Naphta und Settembrini – angehend, so war sie eine Sache für sich und
stand mit jenen Sondererörterungen über das Logenwesen nur in lockerem
Zusammenhang. Außer den Vettern waren auch Ferge und Wehsal dabei
zugegen, und aller Teilnahme war groß, obgleich nicht alle dem
Gegenstande gewachsen waren, – Herr Ferge zum Beispiel war es
ausdrücklich nicht. Aber ein Streit, der geführt wird, als ob es ums
Leben ginge, außerdem aber mit einem Witz und Schliff, als ob es _nicht_
ums Leben, sondern nur um ein elegantes Wettspiel ginge – und so wurden
alle Dispute zwischen Settembrini und Naphta geführt –: ein solcher
Streit ist selbstverständlich und an und für sich unterhaltend
anzuhören, auch für den, der wenig davon versteht und seine Tragweite
nur undeutlich absieht. Sogar ganz Unzugehörige, Umsitzende lauschten
dem Wortwechsel mit hohen Augenbrauen, gefesselt von Leidenschaft und
Zierlichkeit der Wechselrede.
Es war, wie gesagt, vor dem Kurhause, nachmittags nach dem Tee. Die vier
Berghofgäste hatten Settembrini dort getroffen, und von ungefähr hatte
Naphta sich zugesellt. Sie saßen alle um ein kleines metallenes
Tischchen herum bei verschiedenen mit Soda verdünnten Getränken, Anis
und Wermut. Naphta, der hier seine Vespermahlzeit einnahm, hatte sich
Wein und Kuchen geben lassen, was offenbar eine Erinnerung an seine
Alumnenzeit darstellte; Joachim befeuchtete seine leidende Kehle oft mit
Naturlimonade, die er sehr stark und sauer trank, weil das zusammenziehe
und ihm Erleichterung schaffe, und Settembrini genoß schlechthin
Zuckerwasser, jedoch durch einen Strohhalm und auf so anmutig
appetitliche Art, als schlürfe er die kostbarste Erquickung. Er
scherzte:
„Was höre ich, Ingenieur? Was kommt mir gerüchtweise zu Ohren? Ihre
Beatrice kehrt wieder? Ihre Führerin durch alle neun kreisenden Sphären
des Paradieses? Nun, ich will hoffen, daß Sie auch dann die leitende
Freundeshand Ihres Virgil nicht ganz verschmähen werden! Unser
Ekklesiast hier wird Ihnen bestätigen, daß die Welt des _medio evo_
nicht komplett ist, wenn franziskanischer Mystik der Gegenpol
thomistischer Erkenntnis fehlt.“
Man lachte über soviel spaßhafte Gelehrsamkeit und sah Hans Castorp an,
der ebenfalls lachend „seinem Virgil“ das Wermutglas entgegenhob. Es ist
aber kaum zu glauben, was alles aus der, wenn auch geschnörkelten, so
doch sehr harmlosen Äußerung Herrn Settembrinis sich an unerschöpflichem
Geisteszwist in der nächsten Stunde ergab. Denn Naphta, freilich
gewissermaßen herausgefordert, ging sofort zum Angriff über und machte
sich über den lateinischen Dichter her, den Settembrini bekanntermaßen
abgöttisch liebte, ja, über Homer stellte, während Naphta ihm, wie
überhaupt der lateinischen Poesie, schon mehr als einmal die schärfste
Geringschätzung bezeigt hatte – und eben hierzu auch jetzt die
Gelegenheit prompt und boshaft ergriff. Es sei eine äußerst gutmütige
Zeitbefangenheit des großen Dante gewesen, sprach er, diesen
mittelmäßigen Versifex so feierlich zu nehmen und ihm in seinem Liede
eine so hohe Rolle zuzuweisen, wenn auch Herr Lodovico dieser Rolle wohl
eine allzu freimaurerische Bedeutung beilege. Was es denn weiter auf
sich gehabt habe mit diesem höfischen Laureatus und Speichellecker des
julischen Hauses, diesem Weltstadtliteraten und Prunkrhetor ohne einen
Funken von Produktivität, dessen Seele, wenn er eine gehabt habe,
jedenfalls aus zweiter Hand gewesen, und der überhaupt kein Dichter,
sondern ein Franzose in augusteischer Allongeperücke gewesen sei!
Herr Settembrini zweifelte nicht, daß der Vorredner Mittel und Wege
wissen werde, seine Verachtung der römischen Hochzivilisation mit seinem
Amt als Lateinlehrer zu vereinbaren, doch scheine es nötig, ihn auf den
schwereren Widerspruch hinzuweisen, in den er sich durch solche Urteile
mit seinen eigenen Lieblingsjahrhunderten setze, die den Virgilius nicht
nur nicht verachtet, sondern seiner Größe auf einfältige Art gerecht
geworden seien, indem sie einen weisheitsmächtigen Zauberer aus ihm
gemacht hätten.
Recht vergebens, versetzte Naphta, rufe Herr Settembrini die Einfalt
jener morgendlichen Zeiten zu seiner Hilfe auf, – die Siegerin, die ihre
Schöpferkraft noch in der Dämonisierung des Überwundenen bewährt habe.
Übrigens seien die Lehrer der jungen Kirche nicht müde geworden, vor den
Lügen der alten Philosophen und Dichter zu warnen, insonderheit davor,
sich mit der üppigen Beredsamkeit des Virgil zu beflecken, und heute, wo
wieder ein Zeitalter zu Grabe sinke, abermals ein proletarischer Morgen
tage, sei wahrhaftig die Stunde günstig, ihnen nachzufühlen! So möge
denn, um alles zu beantworten, Herr Lodovico auch überzeugt sein, daß
er, Redner, sein bißchen bürgerliche Beschäftigung, worauf
jener anzuspielen die Güte gehabt habe, mit aller gebotenen
_reservatio mentalis_ betreibe und sich nicht ohne Ironie in einen
klassisch-rhetorischen Erziehungsbetrieb einordne, dessen Lebensdauer
ein Sanguiniker allenfalls noch nach Jahrzehnten berechnen möge.
„Ihr habt sie,“ rief Settembrini, „ihr habt sie studiert, daß ihr
schwitztet, diese alten Dichter und Philosophen, habt euch ihr kostbares
Erbe anzueignen versucht, wie ihr das Material der antiken Bauwerke für
eure Bethäuser benutztet! Denn ihr fühltet wohl, daß ihr aus eigener
Kraft eurer proletarischen Seele keine neue Kunstform hervorzubringen
vermöchtet und hofftet, das Altertum mit seinen eigenen Waffen zu
schlagen. So wird es wieder, so wird es immer gehen! Euere ungehobelte
Morgendlichkeit wird sich in die Schule begeben müssen bei dem, was zu
verachten ihr euch und andere bereden möchtet; denn ohne Bildung
bestündet ihr nicht vor dem Angesicht der Menschheit, und es gibt nur
_eine_ Bildung: diejenige, die ihr die bürgerliche nennt, und die die
menschliche ist!“ Eine Frage von Jahrzehnten – das Ende des
humanistischen Erziehungsprinzips? Nur Höflichkeit hinderte Herrn
Settembrini, in ein ebenso sorgloses wie spöttisches Gelächter
auszubrechen. Ein Europa, das sein Ewigkeitsgut zu wahren wisse, werde
über proletarische Apokalypsen, die man da und dort zu erträumen
beliebe, in Gemütsruhe zur Tagesordnung klassischer Vernunft übergehen.
Über die Tagesordnung nun gerade, versetzte Naphta beißend, scheine Herr
Settembrini nicht ganz wohlunterrichtet. Auf der Tagesordnung eben stehe
als Frage, was jener als ausgemacht zu behandeln für gut finde: nämlich,
ob die mediterran-klassisch-humanistische Überlieferung eine
Menschheitssache und darum menschlich-ewig – oder ob sie allenfalls nur
Geistesform und Zubehör einer Epoche, der bürgerlich-liberalen, gewesen
sei und mit ihr sterben könne. Dies zu entscheiden, werde Sache der
Geschichte sein, und es sei Herrn Settembrini immerhin zu empfehlen,
sich nicht allzu sehr in Sicherheit zu wiegen, daß die Entscheidung im
Sinn seines lateinischen Konservativismus fallen werde.
Das war eine besondere Unverschämtheit des kleinen Naphta, Herrn
Settembrini, den erklärten Diener des Fortschritts, einen Konservativen
zu nennen. Alle empfanden es so und mit besonderer Bitterkeit natürlich
der Betroffene, der erregt seinen geschwungenen Schnurrbart zwirbelte
und im Suchen nach einem Gegenschlage dem Feinde Zeit ließ zu
weiteren Ausfällen gegen das klassische Bildungsideal, den
rhetorisch-literarischen Geist des europäischen Schul- und
Erziehungswesens und seinen grammatisch-formalen Spleen, der nichts als
ein Interessenzubehör der bürgerlichen Klassenherrschaft, dem Volke aber
längst ein Gelächter sei. Ja, man ahne nicht, wie weidlich das Volk sich
über unsere Doktortitel und unser ganzes Bildungsmandarinentum lustig
mache und über die staatliche Volksschule, dies Instrument bourgeoiser
Klassendiktatur, gehandhabt in dem Wahn, daß Volksbildung verwässerte
Gelehrtenbildung sei. Diejenige Bildung und Erziehung, die das Volk im
Kampf gegen das morsche Bürgerreich brauche, wisse es sich längst wo
anders zu holen als in den obrigkeitlichen Zwangsanstalten, und
nachgerade pfiffen die Spatzen es von den Dächern, daß unser Schultypus
überhaupt, wie er sich aus der Klosterschule des Mittelalters entwickelt
habe, einen lächerlichen Zopf und Anachronismus darstelle, daß niemand
in der Welt seine eigentliche Bildung mehr der Schule verdanke, und daß
ein freier, offener Unterricht durch öffentliche Vorträge,
Ausstellungen, Kinos und so fort jedem Schulunterricht weit überlegen
sei.
