Das Rad schwang. Der Weiser rückte. Knabenkraut und Akelei waren
verblüht, die wilde Nelke ebenfalls. Die tiefblauen Sterne des Enzian,
die Herbstzeitlose, blaß und giftig, zeigten sich wieder im feuchten
Grase, und über den Waldungen lag es rötlich. Herbstnachtgleiche war
vorüber, Allerseelen in Sicht und für geübtere Zeitverbraucher wohl auch
der erste Advent, der kürzeste Tag und das Weihnachtsfest. Noch aber
reihten sich schöne Oktobertage – Tage von der Art dessen, an dem die
Vettern des Hofrats Ölgemälde besichtigt hatten.
Seit Joachims Weggang saß Hans Castorp nicht mehr am Tische der Stöhr,
nicht mehr an demjenigen, von dem Dr. Blumenkohl weggestorben war, und
an dem Marusja ihre unbegründete Heiterkeit im Apfelsinentüchlein
erstickt hatte. Neue Gäste saßen jetzt dort, völlig fremde. Unser Freund
aber hatte, zweieinhalb Monate tief in sein zweites Jahr eingerückt, von
der Verwaltung einen anderen Platz zugewiesen bekommen, an einem
Nachbartische, der schräg vor dem alten stand, weiter gegen die linke
Verandatür, zwischen seinem ehemaligen und dem Guten Russentisch, kurzum
am Tisch Settembrinis. Ja, an des Humanisten verwaistem Platze saß Hans
Castorp jetzt, am Tischende wiederum, gegenüber dem Doktor-Sitz, der an
jeder der sieben Tafeln dem Hofrat und seinem Famulus zum Hospitieren
aufgespart blieb.
Dort oben, links von dem medizinischen Präsidium, hockte auf mehreren
Kissen der bucklige Amateur-Photograph aus Mexiko, dessen
Gesichtsausdruck vermöge sprachlicher Einsamkeit der eines Tauben war,
und ihm zur Seite hatte das ältliche Fräulein aus Siebenbürgen ihren
Platz, das, wie schon Herr Settembrini geklagt hatte, das Interesse
aller Welt für ihren Schwager in Anspruch nahm, obgleich niemand etwas
von diesem Menschen wußte, noch wissen wollte. Ein Stöckchen mit
Tulasilberkrücke, dessen sie sich auch bei ihren Dienstpromenaden
bediente, quer im Nacken, sah man sie zu bestimmten Stunden des Tages an
der Brüstung ihrer Balkonloge ihre tellerflache Brust in hygienischen
Tiefatmungen dehnen. Ein tschechischer Mann saß ihr gegenüber, den man
Herr Wenzel nannte, da niemand seinen Familiennamen auszusprechen
verstand. Herr Settembrini hatte sich seinerzeit zuweilen darin
versucht, die krause Konsonantenfolge hervorzustoßen, aus der dieser
Name bestand, – gewiß nicht in ehrlichem Bemühen, sondern nur um die
vornehme Hilflosigkeit seiner Latinität an dem wilden Lautgestrüpp
heiter zu erproben. Obwohl feist wie ein Dachs und von einer selbst
unter Denen hier oben erstaunlich sich hervortuenden Eßlust, versicherte
der Böhme seit vier Jahren, daß er sterben müsse. Bei der
Abendgeselligkeit klimperte er zuweilen auf einer bebänderten Mandoline
die Lieder seiner Heimat und erzählte von seiner Zuckerrübenplantage,
auf der lauter hübsche Mädchen arbeiteten. Schon in Hans Castorps Nähe
folgten dann zu beiden Seiten des Tisches Herr und Frau Magnus, die
Bierbrauersehegatten aus Halle. Melancholie umgab dieses Paar
atmosphärisch, da beide lebenswichtige Stoffwechselprodukte, Herr Magnus
Zucker, Frau Magnus dagegen Eiweiß, verloren. Die Gemütsverfassung,
namentlich der bleichen Frau Magnus, schien jedes Einschlages von
Hoffnung zu entbehren; Geistesöde ging wie ein kelleriger Hauch von ihr
aus, und fast noch ausdrücklicher als die ungebildete Stöhr stellte sie
jene Vereinigung von Krankheit und Dummheit dar, an der Hans Castorp,
getadelt deswegen von Herrn Settembrini, geistigen Anstoß genommen
hatte. Herr Magnus war regeren Sinnes und gesprächiger, wenn auch nur in
der Art, die ehemals Settembrinis literarische Ungeduld erregt hatte.
Auch neigte er zum Jähzorn und stieß öfters mit Herrn Wenzel aus
politischen und sonstigen Anlässen feindlich zusammen. Denn ihn
erbitterten die nationalen Aspirationen des Böhmen, der sich überdies
zum Antialkoholismus bekannte und über den Erwerbszweig des Brauers
moralisch Absprechendes äußerte, wogegen dieser mit rotem Kopf die
sanitäre Unanfechtbarkeit des Getränkes vertrat, mit dem seine
Interessen so innig verbunden waren. Bei solchen Gelegenheiten hatte
früher Herr Settembrini humoristisch ausgleichend gewirkt; Hans Castorp
aber, an seiner Statt, fand sich wenig geschickt und konnte nicht
hinreichende Autorität in Anspruch nehmen, ihn darin zu ersetzen.
Nur mit zwei Tischgenossen verbanden ihn persönlichere Beziehungen: A.
K. Ferge aus Petersburg, sein Nachbar zur Linken, war der eine, dieser
gutmütige Dulder, der unter dem Gebüsch seines rotbraunen Schnurrbarts
hervor von Gummischuhfabrikation und fernen Gegenden, dem Polarkreis,
dem ewigen Winter am Nordkap erzählte, und mit dem Hans Castorp sogar
zuweilen einen dienstlichen Lustwandel gemeinsam zurücklegte. Der andere
aber, der sich ihnen dabei, so oft es sich treffen wollte, als Dritter
anschloß, und der am oberen Tafelende, gegenüber dem mexikanischen
Buckligen, seinen Platz hatte, war der dünnhaarige Mannheimer mit
schlechten Zähnen, Wehsal mit Namen, Ferdinand Wehsal und Kaufmann
seines Zeichens, er, dessen Augen stets mit so trüber Begierde an Frau
Chauchats anmutiger Person gehangen hatten, und der seit Fastnacht Hans
Castorps Freundschaft suchte.
Er tat es mit Zähigkeit und Demut, einer von unten blickenden Hingebung,
die für den Betroffenen viel Widrig-Schauerliches hatte, da er ihren
komplizierten Sinn begriff, der aber menschlich zu begegnen er sich
anhielt. Ruhig blickend, da er wußte, daß ein leichtes Zusammenziehen
der Brauen genügte, um den elend Empfindenden sich ducken und
zurückschrecken zu lassen, duldete er das dienerische Wesen Wehsals, der
jede Gelegenheit wahrnahm, sich vor ihm zu verneigen und ihm schön zu
tun, duldete sogar, daß jener ihm zuweilen beim Lustwandel den
Überzieher trug – mit einer gewissen Andacht trug er ihn über dem Arm –,
duldete endlich des Mannheimers Gespräch, das trübe war. Wehsal war
erpicht, Fragen aufzuwerfen, wie die, ob es Sinn und Verstand habe,
einer Frau, die man liebe, die aber nichts von einem wissen wolle, seine
Liebe zu erklären – die _aussichtslose_ Liebeserklärung, was die Herren
davon hielten. Er für sein Teil halte Höchstes davon, sei der Meinung,
daß sich unendliches Glück damit verbinde. Wenn nämlich der Akt des
Geständnisses zwar Ekel errege und viel Selbsterniedrigung berge, so
stelle er doch für den Augenblick die volle Liebesnähe des begehrten
Gegenstandes her, reiße diesen ins Vertrauen, in das Element der eigenen
Leidenschaft, und wenn damit freilich alles zu Ende sei, so sei der
ewige Verlust mit der Verzweiflungswonne eines Augenblicks nicht
überzahlt; denn das Bekenntnis bedeute Gewalt, und je größer der
widerstehende Abscheu dagegen sei, desto genußreicher –. Hier scheuchte
eine Verfinsterung von Hans Castorps Miene Wehsal zurück, was aber mehr
in Hinsicht auf die Gegenwart des gutmütigen Ferge geschah, dem, wie er
oft betonte, alle höheren und schwierigeren Gegenstände völlig fern
lagen, als aus sittenrichterlicher Steifigkeit auf Seiten unseres
Helden. Denn, da wir immer gleich weit entfernt bleiben, diesen besser
oder schlechter machen zu wollen, als er war, so sei mitgeteilt, daß,
als der arme Wehsal eines abends unter vier Augen mit bleichen Worten
in ihn drang, ihm von den Erlebnissen und Erfahrungen der
nachgesellschaftlichen Fastnacht doch um Gottes willen Näheres zu
vertrauen, Hans Castorp ihm mit ruhiger Güte willfahrte, ohne daß, wie
der Leser glauben mag, dieser gedämpften Szene irgend etwas niedrig
Leichtfertiges angehaftet hätte. Dennoch haben wir Gründe, ihn und uns
davon auszuschließen und fügen nur noch an, daß Wehsal danach mit
verdoppelter Hingabe den Paletot des freundlichen Hans Castorp trug.
Soviel von Hansens neuer Tischgenossenschaft. Der Platz zu seiner
Rechten war frei, war nur vorübergehend besetzt, nur einige Tage lang:
von einem Hospitanten, wie er es einst gewesen, einem Verwandtenbesuch,
Gast aus dem Flachlande und Sendboten von dort, wie man sagen mochte, –
mit einem Worte von Hansens Onkel James Tienappel.
Das war abenteuerlich, daß plötzlich ein Vertreter und Abgesandter der
Heimat neben ihm saß, die Atmosphäre des Alten, Versunkenen, des
früheren Lebens, einer tiefliegenden „Oberwelt“ noch frisch im Gewebe
seines englischen Anzugs tragend. Aber es hatte kommen müssen. Längst
hatte Hans Castorp im stillen mit einem solchen Vorstoß des Flachlandes
gerechnet und sogar die Persönlichkeit, die sich nun wirklich mit der
Erkundung betraut zeigte, ganz zutreffend dafür in Aussicht genommen, –
was eben nicht schwer gewesen war; denn Peter, der seefahrende, kam
wenig dafür in Frage, und vom Großonkel Tienappel selbst stand fest, daß
keine zehn Pferde ihn je in diese Gegenden schleppen würden, von deren
Luftdruckverhältnissen er alles zu fürchten hatte. Nein, James mußte es
sein, der sich nach dem Abhandengekommenen im heimatlichen Auftrage
umsehen würde; schon früher war er erwartet. Seit aber Joachim allein
zurückgekehrt war und im Verwandtenkreis von der hiesigen Sachlage
Nachricht gegeben hatte, war der Angriff fällig und überfällig, und so
war denn Hans Castorp nicht im geringsten verblüfft, als, knappe
vierzehn Tage nach Joachims Abreise, der Concierge ihm ein Telegramm
überhändigte, das, ahnungsvoll geöffnet, sich als James Tienappels
kurzfristige Anmeldung erwies. Er hatte auf Schweizer Boden zu tun und
sich zu dem Gelegenheitsausflug in Hansens Höhe entschlossen. Übermorgen
war er zu erwarten.
„Gut“, dachte Hans Castorp. „Schön“, dachte er. Und sogar etwas wie
„Bitte sehr!“ fügte er innerlich hinzu. „Wenn du eine Ahnung hättest!“
sagte er in Gedanken zu dem sich Nähernden. Mit einem Worte, er nahm die
Meldung mit großer Ruhe auf, gab sie übrigens an Hofrat Behrens und an
die Verwaltung weiter, ließ ein Zimmer bereitstellen – das Zimmer
Joachims war noch zur Verfügung – und fuhr am übernächsten Tage, um die
Stunde seiner eigenen Ankunft, abends gegen acht also, es war schon
dunkel, mit demselben harten Vehikel, in dem er Joachim fortgeleitet,
zum Bahnhof „Dorf“, um den Sendboten des Flachlandes abzuholen, der nach
dem Rechten sehen wollte.
Zinnoberrot, ohne Hut, im bloßen Anzug, stand er am Rande des
Bahnsteiges, als das Züglein einrollte, stand unter dem Fenster seines
Verwandten und forderte ihn auf, nur immer herauszukommen, denn er sei
da. Konsul Tienappel – er war Vizekonsul, entlastete den Alten auch auf
diesem ehrenamtlichen Gebiete sehr dankenswert –, verfroren in seinen
Wintermantel gehüllt, denn wirklich war der Oktoberabend empfindlich
kalt, nicht viel fehlte und es hätte von klarem Frost die Rede sein
können, ja, gegen Morgen würde es sicher frieren, entstieg dem Abteil in
überraschter Heiterkeit, die er in den etwas dünnen, sehr zivilisierten
Formen des feinen nordwestdeutschen Herrn verlautbarte, begrüßte den
vetterlichen Neffen unter betonten Ausdrücken der Genugtuung über sein
vorzügliches Aussehen, sah sich vom Hinkenden aller Sorge um sein Gepäck
überhoben und erkletterte draußen mit Hans Castorp den hohen und harten
Sitz ihres Gefährtes. Unter reichem Sternenhimmel fuhren sie dahin, und
Hans Castorp, den Kopf zurückgelegt und den Zeigefinger in der Luft,
erläuterte dem Onkel-Cousin die oberen Gefilde, faßte mit Wort und
Gebärde ein und das andere funkelnde Sternbild zusammen und nannte
Planeten bei Namen, – während jener, aufmerksam mehr auf die Person
seines Begleiters als auf den Kosmos, sich innerlich sagte, daß es zwar
möglich sei und nicht geradezu verrückt anmute, jetzt, hier und sofort
gerade von Sternen zu sprechen, daß aber doch manches andere näher
gelegen hätte. Seit wann er denn da oben so sicher Bescheid wisse,
fragte er Hans Castorp; worauf dieser erwiderte, das sei ein Erwerb der
abendlichen Liegekur auf dem Balkon im Frühling, Sommer, Herbst und
Winter. – Wie? bei Nacht liege er auf dem Balkon? – O ja. Und der Konsul
werde es auch tun. Es werde ihm nichts anderes übrigbleiben.
„Gewiß, selbstvers-tändlich“, sagte James Tienappel entgegenkommend und
etwas eingeschüchtert. Sein Pflegebruder sprach ruhig und eintönig. Ohne
Hut, ohne Paletot saß er neben ihm in der frostnahen Frische des
Herbstabends. „Dich friert wohl gar nicht?“ fragte ihn James; denn er
selbst zitterte unter dem zolldicken Tuch seines Mantels, und seine
Sprechweise hatte etwas zugleich Hastiges und Lahmes, da seine Zähne
eine Neigung bekundeten, aneinanderzuschlagen. „Uns friert nicht“,
antwortete Hans Castorp ruhig und kurz.
