Fünfmal täglich kam an den sieben Tischen einhellige Unzufriedenheit zum
Ausdruck mit dem Witterungscharakter des diesjährigen Winters. Man
urteilte, daß er seine Verpflichtungen als Hochgebirgswinter sehr
mangelhaft erfülle, daß er die meteorologischen Kurmittel, denen die
Sphäre ihren Ruf verdankte, durchaus nicht in dem Umfange bereitstelle,
wie der Prospekt es verhieß, wie Langjährige es gewohnt waren und
Neulinge es sich ausgemalt hatten. Gewaltige Ausfälle an Sonne waren zu
verzeichnen, an Sonnenstrahlung, diesem wichtigen Heilfaktor, ohne
dessen Mithilfe die Genesung sich zweifellos verzögerte ... Und wie nun
Herr Settembrini auch über die Aufrichtigkeit denken mochte, mit der die
Berggäste ihre Genesung und ihre Rückkehr aus der „Heimat“ ins Flachland
betrieben: jedenfalls verlangten sie ihr Recht, jedenfalls wollten sie
auf ihre Kosten kommen, auf diejenigen, die ihre Eltern, ihre Gatten für
sie bestritten, und so murrten sie in ihren Gesprächen bei Tisch, im
Lift und in der Halle. Auch zeigte die Oberleitung ein volles Einsehen
in ihre Verpflichtung zu Aushilfe und Schadenersatz. Ein neuer Apparat
für „künstliche Höhensonne“ wurde angeschafft, da die beiden schon
vorhandenen der Nachfrage derer nicht genügten, die sich auf
elektrischem Wege braun brennen lassen wollten, was die jungen Mädchen
und Frauen gut kleidete und der Männerwelt trotz horizontaler
Lebensweise ein prächtig sportliches und erobererhaftes Ansehen verlieh.
Ja, dies Ansehen trug Früchte im Wirklichen; die Frauen, obwohl völlig
im klaren über die technisch-kosmetische Herkunft dieser Männlichkeit,
waren dumm oder ausgepicht genug, auf Sinnentrug hinlänglich versessen,
um sich von der Illusion berauschen und weiblich hinnehmen zu lassen.
„Mein Gott!“ sagte Frau Schönfeld, eine rothaarige und rotäugige Kranke
aus Berlin, abends in der Halle zu einem Kavalier mit langen Beinen und
eingefallener Brust, der sich auf seiner Karte als „_Aviateur diplômé et
Enseigne de la Marine allemande_“ bezeichnete und mit dem Pneumothorax
versehen war, übrigens zum Mittagessen im Smoking erschien und dies
Kleidungsstück abends wieder ablegte, behauptend, bei der Marine sei das
so Vorschrift, – „mein Gott!“ sagte sie, indem sie den _Enseigne_ gierig
betrachtete, „wie herrlich braun er ist von Höhensonne! Wie ein
Adlerjäger sieht er aus, dieser Teufel!“ – „Wart, Nixe!“ flüsterte er im
Lift an ihrem Ohr, so daß eine Gänsehaut sie überlief, „Sie werden mir
büßen müssen für Ihr verderbliches Augenspiel!“ Und über die Balkons, an
den gläsernen Scheidewänden vorbei, fand der Teufel und Adlerjäger den
Weg zur Nixe ...
Dennoch fehlte viel, daß die künstliche Höhensonne als wirklicher
Ausgleich für den diesjährigen Fehlbetrag an echtem Himmelslicht
empfunden worden wäre. Zwei oder drei reine Sonnentage im Monat – Tage,
die freilich mit tief-tiefer Sammetbläue hinter den weißen Gipfeln, mit
Diamantengeglitzer und köstlich heißem Brande in den Nacken und die
Gesichter der Menschen besonders herrlich aus verschwimmendem Nebelgrau
und dicker Verhüllung hervorstrahlten – zwei oder drei solcher Tage im
Laufe von Wochen, das war zu wenig für das Gemüt von Leuten, deren
Schicksal außerordentliche Tröstungsansprüche rechtfertigte, und die
innerlich auf einen Pakt pochten, welcher ihnen gegen Verzicht auf die
Freuden und Plagen des Flachland-Menschentums ein zwar lebloses, aber
ganz leichtes und vergnügliches Leben verbriefte, – sorglos bis zur
Aufhebung der Zeit und vollkommen günstig. Es half dem Hofrat wenig,
wenn er daran erinnerte, wie wenig auch unter diesen Umständen noch das
Berghof-Dasein dem Aufenthalt in einem Bagno oder einem sibirischen
Bergwerk gleiche, und welche Vorzüge die hiesige Luft, dünn und leicht
wie sie war, leerer Äther des Alls beinahe, arm an irdischen Zusätzen,
an Gutem wie Bösem, auch ohne Sonne doch immer noch vor dem Qualm und
Brodem der Ebene bewahre: Verdüsterung und Protest griffen um sich,
Drohungen mit wilder Abreise waren an der Tagesordnung, und es kam vor,
daß sie ausgeführt wurden, trotz solcher Exempel, wie der jüngst
erfolgten traurigen Rückkehr Frau Salomons, deren Fall nicht schwer,
wenn auch langwierig gewesen war, durch ihren eigenmächtigen Aufenthalt
in dem nassen und zugigen Amsterdam aber lebenslänglichen Charakter
gewonnen hatte ...
Statt der Sonne jedoch gab es Schnee, Schnee in Massen, so kolossal viel
Schnee, wie Hans Castorp in seinem Leben noch nicht gesehen. Der vorige
Winter hatte es in dieser Richtung wahrhaftig nicht fehlen lassen, doch
waren seine Leistungen schwächlich gewesen im Vergleich mit denen des
diesjährigen. Sie waren monströs und maßlos, erfüllten das Gemüt mit dem
Bewußtsein der Abenteuerlichkeit und Exzentrizität dieser Sphäre. Es
schneite Tag für Tag und die Nächte hindurch, dünn oder in dichtem
Gestöber, aber es schneite. Die wenigen gangbar gehaltenen Wege
erschienen hohlwegartig, mit übermannshohen Schneewänden zu beiden
Seiten, alabasternen Tafelflächen, die in ihrem körnig kristallischen
Geflimmer angenehm zu sehen waren und den Berggästen zum Schreiben und
Zeichnen dienten, zur Übermittlung von allerlei Nachrichten,
Scherzworten und Anzüglichkeiten. Aber auch zwischen den Wänden noch
trat man stark aufgehöhten Grund, so tief auch geschaufelt war, das
merkte man an lockeren Stellen und Löchern, wo plötzlich der Fuß
einsank, tief hinab, wohl bis zum Knie: man hatte gut acht zu geben, daß
man nicht unversehens das Bein brach. Die Ruhebänke waren verschwunden,
versunken; ein Stück Lehne etwa ragte noch aus ihrem weißen Begräbnis
hervor. Drunten im Ort war das Straßenniveau so seltsam verlegt, daß die
Läden im Erdgeschoß der Häuser zu Kellern geworden waren, in die man auf
Schneestufen von der Höhe des Bürgersteiges hinabstieg.
Und auf die liegenden Massen schneite es weiter, tagaus, tagein, still
niedersinkend bei mäßigem Frost, zehn, fünfzehn Kältegraden, die nicht
eben ans Mark gingen, – man spürte sie wenig, es hätten auch fünf oder
zwei sein können, Windstille und Lufttrockenheit nahmen ihnen den
Stachel. Es war sehr dunkel am Morgen; man frühstückte beim künstlichen
Schein der Lüstermonde im Saal mit den lustig schablonierten
Gewölbegurten. Draußen war das trübe Nichts, die Welt in grauweiße
Watte, die gegen die Scheiben drängte, in Schneequalm und Nebeldunst
dicht verpackt. Unsichtbar das Gebirge; vom nächsten Nadelholz
allenfalls mit der Zeit ein wenig zu sehen: beladen stand es, verlor
sich rasch im Gebräu, und dann und wann entlud eine Fichte sich ihrer
Überlast, schüttelte stäubendes Weiß ins Grau. Um zehn Uhr kam die Sonne
als schwach erleuchteter Rauch über ihren Berg, ein matt gespenstisches
Leben, einen fahlen Schein von Sinnlichkeit in die nichtig-unkenntliche
Landschaft zu bringen. Doch blieb alles gelöst in geisterhafter Zartheit
und Blässe, bar jeder Linie, die das Auge mit Sicherheit hätte
nachziehen können. Gipfelkonturen verschwammen, vernebelten,
verrauchten. Bleich beschienene Schneeflächen, die hinter- und
übereinander aufstiegen, leiteten den Blick ins Wesenlose. Dann schwebte
wohl eine erleuchtete Wolke, rauchartig, lange, ohne ihre Form zu
verändern, vor einer Felswand.
Um Mittag zeigte die Sonne, halb durchbrechend, das Bestreben, den Nebel
in Bläue zu lösen. Ihr Versuch blieb fern vom Gelingen; doch eine Ahnung
von Himmelsblau war augenblicksweise zu erfassen, und das wenige Licht
reichte hin, die durch das Schneeabenteuer wunderlich entstellte Gegend
weithin diamanten aufglitzern zu lassen. Gewöhnlich hörte es auf zu
schneien um diese Stunde, gleichsam um einen Überblick über das
Erreichte zu gewähren, ja, diesem Zweck schienen auch die wenigen
eingestreuten Sonnentage zu dienen, an denen das Gestöber ruhte und der
unvermittelte Himmelsbrand die köstlich reine Oberfläche der Massen von
Neuschnee anzuschmelzen suchte. Das Bild der Welt war märchenhaft,
kindlich und komisch. Die dicken, lockeren, wie aufgeschüttelten Kissen
auf den Zweigen der Bäume, die Buckel des Bodens, unter denen sich
kriechendes Holz oder Felsvorsprünge verbargen, das Hockende,
Versunkene, possierlich Vermummte der Landschaft, das ergab eine
Gnomenwelt, lächerlich anzusehn und wie aus dem Märchenbuch.
Mutete aber die nahe Szene, in der man sich mühselig bewegte,
phantastisch-schalkhaft an, so waren es Empfindungen der Erhabenheit und
des Heiligen, die der hereinschauende fernere Hintergrund, die getürmten
Standbilder der verschneiten Alpen erweckten.
Nachmittags zwischen zwei und vier Uhr lag Hans Castorp in der
Balkonloge und blickte wohlverpackt, den Kopf gestützt von der weder zu
steil noch zu flach eingestellten Lehne seines vorzüglichen Liegestuhls,
über die bepolsterte Brüstung hin auf Wald und Gebirge. Der
grünschwarze, mit Schnee beschwerte Tannenforst stieg die Lehnen hinan,
und zwischen den Bäumen war aller Boden kissenweich von Schnee. Darüber
erhob sich das Felsgebirg ins Grauweiß, mit ungeheueren Schneeflächen,
die von einzelnen, dunkler hervorragenden Felsnasen unterbrochen waren,
und zart verdunstenden Kammlinien. Es schneite still. Alles verschwamm
mehr und mehr. Der Blick, in ein wattiges Nichts gehend, brach sich
leicht zum Schlummer. Ein Frösteln begleitete den Augenblick des
Hinüberganges, doch gab es dann kein reineres Schlafen als dieses hier
in der Eiseskälte, dessen Traumlosigkeit von keinem unbewußten Gefühl
organischer Lebenslast berührt wurde, da das Atmen der leeren,
nichtig-dunstlosen Luft dem Organismus nicht schwerer fiel, als das
Nichtatmen den Toten. Beim Erwachen war das Gebirge völlig im
Schneenebel verschwunden, und nur Stücke davon, eine Gipfelkuppe, eine
Felsnase, traten wechselnd für einige Minuten hervor, um wieder verhüllt
zu werden. Dies leise Geisterspiel war äußerst unterhaltend. Man mußte
scharf achtgeben, um die Schleier-Phantasmagorie in ihren heimlichen
Wandlungen zu belauschen. Wild und groß zeigte sich, frei im Dunste,
eine Felsgebirgspartie, von der weder Gipfel noch Fuß zu sehen war. Aber
da man sie nur eine Minute aus den Augen gelassen, war sie entschwunden.
Dann gab es Schneestürme, die den Aufenthalt in der Balkonlaube
überhaupt verhinderten, da das stöbernde Weiß massenweise hereintrieb
und alles, Boden und Möbel, dickauf bedeckte. Ja, es konnte auch stürmen
in dem gefriedeten Hochtal. Die nichtige Atmosphäre geriet in Aufruhr,
sie war so ausgefüllt von Flockengewimmel, daß man nicht einen Schritt
weit sah. Böen von erstickender Stärke versetzten das Gestöber in wilde,
treibende, seitliche Bewegung, sie wirbelten es von unten nach oben, von
der Talsohle in die Lüfte empor, quirlten es in tollem Tanz
durcheinander, – das war kein Schneefall mehr, es war ein Chaos von
weißer Finsternis, ein Unwesen, die phänomenale Ausschreitung einer über
das Gemäßigte hinausgehenden Region, worin nur der Schneefink, der
plötzlich in Scharen zum Vorschein kam, sich heimatlich auskennen
mochte.
