Noch jemand

Lange Tage, die längsten, sachlich gesprochen und mit Bezug auf die

Anzahl ihrer Sonnenstunden; denn ihrer Kurzweiligkeit vermochte

astronomische Ausdehnung nichts anzuhaben, weder was jeden einzelnen

betraf, noch ihre einförmige Flucht. Frühlings-Nachtgleiche lag fast

drei Monate zurück, Sommersonnenwende war da. Aber das natürliche Jahr

bei uns hier oben folgte dem Kalender zurückhaltend: erst jetzt, erst

dieser Tage war endgültig Frühling geworden, ein Frühling noch ohne alle

Sommerschwere, würzig, dünnluftig und leicht, mit silbrig strahlender

Himmelsbläue und kindlich kunterbunter Wiesenblüte.

Hans Castorp fand an den Hängen dieselben Blumen wieder, von denen

Joachim freundlicherweise ihm einige letzte einst zur Begrüßung ins

Zimmer gestellt: Schafsgarbe und Glockenblumen, – ein Zeichen für ihn,

daß das Jahr in sich selber lief. Allein was hatte sich nun nicht alles

aus dem jungen, smaragdenen Grase der Schrägen und Wiesengebreite des

Grundes an organischem Leben als Stern, Kelch und Glocke oder von

unregelmäßigerer Gestalt, die sonnige Luft mit trockener Würze

erfüllend, hervorgebildet: Pechnelken und wilde Stiefmütterchen in

ganzen Massen, Gänseblümchen, Margueriten, Primeln in gelb und rot, viel

schöner und größer, als Hans Castorp sie im Flachlande je erblickt zu

haben meinte, soweit er dort unten darauf achtgegeben; dazu die

nickenden Soldanellen mit ihren gewimperten Glöckchen, blau, purpurn und

rosig, eine Spezialität dieser Sphäre.

Er pflückte von all der Lieblichkeit, trug Sträuße heim, ernsten Sinnes

und nicht sowohl zum Schmuck seines Zimmers, als zur streng

wissenschaftlichen Bearbeitung, wie er es sich vorgesetzt. Einiges

floristische Rüstzeug war angeschafft, ein Lehrbuch der allgemeinen

Botanik, ein handlicher kleiner Spaten zum Ausheben der Pflanzen, ein

Herbarium, eine kräftige Lupe; und damit wirtschaftete der junge Mann in

seiner Loggia, – sommerlich gekleidet nun wieder, in einen der Anzüge,

die er damals gleich mit sich heraufgebracht, – auch dies ein Merkmal

der Jahresrundung.

Frische Blumen standen in mehreren Wassergläsern auf den Möbelplatten

des inneren Zimmers, auf dem Lampentischchen zur Seite seines

vorzüglichen Liegestuhls. Blumen, halb welk, schon matt, aber noch in

Saft, fanden sich lose auf der Balkonbrüstung, am Boden der Loggia

verstreut, während andere, wohlausgebreitet, zwischen Löschpapierbogen,

die ihre Feuchtigkeit tranken, der Presse von Steinen unterlagen, damit

Hans Castorp die flachen Trockenpräparate mit gummierten Papierstreifen

in sein Album kleben könnte. Er lag, die Knie hochgezogen, dazu noch

eins über das andere geschlagen, und während der Rücken des offen

umgelegten Leitfadens auf seiner Brust einen Dachfirst bildete, hielt er

das dickgeschliffene Rund des Vergrößerungsglases zwischen seine

einfachen blauen Augen und eine Blüte, deren Krone er teilweise mit dem

Taschenmesser entfernt hatte, um besser den Fruchtboden studieren zu

können, und die hinter der starken Linse zum abenteuerlich fleischigen

Gebilde schwoll. Da schütteten die Staubbeutel, an der Spitze der

Filamente, ihren gelben Pollen aus, vom Ovarium starrte der narbige

Griffel, und legte man einen Schnitt durch ihn, so konnte man den zarten

Kanal betrachten, durch den die Pollenkörner und -schläuche von

zuckriger Ausscheidung in die Fruchtknotenhöhle geschwemmt wurden. Hans

Castorp zählte, prüfte und verglich; er untersuchte Bau und Stellung der

Kelch- und Blumenblätter wie der männlichen und weiblichen

Geschlechtsorgane, beaufsichtigte die Übereinstimmung dessen, was er

sah, mit schematischen und natürlichen Abbildungen, stellte die

wissenschaftliche Richtigkeit in dem Bau ihm bekannter Pflanzen mit

Befriedigung fest und ging dazu über, solche, die er nicht zu nennen

gewußt hätte, an der Hand des Linné nach Abteilung, Gruppe, Ordnung,

Art, Familie und Gattung zu bestimmen. Da er viel Zeit hatte, gelangen

ihm einige Fortschritte in botanischer Systematik auf Grund

vergleichender Morphologie. Unter die getrocknete Pflanze ins Herbarium

schrieb er kalligraphisch den lateinischen Namen, den die humanistische

Wissenschaft ihr galanterweise beigelegt, schrieb ihre kennzeichnenden

Eigenschaften dazu und zeigte es dem guten Joachim, der sich wunderte.

Am Abend betrachtete er die Gestirne. Ein Interesse für das in sich

laufende Jahr hatte ihn überkommen, – der doch schon einige zwanzig

Sonnenumläufe auf Erden verbracht und sich noch niemals um dergleichen

gekümmert hatte. Wenn wir selbst uns unwillkürlich in Ausdrücken wie

„Frühlings-Nachtgleiche“ bewegten, so geschah es in seinem Geist und

schon in Hinsicht auf Gegenwärtiges. Denn dieser Art waren die Termini,

die er neuerdings um sich zu streuen liebte, und auch durch hier

einschlagende Kenntnisse setzte er seinen Vetter in Erstaunen.

„Jetzt ist die Sonne nahe daran, ins Zeichen des Krebses zu treten,“

mochte er auf einem Spaziergang beginnen, „bist du dir darüber im

Klaren? Das ist das erste Sommerzeichen des Tierkreises, verstehst du?

