Die Römer? _Ma che!_

Indessen hätten auch sie die Folter als Prozeßmittel gekannt.

Logische Verlegenheit ... Hans Castorp suchte darüber hinwegzuhelfen,

indem er selbstherrlich und als könne es seine Sache sein, ein solches

Gespräch zu lenken, das Problem der Todesstrafe in die Debatte warf. Die

Folter war abgeschafft, obgleich ja die Untersuchungsrichter noch immer

ihre Praktiken hätten, den Angeklagten mürbe zu machen. Aber die

Todesstrafe schien unsterblich, nicht zu entbehren. Die

allerzivilisiertesten Völker hielten daran fest. Die Franzosen hatten

mit ihren Deportationen sehr schlechte Erfahrungen gemacht. Man wußte

einfach nicht, was man praktisch mit gewissen menschenähnlichen Wesen

anfangen sollte, außer, sie einen Kopf kürzer zu machen.

Das seien keine „menschenähnlichen Wesen“, belehrte ihn Herr

Settembrini; es seien Menschen, wie er, der Ingenieur, und wie der

Redende selbst, – nur willensschwach und Opfer einer fehlerhaften

Gesellschaft. Und er erzählte von einem Schwerverbrecher, einem

vielfachen Mörder, jenem Typ zugehörig, den die Staatsanwälte in ihren

Plädoyers als „vertiert“, als „Bestien in Menschengestalt“ zu bezeichnen

pflegten. Dieser Mann hatte die Wände seiner Zelle mit Versen bedeckt.

Und sie waren keineswegs schlecht gewesen, diese Verse, – viel besser

als die, welche von Staatsanwälten wohl gelegentlich angefertigt wurden.

Das werfe ein eigentümliches Licht auf die Kunst, erwiderte Naphta. Aber

sonst sei es in keiner Hinsicht bemerkenswert.

Hans Castorp hatte erwartet, daß Herr Naphta die Hinrichtung werde

erhalten wissen wollen. Naphta, meinte er, war wohl ebenso revolutionär

wie Herr Settembrini, aber er sei es im erhaltenden Sinn, ein

Revolutionär der Erhaltung.

Die Welt, lächelte Herr Settembrini selbstsicher, werde über die

Revolution des antihumanen Rückschlages zur Tagesordnung übergehen.

Lieber noch verdächtige Herr Naphta die Kunst, ehe er zugebe, daß sie

auch den Verworfensten zum Menschen weihe. Mit solchem Fanatismus sei

lichtsuchende Jugend unmöglich zu gewinnen. Eine internationale Liga,

deren Ziel die gesetzliche Abschaffung der Todesstrafe in allen

gesitteten Ländern sei, habe sich soeben gebildet. Herr Settembrini habe

die Ehre, ihr anzugehören. Der Schauplatz ihres ersten Kongresses sei

noch zu bestimmen, aber die Menschheit habe Grund, zu vertrauen, daß die

Redner, die sich dabei würden vernehmen lassen, mit Argumenten gewappnet

sein würden! Und er führte die Argumente an, darunter das von der immer

vorhandenen Möglichkeit des Rechtsirrtums, des Justizmordes, sowie das

von der niemals fahren zu lassenden Hoffnung auf Besserung; sogar „die

Rache ist mein“ zitierte er, lehrte auch, daß der Staat, wenn es ihm um

Veredelung und nicht um Gewalt zu tun sei, nicht Böses mit Bösem

vergelten dürfe, und verwarf den Begriff der „Strafe“, nachdem er vom

Boden eines wissenschaftlichen Determinismus aus denjenigen der „Schuld“

bekämpft hatte.

