenweise auf den Börtern stehen hat, – hermetisch

verschlossene Gläser mit Früchten und Fleisch und allem möglichen darin.

Sie stehen Jahr und Tag, und wenn man eines aufmacht, nach Bedarf, so

ist der Inhalt ganz frisch und unberührt, weder Jahr noch Tag hat ihm

was anhaben können, man kann ihn genießen, wie er da ist. Das ist nun

allerdings nicht Alchimie und Läuterung, es ist bloß Bewahrung, daher

der Name Konserve. Aber das Zauberhafte daran ist, daß das Eingeweckte

der Zeit entzogen war; es war hermetisch von ihr abgesperrt, die Zeit

ging daran vorüber, es hatte keine Zeit, sondern stand außerhalb ihrer

auf seinem Bort. Na, soviel von den Weckgläsern. Es ist nicht viel dabei

herausgekommen. Pardon. Sie wollten mich, glaube ich, noch weiter

belehren.“

„Nur wenn Sie es wünschen. Der Lehrling muß wißbegierig und furchtlos

sein, im Stil unseres Gegenstandes zu reden. Die Gruft, das Grab war

immer das hauptsächliche Sinnbild der Bundesweihe. Der Lehrling, der zum

Wissen Einlaß begehrende Grünling, hat unter ihren Schaudern seine

Unerschrockenheit zu bewähren, der Ordensbrauch will, daß er probeweise

in sie hinabgeführt wird, und in ihr verweilen muß, um dann an

unbekannter Bruderhand daraus hervorzugehen. Daher die verworrenen Gänge

und finsteren Gewölbe, durch die der Novize zu wandern hatte, das

schwarze Tuch, womit selbst der Bundessaal der Strikten Observanz

ausgeschlagen war, der Kultus des Sarges, der bei dem Einweihungs- und

Versammlungszeremoniell eine so wichtige Rolle spielte. Der Weg der

Mysterien und der Läuterung war von Gefahren umlagert, er führte durch

Todesbangen, durch das Reich der Verwesung, und der Lehrling, der

Neophyt, ist die nach den Wundern des Lebens begierige, nach Erweckung

zu dämonischer Erlebnisfähigkeit verlangende Jugend, geführt von

Vermummten, die nur Schatten des Geheimnisses sind.“

„Ich danke sehr, Professor Naphta. Vorzüglich. Das wäre also die

hermetische Pädagogik. Es kann nicht schaden, daß mir auch von ihr mal

etwas zu Ohren gekommen ist.“

„Um so weniger, als es sich da um eine Führung zum Letzten handelt, zum

absoluten Bekenntnis des Übersinnlichen und damit zum Ziele. Die

alchimistische Logenobservanz hat viele edle, suchende Geister in

späteren Jahrzehnten zu diesem Ziele geführt, – ich muß es nicht nennen,

denn es kann Ihnen nicht entgangen sein, daß die Rangstufenfolge der

schottischen Hochgrade nur ein Surrogat ist der Hierarchie, daß die

alchimistische Weisheit des Meister-Maurers sich im Mysterium der

Wandlung erfüllt, und daß die geheime Führung, die die Loge ihren

Zöglingen angedeihen ließ, sich ebenso deutlich in den Gnadenmitteln

wiederfindet, wie die sinnbildlichen Spielereien des Bundeszeremoniells

in der liturgischen und baulichen Symbolik unserer heiligen katholischen

Kirche.“

„Ach so!“

„Ich bitte, auch das ist noch nicht alles. Ich erlaubte mir schon

anzudeuten, daß die Ableitung des Logenwesens aus jenen handwerkerlich

ehrsamen Maurergilden nur eine historische Veräußerlichung ist. Die

Strikte Observanz wenigstens verlieh ihr weit tiefere menschliche

Fundamente. Das Geheimnis der Logen hat mit gewissen Mysterien

unserer Kirche die deutliche Beziehung gemeinsam zu festlichen

Verschwiegenheiten und heiligen Ausschweifungen der frühesten Menschheit

... Ich habe, was die Kirche betrifft, das Nacht- und Liebesmahl im

Auge, den sakramentalen Genuß von Leib und Blut, in Dingen der Loge aber

–“

„Einen Augenblick. Einen Augenblick für eine Randbemerkung. Es gibt auch

in dem unbedingten Bundesleben, dem mein Vetter angehört, sogenannte