Es geht nun über den Löwen und die Jungfrau auf den Herbstpunkt zu, den

einen Äquinoktialpunkt, gegen Ende September, wenn wieder der Sonnenort

auf den Himmelsäquator fällt, wie neulich im März, als die Sonne in den

Widderpunkt trat.“

„Das ist mir entgangen“, sagte Joachim mürrisch. „Was redest denn du dir

da so geläufig zusammen? Widderpunkt? Tierkreis?“

„Allerdings, der Tierkreis; _zodiacus_. Die uralten Himmelszeichen, –

Skorpion, Schütze, Steinbock, _aquarius_ und wie sie heißen, wie soll

man sich dafür nicht interessieren! Es sind zwölf, das wirst du

wenigstens wissen, drei für jede Jahreszeit, die aufsteigenden und die

niedersteigenden, der Kreis der Sternbilder, durch die die Sonne

wandert, – großartig meiner Ansicht nach! Stelle dir vor, daß man sie in

einem ägyptischen Tempel als Deckenbild gefunden hat, – einem Tempel der

Aphrodite noch dazu, nicht weit von Theben. Die Chaldäer kannten sie

auch schon, – die Chaldäer, ich bitte dich, dies alte Zauberervolk,

arabisch-semitisch, hochgelehrt in Astrologie und Wahrsagerei. Die haben

auch schon den Himmelsgürtel studiert, in dem die Planeten laufen, und

ihn in die zwölf Sternbildzeichen eingeteilt, die Dodekatemoria, wie sie

auf uns gekommen sind. Das ist großartig. Es ist die Menschheit!“

„Nun sagst du ‚Menschheit‘, wie Settembrini.“

„Ja, wie er, oder etwas anders. Man muß sie nehmen, wie sie ist, aber

großartig ist es schon damit. Ich denke viel mit Sympathie an die

Chaldäer, wenn ich so liege und den Planeten zusehe, die sie auch schon

kannten, denn alle kannten sie nicht, so gescheit sie waren. Aber die

sie nicht kannten, kann ich auch nicht sehen, Uranus ist ja erst neulich

mit dem Fernrohr entdeckt worden, vor hundertzwanzig Jahren.“

„Neulich?“

„Das nenne ich ‚neulich‘, wenn du erlaubst, im Vergleich mit den

dreitausend Jahren bis damals. Aber wenn ich so liege und mir die

Planeten besehe, dann werden die dreitausend Jahre auch zu ‚neulich‘,

und ich denke intim an die Chaldäer, die sie auch sahen und sich ihren

Vers darauf machten, und das ist die Menschheit.“

„Na, gut; du hast ja großzügige Entwürfe in deinem Kopf.“

„Du sagst ‚großzügig‘, und ich sage ‚intim‘, – wie man es nun nennen

will. Aber wenn nun also die Sonne in die Wage tritt, in zirka drei

Monaten, dann haben die Tage wieder so weit abgenommen, daß Tag und

Nacht gleich sind, und dann nehmen sie weiter ab bis gegen Weihnachten,

das ist dir bekannt. Willst du aber, bitte, bedenken, daß, während die

Sonne durch die Winterzeichen geht, den Steinbock, den Wassermann und

die Fische, die Tage schon wieder zunehmen! Denn dann kommt neuerdings

der Frühlingspunkt, zum dreitausendstenmal seit den Chaldäern, und die

Tage wachsen weiter bis übers Jahr, wenn wieder Sommersanfang ist.“

„Selbstverständlich.“

„Nein, das ist eine Eulenspiegelei! Im Winter wachsen die Tage, und wenn

der längste kommt, 21. Juni, Sommersanfang, dann geht es schon wieder

bergab, sie werden schon wieder kürzer, und es geht gegen den Winter. Du

nennst das selbstverständlich, aber wenn man einmal davon absieht, daß

es selbstverständlich ist, dann kann einem angst und bange werden,

momentweise, und man möchte krampfhaft nach etwas greifen. Es ist, als

ob Eulenspiegel es so eingerichtet hätte, daß zu Wintersanfang

eigentlich der Frühling beginnt und zu Sommersanfang eigentlich der

Herbst ... Man wird ja an der Nase herumgezogen, im Kreise herumgelockt

mit der Aussicht auf etwas, was schon wieder Wendepunkt ist ...

Wendepunkt im Kreise. Denn das sind lauter ausdehnungslose Wendepunkte,

woraus der Kreis besteht, die Biegung ist unmeßbar, es gibt keine

Richtungsdauer, und die Ewigkeit ist nicht ‚geradeaus, geradeaus‘,

sondern ‚Karussell, Karussell‘.“

„Hör’ auf!“

„Sonnwendfeier!“ sagte Hans Castorp, „Sommersonnenwende! Bergfeuer und

Ringelreihn rund um die lodernde Flamme herum mit angefaßten Händen! Ich

habe es nie gesehen, aber ich höre, so wird es gemacht von urwüchsigen

Menschen, so feiern sie die erste Sommernacht, mit der der Herbst

beginnt, die Mittagsstunde und Scheitelhöhe des Jahres, von wo es

abwärts geht, – sie tanzen und drehen sich und jauchzen. Worüber

jauchzen sie in ihrer Urwüchsigkeit, – kannst du dir das begreiflich

machen? Worüber sind sie so ausgelassen lustig? Weil es nun abwärts geht

ins Dunkel, oder vielleicht, weil es bisher aufwärts ging und nun die

Wende gekommen ist, der unhaltbare Wendepunkt, Mittsommernacht, die

volle Höhe, mit Wehmut im Übermut? Ich sage es, wie es ist, mit den

Worten, die mir dafür einfallen. Es ist melancholischer Übermut und

übermütige Melancholie, weshalb die Urwüchsigen jauchzen und um die

Flamme tanzen, sie tun es aus positiver Verzweiflung, wenn du so sagen

willst, zu Ehren der Eulenspiegelei des Kreises und der Ewigkeit ohne

Richtungsdauer, in der alles wiederkehrt.“

„Ich will nicht so sagen,“ murmelte Joachim, „bitte, schiebe es nicht

auf mich. Es sind ja weitläufige Dinge, mit denen du dich beschäftigst

des Abends, wenn du liegst.“

„Ja, ich will nicht leugnen, daß du dich nützlicher beschäftigst mit

deiner russischen Grammatik. Du mußt die Sprache nächstens ja fließend

beherrschen, Mensch, natürlich ein großer Vorteil für dich, wenn es

Krieg gibt, was Gott verhüte.“

„Verhüte? Du sprichst wie ein Zivilist. Krieg ist notwendig. Ohne Kriege

würde bald die Welt verfaulen, hat Moltke gesagt.“

„Ja, dazu hat sie wohl eine Neigung. Und so viel kann ich dir zugeben“,

setzte Hans Castorp an und wollte eben auf die Chaldäer zurückkommen,

die ebenfalls Krieg geführt und Babylonien erobert hätten, obgleich sie

Semiten und also beinahe Juden gewesen seien, – als beide gleichzeitig

gewahr wurden, daß zwei Herren, die dicht vor ihnen gingen, die Köpfe

nach ihnen wandten, aufmerksam gemacht durch ihre Reden, gestört in

eigener Unterhaltung.