Darauf mußte es „lichtsuchende Jugend“ mit ansehen, wie Naphta den

Argumenten, einem nach dem anderen, den Hals umdrehte. Er machte sich

lustig über die Blutscheu und die Lebensverehrung des Menschenfreundes,

behauptete, daß diese Verehrung des Einzellebens nur den allerplattesten

bürgerlichen Regenschirmzeitläuften zugehöre, daß aber unter leidlich

leidenschaftlichen Umständen, sobald eine einzige Idee, die über die der

„Sicherheit“ hinausgehe, irgend etwas Überpersönliches,

Überindividuelles also, im Spiele sei – und das sei der allein

menschenwürdige, im höheren Sinne folglich der normale Zustand –

allezeit das Einzelleben nicht nur dem höheren Gedanken ohne Federlesen

geopfert, sondern auch freiwillig, vom Individuum aus, unbedenklich in

die Schanze geschlagen werden würde. Die Philanthropie seines Herrn

Widersachers, sagte er, arbeite darauf hin, dem Leben alle schweren und

todernsten Akzente zu nehmen; auf die Kastration des Lebens gehe sie

aus, auch mit dem Determinismus ihrer sogenannten Wissenschaft. Aber die

Wahrheit sei, daß der Begriff der Schuld durch den Determinismus nicht

nur nicht abgeschafft werde, sondern sogar durch ihn noch an Schwere und

Schaudern gewönne.

Das war nicht schlecht. Ob er etwa verlange, daß das unselige Opfer der

Gesellschaft sich ernstlich schuldig fühle und den Weg zur Blutbühne aus

Überzeugung gehe?

Allerdings. Der Verbrecher sei von seiner Schuld durchdrungen wie von

sich selbst. Denn er sei, wie er sei, und könne und wolle nicht anders

sein, und dies eben sei die Schuld. Herr Naphta verlegte Schuld und

Verdienst aus dem Empirischen ins Metaphysische. Im Tun, im Handeln

herrsche freilich Determination, hier gebe es keine Freiheit, wohl aber

im Sein. Der Mensch sei, wie er habe sein wollen und bis zu seiner

Vertilgung sein zu wollen nicht aufhören werde; er habe eben „für sein

Leben“ gern getötet und bezahle folglich mit seinem Leben nicht zu hoch.

Er möge sterben, da er die tiefste Lust gebüßt habe.

Die tiefste Lust?

Die tiefste.

Man kniff die Lippen zusammen. Hans Castorp hüstelte. Wehsal hatte den

Unterkiefer schief gestellt. Herr Ferge seufzte. Settembrini bemerkte

fein:

„Man sieht, es gibt eine Art, zu verallgemeinern, die den Gegenstand

persönlich färbt. Sie hätten Lust, zu töten?“

„Das geht Sie nichts an. Hätte ich es aber getan, so würde ich einer

humanitären Unwissenheit ins Gesicht lachen, die mich bis zu meinem

natürlichen Ende mit Linsen füttern wollte. Es hat keinerlei Sinn, daß

der Mörder den Gemordeten überlebt. Sie haben, unter vier Augen, allein

miteinander, wie zwei Wesen es nur bei einer zweiten, verwandten

Gelegenheit noch sind, der eine duldend, der andere handelnd, ein

Geheimnis geteilt, das sie auf immer verbindet. Sie gehören zusammen.“

Settembrini bekannte kühl, daß ihm das Organ für diesen Todes- und

Mordmystizismus fehle und daß er es auch nicht vermisse. Nichts gegen

die religiösen Talente des Herrn Naphta, – sie seien den seinen

unzweifelhaft überlegen, allein er konstatiere seine Neidlosigkeit. Ein

unüberwindliches Reinlichkeitsbedürfnis halte ihn einer Sphäre fern, wo

jene Reverenz vor dem Elend, von der experimentierende Jugend vorhin

gesprochen, offenbar nicht nur in physischer, sondern auch in seelischer

Beziehung herrsche, kurz, einer Sphäre, wo Tugend, Vernunft und

Gesundheit für nichts gälten, Laster und Krankheit dagegen in wunder

welchen Ehren stünden.

Naphta bestätigte, daß Tugend und Gesundheit in der Tat kein religiöser

Zustand seien. Es sei viel gewonnen, sagte er, wenn klargestellt sei,

daß Religion mit Vernunft und Sittlichkeit überhaupt nichts zu tun habe.