Liebesmahle. Er hat mir oft davon geschrieben. Natürlich geht es bis auf

ein bißchen Betrunkenheit sehr anständig dabei zu, nicht mal so stark

wie bei den Korpskneipen ...“

„In Dingen der Loge aber den Gruft- und Sargeskult, auf den ich vorhin

Ihre Aufmerksamkeit lenkte. In beiden Fällen handelt es sich um eine

Symbolik des Letzten und Äußersten, um Elemente orgiastischer

Urreligiosität, gelöste und nächtliche Opferdienste zu Ehren von Sterben

und Werden, Tod, Verwandlung und Auferstehung ... Sie erinnern sich, daß

die Mysterien der Isis sowohl wie die von Eleusis bei Nacht und in

finsteren Höhlen begangen wurden. Nun, der ägyptischen Erinnerungen gab

und gibt es im Maurerwesen eine Menge, und unter den geheimen

Gesellschaften waren solche, die sich eleusinische Bünde nannten. Es gab

da Logenfeste, Feste der eleusischen Mysterien und der aphrodisischen

Geheimnisse, bei denen denn endlich doch die Frau ins Spiel trat, –

Rosenfeste, auf die jene drei blauen Rosen der Maurerschürze anspielten,

und die, wie es scheint, ins Bacchantische auszulaufen pflegten ...“

„Nun, nun, was hör’ ich, Professor Naphta. Und all das ist Freimaurerei?

Und mit alldem soll ich in meiner Vorstellung unseren klargesinnten

Herrn Settembrini ...“

„Sie täten ihm schweres Unrecht! Nein, von alldem weiß Settembrini

durchaus nichts mehr. Ich sagte Ihnen ja, daß die Loge durch

seinesgleichen von allen Elementen höheren Lebens wieder gereinigt

worden ist. Sie hat sich humanisiert, modernisiert, du lieber Gott. Sie

ist aus solchen Verirrungen zum Nutzen, zur Vernunft und zum

Fortschritt, zum Kampf gegen Fürsten und Pfaffen, kurzum zu

gesellschaftlicher Beglückung zurückgekehrt; man unterhält sich dort

jetzt wieder über Natur, Tugend, Mäßigung und Vaterland. Ich nehme an:

auch über das Geschäft. Mit einem Wort, es ist die bourgeoise Misere in

Klubgestalt ...“

„Schade. Schade um die Rosenfeste. Ich werde Settembrini fragen, ob er

denn gar nichts mehr davon weiß.“

„Der ehrliche Ritter vom Winkelmaß!“ höhnte Naphta. „Sie müssen

bedenken, daß es ihm gar nicht leicht geworden ist, zum Bauplatz des

Menschheitstempels zugelassen zu werden, denn er ist ja arm wie eine

Kirchenmaus, und dort wird nicht nur höhere Bildung, humanistische

Bildung, ich bitte sehr, verlangt, sondern man muß auch der bemittelten

Klasse angehören, um die nicht geringen Aufnahmegebühren und

Jahresbeiträge erschwingen zu können. Bildung und Besitz, – da haben Sie

den Bourgeois! Da haben Sie die Grundfesten der liberalen Weltrepublik!“

„Allerdings,“ lachte Hans Castorp; „da haben wir sie klipp und klar vor

Augen.“

„Dennoch,“ setzte Naphta nach einer Pause hinzu, „möchte ich Ihnen

raten, diesen Mann und seine Sache nicht allzu leicht zu nehmen, möchte

Sie, da wir denn einmal von diesen Verhältnissen reden, geradezu

ersuchen, auf Ihrer Hut zu sein. Das Abgeschmackte ist noch nicht

gleichbedeutend mit dem Unschuldigen. Die Beschränktheit braucht nicht

harmlos zu sein. Diese Leute haben viel Wasser in ihren Wein getan, der

zuzeiten feurig war, aber die Idee des Bundes selbst bleibt stark genug,

um viel Verwässerung zu vertragen; sie bewahrt Reste von fruchtbarem

Geheimnis, und es ist ebensowenig daran zu zweifeln, daß die Logen ihre

Hand im Weltspiel haben, wie daß man in diesem liebenswürdigen Herrn

Settembrini mehr zu sehen hat, als eben nur ihn selbst, daß Mächte

hinter ihm stehen, deren Verwandter und Emissär er ist ...“

„Ein Emissär?“

„Nun ja, ein Proselytenmacher, ein Seelenfänger.“

Und was bist du für ein Emissär? dachte Hans Castorp. Laut sagte er:

„Danke, Professor Naphta. Aufrichtig verbunden für Wink und Warnung.