In der Mischung aus Revolution und Dunkelmännertum, die Naphta da seinen
Zuhörern kredenzte, antwortete ihm Herr Settembrini, überwiege der
obskurantistische Beisatz in unschmackhafter Weise. Das Gefallen, das
seine Sorge um die Aufklärung des Volkes erwecke, leide einige Einbuße
durch die Befürchtung, daß hier vielmehr eine Instinktneigung obwalte,
Volk und Welt in analphabetische Finsternis zu hüllen.
Naphta lächelte. Analphabetentum! Da glaube man nun ein wahres
Entsetzenswort ausgesprochen, das Haupt der Gorgo vorgezeigt zu haben,
überzeugt, daß jedermann pflichtschuldig davor erblassen werde. Er,
Naphta, bedauere, seinem Gesprächspartner die Enttäuschung bereiten zu
müssen, daß die Humanistenfurcht vor dem Begriff des Analphabetentums
ihn einfach erheitere. Man müsse ein Renaissanceliterat, ein Prezioser,
ein Secentist, ein Marinist, ein Hanswurst des _estilo culto_ sein, um
den Disziplinen des Lesens und Schreibens eine so übertriebene
erzieherische Vordringlichkeit beizumessen, daß man sich einbilde,
Geistesnacht müsse walten, wo ihre Kenntnis fehle. Ob Herr Settembrini
sich erinnere, daß der größte Dichter des Mittelalters, Wolfram von
Eschenbach, Analphabet gewesen sei? Damals habe es in Deutschland für
schimpflich gegolten, einen Knaben, der nicht gerade Geistlicher habe
werden wollen, zur Schule zu schicken, und diese adlig-volkstümliche
Verachtung der literarischen Künste sei immer das Merkmal vornehmer
Wesentlichkeit geblieben, – während der Literat, dieser rechte Sohn des
Humanismus und der Bürgerlichkeit, allerdings lesen und schreiben könne,
was der Adlige, der Krieger und das Volk nicht könnten oder nur schlecht
könnten, – aber weiter könne und verstehe er in aller Welt auch gar
nichts, sondern sei noch immer ein latinistischer Windbeutel, der die
Rede verwalte und den rechtschaffenen Leuten das Leben überlasse, –
weshalb er denn auch aus der Politik einen Beutel voll Wind mache,
nämlich voll Rhetorik und schöner Literatur, was in der Parteisprache
Radikalismus und Demokratie heiße – und so fort, und so fort.
Darauf denn nun Herr Settembrini! Allzu kühn, rief er, kehre der andere
seinen Geschmack an der inbrünstigen Barbarei gewisser Epochen hervor,
indem er die Liebe zur literarischen Form verhöhne, ohne die allerdings
keine Menschlichkeit möglich und denkbar sei, allerdings nicht und
nimmermehr! Vornehmheit? Nur Menschenfeindschaft könne die
Wortlosigkeit, die rohe und stumme Dinglichkeit auf ihren Namen taufen.
Vornehm vielmehr sei einzig ein gewisser edler Luxus, die _generosità_,
die sich darin bekunde, der Form einen menschlichen, vom Inhalt
unabhängigen Eigenwert beizulegen, – der Kultus der Rede als einer Kunst
um der Kunst willen, dies Erbe der griechisch-römischen Zivilisation,
welches die Humanisten, die _uomini letterati_, der Romania, ihr
wenigstens, zurückgebracht hätten, und das die Quelle jedes weiteren und
inhaltlichen Idealismus, auch des politischen, sei. „Jawohl, mein Herr!
Was Sie als Trennung von Rede und Leben verunglimpfen möchten, ist
nichts als höhere Einheit im Kronrund des Schönen, und mir ist nicht
bange, auf welche Seite in einem Streit, dessen Wahlfälle Literatur und
Barbarei heißen, hochherzige Jugend sich immer schlagen wird.“
Hans Castorp, dessen Aufmerksamkeit nur halb beim Gespräch gewesen war,
da die Person des anwesenden Kriegers und Vertreters vornehmer
Wesentlichkeit, oder eigentlich der neuartige Ausdruck seiner Augen ihn
beschäftigte, fuhr etwas zusammen, da er sich durch Herrn Settembrinis
letzte Worte aufgerufen und angefordert fühlte, machte dann aber ein
Gesicht, wie damals, als Settembrini ihn zur Entscheidung zwischen „Ost
und West“ feierlich hatte nötigen wollen: ein Gesicht also voller
Vorbehalt und Widerspenstigkeit, und schwieg. Alles stellten sie auf die
Spitze, diese zwei, wie es wohl nötig war, wenn man streiten wollte, und
haderten erbittert um äußerste Wahlfälle, während ihm doch schien, als
ob irgendwo inmitten zwischen den strittigen Unleidlichkeiten, zwischen
rednerischem Humanismus und analphabetischer Barbarei das gelegen sein
müsse, was man als das Menschliche oder Humane persönlich ansprechen
durfte. Aber er sprach es nicht an, um nicht beide Geister zu ärgern,
und sah, eingehüllt in Vorbehalt, wie sie weiter dahin trieben und
einander feindlich behilflich waren, vom Hundertsten ins Tausendste zu
kommen, nachdem Settembrini mit seinem kleinen Scherz vom Lateiner
Virgil den Anstoß gegeben.
Er gab das Wort noch nicht her, er schwang es, er ließ es triumphieren.
Er warf sich zum Schützer auf des literarischen Genius, feierte die
Geschichte des Schrifttums von dem Augenblick an, wo zum erstenmal ein
Mensch, um seinem Wissen und Fühlen Denkmalsdauer zu geben, Wortezeichen
in einen Stein gegraben hatte. Er sprach von dem ägyptischen Gotte Thot,
mit dem der dreimalgroße Hermes des Hellenismus identisch gewesen, und
der als Erfinder der Schrift, Schutzherr der Bibliotheken und Anreger
aller geistigen Bestrebungen verehrt worden war. Er beugte redend das
Knie vor diesem Trismegist, dem humanistischen Hermes, dem Meister der
Palästra, dem die Menschheit das Hochgeschenk des literarischen Wortes,
der agonalen Rhetorik verdankte, und veranlaßte so Hans Castorp zu der
Anmerkung: dann sei dieser gebürtige Ägypter offenbar auch ein Politiker
gewesen und habe in größerem Stile dieselbe Rolle gespielt wie Herr
Brunetto Latini, der speziell den Florentinern Schliff verliehen und sie
das Sprechen gelehrt, sowie die Kunst, ihre Republik nach den Regeln der
Politik zu lenken, – worauf Naphta erwiderte, Herr Settembrini schwindle
ein bißchen und habe ihm von Thot-Trismegistos ein allzu gelecktes Bild
gegeben. Denn das sei vielmehr eine Affen-, Mond- und Seelengottheit
gewesen, ein Pavian mit einer Mondsichel auf dem Kopf und unter dem
Namen des Hermes vor allem ein Todes- und Totengott: der Seelenzwinger
und Seelenführer, der schon der späteren Antike zum Erzzauberer und dem
kabbalistischen Mittelalter zum Vater der hermetischen Alchimie geworden
sei.
Was, was? In Hansens Gedanken und Vorstellungswerkstatt ging es drunter
und drüber. Da war der blaubemantelte Tod als humanistischer Rhetor; und
wenn man den pädagogischen Literaturgott und Menschenfreund näher ins
Auge faßte, so hockte da statt seiner eine Affenfratze mit dem Zeichen
der Nacht und der Zauberei an der Stirn ... Er wehrte und winkte ab mit
der Hand und legte sie dann über die Augen. Aber in das Dunkel, worein
er sich vor der Verwirrung gerettet, klang Settembrinis Stimme, der
fortfuhr, die Literatur zu preisen. Nicht nur die betrachtende, auch die
aktive Größe, rief er, sei allezeit mit ihr verbunden gewesen; und er
nannte Alexander, Cäsar, Napoleon, nannte den preußischen Friedrich und
weitere Helden, sogar Lassalle und Moltke. Es focht ihn nicht an, daß
Naphta ihn ins Chinesische heimschicken wollte, wo die skurrilste
Vergötterung des Abc herrsche, die je erreicht worden sei, und wo man
Generalfeldmarschall werde, wenn man alle vierzigtausend Wortzeichen
tuschen könne, was recht nach dem Herzen eines Humanisten sein müsse.