Jedoch liebte Hans Castorp das Leben im Schnee. Er fand es demjenigen am
Meeresstrande in mehrfacher Hinsicht verwandt: die Urmonotonie des
Naturbildes war beiden Sphären gemeinsam; der Schnee, dieser tiefe,
lockere, makellose Pulverschnee, spielte hier ganz die Rolle wie drunten
der gelbweiße Sand; gleich reinlich war die Berührung mit beiden, man
schüttelte das frosttrockene Weiß von Schuhen und Kleidern wie drunten
das staubfreie Stein- und Muschelpulver des Meeresgrundes, ohne daß eine
Spur hinterblieb, und auf ganz ähnliche Weise mühselig war das
Marschieren im Schnee wie eine Dünenwanderung, es sei denn, daß die
Flächen vom Sonnenbrand oberflächlich angeschmolzen, nachts aber hart
gefroren waren: dann ging es sich leichter und angenehmer darauf, als
auf Parkett, – genau so leicht und angenehm, wie auf dem glatten,
festen, gespülten und federnden Sandboden am Saume des Meeres.
Nur waren das Schneefälle und lagernde Massen dies Jahr, die für
jedermann, ausgenommen den Skiläufer, die Möglichkeit der Bewegung im
Freien kärglich verengten. Die Schneepflüge arbeiteten; aber sie hatten
Mühe, die allergebräuchlichsten Pfade und die Hauptstraße des Kurortes
notdürftig frei zu halten, und die wenigen Wege, die offen standen und
rasch ins Unzugängliche mündeten, waren dicht begangen, von Gesunden und
Kranken, von Einheimischen und internationaler Hotelgesellschaft; den
Fußgängern aber stolperten die Rodelfahrer an die Beine, Herren und
Damen, welche, zurückgelehnt, die Füße voran, unter Warnungsrufen, deren
Ton davon zeugte, wie sehr durchdrungen sie von der Wichtigkeit ihres
Unternehmens waren, auf ihren Kinderschlittchen schlingernd und kippend
die Abhänge hinunterfegten, um, unten angekommen, ihr Modespielzeug am
Seile wieder bergan zu ziehen.
Dieser Promenaden war Hans Castorp nun übersatt. Er hegte zwei Wünsche:
der stärkste davon war der, mit seinen Gedanken und Regierungsgeschäften
allein zu sein, und diesen hätte seine Balkonloge ihm, wenn auch
oberflächlich, gewährt. Der andere aber, verbunden mit jenem, galt
lebhaft einer inniger-freieren Berührung mit dem schneeverwüsteten
Gebirge, für das er Teilnahme gefaßt hatte, und dieser Wunsch war
unerfüllbar, solange ein unbewehrter und unbeschwingter Fußgänger es
war, der sich mit ihm trug; denn sofort hätte ein solcher bis über die
Brust im Elemente gesteckt, wenn er versucht hätte, über das allerorts
rasch erreichte Ende der geschaufelten Verkehrspfade hinaus
vorzudringen.
So beschloß Hans Castorp eines Tages, in diesem seinem zweiten Winter
hier oben, sich Schneeschuhe zu kaufen und ihren Gebrauch zu erlernen,
soweit sein sachliches Bedürfnis es eben erforderte. Er war kein
Sportsmann; war, mangels körperlicher Gesinnung, nie einer gewesen; tat
auch nicht, als ob er einer sei, wie manche Berghofgäste, die dem
Ortsgeist und der Mode zu Gefallen sich geckigerweise so kostümierten, –
Frauenzimmer zumal, Hermine Kleefeld zum Beispiel, die, obgleich
unzureichende Atmung ihre Nasenspitze und Lippen beständig blau färbte,
zum Lunch in wollener Hosentracht zu erscheinen liebte, darin sie sich
nach dem Essen mit gespreizten Knien in einem Korbsessel der Halle recht
liederlich lümmelte. Hans Castorp wäre, wenn er nach des Hofrats
Erlaubnis für sein ausschweifendes Vorhaben gefragt hätte, unbedingt
abschlägig beschieden worden. Sportliche Betätigung war der Gemeinschaft
derer hier oben, im Berghof wie allerwärts in ähnlichen Anstalten,
unbedingt verwehrt; denn ohnehin stellte die scheinbar so leicht
eingehende Atmosphäre strenge Anforderungen an den Herzmuskel, und was
Hans Castorp persönlich betraf, so war sein aufgewecktes Wort von der
„Gewöhnung daran, daß er sich nicht gewöhnte“, in voller Kraft
geblieben, und seine Fieberneigung, die Radamanth von einer feuchten
Stelle herleitete, bestand zähe fort. Was hätte er sonst auch hier oben
zu suchen gehabt? So war sein Wunsch und Vorhaben widerspruchsvoll und
unstatthaft. Nur mußte man ihn auch recht verstehen. Ihn stach nicht der
Ehrgeiz, es den Freiluftgecken und Schicksportlern gleichzutun, die,
wäre es eben Parole gewesen, mit ebenso wichtigem Eifer dem Kartenspiel
im stickigen Zimmer obgelegen hätten. Durchaus fühlte er sich einer
anderen, gebundeneren Gemeinschaft zugehörig, als dem Touristenvölkchen,
und unter einem weiteren und neueren Gesichtspunkt noch, auf Grund einer
entfremdenden Würde und dämpfenden Verpflichtung war ihm zumute, als sei
es nicht seine Sache, sich obenhin zu tummeln gleich jenen und sich im
Schnee zu wälzen wie ein Narr. Er hatte keine Eskapaden im Sinn, wollte
sich schon mäßig halten, und was er plante, hätte Rhadamanthys ihm recht
wohl gestatten können. Da er’s der Hausordnung halber dennoch verbieten
würde, beschloß Hans Castorp, hinter seinem Rücken zu handeln.
Gelegentlich sprach er Herrn Settembrini von seinem Vorhaben. Herr
Settembrini hätte ihn vor Freuden beinahe umarmt. „Aber ja, aber ja
doch, Ingenieur, um Gottes willen, tun Sie das! Fragen Sie niemanden und
tun Sie’s, – Ihr guter Engel hat Ihnen das eingeflüstert! Tun Sie’s
sofort, bevor diese gute Lust Sie wieder verläßt! Ich gehe mit Ihnen,
ich begleite Sie in das Geschäft, und stehenden Fußes erwerben wir
miteinander diese gesegneten Utensilien! Auch in die Berge würde ich Sie
begleiten, würde mit Ihnen fahren, Flügelschuhe an den Füßen, wie
Mercurio, aber ich darf es nicht ... Eh, dürfen! Ich täte es schon, wenn
ich es nur ‚nicht dürfte‘, aber ich kann’s nicht, ich bin ein verlorener
Mann. Dagegen Sie ... es wird Ihnen nicht schaden, durchaus nicht, wenn
Sie vernünftig sind und nichts übertreiben. Ach was, und schadete es
Ihnen sogar ein wenig, so wird es immer noch Ihr guter Engel gewesen
sein, welcher ... Ich sage nichts weiter. Was für ein exzellenter Plan!
Zwei Jahre hier und noch dieses Einfalls fähig, – ah, nein, Ihr Kern ist
gut, man hat keinen Grund, an Ihnen zu verzweifeln. Bravo, bravo! Sie
drehen Ihrem Schattenfürsten dort oben eine Nase, Sie kaufen diese
Schlittschuhe, Sie lassen sie zu mir schicken oder zu Lukaček, oder zu
dem Gewürzkrämer drunten in unserem Häuschen. Sie holen sie von dort, um
sich darauf zu üben, und Sie gleiten dahin ...“
Ganz so geschah es. Unter den Augen Herrn Settembrinis, der den
kritischen Sachkenner spielte, obgleich er von Sport keine Ahnung hatte,
erstand Hans Castorp in einem Spezialgeschäft der Hauptstraße ein Paar
schmucker Ski, hellbraun lackiert, aus gutem Eschenholz, mit prächtigem
Lederzeug und vorne spitz aufgebogen, kaufte auch die Stäbe mit
Eisenspitze und Radscheibe dazu und ließ es sich nicht nehmen, alles
selbst auf der Schulter davonzutragen bis zu Settembrinis Quartier, wo
mit dem Krämer eine Übereinkunft wegen täglicher Unterstellung der
Gerätschaften bald getroffen war. Durch vielfache Anschauung über die
Art ihres Gebrauches unterrichtet, begann er auf eigene Hand, fern von
dem Gewimmel der Übungsplätze, an einem fast baumfreien Abhang nicht
weit hinter Sanatorium Berghof, alltäglich darauf herumzustümpern, wobei
das eine und andere Mal Herr Settembrini aus einiger Entfernung ihm
zuschaute, auf seinen Stock gestützt, die Füße anmutig gekreuzt,
Gewandtheitsfortschritte mit Bravorufen begrüßend. Es lief gut ab, als
Hans Castorp eines Tages, die geschaufelte Wegschleife gegen „Dorf“
hinuntersteuernd, im Begriffe, die Schneeschuhe zum Krämer
zurückzubringen, dem Hofrat begegnete. Behrens erkannte ihn nicht,
obgleich es heller Mittag war und der Anfänger fast mit ihm
zusammengestoßen wäre. Er hüllte sich in eine Wolke Zigarrenrauchs und
stapfte vorbei.
Hans Castorp erfuhr, daß man eine Fertigkeit rasch gewinnt, deren man
innerlich bedürftig ist. Er erhob keine Ansprüche auf Virtuosentum. Was
er brauchte, war ohne Überhitzung und Atemlosigkeit in ein paar Tagen
erlernt. Er hielt sich an, die Füße hübsch beieinander zu halten und
gleichlaufende Spuren zu schaffen, probte aus, wie man sich bei der
Abfahrt des Stockes zum Lenken bedient, lernte Hindernisse, kleine
Bodenerhebungen, die Arme ausgebreitet, im Schwunge nehmen, aufgehoben
und abtauchend wie ein Schiff auf stürmischer See, und fiel seit dem
zwanzigsten Versuch nicht mehr um, wenn er in voller Fahrt mit
Telemarkschwung bremste, das eine Bein vorgeschoben, das andere ins Knie
gebeugt. Allmählich erweiterte er den Umkreis seiner Übungen. Eines
Tages sah Herr Settembrini ihn im weißlichen Nebel verschwinden, rief
ihm durch die hohlen Hände eine Warnung nach und ging pädagogisch
befriedigt nach Hause.
Es war schön im winterlichen Gebirge, – nicht schön auf gelinde und
freundliche Weise, sondern so, wie die Nordseewildnis schön ist bei
starkem West, – zwar ohne Donnerlärm, sondern in Totenstille, doch ganz
verwandte Ehrfurchtsgefühle erweckend. Hans Castorps lange, biegsame
Sohlen trugen ihn in allerlei Richtung: entlang der linken Lehne gegen
Clavadel oder rechtshin an Frauenkirch und Glaris vorüber, hinter denen
der Schatten des Amselfluhmassivs im Nebel spukte; auch in das
Dischmatal oder hinter dem Berghof empor in Richtung auf das bewaldete
Seehorn, von dem nur die schneeige Spitze über die Baumgrenze ragte, und
den Drusatschawald, hinter dem man den bleichen Schattenriß der tief
verschneiten Rhätikonkette erblickte. Er ließ sich auch mit seinen
Hölzern von der Drahtseilbahn zur Schatzalp steil aufheben und trieb
sich gemächlich dort oben, zweitausend Meter hoch entführt, auf
schimmernden Schrägflächen von Puderschnee herum, die bei sichtigem
Wetter einen hehren Weitblick über die Landschaft seiner Abenteuer
boten.
Er freute sich seiner Errungenschaft, vor welcher die Unzugänglichkeit
sich auftat und Hindernisse fast zunichte wurden. Sie umgab ihn mit
erwünschter Einsamkeit, der erdenklich tiefsten sogar, einer Einsamkeit,
die das Herz mit Empfindungen des menschlich Wildfremden und Kritischen
berührte. Da war wohl zu seiner einen Seite ein Tannenabsturz hinab in
Schneedunst und andererseits ein Felsenaufstieg mit ungeheueren,
zyklopischen, gewölbten und gebuckelten, Höhlen und Kappen bildenden
Schneemassen. Die Stille, wenn er regungslos stehen blieb, um sich
selbst nicht zu hören, war unbedingt und vollkommen, eine wattierte
Lautlosigkeit, unbekannt, nie vernommen, sonst nirgends vorkommend. Da
war kein Windhauch, der die Bäume auch nur aufs leiseste gerührt hätte,
kein Rauschen, nicht eine Vogelstimme. Es war das Urschweigen, das Hans
Castorp belauschte, wenn er so stand, auf seinen Stock gestützt, den
Kopf zur Schulter geneigt, mit offenem Munde; und still und unablässig
schneite es weiter darin, ruhig hinsinkend, ohne einen Laut.