Es war auf der Hauptstraße, zwischen dem Kurhaus und dem Hotel

Belvedere, auf dem Rückweg nach Davos-Dorf. Das Tal lag im Festkleide,

in zarten, lichten und frohen Farben. Die Luft war köstlich. Eine

Sinfonie von heiteren Wiesenblumendüften erfüllte die reine, trockene,

klar durchsonnte Atmosphäre.

Sie erkannten Lodovico Settembrini zur Seite eines Fremden; doch schien

es, als erkenne er seinerseits sie nicht oder als wünsche er kein

Zusammentreffen, denn er wandte rasch den Kopf wieder ab und vertiefte

sich gestikulierend in die Unterhaltung mit seinem Begleiter, wobei er

sogar rascher vorwärts zu kommen suchte. Als freilich die Vettern,

rechts neben ihm, durch heitere Verbeugung grüßten, stellte er sich

wunder wie angenehm überrascht, mit „Sapristi!“ und „Teufel noch

einmal!“, wollte aber nun wieder zurückhalten, die beiden vorüber- und

vorangehen lassen, was sie jedoch nicht verstanden, das heißt: nicht

bemerkten, weil sie keine Vernunft darin sahen. Ehrlich erfreut

vielmehr, ihm nach längerer Trennung wieder zu begegnen, hielten sie

sich bei ihm und schüttelten ihm die Hand, indem sie nach seinem Ergehen

fragten und in höflicher Erwartung dabei zu seinem Gefährten

hinüberblickten. So zwangen sie ihn, zu tun, was er offenbar lieber

nicht getan hätte, was aber ihnen als die natürlichste und zu

gewärtigendste Sache von der Welt erschien: nämlich sie mit jenem

bekannt zu machen, – was denn also im Gehen und halben Stehenbleiben

derart geschah, daß Settembrini, vor sich, mit verbindenden

Handbewegungen und lustigen Reden die Herren miteinander in Beziehung

setzte, sie vor seiner Brust sich die Hände reichen ließ.

Es stellte sich heraus, daß der Fremde, der Settembrinis Jahre haben

mochte, dessen Hausgenosse war: der andere Aftermieter Lukačeks, des

Damenschneiders, Naphta mit Namen, soviel die jungen Leute verstanden.

Er war ein kleiner, magerer Mann, rasiert und von so scharfer, man

möchte sagen: ätzender Häßlichkeit, daß die Vettern sich geradezu

wunderten. Alles war scharf an ihm: die gebogene Nase, die sein Gesicht

beherrschte, der schmal zusammengenommene Mund, die dickgeschliffenen

Gläser der im übrigen leicht gebauten Brille, die er vor seinen

hellgrauen Augen trug, und selbst das Schweigen, das er bewahrte, und

dem zu entnehmen war, daß seine Rede scharf und folgerecht sein werde.

Er war barhaupt, wie es sich gehörte, und im bloßen Anzug, – sehr

wohlgekleidet dabei: sein dunkelblauer Flanellanzug mit weißen Streifen

zeigte guten, gehalten modischen Schnitt, wie der weltkindlich prüfende

Blick der Vettern feststellte, die übrigens einem ebensolchen, nur

rascheren und schärferen, an ihren Personen hinabgleitenden Blick von

seiner, des kleinen Naphta Seite, begegneten. Hätte Lodovico Settembrini

seinen faserigen Flaus und seine gewürfelten Hosen nicht mit so viel

Anmut und Würde zu tragen gewußt, – seine Erscheinung hätte

unvorteilhaft abstechen müssen von der feinen Gesellschaft. Sie tat es

jedoch um so weniger, als die Gewürfelten frisch aufgebügelt waren, so

daß man sie auf den ersten Blick fast für neu hätte halten können, – ein

Werk seines Quartiergebers zweifellos, nach beiläufiger Überlegung der

jungen Leute. Wenn aber der häßliche Naphta nach der Güte und

Weltlichkeit seiner Kleidung den Vettern näher stand als seinem

Hausgenossen, so ordneten doch nicht allein seine vorgerückteren Jahre

ihn mit diesem gegen die Jünglinge zusammen, sondern entschieden noch

etwas anderes, was sich am bequemsten auf die Gesichtsfarbe der beiden

Paare zurückführen ließ, nämlich darauf, daß die einen braun und

rotgebrannt, die anderen aber bleich waren: Joachims Gesicht war im

Laufe des Winters noch bronzefarbener nachgedunkelt, und dasjenige Hans

Castorps glühte rosenrot unter seinem blonden Scheitel; aber Herrn

Settembrinis welscher Blässe, die gar edel zu seinem schwarzen

Schnurrbart stand, hatte die Strahlung nichts anzuhaben vermocht, und

sein Genosse, obgleich blonden Haares – es war übrigens aschblond,

metallisch-farblos, und er trug es glatt aus der fliehenden Stirn über

den ganzen Kopf zurückgestrichen –, zeigte gleichfalls die mattweiße

Gesichtshaut brünetter Rassen. Zwei von den vieren trugen Spazierstöcke,

nämlich Hans Castorp und Settembrini; denn Joachim ging aus

militärischen Gründen ohne einen solchen, und Naphta legte nach

erfolgter Vorstellung sogleich wieder die Hände auf dem Rücken zusammen.

Sie waren klein und zart, wie auch seine Füße sehr zierlich waren,

übrigens seiner Figur entsprechend. Daß er erkältet wirkte und auf eine

gewisse schwächliche und unförderliche Art hustete, fiel nicht auf.

Jenen Anflug von Betroffenheit oder Verstimmung beim Gewahrwerden der

jungen Leute hatte Settembrini sofort mit Eleganz überwunden. Er zeigte

sich in der besten Laune und machte die drei unter Scherzreden bekannt,

– zum Beispiel bezeichnete er Naphta als „_Princeps scholasticorum_“.

Die Fröhlichkeit, sagte er, „halte glanzvoll Hof im Saale seiner Brust“,

wie Aretino sich ausgedrückt habe, und das sei des Frühlings Verdienst,

eines Frühlings, den er sich lobe. Die Herren wüßten, daß er gegen die

Welt hier oben manches auf dem Herzen habe, sooft er es sich bereits

davon heruntergeredet. Ehre jedoch dem Hochgebirgsfrühling! –

vorübergehend vermöge er ihn mit allen Greueln dieser Sphäre zu

versöhnen. Da fehle alles Verwirrende und Aufreizende des Frühlings der

Ebene. Kein Gebrodel in der Tiefe! Keine feuchten Düfte, kein schwüler

Dunst! Sondern Klarheit, Trockenheit, Heiterkeit und herbe Anmut. Es sei

nach seinem Herzen, es sei süperb!