Denn, fügte er hinzu, sie habe nichts mit dem Leben zu tun. Das Leben

ruhe auf Bedingungen und Grundlagen, die teils der Erkenntnislehre,

teils dem moralischen Gebiet angehörten. Die ersteren hießen Zeit, Raum,

Kausalität, die letzteren Sittlichkeit und Vernunft. All diese Dinge

seien dem religiösen Wesen nicht nur fremd und gleichgültig, sondern

sogar feindlich entgegengesetzt; denn sie seien es eben, die das Leben

ausmachten, die sogenannte Gesundheit, das heiße: die Erzphilisterei und

Urbürgerlichkeit, als deren absolutes und zwar absolut geniales

Gegenteil die religiöse Welt eben zu bestimmen sei. Übrigens wolle er,

Naphta, der Lebenssphäre die Möglichkeit des Genies nicht völlig

absprechen. Es gebe eine Lebensbürgerlichkeit, deren monumentaler

Biedersinn unbestreitbar sei, eine Philistermajestät, die man

verehrungswürdig finden möge, sofern man festhalte, daß sie in ihrer

breitbeinig aufgepflanzten Würde, Hände auf dem Rücken und Brust heraus,

die inkarnierte Irreligiosität bedeute.

Hans Castorp hob den Zeigefinger, wie in der Schule. Er wünsche nach

keiner Seite anzustoßen, sagte er, aber hier sei offenbar vom

Fortschritt die Rede, vom menschlichen Fortschritt, also gewissermaßen

von Politik und der beredsamen Republik und der Zivilisation des

gebildeten Westens, und da meine er nun, daß der Unterschied, oder, wenn

Herr Naphta denn durchaus wolle, der Gegensatz von Leben und Religion

auf den von Zeit und Ewigkeit zurückzuführen sei. Denn Fortschritt sei

nur in der Zeit; in der Ewigkeit sei keiner und auch keine Politik und

Eloquenz. Dort lege man, sozusagen, in Gott den Kopf zurück und schließe

die Augen. Und das sei der Unterschied von Religion und Sittlichkeit,

konfus ausgedrückt.

Die Naivität seiner Ausdrucksweise, sprach Settembrini, sei weniger

bedenklich, als seine Scheu vor dem Anstoß und seine Neigung, dem Teufel

Zugeständnisse zu machen.

Na, über den Teufel hatten sie ja schon vor Jahr und Tag diskuriert,

Herr Settembrini und er, Hans Castorp. „_O Satana, o ribellione!_“

Welchem Teufel er denn nun eigentlich Zugeständnisse gemacht habe. Dem

mit der Rebellion, der Arbeit und der Kritik oder dem anderen? Es sei ja

lebensgefährlich, – ein Teufel rechts und einer links, wie man in’s

Teufels Namen da durchkommen solle!

Auf diese Weise, sagte Naphta, sei die Sachlage, wie Herr Settembrini

sie zu sehen wünsche, nicht richtig gekennzeichnet. Das Entscheidende in

seinem Weltbilde sei, daß er Gott und den Teufel zu zwei verschiedenen

Personen oder Prinzipien mache und „das Leben“, übrigens nach streng

mittelalterlichem Vorbilde, als Streitobjekt zwischen sie lege. In

Wirklichkeit aber seien sie eins und einig dem Leben entgegengesetzt,

der Lebensbürgerlichkeit, der Ethik, der Vernunft, der Tugend, – als das

religiöse Prinzip, das sie gemeinsam darstellten.

„Was für ein ekelhafter Mischmasch – _che guazzabuglio proprio

stomachevole_!“ rief Settembrini. Gut und Böse, Heiligkeit und Missetat,

alles vermengt! Ohne Urteil! Ohne Willen! Ohne die Fähigkeit, zu

verwerfen, was verworfen sei! Ob Herr Naphta denn wisse, _was_ er

leugne, indem er vor den Ohren der Jugend Gott und Teufel zusammenwerfe

und im Namen dieser wüsten Zweieinigkeit das ethische Prinzip verneine!

Er leugne den _Wert_, – jede Wertsetzung, – abscheulich zu sagen. Schön,

es gab also nicht Gut noch Böse, sondern nur das sittlich ungeordnete

All! Es gab auch nicht den Einzelnen in seiner kritischen Würde, sondern

nur die alles verschlingende und ausgleichende Gemeinschaft, den

mystischen Untergang in ihr! Das Individuum ...