Eh, Naphta wußte recht wohl, daß es sich nicht ums Tuschen handelte,
sondern um die Literatur als Menschheitsimpuls, um ihren Geist, armer
Spötter! welcher der Geist selber war, das Wunder der Verbindung von
Analyse und Form. Er war es, der das Verständnis für alles Menschliche
weckte, die Schwächung und Auflösung dummer Werturteile und
Überzeugungen betrieb, die Sittigung, Veredelung und Besserung des
Menschengeschlechtes herbeiführte. Indem er die äußerste moralische
Verfeinerung und Reizbarkeit schuf, erzog er, fern davon, zu
fanatisieren, zugleich zum Zweifel, zur Gerechtigkeit, zur Duldung. Die
reinigende, heiligende Wirkung der Literatur, die Zerstörung der
Leidenschaften durch die Erkenntnis und das Wort, die Literatur als Weg
zum Verstehen, zum Vergeben und zur Liebe, die erlösende Macht der
Sprache, der literarische Geist als edelste Erscheinung des
Menschengeistes überhaupt, der Literat als vollkommener Mensch, als
Heiliger: – aus dieser strahlenden Tonart ging Herrn Settembrinis
apologetischer Lobgesang. Ach, aber auch der Widersacher war nicht auf
den Mund gefallen; er wußte das englische Halleluja durch schlimme,
glänzende Einwände zu stören, indem er sich zur Partei der Erhaltung und
des Lebens schlug gegen den Geist der Zersetzung, welcher sich hinter
jener seraphischen Gleisnerei verberge. Die Wunderverbindung, von
welcher Herr Settembrini tremoliert habe, hieß es nun, laufe auf nichts
als Trug und Gaukelspiel hinaus, denn die Form, die der literarische
Geist mit dem Prinzip der Untersuchung und Trennung zu vereinigen sich
rühme, sei nur eine Schein- und Lügenform, keine echte, gewachsene,
natürliche, keine Lebensform. Der sogenannte Verbesserer des Menschen
führe wohl Reinigung und Heiligung im Munde, in Wahrheit aber sei es die
Entmannung und Entblutung des Lebens, worauf er ausgehe; ja, der Geist,
die eifernde Theorie sei lebensschänderisch, und wer die Leidenschaften
zerstören wolle, der wolle das Nichts, – das reine Nichts, rein
allerdings, da „rein“ denn in der Tat das einzige Attribut sei, das
allenfalls dem Nichts noch könne beigelegt werden. Darin nun aber eben
zeige Herr Settembrini, der Literat, sich recht als das, was er sei,
nämlich als Mann des Fortschritts, des Liberalismus und der bürgerlichen
Revolution. Denn der Fortschritt sei reiner Nihilismus und der liberale
Bürger ganz eigentlich der Mann des Nichts und des Teufels, ja, er
leugne Gott, das konservativ und positiv Absolute, indem er zum
Teuflisch-Gegen-Absoluten schwöre und sich mit seinem Todespazifismus
noch wunder wie fromm dünke. Er sei aber nichts weniger als fromm,
sondern ein Hochverbrecher am Leben, vor dessen Inquisition und strenge
Fehme er peinlich gezogen zu werden verdiene – _et cetera_.
So wußte Naphta zu pointieren, den Lobgesang ins Diabolische zu
verkehren und sich selbst als die Inkarnation bewahrender Liebesstrenge
hinzustellen, so daß zu unterscheiden, wo Gott und wo der Teufel, wo Tod
und wo Leben war, wieder einmal zur reinen Unmöglichkeit wurde. Man wird
es uns aufs Wort glauben, daß sein Gegenspieler Manns genug war, ihm die
Antwort nicht schuldig zu bleiben, die hervorragend war, und auf die er
wieder eine ebenso gute bekam, wonach es noch eine Weile so fortging und
das Gespräch in früher schon angedeutete Erörterungen einmündete. Aber
Hans Castorp hörte nicht länger zu, da Joachim zwischendurch geäußert
hatte, er glaube bestimmt, Erkältungsfieber zu haben und wisse nicht
recht, wie er sich nun verhalten solle, da Erkältungen hier doch nicht
„_reçu_“ seien. Die Duellanten waren darüber hinweggegangen, aber Hans
Castorp hatte, wie wir zeigten, ein besorgtes Auge auf seinen Vetter und
brach auf mit ihm, mitten in einer Replik, indem er es darauf ankommen
ließ, ob von dem restlichen Publikum, bestehend aus Ferge und Wehsal,
ein hinlänglicher pädagogischer Antrieb zur Fortsetzung des Wettstreits
ausgehen werde.
Unterwegs einigte er sich mit Joachim dahin, daß man in Sachen seiner
Erkältung und Halsbeschwerden den Dienstweg einschlagen, das heißt also,
den Bademeister anstellen wolle, die Oberin zu benachrichtigen, worauf
denn für den Leidenden doch wohl etwas geschehen werde. So war es
wohlgetan. Noch am Abend, gleich nach dem Diner, klopfte Adriatica bei
Joachim, als Hans Castorp gerade bei ihm im Zimmer war, und erkundigte
sich kreischend nach den Wünschen und Klagen des jungen Offiziers.
„Halsschmerzen? Heiserkeit?“ wiederholte sie. „Menschenskind, was machen
Sie für Sprünge?“ Und sie unternahm den Versuch, ihm durchdringend ins
Auge zu blicken, wobei es nicht an Joachim lag, daß ein Ineinander-Ruhen
ihrer Blicke mißlang: der ihre war es, der beiseite schweifte. Daß sie
es immer wieder versuchte, wenn es ihr nun doch erfahrungsgemäß einmal
nicht gegeben war, das Unternehmen durchzuführen! Mit Hilfe einer Art
von metallenem Schuhlöffel, den sie aus ihrer Gürteltasche zog, sah sie
dem Patienten in den Schlund, wobei Hans Castorp mit der Nachttischlampe
leuchten mußte. Während sie, auf den Zehenspitzen stehend, um Joachims
Zäpfchen herumspähte, sagte sie:
„Sagen Sie mal, geehrtes Menschenkind, – haben Sie sich schon mal
verschluckt?“
Was war nun darauf zu antworten! Im Augenblick, solange sie spähte, war
überhaupt keine Möglichkeit, Rede zu stehen; aber auch nachdem sie von
ihm abgelassen, blieb guter Rat teuer. Natürlich hatte er sich im Leben
schon ein und das andere Mal verschluckt, beim Essen und Trinken; doch
das war Menschenlos und konnte bei ihrer Frage nicht wohl gemeint sein.
Er sagte: Wieso? Er könne sich an das letztemal nicht erinnern.
Na, gut; es sei bloß so ein Einfall von ihr gewesen. Er habe sich also
erkältet, sagte sie zum Erstaunen der Vettern, da sonst das Wort
Erkältung doch hier im Hause verpönt war. Zur näheren Untersuchung des
Halses sei gegebenenfalls des Hofrats Kehlkopfspiegel vonnöten. Sie ließ
Formamint zurück bei ihrem Weggang, sowie einen Verbandwickel nebst
Guttapercha zu feuchten Umschlägen für die Nacht, und Joachim machte
Gebrauch von beidem, meinte auch deutliche Erleichterung zu spüren dank
diesen Anwendungen und fuhr also fort damit, zumal seine Heiserkeit sich
nicht klären wollte, ja, in den nächsten Tagen noch stärker wurde,
obgleich die Halsschmerzen zuweilen fast ganz verschwanden.
Übrigens war sein Erkältungsfieber reine Einbildung gewesen. Der
objektive Befund war der gewöhnliche, – eben der, welcher, zusammen mit
den Ergebnissen der hofrätlichen Untersuchungen, den ehrliebenden
Joachim hier zu einer kleinen Nachkur festhielt, bevor er wieder zur
Fahne würde eilen können. Der Oktobertermin war sang- und klanglos
vorübergegangen. Niemand verlor ein Wort darüber, weder der Hofrat, noch
die Vettern gegeneinander: still und mit niedergeschlagenen Augen gingen
sie darüber hinweg. Nach dem, was Behrens bei der Monatsuntersuchung dem
seelenkundigen Famulus in die Feder diktierte, und was die
photographische Platte zeigte, war allzu klar, daß höchstens von einer
ganz wilden Abreise hätte die Rede sein können, während es doch diesmal
galt, im Dienste hier oben mit eiserner Selbstzucht auszuharren, bis zum
Flachlanddienste, zur Eideserfüllung dort unten endgültige
Wetterfestigkeit gewonnen wäre.
Dies war die geltende Parole, über die einig zu sein man stillschweigend
vorgab. Aber die Wahrheit sah so aus, daß einer vom andern nicht so ganz
sicher war, ob er in tiefster Seele an diese Parole glaubte, und wenn
man die Augen voreinander niederschlug, so geschah es in diesem Zweifel,
und es geschah nicht, ohne daß zuvor die Augen sich _getroffen_ hätten.
Das aber kam öfters vor seit jenem Kolloquium über die Literatur,
während dessen Hans Castorp zum erstenmal das neuartige Licht im
Hintergrund von Joachims Augen, sowie den eigentümlich „drohenden“
Ausdruck darin bemerkt hatte. Namentlich einmal bei Tische kam es vor:
als nämlich der heisere Joachim sich unversehens ausnehmend heftig
verschluckte und kaum wieder zu Atem kommen konnte. Da also, während
Joachim hinter seiner Serviette keuchte und Frau Magnus, seine
Nachbarin, ihm einer alten Praktik gemäß den Rücken klopfte, trafen sich
ihre Augen auf eine Art, die Hans Castorp schreckhafter bewegte, als der
Unfall selbst, der selbstverständlich jedem zustoßen konnte, und dann
schloß Joachim die seinen und verließ, mit der Serviette verhüllt, Tisch
und Saal, um sich draußen auszuhusten.