Nein, diese Welt in ihrem bodenlosen Schweigen hatte nichts Wirtliches,
sie empfing den Besucher auf eigene Rechnung und Gefahr, sie nahm ihn
nicht eigentlich an und auf, sie duldete sein Eindringen, seine
Gegenwart auf eine nicht geheuere, für nichts gutstehende Weise, und
Gefühle des still bedrohlich Elementaren, des nicht einmal Feindseligen,
vielmehr des Gleichgültig-Tödlichen waren es, die von ihr ausgingen. Das
Kind der Zivilisation, fern und fremd der wilden Natur von Hause aus,
ist ihrer Größe viel zugänglicher als ihr rauher Sohn, der, von
Kindesbeinen auf sie angewiesen, in nüchterner Vertraulichkeit mit ihr
lebt. Dieser kennt kaum die religiöse Furcht, mit der jener, die
Augenbrauen hochgezogen, vor sie tritt, und die sein ganzes
Empfindungsverhältnis zu ihr in der Tiefe bestimmt, eine beständige
fromme Erschütterung und scheue Erregung in seiner Seele unterhält. Hans
Castorp, in seiner langärmeligen Kamelhaarweste, seinen Wickelgamaschen
und auf seinen Luxusski, kam sich im Grunde sehr keck vor im Belauschen
der Urstille, der tödlich lautlosen Winterwildnis, und das
Erleichterungsgefühl, das sich meldete, wenn auf dem Heimweg die ersten
menschlichen Wohnstätten im Geschleier wieder auftauchten, machte ihm
seinen vorherigen Zustand bewußt und lehrte ihn, daß stundenlang ein
heimlich-heiliger Schrecken sein Gemüt beherrscht hatte. Auf Sylt hatte
er, in weißen Hosen, sicher, elegant und ehrerbietig, am Rande der
mächtigen Brandung gestanden wie vor einem Löwenkäfig, hinter dessen
Gitter die Bestie ihren Rachen mit den fürchterlichen Reißzähnen
schlundtief ergähnen läßt. Dann hatte er gebadet, während ein
Strandwächter auf einem Hörnchen denjenigen Gefahr zublies, die
frecherweise versuchten, über die erste Welle hinauszudringen, dem
herantreibenden Ungewitter auch nur zu nahe zu kommen, und noch der
letzte Auslauf des Katarakts hatte den Nacken wie Prankenschlag
getroffen. Von dorther kannte der junge Mensch das Begeisterungsglück
leichter Liebesberührungen mit Mächten, deren volle Umarmung vernichtend
sein würde. Was er aber nicht gekannt hatte, war die Neigung, diese
begeisternde Berührung mit der tödlichen Natur so weit zu verstärken,
daß die volle Umarmung drohte, – als ein schwaches, wenn auch
bewaffnetes und von der Zivilisation leidlich ausgestattetes
Menschenkind, das er war, sich so weit ins Ungeheuerliche vorzuwagen,
oder doch so lange nicht davor zu fliehen, bis der Verkehr das Kritische
streifte und ihm kaum noch beliebig Grenzen zu setzen waren, bis es sich
nicht mehr um Schaumauslauf und leichten Prankenschlag handelte, sondern
um die Welle, den Rachen, das Meer.
Mit einem Worte: Hans Castorp hatte Mut hier oben, – wenn Mut vor den
Elementen nicht stumpfe Nüchternheit im Verhältnis zu ihnen, sondern
bewußte Hingabe und aus Sympathie bezwungenen Todesschrecken bedeutet. –
Sympathie? – Allerdings, Hans Castorp hegte Sympathie mit den Elementen
in seiner schmalen, zivilisierten Brust; und da war ein Zusammenhang
dieser Sympathie mit dem neuen Würdegefühl, dessen er sich beim Anblick
des schlittelnden Völkchens bewußt geworden, und das ihm eine tiefere
und größere, weniger hotelbequeme Einsamkeit als die seiner Balkonloge
hatte schicklich und wünschenswert erscheinen lassen. Von dort aus hatte
er das hohe Nebelgebirg, den Tanz des Schneesturms betrachtet und sich
seines Gaffens über die Brustwehr des Komforts hin in seiner Seele
geschämt. Darum, und nicht aus Sportfexerei noch aus angeborner
Körperfreudigkeit, hatte er Skilaufen gelernt. Wenn es ihm nicht geheuer
war dort in der Größe, der schneienden Totenstille – und das war es dem
Kinde der Zivilisation durchaus nicht –: nun, so hatte er vom nicht
Geheueren längst hier oben mit Geist und Sinn gekostet. Ein Kolloquium
mit Naphta und Settembrini war auch nicht just das Geheuerste; ebenfalls
führte es ins Weglose und Hochgefährliche; und wenn von Sympathie mit
der großen Winterwildnis auf seiten Hans Castorps die Rede sein konnte,
so darum, weil er sie, seines frommen Schreckens ungeachtet, als
passenden Schauplatz für das Austragen seiner Gedankenkomplexe empfand,
als geziemenden Aufenthalt für einen, der, ohne freilich recht zu
wissen, wie er dazu kam, mit Regierungsgeschäften, betreffend Stand und
Staat des _homo Dei_ beschwert war.
Kein Mann war hier, der Vorwitzigen auf einem Hörnchen Gefahr geblasen
hätte, es sei denn, Herr Settembrini wäre dieser Mann gewesen, als er
dem entschwindenden Hans Castorp durch die hohlen Hände zugerufen hatte.
Dieser aber hatte Mut und Sympathie, er achtete des Zurufs in seinem
Rücken nicht mehr, als er dessen geachtet hatte, der bei gewissen
Schritten einst in der Faschingsnacht hinter ihm drein geklungen war.
„_Eh, Ingeniere, un po’ di ragione, sa!_“ Ach ja, du pädagogischer
Satana mit deiner _ragione_ und _ribellione_, dachte er. Übrigens habe
ich dich gern. Du bist zwar ein Windbeutel und Drehorgelmann, aber du
meinst es gut, meinst es besser und bist mir lieber als der scharfe
kleine Jesuit und Terrorist, der spanische Folter- und Prügelknecht mit
seiner Blitzbrille, obgleich er fast immer recht hat, wenn ihr euch
zankt ... euch pädagogisch um meine arme Seele rauft, wie Gott und
Teufel um den Menschen im Mittelalter ...
Die Beine bepudert, stöckelte er sich irgendwo bleiche Höhen hinan,
deren Lakengebreite sich in Terrassen, absatzweise erhoben, höher und
höher, man wußte nicht wohin; es schien, daß sie nirgends hinführten;
ihre obere Region verschwamm mit dem Himmel, der ebenso nebelweiß war
wie sie, und von dem man nicht wußte, wo er anfing; kein Gipfel, keine
Gratlinie war sichtbar, es war das dunstige Nichts, gegen das Hans
Castorp sich emporschob, und da auch hinter ihm die Welt, das bewohnte
Menschental, sich sehr bald schloß und den Augen abhanden kam, auch kein
Laut von dorther mehr zu ihm drang, so war denn seine Einsamkeit, ja
Verlorenheit, ehe er’s gedacht, so tief, wie er sie sich nur hatte
wünschen können, tief bis zum Schrecken, der die Vorbedingung des Mutes
ist. „_Praeterit figura hujus mundi_“, sagte er bei sich in einem
Latein, das nicht humanistischen Geistes war, – er hatte die Redensart
von Naphta gehört. Er blieb stehen und sah sich um. Es war überall gar
nichts und nirgends etwas zu sehen, außer einzelnen ganz kleinen
Schneeflocken, die aus dem Weiß der Höhe kommend auf das Weiß des
Grundes niedersanken, und die Stille ringsumher war gewaltig
nichtssagend. Während sein Blick sich in der weißen Leere brach, die ihn
blendete, fühlte er sein Herz sich regen, das vom Aufstieg pochte, –
dies Herzmuskelorgan, dessen tierische Gestalt und dessen Art zu
schlagen er unter den knatternden Blitzen der Durchleuchtungskammer,
frevelhafterweise vielleicht, belauscht hatte. Und eine Art von Rührung
wandelte ihn an, eine einfache und andächtige Sympathie mit seinem
Herzen, dem schlagenden Menschenherzen, so ganz allein hier oben im
Eisig-Leeren mit seiner Frage und seinem Rätsel.
Er schob sich weiter, höher hinauf, gegen den Himmel. Manchmal stieß er
das obere Ende seines Skistockes in den Schnee und sah zu, wie blaues
Licht aus der Tiefe des Loches dem Stabe nachstürzte, wenn er ihn
herauszog. Das machte ihm Spaß; er konnte lange stehen bleiben, um die
kleine optische Erscheinung wieder und wieder zu erproben. Es war so ein
eigentümliches zartes Berg- und Tiefenlicht, grünlich-blau, eisklar und
doch schattig, geheimnisvoll anziehend. Es erinnerte ihn an das Licht
und die Farbe gewisser Augen, schicksalblickender Schrägaugen, die Herr
Settembrini vom humanistischen Standpunkte aus verächtlich als
„Tatarenschlitze“ und „Steppenwolfslichter“ bezeichnet hatte, – an früh
erschaute und unvermeidlich wieder gefundene, an Hippes und Clawdia
Chauchats Augen. „Gern“, sagte er halblaut in der Lautlosigkeit. „Aber
mach ihn nicht entzwei: _Il est à visser, tu sais._“ Und im Geiste hörte
er hinter sich wohllautende Mahnungen zur Vernunft.
Rechts seitwärts in einiger Entfernung nebelte Wald. Er wandte sich
dorthin, um ein irdisches Ziel vor Augen zu haben, statt weißlicher
Transzendenz, und fuhr plötzlich ab, ohne daß er im geringsten eine
Geländesenkung hatte kommen sehen. Die Blendung verhinderte jedes
Erkennen der Bodengestaltung. Man sah nichts; alles verschwamm vor den
Augen. Ganz unerwartet hoben Hindernisse ihn auf. Er überließ sich dem
Gefälle, ohne mit dem Auge den Grad seiner Neigung zu unterscheiden.
Das Gehölz, das ihn angezogen hatte, lag jenseits der Schlucht, in die
er unversehens hineingefahren. Ihr mit lockerem Schnee bedeckter Grund
senkte sich nach der Seite des Gebirges hin, wie er bemerkte, als er ihn
ein Stück in dieser Richtung verfolgte. Es ging abwärts; die
Seitenschrägen erhöhten sich; wie ein Hohlweg schien die Falte in den
Berg hineinzuführen. Dann standen die Schnäbel seines Fahrzeugs wieder
aufwärts; der Boden hob sich, es gab bald keine Seitenwand mehr zu
ersteigen; Hans Castorps weglose Fahrt ging wieder auf offener Berghalde
gegen den Himmel.
Er sah das Nadelholz seitlich hinter und unter sich, wandte sich dorthin
und erreichte in schneller Abfahrt die schneebeladenen Tannen, die sich,
keilförmig angeordnet, als Ausläufer abschüssig vernebelnder Waldungen
ins Baumfreie vorschoben. Unter ihren Zweigen rauchte er ausruhend eine
Zigarette, in seiner Seele immerfort etwas bedrückt, gespannt, beklommen
von der übertiefen Stille, der abenteuerlichen Einsamkeit, aber stolz,
sie erobert zu haben, und mutig im Gefühl seines Würdenrechtes auf diese
Umgebung.
Es war nachmittags um drei Uhr. Bald nach Tische hatte er sich
aufgemacht, um einen Teil der Großen Liegekur und die Vespermahlzeit zu
schwänzen und vor Dunkelwerden zurück zu sein. Wohligkeit erfüllte ihn
bei dem Gedanken, daß mehrere Stunden zum Schweifen im Freien und
Großartigen vor ihm lagen. Er hatte etwas Schokolade in der Tasche
seiner Breeches und eine kleine Flasche mit Portwein in der
Westentasche.
Der Stand der Sonne war kaum zu erkennen, so dicht umnebelt war sie.
Hinten, in der Gegend des Talausganges, des Gebirgswinkels, den man
nicht sah, dunkelte das Gewölk, das Gedünste tiefer und schien sich
vorzuschieben. Es sah nach Schnee aus, mehr Schnee, um dringendem Bedarf
abzuhelfen, – nach einem ordentlichen Gestöber. Und wirklich fielen die
kleinen, lautlosen Flocken über der Halde schon reichlicher.
Hans Castorp trat vor, um ein paar davon auf seinen Ärmel fallen zu
lassen und sie mit den Kenneraugen des Liebhaberforschers zu betrachten.