Sie gingen in unregelmäßiger Reihe, nebeneinander alle vier, so weit es

möglich war, aber bald, wenn Entgegenkommende vorbeigingen, mußte

Settembrini, der den rechten Flügel hielt, auf die Fahrstraße treten,

bald löste ihre Front durch das Zurückbleiben und Einlenken einzelner

Glieder, Naphtas etwa, linkerseits, oder Hans Castorps, der den Platz

zwischen dem Humanisten und Vetter Joachim hatte, sich vorübergehend

auf. Naphta lachte kurz, mit einer vom Schnupfen sordinierten Stimme,

die beim Sprechen an den Klang eines gesprungenen Tellers erinnerte, an

den man mit dem Knöchel klopft. Indem er mit dem Kopf seitlich zu dem

Italiener hinüberwies, sagte er mit schleppendem Akzent:

„Man höre den Voltairianer, den Rationalisten. Er lobt die Natur, weil

sie uns auch bei fertilster Gelegenheit nicht mit mystischen Dämpfen

verwirrt, sondern klassische Trockenheit wahrt. Wie hieß doch die

Feuchtigkeit auf lateinisch?“

„Der Humor,“ rief Settembrini über die linke Schulter, „der Humor in der

Naturbetrachtung unseres Professors besteht darin, daß er, wie die

heilige Katharina von Siena, an die Wunden Christi denkt, wenn er rote

Primeln sieht.“

Naphta erwiderte:

„Das wäre eher witzig als humoristisch. Aber es hieße immerhin Geist in

die Natur tragen. Sie hat es nötig.“

„Die Natur,“ sagte Settembrini mit gesenkter Stimme und nicht mehr

völlig über die Schulter hinweg, sondern nur noch an ihr hinunter, „hat

Ihren Geist durchaus nicht nötig. Sie ist selber Geist.“

„Sie langweilen sich nicht mit Ihrem Monismus?“

„Ah, Sie geben also zu, daß es Vergnügungssucht ist, wenn Sie die Welt

feindlich entzweien, Gott und Natur auseinanderreißen!“

„Es interessiert mich, daß Sie Vergnügungssucht nennen, was ich im Sinne

habe, wenn ich Passion und Geist sage.“

„Zu denken, daß Sie, der so große Worte für so frivole Bedürfnisse

setzt, mich manchmal einen Redner nennen!“

„Sie bleiben dabei, daß Geist Frivolität bedeutet. Aber er kann nichts

dafür, daß er von Hause aus dualistisch ist. Der Dualismus, die

Antithese, das ist das bewegende, das leidenschaftliche, das

dialektische, das geistreiche Prinzip. Die Welt feindlich gespalten

sehen, das ist Geist. Aller Monismus ist langweilig. _Solet Aristoteles

quaerere pugnam._“

„Aristoteles? Aristoteles hat die Wirklichkeit der allgemeinen Ideen in

die Individuen verlegt. Das ist Pantheismus.“

„Falsch. Geben Sie den Individuen substantiellen Charakter, denken Sie

das Wesen der Dinge aus dem Allgemeinen fort in die Einzelerscheinung,

wie Thomas und Bonaventura es als Aristoteliker taten, so haben Sie die

Welt aus jeder Einheit mit der höchsten Idee gelöst, sie ist

außergöttlich und Gott transzendent. Das ist klassisches Mittelalter,

mein Herr.“

„Klassisches Mittelalter ist eine köstliche Wortverbindung!“

„Ich bitte um Entschuldigung, aber ich lasse den Begriff des Klassischen

statthaben, wo er am Platze ist, das heißt, wo immer eine Idee auf ihren

Gipfel kommt. Die Antike war nicht immer klassisch. Ich stelle eine

Abneigung gegen die ... Freizügigkeit der Kategorien bei Ihnen fest,

gegen das Absolute. Sie wollen auch nicht den absoluten Geist. Sie

wollen, der Geist, das sei der demokratische Fortschritt.“

„Ich hoffe uns einig in der Überzeugung, daß der Geist, so absolut er

sei, niemals den Anwalt der Reaktion wird machen können.“

„Er ist jedoch immer der Anwalt der Freiheit!“

„Jedoch? Freiheit ist das Gesetz der Menschenliebe, nicht Nihilismus und

Bosheit.“

„Wovor Sie offenbar Angst haben.“

Settembrini warf den Arm über den Kopf. Das Geplänkel brach ab. Joachim

blickte verwundert von einem zum andern, während Hans Castorp mit

hochgezogenen Brauen auf seinen Weg niedersah. Naphta hatte scharf und

apodiktisch gesprochen, wiewohl er es gewesen war, der die weitere

Freiheit verfochten hatte. Besonders seine Art, mit „Falsch!“ zu

widersprechen, bei dem „sch“-Laut die Lippen vorzuschieben und dann den

Mund zu verkneifen, war unangenehm. Settembrini hatte ihm teils auf

heiterere Weise Widerpart gehalten, teils auch eine schöne Wärme in

seine Worte gelegt, etwa dort, wo er zur Einigkeit in gewissen

Grundgesinnungen gemahnt hatte. Jetzt, während Naphta schwieg, begann

er, den Vettern die Existenz des ihnen Fremden zu erläutern, womit er

dem Bedürfnis nach Aufklärung entgegenkam, das er nach seinem

Wortwechsel mit Naphta bei ihnen voraussetzte. Dieser ließ es geschehen,

ohne sich darum zu kümmern. Er sei Professor der alten Sprachen in den

obersten Klassen des Fridericianums, erklärte Settembrini, indem er den

Stand des Vorzustellenden nach italienischer Art möglichst pomphaft

herausstrich. Sein Schicksal sei dem seinen, Settembrinis eigenem,

gleich. Durch seinen Gesundheitszustand vor fünf Jahren heraufgeführt,

habe er sich überzeugen müssen, daß er des Aufenthaltes für lange Frist

bedürftig sei, habe sein Sanatorium verlassen und sich privat-ansässig

gemacht, bei Lukaček, dem Damenschneider. Des hervorragenden Latinisten,

Zöglings einer Ordensschule, wie er sich etwas unbestimmt ausdrückte,

habe sich klugerweise die höhere Lehranstalt des Ortes als eines

Dozenten versichert, der ihr zur Zierde gereiche ... Kurz, Settembrini

erhob den häßlichen Naphta nicht wenig, obgleich er doch eben noch etwas

wie einen abstrakten Streit mit ihm gehabt, und obgleich dieser

streitähnliche Wortwechsel sich sogleich fortsetzen sollte.