Köstlich, daß Herr Settembrini sich wieder einmal für einen

Individualisten hielt! Um es zu sein, mußte man jedoch den Unterschied

von Sittlichkeit und Glückseligkeit kennen, was bei dem Herrn

Illuminaten und Monisten schlechterdings nicht der Fall war. Wo das

Leben stupiderweise als Selbstzweck angenommen und nach einem darüber

hinausgehenden Sinn und Zweck gar nicht gefragt wurde, da herrschte

Gattungs- und Sozialethik, Wirbeltiermoralität, aber kein

Individualismus, – als welcher einzig und allein im Bereich des

Religiösen und Mystischen, im sogenannten „sittlich ungeordneten All“,

zu Hause war. Was sie denn sei und wolle, die Sittlichkeit des Herrn

Settembrini! Sie sei lebengebunden, also nichts als nützlich, also

unheroisch in erbarmungswürdigem Grade. Sie sei dazu da, daß man alt und

glücklich, reich und gesund damit werde und damit Punktum. Diese

Vernunft- und Arbeitsphilisterei gelte ihm als Ethik. Was dagegen Naphta

betreffe, so erlaube er sich wiederholt, sie als schäbige

Lebensbürgerlichkeit zu kennzeichnen.

Settembrini ersuchte um Mäßigung, doch war seine eigene Stimme

leidenschaftlich bewegt, als er es unerträglich fand, daß Herr Naphta

beständig von „Lebensbürgerlichkeit“ in einem, Gott wußte, warum,

aristokratisch wegwerfenden Tone redete, wie als ob _das Gegenteil_ –

und man wußte ja, was das Gegenteil des Lebens sei – etwa gar das

Vornehmere gewesen wäre!

Neue Schlag- und Stichworte! Jetzt waren sie bei der Vornehmheit, der

aristokratischen Frage! Hans Castorp, überhitzt und erschöpft von Frost

und Problematik, taumeligen Urteils auch in Hinsicht auf die

Verständlichkeit oder fiebrige Gewagtheit seiner eigenen Ausdrucksweise,

bekannte mit lahmen Lippen, er habe sich den Tod von jeher mit einer

gestärkten spanischen Krause vorgestellt, oder allenfalls, in kleiner

Uniform sozusagen, mit Vatermördern, das Leben dagegen mit so einem

gewöhnlichen modernen kleinen Stehkragen ... Doch erschrak er selbst

über das Trunken-Träumerische und Gesellschaftsunfähige seiner Rede und

versicherte, nicht dies habe er sagen wollen. Aber ob es sich nicht so

verhalte, daß es Leute gebe, gewisse Menschen, die man sich nicht tot

vorzustellen vermöge, und zwar, weil sie so besonders ordinär seien! Das

solle heißen: dermaßen lebenstüchtig muteten sie an, daß es einem

vorkomme, als könnten sie niemals sterben, als seien sie der Weihe des

Todes nicht würdig.

Herr Settembrini hoffte sich nicht zu täuschen in der Annahme, daß Hans

Castorp dergleichen nur sage, damit man ihm widerspreche. Der junge Mann

werde ihn immer bereit finden, ihm in der geistigen Abwehr solcher

Anfechtungen zur Hand zu gehen. „Lebenstüchtig“ sage er? Und gebrauche

dies Wort in einem abschätzig gemeinen Sinn? „Lebenswürdig!“ Dieses Wort

möge er dafür einsetzen, – und die Begriffe würden sich ihm zu wahrer

und schöner Ordnung fügen. „Lebenswürdigkeit“: und sogleich, auf dem

Wege leichtester und rechtmäßigster Assoziation, stelle sich auch die

Idee der Liebenswürdigkeit ein, so innig nahe verwandt jener ersten, daß

man sagen dürfe, nur das wahrhaft Lebenswürdige sei auch wahrhaft

liebenswürdig. Beides zusammen aber, das Lebens- und also

Liebenswürdige, mache das aus, was man das Vornehme nenne.

Hans Castorp fand das reizend und überaus hörenswert. Ganz gewonnen,

sagte er, habe ihn Herr Settembrini mit seiner plastischen Theorie. Denn

man möge sagen, was man wolle – und einiges sagen lasse sich ja, zum

Beispiel, daß Krankheit ein erhöhter Lebenszustand sei und also was

Festliches habe –: soviel sei gewiß, daß Krankheit eine Überbetonung des

Körperlichen bedeute, den Menschen gleichsam ganz und gar auf seinen

Körper zurückweise und zurückwerfe und so der Würde des Menschen bis zur

Vernichtung abträglich sei, indem sie ihn nämlich zum bloßen Körper

herabwürdige. Krankheit sei also unmenschlich.