Sie schienen formlose Fetzchen, aber er hatte mehr als einmal
ihresgleichen unter seiner guten Linse gehabt und wußte wohl, aus was
für zierlichst genauen kleinen Kostbarkeiten sie sich zusammensetzten,
Kleinodien, Ordenssternen, Brillantagraffen, wie der getreueste Juwelier
sie nicht reicher und minuziöser hätte herstellen können, – ja, es hatte
mit all diesem leichten, lockeren Puderweiß, das in Massen den Wald
beschwerte, das Gebreite bedeckte, und über das seine Fußbretter ihn
trugen, denn doch eine andere Bewandtnis als mit dem heimischen
Meersande, an den es erinnerte: das waren bekanntlich nicht Steinkörner,
woraus es bestand, es waren Myriaden im Erstarren zu ebenmäßiger
Vielfalt kristallisch zusammengeschossener Wasserteilchen, – Teilchen
eben der anorganischen Substanz, die auch das Lebensplasma, den
Pflanzen-, den Menschenleib quellen machte, – und unter den Myriaden von
Zaubersternchen in ihrer untersichtigen, dem Menschenauge nicht
zugedachten, heimlichen Kleinpracht war nicht eines dem anderen gleich;
eine endlose Erfindungslust in der Abwandlung und allerfeinsten
Ausgestaltung eines und immer desselben Grundschemas, des
gleichseitig-gleichwinkligen Sechsecks, herrschte da; aber in sich
selbst war jedes der kalten Erzeugnisse von unbedingtem Ebenmaß und
eisiger Regelmäßigkeit, ja, dies war das Unheimliche, Widerorganische
und Lebensfeindliche daran; sie waren zu regelmäßig, die zum Leben
geordnete Substanz war es niemals in diesem Grade, dem Leben schauderte
vor der genauen Richtigkeit, es empfand sie als tödlich, als das
Geheimnis des Todes selbst, und Hans Castorp glaubte zu verstehen, warum
Tempelbaumeister der Vorzeit absichtlich und insgeheim kleine
Abweichungen von der Symmetrie in ihren Säulenordnungen angebracht
hatten.
Er stieß sich ab, schlürfte auf seinen Kufen fort, fuhr am Waldrande den
dicken Schneebelag der Schräge ins Neblige hinunter und trieb sich,
steigend und gleitend, ziellos und gemächlich, weiter in dem toten
Gelände umher, das mit seinen leeren, welligen Gebreiten, seiner
Trockenvegetation, die aus einzelnen, dunkel hervorstechenden
Latschenbüschen bestand, und seiner Horizontbegrenzung von weichen
Erhebungen so auffallend einer Dünenlandschaft glich. Hans Castorp
nickte zufrieden mit dem Kopf, wenn er stand und sich an dieser
Ähnlichkeit weidete; und auch den Brand seiner Miene, die Neigung zum
Gliederzittern, die eigentümliche und trunkene Mischung von Aufregung
und Müdigkeit, die er spürte, duldete er mit Sympathie, da dies alles
ihn an nah verwandte Wirkungen der ebenfalls aufpeitschenden und
zugleich mit schlafbringenden Stoffen gesättigten Seeluft vertraulich
erinnerte. Er empfand mit Genugtuung seine beschwingte Unabhängigkeit,
sein freies Schweifen. Vor ihm lag kein Weg, an den er gebunden war,
hinter ihm keiner, der ihn so zurückleiten würde wie er gekommen war. Es
hatte anfangs Stangen, eingepflanzte Stöcke, Schneezeichen gegeben, aber
absichtlich hatte er sich bald von ihrer Bevormundung freigemacht, da
sie ihn an den Mann mit dem Hörnchen erinnerten und seinem inneren
Verhältnis zur großen Winterwildnis nicht angemessen schienen.
Hinter verschneiten Felshügeln, zwischen denen er sich, bald rechts,
bald links lenkend, hindurchschob, lag eine Schräge, dann eine Ebene,
dann großes Gebirge, dessen weich gepolsterte Schluchten und Pässe so
zugänglich und lockend schienen. Ja, die Lockung der Fernen und Höhen,
der immer neu sich auftuenden Einsamkeiten war stark in Hans Castorps
Gemüt, und auf die Gefahr, sich zu verspäten, strebte er tiefer ins
wilde Schweigen, ins Nichtgeheure, für nichts Gutstehende hinein, –
ungeachtet, daß überdies die Spannung und Beklommenheit seines Inneren
zur wirklichen Furcht wurde angesichts der vorzeitig zunehmenden
Himmelsdunkelheit, die sich wie graue Schleier auf die Gegend
herabsenkte. Diese Furcht machte ihm bewußt, daß er es heimlich bisher
geradezu darauf angelegt hatte, sich um die Orientierung zu bringen und
zu vergessen, in welcher Richtung Tal und Ortschaft lagen, was ihm denn
auch in erwünschter Vollständigkeit gelungen war. Übrigens durfte er
sich sagen, daß, wenn er sofort umkehrte und immer bergab fuhr, das Tal,
wenn auch möglicherweise fern vom „Berghof“, rasch erreicht sein werde,
– zu rasch; er würde zu früh kommen, würde seine Zeit nicht ausgenutzt
haben, während er allerdings, wenn das Schneeunwetter ihn überraschte,
den Heimweg wohl vorderhand überhaupt nicht finden würde. Darum aber
vorzeitig flüchtig zu werden, weigerte er sich, – die Furcht, seine
aufrichtige Furcht vor den Elementen mochte ihn beklemmen wie sie
wollte. Das war kaum sportsmännisch gehandelt; denn der Sportsmann läßt
sich mit den Elementen nur ein, solange er sich ihr Herr und Meister
weiß, übt Vorsicht und ist der Klügere, der nachgibt. Was aber in Hans
Castorps Seele vorging, war nur mit einem Wort zu bezeichnen:
Herausforderung. Und soviel Tadel das Wort umschließt, auch wenn – oder
besonders wenn – das ihm entsprechende frevelhafte Gefühl mit so viel
aufrichtiger Furcht verbunden ist, so ist doch bei einigem menschlichen
Nachdenken ungefähr zu begreifen, daß in den Seelengründen eines jungen
Menschen und Mannes, der jahrelang gelebt hat wie dieser hier, manches
sich ansammelt, oder, wie Hans Castorp, der Ingenieur, gesagt haben
würde, „akkumuliert“, was eines Tages als ein elementares „Ach was!“
oder ein „Komm denn an!“ von erbitterter Ungeduld, kurz eben als
Herausforderung und Verweigerung kluger Vorsicht sich entlädt. Und so
fuhr er denn zu auf seinen langen Pantoffeln, glitt noch den Abhang
hinunter und schob sich über die folgende Halde, auf der in einiger
Entfernung ein Holzhäuschen, Heuschober oder Almhütte mit
steinbeschwertem Dache, stand, dem nächsten Berge zu, dessen Rücken
borstig von Tannen war, und hinter dem Hochgipfel sich nebelhaft
türmten. Die mit einzelnen Baumgruppen besetzte Wand vor ihm war
schroff, aber schräg rechtshin mochte man sie in mäßiger Steigung halb
umgehen und hinter sie kommen, um zu sehen, was da weiter sein werde,
und an dieses Forschergeschäft machte sich Hans Castorp, nachdem er vor
dem Feld mit der Sennhütte noch in eine ziemlich tiefe, von rechts nach
links abfallende Schlucht hinabgefahren war.
Er hatte eben wieder angefangen zu steigen, als denn also, wie zu
erwarten gestanden, Schneefall und Sturm losgingen, daß es eine Art
hatte, – der Schneesturm, mit einem Worte, war da, der lange gedroht
hatte, wenn man von „Drohung“ sprechen kann in Hinsicht auf blinde und
unwissende Elemente, die es nicht darauf abgesehen haben, uns zu
vernichten, was vergleichsweise anheimelnd wäre, sondern denen es auf
die ungeheuerste Weise gleichgültig ist, wenn das nebenbei mit
unterläuft. „Hallo!“ dachte Hans Castorp und blieb stehen, als der erste
Windstoß in das dichte Gestöber fuhr und ihn traf. „Das ist eine Sorte
von Anhauch. Die geht ins Mark.“ Und wirklich war dieser Wind von ganz
gehässiger Art: die furchtbare Kälte, die tatsächlich herrschte, gegen
zwanzig Grad unter Null, war nur dann nicht zu spüren und mutete milde
an, wenn die feuchtigkeitslose Luft still und unbewegt war wie
gewöhnlich; sobald sie sich aber windig regte, schnitt das wie mit
Messern ins Fleisch, und wenn es zuging wie jetzt – denn der erste
fegende Windlauf war nur ein Vorläufer gewesen –, so hätten sieben Pelze
nicht hingereicht, das Gebein vor eisigem Todesschrecken zu schützen,
und Hans Castorp trug nicht sieben Pelze, sondern nur eine wollene
Weste, die ihm sonst auch vollkommen genügt hatte und ihm bei dem
geringsten Sonnenschein sogar lästig gewesen war. Übrigens bekam er den
Wind etwas seitlich von hinten, so daß es sich wenig empfahl, umzukehren
und ihn von vorn zu empfangen; und da diese Überlegung sich mit seinem
Trotz und mit dem gründlichen „Ach was!“ seiner Seele mischte, so
strebte der tolle Junge immer noch weiter, zwischen einzeln stehenden
Tannen hin, um hinter den in Angriff genommenen Berg zu kommen.
Dabei jedoch war gar kein Vergnügen, denn man sah nichts vor
Flockentanz, der scheinbar ohne zu fallen in dichtestem Wirbelgedränge
allen Raum erfüllte; die dreinfahrenden Eisböen machten die Ohren mit
scharfem Schmerze brennen, lähmten die Glieder und ließen die Hände
ertauben, so daß man nicht mehr wußte, ob man den Pickelstock noch hielt
oder nicht. Der Schnee wehte ihm hinten in den Kragen und schmolz ihm
den Rücken hinunter, legte sich ihm auf die Schultern und bedeckte seine
rechte Flanke; es war ihm, als solle er hier zum Schneemann erstarren,
seinen Stock steif in der Hand; und all diese Unzuträglichkeit ergab
sich bei vergleichsweise günstigen Umständen: wendete er sich, so würde
es schlimmer sein; und doch hatte der Heimweg sich zu einem Stück Arbeit
gestaltet, das in Angriff zu nehmen er wohl nicht zögern sollte.
So blieb er denn stehen, zuckte zornig mit den Achseln und stellte seine
Bretter herum. Der Gegenwind verschlug ihm sofort den Atem, so daß er
der unbequemen Prozedur der Umstellung sich nochmals unterzog, um zu
Luft zu kommen und mit besserer Fassung dem gleichgültigen Feinde die
Stirn zu bieten. Bei gesenktem Kopfe und vorsichtig geregeltem
Atemhaushalt gelang ihm denn auch, in umgekehrter Richtung sich in
Bewegung zu setzen, – überrascht, trotz böser Erwartungen, von den
Schwierigkeiten des Vorwärtskommens, die namentlich aus seiner Blindheit
und seiner Atemknappheit erwuchsen. Jeden Augenblick war er zum
Haltmachen gezwungen, erstens, um hinter dem Sturme Luft zu schöpfen,
und dann auch, weil er, geneigten Kopfes aufwärts blinzelnd, nichts sah
vor weißer Verfinsterung und sich vor dem Anrennen an Bäume, dem
Geworfenwerden durch Hindernisse hüten mußte. Die Flocken flogen ihm
massenweise ins Gesicht und schmolzen dort, so daß es erstarrte. Sie
flogen ihm in den Mund, wo sie mit schwach wässerigem Geschmack
zergingen, flogen gegen seine Lider, die sich krampfhaft schlossen,
überschwemmten die Augen und verhinderten jede Ausschau, – die übrigens
nutzlos gewesen wäre, da die dichte Verschleierung des Blickfeldes und
die Blendung durch all das Weiß den Gesichtssinn ohnedies fast völlig
ausschalteten. Es war das Nichts, das weiße, wirbelnde Nichts, worein er
blickte, wenn er sich zwang, zu sehen. Und nur zuweilen tauchten
gespenstische Schatten der Erscheinungswelt darin auf: ein
Latschenbusch, eine Fichtengruppe, die schwache Silhouette des Schobers
auch, an dem er kürzlich vorübergekommen.
Er ließ ihn liegen, suchte über die Halde hin, wo der Schuppen stand,
seinen Rückweg. Aber ein Weg war ja nicht vorhanden; eine Richtung zu
halten, die ungefähre Richtung nach Hause, ins Tal, war weit mehr
Glücks- als Verstandessache, da man allenfalls die Hand vor Augen, aber
nicht einmal bis zu den Spitzen seiner Schneeschuhe sah; und hätte man
auch besser gesehen, so wären doch immer noch ausgiebige Vorkehrungen
getroffen gewesen, ein Vorwärtskommen aufs äußerste zu erschweren: das
Gesicht voll Schnee, den Sturm als Widersacher, der die Atmung
zerstörte, sie abschnitt, das Aufnehmen von Luft wie den Aushauch
verhinderte und jeden Augenblick zu schnappender Abkehr zwang, – da
sollte dieser und jener vorwärts kommen, Hans Castorp oder ein anderer,
Stärkerer, – man blieb stehen, schnappte, drückte sich blinzelnd das
Wasser aus den Wimpern, klopfte den Harnisch von Schnee herunter, der
sich einem auf die Frontseite gelegt hatte, und empfand es als
unvernünftige Zumutung, unter solchen Umständen vorwärts zu kommen.
Hans Castorp kam dennoch vorwärts, das heißt: er kam von der Stelle.