Settembrini ging nämlich jetzt dazu über, Herrn Naphta Erläuterungen

über die Vettern zu geben, wobei sich übrigens zeigte, daß er ihm schon

früher von ihnen erzählt hatte. Dies sei also der junge Ingenieur mit

den drei Wochen, bei dem Hofrat Behrens eine feuchte Stelle gefunden

habe, sagte er, und dies hier jene Hoffnung der preußischen

Heeresorganisation, Leutnant Ziemßen. Und er sprach von Joachims

Gemütsempörung und Reiseplänen, um hinzuzufügen, daß man dem Ingenieur

zweifellos zu nahe treten würde, wenn man ihm nicht dieselbe Ungeduld

zuschriebe, zur Arbeit zurückzukehren.

Naphta verzog das Gesicht. Er sagte:

„Die Herren haben da einen beredten Vormund. Ich hüte mich, zu

bezweifeln, daß er Ihre Gedanken und Wünsche zutreffend verdolmetscht.

Arbeit, Arbeit –, ich bitte, gleich wird er mich einen Feind der

Menschheit schelten, einen _inimicus humanae naturae_, wenn ich es wage,

an Zeiten zu erinnern, wo er mit dieser Fanfare den gewohnten Effekt

durchaus nicht erzielt hätte, nämlich an Zeiten, wo das Gegenteil seines

Ideals in unvergleichlich höheren Ehren stand. Bernhard von Clairvaux

etwa lehrte eine andere Stufenfolge der Vollkommenheit, als Herr

Lodovico sie sich je hat träumen lassen. Wollen Sie wissen, welche? Sein

unterster Stand befindet sich in der ‚Mühle‘, der zweite auf dem

‚Acker‘, der dritte und lobenswerteste aber – hören Sie nicht zu,

Settembrini –, ‚auf dem Ruhebett‘. Die Mühle, das ist das Sinnbild des

Weltlebens, – nicht schlecht gewählt. Der Acker bedeutet die Seele des

weltlichen Menschen, darauf der Prediger und geistliche Lehrer wirkt.

Diese Stufe ist schon würdiger. Auf dem Bette aber –“

„Genug! Wir wissen!“ rief Settembrini. „Meine Herren, jetzt wird er

Ihnen Zweck und Gebrauch des Lotterbettes vor Augen führen!“

„Ich wußte nicht, daß Sie prüde sind, Lodovico. Wenn man Sie den Mädchen

zuzwinkern sieht ... Wo bleibt die heidnische Unbefangenheit? Das Bett

also ist der Ort der Beiwohnung des Minnenden mit dem Gemeinten und als

Symbolum die beschauliche Abgeschiedenheit von Welt und Kreatur zum

Zwecke der Beiwohnung mit Gott.“

„Puh! _Andate, andate!_“ wehrte der Italiener fast weinend ab. Man

lachte. Dann aber fuhr Settembrini mit Würde fort:

„Ah, nein, ich bin Europäer, Okzidentale. Ihre Rangordnung da ist reiner

Orient. Der Osten verabscheut die Tätigkeit. Lao-Tse lehrte, daß

Nichtstun förderlicher sei, als jedes Ding zwischen Himmel und Erde.

Wenn alle Menschen aufgehört haben würden, zu tun, werde vollkommene

Ruhe und Glückseligkeit auf Erden herrschen. Da haben Sie Ihre

Beiwohnung.“

„Was Sie nicht sagen. Und die abendländische Mystik? Und der Quietismus,

der Fénelon zu den Seinen zählen darf, und der lehrte, daß jedes Handeln

fehlerhaft sei, da tätig sein zu wollen, Gott beleidigen heiße, der

allein handeln wolle? Ich zitiere die Propositionen von Molinos. Es

scheint doch, daß die geistige Möglichkeit, das Heil in der Ruhe zu

finden, allgemeine menschliche Verbreitung besitzt.“

Hier griff Hans Castorp ein. Mit dem Mut der Einfalt mischte er sich ins

Gespräch und äußerte ins Leere blickend:

„Beschaulichkeit, Abgeschiedenheit. Es hat was für sich, es läßt sich

hören. Wir leben ja ziemlich hochgradig abgeschieden, wir hier oben, das

kann man sagen. Fünftausend Fuß hoch liegen wir auf unseren Stühlen, die

auffallend bequem sind, und sehen auf Welt und Kreatur hinunter und

machen uns unsere Gedanken. Wenn ich mir’s überlege und soll die

Wahrheit sagen, so hat das Bett, ich meine damit den Liegestuhl,

verstehen Sie wohl, mich in zehn Monaten mehr gefördert und mich auf

mehr Gedanken gebracht, als die Mühle im Flachlande all die Jahre her,

das ist nicht zu leugnen.“

Settembrini sah ihn mit traurig schimmernden schwarzen Augen an.

„Ingenieur,“ sagte er gepreßt, „Ingenieur!“ Und er nahm Hans Castorp am

Arm und hielt ihn ein wenig zurück, gleichsam um hinter dem Rücken der

anderen privatim auf ihn einzureden.

„Wie oft habe ich Ihnen gesagt, daß man wissen sollte, was man ist, und

denken, wie es einem zukommt! Sache des Abendländers, trotz aller

Propositionen, ist die Vernunft, die Analyse, die Tat und der

Fortschritt, – nicht das Faulbett des Mönches!“

Naphta hatte zugehört. Er sprach nach hinten:

„Des Mönchs! Man dankt den Mönchen die Kultur des europäischen Bodens!

Man dankt ihnen, daß Deutschland, Frankreich und Italien nicht mit

Wildwald und Ursümpfen bedeckt sind, sondern uns Korn, Obst und Wein

bescheren! Die Mönche, mein Herr, haben sehr wohl gearbeitet ...“

„_Ebbè_, nun also!“

„Ich bitte. Die Arbeit des Religiösen war weder Selbstzweck, das heißt:

Betäubungsmittel, noch lag ihr Sinn darin, die Welt zu fördern oder

geschäftliche Vorteile zu erlangen. Sie war reine asketische Übung,

Bestandteil der Bußdisziplin, Heilsmittel. Sie gewährte Schutz gegen das

Fleisch, diente der Abtötung der Sinnlichkeit. Sie trug also – erlauben

Sie mir, das festzustellen – völlig unsozialen Charakter. Sie war

ungetrübtester religiöser Egoismus.“

„Ich bin Ihnen für die Aufklärung sehr verbunden und freue mich, den

Segen der Arbeit auch gegen den Willen des Menschen sich bewähren zu

sehen.“

„Ja, gegen seine Absicht. Wir bemerken da nichts Geringeres, als den

Unterschied zwischen dem Nützlichen und dem Humanen.“

„Ich bemerke vor allem mit Unmut, daß Sie schon wieder Weltentzweiung

treiben.“

„Ich bedauere, mir Ihr Mißfallen zugezogen zu haben, aber man muß die

Dinge scheiden und ordnen und die Idee des _Homo Dei_ von unreinen

Bestandteilen freihalten. Ihr Italiener habt das Wechslergeschäft und

die Banken erfunden; das verzeih’ euch Gott. Aber die Engländer erfanden

die ökonomistische Gesellschaftslehre, und das wird der Genius des

Menschen ihnen niemals verzeihen.“

„Ah, der Genius der Menschheit war auch in den großen ökonomischen

Denkern jener Inseln lebendig! – Sie wollten sprechen, Ingenieur?“

Das leugnete Hans Castorp, sagte aber dennoch – und Naphta sowohl wie

Settembrini hörten ihm mit einer gewissen Spannung zu:

„An dem Beruf meines Vetters müssen Sie demnach Gefallen haben, Herr

Naphta, und einverstanden sein mit seiner Ungeduld, ihn zu ergreifen ...