Lächelnd, wenn auch noch etwas blaß, kehrte er nach zehn Minuten zurück,
eine Entschuldigung wegen der verursachten Störung auf den Lippen, nahm
wie zuvor an der übergewaltigen Mahlzeit teil, und nachher vergaß man
sogar, auch nur mit einer Bemerkung auf den trivialen Zwischenfall
zurückzukommen. Als aber einige Tage später, diesmal nicht beim Diner,
sondern beim üppigen Gabelfrühstück, sich dasselbe ereignete, übrigens
ohne daß die Augen sich getroffen hätten, wenigstens nicht diejenigen
der Vettern, da Hans Castorp, über seinen Teller gebeugt, scheinbar
unachtsam weiter speiste, mußte man nach aufgehobener Tafel wohl dennoch
ein Wort daran wenden, und Joachim schalt auf das verdammte
Frauenzimmer, die Mylendonk, die mit ihrer vom Zaun gebrochenen Frage
ihm einen Floh ins Ohr gesetzt und ihm etwas eingeredet und angehext
habe, der Teufel solle sie holen. Ja, offenbar sei es Suggestion, sagte
Hans Castorp, – amüsant zu konstatieren bei aller Unannehmlichkeit. Und
Joachim, nachdem man die Sache beim Namen genannt, erwehrte sich fortan
mit Erfolg der Hexerei, gab acht beim Essen und verschluckte sich nicht
häufiger mehr, als nichtbehexte Leute am Ende auch: erst neun oder zehn
Tage später einmal wieder, worüber denn weiter nichts zu sagen war.
Jedoch war er außer der Reihe und Zeit zu Rhadamanthys bestellt. Die
Oberin hatte ihn angezeigt und wohl nicht einmal dumm daran getan; denn
da ein Kehlkopfspiegel im Hause war, so schien diese hartnäckige
Heiserkeit, die stundenweise in wirkliche Stimmlosigkeit ausartete, und
auch dies Halsweh, das wieder hervortrat, sobald Joachim versäumte,
seine Kehle durch speicheltreibende Mittel geschmeidig zu halten, ein
hinlänglicher Anlaß, das klug erdachte Instrument einmal aus dem
Schranke zu nehmen, – zu schweigen davon, daß, wenn Joachim sich jetzt
mit normaler Seltenheit verschluckte, dies nur der großen Vorsicht zu
danken war, die er beim Essen aufwandte, und die ihn bei den Mahlzeiten
fast regelmäßig in Rückstand hielt.
Der Hofrat also spiegelte, reflektierte und äugte tief und lange in
Joachims Hals hinunter, worauf der Patient sich auf Hans Castorps
besonderen Wunsch sogleich in dessen Balkonloge einfand, um Bericht zu
erstatten. Es sei recht lästig und kitzlich gewesen, teilte er halb
flüsternd mit, da gerade Hauptliegekur und Schweigegebot waltete, und
schließlich habe Behrens allerlei von einem Reizungszustand gekohlt und
gesagt, es müßten jeden Tag Pinselungen vorgenommen werden, gleich
morgen wolle er zu ätzen anfangen, er müsse nur erst das Medikament
bereitstellen. Also Reizungszustand und Ätzungen. Hans Castorp, den Kopf
voller Gedankenverbindungen, die weit liefen und sich auf ganz
fernstehende Personen, wie den hinkenden Concierge und jene Dame
erstreckten, die sich die ganze Woche ihr Ohr gehalten und dennoch
durchaus beruhigt hatte sein können, hatte noch Fragen auf den Lippen,
brachte sie aber nicht darüber, sondern beschloß, sie dem Hofrat unter
vier Augen vorzulegen und beschränkte sich gegen Joachim auf den
Ausdruck seiner Genugtuung, daß das Ärgernis nun der Kontrolle
unterstehe und der Hofrat die Sache in die Hand genommen habe. Der sei
ein Hauptkerl und werde schon Remedur schaffen. Worauf Joachim nickte,
ohne den anderen anzusehen, sich umwandte und in seine Loge hinüberging.
Was war es mit dem ehrliebenden Joachim? In den letzten Tagen waren
seine Augen so unsicher und scheu geworden. Noch neulich war Oberin
Mylendonk mit ihrem Durchbohrungsversuch an seinem sanften dunklen Blick
gescheitert, allein wenn sie jetzt ihr Heil noch einmal versuchte, war
man wahrhaftig nicht mehr sicher, wie die Sache ablaufen würde.
Jedenfalls vermied er solche Begegnungen, und wenn es dennoch dazu kam
(denn Hans Castorp sah ihn viel an), so wurde einem auch dabei nicht
wohler. Bedrückt blieb Hans Castorp in seinem Abteil zurück, in
treibender Versuchung, den Chef sogleich zur Rede zu stellen. Doch ging
das nicht an, da Joachim sein Aufstehen gehört hätte, und so war
Aufschub geboten und Behrens im Laufe des Nachmittags abzufangen.
Das aber gelang nicht. Sonderbar! Es wollte durchaus nicht gelingen, des
Hofrats habhaft zu werden, und zwar weder diesen Abend, noch während der
ganzen beiden folgenden Tage. Natürlich war Joachim etwas hinderlich, da
er nichts merken sollte, aber das reichte nicht hin, zu erklären,
weshalb die Unterredung nicht zu erlangen und Radamanth auf keine Weise
dingfest zu machen war. Hans Castorp suchte und fragte nach ihm im
ganzen Hause, wurde dahin und dorthin gewiesen, wo er ihn sicher treffen
werde, und fand ihn dann eben nicht mehr dort. Bei einer Mahlzeit war
Behrens zugegen, saß aber weit fort, am Schlechten Russentisch und
verschwand vor dem Dessert. Ein paarmal glaubte Hans Castorp ihn schon
am Knopf zu halten, er sah ihn auf Treppen und Gängen im Gespräch mit
Krokowski, mit der Oberin, mit einem Patienten stehen und paßte ihm auf.
Aber da er nur eben die Augen abgewandt hatte, war Behrens weg.
Am vierten Tage erst kam er zum Ziel. Von seinem Balkon aus sah er den
Verfolgten im Garten dem Gärtner Anweisungen geben, schlüpfte geschwind
aus der Decke und eilte hinunter. Eben ruderte der Hofrat mit rundem
Nacken gegen seine Wohnung davon. Hans Castorp trabte und erlaubte sich
sogar, zu rufen, fand aber kein Gehör. Endlich, atemlos anlangend,
brachte er seinen Mann zum Stehen.
„Was haben Sie hier zu suchen!“ herrschte der Hofrat ihn mit quellenden
Augen an. „Soll ich Ihnen ein Extra-Exemplar der Hausordnung aushändigen
lassen? Meines Wissens ist Liegekur. Ihre Kurve und die Platte geben
Ihnen gar kein besonderes Recht, den Freiherrn zu spielen. Man sollte
hier irgendwo so eine göttliche Diebsscheuche anbringen lassen, die
Leute, die zwischen zwei und vier im Garten Libertinage treiben, mit
Aufspießung bedroht! Was wollen Sie eigentlich?“
„Herr Hofrat, ich muß Sie unbedingt einen Augenblick sprechen!“
„Das merke ich, daß Sie sich das schon lange einbilden. Sie stellen mir
ja nach, als ob ich ein Frauenzimmer und wunder was für ein Lustobjekt
wäre. Was wollen Sie von mir?“
„Es ist nur wegen meines Vetters, Herr Hofrat, entschuldigen Sie! Er
wird nun gepinselt ... Ich bin überzeugt, daß damit die Sache auf gutem
Wege ist. Sie ist doch harmlos, – wollte ich mir nur zu fragen
erlauben?“
„Sie wollen immer alles harmlos haben, Castorp, so sind Sie. Sie sind
gar nicht abgeneigt, sich auch einmal mit Nichtharmlosigkeiten
einzulassen, aber dann behandeln Sie sie, als ob sie harmlos wären, und
damit glauben Sie sich vor Gott und Menschen angenehm zu machen. Sie
sind eine Art von Feigling und Duckmäuser, Mensch, und wenn Ihr Vetter
Sie einen Zivilisten nennt, so ist das noch sehr euphemistisch
ausgedrückt.“
„Kann alles sein, Herr Hofrat. Natürlich, die Schwächen meines
Charakters stehen doch außer Frage. Aber das ist es eben, daß sie im
Augenblick wohl außer Frage stehen, und was ich Sie schon seit drei
Tagen bitten wollte, ist nur –“
„Daß ich Ihnen recht angenehm gezuckerten und gepantschten Wein
einschenke! Sie wollen mich behelligen und mich langweilen, damit ich
Sie in Ihrer verdammten Duckmäuserei befestige, und damit Sie in
Unschuld schlafen können, während andere Leute wachen und sich den Wind
um die Nase wehen lassen.“
„Aber, Herr Hofrat, Sie sind recht streng mit mir. Ich wollte im
Gegenteil –“
„Ja, Strenge, das ist nun gerade gar nicht Ihre Sache. Da ist Ihr Vetter
ein anderer Kerl, von anderem Schrot und Korn. Der weiß Bescheid. Der
weiß _schweigend_ Bescheid, verstehen Sie mich? Der hängt sich den
Leuten nicht an die Rockschöße, um sich blauen Dunst und Harmlosigkeit
vormachen zu lassen. Der wußte, was er tat und was er daransetzte, und
ist ein Mannsbild, das sich auf Haltung versteht und aufs Maulhalten,
was eine männliche Kunst ist, aber leider nicht die Sache von solchen
bipedischen Annehmlichkeiten wie Sie. Aber das sage ich Ihnen, Castorp,
wenn Sie hier Szenen aufführen und ein Geschrei erheben und sich Ihren
Zivilgefühlen überlassen, so setze ich Sie an die Luft. Denn hier wollen
Männer unter sich sein, verstehen Sie mich.“
Hans Castorp schwieg. Er wurde jetzt auch fleckig, wenn er sich
verfärbte. Er war zu kupferrot, um ganz blaß zu werden. Schließlich
sagte er mit zuckenden Lippen:
„Ich danke sehr, Herr Hofrat. Ich weiß ja nun auch wohl Bescheid, denn
ich nehme an, daß Sie nicht so – wie soll ich sagen – so feierlich zu
mir sprechen würden, wenn es nicht ernst wäre mit Joachim. Ich bin auch
gar nicht für Szenen und für Geschrei, da tun Sie mir unrecht. Und wenn
es also auf Diskretion ankommt, so stehe ich auch meinen Mann, das
glaube ich zusagen zu können.“
„Sie hängen an Ihrem Vetter, Hans Castorp?“ fragte der Hofrat, indem er
plötzlich des jungen Mannes Hand ergriff und ihn mit seinen blauen,
weißlich bewimperten, blutunterlaufenen Quellaugen von unten anblickte
...