Allein ob das ein zweckmäßiges Fortkommen, ein Fortkommen in rechter
Richtung war, und ob es nicht weniger falsch gewesen wäre, zu bleiben,
wo man war (was aber auch nicht tunlich schien), das stand dahin, es
sprach sogar die theoretische Wahrscheinlichkeit dagegen, und praktisch
genommen, schien es Hans Castorp bald, als sei mit dem Grund und Boden
nicht alles in Ordnung, als habe er nicht den richtigen unter den Füßen,
das heißt die flache Halde, die er von der Schlucht aufsteigend mit
großer Mühe wieder gewonnen, und die es vor allem wieder zurückzulegen
galt. Die Ebene war zu kurz gewesen, er stieg schon wieder. Offenbar
hatte der Sturm, der von Südwest, aus der Gegend des Talausgangs kam,
mit seinem wütenden Gegendrucke ihn abgedrängt. Es war ein falsches
Fortkommen, schon längere Zeit, mit dem er sich abmattete. Blindlings,
umhüllt von wirbelnder, weißer Nacht, arbeitete er sich nur tiefer ins
Gleichgültig-Bedrohliche hinein.
„Na, so was!“ sagte er zwischen den Zähnen und machte halt. Pathetischer
drückte er sich nicht aus, obgleich es ihm einen Augenblick war, als
griffe eine eiskalte Hand nach seinem Herzen, so daß es aufzuckte und
dann mit so raschen Schlägen gegen seine Rippen pochte wie damals, als
Rhadamanthys die feuchte Stelle bei ihm entdeckt. Denn er sah ein, daß
er kein Recht hatte auf große Worte und Gebärden, da Herausforderung
sein Teil gewesen und alle Bedenklichkeiten der Lage auf seine eigenste
Rechnung kamen. „Nicht schlecht“, sagte er und fühlte, daß seine
Gesichtszüge, die Ausdrucksmuskeln seiner Miene, der Seele nicht mehr
gehorchten und gar nichts wiederzugeben vermochten, weder Furcht, noch
Wut, noch Verachtung, denn sie waren erstarrt. „Was nun? Hier schräg
hinunter und fortan hübsch der Nase nach, immer genau gegen den Wind.
Das ist zwar leichter gesagt als getan“, fuhr er keuchend und
abgerissen, aber tatsächlich halblaut sprechend fort, indem er sich
wieder in Bewegung setzte; „aber geschehen muß etwas, ich kann mich
nicht hinsetzen und warten, denn dann werde ich zugedeckt von
hexagonaler Regelmäßigkeit, und Settembrini, wenn er mit seinem Hörnchen
kommt, um nach mir zu sehen, findet mich hier mit Glasaugen hocken, eine
Schneemütze schief auf dem Kopf ...“ Er nahm wahr, daß er mit sich
selber sprach, und zwar etwas sonderbar. Darum verwies er es sich, tat
es aber wiederum halblaut und ausdrücklich, obgleich seine Lippen so
lahm waren, daß er auf ihre Benutzung verzichtete und ohne die
Konsonanten sprach, die mit ihrer Hilfe gebildet werden, was ihn selbst
an eine frühere Lebenslage erinnerte, in der es ebenso gewesen war.
„Schweig still und sieh, daß du fortkommst“, sagte er und fügte hinzu:
„Mir scheint, du faselst und bist nicht ganz klar im Kopf. Das ist
schlimm in gewisser Hinsicht.“
Allein, daß es schlimm war, unter dem Gesichtspunkt seines Davonkommens,
war eine reine Feststellung der kontrollierenden Vernunft, gewissermaßen
einer fremden, unbeteiligten, wenn auch besorgten Person. Für sein
natürliches Teil war er sehr geneigt, sich der Unklarheit zu überlassen,
die mit zunehmender Müdigkeit Besitz von ihm ergreifen wollte, nahm
jedoch von dieser Geneigtheit Notiz und hielt sich gedanklich darüber
auf. „Das ist die modifizierte Erlebnisart von einem, der im Gebirge in
einen Schneesturm gerät und nicht mehr heimfindet“, dachte er arbeitend
und redete abgerissene Brocken davon atemlos vor sich hin, indem er
deutlichere Ausdrücke aus Diskretion vermied. „Wer nachher davon hört,
stellt es sich gräßlich vor, vergißt aber, daß die Krankheit – und meine
Lage ist ja gewissermaßen eine Krankheit – sich ihren Mann schon so
zurichtet, daß sie miteinander auskommen können. Da gibt es sensorische
Herabminderungen, Gnadennarkosen, Erleichterungsmaßnahmen der Natur,
jawohl ... Man muß jedoch dagegen kämpfen, denn sie haben ein doppeltes
Gesicht, sind zweideutig im höchsten Grad; bei ihrer Würdigung kommt
alles auf den Gesichtspunkt an. Sie sind gut gemeint und eine Wohltat,
sofern man eben nicht heimkommen soll, sind aber sehr schlimm gemeint
und äußerst bekämpfenswert, sofern von Heimkommen überhaupt noch die
Rede ist, wie bei mir, der ich nicht daran denke, in diesem meinem
stürmisch schlagenden Herzen nicht daran denke, mich hier von blödsinnig
regelmäßiger Kristallometrie zudecken zu lassen ...“
Wirklich war er schon stark mitgenommen und bekämpfte die beginnende
Unklarheit seines Sensoriums auf unklare und fieberhafte Art. Er
erschrak nicht so, wie er gesunderweise hätte erschrecken sollen, als er
gewahrte, daß er schon wieder von der ebenen Bahn abgekommen war:
diesmal offenbar nach der anderen Seite, dorthin, wo die Halde sich
senkte. Denn er fuhr ab, bei schrägem Gegenwinde, und obgleich er das
vorderhand nicht hätte tun dürfen, war es für den Augenblick das
Bequemste. „Schon recht“, dachte er. „Weiter unten werde ich wieder
Richtung nehmen.“ Und das tat er oder glaubte es zu tun, oder glaubte es
auch selber nicht recht, oder, noch bedenklicher, es fing an, ihm
gleichgültig zu werden, ob er es tat oder nicht. So wirkten die
zweideutigen Ausfälle, die er nur matt bekämpfte. Jene Mischung aus
Müdigkeit und Aufregung, die den vertrauten Dauerzustand eines Gastes
bildete, dessen Akklimatisation in der Gewöhnung daran bestand, daß er
sich nicht gewöhnte, hatte sich in ihren beiden Bestandteilen so weit
verstärkt, daß von einem besonnenen Verhalten gegen die Ausfälle nicht
mehr die Rede sein konnte. Benommen und taumelig, zitterte er vor
Trunkenheit und Exzitation, sehr ähnlich wie nach einem Kolloquium mit
Naphta und Settembrini, nur ungleich stärker; und so mochte es kommen,
daß er seine Trägheit im Bekämpfen der narkotischen Ausfälle mit
betrunkenen Reminiszenzen an solche Erörterungen beschönigte, – trotz
seiner verächterischen Empörung gegen das Zugedecktwerden durch
hexagonale Regelmäßigkeit etwas in sich hineinfaselte, des Sinnes oder
Unsinnes: das Pflichtgefühl, das ihn anhalten wolle, die verdächtigen
Herabminderungen zu bekämpfen, sei nichts als bloße Ethik, das heiße
schäbige Lebensbürgerlichkeit und irreligiöse Philisterei. Wunsch und
Versuchung, sich niederzulegen und zu ruhen, beschlichen in der Gestalt
seinen Sinn, daß er sich sagte, es sei wie bei einem Sandsturm in der
Wüste, der die Araber veranlasse, sich aufs Gesicht zu werfen und den
Burnus über den Kopf zu ziehen. Nur eben den Umstand, daß er keinen
Burnus habe und daß man eine wollene Weste nicht recht über den Kopf
ziehen könne, empfand er als Einwand gegen ein solches Verhalten,
obgleich er kein Kind war und aus mancherlei Überlieferung ziemlich
genau Bescheid wußte, wie man erfriert.
Nach mäßig rascher Abfahrt und einiger Ebenheit ging es nun wieder
aufwärts, und zwar recht steil. Das brauchte nicht falsch zu sein, denn
zwischendurch mußte es bei dem Wege ins Tal auch wieder einmal aufwärts
gehen, und was den Wind betraf, so hatte er sich wohl launisch gedreht,
denn Hans Castorp hatte ihn neuerdings im Rücken und fand das
dankenswert, an und für sich. Beugte ihn übrigens der Sturm oder übte
die vom dämmerigen Gestöber verschleierte weiche weiße Schrägfläche vor
ihm eine Anziehung auf seinen Körper aus, so daß er sich ihr zuneigte?
Nur um ein Hinlehnen würde es sich handeln, wenn man sich ihr überließ,
und die Versuchung dazu war groß, – ganz so groß, wie es im Buche stand
und als typisch-gefährlich gekennzeichnet war, was jedoch der
lebendig-gegenwärtigen Macht der Versuchung durchaus keinen Abbruch tat.
Sie behauptete individuelle Rechte, wollte sich ins allgemein Bekannte
nicht einordnen lassen, sich nicht darin wiedererkennen, erklärte sich
als einmalig und unvergleichbar in ihrer Dringlichkeit, – ohne freilich
leugnen zu können, daß sie eine Zuflüsterung von bestimmter Seite war,
die Eingebung eines Wesens in spanischem Schwarz mit schneeweißer,
gefälteter Tellerkrause, an dessen Idee und prinzipielle Vorstellung
sich allerlei Düsteres, scharf Jesuitisches und Menschenfeindliches
knüpfte, allerlei Folter- und Prügelknechtschaft, Herrn Settembrini ein
Greuel, als welcher sich aber dem gegenüber auch nur lächerlich machte,
mit seiner Drehorgel und seiner _ragione_ ...
Doch hielt Hans Castorp sich redlich und widerstand der Lockung, sich
hinzulehnen. Er sah nichts, aber er kämpfte und kam von der Stelle, –
zweckmäßig oder nicht, aber er tat das Seine und regte sich, den
lastenden Banden zum Trotz, in die der Froststurm immer schwerer seine
Glieder schlug. Da ihm der Aufstieg zu steil wurde, lenkte er seitlich,
ohne sich viel Rechenschaft davon zu geben, und fuhr eine Weile so an
der Schräge hin. Die verkrampften Lider zu trennen und auszuspähen, war
eine Anstrengung, deren erprobte Nutzlosigkeit wenig dazu ermutigte, sie
auf sich zu nehmen. Dennoch sah er zuweilen etwas: Fichten, die
zusammentraten, einen Bach oder Graben, dessen Schwärze sich zwischen
überhängenden Schneerändern vom Gelände abzeichnete; und als es zur
Abwechslung wieder einmal bergab mit ihm ging, übrigens gegen den Sturm,
gewahrte er vor sich in einiger Ferne, frei schwebend gleichsam im
fegenden Schleiergewirr, den Schatten einer menschlichen Baulichkeit.
Willkommener, tröstlicher Anblick! Rüstig hat er es geschafft, trotz
aller Widrigkeiten, daß nun sogar schon menschliche Baulichkeiten
erschienen, zum Zeichen, das bewohnte Tal sei nahe. Vielleicht waren
Menschen dort; vielleicht konnte man bei ihnen eintreten, um unter Dach
und Fach das Ende des Wetters abzuwarten und nötigenfalls Begleitung und
Führung zu haben, wenn unterdessen die natürliche Dunkelheit sollte
eingefallen sein. Er hielt auf das chimärische, oft ganz im Wetterdunkel
verschwindende Etwas zu, hatte noch einen kräfteverzehrenden Aufstieg
gegen den Wind zu überwinden, um es zu erreichen, und überzeugte sich,
angekommen, mit Empörung, Staunen, Schrecken und Schwindelgefühl, daß es
die bekannte Hütte, der Heuschober mit steinbeschwertem Dache war, den
er auf allerlei Umwegen und mit redlichster Anspannung zurückerobert
hatte.
Das war des Teufels. Schwere Verwünschungen lösten sich, unter
Auslassung der Labiallaute, von Hans Castorps erstarrten Lippen. Er
stocherte sich zu seiner Orientierung um die Hütte herum und stellte
fest, daß er sie von hinten wieder erreicht und also eine gute Stunde
lang – seiner Schätzung nach – den reinsten und nichtsnutzigsten Unsinn
getrieben hatte. Aber so ging es, so stand es im Buche. Man lief im
Kreise herum, plagte sich ab, die Vorstellung der Förderlichkeit im
Herzen, und beschrieb dabei irgendeinen weiten, albernen Bogen, der in
sich selber zurückführte wie der vexatorische Jahreslauf. So irrte man
herum, so fand man nicht heim. Hans Castorp erkannte das überlieferte
Phänomen mit einer gewissen Befriedigung, wenn auch mit Schrecken, und
schlug sich auf den Schenkel vor Grimm und Staunen, weil sich das
Allgemeine in seinem eigentümlichen, individuellen und gegenwärtigen
Fall so pünktlich ereignet hatte.