Der Konsul konnte ihn nicht genug von der Seite betrachten. Hans Castorp
erkundigte sich nicht nach den Verwandten und Bekannten zu Hause. Grüße
von dort, die James übermittelte, auch diejenigen Joachims, der bereits
beim Regiment sei und vor Glück und Stolz leuchte, empfing er ruhig
dankend, ohne auf die Umstände der Heimat weiter einzugehen. Beunruhigt
durch ein unbestimmtes Etwas, von dem er sich nicht zu sagen wußte, ob
es von dem Neffen ausging oder etwa in ihm selbst, dem physischen
Befinden des Reisenden, seinen Ursprung habe, blickte James umher, ohne
von der Hochtallandschaft viel erkennen zu können, und zog tief die Luft
ein, die er ausatmend für herrlich erklärte. Gewiß, antwortete der
andere, nicht umsonst sei sie ja weit berühmt. Sie habe starke
Eigenschaften. Obgleich sie die Allgemeinverbrennung beschleunige, setze
der Körper in ihr doch Eiweiß an. Krankheiten, die jeder Mensch latent
in sich trage, sei sie zu heilen imstande, doch befördere sie sie
zunächst einmal kräftig, bringe sie vermöge eines allgemeinen
organischen An- und Auftriebes sozusagen zu festlichem Ausbruch. – Er
möge erlauben, – festlich? – Allerdings. Ob jener nie bemerkt habe, daß
der Ausbruch einer Krankheit etwas Festliches habe, eine Art
Körperlustbarkeit darstelle. – „Gewiß, selbstvers-tändlich“, hastete der
Onkel mit unbeherrschtem Unterkiefer und teilte dann mit, daß er acht
Tage bleiben könne, das heiße: eine Woche, sieben Tage also, vielleicht
auch nur sechs. Da er, wie gesagt, Hans Castorps Aussehen, dank einem
Kuraufenthalt, der sich ja über alles Erwarten in die Länge gezogen
habe, hervorragend gut und gekräftigt finde, nehme er an, daß der Neffe
gleich mit ihm hinunter nach Hause fahren werde.
„Na, na, nur nicht gleich mit dem Kopf durch die Wand“, sagte Hans
Castorp. Onkel James rede recht wie einer von unten. Er solle sich hier
bei uns nur erst mal ein bißchen umsehen und einleben, dann werde er
seine Ideen schon ändern. Es komme auf restlose Heilung an, die
Restlosigkeit sei das Entscheidende, und ein halbes Jahr habe Behrens
ihm neulich noch aufgebrummt. Hier redete der Onkel ihn mit „Junge“ an
und fragte, ob er verrückt sei. „Bist du denn ganz verrückt?“ fragte er.
Ein Ferienaufenthalt von fünf Vierteljahren sei das nachgerade, und nun
noch ein halbes! Man habe in des allmächtigen Gottes Namen doch nicht
soviel Zeit! – Da lachte Hans Castorp ruhig und kurz zu den Sternen
empor. Ja Zeit! Was nun gerade diese betreffe, die menschliche Zeit, so
werde James seine mitgebrachten Begriffe zu allererst revidieren müssen,
bevor er hier oben darüber mitrede. – Er werde in Hansens Interesse
schon morgen ein ernstes Wörtchen mit dem Herrn Hofrat reden, versprach
Tienappel. – „Das tu’!“ sagte Hans Castorp. „Er wird dir gefallen. Ein
interessanter Charakter, forsch und melancholisch zugleich.“ Und dann
wies er auf die Lichter von Sanatorium Schatzalp hin und erzählte
beiläufig von den Leichen, die man die Bob-Bahn hinunterbefördere.
Die Herren speisten zusammen im Berghof-Restaurant, nachdem Hans Castorp
den Gast in Joachims Zimmer eingeführt und ihm Gelegenheit gegeben
hatte, sich etwas zu erfrischen. Mit H₂CO sei das Zimmer geräuchert
worden, sagte Hans Castorp, – ebenso gründlich, wie wenn nicht wilde
Abreise von dort gehalten worden wäre, sondern eine ganz andere, kein
_exodus_, sondern ein _exitus_. Und da der Onkel sich nach dem Sinn
erkundigte: „Jargon!“ sagte der Neffe. „Ausdrucksweise!“ sagte er.
„Joachim ist desertiert, – zur Fahne desertiert, das gibt es auch. Aber
mach’, damit du noch warmes Essen bekommst!“ Und so saßen sie denn im
behaglich erwärmten Restaurant einander gegenüber, an erhöhtem Platz.
Die Zwergin bediente sie hurtig, und James ließ eine Flasche Burgunder
kommen, die, in einem Körbchen liegend, aufgestellt wurde. Sie stießen
an und ließen sich von der milden Glut durchrinnen. Der Jüngere sprach
von dem Leben hier oben im Wandel der Jahreszeiten, von einzelnen
Erscheinungen des Speisesaals, vom Pneumothorax, dessen Wesen er
erklärte, indem er den Fall des gutmütigen Ferge heranzog und sich über
die grasse Natur des Pleura-Choks verbreitete, auch der drei farbigen
Ohnmachten gedachte, in die Herr Ferge gefallen sein wollte, der
Geruchshalluzination, die beim Chok eine Rolle gespielt und des
Gelächters, das er im Abschnappen ausgestoßen. Er bestritt die Kosten
der Unterhaltung. James aß und trank stark, wie er es gewohnt war und
mit überdies noch durch Reise und Luftwechsel geschärftem Appetit.
Dennoch unterbrach er sich zuweilen in der Nahrungsaufnahme, – saß, den
Mund voller Speisen, die er zu kauen vergaß, Messer und Gabel im
stumpfen Winkel über dem Teller stillgestellt, und betrachtete Hans
Castorp unverwandt, scheinbar ohne es zu wissen, auch ohne daß jener
sich weiter empfindlich dafür gezeigt hätte. Geschwollene Adern
zeichneten sich an Konsul Tienappels mit dünnem blonden Haar bedeckten
Schläfen ab.
Von heimatlichen Dingen war nicht die Rede, weder von
persönlich-familiären, noch städtischen, noch geschäftlichen, noch von
der Firma Tunder & Wilms, Schiffswerft, Maschinenfabrik und
Kesselschmiede, die immer noch auf den Eintritt des jungen Praktikanten
wartete, was aber natürlich so wenig ihre einzige Beschäftigung war, daß
man sich fragen mochte, ob sie überhaupt noch wartete. James Tienappel
hatte wohl alle diese Gegenstände während der Wagenfahrt und später
berührt, aber sie waren zu Boden gefallen und tot liegen geblieben, –
abgeprallt von Hans Castorps ruhiger, bestimmter und ungekünstelter
Gleichgültigkeit, einer Art von Unberührbarkeit oder Gefeitheit, die an
sein Unempfindlichsein gegen die herbstliche Abendkühle, an sein Wort
„Uns friert nicht“, erinnerte und vielleicht Ursache war, weshalb sein
Onkel ihn manchmal so unverwandt betrachtete. Auch von der Oberin, den
Ärzten ging die Unterhaltung, von den Konferenzen Dr. Krokowskis – es
traf sich, daß James einer davon beiwohnen würde, wenn er acht Tage
blieb. Wer sagte dem Neffen, daß der Onkel gewillt sei, den Vortrag zu
besuchen? Niemand. Er nahm es an, setzte es mit so ruhiger Bestimmtheit
als ausgemacht voraus, daß jenem selbst der Gedanke, er könne etwa nicht
daran teilnehmen, in unnatürlichem Lichte erscheinen mußte, und daß er
mit eiligem „Gewiß, selbstvers-tändlich“ jedem Verdachte zuvorzukommen
suchte, als habe er einen Augenblick Unmögliches geplant. Dies eben war
die Macht, deren unbestimmte, aber zwingende Empfindung Herrn Tienappel
unbewußt anhielt, den Vetter zu betrachten, – jetzt übrigens mit offenem
Munde, denn der Atmungsweg der Nase hatte sich ihm verschlossen,
obgleich seines Wissens der Konsul keinen Schnupfen hatte. Er hörte
seinen Verwandten von der Krankheit sprechen, die hier das gemeinsame
Berufsinteresse aller bildete, und von der Aufnahmelustigkeit für sie;
von Hans Castorps eigenem bescheidenen, aber langwierigen Fall, dem
Reiz, den die Bazillen auf die Gewebszellen der Luftröhrenverästelungen
und der Lungenbläschen ausübten, der Tuberkelbildung und Erzeugung
löslicher Beschwipsungsgifte, dem Zellenzerfall und Verkäsungsprozeß,
von dem dann die Frage sei, ob er durch kalkige Petrifizierung und
bindegewebige Vernarbung zu heilsamem Stillstand gelange oder zu
größeren Erweichungsherden sich fortbilde, umsichgreifende Löcher fresse
und das Organ zerstöre. Er hörte von der wild beschleunigten,
galoppierenden Form dieses Vorganges, die in ein paar Monaten schon, ja
in Wochen zum Exitus führe, hörte von Pneumotomie, des Hofrats
meisterlich geübtem Handwerk, von Lungenresektion, wie sie morgen oder
demnächst bei einer neueingetroffenen Schweren, einer ursprünglich
reizenden Schottin, vorgenommen werden sollte, die von _Gangraena
pulmonum_, vom Lungenbrande ergriffen worden sei, so daß eine
schwärzlich-grüne Verpestung in ihr walte und sie den ganzen Tag
zerstäubte Karbolsäurelösung einatme, um nicht aus Ekel vor sich selber
den Verstand zu verlieren: – und plötzlich geschah es dem Konsul, völlig
unerwartet für ihn selbst und zu seiner größten Beschämung, daß er
herausplatzte. Prustend lachte er los, besann und beherrschte sich
freilich sofort mit Schrecken, hustete und suchte das sinnlos Geschehene
auf alle Weise zu vertuschen, – wobei er übrigens zu seiner Beruhigung,
die aber neue Beunruhigung in sich trug, wahrnahm, daß Hans Castorp sich
um den Unfall, der ihm unmöglich entgangen sein konnte, gar nicht
kümmerte, vielmehr mit einer Achtlosigkeit darüber hinwegging, die sich
nicht etwa als Takt, Rücksicht, Höflichkeit, sondern als reine
Gleichgültigkeit und Unberührbarkeit, als eine Duldsamkeit unheimlichen
Grades kennzeichnete, wie wenn er es längst verlernt hätte, sich durch
solche Vorkommnisse befremdet zu fühlen. Sei es aber, daß der Konsul
seinem Heiterkeitsausbruch nachträglich ein Mäntelchen von Vernunft und
Sinn umzuhängen wünschte oder in welchem Zusammenhange sonst, –
plötzlich brach er ein Männer- und Klubgespräch vom Zaun, fing mit
hochgeschwollenen Kopfadern an, von einer sogenannten „Chansonette“,
einer Bänkelsängerin zu reden, einem ganz tollen Weibsstück, das zurzeit
in St. Pauli ihr Wesen treibe und mit ihren temperamentgeladenen Reizen,
die er dem Vetter schilderte, die Herrenwelt der Heimatrepublik in Atem
halte. Seine Zunge lallte etwas bei diesen Erzählungen, doch brauchte er
sich davon nicht anfechten zu lassen, da sich die nicht zu befremdende
Duldsamkeit seines Gegenübers offenbar auch auf diese Erscheinung
erstreckte. Immerhin wurde ihm die übermächtige Reisemüdigkeit, deren
Opfer er war, allmählich so deutlich, daß er schon gegen halb 11 Uhr die
Beendigung des Beisammenseins befürwortete und es innerlich wenig
begrüßte, daß es in der Halle noch zu einer Begegnung mit dem mehrfach
erwähnten Dr. Krokowski kam, der zeitunglesend an der Tür eines Salons
gesessen hatte, und mit dem sein Neffe ihn bekannt machte. Auf die
stämmig-heitere Anrede des Doktors wußte er fast nichts anderes mehr als
„Gewiß, selbstvers-tändlich“, zu erwidern und war froh, als sein Neffe
sich mit der Ankündigung, er werde ihn morgen um 8 Uhr zum Frühstück
abholen, auf dem Balkonwege aus Joachims desinfiziertem Zimmer in sein
eigenes begeben hatte und er mit der gewohnten Gute-Nacht-Zigarette sich
ins Bett des Fahnenflüchtlings fallen lassen konnte. Um ein Haar hätte
er Feuersbrunst gestiftet, da er zweimal, das glimmende Räucherwerk
zwischen den Lippen, in Schlaf verfiel.
James Tienappel, den Hans Castorp abwechselnd „Onkel James“ und einfach
nur „James“ anredete, war ein langbeiniger Herr von gegen Vierzig,
gekleidet in englische Stoffe und blütenhafte Wäsche, mit
kanariengelbem, gelichtetem Haar, nahe beisammenliegenden blauen Augen,
einem strohigen, gestutzten, halb wegrasierten Schnurrbärtchen und
bestens gepflegten Händen. Gatte und Vater seit einigen Jahren, ohne
darum genötigt gewesen zu sein, die geräumige Villa des alten Konsuls am
Harvestehuder Weg zu verlassen, – vermählt mit einer Angehörigen seines
Gesellschaftskreises, die ebenso zivilisiert und fein, von ebenso
leiser, rascher und spitzig-höflicher Sprechweise war wie er selbst, gab
er zu Hause einen sehr energischen, umsichtigen und bei aller Eleganz
kalt sachlichen Geschäftsmann ab, nahm aber in fremdem Sittenbereich,
auf Reisen, etwa im Süden des Landes, ein gewisses überstürztes
Entgegenkommen in sein Wesen auf, eine höflich eilfertige
Bereitwilligkeit zur Selbstverleugnung, in der sich nichts weniger als
eine Unsicherheit der eigenen Kultur, sondern im Gegenteil das
Bewußtsein ihrer starken Geschlossenheit bekundete, nebst dem Wunsche,
seine aristokratische Bedingtheit zu korrigieren und selbst inmitten von
Lebensformen, die er unglaublich fand, nichts von Befremdung merken zu
lassen. „Natürlich, gewiß, selbstvers-tändlich!“ beeilte er sich zu
sagen, damit niemand denke, er sei zwar fein, aber beschränkt. Hierher
gekommen nun freilich in einer bestimmten sachlichen Sendung, nämlich
mit dem Auftrage und der Absicht, energisch nach dem Rechten zu sehen,
den säumigen jungen Verwandten, wie er sich innerlich ausdrückte,
„loszueisen“ und daheim wieder einzuliefern, war er sich doch wohl
bewußt, auf fremdem Boden zu operieren, – schon im ersten Augenblicke
empfindlich von der Ahnung berührt, daß eine Welt und Sittensphäre ihn
als Gast aufgenommen habe, die an geschlossener Selbstsicherheit seiner
eigenen nicht nur nicht nachstand, sondern sie sogar noch darin
übertraf, so daß seine Geschäftsenergie sofort in Zwiespalt mit seiner
Wohlerzogenheit geriet und zwar in einen sehr schweren; denn die
Selbstgewißheit der Wirtssphäre erwies sich als wahrhaft erdrückend.