„Was läßt sich da sagen, Herr Hofrat. Ein so naher Verwandter und so
guter Freund und mein Kamerad hier oben.“ Hans Castorp schluchzte kurz
und stellte den einen Fuß auf die Spitze, indem er die Ferse nach außen
wandte.
Der Hofrat beeilte sich, seine Hand loszulassen.
„Na, dann seien Sie nett mit ihm diese sechs, acht Wochen“, sagte er.
„Überlassen Sie sich Ihrer angeborenen Harmlosigkeit, das wird ihm das
Liebste sein. Ich bin auch noch da, und zwar dazu, die Sache so
kavaliersmäßig und komfortabel wie möglich zu gestalten.“
„_Larynx_, nicht wahr?“ sagte Hans Castorp, indem er dem Hofrat
zunickte.
„_Laryngea_“, bestätigte Behrens. „Schnell fortschreitende Zerstörung.
Und mit der Luftröhrenschleimhaut sieht es auch schon böse aus. Kann
sein, daß das Kommandogeschrei im Dienst da einen _locus minoris
resistentiae_ geschaffen hat. Aber gefaßt sein müssen wir auf solche
Diversionen ja immer. Wenig Aussicht, mein Junge; eigentlich wohl gar
keine. Selbstverständlich soll alles versucht werden, was gut und teuer
ist.“
„Die Mutter ...“, sagte Hans Castorp.
„Später, später. Eilt ja noch nicht. Sorgen Sie mit Takt und Geschmack
dafür, daß sie sukzessive ins Bild kommt. Und nun scheren Sie sich auf
Ihren Posten. Er merkt es ja. Und es muß ihm doch peinlich sein, sich so
hinter seinem Rücken besprochen zu wissen.“
– Täglich ging Joachim zum Pinseln. Es war ein schöner Herbst, in weißen
Flanellhosen zum blauen Rock kam er öfters verspätet von der Behandlung
zum Essen, propper und militärisch, grüßte knapp, freundlich und
männlich zusammengenommen, indem er seiner Säumigkeit wegen um Pardon
bat, und setzte sich zu seiner Mahlzeit nieder, die man ihm jetzt
besonders bereitete, da er bei der gewöhnlichen Kost, der
Verschluckungsgefahr wegen, nicht mitkam: er erhielt Suppen, Haschees
und Brei. Schnell hatten die Tischgenossen die Lage begriffen. Sie
erwiderten seinen Gruß mit nachdrücklicher Höflichkeit und Wärme, indem
sie ihn „Herr Leutnant“ anredeten. In seiner Abwesenheit befragten sie
Hans Castorp, und auch von den anderen Tischen kam man zu ihm und
fragte. Frau Stöhr kam mit gerungenen Händen und lamentierte ungebildet.
Aber Hans Castorp antwortete nur einsilbig, räumte den Ernst des
Zwischenfalles ein, leugnete jedoch bis zu einem gewissen Grade, tat es
ehrenhalber, aus dem Gefühle, Joachim nicht vorzeitig preisgeben zu
dürfen.
Sie gingen zusammen spazieren, legten dreimal täglich den dienstlichen
Lustwandel zurück, auf welchen der Hofrat Joachim nun genauestens
eingeschränkt hatte, damit unnötige Kräfteausgabe vermieden werde. Links
von seinem Vetter ging Hans Castorp, – sie waren früher so oder auch
anders gegangen, wie es gerade kam, aber jetzt hielt sich Hans Castorp
vorwiegend links. Sie sprachen nicht viel, redeten die Worte, die der
Berghof-Normaltag ihnen auf die Lippen führte, sonst nichts. Über das
Thema, das zwischen ihnen stand, ist nichts zu reden, zumal zwischen
Leuten von Sittensprödigkeit, die einander nur äußerstenfalls mit
Vornamen nennen. Dennoch hob es sich zuweilen drängend und wallend auf
in Hans Castorps Zivilistenbrust, im Begriffe, sich zu ergießen. Aber es
war unmöglich. Was schmerzlich-stürmisch emporgeschwollen war, sank
zurück, und er verstummte.
Joachim ging gebeugten Kopfes neben ihm. Er sah zu Boden, als
betrachtete er die Erde. Es war so merkwürdig: er ging hier, propper und
ordentlich, er grüßte Vorübergehende auf seine ritterliche Art, hielt
auf sein Äußeres und auf _bienséance_ wie immer – und gehörte der Erde.
Nun, der gehören wir alle über kurz oder lang. Aber so jung und mit so
gutem, freudigem Willen zum Dienst bei der Fahne ganz kurzfristig ihr zu
gehören, das ist doch bitter: noch bitterer und unbegreiflicher für
einen wissend nebenhergehenden Hans Castorp, als für den Erdmann selbst,
dessen anständig verschwiegenes Wissen eigentlich recht akademischer
Natur ist, geringen Wirklichkeitscharakter für ihn besitzt und im Grunde
weniger seine Sache ist, als die der anderen. Tatsächlich ist unser
Sterben mehr eine Angelegenheit der Weiterlebenden, als unserer selbst;
denn ob wir es nun zu zitieren wissen oder nicht, so hat das Wort des
witzigen Weisen jedenfalls volle seelische Gültigkeit, daß, solange wir
sind, der Tod nicht ist, und daß, wenn der Tod ist, wir nicht sind; daß
also zwischen uns und dem Tode gar keine reale Beziehung besteht und er
ein Ding ist, das uns überhaupt nichts und nur allenfalls Welt und Natur
etwas angeht, – weshalb denn auch alle Wesen ihm mit großer Ruhe,
Gleichgültigkeit, Verantwortungslosigkeit und egoistischer Unschuld,
entgegenblicken. Von dieser Unschuld und Verantwortungslosigkeit fand
Hans Castorp viel in Joachims Wesen während dieser Wochen und verstand,
daß jener zwar wisse, daß es ihm aber darum nicht schwer falle, über
dies Wissen ein anständiges Schweigen zu beobachten, weil seine inneren
Beziehungen dazu nur locker und theoretisch waren oder, soweit sie
praktisch in Betracht kamen, durch ein gesundes Schicklichkeitsgefühl
geregelt und bestimmt wurden, das die Erörterung jenes Wissens
ebensowenig zuließ wie diejenige so vieler anderer funktioneller
Unanständigkeiten, deren das Leben sich bewußt und durch die es bedingt
ist, die es aber nicht hindern, _bienséance_ zu bewahren.