Der einsame Schuppen war unzugänglich, die Tür verschlossen, man konnte
nirgends hinein. Aber Hans Castorp beschloß dennoch, vorderhand hier zu
bleiben, denn das vorstehende Dach gewährte die Illusion einer gewissen
Wirtlichkeit, und die Hütte selbst, an ihrer dem Gebirge zugekehrten
Seite, die Hans Castorp aufsuchte, bot wirklich einigen Schutz gegen den
Sturm, wenn man sich mit der Schulter gegen die aus Baumstämmen
gezimmerte Wand lehnte, da es mit dem Rücken, der langen Schneeschuhe
wegen, nicht füglich gehen wollte. Schräg angelehnt stand er, nachdem er
den Skistock neben sich in den Schnee gestoßen, die Hände in den
Taschen, den Kragen seiner Wolljacke hochgestellt, das äußere Bein als
Gegenstütze benutzend, und ließ den taumeligen Schädel mit geschlossenen
Augen an der Bohlenwand ruhen, indem er nur dann und wann, der Schulter
entlang, über die Schlucht hin zur jenseitigen Bergwand
hinüberblinzelte, die manchmal matt im Geschleier sichtbar wurde.
Seine Lage war vergleichsweise behaglich. „So kann ich notfalls die
ganze Nacht stehen,“ dachte er, „wenn ich von Zeit zu Zeit das Bein
wechsle, mich sozusagen auf die andere Seite lege und mir zwischendurch
natürlich etwas Bewegung mache, was unerläßlich ist. Wenn auch außen
verklammt, habe ich doch innerlich Wärme gesammelt bei der Bewegung, die
ich gemacht, und so war die Exkursion doch nicht ganz nutzlos, wenn ich
auch umgekommen bin und von der Hütte zur Hütte geschweift ...
‚Umkommen‘, was ist denn das für ein Ausdruck? Man braucht ihn gar
nicht, er ist nicht üblich für das, was mir zugestoßen, ganz willkürlich
setze ich ihn dafür ein, weil ich nicht so ganz klar im Kopfe bin; und
doch ist es in seiner Art ein richtiges Wort, wie mir scheint ... Nur
gut, daß ich es aushalten kann, denn das Treiben, das Schneetreiben, das
Unfug-treiben, kann gut und gern bis morgen früh währen, und wenn es
auch nur bis zum Dunkelwerden währt, so ist das schlimm genug, denn bei
Nacht ist die Gefahr des Umkommens, des im Kreise Herumkommens ebenso
groß wie beim Schneesturm ... Es müßte sogar schon Abend sein, ungefähr
sechs, – so viel Zeit, wie ich beim Umkommen vertrödelt habe. Wie spät
ist es denn?“ Und er sah nach der Uhr, obgleich es den starren Fingern
nicht leicht fiel, sie ohne Gefühl aus den Kleidern zu graben, – nach
seiner goldenen Springdeckeluhr mit Monogramm, die lebhaft und
pflichttreu hier in der wüsten Einsamkeit tickte, ähnlich seinem Herzen,
dem rührenden Menschenherzen in der organischen Wärme seiner Brustkammer
...
Es war halb fünf. Was Teufel, so viel war es ja beinahe schon gewesen,
als das Wetter losgegangen war. Sollte er glauben, daß sein Herumirren
kaum eine Viertelstunde gedauert hatte? „Die Zeit ist mir lang
geworden“, dachte er. „Das Umkommen ist langweilig, wie es scheint. Aber
um fünf oder halb sechs wird es regelrecht dunkel, das bleibt bestehen.
Wird es vorher aufhören, rechtzeitig genug, daß ich vor weiterem
Umkommen bewahrt bleibe? Darauf könnte ich einen Schluck Portwein
nehmen, zu meiner Stärkung.“
Dies dilettantische Getränk hatte er zu sich gesteckt, einzig und
allein, weil es auf „Berghof“ in flachen Fläschchen bereit gehalten und
Ausflüglern verkauft wurde, wobei selbstverständlich nicht an solche
gedacht war, die sich unerlaubterweise bei Schnee und Frost im Gebirge
verirrten und unter solchen Umständen die Nacht erwarteten. Bei minder
herabgesetzten Sinnen hätte er sich sagen müssen, daß es, unter dem
Gesichtspunkt des Heimkommens, beinahe das Falscheste war, was er hätte
zu sich nehmen können; und das sagte er sich auch, nachdem er einige
Schlucke genommen, die sofort eine Wirkung zeitigten, ganz ähnlich
derjenigen des Kulmbacher Bieres am Abend seines ersten Tages hier oben,
als er durch liederlich unbeherrschte Reden von Fischsaucen und
dergleichen mehr bei Settembrini angestoßen hatte, – bei Herrn Lodovico,
dem Pädagogen, der sogar die Tollen, die sich gehen ließen, mit seinem
Blick zur Vernunft anhielt, und dessen wohllautendes Hörnchen Hans
Castorp eben durch die Lüfte vernahm, zum Zeichen, der rednerische
Erzieher nähere sich in großen Märschen, um den Schmerzenszögling, das
Sorgenkind des Lebens aus seiner tollen Lage zu befreien und
heimzuführen ... Was selbstverständlich lauter Unsinn war und nur von
dem Kulmbacher herrührte, das er aus Versehen getrunken. Denn erstens
hatte Herr Settembrini gar kein Hörnchen, sondern nur seine Drehorgel,
die auf einem Stelzbein auf dem Pflaster stand, und zu deren geläufigem
Spiel er humanistische Augen an den Häusern emporsandte; und zweitens
wußte und merkte er gar nichts von dem, was vorging, da er sich nicht
mehr im Sanatorium „Berghof“, sondern bei Damenschneider Lukaček in
seinem Speicherstübchen mit der Wasserflasche, oberhalb von Naphtas
seidener Zelle, befand, – hatte auch gar kein Recht und keine
Möglichkeit zum Einschreiten, so wenig wie dermaleinst in der
Faschingsnacht, als Hans Castorp sich in ebenso toller und schlimmer
Lage befunden, indem er der kranken Clawdia Chauchat _son crayon_,
seinen Bleistift, Pribislav Hippes Bleistift zurückgegeben hatte ... Wie
war das übrigens mit der „Lage“? Um sich in einer Lage zu befinden,
mußte er liegen und nicht stehen, damit das Wort seinen gerechten und
ordentlichen Sinn, statt eines bloß metaphorischen, gewänne. Horizontal,
das war die Lage, die einem langjährigen Mitgliede Derer hier oben
zukam. War er denn nicht daran gewöhnt, bei Schnee und Frost im Freien
zu liegen, nachts sowohl wie am Tage? Und er machte Anstalt, sich
niedersinken zu lassen, als ihn die Einsicht durchfuhr, ihn sozusagen
beim Kragen nahm und aufrecht hielt, daß auch dieses sein
Gedankengeschwätz von der „Lage“ nur auf Rechnung des Kulmbacher Bieres
zu setzen war, nur seiner unpersönlichen, als typisch gefährlich im
Buche stehenden Lust zum Liegen und Schlafen entsprang, die ihn mit
Sophismen und Wortspielen betören wollte.
„Da ist ein Mißgriff begangen worden“, erkannte er. „Der Portwein war
nicht das Rechte, die wenigen Schlucke haben mir den Kopf ganz
übertrieben schwer gemacht, er fällt mir ja auf die Brust, und meine
Gedanken sind unklares Zeug und fade Witzeleien, denen ich nicht trauen
darf, – nicht nur die ursprünglichen, die mir zuerst einfallen, sondern
auch die zweiten, die ich mir kritischerweise über die ersten mache, das
ist das Unglück. ‚_Son crayon_‘! Das heißt ‚ihr‘ _crayon_, und nicht
seines, in diesem Fall, und man sagt nur ‚_son_‘, weil ‚_crayon_‘ ein
Maskulinum ist, alles übrige ist Witzelei. Daß ich mich überhaupt dabei
aufhalte! Während zum Beispiel die Tatsache viel vordringlicher ist, daß
mein linkes Bein, gegen das ich mich stütze, auffallend an das hölzerne
Stelzbein von Settembrinis Drehorgel erinnert, das er immer mit dem Knie
vor sich herstößt, über das Pflaster hin, wenn er näher unter das
Fenster tritt und den Sammethut hinhält, damit das Mägdlein droben ihm
etwas hineinwirft. Und dabei zieht es mich unpersönlicherweise förmlich
mit Händen, daß ich mich in den Schnee lege. Dagegen hilft nur Bewegung.
Ich muß mir Bewegung machen, zur Strafe für das Kulmbacher und um das
Holzbein zu schmeidigen.“
Er stieß sich mit der Schulter ab. Aber sowie er sich von dem Schuppen
löste, einen Schritt nur vorwärts tat, hieb der Wind wie mit Sensen auf
ihn ein und trieb ihn an die schützende Wand zurück. Zweifellos war sie
der ihm gewiesene Aufenthalt, mit dem er sich vorläufig abzufinden
hatte, wobei es ihm freistand, sich zur Abwechselung mit der linken
Schulter anzulehnen und sich auf das rechte Bein zu stützen, unter
einigem Schlenkern des linken, zu dessen Belebung. Bei einem derartigen
Wetter verläßt man das Haus nicht, dachte er. Mäßige Abwechslung ist
zulässig, aber keine Neuerungssucht und kein Anbinden mit der
Windsbraut. Halte dich still und laß immerhin deinen Kopf hängen, da er
nun einmal so schwer ist. Die Wand ist gut, Holzbalken, es scheint eine
gewisse Wärme davon auszugehen, soweit hier von Wärme die Rede sein
kann, diskrete Eigenwärme des Holzes, möglicherweise mehr
Stimmungssache, subjektiv ... Ah, die vielen Bäume! Ah, das lebendige
Klima der Lebendigen! Wie es duftet! ...
Es war ein Park, der unter ihm lag, unter dem Balkon, auf dem er wohl
stand – ein weiter, üppig grünender Park von Laubbäumen, von Ulmen,
Platanen, Buchen, Ahorn, Birken, leicht abgestuft in der Färbung ihres
vollen, frischen, schimmernden Blätterschmucks und sacht mit den Wipfeln
rauschend. Es wehte eine köstliche, feuchte, vom Atem der Bäume
balsamierte Luft. Ein warmer Regenschauer zog vorüber, aber der Regen
war durchleuchtet. Man sah bis hoch zum Himmel hinauf die Luft mit
blankem Wassergeriesel erfüllt. Wie schön! Oh, Heimatodem, Duft und
Fülle des Tieflandes, lang entbehrt! Die Luft war voller Vogellaut, voll
zierlich-innigem und süßem Flöten, Zwitschern, Girren, Schlagen und
Schluchzen, ohne daß eines der Tierchen sichtbar gewesen wäre. Hans
Castorp lächelte, dankbar atmend. Inzwischen aber ließ alles sich noch
schöner an. Ein Regenbogen spannte sich seitwärts über die Landschaft,
voll ausgebildet und stark, die reinste Herrlichkeit, feucht schimmernd
mit allen seinen Farben, die satt wie Öl ins dichte, blanke Grün
herniederflossen. Das war ja wie Musik, wie lauter Harfenklang, mit
Flöten untermischt und Geigen. Das Blau und Violett besonders strömten
wunderbar. Alles ging zauberisch verschwimmend darin unter, verwandelte,
entfaltete sich neu und immer schöner. Es war, wie einmal, manches Jahr
war das schon her, als Hans Castorp einen weltberühmten Sänger hatte
hören dürfen, einen italienischen Tenor, aus dessen Kehle gnadenvolle
Kunst und Kräfte sich über die Herzen der Menschen ergossen hatten. Er
hatte einen hohen Ton gehalten, der schön gewesen war gleich am Anfang.
Allein allmählig, von Augenblick zu Augenblick hatte der
leidenschaftliche Wohllaut sich geöffnet, sich schwellend aufgetan, sich
immer strahlender erhellt. Schleier auf Schleier, den vorher niemand
wahrgenommen, war gleichsam davon abgesunken – ein letzter noch, der nun
denn doch, so glaubte man, das äußerste und reinste Licht enthüllt
hatte, und dann ein aller- und dann ein unwahrscheinlich aberletzter,
befreiend einen solchen Überschwang von Glanz und tränenschimmernder
Herrlichkeit, daß dumpfe Laute des Entzückens, die fast wie Ein- und
Widerspruch geklungen, sich aus der Menge gelöst hatten und ihn selbst,
den jungen Hans Castorp, ein Schluchzen angekommen war. So jetzt mit
seiner Landschaft, die sich wandelte, sich öffnete in wachsender
Verklärung. Bläue schwamm ... Die blanken Regenschleier sanken: da lag
das Meer – ein Meer, das Südmeer war das, tief-tiefblau, von
Silberlichtern blitzend, eine wunderschöne Bucht, dunstig offen an einer
Seite, zur Hälfte von immer matter blauenden Bergzügen weit umfaßt, mit
Inseln zwischenein, von denen Palmen ragten oder auf denen man kleine,
weiße Häuser aus Zypressenhainen leuchten sah. Oh, oh, genug, ganz
unverdient, was war denn das für eine Seligkeit von Licht, von tiefer
Himmelsreinheit, von sonniger Wasserfrische! Hans Castorp hatte das nie
gesehen, nichts dergleichen. Er hatte auf Ferienreisen vom Süden kaum
genippt, kannte die rauhe, die blasse See und hing daran mit kindlichen,
schwerfälligen Gefühlen, hatte aber das Mittelmeer, Neapel, Sizilien
etwa oder Griechenland, niemals erreicht. Dennoch _erinnerte_ er sich.