Dies eben hatte Hans Castorp vorausgesehen, als er des Konsuls Telegramm
innerlich mit gelassenem „Bitte sehr!“ beantwortet hatte; aber man muß
nicht denken, daß er bewußt die Charakterstärke der Umwelt gegen seinen
Onkel ausgenutzt hätte. Dazu war er längst zu sehr ein Teil von ihr, und
nicht er bediente sich ihrer gegen den Angreifer, sondern umgekehrt, so
daß alles sich in sachlicher Einfalt vollzog, von dem Augenblick an, wo
eine erste Ahnung der Aussichtslosigkeit seines Unternehmens den Konsul
von seines Neffen Person her unbestimmt angeweht hatte, bis zum Ende und
Ausgang, das mit einem melancholischen Lächeln zu begleiten Hans Castorp
denn freilich doch nicht umhin konnte.
Am ersten Morgen nach dem Frühstück, bei welchem der Eingesessene den
Hospitanten mit der Korona der Tischgenossenschaft bekannt gemacht
hatte, erfuhr Tienappel von Hofrat Behrens, der lang und bunt, gefolgt
von dem schwarzbleichen Assistenten, in den Saal gerudert kam, um mit
seiner rhetorischen Morgenfrage „Fein geschlafen?“ flüchtig darin
herumzustreichen, – erfuhr er, sagen wir, vom Hofrate nicht nur, daß es
eine glanzvolle Bieridee von ihm gewesen sei, dem vereinsamten Neveu
hier oben ein bißchen Gesellschaft zu leisten, sondern daß er auch im
ureigensten Interesse sehr recht daran tue, da er ja offenbar total
anämisch sei. – Anämisch, er, Tienappel? – Na, und ob! sagte Behrens und
zog ihm mit dem Zeigefinger ein unteres Augenlid herunter. Hochgradig!
sagte er. Der Herr Onkel werde direkt schlau handeln, wenn er es sich
für ein paar Wochen hier auf seinem Balkon der Länge nach bequem mache
und überhaupt in allen Stücken dem Vorbilde seines Neffen nachstrebe. In
seinem Zustande könne man gar nichts Aufgeweckteres tun, als mal eine
Weile so zu leben, wie bei leichter _tuberculosis pulmonum_, die
übrigens immer vorhanden sei. – „Gewiß, selbstvers-tändlich!“ sagte der
Konsul rasch und blickte dem hochnackig Davonrudernden noch eine Weile
eifrig-höflich geöffneten Mundes nach, während sein Neffe gelassen und
abgebrüht neben ihm stand. Dann traten sie den Lustwandel zur Bank an
der Wasserrinne an, der das Gegebene war, und danach hielt James
Tienappel seine erste Liegestunde, angeleitet von Hans Castorp, der ihm
zum mitgebrachten Plaid die eine seiner Kameldecken lieh – er selbst
hatte in Anbetracht des schönen Herbstwetters an einer reichlich genug –
und ihn in der überlieferten Kunst des Sicheinwickelns Griff für Griff
getreulich unterwies, – ja, er löste, nachdem er den Konsul schon zur
Mumie gerundet und geglättet, alles noch einmal auf, um ihn auf eigene
Hand und nur unter verbessernd einspringender Beihilfe die feststehende
Prozedur wiederholen zu lassen, und lehrte ihn, den Leinenschirm am
Stuhl zu befestigen und gegen die Sonne zu richten.
Der Konsul witzelte. Noch war der Geist des Flachlandes stark in ihm,
und er machte sich lustig über das, was er da erlernte, wie er sich
schon über den abgemessenen Lustwandel nach dem Frühstück lustig gemacht
hatte. Aber als er das ruhig verständnislose Lächeln sah, mit dem der
Neffe seinen Scherzen begegnete und worin die ganze geschlossene
Selbstgewißheit der Sittensphäre sich malte, da wurde ihm angst, er
fürchtete für seine Geschäftsenergie und beschloß hastig, das
entscheidende Gespräch mit dem Hofrat in Sachen seines Neffen sofort,
baldmöglichst, schon diesen Nachmittag herbeizuführen, solange er noch
Eigengeist, Kräfte von unten zuzusetzen hatte; denn er fühlte, daß diese
schwanden, daß der Geist des Ortes mit seiner Wohlerzogenheit einen
gefährlichen Feindesbund gegen sie bildete.
Ferner fühlte er, daß ganz unnötigerweise der Hofrat ihm empfohlen
hatte, hier oben seiner Anämie wegen sich den Gebräuchen der Kranken
anzuschließen: das ergab sich von selbst, es bestand, wie es schien, gar
keine andere Denkbarkeit, und wie weit, vermöge Hans Castorps Ruhe und
unberührbarer Selbstsicherheit, dies eben nur so schien, wie weit in der
Tat und unbedingt genommen nichts anderes möglich und denkbar war, das
war für einen wohlerzogenen Menschen von Anfang an nicht zu
unterscheiden. Nichts konnte einleuchtender sein, als daß nach der
ersten Liegekur das ausgiebige zweite Frühstück erfolgte, aus welchem
der Lustwandel nach „Platz“ hinunter überzeugend sich ergab, – und
danach wickelte Hans Castorp seinen Onkel wieder ein. Er wickelte ihn
ein, das war das Wort. Und in der Herbstsonne, auf einem Stuhl, dessen
Bequemlichkeit völlig unbestreitbar, ja höchst rühmenswert war, ließ er
ihn liegen, wie er selber lag, bis der erschütternde Gong zu einem
Mittagessen im Kreise der Patientenschaft rief, das sich als
erstklassig, tip-top und dermaßen ausgiebig erwies, daß der sich
anschließende General-Liegedienst mehr als äußerer Brauch, daß er innere
Notwendigkeit war und aus persönlichster Überzeugung geübt wurde. So
ging es fort bis zum gewaltigen Souper und zur Abendgeselligkeit im
Salon mit den optischen Scherzinstrumenten, – es gab gegen eine
Tagesordnung, die sich mit so milder Selbstverständlichkeit aufdrängte,
ganz einfach nichts zu erinnern, und auch dann hätte sie keine
Gelegenheit zu Einwänden geboten, wenn nicht des Konsuls kritische
Fähigkeiten durch ein Befinden herabgesetzt gewesen wären, das er nicht
geradezu Übelbefinden nennen wollte, das sich aber aus Müdigkeit und
Aufregung bei gleichzeitigen Hitze- und Frostgefühlen lästig
zusammensetzte.
Zur Herbeiführung der unruhig erwünschten Unterredung mit Hofrat Behrens
war der Dienstweg beschritten worden: Hans Castorp hatte beim
Bademeister den Antrag gestellt und dieser ihn der Oberin weitergegeben,
deren eigentümliche Bekanntschaft Konsul Tienappel bei dieser
Gelegenheit machte, dergestalt, daß sie auf seinem Balkon erschien, wo
sie ihn liegend fand und durch fremdartige Sitten die Wohlerzogenheit
des hilflos walzenförmig Gewickelten stark in Anspruch nahm. Das geehrte
Menschenskind, erfuhr er, möge sich gefälligst ein paar Tage gedulden,
der Hofrat sei besetzt, Operationen, Generaluntersuchungen, die leidende
Menschheit gehe vor, nach christlichen Grundsätzen, und da er ja
angeblich gesund sei, so müsse er sich schon daran gewöhnen, daß er hier
nicht Nummer Eins sei, sondern zurückstehen und warten müsse. Etwas
anderes, wenn er etwa eine Untersuchung beantragen wolle, – worüber sie,
Adriatica, sich weiter nicht wundern würde, er solle sie doch mal
ansehen, so, Auge in Auge, die seinen seien etwas trübe und flackernd,
und wie er da so vor ihr liege, sehe es alles in allem nicht viel anders
aus, als ob auch mit ihm nicht alles so ganz in Ordnung sei, nicht so
ganz _sauber_, er solle sie recht verstehen, – und ob es sich nun bei
seinem Antrage um eine Untersuchung oder um eine Privatunterhaltung
handle. – Um letzteres, selbstvers-tändlich, um eine Privatunterhaltung!
versicherte der Liegende. – Dann möge er warten, bis er Bescheid
bekomme. Zu Privatunterhaltungen habe der Hofrat selten Zeit.
Kurz, alles ging anders, als James es sich gedacht hatte, und das
Gespräch mit der Oberin hatte seinem Gleichgewicht einen nachhaltigen
Stoß versetzt. Zu zivilisiert, um dem Neffen, dessen Einigkeit mit den
Erscheinungen hier oben aus seiner unberührbaren Ruhe deutlich
hervorging, unhöflicherweise zu sagen, wie abschreckend ihm das
Frauenzimmer dünkte, klopfte er nur vorsichtig mit der Erkundigung bei
ihm an, die Oberin sei wohl eine recht originelle Dame, – was Hans
Castorp, nachdem er flüchtig prüfend in die Luft geblickt, ihm halbwegs
zugab, indem er die Frage zurückgab, ob die Mylendonk ihm ein
Thermometer verkauft habe. – „Nein, mir? Ist das ihre Branche?“
entgegnete der Onkel ... Aber das Schlimme war, wie deutlich aus seines
Neffen Miene hervorging, daß er sich auch dann nicht gewundert haben
würde, wenn geschehen wäre, wonach er fragte. „Uns friert nicht“, stand
in dieser Miene geschrieben. Den Konsul aber fror, ihn fror andauernd
bei heißem Kopfe, und er überlegte, daß, wenn die Oberin ihm tatsächlich
ein Thermometer angeboten hätte, er es gewiß zurückgewiesen haben würde,
daß dies aber am Ende nicht richtig gewesen wäre, da man ein fremdes,
zum Beispiel das des Neffen, zivilisierterweise nicht benutzen konnte.
So vergingen einige Tage, vier oder fünf. Das Leben des Sendboten lief
auf Schienen, – auf denen, die ihm gelegt waren, und daß es außerhalb
ihrer laufen könne, schien keine Denkbarkeit. Der Konsul hatte seine
Erlebnisse, gewann seine Eindrücke, – wir wollen ihn nicht weiter dabei
belauschen. Er hob eines Tages in Hans Castorps Zimmer ein schwarzes
Glasplättchen auf, das unter anderem kleinen Privatbesitz, womit der
Inhaber sein reinliches Heim geschmückt, gestützt von einer geschnitzten
Miniaturstaffelei, auf der Kommode stand und sich, gegen das Licht
erhoben, als photographisches Negativ erwies. „Was ist denn das?“ fragte
der Onkel betrachtend ... Er mochte wohl fragen! Das Porträt war ohne
Kopf, es war das Skelett eines menschlichen Oberkörpers in nebelhafter
Fleischeshülle, – ein weiblicher Torso übrigens, wie sich erkennen ließ.
„Das? Ein Souvenir“, antwortete Hans Castorp. Worauf der Onkel „Pardon!“
sagte, das Bildnis auf die Staffelei zurückstellte und sich rasch davon
entfernte. Dies nur als Beispiel für seine Erlebnisse und Eindrücke in
diesen vier oder fünf Tagen. Auch an einer _Conférence_ des Dr.
Krokowski nahm er teil, da es undenkbar war, sich davon auszuschließen.
Und was die erstrebte Privatunterhaltung mit Hofrat Behrens betraf, so
bekam er am sechsten Tage seinen Willen. Er wurde bestellt und stieg
nach dem Frühstück, entschlossen, ein ernstes Wort mit dem Manne wegen
seines Neffen und dessen Zeitverbrauchs zu reden, ins Souterrain hinab.
Als er wieder heraufkam, fragte er mit verminderter Stimme:
„Hast du so etwas schon gehört?!“
Aber es war klar, daß Hans Castorp bestimmt auch so etwas schon gehört
haben, daß ihn auch dabei nicht frieren werde, und so brach er ab und
antwortete auf des Neffen wenig gespannte Gegenerkundigung nur: „Nichts,
nichts“, zeigte aber von Stund an eine neue Gewohnheit: nämlich mit
zusammengezogenen Brauen und gespitzten Lippen irgendwohin schräg
aufwärts zu spähen, dann in heftiger Wendung den Kopf herumzuwerfen und
den beschriebenen Blick in die entgegengesetzte Richtung zu lenken ...
War auch die Unterredung mit Behrens anders verlaufen, als der Konsul
gedacht hatte? War auf die Dauer nicht nur von Hans Castorp, sondern
auch von ihm selbst, James Tienappel, die Rede gewesen, so, daß dem
Gespräch der Charakter als Privatunterhaltung verloren gegangen war?
Sein Benehmen ließ darauf schließen. Der Konsul zeigte sich stark
aufgeräumt, plauderte viel, lachte grundlos und stieß den Neffen mit der
Faust in die Weiche, indem er ausrief: „Hallo, alter Bursche!“
Zwischendurch hatte er jenen Blick, dahin und dann plötzlich dorthin.
Aber seine Augen gingen auch bestimmtere Wege, bei Tische wie auf den
Dienstwegen und bei der Abendgeselligkeit.
Der Konsul hatte einer gewissen Frau Redisch, Gattin eines polnischen
Industriellen, die am Tische der zur Zeit abwesenden Frau Salomon und
des gefräßigen Schülers mit der Rundbrille saß, anfangs keine besondere
Beachtung geschenkt; und in der Tat war sie nur eine Liegehallendame wie
eine andere, übrigens eine untersetzte und füllige Brünette, nicht mehr
die Jüngste, schon etwas angegraut, aber mit zierlichem Doppelkinn und
lebhaften braunen Augen. Kein Gedanke daran, daß sie sich im Punkte der
Zivilisation mit Frau Konsul Tienappel drunten im Flachlande hätte
messen können. Allein am Sonntag Abend, nach dem Souper, in der Halle,
hatte der Konsul, dank einem dekolletierten schwarzen Paillettenkleid,
das sie trug, die Entdeckung gemacht, daß Frau Redisch Brüste besaß,
mattweiße, stark zusammengepreßte Weibesbrüste, deren Teilung ziemlich
weit sichtbar gewesen war, und diese Entdeckung hatte den reifen und
feinen Mann bis in den Grund seiner Seele erschüttert und begeistert,
so, als habe es eine völlig neue, ungeahnte und unerhörte Bewandtnis
damit. Er suchte und machte Frau Redischs Bekanntschaft, unterhielt sich
lange mit ihr, zuerst im Stehen, dann im Sitzen, und ging singend
schlafen. Am nächsten Tage trug Frau Redisch kein schwarzes
Paillettenkleid mehr, sondern war verhüllt; aber der Konsul wußte, was
er wußte und blieb seinen Eindrücken treu. Er suchte die Dame auf den
Dienstwegen abzufangen, um sich plaudernd, auf eine besondere,
angelegentliche und charmante Art ihr zugewandt und zugeneigt, neben ihr
zu bewegen, trank ihr bei Tische zu, was sie erwiderte, indem sie
lächelnd die Goldkapseln blitzen ließ, mit denen mehrere ihrer Zähne
überkleidet waren, und erklärte sie im Gespräch mit seinem Neffen
geradezu für ein „göttliches Weib“, – worauf er wieder zu singen begann.