Krankheit sei höchst menschlich, setzte Naphta sofort dagegen; denn

Mensch sein, heiße krank sein. Allerdings, der Mensch sei wesentlich

krank, sein Kranksein eben mache ihn zum Menschen, und wer ihn gesund

machen, ihn veranlassen wolle, seinen Frieden mit der Natur zu

schließen, „zurück zur Natur zu kehren“ (während er doch nie natürlich

gewesen sei), alles was sich heute von Regeneratoren, Rohköstlern,

Freilüftlern, Sonnenbademeistern und so fort prophetisch umhertreibe,

jede Art Rousseau also erstrebe nichts als seine Entmenschung und

Vertierung ... Menschlichkeit? Vornehmheit? Der Geist sei es, was den

Menschen, dies von der Natur in hohem Grade gelöste, in hohem Maße sich

ihr entgegengesetzt fühlende Wesen vor allem übrigen organischen Leben

auszeichne. Im Geist also, in der Krankheit beruhe die Würde des

Menschen und seine Vornehmheit; er sei, mit einem Worte, in desto

höherem Grade Mensch, je kränker er sei, und der Genius der Krankheit

sei menschlicher, als der der Gesundheit. Es befremde, daß jemand, der

den Menschenliebhaber spiele, vor solchen Grundwahrheiten der

Menschlichkeit die Augen verschließe. Herr Settembrini führe den

Fortschritt im Munde. Als ob aber nicht der Fortschritt, so weit

dergleichen existiere, einzig der Krankheit verdankt werde, das heiße:

dem Genie, – als welches nichts anderes als eben Krankheit sei! Als ob

nicht die Gesunden allezeit von den Errungenschaften der Krankheit

gelebt hätten! Es habe Menschen gegeben, die bewußt und willentlich in

Krankheit und Wahnsinn gegangen seien, um der Menschheit Erkenntnisse zu

gewinnen, die zur Gesundheit würden, nachdem sie durch Wahnsinn errungen

worden, und deren Besitz und Nutznießung nach jener heroischen Opfertat

nicht länger durch Krankheit und Wahnsinn bedingt sei. Das sei der wahre

Kreuzestod ...

Aha, dachte Hans Castorp, du inkorrekter Jesuit mit deinen Kombinationen

und deiner Auslegung des Kreuzestodes! Man sieht schon, warum du nicht

Pater geworden bist, _joli jésuite à la petite tache humide_! Nun brülle

du, Löwe! wandte er sich innerlich an Herrn Settembrini. Und dieser

„brüllte“, indem er das alles, was Naphta eben behauptet, für Blendwerk,

Rabulistik, Weltverwirrung erklärte. „Sagen Sie es doch,“ rief er dem

Widersacher zu, „sagen Sie es doch, in Ihrer Verantwortlichkeit als

Erzieher, sagen Sie es vor den Ohren bildsamer Jugend gerade heraus, daß

Geist – Krankheit sei! Wahrhaftig, damit werden Sie sie zum Geiste

ermutigen, sie für den Glauben an ihn gewinnen! Erklären Sie

andererseits Krankheit und Tod für vornehm, Gesundheit und Leben aber

für gemein, – das ist die sicherste Methode, den Zögling zum

Menschheitsdienste anzuhalten! _Da vero, è criminoso!_“ Und wie ein

Ritter trat er für den Adel der Gesundheit und des Lebens ein, für

denjenigen, welchen die Natur verlieh, und dem es um Geist nicht bange

zu sein brauchte. Die Gestalt! sagte er, und Naphta sagte hochtrabender

Weise: „Der Logos!“ Aber der, welcher vom Logos nichts wissen wollte,

sagte „Die Vernunft!“, während der Mann des Logos „die Passion“

verfocht. Das war konfus. „Das Objekt!“ sagte der eine, und der andere:

„Das Ich!“ Schließlich war sogar von „Kunst“ auf der einen und „Kritik“

auf der anderen Seite die Rede und jedenfalls immer wieder von „Natur“

und „Geist“ und davon, was das Vornehmere sei, vom „aristokratischen

Problem“. Aber dabei war keine Ordnung und Klärung, nicht einmal eine

zweiheitliche und militante; denn alles ging nicht nur gegeneinander,

sondern auch durcheinander, und nicht nur wechselseitig widersprachen

sich die Disputanten, sondern sie lagen in Widerspruch auch mit sich

selbst. Settembrini hatte oft genug rednerische Vivats auf die „Kritik“

ausgebracht, wo er nun das Gegenteil davon, welches die „Kunst“ sein

sollte, als das adelige Prinzip in Anspruch nahm; und während Naphta

mehr als einmal als Verteidiger des „natürlichen Instinktes“ aufgetreten

war, gegen Settembrini, der Natur als die „dumme Macht“, als bloßes

Faktum und Fatum traktiert hatte, wovor Vernunft und Menschenstolz nicht

abdanken durften, faßte jener nun Posto auf seiten des Geistes und der

„Krankheit“, allwo Adel und Menschheit einzig zu finden seien, indes

dieser sich zum Anwalt der Natur und ihres Gesundheitsadels aufwarf,

uneingedenk aller Emanzipation. Nicht weniger verworren stand es mit dem

„Objekt“ und dem „Ich“, ja, hier war die Konfusion, die übrigens immer

dieselbe war, sogar am heillosesten und buchstäblich derart, daß niemand

mehr wußte, wer eigentlich der Fromme und wer der Freie war. Naphta

verbot Herrn Settembrini mit scharfen Worten, sich einen

„Individualisten“ zu nennen, denn er leugne den Gegensatz von Gott und

Natur, verstehe unter der Frage des Menschen, dem innerpersönlichen

Konflikt, einzig denjenigen der Einzel- und der gesamtheitlichen

Interessen und sei also auf eine lebengebundene und bürgerliche

Sittlichkeit eingeschworen, die das Leben als Selbstzweck nehme,

unheroischerweise auf den Nutzen abziele und im Zweck des Staates das

moralische Gesetz erblicke; – während dagegen er, Naphta, wohl wissend,

daß das innermenschliche Problem vielmehr auf dem Widerstreit des

Sinnlichen und des Übersinnlichen beruhe, den wahren, den mystischen

Individualismus vertrete und recht eigentlich der Mann der Freiheit und

des Subjektes sei. War er das aber, wie, dachte Hans Castorp, verhielt

es sich dann mit der „Anonymität und Gemeinsamkeit“, – um nur gleich

_eine_ Unstimmigkeit beispielsweise hervorzuheben? Wie ferner mit den

markanten Dingen, die er im Kolloquium mit Pater Unterpertinger über die

„Katholizität“ des Staatsphilosophen Hegel zum besten gegeben, über die

innere Verbundenheit der Begriffe „Politisch“ und „Katholisch“ und die

Kategorie des Objektiven, die sie gemeinsam bildeten? Hatten nicht

Staatskunst und Erziehung immer das spezielle Betätigungsfeld von

Naphtas Orden abgegeben? Und was für eine Erziehung! Herr Settembrini

war gewiß ein eifriger Pädagog, eifrig bis zum Störenden und Lästigen;

aber in Hinsicht auf asketisch ich-verächterische Sachlichkeit konnten

seine Prinzipien mit denen Naphtas überhaupt keinen Wettstreit wagen.

Absoluter Befehl! Eiserne Bindung! Vergewaltigung! Gehorsam! Der Terror!