Ich bin ja Zivilist durch und durch, mein Vetter macht es mir öfters zum

Vorwurf. Ich habe nicht mal gedient und bin ganz ausgesprochen ein Kind

des Friedens und habe sogar schon manchmal gedacht, daß ich sehr gut

auch Geistlicher hätte werden können, – fragen Sie meinen Vetter, ich

habe verschiedentlich sowas geäußert. Aber wenn ich von meinen

persönlichen Neigungen mal absehe – und vielleicht brauch’ ich, genau

genommen, gar nicht so ganz davon abzusehen –, so habe ich eine Menge

Verständnis und Neigung für den militärischen Stand. Es hat ja eine

verteufelt ernsthafte Bewandtnis damit, eine ‚asketische‘, wenn Sie

wollen – Sie waren vorhin so freundlich, den Ausdruck irgendwie zu

gebrauchen –, und immer muß er damit rechnen, es mit dem Tode zu tun zu

bekommen, – mit dem ja letzten Endes auch der geistliche Stand es zu tun

hat, – womit denn sonst. Daher hat der Soldatenstand die _bienséance_

und die Rangordnung und den Gehorsam und die spanische Ehre, wenn ich so

sagen darf, und es ist ziemlich gleich, ob einer einen steifen

Uniformkragen trägt oder eine gestärkte Halskrause, es kommt auf

dasselbe hinaus, auf das ‚Asketische‘, wie Sie vorhin so hervorragend

sich ausdrückten ... Ich weiß nicht, ob es mir gelingt, Ihnen meinen

Gedankengang ...“

„Doch, doch“, sagte Naphta und warf einen Blick zu Settembrini hinüber,

der seinen Stock drehte und den Himmel betrachtete.

„Und darum meine ich,“ fuhr Hans Castorp fort, „daß die Neigungen meines

Vetters Ziemßen Ihnen sympathisch sein müßten, nach allem, was Sie

sagen. Ich denke da nicht an ‚Thron und Altar‘ und solche Verbindungen,

womit manche Leute, so schlechthin ordnungsliebende und einfach bloß

wohlgesinnte Leute, die Zusammengehörigkeit manchmal rechtfertigen.

Sondern ich denke daran, daß die Arbeit des Soldatenstandes, das heißt

der Dienst – in diesem Falle spricht man von Dienst – absolut nicht um

geschäftlicher Vorteile willen geschieht und zur ‚ökonomischen

Gesellschaftslehre‘, wie Sie sagten, gar keine Beziehungen hat, weshalb

denn auch die Engländer nur wenig Soldaten haben, ein paar für Indien

und ein paar zu Hause für die Parade ...“

„Es ist zwecklos, daß Sie fortfahren, Ingenieur“, unterbrach ihn

Settembrini. „Die soldatische Existenz – ich sage das, ohne unserm

Leutnant zu nahe treten zu wollen – ist geistig indiskutabel, denn sie

ist rein formal, an und für sich ohne Inhalt, der Grundtypus des

Soldaten ist der Landsknecht, der sich für diese oder auch jene Sache

anwerben ließ, – kurzum, es gab den Soldaten der spanischen

Gegenreformation, den Soldaten der Revolutionsheere, den napoleonischen,

den Garibaldis, es gibt den preußischen. Lassen Sie mich über den

Soldaten reden, wenn ich weiß, _wofür_ er sich schlägt!“

„_Daß_ er sich schlägt,“ versetzte Naphta, „bleibt immerhin eine

greifbare Eigentümlichkeit seines Standes, lassen wir das gut sein. Es

ist möglich, daß sie nicht hinreicht, diesen Stand in Ihrem Sinne

‚geistig diskutabel‘ zu machen, aber sie rückt ihn in eine Sphäre,

worein bürgerlicher Lebensbejahung jeder Einblick verwehrt ist.“

„Was Sie bürgerliche Lebensbejahung zu nennen belieben,“ entgegnete Herr

Settembrini mit dem vorderen Teil der Lippen, während seine Mundwinkel

unter dem geschwungenen Schnurrbart sich straff in die Breite zogen und

sein Hals sich auf ganz eigentümliche Art schräg und ruckweise aus dem

Kragen herausschraubte, „wird immer bereit gefunden werden, für die

Ideen der Vernunft und der Sittlichkeit und für ihren rechtmäßigen

Einfluß auf junge schwankende Seelen in jeder beliebigen Form

einzutreten.“

Ein Schweigen folgte. Die jungen Leute blickten betroffen vor sich hin.

Nach einigen Schritten sagte Settembrini, der Kopf und Hals wieder in

natürliche Stellung gebracht hatte:

„Sie dürfen sich nicht wundern, dieser Herr und ich, wir zanken uns oft,

aber es geschieht in aller Freundschaft und auf Grund manchen

Einverständnisses.“

Das tat wohl. Es war ritterlich und human von Herrn Settembrini. Aber

Joachim, der es ebenfalls gut meinte und das Gespräch harmlos

fortzuführen gedachte, sagte trotzdem, als stünde er unter irgendeinem

Druck und Zwang, und gleichsam gegen seinen Willen:

„Zufällig sprachen wir vom Kriege, mein Vetter und ich, vorhin, als wir

hinter Ihnen gingen.“

„Das hörte ich“, antwortete Naphta. „Ich fing das Wort auf und sah mich

um. Politisierten Sie? Erörterten Sie die Weltlage?“

„Oh, nein“, lachte Hans Castorp. „Wie sollten wir dazu wohl kommen! Für

meinen Vetter hier wäre es von Berufs wegen geradezu unpassend, sich um

Politik zu kümmern, und ich verzichte freiwillig darauf, verstehe

garnichts davon. Seit ich hier bin, habe ich noch nicht einmal eine

Zeitung in der Hand gehabt ...“

Settembrini fand das, wie früher schon einmal, tadelnswert. Er zeigte

sich sofort aufs beste unterrichtet über die großen Verhältnisse und

beurteilte sie beifällig insofern, als die Dinge einen der Zivilisation

günstigen Verlauf nähmen. Die europäische Gesamtatmosphäre sei von

Friedensgedanken, von Abrüstungsplänen erfüllt. Die demokratische Idee

marschiere. Er erklärte, vertrauliche Informationen zu besitzen,

dahingehend, das Jungtürkentum beende soeben seine Vorbereitungen zu

grundstürzenden Unternehmungen. Die Türkei als National- und

Verfassungsstaat, – welch ein Triumph der Menschlichkeit!