Dies alles ließ Hans Castorp sich in ruhiger Duldsamkeit gefallen, mit
einer Miene, als müsse es so sein. Aber die Autorität des älteren
Verwandten konnte es wenig stärken, und mit des Konsuls Sendung stimmte
es schlecht überein.
Die Mahlzeit, bei der er Frau Redisch mit erhobenem Glase grüßte, und
zwar zweimal: beim Fischragout und später beim Sorbett, war dieselbe,
die Hofrat Behrens am Tische Hans Castorps und seines Gastes einnahm, –
er hospitierte ja immer reihum an jedem der sieben, und überall war das
Gedeck an der oberen Schmalseite ihm vorbehalten. Die riesigen Hände vor
seinem Teller gefaltet, saß er mit seinem geschürzten Bärtchen zwischen
Herrn Wehsal und dem mexikanischen Buckligen, mit dem er spanisch sprach
– denn er beherrschte alle Sprachen, auch Türkisch und Ungarisch, – und
sah mit blau quellenden, rot unterlaufenen Augen zu, wie Konsul
Tienappel Frau Redisch drüben mit seinem Bordeauxglase salutierte.
Später im Laufe des Essens hielt der Hofrat einen kleinen Vortrag,
angefeuert dazu durch James, der ihm über die ganze Länge des Tisches
hin aus dem Stegreif die Frage vorlegte, wie es sei, wenn der Mensch
verwese. Der Hofrat habe doch das Körperliche studiert, der Körper sei
ganz ausgesprochen seine Branche, er sei sozusagen eine Art Körperfürst,
wenn man sich so ausdrücken dürfe, und nun solle er mal erzählen, wie es
so zugehe, wenn der Körper sich auflöse!
„Vor allen Dingen platzt Ihnen der Bauch“, versetzte der Hofrat, bei
aufgelegten Ellbogen über seine gefalteten Hände gebeugt. „Sie liegen da
auf Ihren Hobelspänen und Ihrem Sägemehl, und die Gase, verstehen Sie,
treiben Sie auf, sie blähen Sie mächtig, so wie böse Bengels es mit
Fröschen machen, denen sie Luft einblasen – der reine Ballon sind Sie
schließlich, und dann hält Ihre Bauchdecke die Hochspannung nicht mehr
aus und platzt. Pardautz, Sie erleichtern sich merklich, Sie machen es
wie Judas Ischarioth, als er vom Aste fiel, Sie schütten sich aus. Tja,
und danach sind Sie eigentlich wieder gesellschaftsfähig. Wenn Sie
Urlaub bekämen, so könnten Sie Ihre Hinterbliebenen besuchen, ohne
weiter Anstoß zu erregen. Man nennt das ausgestunken haben. Begibt man
sich danach an die Luft, so wird man noch wieder ein ganz feiner Kerl,
wie die Bürger von Palermo, die in den Kellergängen der Kapuziner vor
Porta Nuova hängen. Trocken und elegant hängen sie da und genießen die
allgemeine Achtung. Es kommt nur darauf an, ausgestunken zu haben.“
„Selbstvers-tändlich!“ sagte der Konsul. „Ich danke verbindlichst!“ Und
am nächsten Morgen war er verschwunden.
Er war weg, verreist, mit dem allerfrühesten Züglein in die Ebene
hinunter – natürlich nicht ohne seine Angelegenheiten geordnet zu haben:
wer käme auf andere Gedanken! Er hatte seine Rechnung bereinigt, für
eine stattgehabte Untersuchung das Honorar erlegt, hatte in aller
Stille, ohne seinem Verwandten ein Sterbenswörtchen zu sagen, seine
beiden Handkoffer in Bereitschaft gesetzt – wahrscheinlich war das
abends oder gegen Morgen zu noch nachtschlafener Zeit geschehen – und
als Hans Castorp um die Stunde des ersten Frühstücks das Zimmer des
Onkels betrat, fand er es geräumt.
Mit eingestemmten Armen stand er und sagte „So, so“. Hier war es, daß
ein melancholisches Lächeln sich in seinen Zügen hervorbildete. „Ach
so“, sagte er und nickte. Da hatte einer Fersengeld gegeben. Hals über
Kopf, in stummer Eile, als müsse er die Entschlußkraft eines Augenblicks
wahrnehmen und dürfe beileibe diesen Augenblick nicht verpassen, hatte
er seine Sachen in die Koffer geworfen und war davon: allein, nicht zu
zweien, nicht nach Erfüllung seiner ehrenhaften Sendung, aber heilfroh,
auch nur allein davonzukommen, der Biedermann und Flüchtling zur
Flachlandsfahne, Onkel James. Na, glückliche Reise!
Hans Castorp ließ niemanden merken, daß er von dem bevorstehenden
Aufbruch des Verwandtenbesuches nichts gewußt hatte, besonders den
Hinkenden nicht, der den Konsul zum Bahnhof begleitet. Er bekam eine
Karte vom Bodensee, des Inhaltes, James habe ein Telegramm erhalten, das
ihn per sofort geschäftlich in die Ebene berufen habe. Er habe den
Neffen nicht stören wollen. – Eine Formlüge. – „Angenehmen Aufenthalt
auch weiterhin!“ – War das Spott? Dann war es ein recht erkünstelter
Spott, fand Hans Castorp, denn dem Onkel war bestimmt nicht nach Spott
und Spaß zu Sinn gewesen, als er sich in die Abreise gestürzt hatte,
sondern er hatte wahrgenommen, innerlich und vorstellungsweise mit
blassem Entsetzen wahrgenommen, daß, wenn er jetzt, nach achttägigem
Aufenthalte hier oben, ins Flachland zurückkehrte, es ihm eine gute
Weile dort unten völlig falsch, unnatürlich und unerlaubt scheinen
werde, nach dem Frühstück keinen dienstlichen Lustwandel anzutreten und
sich dann nicht, auf rituelle Art in Decken gewickelt, wagerecht ins
Freie zu legen, sondern statt dessen sein Kontor aufzusuchen. Und diese
erschreckende Wahrnehmung war der unmittelbare Grund seiner Flucht
gewesen.
So endete der Versuch des Flachlandes, den außengebliebenen Hans Castorp
wieder einzuholen. Der junge Mann machte sich kein Hehl daraus, daß der
vollkommene Fehlschlag, den er vorhergesehen, für sein Verhältnis zu
denen dort unten von entscheidender Bedeutung war. Er bedeutete für das
Flachland achselzuckend-endgültigen Verzicht, für ihn aber die
vollendete Freiheit, vor welcher sein Herz nachgerade nicht mehr
erbebte.
_Operationes spirituales_
Leo Naphta stammte aus einem kleinen Ort in der Nähe der
galizisch-wolhynischen Grenze. Sein Vater, von dem er mit Achtung
sprach, offenbar in dem Gefühl, seiner ursprünglichen Welt nachgerade
weit genug entwachsen zu sein, um wohlwollend darüber urteilen zu
können, war dort _schochet_, Schächter, gewesen – und wie sehr hatte
dieser Beruf sich von dem des christlichen Fleischers unterschieden, der
Handwerker und Geschäftsmann war. Nicht ebenso Leos Vater. Er war
Amtsperson und zwar eine solche geistlicher Art. Vom Rabbiner geprüft in
seiner frommen Fertigkeit, von ihm bevollmächtigt, schlachtbares Vieh
nach dem Gesetze Mosis, gemäß den Vorschriften des Talmud zu töten,
hatte Elia Naphta, dessen blaue Augen nach des Sohnes Schilderung einen
Sternenschein ausgestrahlt hatten, von stiller Geistigkeit erfüllt
gewesen waren, selbst etwas Priesterliches in sein Wesen aufgenommen,
eine Feierlichkeit, die daran erinnert hatte, daß in Urzeiten das Töten
von Schlachttieren in der Tat eine Sache der Priester gewesen war. Wenn
Leo, oder Leib, wie er in seiner Kindheit genannt worden war, hatte
zusehen dürfen, wie der Vater auf seinem Hof mit Hilfe eines gewaltigen
Knechtes, eines jungen Mannes von athletischem jüdischen Schlage, neben
dem der schmächtige Elia mit seinem blonden Rundbart noch zierlicher und
zarter erschien, seines rituellen Amtes waltete, wie er gegen das
gefesselte und geknebelte, aber nicht betäubte Tier das große
Schachotmesser schwang und es zu tiefem Schnitt in die Gegend des
Halswirbels traf, während der Knecht das hervorbrechende, dampfende Blut
in rasch sich füllenden Schüsseln auffing, hatte er dies Schauspiel mit
jenem Kinderblick aufgenommen, der durch das Sinnliche ins Wesentliche
dringt und dem Sohn des sternäugigen Elia in besonderem Maße zu eigen
gewesen sein mochte. Er wußte, daß die christlichen Fleischer gehalten
waren, ihre Tiere mit dem Schlag einer Keule oder eines Beiles bewußtlos
zu machen, bevor sie sie töteten, und daß diese Vorschrift ihnen gegeben
war, damit Tierquälerei und Grausamkeit vermieden werde; während sein
Vater, obgleich so viel zarter und weiser, als jene Lümmel, dazu
sternenäugig, wie keiner von ihnen, nach dem Gesetz handelte, indem er
der Kreatur bei unbetäubten Sinnen den Schlachtschnitt versetzte und sie
so sich ausbluten ließ, bis sie hinsank. Der Knabe Leib empfand, daß die
Methode jener plumpen Gojim von einer läßlichen und profanen
Gutmütigkeit bestimmt war, mit der dem Heiligen nicht die gleiche Ehre
erwiesen wurde wie mit der feierlichen Mitleidslosigkeit im Brauche des
Vaters, und die Vorstellung der Frömmigkeit verband sich ihm so mit der
der Grausamkeit, wie sich in seiner Phantasie der Anblick und Geruch
sprudelnden Blutes mit der Idee des Heiligen und Geistigen verband. Denn
er sah wohl, daß der Vater sein blutiges Handwerk nicht aus dem brutalen
Geschmack, den leibesstarke Christenburschen oder auch sein eigener
jüdischer Knecht daran finden mochten, erwählt hatte, sondern
geistigerweise und, bei zarter Leibesbeschaffenheit, im Sinn seiner
Sternenaugen.
Wirklich war Elia Naphta ein Grübler und Sinnierer gewesen, ein
Erforscher der Thora nicht nur, sondern auch ein Kritiker der Schrift,
der mit dem Rabbiner über ihre Sätze disputierte und nicht selten in
Streit mit ihm geriet. In der Gegend, und zwar nicht nur bei seinen
Glaubensgenossen, hatte er für etwas Besonderes gegolten, für einen, der
mehr wußte, als andere – frommerweise zum Teil, zum anderen aber auch
auf eine Art, die nicht ganz geheuer sein mochte und jedenfalls nicht in
der gewöhnlichen Ordnung war. Etwas sektiererisch Unregelmäßiges haftete
ihm an, etwas von einem Gottesvertrauten, Baal-Schem oder Zaddik, das
ist Wundermann, zumal er in der Tat einmal ein Weib von bösem
Ausschlage, ein andermal einen Knaben von Krämpfen geheilt hatte und
zwar mit Blut und Sprüchen. Aber eben dieser Nimbus einer irgendwie
gewagten Frömmigkeit, bei welchem der Blutgeruch seines Gewerbes eine
Rolle spielte, war sein Verderben geworden. Denn bei Gelegenheit einer
Volksbewegung und Wutpanik, hervorgerufen durch den unaufgeklärten Tod
zweier Christenkinder, war Elia auf schreckliche Weise ums Leben
gekommen: mit Nägeln gekreuzigt, hatte man ihn an der Tür seines
brennenden Hauses hängend gefunden, worauf sein Weib, obgleich
schwindsüchtig und bettlägerig, mit ihren Kindern, dem Knaben Leib und
seinen vier Geschwistern, sämtlich mit erhobenen Armen schreiend und
wehklagend, landflüchtig geworden war.
Nicht ganz und gar mittellos, dank Elias Vorsorge, war die geschlagene
Familie in einem Städtchen des Vorarlbergs zur Ruhe gekommen, wo Frau
Naphta in einer Baumwollspinnerei Arbeit gefunden hatte, der sie
nachging, soweit und solange ihre Kräfte es ihr erlaubten, während die
größeren Kinder die Volksschule besuchten. Wenn aber die geistigen
Darreichungen dieser Anstalt der Verfassung und den Bedürfnissen von
Leos Geschwistern hatten genügen mögen, so war, was ihn selbst, den
Ältesten betraf, dies bei weitem nicht der Fall gewesen. Von der Mutter
hatte er den Keim der Brustkrankheit, vom Vater aber, außer der
Zierlichkeit der Gestalt, einen außerordentlichen Verstand geerbt,
Geistesgaben, die sich früh mit hoffärtigen Instinkten, höherem Ehrgeiz,
bohrender Sehnsucht nach vornehmeren Daseinsformen verbanden und ihn
über die Sphäre seiner Herkunft leidenschaftlich hinausstreben ließen.
Neben der Schule hatte der Vierzehn- und Fünfzehnjährige durch Bücher,
die er sich zu verschaffen gewußt, seinen Geist auf regellose und
ungeduldige Weise fortgebildet, seinem Verstand Nährstoff zugeführt. Er
dachte und äußerte Dinge, die seine hinkränkelnde Mutter veranlaßten,
den Kopf schief zwischen die Schultern zu ziehen und beide abgezehrten
Hände emporzuspreizen. Durch sein Wesen, seine Antworten fesselte er im
Religionsunterricht die Aufmerksamkeit des Kreisrabbiners, eines frommen
und gelehrten Menschen, der ihn zu seinem Privatschüler machte und
seinen formalen Trieb mit hebräischem und klassischem Sprachunterricht,
seinen logischen mit mathematischer Anleitung sättigte. Dafür aber hatte
der gute Mann recht schlimmen Dank geerntet; es stellte sich je länger
je mehr heraus, daß er eine Schlange an seinem Busen genährt hatte. Wie
einst zwischen Elia Naphta und seinem Rabbi, so ging es nun hier: man
vertrug sich nicht, es kam zwischen Lehrer und Schüler zu religiösen und
philosophischen Reibereien, die sich immer verschärften, und der
redliche Schriftgelehrte hatte unter der geistigen Aufsässigkeit, der
Krittel- und Zweifelsucht, dem Widerspruchsgeist, der schneidenden
Dialektik des jungen Leo das Erdenklichste zu leiden. Hinzu kam, daß
Leos Spitzfindigkeit und geistiges Wühlertum neuestens ein
revolutionäres Gepräge angenommen hatten: die Bekanntschaft mit dem Sohn
eines sozialdemokratischen Reichsratsmitgliedes und mit diesem
Massenhelden selbst hatte seinen Geist auf politische Pfade gelenkt,
seiner logischen Leidenschaft eine gesellschaftskritische Richtung
gegeben; er führte Reden, die dem guten Talmudisten, dem die eigene
Loyalität teuer war, die Haare zu Berge steigen ließen und dem
Einvernehmen zwischen Lehrer und Schüler den Rest gaben. Kurz, es war
dahin gekommen, daß Naphta von dem Meister verstoßen, auf immer seines
Studierzimmers verwiesen worden war, und zwar gerade um die Zeit, als
seine Mutter, Rahel Naphta, im Sterben lag.