Das mochte wohl seine Ehre haben, aber auf die kritische Würde des

Einzelwesens nahm es nur wenig Bedacht. Es war das Exerzierreglement des

preußischen Friederich und des spanischen Loyola, fromm und stramm bis

aufs Blut; wobei sich nur eines fragte: wie nämlich Naphta eigentlich

zur blutigen Unbedingtheit kam, da er eingestandenermaßen an gar keine

reine Erkenntnis und voraussetzungslose Forschung, kurz, nicht an die

Wahrheit glaubte, die objektive, wissenschaftliche Wahrheit, der

nachzustreben für Lodovico Settembrini das oberste Gesetz aller

Menschensittlichkeit bedeutete. Das war fromm und streng von Herrn

Settembrini, während es von Naphta lax und liederlich war, die Wahrheit

auf den Menschen zurückzubeziehen und zu erklären, Wahrheit sei, was

diesem fromme! War es nicht geradezu Lebensbürgerlichkeit und

Nützlichkeitsphilisterei, die Wahrheit solchermaßen vom Interesse des

Menschen abhängig zu machen? Eiserne Sachlichkeit war das genau genommen

nicht, es war mehr von Freiheit und Subjekt darin, als Leo Naphta wahr

haben wollte, – wenn es auch freilich auf ganz ähnliche Weise „Politik“

war, wie Herrn Settembrinis lehrhafte Äußerung: Freiheit sei das Gesetz

der Menschenliebe. Das hieß offenbar, die Freiheit binden, wie Naphta

die Wahrheit band: nämlich an den Menschen. Es war entschieden mehr

fromm als frei, und dies wiederum war ein Unterschied, der bei solchen

Bestimmungen Gefahr lief, abhanden zu kommen. Ach, dieser Herr

Settembrini! Nicht umsonst war er ein Literat, das hieß: eines

Politikers Enkel und Sohn eines Humanisten. Auf Kritik und schöne

Emanzipation war er hochherzig bedacht und trällerte die Mädchen auf der

Straße an, während den scharfen, kleinen Naphta harte Gelübde banden.

Und doch war dieser beinahe ein Wüstling vor lauter Freigeisterei und

jener dagegen ein Tugendnarr, wenn man wollte. Vor dem „absoluten Geist“

hatte Herr Settembrini Angst und wollte den Geist partout auf den

demokratischen Fortschritt festlegen, – entsetzt über des militärischen

Naphta religiöse Libertinage, die Gott und Teufel, Heiligkeit und

Missetat, Genie und Krankheit zusammenwarf und keine Wertsetzung, kein

Vernunfturteil, keinen Willen kannte. Wer war denn nun eigentlich frei,

wer fromm, was machte den wahren Stand und Staat des Menschen aus: der

Untergang in der alles verschlingenden und ausgleichenden Gemeinschaft,

der zugleich wüstlingshaft und asketisch war, oder das „kritische

Subjekt“, bei welchem Windbeutelei und bürgerliche Tugendstrenge

einander ins Gehege kamen? Ach, die Prinzipien und Aspekten kamen

einander beständig ins Gehege, an innerem Widerspruch war kein Mangel,

und so außerordentlich schwer war es zivilistischer Verantwortlichkeit

gemacht, nicht allein, sich zwischen den Gegensätzen zu entscheiden,

sondern auch nur, sie als Präparate gesondert und sauber zu halten, daß

die Versuchung groß war, sich kopfüber in Naphtas „sittlich ungeordnetes

All“ zu stürzen. Es war die allgemeine Überkreuzung und Verschränkung,

die große Konfusion, und Hans Castorp meinte zu sehen, daß die

Streitenden weniger erbittert gewesen wären, wenn sie ihnen selbst nicht

beim Streite die Seele bedrückt hätte.

Man war miteinander bis zum „Berghof“ hinaufgegangen; dann hatten die

drei, die dort wohnten, die Auswärtigen bis vor ihr Häuschen

zurückbegleitet, und dort stand man noch lange im Schnee, indes Naphta

und Settembrini sich stritten, – pädagogischerweise, wie Hans Castorp

wohl wußte, und um die Bildsamkeit lichtsuchender Jugend zu bearbeiten.

Für Herrn Ferge waren das alles viel zu hohe Dinge, wie er wiederholt zu

verstehen gab, und Wehsal zeigte sich wenig beteiligt, seitdem nicht

mehr von Prügeln und Folter die Rede war. Hans Castorp grub gesenkten

Hauptes mit dem Stocke im Schnee und bedachte die große Konfusion.

Schließlich trennte man sich. Man konnte nicht ewig stehen, und das

Kolloquium war uferlos. Die drei Berghofgäste wandten sich wieder ihrer

Heimstätte zu, und die beiden pädagogischen Wetteiferer mußten zusammen

ins Häuschen gehen, der eine, um seine seidene Zelle, der andere, um

sein Humanistenstübchen mit Stehpult und Wasserflasche zu gewinnen. Hans

Castorp aber begab sich in seine Balkonloge, die Ohren voll vom Wirrwarr

und Waffenlärm der beiden Heere, die von Jerusalem und Babylon

vorrückend unter den _dos banderas_ zu konfusem Schlachtgetümmel

zusammentrafen.

Der Zauberberg. Zweiter Band · 第 14 / 31 题