„Liberalisierung des Islam“, spottete Naphta. „Vorzüglich. Der

aufgeklärte Fanatismus, – sehr gut. Übrigens geht das Sie an“, wandte er

sich an Joachim. „Wenn Abdul Hamid fällt, ist es mit Ihrem Einfluß in

der Türkei zu Ende, und England wirft sich zum Protektor auf ... Sie

müssen die Verbindungen und Informationen unseres Settembrini durchaus

ernst nehmen“, sagte er zu beiden Vettern, und auch dies klang

impertinent, da er sie für geneigt zu halten schien, Herrn Settembrini

nicht ernst zu nehmen. „In national-revolutionären Dingen weiß er

Bescheid. Bei ihm zu Hause unterhält man gute Beziehungen zum englischen

Balkankomitee. Was wird aber aus den Abmachungen von Reval, Lodovico,

wenn Ihre Fortschrittstürken Glück haben? Eduard der Siebente wird den

Russen die Öffnung der Dardanellen nicht mehr zugestehen können, und

wenn Österreich sich trotzdem zu einer aktiven Balkanpolitik aufrafft,

so ...“

„Mit Ihrer Katastrophenprophetie!“ wehrte Settembrini ab. „Nikolaus

liebt den Frieden. Man verdankt ihm die Konferenzen im Haag, die

moralische Tatsachen ersten Ranges bleiben.“

„Ei, Rußland mußte sich nach seinem kleinen Mißgeschick im Osten noch

etwas Erholung gönnen!“

„Pfui, mein Herr. Sie sollten die Sehnsucht der Menschheit nach ihrer

gesellschaftlichen Vervollkommnung nicht verhöhnen. Das Volk, das solche

Bestrebungen durchkreuzt, wird sich unzweifelhaft der moralischen

Ächtung aussetzen.“

„Wozu wäre die Politik auch da, als einander Gelegenheit zu geben, sich

moralisch zu kompromittieren!“

„Sie huldigen dem Pangermanismus?“

Naphta zuckte die Schultern, die nicht ganz gleichmäßig standen. Er war

wohl eigentlich etwas schief, zu seiner sonstigen Häßlichkeit. Er

verschmähte es, zu antworten. Settembrini urteilte:

„Jedenfalls ist es zynisch, was Sie da sagen. In den hochherzigen

Anstrengungen der Demokratie, sich international durchzusetzen, wollen

Sie nichts erblicken, als politische List ...“

„Sie verlangen wohl, daß ich Idealismus oder gar Religiosität darin

erblicke? Es handelt sich um letzte, schwächliche Regungen des Restes

von Selbsterhaltungsinstinkt, über den ein verurteiltes Weltsystem noch

verfügt. Die Katastrophe soll und muß kommen, sie kommt auf allen Wegen

und auf alle Weise. Nehmen Sie die britische Staatskunst. Englands

Bedürfnis, das indische Glacis zu sichern, ist legitim. Aber die Folgen?

Eduard weiß so gut wie Sie und ich, daß die Machthaber von Petersburg

die mandschurische Scharte auswetzen müssen und die Ableitung der

Revolution so notwendig brauchen wie das liebe Brot. Trotzdem lenkt er –

er muß es wohl! – den russischen Ausdehnungsdrang nach Europa, weckt

eingeschlummerte Rivalitäten zwischen Petersburg und Wien –“

„Ach, Wien! Sie sorgen sich um dieses Welthindernis, vermutlich, weil

Sie in dem morschen Imperium, dessen Haupt es ist, die Mumie des

Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation erkennen!“

„Und Sie finde ich russophil, vermutlich aus humanistischer Sympathie

mit dem Cäsaro-Papismus.“

„Mein Herr, die Demokratie hat selbst vom Kreml mehr zu hoffen, als von

der Hofburg, und es ist eine Schande für das Land Luthers und Gutenbergs

–“

„Es ist außerdem wahrscheinlich eine Dummheit. Aber auch diese Dummheit

ist ein Werkzeug der Fatalität –“

„Ach, gehen Sie mir mit der Fatalität! Die menschliche Vernunft braucht

sich nur stärker zu _wollen_ als die Fatalität, und sie _ist_ es!“

„Gewollt wird immer nur das Schicksal. Das kapitalistische Europa will

das seine.“

„Man glaubt an das Kommen des Krieges, wenn man ihn nicht hinlänglich

verabscheut!“

„Ihr Abscheu ist logisch abrupt, solange Sie ihn nicht beim Staate

selbst beginnen lassen.“

„Der nationale Staat ist das Prinzip des Diesseits, das Sie dem Teufel

zuschreiben möchten. Machen Sie aber die Nationen frei und gleich,

schützen Sie die kleinen und schwachen vor Unterdrückung, schaffen Sie

Gerechtigkeit, schaffen Sie nationale Grenzen ...“

„Die Brennergrenze, ich weiß. Die Liquidation Österreichs. Wenn ich nur

wüßte, wie Sie sie ohne Krieg zu bewerkstelligen gedenken!“

„Und ich wüßte wahrhaftig gern, wann jemals ich den nationalen Krieg

verdammt haben soll.“

„Ich höre doch wohl –“

„Nein, das muß ich Herrn Settembrini bestätigen“, mischte sich Hans

Castorp in den Disput, dem er im Gehen gefolgt war, indem er den jeweils

Sprechenden mit schrägem Kopfe aufmerksam von der Seite betrachtet

hatte. „Mein Vetter und ich haben ja schon manchmal den Vorzug gehabt,

uns mit ihm über diese und ähnliche Dinge zu unterhalten, das heißt,

natürlich lief es darauf hinaus, daß wir ihm zuhörten, wie er seine

Meinungen entwickelte und alles klarstellte. Und da kann ich denn

bestätigen, und auch mein Vetter hier wird sich daran erinnern, daß Herr

Settembrini mehr als einmal mit großer Begeisterung von dem Prinzip der

Bewegung und der Rebellion und der Weltverbesserung sprach, das ja an

sich kein so ganz friedliches Prinzip ist, sollte ich meinen, und daß

diesem Prinzip noch große Anstrengungen bevorständen, ehe es überall

gesiegt haben werde und die allgemeine glückliche Weltrepublik

stattfinden könne. Das waren seine Worte, wenn sie auch natürlich viel

plastischer und schriftstellerischer waren als meine, das versteht sich

von selbst. Was ich aber ganz genau weiß und wörtlich behalten habe,

weil ich als ausgepichter Zivilist direkt etwas darüber erschrak, das

war, daß er sagte, dieser Tag werde, wenn nicht auf Taubenfüßen, so auf

Adlerschwingen kommen (über die Adlerschwingen erschrak ich, wie ich

mich erinnere), und Wien müsse aufs Haupt geschlagen sein, wenn man das

Glück in die Wege leiten wolle. Man kann also nicht sagen, daß Herr

Settembrini den Krieg überhaupt verworfen hat. Habe ich recht, Herr

Settembrini?“

„Ungefähr“, sagte der Italiener kurz, indem er abgewandten Kopfes seinen

Stock schwenkte.