Damals aber auch, unmittelbar nach dem Verscheiden der Mutter, hatte Leo
die Bekanntschaft des Paters Unterpertinger gemacht. Der Sechzehnjährige
saß einsam auf einer Bank in den Parkanlagen des sogenannten
Margaretenkopfes, einer Anhöhe westlich des Städtchens, am Ufer der Ill,
von wo man einen weiten und heiteren Ausblick über das Rheintal genoß, –
saß dort, verloren in trübe und bittere Gedanken über sein Geschick,
seine Zukunft, als ein spazierendes Mitglied des Lehrkörpers vom
Pensionat der Gesellschaft Jesu, genannt „Morgenstern“, neben ihm Platz
nahm, seinen Hut neben sich legte, ein Bein unter dem Weltpriesterkleid
über das andere schlug und nach einiger Lektüre in seinem Brevier eine
Unterhaltung begann, die sich sehr lebhaft entwickelte und für Leos
Schicksal entscheidend werden sollte. Der Jesuit, ein umgetriebener Mann
von gebildeten Formen, Pädagog aus Passion, ein Menschenkenner und
Menschenfischer, horchte auf bei den ersten höhnisch klar artikulierten
Sätzen, mit denen der armselige Judenjüngling seine Fragen beantwortete.
Eine scharfe und gequälte Geistigkeit wehte ihn daraus an, und
weiterdringend stieß er auf ein Wissen und eine boshafte Eleganz des
Denkens, die durch das abgerissene Äußere des jungen Menschen nur noch
überraschender wurde. Man sprach von Marx, dessen „Kapital“ Leo Naphta
in einer Volksausgabe studiert hatte, und kam von ihm auf Hegel, von dem
oder über den er ebenfalls genug gelesen, um einiges Markante über ihn
äußern zu können. Sei es aus allgemeinem Hang zur Paradoxie oder aus
höflicher Absicht, – er nannte Hegel einen „katholischen“ Denker; und
auf die lächelnde Frage des Paters, wie das begründet werden könne, da
doch Hegel als preußischer Staatsphilosoph wohl recht eigentlich und
wesentlich als Protestant zu gelten habe, erwiderte er: gerade das Wort
„Staatsphilosoph“ bekräftige, daß er im religiösen, wenn auch natürlich
nicht im kirchlich-dogmatischen Sinn mit seiner Behauptung von Hegels
Katholizität im Rechte sei. _Denn_ (diese Konjunktion liebte Naphta ganz
besonders; sie gewann etwas Triumphierend-Unerbittliches in seinem
Munde, und seine Augen hinter den Brillengläsern blitzten auf, jedesmal,
wenn er sie einfügen konnte), denn der Begriff des Politischen sei mit
dem des Katholischen psychologisch verbunden, sie bildeten eine
Kategorie, die alles Objektive, Werkhafte, Tätige, Verwirklichende, ins
Äußere Wirkende umfasse. Ihr gegenüber stehe die pietistische, aus der
Mystik hervorgegangene, protestantische Sphäre. Im Jesuitentum, fügte er
hinzu, werde das politisch-pädagogische Wesen des Katholizismus evident;
Staatskunst und Erziehung habe dieser Orden immer als seine Domänen
betrachtet. Und er nannte noch Goethe, der, im Pietismus wurzelnd und
gewiß Protestant, eine stark katholische Seite besessen habe, nämlich
kraft seines Objektivismus und seiner Tätigkeitslehre. Er habe die
Ohrenbeichte verteidigt und sei als Erzieher ja beinahe Jesuit gewesen.
Mochte Naphta diese Dinge vorgebracht haben, weil er daran glaubte, oder
weil er sie witzig fand, oder um seinem Zuhörer nach dem Munde zu reden,
als ein Armer, der schmeicheln muß und wohl berechnet, wie er sich
nützen, wie schaden kann: der Pater hatte sich um ihren Wahrheitswert
weniger gekümmert, als um die allgemeine Gescheitheit, von der sie
zeugten; das Gespräch hatte sich fortgesponnen, Leos persönliche
Umstände waren dem Jesuiten bald bekannt gewesen, und die Begegnung
hatte mit der Aufforderung Unterpertingers an Leo geschlossen, ihn im
Pädagogium zu besuchen.
So hatte Naphta den Boden der _Stella matutina_ betreten dürfen, deren
wissenschaftlich und gesellschaftlich anspruchsvolle Atmosphäre
vorstellungsweise längst seine Sehnsucht gereizt hatte; und mehr: es war
ihm durch diese Wendung der Dinge ein neuer Lehrer und Gönner beschert
worden, weit besser aufgelegt, als der vormalige, sein Wesen zu schätzen
und zu fördern, ein Meister, dessen Güte, kühl ihrer Natur nach, auf
Weltläufigkeit beruhte, und in dessen Lebenskreis einzudringen er größte
Begierde empfand. Gleich vielen geistreichen Juden war Naphta von
Instinkt zugleich Revolutionär und Aristokrat; Sozialist – und zugleich
besessen von dem Traum, an stolzen und vornehmen, ausschließlichen und
gesetzvollen Daseinsformen teilzuhaben. Die erste Äußerung, welche die
Gegenwart eines katholischen Theologen ihm entlockt hatte, war, obgleich
sie sich rein analytisch-vergleichend gegeben hatte, eine
Liebeserklärung an die römische Kirche gewesen, die er als eine zugleich
vornehme und geistige, das heißt anti-materielle, gegenwirkliche und
gegen-weltliche, also revolutionäre Macht empfand. Und diese Huldigung
war echt und stammte aus seines Wesens Mitte; denn, wie er selbst
auseinandersetzte, stand das Judentum kraft seiner Richtung aufs
Irdisch-Sachliche, seines Sozialismus, seiner politischen Geistigkeit
der katholischen Sphäre weit näher, war ihr ungleich verwandter, als der
Protestantismus in seiner Versenkungssucht und mystischen Subjektivität,
– wie denn also auch die Konversion eines Juden zur römischen Kirche
entschieden einen geistlich zwangloseren Vorgang bedeutete, als die
eines Protestanten.
Entzweit mit dem Hirten seiner ursprünglichen Religionsgemeinschaft,
verwaist und verlassen, dazu voller Verlangen nach reinerer Lebensluft,
nach Daseinsformen, auf die seine Gaben ihm Anrecht verliehen, war
Naphta, der das gesetzliche Unterscheidungsalter ja längst erreicht
hatte, zum konfessionellen Übertritt so ungeduldig bereit, daß sein
„Entdecker“ sich jeder Mühe überhoben sah, diese Seele, oder vielmehr
diesen ungewöhnlichen Kopf für die Welt seines Bekenntnisses zu
gewinnen. Schon bevor er die Taufe empfing, hatte Leo auf Betreiben des
Paters in der „_Stella_“ vorläufige Unterkunft, leibliche und geistige
Versorgung, gefunden. Er war dorthin übergesiedelt, indem er seine
jüngeren Geschwister mit größter Gemütsruhe, mit der Unempfindlichkeit
des Geistesaristokraten der Armenpflege und einem Schicksal überließ,
wie es ihrer minderen Begabung gebührte.
Grund und Boden der Erziehungsanstalt waren weitläufig, wie ihre
Baulichkeiten, die Raum für gegen vierhundert Zöglinge boten. Der
Komplex umfaßte Wälder und Weideland, ein halbes Dutzend Spielplätze,
landwirtschaftliche Gebäude, Ställe für Hunderte von Kühen. Das Institut
war zugleich Pensionat, Mustergut, Sportakademie, Gelehrtenschule und
Musentempel; denn beständig gab es Theater und Musik. Das Leben hier war
herrschaftlich-klösterlich. Mit seiner Zucht und Eleganz, seiner
heiteren Gedämpftheit, seiner Geistigkeit und Wohlgepflegtheit, der
Genauigkeit seiner abwechslungsreichen Tageseinteilung schmeichelte es
Leos tiefsten Instinkten. Er war überglücklich. Er erhielt seine
vortrefflichen Mahlzeiten in einem weiten Refektorium, wo
Schweigepflicht herrschte, wie auf den Gängen der Anstalt, und in dessen
Mitte ein junger Präfekt auf hohem Katheder sitzend die Essenden mit
Vorlesen unterhielt. Sein Eifer beim Unterricht war brennend, und trotz
einer Brustschwäche bot er alles auf, um nachmittags bei Spiel und Sport
seinen Mann zu stehen. Die Devotion, mit der er alltäglich die Frühmesse
hörte und Sonntags am feierlichen Amte teilnahm, mußte die
Väter-Pädagogen erfreuen. Seine gesellschaftliche Haltung befriedigte
sie nicht weniger. An Festtagen, nachmittags, nach dem Genuß von Kuchen
und Wein, ging er in grau und grüner Uniform, mit Stehkragen,
Hosenstreifen und Käppi, in Reihe und Glied spazieren.
Dankbares Entzücken erfüllte ihn angesichts der Schonung, die seiner
Herkunft, seinem jungen Christentum, seinen persönlichen Verhältnissen
überhaupt zuteil wurde. Daß es ein Freiplatz war, den er in der Anstalt
einnahm, schien niemand zu wissen. Die Hausgesetze lenkten die
Aufmerksamkeit seiner Kameraden von der Tatsache ab, daß er ohne
Familienanhang, ohne Heimat war. Das Empfangen von Paketen mit
Lebensmitteln und Leckereien war allgemein verboten. Was etwa dennoch
kam, wurde verteilt, und auch Leo erhielt davon. Der Kosmopolitismus der
Anstalt verhinderte jedes auffällige Hervortreten seines Rassengepräges.
Es waren da junge Exoten, portugiesische Südamerikaner, die „jüdischer“
aussahen als er, und so kam dieser Begriff abhanden. Der äthiopische
Prinz, der gleichzeitig mit Naphta Aufnahme gefunden hatte, war sogar
ein wolliger Mohrentyp, dabei aber sehr vornehm.
In der Rhetorischen Klasse gab Leo den Wunsch zu erkennen, Theologie zu
studieren, um, wenn er irgend würdig befunden werde, dereinst dem Orden
anzugehören. Dies hatte zur Folge, daß man seinen Freiplatz aus dem
„Zweiten Pensionat“, dessen Kosten und Lebenshaltung bescheidener waren,
in das „Erste“ verlegte. Bei Tische wurde ihm nun von Dienern serviert,
und sein Schlafabteil stieß einerseits an das eines schlesischen Grafen
von Harbuval und Chamaré, andererseits an das eines Marquis di
Rangoni-Santacroce aus Modena. Er absolvierte glänzend und vertauschte,
getreu seinem Entschluß, das Zöglingsleben des Pädagogiums mit dem des
Noviziathauses im benachbarten Tisis, einem Leben dienender Demut,
schweigender Unterordnung und religiösen Trainings, dem er geistige
Lüste im Sinne früher fanatischer Konzeptionen abgewann.
Unterdessen aber litt seine Gesundheit – und zwar weniger unmittelbar,
durch die Strenge des Prüflingslebens, in dem es an körperlicher
Erfrischung nicht fehlte, als von innen her. Die Erziehungspraktiken,
deren Gegenstand er war, kamen in ihrer Klugheit und Spitzfindigkeit
seinen persönlichen Anlagen entgegen und forderten sie zugleich heraus.
Bei den geistigen Operationen, mit denen er seine Tage und noch einen
Teil seiner Nächte verbrachte, bei all diesen Gewissenserforschungen,
Betrachtungen, Erwägungen und Beschauungen verstrickte er sich mit
boshaft querulierender Leidenschaft in tausend Schwierigkeiten,
Widersprüche und Streitfälle. Er war die Verzweiflung – wenn auch
zugleich die große Hoffnung – seines Exerzitienleiters, dem er mit
seiner dialektischen Wut und seinem Mangel an Einfalt alltäglich die
Hölle heiß machte. „_Ad haec quid tu?_“ fragte er mit funkelnden
Brillengläsern ... Und dem in die Enge getriebenen Pater blieb nichts
übrig, als ihn zum Gebet zu ermahnen, damit er zur Ruhe der Seele
gelange – „_ut in aliquem gradum quietis in anima perveniat_“. Allein
diese „Ruhe“ bestand, wenn sie erreicht wurde, in einer vollständigen
Abstumpfung des Eigenlebens und Abtötung zum bloßen Werkzeuge, einem
geistigen Kirchhofsfrieden, dessen unheimliche äußere Merkmale Bruder
Naphta in mancher hohl blickenden Physiognomie seiner Umgebung studieren
konnte, und die zu erreichen ihm nie gelingen würde, es sei denn auf dem
Wege körperlichen Ruins.
Es sprach für den geistigen Rang seiner Vorgesetzten, daß diese Anstände
und Beschwerden seinem Ansehen bei ihnen keinen Abbruch taten. Der Pater
Provinzial selbst zitierte ihn am Ende des zweijährigen Noviziates zu
sich, unterhielt sich mit ihm, genehmigte seine Aufnahme in den Orden;
und der junge Scholastiker, der vier niedere Weihen, nämlich die eines
Türhüters, Meßdieners, Vorlesers und Teufelsbeschwörers empfangen, auch
die „einfachen“ Gelübde abgelegt hatte und der Sozietät nun endgültig
angehörte, ging nach dem Kollegienhause des holländischen Falkenburg ab,
um sein theologisches Studium aufzunehmen.
Damals war er zwanzigjährig, und drei Jahre später hatte unter dem
Einfluß eines ihm gefährlichen Klimas und geistiger Anstrengungen sein
ererbtes Leiden solche Fortschritte gemacht, daß sein Verbleib sich bei
Lebensgefahr verbot. Ein Blutsturz, den er erlitt, alarmierte seine
Oberen, und nachdem er wochenlang zwischen Leben und Tod geschwebt,
schickten sie den notdürftig Genesenen an seinen Ausgangspunkt zurück.