Wissen Sie was? Ich gehe nun mal eine Etage höher, soweit da oben noch

von Etage die Rede sein kann, und fühle dem vermummten Bundesbruder ein

bißchen auf den Zahn. Ein Lehrling muß wißbegierig und furchtlos sein

... Natürlich auch vorsichtig ... Mit Emissären ist selbstverständlich

Vorsicht geboten.“

Er durfte ungescheut auch Settembrini um weitere Belehrung ansprechen,

denn dieser hatte Herrn Naphta in Dingen der Diskretion nichts

vorzuwerfen und war übrigens nie sonderlich bedacht gewesen, aus seiner

Zugehörigkeit zu jener harmonischen Gesellschaft ein Geheimnis zu

machen. Die „_Rivista della Massoneria Italiana_“ lag offen auf seinem

Tisch; Hans Castorp hatte nur eben nicht acht darauf gegeben. Und als

er, von Naphta aufgeklärt, das Gespräch auf die königliche Kunst

gebracht hatte, so, als sei Settembrinis Verbundenheit mit ihr eine

Sache, über die er sich niemals Zweifel gemacht, da war er nur auf

geringe Zurückhaltung gestoßen. Zwar gab es Punkte, über die der Literat

sich nicht herausließ, sondern bei deren Berührung er mit einer gewissen

Ostentation die Lippen verschloß, offenbar gebunden durch jene

terroristischen Gelöbnisse, von denen Naphta gesprochen: eine

Geheimniskrämerei, die äußere Bräuche und seine eigene Stellung

innerhalb der merkwürdigen Organisation betraf. Sonst aber nahm er sogar

den Mund sehr voll und gab dem Neugierigen ein bedeutendes Bild von der

Ausbreitung seiner Liga, die sich in rund zwanzigtausend Logen und

hundertfünfzig Großlogen fast über die ganze Welt und selbst auf

Zivilisationen wie Haiti und die Negerrepublik Liberia erstrecke. Auch

wußte er sich nicht wenig mit allerlei großen Namen, deren Träger Maurer

gewesen waren oder es heute waren, nannte Voltaire, Lafayette und

Napoleon, Franklin und Washington, Mazzini und Garibaldi, von Lebenden

sogar den König von England und außerdem eine Menge Männer, in deren

Händen die Geschäfte der europäischen Staaten lagen, Mitglieder von

Regierungen und Parlamenten.

Hans Castorp äußerte Respekt, aber keine Verwunderung. So sei es auch

mit den studentischen Korpsverbindungen, meinte er. Die hielten auch

zusammen durchs ganze Leben und wüßten ihre Leute wohl unterzubringen,

so daß schwerlich jemand im Amtlich-Hierarchischen es zu etwas Rechtem

bringe, der nicht Korpsbruder gewesen sei. Darum sei es vielleicht nicht

ganz sinngemäß von Herrn Settembrini, daß er die Zugehörigkeit jener

Prominenten zur Loge als schmeichelhaft für diese hinstellen wolle; denn

es sei umgekehrt anzunehmen, daß die Besetzung so vieler wichtiger

Posten mit Bundesbrüdern eben nur die Macht des Bundes beweise, der

gewiß mehr, als Herr Settembrini so geradeheraus sagen wolle, seine Hand

am Weltspiele habe.