Ja, das war eigentümlicherweise ein Wiedererkennen, das er feierte.
„Ach, ja, so ist es!“ rief es in ihm – als hätte er das blaue
Sonnenglück, das sich da vor ihm breitete, insgeheim und vor sich selbst
verschwiegen, von je im Herzen getragen: Und dieses „Je“ war weit,
unendlich weit, so wie das offene Meer zur Linken, dort, wo der Himmel
zart veilchenfarben darauf niederging.
Der Horizont lag hoch, die Weite schien zu steigen, was daher kam, daß
Hans den Golf von oben sah, aus einiger Höhe: Die Berge griffen um, als
Vorgebirge, buschwaldig, in die See tretend, zogen sie sich von der
Mitte der Aussicht im Halbkreis bis dorthin, wo er saß, und weiter; es
war Bergküste, wo er auf sonnerwärmten steinernen Stufen kauerte; vor
ihm fiel das Gestade, moosig-steinig, in Treppenblöcken, mit Gestrüpp,
zu einem ebenen Ufer ab, wo zwischen Schilf das Steingeröll blauende
Buchten, kleine Häfen, Vorseen bildete. Und dieses sonnige Gebiet, und
diese zugänglichen Küstenhöhen, und diese lachenden Felsenbecken, wie
auch das Meer hinaus bis zu den Inseln, wo Boote hin und wider fuhren,
war weit und breit bevölkert: Menschen, Sonnen- und Meereskinder, regten
sich und ruhten überall, verständig-heitere, schöne junge Menschheit, so
angenehm zu schauen – Hans Castorps ganzes Herz öffnete sich weit, ja
schmerzlich weit und liebend ihrem Anblick.
Jünglinge tummelten Pferde, liefen, die Hand am Halfter, neben ihrem
wiehernden, kopfwerfenden Trabe her, zerrten die Bockenden an langem
Zügel oder trieben sie, sattellos reitend, mit bloßen Fersen die Flanken
der Gäule schlagend, ins Meer hinein, wobei die Muskeln ihrer Rücken
unter der goldbraunen Haut in der Sonne spielten und die Rufe, die sie
tauschten oder an ihre Tiere richteten, aus irgend einem Grunde
bezaubernd klangen. An einer wie ein Bergsee die Ufer spiegelnden Bucht,
die weit ins Land trat, war Tanz von Mädchen. Eine, von deren zum Knoten
hochgenommenem Nackenhaar besonderer Liebreiz ausging, saß, die Füße in
einer Bodenvertiefung und blies auf einer Hirtenflöte, die Augen über
ihr Fingerspiel hinweg gerichtet auf die Gefährtinnen, die, lang- und
weitgewandet, einzeln, die Arme lächelnd ausgebreitet, und zu Paaren,
die Schläfen lieblich aneinander gelehnt, im Tanze schritten, während im
Rücken der Flötenden, der weiß und lang und zart und seitlich gerundet
war, infolge der Stellung der Arme, andere Schwestern saßen oder
umschlungen standen, zuschauend in ruhigem Gespräch. Weiterhin übte sich
Jungmannschaft im Bogenschießen. Es war glücklich und freundschaftlich
zu sehen, wie Ältere noch Ungeschickte, Lockige im Spannen der Sehne, im
Anlegen unterwiesen, mit ihnen zielten und die vom Rückschlag Taumelnden
lachend stützten, wenn der Pfeil schwirrend hinausging. Andere angelten.
Sie lagen bäuchlings auf Uferfelsenplatten, mit einem Beine wippend, und
hielten die Schnur ins Meer, den Kopf gemächlich plaudernd dem Nachbarn
zugewandt, der, in schrägem Sitz den Körper reckend, seinen Köder recht
weit hinauswarf. Wieder andere waren beschäftigt, ein hochbordiges Boot
mit Mast und Segelstange unter Zerren, Schieben und Stemmen ins Meer zu
fördern. Kinder spielten und jauchzten zwischen den Wellenbrechern. Ein
junges Weib, lang hingestreckt, hintüber blickend, zog mit der einen
Hand das blumige Gewand zwischen den Brüsten hoch, indem sie mit der
andren verlangend in die Luft nach einer Frucht mit Blättern griff, die
der Schmalhüftige, zu ihren Häupten aufrecht, ihr mit gestrecktem Arme
spielend vorenthielt. Man lehnte in Felsennischen, man zögerte am Rande
des Bades, indem man kreuzweise mit den Händen die eigenen Schultern
hielt und mit der Zehenspitze die Kühle des Wassers prüfte. Paare
ergingen sich das Ufer entlang, und am Ohr des Mädchens war dessen Mund,
der sie vertraulich führte. Langzottige Ziegen sprangen von Platte zu
Platte, überwacht von einem jungen Hirten, der, eine Hand in der Hüfte,
mit der andern auf seinen langen Stab gestützt, einen kleinen Hut mit
hinten aufgeschlagener Krempe auf braunen Locken, am erhöhten Orte
stand.
„Das ist ja reizend!“ dachte Hans Castorp von ganzem Herzen. „Das ist ja
überaus erfreulich und gewinnend! Wie hübsch, gesund und klug und
glücklich sie sind! Ja, nicht nur wohlgestalt – auch klug und
liebenswürdig von innen heraus. Das ist es, was mich so rührt und ganz
verliebt macht: der Geist und Sinn, so möcht’ ich sagen, der ihrem Wesen
zugrunde liegt, in dem sie miteinander sind und leben!“ Er meinte damit
die große Freundlichkeit und gleichmäßig verteilte höfliche Rücksicht,
mit der die Sonnenleute verkehrten: eine leichte und unter Lächeln
verborgene Ehrerbietung, die sie einander, unmerklich fast und doch
kraft einer deutlich durch alle waltenden Sinnesbindung und
eingefleischten Idee, auf Schritt und Tritt erwiesen; eine Würde und
Strenge sogar, doch ganz ins Heitere gelöst und einzig als ein
unaussprechlicher geistiger Einfluß undüsteren Ernstes, verständiger
Frömmigkeit ihr Tun und Lassen bestimmend – wenn auch nicht ohne alles
Zeremoniell. Denn dort auf einem runden, bemoosten Steine saß in braunem
Kleide, das von der einen Schulter gelöst war, eine junge Mutter und
stillte ihr Kind. Und jeder, der vorbei kam, grüßte sie auf eine
besondre Art, in welcher sich alles versammelte, was in dem allgemeinen
Verhalten der Menschen sich so ausdrucksvoll verschwieg: die Jünglinge,
indem sie, sich gegen die Mütterliche wendend, leicht, rasch und formell
die Arme über der Brust kreuzten und lächelnd den Kopf neigten, die
Mädchen durch das nicht allzu genaue Andeuten einer Kniebeugung, ähnlich
dem Kirchenbesucher, der im Vorübergehn vorm Hochaltar sich leichthin
erniedrigt. Doch nickten sie mehrmals lebhaft, lustig und herzlich ihr
mit dem Kopfe dabei zu, – und diese Mischung von förmlicher Devotion und
heiterer Freundschaft, dazu die langsame Milde, mit der die Mutter von
ihrem Würmchen, dem sie das Trinken mit in die Brust gedrücktem
Zeigefinger bequem machte, aufblickte und den Reverenz Erweisenden mit
einem Lächeln dankte, durchdrang Hans Castorp gänzlich mit Entzücken. Er
wurde des Schauens nicht satt und fragte sich dennoch beklommen, ob ihm
das Schauen denn auch erlaubt sei, ob das Belauschen dieses
sonnig-gesitteten Glückes ihn, den Unzugehörigen, der sich unedel und
häßlich und plump gestiefelt vorkam, nicht höchlichst strafbar mache.
Es schien unbedenklich. Ein schöner Knabe, dessen volles, seitlich über
den Kopf gelegtes Haar vorn über der Stirn vorstand und in die Schläfe
fiel, hielt sich, gerade unter seinem Sitz, mit auf der Brust
verschränkten Armen von den Genossen abseits – nicht traurig oder
trotzig, sondern eben nur gelassen abseits. Und dieser sah ihn, wandte
den Blick zu ihm hinauf, und seine Augen gingen zwischen dem Späher und
den Bildern des Strandes, sein Lauschen belauschend, hin und her.
Plötzlich aber blickte er über ihn hinaus, sah hinter ihn ins Weite, und
augenblicklich verschwand aus seinem schönen, streng geschnittenen,
halbkindlichen Gesicht das allen gemeinsame Lächeln höflich
geschwisterlicher Rücksicht – ja, ohne daß seine Brauen sich verfinstert
hätten, erstand in seiner Miene ein Ernst, ganz wie aus Stein,
ausdruckslos, unergründlich, eine Todesverschlossenheit, vor der den
kaum beruhigten Hans Castorp der blasse Schrecken ankam, nicht ohne eine
Beitat von unbestimmter Ahnung ihres Sinnes.
Auch er sah rückwärts ... Mächtige Säulen, ohne Sockel, aus
zylindrischen Blöcken getürmt, in deren Fugen Moos sproßte, ragten
hinter ihm – die Säulen eines Tempeltors, auf dessen in der Mitte
offenem Stufenunterbau er saß. Schweren Herzens stand er auf, stieg
seitlich die Stufen hinab und ging in den tiefen Torweg hinein,
hindurch, auf einer mit Fliesen belegten Straße fort, die ihn alsbald
vor neue Propyläen führte. Er durchschritt auch sie, und nun lag vor ihm
der Tempel, massig, graugrünlich verwittert anzusehen, mit steilem
Treppensockel und breiter Stirn, die auf den Kapitälen solcher
gewaltiger und fast gedrungener, nach oben sich verjüngender Säulen lag,
aus deren Gefüge manchmal ein gekehlter Rundblock, verschoben, seitlich
austrat. Mit Mühe, auch unter Gebrauch der Hände und seufzend, denn
immer beengter wurde es ihm ums Herz, erkletterte Hans Castorp die hohen
Stufen und gewann den Hallenwald der Säulen. Der war sehr tief, er ging
darin umher wie zwischen den Stämmen des Buchenwaldes am blassen Meer,
indem er absichtlich die Mitte vermied und auszuweichen suchte. Doch
schweifte er wieder zu ihr zurück und fand sich, wo die Säulenreihen
auseinander traten, vor einer Statuengruppe, zwei steinernen
Frauenfiguren auf einem Sockel, Mutter und Tochter, wie es schien: die
eine, sitzend, älter, würdiger, recht milde und göttlich, doch mit
klagenden Brauen über den sternlos leeren Augen, in faltenreicher Tunika
und Oberkleid, den gewellten Matronenscheitel mit einem Schleier
bedeckt; die andere, stehend, von jener mütterlich umschlungen, mit
rundem Jungfrauengesicht, Arme und Hände in die Falten ihres
Übergewandes geschlungen und darin verborgen.
In der Betrachtung des Standbildes wurde Hans Castorps Herz aus dunklen
Gründen noch schwerer, angst- und ahnungsvoller. Er getraute sich kaum
und war doch genötigt, die Gestalten zu umgehen und hinter ihnen die
nächste doppelte Säulenreihe zurückzulegen: Da stand ihm die metallene
Tür der Tempelkammer offen, und die Knie wollten dem Armen brechen vor
dem, was er mit Starren erblickte. Zwei graue Weiber, halbnackt,
zottelhaarig, mit hängenden Hexenbrüsten und fingerlangen Zitzen,
hantierten dort drinnen zwischen flackernden Feuerpfannen aufs
gräßlichste. Über einem Becken zerrissen sie ein kleines Kind, zerrissen
es in wilder Stille mit den Händen – Hans Castorp sah zartes blondes
Haar mit Blut verschmiert – und verschlangen die Stücke, daß die spröden
Knöchlein ihnen im Maule knackten und das Blut von ihren wüsten Lippen
troff. Grausende Eiseskälte hielt Hans Castorp in Bann. Er wollte die
Hände vor die Augen schlagen und konnte nicht. Er wollte fliehen und
konnte nicht. Da hatten sie ihn schon gesehen bei ihrem greulichen
Geschäft, sie schüttelten die blutigen Fäuste nach ihm und schimpften
stimmlos, aber mit letzter Gemeinheit, unflätig, und zwar im
Volksdialekt von Hans Castorps Heimat. Es wurde ihm so übel, so übel wie
noch nie. Verzweifelt wollte er sich von der Stelle reißen – und so, wie
er dabei an der Säule in seinem Rücken seitlich hingestürzt, so fand er
sich, das scheußliche Flüsterkeifen noch im Ohr, von kaltem Grausen noch
ganz umklammert an seinem Schuppen im Schnee, auf einem Arme liegend,
mit angelehntem Kopf, die Beine mit den Ski-Hölzern von sich gestreckt.