In derselben Erziehungsanstalt, deren Schüler er gewesen, fand er als
Präfekt, als Aufseher der Alumnen und Lehrer der Humaniora und
Philosophie Verwendung. Diese Einschaltung war ohnedies Vorschrift, nur,
daß man von solcher Dienstleistung gemeinhin nach wenigen Jahren ins
Kolleg zurückkehrte, um das siebenjährige Gottesstudium fortzuführen und
abzuschließen. Dies war dem Bruder Naphta verwehrt. Er kränkelte fort;
Arzt und Obere urteilten, der Dienst hier am Orte, in gesunder Luft mit
den Zöglingen und bei landwirtschaftlicher Betätigung, sei der ihm
vorläufig angemessene. Er empfing wohl die erste höhere Weihe, gewann
das Recht, am Sonntag beim feierlichen Amt die Epistel zu singen, – ein
Recht, das er übrigens nicht ausübte, erstens, weil er vollständig
unmusikalisch war und dann auch, weil die krankhafte Brüchigkeit seiner
Stimme ihn zum Singen wenig geschickt machte. Über das Subdiakonat aber
brachte er es nicht hinaus, – weder zum Diakonat noch gar zur
Priesterweihe; und da die Blutung sich wiederholte, auch das Fieber
nicht schwinden wollte, so hatte er auf Ordenskosten zu längerer Kur
hier oben Aufenthalt genommen, und sie zog sich hin in das sechste Jahr
– kaum noch als Kur, sondern bereits und nachgerade im Sinne
kategorischer Lebensbedingung, in dünner Höhe, beschönigt durch einige
Tätigkeit als Lateinlehrer am Krankengymnasium ...
* * * * *
Diese Dinge nebst Weiterem und Genauerem erfuhr Hans Castorp
gesprächsweise von Naphta selbst, wenn er ihn in der seidenen Zelle
besuchte, allein und auch in Begleitung seiner Tischgenossen Ferge und
Wehsal, die er dort eingeführt hatte; oder wenn er ihm auf einem
Lustwandel begegnete und in seiner Gesellschaft gegen „Dorf“
zurückpilgerte, – erfuhr sie gelegentlich, in Bruchstücken und in Form
zusammenhängender Erzählungen und fand sie nicht nur für seine Person
hoch merkwürdig, sondern ermunterte auch Ferge und Wehsal, sie so zu
finden, was sie auch taten: jener freilich, indem er einschränkend in
Erinnerung brachte, daß alles Höhere ihm fern liege (denn das Erlebnis
des Pleurachoks war es allein, was ihn je über das menschlich
Anspruchsloseste hinaus gesteigert hatte), dieser dagegen mit
sichtlichem Wohlgefallen an der Glückslaufbahn eines einst Gedrückten,
die nun allerdings, damit die Bäume nicht in den Himmel wuchsen, zu
stocken und in dem gemeinsamen Körperübel zu versanden schien.
Hans Castorp für sein Teil bedauerte diesen Stillstand und gedachte mit
Stolz und Sorge des ehrliebenden Joachim, der mit heldenmütiger
Kraftanstrengung des Rhadamanthys zähes Gewebe von Rederei zerrissen
hatte und zu seiner Fahne geflohen war, an deren Schaft er, in Hans
Castorps Vorstellung, sich nun klammerte, drei Finger seiner Rechten zum
Treuschwur erhoben. Auch Naphta hatte zu einer Fahne geschworen, auch er
war unter eine solche aufgenommen worden, wie er selbst sich ausdrückte,
wenn er Hans Castorp über das Wesen seines Ordens unterrichtete; aber
offenbar war er ihr weniger treu, mit seinen Abweichungen und
Kombinationen, als Joachim der seinen, – während freilich Hans Castorp,
wenn er dem _ci devant-_ oder Zukunftsjesuiten zuhörte, als Zivilist und
Kind des Friedens sich in seiner Meinung bestärkt fand, daß jeder von
beiden an dem Beruf und Stande des anderen Gefallen finden und ihn als
dem eigenen nahe verwandt hätte verstehen müssen. Denn das waren
militärische Stände, der eine wie der andere, und zwar in allerlei Sinn:
in dem der „Askese“ sowohl als dem der Rangordnung, des Gehorsams und
der spanischen Ehre. Letztere namentlich waltete mächtig ob in Naphtas
Orden, welcher ja auch aus Spanien stammte, und dessen geistliches
Exerzierreglement, eine Art Gegenstück zu dem, welches später der
preußische Friederich für seine Infanterie erlassen, ursprünglich in
spanischer Sprache abgefaßt worden war, weshalb denn Naphta bei seinen
Erzählungen und Belehrungen sich spanischer Ausdrücke öfters bediente.
So sprach er von den „_dos banderas_“, von den „zwei Fahnen“, um welche
die Heere sich zum großen Feldzuge scharten: das höllische und das
geistliche; in der Gegend von Jerusalem dieses, wo Christus, der
„_capitan general_“ aller Guten kommandierte, – in der Ebene von Babylon
das andere, wo Luzifer den „_caudillo_“ oder Häuptling machte ...
War nicht die Anstalt „Morgenstern“ ein richtiges Kadettenhaus gewesen,
dessen Zöglinge, abgeteilt in „Divisionen“, zu geistlich-militärischer
_bienséance_ ehrenhaft waren angehalten worden, – eine Verbindung von
„Steifem Kragen“ und „Spanischer Krause“, wenn man so sagen durfte? Die
Idee der Ehre und Auszeichnung, die in Joachims Stande eine so glänzende
Rolle spielte, – wie deutlich, dachte Hans Castorp, tat sie sich hervor
auch in dem, worin Naphta es leider krankheitshalber nicht weit gebracht
hatte! Hörte man ihn, so setzte der Orden sich aus lauter höchst
ehrgeizigen Offizieren zusammen, die nur von dem einen Gedanken beseelt
waren, sich im Dienste auszuzeichnen. („_Insignes esse_“ hieß es
lateinisch.) Nach der Lehre und dem Reglement des Stifters und ersten
Generals, des spanischen Loyola, taten sie mehr, taten herrlicheren
Dienst als all diejenigen, die nur nach ihrer gesunden Vernunft
handelten. Vielmehr verrichteten sie ihr Werk „_ex supererogatione_“,
über Gebühr, nämlich indem sie nicht nur schlechthin der Empörung des
Fleisches („_rebellio carnis_“) Widerstand leisteten, was eben nicht
mehr, als Sache jedes durchschnittlich gesunden Menschenverstandes war,
sondern dadurch, daß sie kämpfend schon gegen die Neigungen der
Sinnlichkeit, der Eigen- und Weltliebe handelten, auch in Dingen, die
gemeinhin erlaubt sind. Denn kämpfend gegen den Feind handeln, „_agere
contra_“, _angreifen_ also, war mehr und ehrenhafter, als nur sich
verteidigen („_resistere_“). Den Feind schwächen und brechen! hieß es in
der Felddienstvorschrift, und ihr Verfasser, der spanische Loyola, war
da wieder ganz eines Sinnes mit Joachims _capitan general_, dem
preußischen Friederich und seiner Kriegsregel „Angriff! Angriff!“ „Dem
Feind in den Hosen gesessen!“ „_Attaquez donc toujours!_“
Was aber der Welt Naphtas und derjenigen Joachims namentlich gemeinsam
war, das war ihr Verhältnis zum Blute und ihr Axiom, daß man seine Hand
nicht solle davon zurückhalten: darin besonders stimmten sie als Welten,
Orden und Stände hart überein, und für ein Kind des Friedens war es sehr
hörenswert, wie Naphta von kriegerischen Mönchstypen des Mittelalters
erzählte, welche, asketisch bis zur Erschöpfung und dabei voll
geistlicher Machtbegier, des Blutes nicht hatten schonen wollen, um den
Gottesstaat, die Weltherrschaft des Übernatürlichen herbeizuführen; von
streitbaren Tempelherren, die den Tod im Kampf gegen die Ungläubigen für
verdienstvoller als den im Bette geachtet hatten und, um Christi willen
getötet zu werden oder zu töten, für kein Verbrechen, sondern für
höchsten Ruhm. Nur gut, wenn Settembrini bei diesen Reden nicht zugegen
war! Er gab sonst nur wieder den störenden Drehorgelmann ab und
schalmeite Frieden, – obgleich da doch der heilige National- und
Zivilisationskrieg gegen Wien war, zu dem er durchaus nicht nein sagte,
während freilich Naphta nun gerade diese Passion und Schwäche mit Hohn
und Verachtung strafte. Wenigstens solange der Italiener von solchen
Gefühlen warm war, führte er eine christliche Weltbürgerlichkeit dagegen
ins Feld, wollte jedes Land, und auch wieder kein einziges, Vaterland
nennen und wiederholte schneidend das Wort eines Ordensgenerals namens
Nickel, dahin lautend, die Vaterlandsliebe sei „eine Pest und der
sicherste Tod der christlichen Liebe“.
Versteht sich, es war die Askese, um derentwillen Naphta die
Vaterlandsliebe eine Pest nannte, – denn was begriff er nicht alles
unter diesem Wort, was alles lief nicht nach seinem Erachten der Askese
und dem Gottesreiche zuwider! Nicht nur die Anhänglichkeit an Familie
und Heimat tat das, sondern auch die an Gesundheit und Leben: sie eben
machte er dem Humanisten zum Vorwurf, wenn dieser Frieden und Glück
schalmeite; der Fleischesliebe, der _amor carnalis_, der Liebe zu den
körperlichen Bequemlichkeiten, _commodorum corporis_, zieh er ihn
zänkisch und nannte es ihm ins Gesicht hinein stockbürgerliche
Irreligiosität, auf Leben und Gesundheit auch nur das geringste Gewicht
zu legen.
Das war das große Kolloquium über Gesundheit und Krankheit, das sich
eines Tages, schon stark gegen Weihnachten hin, während eines
Schneespazierganges nach „Platz“ und wieder zurück aus solchen
Differenzen entwickelte, und alle nahmen sie daran teil: Settembrini,
Naphta, Hans Castorp, Ferge und Wehsal, – leicht fiebernd sämtlich,
zugleich betäubt und erregt vom Gehen und Reden im Höhenfrost, zum
Zittern geneigt ohne Ausnahme und, ob sie sich nun mehr tätig
verhielten, wie Naphta und Settembrini, oder meist aufnehmend und nur
mit kurzen Einwürfen das Gespräch begleitend, alle mit so
angelegentlichem Eifer, daß sie oft selbstvergessen halt machten, eine
tief beschäftigte, gestikulierende und durcheinander sprechende Gruppe
bildeten und die Passage versperrten, unbekümmert um fremde Leute, die
einen Bogen um sie beschreiben mußten und ebenfalls stehen blieben, das
Ohr hinhielten und staunend ihren ausschweifenden Erörterungen
lauschten.
Eigentlich war der Disput von Karen Karstedt ausgegangen, der armen
Karen mit den offenen Fingerspitzen, die neulich gestorben war. Hans
Castorp hatte nichts von ihrer plötzlichen Verschlechterung und ihrem
Exitus gewußt; sonst hätte er gern an ihrem Begräbnis kameradschaftlich
teilgenommen, – bei seiner eingestandenen Vorliebe für Begräbnisse
überhaupt. Aber die ortsübliche Diskretion hatte gewollt, daß er zu spät
von Karens Hintritt erfahren hatte, und daß sie schon in den Garten des
Puttengottes mit der schiefen Schneemütze zu endgültig horizontaler Lage
eingegangen war. _Requiem aeternam ..._ Er widmete ihrem Andenken einige
freundliche Worte, was Herrn Settembrini darauf brachte, sich spöttisch
über Hansens charitative Betätigung, seine Besuche bei Leila Gerngroß,
dem geschäftlichen Rotbein, der überfüllten Zimmermann, dem
prahlerischen Sohne _Tous-les-deux’_ und der qualvollen Natalie von
Mallinckrodt zu äußern und noch nachträglich über die teueren Blumen
sich aufzuhalten, mit denen der Ingenieur diesem ganzen trostlosen und
ridikülen Gelichter Devotion erwiesen habe. Hans Castorp hatte darauf
hingewiesen, daß die Empfänger seiner Aufmerksamkeiten, mit vorläufiger
Ausnahme der Frau von Mallinckrodt und des Knaben Teddy, ja auch ganz
ernstlich gestorben seien, worauf Settembrini fragte, ob das sie etwa
respektabler mache. Es gebe aber doch etwas, entgegnete Hans Castorp,
was man die christliche Reverenz vor dem Elend nennen könne. Und ehe
Settembrini ihn zurechtweisen konnte, begann Naphta von frommen
Ausschreitungen der Liebestätigkeit zu reden, die das Mittelalter
gesehen, erstaunlichen Fällen von Fanatismus und Verzückung in der
Krankenpflege: Königstöchter hatten die stinkenden Wunden Aussätziger
geküßt, hatten sich geradezu mit Absicht an Leprosen angesteckt und die
Schwären, die sie sich zugezogen, dann ihre Rosen genannt, hatten das
Wasser ausgetrunken, womit sie Eiternde gewaschen, und danach erklärt,
nie habe ihnen etwas so gut geschmeckt.
Settembrini tat, als müsse er sich erbrechen. Weniger das physisch
Ekelhafte an diesen Bildern und Vorstellungen, sagte er, kehre ihm den
Magen um, als vielmehr der monströse Irrsinn, der sich in einer solchen
Auffassung von tätiger Menschenliebe bekunde. Und er richtete sich auf,
gewann wieder heitere Würde, indem er von neuzeitlich fortgeschrittenen
Formen der humanitären Fürsorge, siegreicher Zurückdrängung der Seuchen
sprach und Hygiene, Sozialreform nebst den Taten der medizinischen
Wissenschaft jenen Schrecknissen entgegenstellte.
Mit diesen bürgerlich ehrbaren Dingen, antwortete Naphta, wäre den
Jahrhunderten, die er soeben angezogen, aber wenig gedient gewesen und
zwar beiden Teilen nicht: den Kranken und Elenden so wenig wie den
Gesunden und Glücklichen, die nicht sowohl aus Mitleid, als um des
eigenen Seelenheiles willen sich ihnen milde erwiesen hätten. Denn
durch erfolgreiche Sozialreform wären diese des wichtigsten
Rechtfertigungsmittels verlustig gegangen, jene aber ihres heiligen
Standes beraubt worden. Darum habe dauernde Erhaltung von Armut und
Krankheit im Interesse beider Parteien gelegen, und diese Auffassung
bleibe solange möglich, als es möglich sei, den rein religiösen
Gesichtspunkt festzuhalten.
Ein schmutziger Gesichtspunkt, erklärte Settembrini, und eine
Auffassung, deren Albernheit zu bekämpfen er sich beinahe zu gut sei.
Denn die Idee vom „heiligen Stande“ sowie das, was der Ingenieur
unselbständigerweise über die „christliche Reverenz vor dem Elend“
geäußert habe, sei ja Schwindel, beruhe auf Täuschung, fehlerhafter
Einfühlung, einem psychologischen Schnitzer. Das Mitleid, das der
Gesunde dem Kranken entgegenbringe und das er bis zur Ehrfurcht
steigere, weil er sich gar nicht denken könne, wie er solche Leiden
gegebenenfalles solle ertragen können, – dieses Mitleid sei in hohem
Grade übertrieben, es komme dem Kranken gar nicht zu und sei insofern
das Ergebnis eines Denk- und Phantasiefehlers, als der Gesunde seine
eigene Art, zu erleben, dem Kranken unterschiebe und sich vorstelle, der
Kranke sei gleichsam ein Gesunder, der die Qualen eines Kranken zu
tragen habe, – was völlig irrtümlich sei. Der Kranke sei eben ein
Kranker, mit der Natur und der modifizierten Erlebnisart eines solchen;
die Krankheit richte sich ihren Mann schon so zu, daß sie miteinander
auskommen könnten, es gebe da sensorische Herabminderungen, Ausfälle,
Gnadennarkosen, geistige und moralische Anpassungs- und
Erleichterungsmaßnahmen der Natur, die der Gesunde naiver Weise in
Rechnung zu stellen vergesse. Das beste Beispiel sei all dies
Brustkrankengesindel hier oben mit seinem Leichtsinn, seiner Dummheit
und Liederlichkeit, seinem Mangel an gutem Willen zur Gesundheit. Und
kurz, wenn der mitleidig verehrende Gesunde nur selber krank sei und
nicht mehr gesund, so werde er schon sehen, daß Kranksein allerdings ein
Stand für sich sei, aber durchaus kein Ehrenstand, und daß er ihn viel
zu ernst genommen habe.