Settembrini lächelte. Er fächelte sich sogar mit dem Heft der

„_Massoneria_“, das er in Händen hielt. Man meine ihm wohl eine Falle zu

stellen? fragte er. Man gedenke wohl gar, ihn zu unvorsichtigen Aussagen

über das politische Wesen, den wesentlich politischen Geist der Loge zu

verleiten? „Unnütze Verschmitztheit, Ingenieur! Wir bekennen uns zur

Politik, rückhaltlos, offen. Wir achten das Odium für nichts, das in den

Augen einiger Toren – sie sitzen bei Ihnen zulande, Ingenieur, fast

nirgends sonst – mit diesem Wort und Titel verbunden ist. Der

Menschenfreund kann den Unterschied von Politik und Nichtpolitik

überhaupt nicht anerkennen. Es gibt keine Nichtpolitik. Alles ist

Politik.“

„Rundweg?“

„Ich weiß wohl, daß es Leute gibt, die auf die ursprünglich unpolitische

Natur des Maurergedankens hinzuweisen für gut finden. Aber diese Leute

spielen mit Worten und ziehen Grenzen, die als imaginär und unsinnig zu

erkennen es längst an der Zeit ist. Erstens zeigten wenigstens die

spanischen Logen von allem Anbeginn eine politische Färbung –“

„Kann ich mir denken.“

„Sie können sich wenig denken, Ingenieur. Wähnen Sie nicht, sich von

Hause aus viel denken zu können, sondern suchen Sie aufzunehmen und zu

verarbeiten – ich bitte Sie darum in Ihrem eigenen Interesse, wie in dem

Ihres Landes und im europäischen Interesse – was ich Ihnen zweitens

einzuprägen im Begriffe bin. Zweitens nämlich war der Maurergedanke

niemals unpolitisch, zu keiner Zeit, er konnte es nicht sein, und wenn

er es ja zu sein glaubte, so betrog er sich über sein Wesen. Was sind

wir? Bauleute und Handlanger an einem Bau. Der Zweck aller ist einer,

das Beste des Ganzen das Grundgesetz der Verbrüderung. Welches ist

dieses Beste, dieser Bau? Der kunstgerechte gesellschaftliche Bau, die

Vollendung der Menschheit, das neue Jerusalem. Was in aller Welt soll da

Politik oder Nichtpolitik? Das gesellschaftliche Problem, das Problem

der Koexistenz selbst ist Politik, durch und durch Politik, nichts

weiter als Politik. Wer sich ihm weiht – und den Menschennamen verdiente

nicht, wer sich dieser Weihe entzöge – gehört der Politik, der inneren

wie der äußeren, er versteht, daß die Kunst des freien Maurers

Regierungskunst ist –“

„Regierungs...“

„Daß die illuminatistische Maurerei den Regentengrad kannte ...“

„Sehr schön, Herr Settembrini. Regierungskunst, Regentengrad, das

gefällt mir. Aber lassen Sie mich nun eines hören: Sind Sie Christen,

Sie alle miteinander in Ihrer Loge?“

„_Perchè!_“

„Entschuldigen Sie, ich will anders fragen, allgemeiner und einfacher.

Glauben Sie an Gott?“

„Ich werde Ihnen antworten. Warum fragen Sie?“

„Ich wollte Sie nicht versuchen vorhin, aber es gibt da eine biblische

Geschichte, worin jemand den Herrn mit einer römischen Münze versucht

und zur Antwort bekommt, man solle dem Kaiser geben, was des Kaisers,

und Gott, was Gottes sei. Mir kommt vor: diese Art zu unterscheiden

liefert den Unterschied zwischen Politik und Nichtpolitik. Gibt es Gott,

so gibt es auch diesen Unterschied. Glauben die Freimaurer an Gott?“

„Ich verpflichtete mich, Ihnen zu antworten. Sie sprechen von einer

Einheit, an deren Herstellung gearbeitet wird, die aber heute zum

Leidwesen aller Guten noch nicht existiert. Der Weltbund der Freimaurer

existiert nicht. Wird er hergestellt sein – und ich wiederhole, es wird

mit aller stillen Emsigkeit an diesem großen Werke gearbeitet – so wird

ohne Zweifel auch sein religiöses Bekenntnis einheitlich sein, und es

wird lauten: ‚_Écrasez l’infâme_‘.“

„Obligatorisch? Das wäre nicht tolerant.“

„Dem Problem der Toleranz dürften Sie kaum gewachsen sein, Ingenieur.

Prägen Sie sich immerhin ein, daß Toleranz zum Verbrechen wird, wenn sie

dem Bösen gilt.“

„Gott wäre das Böse?“

„Die Metaphysik ist das Böse. Denn sie ist zu nichts gut, als den Fleiß

einzuschläfern, den wir dem Bau des Gesellschaftstempels zuwenden

sollen. Und so hat denn schon vor einem Menschenalter der Groß-Orient

von Frankreich ein Beispiel gegeben, indem er den Namen Gottes aus

seinen sämtlichen Schriftstücken strich. Wir Italiener sind ihm darin

nachgefolgt ...“

„Wie katholisch!“

„Sie meinen –“

„Wie enorm katholisch ich das finde, Gott zu streichen!“

„Sie wollen ausdrücken –“

„Nichts Hörenswertes, Herr Settembrini. Achten Sie nicht besonders auf

mein Geplapper! Es kam mir nur diesen Moment so vor, als ob Atheismus

etwas kolossal Katholisches sei, und als ob man Gott nur streiche, um

desto besser katholisch sein zu können.“

Wenn darauf Herr Settembrini eine Pause eintreten ließ, so war klar, daß

es einzig aus pädagogischer Besonnenheit geschah. Er antwortete nach

gemessenem Stillschweigen:

„Ingenieur, ich bin weit von dem Wunsche entfernt, Sie in Ihrem

Protestantismus beirren und kränken zu wollen. Wir sprachen von Toleranz

... Es ist überflüssig, zu betonen, daß ich dem Protestantismus mehr als

Duldung, daß ich ihm als dem historischen Opponenten der

Gewissensknebelung tiefste Bewunderung entgegenbringe. Die Erfindung der

Buchdruckerkunst und die Reformation sind und bleiben die beiden

erhabensten Verdienste, die Mitteleuropa sich um die Menschheit erworben

hat. Ohne Frage. Allein nach dem, was Sie soeben äußerten, zweifle ich

nicht, daß Sie mich aufs Wort verstehen werden, wenn ich darauf

hinweise, daß das nur eine Seite der Sache ist, und daß sie ihre zweite

hat. Der Protestantismus birgt Elemente ... Die Persönlichkeit Ihres

Reformators selbst barg Elemente ... Ich denke an Elemente der

Ruheseligkeit und der hypnotischen Versenkung, die nicht europäisch, die

dem Lebensgesetz dieses tätigen Erdteils fremd und feindlich sind. Sehen

Sie ihn sich doch an, diesen Luther! Betrachten Sie Bildnisse von ihm,

jugendliche und spätere! Was ist denn das für ein Schädel, was sind das

für Backenknochen, was für ein seltsamer Augensitz! Mein Freund, das ist

Asien! Es sollte mich wundern, es sollte mich höchlichst wundern, wenn

da nicht Wendisch-Slawisch-Sarmatisches im Spiele gewesen wäre, und wenn

also nicht die – wer wollte es leugnen – gewaltige Erscheinung dieses

Mannes eine verhängnisvolle Überbelastung einer der beiden in Ihrem

Lande so gefährlich gleichstehenden Schalen zu bedeuten gehabt hätte, –

ein furchtbares Gewicht in die östliche, von welchem die andere, die

westliche Schale, noch heute überwogen gen Himmel flattert ...“

Von dem humanistischen Klapp-Pult am Fensterchen, vor dem er gestanden,

war Herr Settembrini an den Rundtisch mit der Wasserflasche getreten,

näher zu seinem Schüler hin, der auf dem an die Wand gerückten Ruhebette

saß, ohne Rückenlehne, den Ellenbogen aufs Knie und das Kinn in die Hand

gestützt.

„_Caro!_“ sagte Herr Settembrini. „_Caro amico!_ Entscheidungen werden

zu treffen sein, – Entscheidungen von unüberschätzbarer Tragweite für

das Glück und die Zukunft Europas, und Ihrem Lande werden sie zufallen,

in seiner Seele werden sie sich zu vollziehen haben. Zwischen Ost und

West gestellt, wird es wählen müssen, wird es endgültig und mit

Bewußtsein zwischen den beiden Sphären, die um sein Wesen werben, sich

entscheiden müssen. Sie sind jung, Sie werden an dieser Entscheidung

beteiligt sein, sind berufen, sie zu beeinflussen. Darum lassen Sie uns

das Schicksal segnen, das Sie in diese entsetzlichen Gegenden

verschlagen hat, zugleich aber mir Gelegenheit gibt, mit meinem nicht

ungeübten, nicht völlig matten Wort auf Ihre bildsame Jugend einzuwirken

und ihr die Verantwortlichkeit fühlbar zu machen, die sie –, die Ihr

Land vor dem Angesicht der Gesittung trägt ...“

Hans Castorp saß, das Kinn in der Faust. Er blickte zum Mansardenfenster

hinaus, und in seinen einfachen blauen Augen war eine gewisse

Widerspenstigkeit zu lesen. Er schwieg.

„Sie schweigen“, sprach Herr Settembrini bewegt. „Sie und Ihr Land, Sie

lassen ein vorbehaltvolles Schweigen walten, dessen Undurchsichtigkeit

kein Urteil über seine Tiefe gestattet. Sie lieben das Wort nicht oder

besitzen es nicht oder heiligen es auf eine unfreundliche Weise, – die

artikulierte Welt weiß nicht und erfährt nicht, woran sie mit Ihnen ist.