Es war jedoch kein rechtes und eigentliches Erwachen; er blinzelte nur,
erleichtert, die Greuelweiber los zu sein, doch war es ihm sonst wenig
deutlich, noch auch sehr wichtig, ob er an einer Tempelsäule liege oder
an einem Schober, und er träumte gewissermaßen fort, – nicht mehr in
Bildern, sondern gedankenweise, aber darum nicht weniger gewagt und
kraus.
„Dacht ich’s doch, daß das geträumt war“, faselte er in sich hinein.
„Ganz reizend und fürchterlich geträumt. Ich wußte es im Grunde die
ganze Zeit, und alles hab ich mir selbst gemacht, – den Laubpark und die
liebe Feuchtigkeit und dann das Weitere, Schönes wie Scheußliches, ich
wußte es beinahe im voraus. Wie kann man aber so was wissen und sich
machen, sich so beglücken und ängstigen? Woher hab ich den schönen
Inselgolf und dann den Tempelbezirk, wohin die Augen des einen
Angenehmen, der für sich stand, mich wiesen? Man träumt nicht nur aus
eigener Seele, möcht ich sagen, man träumt anonym und gemeinsam, wenn
auch auf eigene Art. Die große Seele, von der du nur ein Teilchen,
träumt wohl mal durch dich, auf deine Art, von Dingen, die sie heimlich
immer träumt, – von ihrer Jugend, ihrer Hoffnung, ihrem Glück und
Frieden ... und ihrem Blutmahl. Da liege ich an meiner Säule und habe im
Leibe noch die wirklichen Reste meines Traums, das eisige Grauen vor dem
Blutmahl und auch die Herzensfreude noch von vorher, die Freude an dem
Glück und an der frommen Gesittung der weißen Menschheit. Es kommt mir
zu, behaupte ich, ich habe verbriefte Rechte, hier zu liegen und
dergleichen zu träumen. Ich habe viel erfahren bei Denen hier oben von
Durchgängerei und Vernunft. Ich bin mit Naphta und Settembrini im
hochgefährlichen Gebirge umgekommen. Ich weiß alles vom Menschen. Ich
habe sein Fleisch und Blut erkannt, ich habe der kranken Clawdia
Pribislav Hippes Bleistift zurückgegeben. Wer aber den Körper, das Leben
erkennt, erkennt den Tod. Nur ist das nicht das Ganze, – ein Anfang
vielmehr lediglich, wenn man es pädagogisch nimmt. Man muß die andere
Hälfte dazu halten, das Gegenteil. Denn alles Interesse für Tod und
Krankheit ist nichts als eine Art von Ausdruck für das am Leben, wie ja
die humanistische Fakultät der Medizin beweist, die immer so höflich auf
lateinisch zum Leben und seiner Krankheit redet und nur eine Abschattung
ist des einen großen und dringlichsten Anliegens, das ich mir nun mit
aller Sympathie bei seinem Namen nenne: Es ist das Sorgenkind des
Lebens, es ist der Mensch und ist sein Stand und Staat ... Ich verstehe
mich nicht wenig auf ihn, habe viel gelernt bei Denen hier oben, bin
hoch vom Flachlande hinaufgetrieben, so daß mir Armem fast der Atem
ausging; doch hab ich nun vom Fuße meiner Säule einen nicht schlechten
Überblick ... Mir träumte vom Stande des Menschen und seiner
höflich-verständigen und ehrerbietigen Gemeinschaft, hinter der im
Tempel das gräßliche Blutmahl sich abspielt. Waren sie so höflich und
reizend zueinander, die Sonnenleute, im stillen Hinblick auf eben dies
Gräßliche? Das wäre eine feine und recht galante Folgerung, die sie da
zögen! Ich will es mit ihnen halten in meiner Seele und nicht mit Naphta
– übrigens auch nicht mit Settembrini, sie sind beide Schwätzer. Der
eine ist wollüstig und boshaft, und der andere bläst immer nur auf dem
Vernunfthörnchen und bildet sich ein, sogar die Tollen ernüchtern zu
können, das ist ja abgeschmackt. Es ist Philisterei und bloße Ethik,
irreligiös, so viel ist ausgemacht. Doch will ich’s auch mit des kleinen
Naphta Teil nicht halten, mit seiner Religion, die nur ein
_guazzabuglio_ von Gott und Teufel, Gut und Böse ist, eben recht, damit
das Einzelwesen sich kopfüber hineinstürze, zwecks mystischen
Unterganges im Allgemeinen. Die beiden Pädagogen! Ihr Streit und ihre
Gegensätze sind selber nur ein _guazzabuglio_ und ein verworrener
Schlachtenlärm, wovon sich niemand betäuben läßt, der nur ein bißchen
frei im Kopfe ist und fromm im Herzen. Mit ihrer aristokratischen Frage!
Mit ihrer Vornehmheit! Tod oder Leben – Krankheit, Gesundheit – Geist
und Natur. Sind das wohl Widersprüche? Ich frage: sind das Fragen? Nein,
es sind keine Fragen, und auch die Frage nach ihrer Vornehmheit ist
keine. Die Durchgängerei des Todes ist im Leben, es wäre nicht Leben
ohne sie, und in der Mitte ist des _homo Dei_ Stand – inmitten zwischen
Durchgängerei und Vernunft – wie auch sein Staat ist zwischen mystischer
Gemeinschaft und windigem Einzeltum. Das sehe ich von meiner Säule aus.
In diesem Stande soll er fein galant und freundlich ehrerbietig mit sich
selber verkehren, – denn er allein ist vornehm, und nicht die
Gegensätze. Der Mensch ist Herr der Gegensätze, sie sind durch ihn, und
also ist er vornehmer als sie. Vornehmer als der Tod, zu vornehm für
diesen, – das ist die Freiheit seines Kopfes. Vornehmer als das Leben,
zu vornehm für dieses, – das ist die Frömmigkeit in seinem Herzen. Da
habe ich einen Reim gemacht, ein Traumgedicht vom Menschen. Ich will
dran denken. Ich will gut sein. Ich will dem Tode keine Herrschaft
einräumen über meine Gedanken! Denn darin besteht die Güte und
Menschenliebe, und in nichts anderem. Der Tod ist eine große Macht. Man
nimmt den Hut ab und wiegt sich vorwärts auf Zehenspitzen in seiner
Nähe. Er trägt die Würdenkrause des Gewesenen, und selber kleidet man
sich streng und schwarz zu seinen Ehren. Vernunft steht albern vor ihm
da, denn sie ist nichts als Tugend, er aber Freiheit, Durchgängerei,
Unform und Lust. Lust, sagt mein Traum, nicht Liebe. Tod und Liebe, –
das ist ein schlechter Reim, ein abgeschmackter, ein falscher Reim! Die
Liebe steht dem Tode entgegen, nur sie, nicht die Vernunft, ist stärker
als er. Nur sie, nicht die Vernunft, gibt gütige Gedanken. Auch Form ist
nur aus Liebe und Güte: Form und Gesittung verständig-freundlicher
Gemeinschaft und schönen Menschenstaats – in stillem Hinblick auf das
Blutmahl. Oh, so ist es deutlich geträumt und gut regiert! Ich will dran
denken. Ich will dem Tode Treue halten in meinem Herzen, doch mich hell
erinnern, daß Treue zum Tode und Gewesenen nur Bosheit und finstere
Wollust und Menschenfeindschaft ist, bestimmt sie unser Denken und
Regieren. _Der Mensch soll um der Güte und Liebe willen dem Tode keine
Herrschaft einräumen über seine Gedanken._ Und damit wach ich auf ...
Denn damit hab ich zu Ende geträumt und recht zum Ziele. Schon längst
hab ich nach diesem Wort gesucht: am Orte, wo Hippe mir erschien, in
meiner Loge und überall. Ins Schneegebirge hat mich das Suchen danach
auch getrieben. Nun habe ich es. Mein Traum hat es mir deutlichst
eingegeben, daß ich’s für immer weiß. Ja, ich bin hoch entzückt und ganz
erwärmt davon. Mein Herz schlägt stark und weiß warum. Es schlägt nicht
bloß aus körperlichen Gründen, nicht so, wie einer Leiche noch die Nägel
wachsen; menschlicherweise schlägt es und recht von glücklichen Gemütes
wegen. Das ist ein Trank, mein Traumwort, – besser als Portwein und Ale,
es strömt mir durch die Adern wie Lieb’ und Leben, daß ich mich aus
meinem Schlaf und Traume reiße, von denen ich natürlich sehr wohl weiß,
daß sie meinem jungen Leben im höchsten Grade gefährlich sind ... Auf,
auf! Die Augen auf! Es sind deine Glieder, die Beine da im Schnee!
Zusammenziehn und auf! Sieh da, – gut Wetter!“
Sie hielt gewaltig schwer, die Befreiung aus den Banden, die ihn
umstrickten und niederhalten wollten; allein der Antrieb, den er sich zu
schaffen gewußt, war stärker. Hans Castorp warf sich auf den Ellenbogen,
zog mannhaft die Knie an, riß, stützte und turnte sich empor. Er
stampfte mit den Brettern den Schnee, schlug sich die Arme um die Rippen
und schüttelte die Schultern, indem er erregte und angestrengte Blicke
dahin und dorthin und hinauf zum Himmel sandte, wo blasses Blau sich
zwischen schleierdünnen, graublauen Wolken zeigte, die sachte zogen und
die schmale Sichel des Mondes enthüllten. Leichte Dämmerung. Kein Sturm,
kein Schneefall. Die Bergwand drüben mit dem tannenrauhen Rücken war
voll und klar zu sehen, lag in Frieden. Schatten reichte bis halb
hinauf; die obere Hälfte war aufs zarteste rosa belichtet. Was gab es
denn, und wie verhielt es sich mit der Welt? War Morgen? Und hatte er
die Nacht hindurch im Schnee gelegen, ohne zu erfrieren, wie es im Buche
stand? Kein Glied war abgestorben, keines zerbrach ihm klirrend, während
er stampfte, sich schüttelte und schlug, worin er nicht säumig war,
indem er zu gleicher Zeit die Sachlage gedanklich zu ergründen suchte.
Ohren, Fingerspitzen und Zehen waren wohl taub, allein nicht mehr, als
schon so oft beim nächtlich-winterlichen Liegen in der Loge. Es gelang,
die Uhr hervorzugraben. Sie ging. Sie war nicht stehen geblieben, wie
sie zu tun pflegte, wenn er sie abends aufzuziehen vergaß. Sie zeigte
noch nicht Fünf – bei weitem nicht. Es fehlten zwölf, dreizehn Minuten
daran. Erstaunlich! Konnte es denn sein, daß er nur zehn Minuten oder
etwas länger hier im Schnee gelegen und so vieles an Glücks- und
Schreckensbildern und waghalsigen Gedanken sich vorgefabelt hatte,
indessen das hexagonale Unwesen sich so schnell verzog, wie es gekommen?
Dann hatte er anerkennenswertes Glück gehabt, unter dem Gesichtspunkt
des Heimkommens. Denn zweimal hatte sein Träumen und Fabeln eine Wendung
genommen, daß er belebt emporgefahren war: einmal vor Grauen und das
zweitemal vor Freude. Es schien, das Leben hatte es gut gemeint mit
seinem hochverirrten Sorgenkinde ...
Mochte dem nun aber wie immer sein und mochte er Morgen um sich haben
oder Nachmittag (ganz ohne Zweifel war es noch immer frühabendlicher
Nachmittag): auf jeden Fall lag nichts in den Umständen oder in seinem
persönlichen Zustande, was ihn gehindert hätte, nach Hause zu laufen,
und das tat denn Hans Castorp, – großzügig, sozusagen in der Luftlinie,
fuhr er zu Tal, wo, als er eintraf, schon Lichter brannten, obgleich die
Reste von schneebewahrtem Tageslicht ihm unterwegs vollauf genügt
hatten. Den Brehmenbühl, am Rande des Mattenwaldes, kam er herunter und
war halb sechs in „Dorf“, wo er sein Sportgerät beim Krämer
unterstellte, in Herrn Settembrinis Speicherklause Rast machte und ihm
Bericht gab, wie er sich nun auch einmal vom Schneesturm habe betreffen
lassen. Der Humanist war höchlich erschrocken. Er warf die Hand über den
Kopf, schalt weidlich über solchen gefährlichen Leichtsinn und
entflammte stehenden Fußes die puffende Spiritusmaschine, dem recht
Erschöpften Kaffee zu machen, dessen Stärke nicht hinderte, daß Hans
Castorp noch bei ihm im Stuhle in Schlaf fiel.
Die hochzivilisierte Atmosphäre des „Berghofs“ umschmeichelte ihn eine
Stunde später. Beim Diner griff er gewaltig zu. Was er geträumt, war im
Verbleichen begriffen. Was er gedacht, verstand er schon diesen Abend
nicht mehr so recht.