Hier begehrte Anton Karlowitsch Ferge auf und verteidigte den Pleurachok
gegen Verunglimpfungen und Despektierlichkeiten. Wie, was, zu ernst
genommen sein Pleurachok? Da danke er, und da müsse er bitten! Sein
großer Kehlkopf und sein gutmütiger Schnurrbart wanderten auf und
nieder, und er verbat sich jede Mißachtung dessen, was er damals
durchgemacht. Er sei nur ein einfacher Mann, ein Versicherungsreisender,
und alles Höhere liege ihm fern, – schon dieses Gespräch gehe weit über
seinen Horizont. Aber wenn Herr Settembrini etwa zum Beispiel auch den
Pleurachok mit einbeziehen wolle in das, was er gesagt habe, – diese
Kitzelhölle mit dem Schwefelgestank und den drei farbigen Ohnmachten, –
dann müsse er schon bitten und danke ergebenst. Denn da sei von
Herabminderungen und Gnadennarkosen und Phantasiefehlern auch nicht eine
Spur die Rede gewesen, sondern das sei die größte und krasseste
Hundsfötterei unter der Sonne, und wer es nicht erfahren habe, wie er,
der könne sich von solcher Gemeinheit überhaupt keine –
Ei ja, ei ja! sagte Settembrini. Herrn Ferges Collaps werde ja immer
großartiger, je länger es her sei, daß er ihn erlitten habe, und
nachgerade trage er ihn wie einen Heiligenschein um den Kopf. Er,
Settembrini, achte die Kranken wenig, die auf Bewunderung Anspruch
erhöben. Er sei selber krank, und nicht leicht; aber ohne Affektation
sei er eher geneigt, sich dessen zu schämen. Übrigens spreche er
unpersönlich, philosophisch, und was er über die Unterschiede in der
Natur und Erlebnisart des Kranken und des Gesunden bemerkt habe, das
habe schon Hand und Fuß, die Herren möchten nur einmal an die
Geisteskrankheiten denken, an Halluzinationen zum Beispiel. Wenn einer
seiner gegenwärtigen Begleiter, der Ingenieur etwa, oder Herr Wehsal,
heute abend in der Dämmerung seinen verstorbenen Herrn Vater in einer
Zimmerecke erblicken würde, der ihn ansähe und zu ihm spräche, – so wäre
das für den betreffenden Herrn etwas schlechthin Ungeheuerliches, ein im
höchsten Grade erschütterndes und verstörendes Erlebnis, das ihn an
seinen Sinnen, seiner Vernunft irre machen und ihn bestimmen würde,
alsbald das Zimmer zu räumen und sich in eine Nervenbehandlung zu geben.
Oder etwa nicht? Aber der Scherz sei eben der, daß den Herren das gar
nicht begegnen könne, da sie ja geistig gesund seien. Falls es ihnen
aber begegnete, so wären sie nicht gesund, sondern krank und würden
nicht, wie ein Gesunder, das heißt: mit Entsetzen und Reißaus, darauf
reagieren, sondern die Erscheinung hinnehmen, als ob sie ganz in der
Ordnung sei, und sich in eine Konversation mit ihr einlassen, wie das
eben die Art der Halluzinanten sei; und zu glauben, für diese bedeute
die Halluzination ein gesundes Schrecknis, das eben sei der
Phantasiefehler, der dem Nichtkranken unterlaufe.
Herr Settembrini sprach sehr drollig und plastisch von dem Vater in der
Ecke. Alle mußten lachen, auch Ferge, obgleich er gekränkt war durch
Geringschätzung seines infernalischen Abenteuers. Der Humanist
seinerseits benutzte die erregte Laune, um die Nichtachtbarkeit der
Halluzinanten und überhaupt aller _pazzi_ des weiteren zu erörtern und
zu vertreten: diese Leute, meinte er, ließen sich ganz unerlaubt viel
durchgehen und hätten es öfters sehr wohl in der Hand, ihrer Tollheit zu
steuern, wie er selbst bei gelegentlichen Besuchen in Narrenspitälern
gesehen. Denn wenn der Arzt oder ein Fremder auf der Schwelle erscheine,
so stelle der Halluzinierende meist seine Grimassen, sein Reden und
Fuchteln ein und benehme sich anständig, solange er sich beobachtet
wisse, um sich hernach wieder gehen zu lassen. Denn ein Sichgehenlassen
bedeute die Narrheit zweifellos in vielen Fällen, dergestalt, daß sie
als Zuflucht vor großem Kummer und als Schutzmaßnahme einer schwachen
Natur gegen überschwere Schicksalsschläge diene, die klaren Sinnes zu
bestehen ein solcher Mensch sich nicht zumute. Da aber könnte sozusagen
jeder kommen, und er, Settembrini, habe schon manchen Narren einzig und
allein durch seinen Blick, dadurch, daß er seinen Flausen eine Haltung
unerbittlicher Vernunft entgegengesetzt habe, wenigstens vorübergehend
zur Klarheit angehalten ...
Naphta lachte höhnisch, während Hans Castorp beteuerte, Herrn
Settembrini das Gesagte aufs Wort glauben zu wollen. Wenn er sich so
vorstelle, wie dieser unter dem Schnurrbart gelächelt und den
Schwachkopf mit unnachgiebiger Vernunft ins Auge gefaßt habe, so
verstehe er wohl, wie der arme Kerl sich habe zusammennehmen und der
Klarheit die Ehre geben müssen, wenn er natürlich auch wohl Herrn
Settembrinis Erscheinen als höchst unwillkommene Störung empfunden haben
werde ... Aber auch Naphta hatte Irrenanstalten besucht, er entsann sich
eines Aufenthaltes in dem „Unruhigen Hause“ einer solchen, und da hatten
Szenen und Bilder sich ihm dargeboten, vor welchen, du lieber Gott,
Herrn Settembrinis vernunftvoller Blick und züchtiger Einfluß wohl kaum
verfangen haben würde: Dantische Szenen, groteske Bilder des Grauens und
der Qual: die nackten Irren im Dauerbade hockend, in allen Posen der
Seelenangst und des Entsetzensstupors, einige in lautem Jammer
schreiend, andere mit erhobenen Armen und klaffenden Mündern ein
Gelächter ausstoßend, worin alle Ingredienzien der Hölle sich gemischt
hatten ...
„Aha“, sagte Herr Ferge und erlaubte sich, sein eigenes Gelächter in
Erinnerung zu bringen, das ihm beim Abschnappen entflohen war.
Und kurz denn, Herrn Settembrinis unerbittliche Pädagogik hätte
vollständig einpacken können vor den Gesichten des Unruhigen Hauses, auf
welche der Schauder religiöser Ehrfurcht denn doch eine menschlichere
Rückwirkung gewesen wäre, als jene hochnäsige Vernunftmoralisterei, die
unser höchstleuchtender Sonnenritter und Vikarius Salomonis hier dem
Wahnsinn entgegenzusetzen beliebte.
Hans Castorp hatte keine Zeit, sich mit den Titeln zu beschäftigen, die
Naphta Herrn Settembrini da wieder verlieh. Flüchtig nahm er sich vor,
der Sache bei erster Gelegenheit auf den Grund zu gehen. Im Augenblick
aber verzehrte das laufende Gespräch seine Aufmerksamkeit ganz; denn
Naphta erörterte eben mit Schärfe die allgemeinen Tendenzen, die den
Humanisten bestimmten, der Gesundheit grundsätzlich alle Ehre zu geben
und die Krankheit tunlichst zu entehren und zu verkleinern, – in welcher
Stellungnahme allerdings eine bemerkenswerte und fast löbliche
Selbstentäußerung sich kundtat, da Herr Settembrini selbst ja krank war.
Seine Haltung aber, die durch ihre ungemeine Würde nichts an
Fehlerhaftigkeit einbüßte, ergab sich aus einer Achtung und Andacht vor
dem Leibe, die gerechtfertigt doch nur gewesen wäre, wenn der Leib sich
noch in seinem gottesursprünglichen Zustande, statt in dem der
Erniedrigung – _in statu degradationis_ – befunden hätte. Denn
unsterblich erschaffen, war er vermöge der Verschlimmerung der Natur
durch die Erbsünde der Verderbtheit und Abscheulichkeit anheimgefallen,
sterblich und verweslich, nicht anders, denn als Kerker und Strafzwinger
der Seele zu betrachten und nur geeignet, das Gefühl der Scham und
Verwirrung, _pudoris et confusionis sensum_, wie der heilige Ignatius
sagte, zu erwecken.
Diesem Gefühle, rief Hans Castorp, habe bekanntlich auch der Humanist
Plotinus Ausdruck verliehen. Aber Herr Settembrini, die Hand aus dem
Schultergelenk über den Kopf geworfen, forderte ihn auf, die
Gesichtspunkte nicht zu vermengen und sich lieber rezeptiv zu verhalten.
Unterdessen leitete Naphta die Ehrfurcht, die das christliche
Mittelalter dem Elend des Leibes gewidmet hatte, aus der religiösen
Zustimmung ab, die es dem Anblick fleischlichen Jammers gezollt hatte.
Denn die Schwären des Körpers machten nicht nur dessen Gesunkenheit
augenfällig, sondern entsprachen auch der venenosen Verderbtheit der
Seele auf eine erbauliche und geistliche Genugtuung erweckende Weise, –
während Leibesblüte eine irreführende und das Gewissen beleidigende
Erscheinung war, welche durch tiefe Erniedrigung vor der Bresthaftigkeit
zu verleugnen man äußerst guttat. _Quis me liberabit de corpore mortis
hujus?_ Wer wird mich befreien aus dem Körper dieses Todes? Das war die
Stimme des Geistes, welche auf ewig die Stimme wahrer Menschheit war.
Nein, das war eine nächtige Stimme, nach Herrn Settembrinis bewegt
vorgetragener Ansicht, – die Stimme einer Welt, der die Sonne der
Vernunft und Menschlichkeit noch nicht erschienen war. Ja, obgleich
venenos für seine leibliche Person, hatte er seinen Geist gesund und
unverpestet genug erhalten, um dem pfäffischen Naphta in Sachen des
Leibes auf schöne Art die Spitze zu bieten und sich über die Seele
lustig zu machen. Er verstieg sich dazu, den Menschenleib als den wahren
Tempel Gottes zu feiern, worauf Naphta dieses Gewebe für nichts weiter
als für den Vorhang zwischen uns und der Ewigkeit erklärte, was wieder
zur Folge hatte, daß Settembrini ihm den Gebrauch des Wortes
„Menschheit“ endgültig verbot – und so fort.
Mit froststarren Mienen, barhaupt, in ihren Überschuhen aus Gummistoff
bald die hart knirschende und mit Asche bestreute Schneedecke tretend,
die den Bürgersteig aufhöhte, bald mit den Füßen durch die lockeren
Schneemassen des Fahrdammes pflügend, Settembrini in einer Winterjacke,
deren Biberkragen und Ärmelrevers vermöge enthaarter Stellen gleichsam
räudig wirkten, die er jedoch elegant zu tragen wußte, Naphta in einem
schwarzen, fußlangen und hochgeschlossenen Mantel, der mit Pelz nur
gefüttert war und außen nichts davon sehen ließ, stritten sie um diese
Prinzipien mit der persönlichsten Angelegentlichkeit, wobei es öfters
geschah, daß sie sich nicht aneinander, sondern an Hans Castorp wandten,
dem der eben Redende seine Sache vortrug und vorhielt, indem er auf den
Gegner nur mit dem Haupte oder dem Daumen deutete. Sie hatten ihn
zwischen sich, und er, den Kopf hin und her wendend, stimmte bald dem
einen, bald dem anderen zu oder machte, stehen bleibend, den
Oberkörper schräg zurückgebeugt und mit der Hand im gefütterten
Ziegenlederhandschuh gestikulierend, etwas Eigenes, selbstverständlich
höchst Unzulängliches geltend, indes Ferge und Wehsal die drei
umkreisten, jetzt vor ihnen, dann hinter ihnen sich hielten oder auch
eine Reihe mit ihnen bildeten, bis der Verkehr ihre Linie wieder
auflöste.
Unter dem Einfluß ihrer Zwischenbemerkungen sprang die Debatte auf
dinglichere Gegenstände ab, behandelte rasch nacheinander und unter
wachsender Anteilnahme aller die Probleme der Feuerbestattung, der
körperlichen Züchtigung, der Folter und der Todesstrafe. Es war
Ferdinand Wehsal, der die Prügelpön aufs Tapet gebracht hatte, und die
Anregung stand ihm zu Gesichte, wie Hans Castorp fand. Es überraschte
nicht, daß Herr Settembrini sich in lauteren Worten und unter Anrufung
der Menschenwürde gegen dies wüste Verfahren aussprach, in der Pädagogik
sowohl wie nun gar in der Rechtspflege, – während es zwar ebenfalls
nicht überraschend geschah, aber doch durch eine gewisse düstere
Frechheit verblüffte, daß Naphta der Bastonade zugunsten redete. Ihm
zufolge war es absurd, hier von Menschenwürde zu faseln, denn unsere
wahre Würde beruhte im Geiste, nicht im Fleische, und da die
Menschenseele nur zu sehr dazu neigte, ihre ganze Lebenslust aus dem
Leibe zu saugen, so waren Schmerzen, die man diesem zufügte, ein
durchaus empfehlenswertes Mittel, ihr die Lust am Sinnlichen zu
versalzen und sie gleichsam aus dem Fleisch in den Geist
zurückzutreiben, damit dieser wieder zur Herrschaft gelange. Das
Züchtigungsmittel der Schläge als etwas besonders Schmähliches
anzusehen, war ein recht alberner Vorwurf. Die heilige Elisabeth war von
ihrem Beichtiger, Konrad von Marburg, aufs Blut gezüchtigt worden,
wodurch „ihre Seel’“, wie es in der Legende hieß, „entzuckt“ worden war
„bis in den dritten Chor“, und sie selbst hatte eine arme alte Frau, die
zu schläfrig war, um zu beichten, mit Ruten geschlagen. Wollte man sich
im Ernst unterfangen, die Selbstgeißelungen, denen die Angehörigen
gewisser Orden und Sekten sowie überhaupt tiefer angelegte Personen sich
unterzogen hatten, um das Prinzip des Geistigen stark in sich zu machen,
barbarisch, unmenschlich zu nennen? Daß die gesetzliche Abschaffung der
Schläge in den Ländern, die sich vornehm dünkten, ein wirklicher
Fortschritt sei, war ein Glaube, der durch seine Unerschütterlichkeit
nur an Komik gewann.