Mein Freund, das ist gefährlich. Die Sprache ist die Gesittung selbst

... Das Wort, selbst das widersprechendste, ist so verbindend ... Aber

die Wortlosigkeit vereinsamt. Man vermutet, Sie werden Ihre Einsamkeit

durch Taten zu brechen suchen. Sie werden Vetter Giacomo“ (Herr

Settembrini pflegte Joachim der Bequemlichkeit halber „Giacomo“ zu

nennen), „Sie werden Ihren Vetter Giacomo vor Ihr Schweigen treten

lassen, ‚und zwei mit gewaltigen Streichen erlegt er, die andern

entweichen‘ –“

Da Hans Castorp zu lachen anfing, lächelte auch Herr Settembrini, für

den Augenblick auch von dieser Wirkung seines plastischen Wortes

befriedigt.

„Gut, lachen wir!“ sagte er. „Zur Heiterkeit werden Sie mich immer

bereit finden. ‚Das Lachen ist ein Erglänzen der Seele‘, sagt ein Alter.

Auch sind wir abgekommen – auf Dinge, die, wie ich zugebe, mit den

Schwierigkeiten zusammenhängen, auf die unsere Vorarbeiten zur

Herstellung des maurerischen Weltbundes stoßen, Schwierigkeiten, die

namentlich das protestantische Europa entgegenstellt ...“ Und Herr

Settembrini fuhr fort, mit Wärme von dem Gedanken dieses Weltbundes zu

sprechen, der von Ungarn aus ins Leben getreten und dessen zu erhoffende

Verwirklichung bestimmt sei, der Freimaurerei weltentscheidende Macht zu

verleihen. Er zeigte leichthin Briefe vor, die er von auswärtigen

Bundesgrößen in dieser Sache empfangen, ein eigenhändiges Schreiben des

schweizerischen Großmeisters, Bruder Quartier la Tente vom

dreiunddreißigsten Grade, und erörterte den Plan, das Kunstidiom

Esperanto zur Bundesweltsprache zu erklären. Sein Eifer erhob ihn zur

Sphäre der hohen Politik, er richtete sein Auge dahin und dorthin und

schätzte die Aussichten ab, die der revolutionär-republikanische Gedanke

in seiner eigenen Heimat, in Spanien, in Portugal besitze. Auch mit

Personen, die an der Spitze der Großloge der letztgenannten Monarchie

standen, wollte er briefliche Fühlung unterhalten. Dort reiften

zweifellos die Dinge der Entscheidung entgegen. Hans Castorp möge an ihn

denken, wenn in allernächster Zeit da unten die Ereignisse sich

überstürzen würden. Hans Castorp versprach, das zu tun.

Es will bemerkt sein, daß diese maurerischen Plaudereien, die zwischen

dem Zögling und jedem der beiden Mentoren gesondert verliefen, noch in

die Zeit vor Joachims Heimkehr zu Denen hier oben gefallen waren. Die

Auseinandersetzung, auf die wir nun kommen, ereignete sich schon während

seiner Wiederanwesenheit und in seiner Gegenwart, neun Wochen nach

seiner Rückkehr, Anfang Oktober, und Hans Castorp behielt dies

Beisammensein in der Herbstsonne vor dem Kurhaus in „Platz“, bei

erfrischenden Getränken, darum allezeit so genau im Gedächtnis, weil

Joachim ihm damals heimliche Sorge gemacht hatte, – Sorge durch Angaben

und Erscheinungen, die sonst eben keine Sorge einzuflößen pflegen,

nämlich durch Halsschmerzen und Heiserkeit: harmlose Belästigungen also,

die aber dem jungen Castorp in einem irgendwie eigentümlichen Licht

erschienen, – eben dem Licht, so kann man sagen, das er in der Tiefe von

Joachims Augen zu gewahren glaubte, diesen Augen, die immer sanft und

groß gewesen waren, heute aber, genau erst heute, eine gewisse

unbestimmbare Vergrößerung und Vertiefung von sinnendem und – man muß

das sonderbare Wort hinzufügen – _drohendem_ Ausdruck nebst jener

erwähnten stillen Erleuchtung von innen her erfahren hatten, die ganz

falsch gekennzeichnet wäre, wenn man sagte, sie hätte Hans Castorp nicht

gefallen, – im Gegenteil, sie gefiel ihm sogar sehr gut, nur daß sie ihm

dennoch Sorge machte. Und kurz, es ist über diese Eindrücke gar nicht

anders als verworren, ihrem eigenen Charakter gemäß, zu reden.

Der Zauberberg. Zweiter Band · 第 16 / 31 题