So gingen sie und schwiegen über lebensunziemliche Angelegenheiten der
Natur. Auch Joachims anfangs so bewegt und zornig geführte Klagen über
das Versäumnis der Manöver, des militärischen Flachlanddienstes
überhaupt waren verstummt. Warum aber kehrte statt dessen und trotz
aller Unschuld so oft der Ausdruck trüber Scheu in seine sanften Augen
zurück, – jene Unsicherheit, die der Oberin, wenn sie es noch einmal
hätte darauf ankommen lassen, wahrscheinlich den Sieg gebracht haben
würde? War es, weil er sich überäugig und hohlwangig wußte? – Denn so
wurde er zusehends in diesen Wochen, viel mehr noch, als er es schon bei
seiner Heimkehr vom Flachland gewesen war, und seine braune
Gesichtsfarbe ward gelblich-lederner von Tag zu Tag. Als ob eine
Umgebung ihm Grund zur Scham und Selbstverachtung gegeben hätte, die mit
Herrn Albin auf nichts bedacht war, als darauf, die grenzenlosen
Vorteile der Schande zu genießen. Wovor und vor wem also duckte und
verbarg sich sein ehemals so offener Blick? Wie seltsam, die Lebensscham
der Kreatur, die sich in ein Versteck schleicht, um zu verenden, –
überzeugt, daß sie in der Natur draußen keinerlei Achtung und Pietät vor
ihrem Leiden und Sterben zu gewärtigen hat, überzeugt hiervon mit Recht,
da ja die Schar der schwingenfrohen Vögel den kranken Genossen nicht nur
nicht ehrt, sondern ihn in Wut und Verachtung mit Schnabelhieben
traktiert. Doch das ist gemeine Natur, und ein hochmenschliches
Liebeserbarmen schwoll auf in Hans Castorps Brust, wenn er die dunkle
Instinktscham in des armen Joachims Augen sah. Er ging links von ihm,
ausdrücklich tat er es; und da Joachim nun auch etwas unsicher zu Fuße
wurde, so stützte er ihn wohl, wenn es einen kleinen Wiesenhang zu
erklettern galt, indem er, die Sittensprödigkeit überwindend, den Arm um
ihn legte, ja, vergaß noch nachher eine Weile, seinen Arm wieder von
Joachims Schultern wegzutun, bis dieser ihn halb ärgerlich abschüttelte
und sagte:
„Na, du, was soll das. Es sieht ja betrunken aus, wie wir daherkommen.“
Aber dann kam ein Augenblick, wo dem jungen Hans Castorp die Trübung von
Joachims Blick noch in einem anderen Lichte erschien, und das war, als
Joachim Order erhalten hatte, das Bett zu hüten, Anfang November, – der
Schnee lag hoch. Damals nämlich war es ihm allzu schwer geworden, auch
nur die Haschees und Breie sich zuzuführen, da jeder zweite Bissen ihm
in die falsche Kehle geriet. Der Übergang zu ausschließlich flüssiger
Nahrung war indiziert, und zugleich verordnete Behrens dauernde
Bettruhe, der Kräfteersparnis wegen. Es war also am Vorabend von
Joachims dauernder Bettlägerigkeit, am letzten Abend, da er noch auf den
Füßen war, daß Hans ihn betraf, – ihn im Gespräch mit Marusja betraf,
der grundlos viellachenden Marusja mit dem Apfelsinentüchlein und der
äußerlich wohlgebildeten Brust. Nach dem Diner war das, während der
Abendgeselligkeit, in der Halle. Hans Castorp hatte sich im Musiksalon
aufgehalten und kam heraus, um nach Joachim zu sehen: da fand er ihn vor
dem Kachelkamin neben Marusjas Stuhl, – es war ein Schaukelstuhl, worin
sie saß, und Joachim hielt ihn mit der Linken an der Rückenlehne nach
hinten geneigt, so daß Marusja aus liegender Stellung mit ihren braunen
Kugelaugen in sein Gesicht emporblickte, das er, leise und abgerissen
sprechend, über das ihre beugte, während sie manchmal lächelnd und
erregt-geringschätzig mit den Schultern zuckte.
Hans Castorp beeilte sich, zurückzutreten, nicht ohne wahrgenommen zu
haben, daß noch andere Mitglieder der Gästeschaft auf die Szene, wie das
zu gehen pflegte, ein belustigtes Auge hatten, – unbemerkt von Joachim,
oder doch unbeachtet von ihm. Dieser Anblick: Joachim, im Gespräche
rücksichtslos hingegeben an die hochbrüstige Marusja, mit der er so
lange an ein und demselben Tisch gesessen, ohne ein einziges Wort mit
ihr zu wechseln; vor deren Person und Existenz er mit strengem Ausdruck,
vernünftig und ehrliebend, die Augen niedergeschlagen hatte, obgleich er
fleckig erblaßte, wenn von ihr die Rede war, – erschütterte Hans Castorp
mehr, als irgendein Zeichen der Entkräftung, das er in diesen Wochen
sonst an seinem armen Vetter wahrgenommen. „Ja, er ist verloren!“ dachte
er und setzte sich still auf einen Stuhl im Musiksalon, um Joachim Zeit
zu lassen für das, was er sich dort in der Halle an diesem letzten Abend
noch gönnte.
Von da an also nahm Joachim dauernd die Horizontale ein, und Hans
Castorp schrieb davon an Luise Ziemßen, schrieb ihr in seinem
vorzüglichen Liegestuhl, er habe nun seinen früheren gelegentlichen
Mitteilungen hinzuzufügen, daß Joachim bettlägerig geworden sei und daß
er zwar nichts gesagt habe, daß ihm aber der Wunsch, seine Mutter bei
sich zu haben, von den Augen abzulesen sei, und daß Hofrat Behrens
diesen unausgesprochenen Wunsch ausdrücklich unterstütze. Auch dies
fügte er zart und deutlich hinzu. Und so war es denn kein Wunder, daß
Frau Ziemßen die schnellsten Verkehrsmittel in Anspruch nahm, um zu
ihrem Sohne zu stoßen: schon drei Tage nach Abgang dieses humanen
Alarmbriefes traf sie ein, und Hans Castorp holte sie bei Schneegestöber
im Schlitten von Station „Dorf“ ab, – legte, auf dem Bahnsteige stehend,
bevor das Züglein einfuhr, seine Miene zurecht, daß sie die Mutter nicht
gleich zu sehr erschrecke, daß diese aber auch nichts Falsches, Munteres
mit dem ersten Blick darin lese.
Wie oft mochten wohl solche Begrüßungen sich hier schon ereignet haben,
wie oft dies Aufeinander-Zueilen unter dringlichem und angstvollem
Forschen des dem Zuge Entstiegenen in den Augen dessen, der ihn in
Empfang nahm! Frau Ziemßen erweckte den Eindruck, als sei sie von
Hamburg hierher zu Fuße gelaufen. Erhitzten Gesichtes zog sie Hans
Castorps Hand an ihre Brust und stellte, gewissermaßen scheu um sich
blickend, hastige und gleichsam geheime Fragen, denen er auswich, indem
er ihr dankte, daß sie so rasch gekommen sei, – das sei famos, und wie
mächtig werde ihr Joachim sich freuen. Tja, der liege nun leider
vorderhand, es sei wegen der flüssigen Nahrung, die ja natürlich auf den
Kräftezustand nicht ohne Einfluß sei. Aber da gebe es notfalls noch
mancherlei Auskünfte, zum Beispiel die künstliche Ernährung. Übrigens
werde sie ja selber sehen.
Sie sah; und an ihrer Seite sah Hans Castorp. Bis zu diesem Augenblick
waren ihm die Veränderungen, die sich in den letzten Wochen an Joachim
vollzogen hatten, gar nicht so bemerklich geworden, – junge Leute haben
ja nicht viel Blick für solche Dinge. Jetzt aber, neben der von außen
kommenden Mutter, betrachtete er ihn gleichsam mit ihren Augen, als
hätte er ihn lange nicht gesehen, und erkannte klar und deutlich, was
zweifellos auch sie erkannte, was aber ganz gewiß am besten von allen
dreien Joachim selber wußte, nämlich, daß er ein Moribundus war. Er
hielt Frau Ziemßens Hand in der seinen, die ebenso gelb und abgezehrt
war, wie sein Gesicht, von welchem, eben infolge der Abmagerung, seine
Ohren, dieser leichte Kummer seiner guten Jahre, stärker als ehedem und
in bedauerlich entstellendem Maße abstanden, das aber bis auf diesen
Fehler und trotz seiner durch den Stempel des Leidens und durch den
Ausdruck von Ernst und Strenge, ja Stolz, den es trug, eher noch
männlich verschönt erschien, – obgleich seine Lippen mit dem schwarzen
Bärtchen darüber jetzt gar zu voll wirkten gegen die schattigen
Wangenhöhlen. Zwei Falten hatten sich in die gelbliche Haut seiner Stirn
zwischen den Augen eingegraben, die, obgleich tief in knochigen Höhlen
liegend, schöner und größer waren als je, und an denen Hans Castorp sich
freuen mochte. Denn alle Störung, Trübung und Unsicherheit war, seit
Joachim lag, daraus geschwunden, und nur jenes früh bemerkte Licht war
in ihrer ruhigen, dunklen Tiefe zu sehen – und freilich auch jene
„Drohung“. Er lächelte nicht, während er die Hand seiner Mutter hielt
und ihr flüsternd Guten Tag und Willkommen sagte. Auch bei ihrem
Eintritt hatte er nicht einen Augenblick gelächelt, und diese
Unbeweglichkeit, Unveränderlichkeit seiner Miene sagte alles.
Luise Ziemßen war eine tapfere Frau. Sie löste sich nicht in Jammer auf
bei ihres braven Sohnes Anblick. Gefaßt und zusammengenommen im Sinne
ihres durch das kaum sichtbare Schleiernetz befestigten Haares,
phlegmatisch und energisch, wie man bekanntlich bei ihr zulande war,
nahm sie Joachims Wartung in die Hand, durch seinen Anblick gerade
gespornt zu mütterlicher Kampflust und erfüllt von dem Glauben, daß,
wenn es etwas zu retten gäbe, nur ihrer Kraft und Wachsamkeit die
Rettung gelingen könne. Um ihrer Bequemlichkeit willen geschah es gewiß
nicht, sondern nur aus Sinn für das Stattliche, wenn sie einige Tage
später einwilligte, daß auch eine Pflegeschwester noch zu dem
Schwerkranken berufen wurde. Es war Schwester Berta, in Wirklichkeit
Alfreda Schildknecht, die mit ihrem schwarzen Handkoffer an Joachims
Lager erschien; aber weder bei Tag noch bei Nacht ließ Frau Ziemßens
eifersüchtige Energie ihr viel zu tun, und Schwester Berta hatte eine
Menge Zeit, auf dem Korridor zu stehen und, ihr Kneiferband hinter dem
Ohre, neugierig auszuspähen.