Nun, so viel, meinte Hans Castorp, war absolut zuzugeben, daß innerhalb
des Gegensatzes von Körper und Geist der Körper zweifellos das böse,
teuflische Prinzip ... verkörperte, haha, also verkörperte, insofern als
der Körper natürlich Natur war – natürlich Natur, das war auch nicht
schlecht! – und als die Natur in ihrem Gegensatz zum Geiste, zur
Vernunft entschieden böse war, – mystisch böse, so konnte man sagen,
wenn man auf Grund seiner Bildung und seiner Kenntnisse etwas riskierte.
Diesen Gesichtspunkt festgehalten, war es dann aber nur folgerecht, den
Körper dementsprechend zu behandeln, nämlich ihm Disziplinierungsmittel
angedeihen zu lassen, die man ebenfalls, wenn man noch einmal etwas
riskierte, als mystisch böse bezeichnen konnte. Vielleicht, daß Herr
Settembrini, wenn er damals, als die Schwäche seines Körpers ihn
gehindert hatte, zum Fortschrittskongreß nach Barcelona zu fahren, eine
heilige Elisabeth zur Seite gehabt hätte ...
Man lachte, und da der Humanist auffahren wollte, erzählte Hans Castorp
rasch von Schlägen, die er selbst einst empfangen: auf seinem Gymnasium
war in den unteren Klassen diese Strafe teilweise noch getätigt worden,
es waren Retstöcke vorhanden gewesen, und wenn auch die Lehrer an ihn
nicht Hand hatten legen mögen, gesellschaftlicher Rücksicht halber, so
war er doch von einem stärkeren Mitschüler einmal geprügelt worden,
einem großen Flegel, mit dem biegsamen Stock auf die Oberschenkel und
die nur mit Strümpfen bekleideten Waden, und das hatte ganz schmählich
weh getan, infam, unvergeßlich, geradezu mystisch, unter schändlich
innigem Stoßschluchzen waren ihm die Tränen nur so hervorgestürzt vor
Wut und ehrlosem Wehsal – Herr Wehsal mochte freundlichst das Wort
entschuldigen –, und Hans Castorp hatte denn auch gelesen, daß in
Zuchthäusern bei Empfang der Prügelstrafe die stärksten Raubmörder wie
kleine Kinder flennten.
Während Herr Settembrini sein Gesicht mit beiden Händen bedeckte, die in
sehr abgeschabtem Leder steckten, fragte Naphta mit staatsmännischer
Kälte, wie man renitente Verbrecher denn anders bändigen wolle, als
durch Bock und Stock, die übrigens in einem Zuchthause durchaus stilvoll
am Platze seien; ein humanes Zuchthaus sei eine ästhetische Halbheit,
ein Kompromiß, und Herr Settembrini, obgleich er ein Schönredner sei,
verstehe im Grunde nichts von Schönheit. Was nun aber gar die Pädagogik
betraf, so wurzelte, wenn man Naphta hörte, der Menschenwürde-Begriff
derer, die das körperliche Zuchtmittel daraus verbannen wollten, in dem
Liberal-Individualismus der bürgerlichen Humanitätsepoche, einem
aufgeklärten Absolutismus des Ich, der im Begriffe war, abzusterben und
neu heraufziehenden, weniger weichlichen Gesellschaftsideen Platz zu
machen, Ideen der Bindung und Beugung, des Zwanges und des Gehorsams,
bei denen es ohne heilige Grausamkeit nicht abgehe, und die auch die
Züchtigung des Kadavers wieder mit anderen Augen werde betrachten
lassen.
„Daher der Name Kadavergehorsam!“ höhnte Settembrini; und da Naphta
hinwarf, daß, da Gott unsern Leib zur Strafe der Sünde der gräßlichen
Schmach der Verwesung anheimgebe, es am Ende kein Majestätsverbrechen
sei, wenn derselbe Leib auch einmal Prügel bekomme, – so fiel man im Nu
auf die Leichenverbrennung.
Settembrini feierte sie. Jener Schmach könne abgeholfen werden, sagte er
froh. Die Menschheit sei aus Gründen der Zweckmäßigkeit wie auch bewogen
durch ideelle Motive im Begriffe, ihr abzuhelfen. Und er erklärte sich
für mitbeteiligt an den Vorbereitungen zu einem internationalen Kongreß
für Feuerbestattung, dessen Schauplatz wahrscheinlich Schweden sein
würde. Die Ausstellung eines musterhaften, gemäß aller bisher gemachten
Erfahrung eingerichteten Krematoriums nebst Urnenhalle war geplant, und
man durfte sich weitgreifender Anregungen und Ermutigungen davon
versehen. Was für ein zopfig-obsoletes Verfahren, die Erdbestattung, –
angesichts aller neuzeitlichen Umstände! Die Ausdehnung der Städte! Die
Verdrängung der raumverzehrenden sogenannten Friedhöfe an die
Peripherie! Die Bodenpreise! Die Ernüchterung des Bestattungsvorganges
durch notwendige Benutzung der modernen Verkehrsmittel! Herr Settembrini
wußte über dies alles nüchtern Treffendes vorzubringen. Er scherzte über
die Figur des tiefgebeugten Witwers, der alltäglich zum Grabe der teuren
Abgeschiedenen pilgerte, um an Ort und Stelle mit ihr Zwiesprache zu
halten. Ein solcher Idylliker mußte vor allem am kostbarsten Lebensgute,
nämlich der Zeit, sich eines befremdlichen Überflusses erfreuen, und
übrigens würde der Massenbetrieb des modernen Zentralfriedhofes ihm die
atavistische Gefühlsseligkeit schon verleiden. Die Vernichtung des
Leichnams durch Feuersglut, – welche reinliche, hygienische und würdige,
ja heldische Vorstellung war das, im Vergleich mit derjenigen, ihn der
elenden Selbstzersetzung und der Assimilation durch niedere Lebewesen zu
überlassen! Ja, auch das Gemüt kam besser auf seine Rechnung bei dem
neuen Verfahren, das menschliche Bedürfnis nach Dauer. Denn was im Feuer
verging, das waren die überhaupt veränderlichen, die schon bei Lebzeiten
dem Stoffwechsel unterworfenen Bestandteile des Körpers; diejenigen
dagegen, die am wenigsten an diesem Strome teilnahmen, und die den
Menschen fast ohne Veränderung durch sein erwachsenes Dasein
begleiteten, sie waren zugleich die feuerbeständigen, sie bildeten die
Asche, und mit ihr sammelten die Fortlebenden das, was an dem
Geschiedenen unvergänglich gewesen war.
„Sehr hübsch“, sagte Naphta; oh, das sei sehr, sehr artig. Des Menschen
unvergänglicher Teil, die Asche.
Ah, selbstverständlich, Naphta beabsichtigte, die Menschheit in ihrer
irrationalen Stellung zu den biologischen Tatsachen festzuhalten, er
behauptete die primitiv religiöse Stufe, auf welcher der Tod ein
Schrecknis war und von Schauern so geheimnisvoller Art umweht, daß es
sich verbot, den Blick klarer Vernunft auf dies Phänomen zu richten.
Welche Barbarei! Das Todesgrauen stammte aus Epochen niederster Kultur,
wo der gewaltsame Tod die Regel gewesen, und das Entsetzliche, das
diesem in der Tat anhaftete, hatte sich für das Gefühl des Menschen auf
lange mit dem Todesgedanken überhaupt vermählt. Immer mehr jedoch wurde
dank der Entwicklung der allgemeinen Gesundheitslehre und der Festigung
der persönlichen Sicherheit der natürliche Tod zur Norm, und dem
modernen Arbeitsmenschen erschien der Gedanke ewiger Ruhe nach
sachgemäßer Erschöpfung seiner Kräfte nicht im geringsten als
grauenhaft, sondern vielmehr als normal und wünschenswert. Nein, der Tod
war weder ein Schrecknis noch ein Mysterium, er war eine eindeutige,
vernünftige, physiologisch notwendige und begrüßenswerte Erscheinung,
und es wäre Raub am Leben gewesen, länger, als gebührlich, in seiner
Betrachtung zu verharren. Darum war denn auch geplant, jenem
Musterkrematorium und der zugehörigen Urnenhalle, der „Halle des Todes“
also, eine „Halle des Lebens“ anzubauen, worin Architektur, Malerei,
Skulptur, Musik und Dichtkunst sich vereinigen sollten, um den Sinn des
Fortlebenden von dem Erlebnis des Todes, von stumpfer Trauer und
tatenloser Klage auf die Güter des Lebens zu lenken ...
„Eiligst!“ spottete Naphta. „Damit er den Todesdienst nur ja nicht bis
zur Ungebühr treibt, ja nicht zu weit geht in der Andacht vor einer so
simplen Tatsache, ohne die es freilich weder Architektur, noch Malerei,
noch Skulptur, noch Musik, noch Dichtkunst überhaupt auch nur gäbe.“
„Er desertiert zur Fahne“, sagte Hans Castorp träumerisch.
„Die Unverständlichkeit Ihrer Äußerung, Ingenieur,“ antwortete ihm
Settembrini, „läßt ihre Tadelhaftigkeit durchschimmern. Das Erlebnis des
Todes muß zuletzt das Erlebnis des Lebens sein, oder es ist nur ein
Spuk.“
„Wird man obszöne Symbole anbringen in der ‚Halle des Lebens‘, wie auf
manchen antiken Särgen?“ fragte Hans Castorp ernsthaft.
Jedenfalls würde es fette Sinnenweide geben, stellte Naphta fest. In
Marmor und Ölfarbe würde ein klassizistischer Geschmack den Leib prangen
lassen, diesen Sündenleib, den man der Verwesung entzog, was nicht
wundernehmen konnte, da man ihn vor lauter Zärtlichkeit nicht einmal
mehr züchtigen lassen wollte ...
Hier fiel Wehsal mit dem Thema der Folter ein; es stand ihm zu Gesichte.
Das peinliche Verhör, – wie die Herren darüber dächten. Er, Ferdinand,
hatte auf Geschäftsreisen immer gern die Gelegenheit benutzt, an alten
Kulturstätten jene verschwiegenen Orte zu besichtigen, an denen einst
diese Art von Gewissenserforschung geübt worden war. So kannte er die
Folterkammern von Nürnberg, von Regensburg, zu Bildungszwecken hatte er
sich näher dort umgesehen. Allerdings, dort hatte man dem Leibe um der
Seele willen recht unzärtlich zugesetzt, auf mancherlei sinnreiche
Weise. Und nicht einmal Geschrei hatte es gegeben. Die Birne in den
offenen Mund gerammt, die berühmte Birne, an sich schon kein
Leckerbissen, – und dann hatte Stille geherrscht in aller Geschäftigkeit
...
„_Porcheria_“, murmelte Settembrini.
Ferge äußerte, die Birne in Ehren und ebenso die ganze stille
Geschäftigkeit. Aber etwas Gemeineres, als das Abtasten der Pleura, habe
auch damals niemand ersinnen können.
Das war zu seiner Heilung geschehen!
Die verstockte Seele, die verletzte Gerechtigkeit rechtfertigten nicht
weniger eine vorübergehende Mitleidlosigkeit. Zweitens war die Folter
ein Ergebnis rationalen Fortschritts gewesen.
Naphta war wohl nicht völlig bei Sinnen.
Doch, er war es so ziemlich. Herr Settembrini war Schöngeist, und die
mittelalterliche Geschichte des Rechtsganges war ihm offenbar im
Augenblick nicht übersichtlich. Sie war in der Tat ein Prozeß
fortschreitender Rationalisierung und zwar so, daß allmählich, auf Grund
von Vernunfterwägungen, Gott aus der Rechtspflege ausgeschaltet worden
war. Das Gottesgericht war gefallen, weil man hatte bemerken müssen, daß
der Stärkere siege, auch wenn er im Unrecht sei. Leute von der Art des
Herrn Settembrini, Zweifler, Kritiker, hatten diese Wahrnehmung gemacht
und es durchgesetzt, daß an die Stelle des alten naiven Rechtsganges der
Inquisitionsprozeß trat, welcher sich auf Gottes Eingreifen zugunsten
der Wahrheit nicht länger verließ, sondern darauf abzielte, vom
Angeklagten das Geständnis der Wahrheit zu erlangen. Keine Verurteilung
ohne Geständnis, – man mochte sich nur auch heute noch im Volke umhören:
der Instinkt saß tief, die Beweiskette mochte noch so geschlossen sein,
die Verurteilung wurde als illegitim empfunden, wenn das Geständnis
fehlte. Wie es erwirken? Wie die Wahrheit über alle bloßen Anzeichen,
allen bloßen Verdacht hinaus ermitteln? Wie einem Menschen, der sie
verhehlte, verweigerte, ins Herz, ins Hirn blicken? War der Geist
böswillig, so blieb nichts übrig, als sich an den Körper zu wenden, dem
man beikommen konnte. Die Folter, als Mittel, das unentbehrliche
Geständnis herbeizuführen, war vernunftgeboten. Wer aber den
Geständnisprozeß verlangt und eingeführt hatte, das war Herr Settembrini
gewesen, und also war er auch Urheber der Folter.
Der Humanist bat die übrigen Herren, das nicht zu glauben. Es seien
diabolische Scherze. Wenn alles sich verhalten hätte, wie Herr Naphta
lehrte, wenn wirklich die Vernunft Erfinderin des Gräßlichen gewesen
sei, so beweise das eben nur, wie bitter sie allezeit der Stütze und
Aufklärung bedürfe, wie wenig die Anbeter des Naturinstinktes Ursache
hätten, zu befürchten, es könne je zu vernünftig zugehen auf Erden!
Allein der Vorredner sei sicherlich fehlgegangen. Jener Rechtsgreuel
könne schon darum nicht auf die Vernunft zurückgeführt werden, weil sein
Urgrund der Höllenglaube gewesen sei. Man möge sich doch umsehen in
Museen und Marterkammern: dies Zwacken, Strecken, Schrauben und Sengen
sei ja offenbar einer kindlich verblendeten Phantasie entsprungen, dem
Wunsche nach frommer Nachahmung dessen, was an den jenseitigen Stätten
ewiger Pein geschah. Überdies habe man dem Missetäter wohl gar zu helfen
gemeint. Man habe angenommen, seine eigene arme Seele ringe nach dem
Bekenntnis, und nur das Fleisch als Prinzip des Bösen setze sich seinem
besseren Willen entgegen. So habe man ihm geradezu einen Liebesdienst zu
erweisen geglaubt, indem man ihm durch die Tortur das Fleisch brach.
Asketischer Irrwahn ...
Ob auch die alten Römer darin befangen gewesen seien.