Die protestantische Diakonissin war eine nüchterne Seele. Allein im
Zimmer mit Hans Castorp und mit dem Kranken, der keineswegs schlief,
sondern offenen Auges auf dem Rücken lag, war sie imstande, zu sagen:
„Das hätte ich mir auch nicht träumen lassen, daß ich einen von den
Herren noch einmal zu Tode pflegen würde.“
Der erschrockene Hans Castorp zeigte ihr mit wilder Miene die Faust,
aber sie begriff kaum, was er wollte, – weit entfernt, und mit Recht,
von dem Gedanken, daß es angebracht sein möchte, Joachim zu schonen und
viel zu sachlich gesonnen, um in Erwägung zu ziehen, daß irgendjemand,
und nun gar der Nächstbeteiligte, sich über Charakter und Ausgang dieses
Falles Täuschungen hingeben könne. „Da“, sagte sie, indem sie Kölnisches
Wasser auf ein Taschentuch goß und es Joachim unter die Nase hielt, „tun
Sie sich noch ein bißchen gütlich, Herr Leutnant!“ Und wirklich hätte es
zu jener Zeit wenig Vernunft gehabt, dem guten Joachim ein X für ein U
zu machen, – es sei denn zum Zwecke tonischer Beeinflussung, wie Frau
Ziemßen es meinte, wenn sie ihm mit starker, bewegter Stimme von seiner
Genesung sprach. Denn zweierlei war deutlich und nicht zu verkennen: daß
Joachim erstens mit klarem Bewußtsein dem Tode entgegenging, und daß er
es zweitens in Harmonie und Zufriedenheit mit sich selber tat. Erst in
der letzten Woche, Ende November, als Herzschwäche sich bemerkbar
machte, vergaß er sich stundenweise, von hoffnungsseliger Unklarheit
über seinen Zustand umfangen, und sprach von seiner baldigen Rückkehr
zum Regiment und seiner Beteiligung an den großen Manövern, die er sich
noch im Gange befindlich dachte. Zu demselben Zeitpunkt war es aber
auch, daß Hofrat Behrens darauf verzichtete, den Angehörigen Hoffnung zu
geben und das Ende nur noch für eine Frage von Stunden erklärte.
Eine Erscheinung, so melancholisch wie gesetzmäßig, diese
vergeßlich-gläubige Selbstbetörung auch männlicher Gemüter zu einer
Zeit, wo tatsächlich der Zerstörungsprozeß sich seinem letalen Ziele
nähert, – gesetzmäßig-unpersönlich und überlegen aller individuellen
Bewußtheit, wie die Schlafverführung, die den Erfrierenden umstrickt,
und wie das Im-Kreise-Herumkommen des Verirrten. Hans Castorp, den
Kummer und Herzensweh nicht hinderten, das Phänomen mit Sachlichkeit ins
Auge zu fassen, knüpfte unbeholfene, wenn auch scharfköpfige
Betrachtungen daran im Gespräche mit Naphta und Settembrini, als er
ihnen über das Befinden seines Verwandten Bericht erstattete, und zog
sich einen Verweis des letzteren zu, indem er meinte, die landläufige
Auffassung, philosophische Gläubigkeit und auf das Gute vertrauende
Zuversicht sei ein Ausdruck von Gesundheit, Schwarzseherei und
Weltverurteilung, aber ein Krankheitsmerkmal, beruhe offenbar auf
Irrtum; denn sonst könne nicht gerade der trostlos finale Zustand einen
Optimismus zeitigen, mit dessen schlimmer Rosigkeit verglichen der
vorangegangene Trübsinn als eine derb-gesunde Lebensäußerung erscheine.
Gottlob konnte er den Teilnehmenden gleichzeitig melden, daß
Rhadamanthys innerhalb der Hoffnungslosigkeit der Hoffnung Raum ließ und
einen sanften, trotz Joachims Jugend quallosen Exitus prophezeite.
„Idyllische Herzaffäre, meine gnädigste Frau!“ sagte er, während er
Luise Ziemßens Hand in seinen beiden schaufelgroßen hielt und sie mit
quellenden, tränenden, blutunterlaufenen Blauaugen von unten anblickte.
„Mir lieb, mir ungeheuer lieb, daß es kordialen Verlauf nimmt, und daß
er das Glottisödem und sonstige Niedertracht nicht abzuwarten braucht;
so bleiben ihm viele Schikanen erspart. Das Herz läßt rapide aus, wohl
ihm, wohl uns, wir können pflichtschuldigst das Unsrige dagegen tun mit
unserer Kampferspritze, ohne viel Aussicht, ihm damit Weitläufigkeiten
zu verursachen. Er wird viel schlafen zuletzt und freundlich träumen,
glaube ich versprechen zu können, und wenn er zuguterletzt nicht gerade
schlafen sollte, so wird er doch einen knappen, unmerklichen Übertritt
haben, es wird ihm ziemlich egal sein, verlassen Sie sich darauf. So ist
das übrigens im Grunde immer. Ich kenne den Tod, ich bin ein alter
Angestellter von ihm, man überschätzt ihn, glauben Sie mir! Ich kann
Ihnen sagen, es ist fast gar nichts damit. Denn was unter Umständen an
Schindereien _vorhergeht_, das kann man ja nicht gut zum Tode rechnen,
es ist eine springlebendige Angelegenheit und kann zum Leben und zur
Genesung führen. Aber vom Tode wüßte Ihnen keiner, der wiederkäme, was
Rechtes zu erzählen, denn man erlebt ihn nicht. Wir kommen aus dem
Dunkel und gehen ins Dunkel, dazwischen liegen Erlebnisse, aber Anfang
und Ende, Geburt und Tod, werden von uns nicht erlebt, sie haben keinen
subjektiven Charakter, sie fallen als Vorgänge ganz ins Gebiet des
Objektiven, so ist es damit.“
Dies war des Hofrats Art und Weise, Trost zu spenden. Wir wollen hoffen,
daß sie der verständigen Frau Ziemßen ein bißchen wohltat; und seine
Zusicherungen trafen denn ja ziemlich weitgehend auch ein. Der schwache
Joachim schlief viele Stunden lang in diesen letzten Tagen, träumte auch
wohl, was zu träumen ihm angenehm war, Flachländisch-Militärisches also,
nehmen wir an; und wenn er erwachte und man ihn nach seinem Befinden
fragte, so antwortete er, wenn auch undeutlich, stets, daß er sich wohl
und glücklich fühle, – obgleich er fast keinen Puls mehr hatte und
schließlich den Einstich der Injektionsspritze überhaupt nicht mehr
spürte, – sein Körper war unempfindlich, man hätte ihn brennen und
zwacken können, es wäre den guten Joachim bereits nicht mehr angegangen.
Doch hatten sich seit seiner Mutter Eintreffen noch große Veränderungen
mit ihm vollzogen. Da ihm das Rasieren beschwerlich geworden war und er
es seit acht oder zehn Tagen schon unterlassen hatte, sein Bartwuchs
aber sehr kräftig war, so zeigte sein wächsernes Gesicht mit den sanften
Augen sich nun von einem schwarzen Vollbart umrahmt, – einem Kriegsbart,
wie wohl der Soldat ihn im Felde sich stehen läßt, und der ihn übrigens
schön und männlich kleidete, wie alle fanden. Ja, Joachim war plötzlich
aus einem Jüngling zum reifen Manne geworden durch diesen Bart und wohl
nicht nur durch ihn. Er lebte rasch, wie ein abschnurrendes Uhrwerk,
legte im Hui und Galopp die Altersstufen zurück, die in der Zeit zu
erreichen ihm nicht vergönnt war, und wurde während der letzten
vierundzwanzig Stunden zum Greise. Die Herzschwäche brachte eine
angestrengt wirkende Schwellung seines Gesichtes mit sich, derart, daß
Hans Castorp den Eindruck gewann, das Sterben müsse zum wenigsten eine
große Mühsal sein, wenn auch Joachim dank mancher Ausfälle und
Herabminderungen ihrer nicht gewahr zu werden schien; diese Anschwellung
aber betraf am stärksten die Lippenpartie, und eine Austrocknung oder
Enervation des inneren Mundes wirkte ersichtlich damit zusammen, so daß
Joachim beim Sprechen mummelte wie ein ganz Alter und übrigens an dieser
Hemmung wirkliches Ärgernis nahm: wäre er ihrer erst ledig, meinte er
lallend, so werde alles gut sein, doch sie sei eine verwünschte
Belästigung.
Wie er das meinte: es werde „alles gut“ sein, wurde nicht so ganz klar;
– die Neigung seines Zustandes zum Zweideutigen trat auffallend hervor,
er äußerte mehr als einmal Doppelsinniges, schien zu wissen und nicht zu
wissen und erklärte einmal, offenbar von Vernichtungsgefühl
durchschauert, mit Kopfschütteln und einer gewissen Zerknirschung: so
grundschlecht sei er noch niemals daran gewesen.
Dann wurde sein Wesen ablehnend, streng-unverbindlich, ja unhöflich; er
ließ sich keine Fiktionen und Beschönigungen mehr nahe kommen,
antwortete nicht darauf, blickte fremd vor sich hin. Namentlich nachdem
der junge Pfarrer, den Luise Ziemßen berufen, und der zu Hans Castorps
Bedauern keine gestärkte Krause, sondern nur Bäffchen getragen hatte,
mit ihm gebetet, nahm seine Haltung amtlich-dienstliches Gepräge an,
äußerte er Wünsche nur in Form kurzer Befehlsworte.
Um 6 Uhr nachmittags begann er ein eigentümliches Tun: er fuhr
wiederholt mit der rechten Hand, um deren Gelenk sein goldnes
Kettenarmband lag, in der Gegend der Hüfte über die Bettdecke hin, indem
er sie auf dem Rückwege etwas erhob und dann auf der Decke in
schabender, rechender Bewegung wieder zu sich führte, so, als zöge und
sammle er etwas ein.
Um 7 Uhr starb er, – Alfreda Schildknecht befand sich auf dem Korridor,
nur Mutter und Vetter waren zugegen. Er war im Bette herabgesunken und
befahl kurz, man möge ihn höher stützen. Während Frau Ziemßen, den Arm
um seine Schultern, der Anordnung nachkam, äußerte er mit einer gewissen
Hast, er müsse sofort ein Gesuch um Verlängerung seines Urlaubes
aufsetzen und einreichen, und indem er es sagte, vollzog sich der
„knappe Übertritt“, – von Hans Castorp im Lichte des rotumhüllten
Tischlämpchens mit Andacht verfolgt. Sein Auge brach, die unbewußte
Anstrengung seiner Züge wich, die Mühsalsschwellung der Lippen schwand
zusehends dahin, Verschönung zu frühmännlicher Jugendlichkeit breitete
sich über unseres Joachims verstummtes Antlitz, und so war’s geschehen.
Da Luise Ziemßen sich schluchzend abgewandt hatte, war es Hans Castorp,
der dem Regungs- und Hauchlosen mit der Spitze des Ringfingers die Lider
schloß, ihm die Hände behutsam auf der Decke zusammenlegte. Dann stand
auch er und weinte, ließ über seine Wangen die Tränen laufen, die den
englischen Marineoffizier dort so gebrannt hatten, – dies klare Naß, so
reichlich-bitterlich fließend überall in der Welt und zu jeder Stunde,
daß man das Tal der Erden poetisch nach ihm benannt hat; dies
alkalisch-salzige Drüsenprodukt, das die Nervenerschütterung
durchdringenden Schmerzes, physischen wie seelischen Schmerzes, unserem
Körper entpreßt. Er wußte, es sei auch etwas Muzin und Eiweiß darin.
Der Hofrat kam, von Schwester Berta benachrichtigt. Noch vor einer
halben Stunde war er dagewesen und hatte Kampfer gespritzt; nur eben den
Augenblick des knappen Übertrittes hatte er verpaßt. „Tja, der hat es
hinter sich“, sagte er schlicht, indem er sich mit seinem Hörrohr von
Joachims stiller Brust aufrichtete. Und er drückte den beiden
Anverwandten die Hände, indem er ihnen zunickte. Danach stand er noch
eine Weile mit ihnen zusammen am Bett, Joachims unbewegliches,
kriegerbärtiges Antlitz betrachtend. „Toller Junge, toller Kerl“, sagte
er über die Schulter, indem er mit dem Kopf auf den Ruhenden wies. „Hat
es zwingen wollen, wissen Sie, – natürlich war alles Zwang und
Gewaltsamkeit mit seinem Dienst da unten, – febril hat er Dienst gemacht
auf Biegen und Brechen. Feld der Ehre, verstehen Sie, – ist uns aufs
Feld der Ehre echappiert, der Durchgänger. Aber die Ehre, das war der
Tod für ihn, und der Tod – Sie könnens nach Belieben auch umdrehen, – er
hat nun jedenfalls ‚Habe die Ehre!‘ gesagt. Toller Bengel das, toller
Kerl.“ Und er ging ab, lang und gebückt, mit heraustretendem Nacken.
Joachims Überführung in die Heimat war beschlossene Sache, und Haus
Berghof sorgte für alles, was dazu erforderlich war und sonst schicklich
und stattlich schien, – Mutter und Vetter brauchten sich kaum zu regen.
Am nächsten Tage, in seinem seidenen Manschettenhemd, Blumen auf der
Decke, ruhend in matter Schneehelligkeit, war Joachim noch schöner
geworden als unmittelbar nach dem Übertritt. Jede Spur der Anstrengung
war nun aus seinem Gesicht gewichen; erkaltet, hatte es sich zu
reinster, schweigender Form befestigt. Kurzes Gekräusel seines dunklen
Haares fiel in die unbewegliche, gelbliche Stirn, die aus einem edlen,
aber heiklen Stoff zwischen Wachs und Marmor gebildet schien, und in dem
ebenfalls etwas gekrausten Bart wölbten die Lippen sich voll und stolz.
Ein antiker Helm hätte diesem Haupte wohl angestanden, wie mehrere der
Besucher meinten, die sich zum Abschiede einfanden.
Frau Stöhr weinte begeistert im Anblick der Form des ehemaligen Joachim.
„Ein Held! Ein Held!“ rief sie mehrfach und verlangte, daß an seinem
Grabe die „Erotika“ von Beethoven gespielt werden müsse.
„Schweigen Sie doch!“ zischte Settembrini sie von der Seite an. Er war
nebst Naphta gleichzeitig mit ihr im Zimmer und herzlich bewegt. Mit
beiden Händen wies er die Anwesenden auf Joachim hin, indem er sie zur
Klage aufforderte. „_Un giovanotto tanto simpàtico, tanto stimàbile!_“
rief er wiederholt.
Naphta enthielt sich nicht, aus seiner gebundenen Haltung heraus und
ohne ihn anzublicken, leise und bissig gegen ihn hin zu äußern:
„Ich freue mich, zu sehen, daß Sie außer für Freiheit und Fortschritt
auch noch für ernste Dinge Sinn haben.“
Settembrini steckte das ein. Vielleicht empfand er eine gewisse, durch
die Umstände vorübergehend hervorgerufene Überlegenheit von Naphtas
Position über die seine; vielleicht war es dies augenblickliche
Übergewicht des Gegners, das er durch die Lebhaftigkeit seiner Trauer
aufzuwiegen gesucht hatte, und das ihn jetzt schweigen ließ, – auch dann
noch, als Leo Naphta, die unbeständigen Vorteile seiner Stellung
ausnutzend, scharf sententiös bemerkte:
„Der Irrtum der Literaten besteht in dem Glauben, daß nur der Geist
anständig mache. Es ist eher das Gegenteil wahr. Nur wo _kein_ Geist
ist, gibt es Anständigkeit.“
„Na“, dachte Hans Castorp, „das ist auch so ein pythischer Spruch!
Kneift man die Lippen zusammen, nachdem man ihn hingesetzt, so herrscht
Einschüchterung für den Augenblick ...“
Am Nachmittag kam der Metallsarg. Joachims Umlagerung in diesen
stattlichen, mit Ringen und Löwenköpfen geschmückten Behälter wollte ein
Mann allein als seine Sache betrachtet wissen, der mit ihm gekommen war:
ein Verwandter des in Anspruch genommenen Bestattungsinstituts, schwarz
gekleidet, in einer Art von kurzem Bratenrock und einen Ehering an
seiner plebejischen Hand, in deren Fleisch der gelbe Reif sozusagen
eingewachsen, ganz davon überwuchert war. Man war geneigt, zu spüren,
daß Leichengeruch seinem Bratenrock entströme, was aber auf Vorurteil
beruhte. Doch ließ der Mann die Spezialisten-Einbildung erkennen, daß
all sein Tun gleichsam hinter die Kulissen zu fallen habe und nur
pietätvoll-parademäßige Ergebnisse den Blicken der Hinterbliebenen
auszusetzen seien, – was geradezu Hans Castorps Mißtrauen erweckte und
keineswegs nach seinem Sinne war. Er befürwortete zwar, daß Frau Ziemßen
sich zurückzöge, ließ sich selbst aber nicht hinauskomplimentieren,
sondern blieb und legte mit Hand an: unter den Achseln faßte er die
Figur und half sie hinübertragen vom Bett in den Sarg, auf dessen
Leilach und Troddelkissen Joachims Hülle hoch und feierlich gebettet
wurde, zwischen Standleuchtern, die Haus Berghof gestellt hatte.
Am wieder nächsten Tage jedoch trat eine Erscheinung auf, die Hans
Castorp bestimmte, sich innerlich von der Form zu trennen und zu lösen
und tatsächlich dem Professionisten, dem üblen Hüter der Pietät, das
Feld zu überlassen. Joachim nämlich, dessen Ausdruck bisher so ernst und
ehrbar gewesen, hatte in seinem Kriegerbarte zu lächeln begonnen, und
Hans Castorp verhehlte sich nicht, daß dieses Lächeln die Neigung zur
Ausartung in sich trug – es erfüllte sein Herz mit Empfindungen der
Eile. So war es in Gottes Namen denn gut, daß die Abholung bevorstand,
der Sarg geschlossen und verschraubt werden sollte. Hans Castorp
berührte, eingeborene Sittensprödigkeit beiseite setzend, seines
ehemaligen Joachim steinkalte Stirn zum Abschied zart mit den Lippen und
ging trotz allem Mißtrauen gegen den Mann der Kehrseite mit Luise
Ziemßen folgsam zum Zimmer hinaus.
Wir lassen den Vorhang fallen, zum vorletzten Mal. Doch während er
niederrauscht, wollen wir im Geiste mit dem auf seiner Höhe
zurückgebliebenen Hans Castorp fern-hinab in einen feuchten
Kreuzesgarten des Flachlandes spähen und lauschen, woselbst ein Degen
aufblitzt und sich senkt, Kommandoworte zucken und drei Gewehrsalven,
drei schwärmerische Honneurs hinknallen über Joachim Ziemßens
wurzeldurchwachsenes Soldatengrab.