„Schlimm“, lächelte Naphta häßlich. „Da sind Sie von Ihrem eigenen

Schüler kriegerischer Neigungen überführt. _Assument pennas ut aquilae

..._“

„Voltaire selbst hat den Zivilisationskrieg bejaht und Friedrich dem

Zweiten den Krieg gegen die Türken empfohlen.“

„Statt dessen verbündete er sich mit ihnen, he, he. Und dann die

Weltrepublik! Ich unterlasse es, mich zu erkundigen, was aus dem Prinzip

der Bewegung und der Rebellion wird, wenn das Glück und die Vereinigung

hergestellt sind. In diesem Augenblick würde die Rebellion zum

Verbrechen ...“

„Sie wissen sehr wohl, und auch diese jungen Herren wissen es, daß es

sich um einen als unendlich gedachten Fortschritt der Menschheit

handelt.“

„Alle Bewegung ist aber kreisförmig“, sagte Hans Castorp. „Im Raume und

in der Zeit, das lehren die Gesetze von der Erhaltung der Masse und von

der Periodizität. Mein Vetter und ich sprachen vorhin noch davon. Kann

denn bei geschlossener Bewegung ohne Richtungsdauer von Fortschritt die

Rede sein? Wenn ich abends so liege und den Zodiakus betrachte, das

heißt: die Hälfte, die zu sehen ist, und an die alten weisen Völker

denke ...“

„Sie sollten nicht grübeln und träumen, Ingenieur,“ unterbrach ihn

Settembrini, „sondern sich entschlossen den Instinkten Ihrer Jahre und

Ihrer Rasse anvertrauen, die Sie zur Tätigkeit drängen müssen. Auch Ihre

naturwissenschaftliche Bildung muß Sie der Fortschrittsidee verbinden.

Sie sehen in ungemessenen Zeiträumen das Leben vom Infusor zum Menschen

sich fort- und emporentwickeln, Sie können nicht zweifeln, daß dem

Menschen noch unendliche Vervollkommnungsmöglichkeiten offen stehen.

Versteifen Sie sich denn aber auf die Mathematik, so führen Sie Ihren

Kreislauf von Vollkommenheit zu Vollkommenheit und erquicken Sie sich an

der Lehre unseres achtzehnten Jahrhunderts, daß der Mensch ursprünglich

gut, glücklich und vollkommen war, daß nur die gesellschaftlichen

Irrtümer ihn entstellt und verdorben haben, und daß er auf dem Wege

kritischer Arbeit am Gesellschaftsbau wieder gut, glücklich und

vollkommen werden soll, werden wird –“

„Herr Settembrini versäumt, hinzuzufügen,“ fiel Naphta ein, „daß das

Rousseausche Idyll eine vernünftlerische Verballhornung der kirchlichen

Doktrin von der ehemaligen Staat- und Sündlosigkeit des Menschen ist,

seiner ursprünglichen Gottesunmittelbarkeit und Gotteskindschaft, zu der

er zurückkehren soll. Die Wiederherstellung des Gottesstaates nach

Auflösung aller irdischen Formen liegt aber dort, wo Erde und Himmel,

Sinnliches und Übersinnliches sich berühren, das Heil ist transzendent,

und was Ihre kapitalistische Weltrepublik anbelangt, lieber Doktor, so

ist es recht sonderbar, Sie in diesem Zusammenhang vom „Instinkt“ reden

zu hören. Das Instinktive ist durchaus auf seiten des Nationalen, und

Gott selbst hat den Menschen den natürlichen Instinkt eingepflanzt, der

die Völker veranlaßt hat, sich in verschiedenen Staaten voneinander zu

sondern. Der Krieg ...“

„Der Krieg,“ rief Settembrini, „selbst der Krieg, mein Herr, hat schon

dem Fortschritt dienen müssen, wie Sie mir einräumen werden, wenn Sie

sich gewisser Ereignisse aus Ihrer Lieblingsepoche, ich meine: wenn Sie

sich der Kreuzzüge erinnern! Diese Zivilisationskriege haben die

Beziehungen der Völker im wirtschaftlichen und handelspolitischen

Verkehr aufs glücklichste begünstigt und die abendländische Menschheit

im Zeichen einer Idee vereinigt.“

„Sie sind sehr duldsam gegen die Idee. Desto höflicher will ich Sie

dahin berichtigen, daß die Kreuzzüge nebst der Verkehrsbelebung, die sie

zeitigten, nichts weniger als international ausgleichend gewirkt haben,

sondern im Gegenteil die Völker lehrten, sich voneinander zu

unterscheiden und die Ausbildung der nationalen Staatsidee kräftig

förderten.“

„Sehr zutreffend, soweit das Verhältnis der Völker zur Klerisei in Frage

kommt. Ja! damals begann das Gefühl staatlich nationaler Ehre sich gegen

hierarchische Anmaßung zu festigen ...“

„Und dabei ist, was Sie hierarchische Anmaßung nennen, nichts als die

Idee menschlicher Vereinigung im Zeichen des Geistes!“

„Man kennt diesen Geist, und man bedankt sich.“

„Es ist klar, daß Ihre nationale Manie den weltüberwindenden

Kosmopolitismus der Kirche verabscheut. Wenn ich nur wüßte, wie Sie den

Abscheu vor dem Kriege damit zu vereinigen gedenken. Ihr antikisierender

Staatskult muß Sie zum Verfechter positiver Rechtsauffassung machen, und

als solcher ...“

„Sind wir beim Recht? Im Völkerrecht, mein Herr, bleibt der Gedanke des

Naturrechtes und allmenschlicher Vernunft lebendig ...“

„Pah, Ihr Völkerrecht ist abermals nichts als eine Rousseausche

Verballhornung des _ius divinum_, das weder mit Natur noch Vernunft

etwas zu schaffen hat, sondern auf Offenbarung beruht ...“

„Streiten wir uns nicht um Namen, Professor! Nennen Sie ungehindert _ius

divinum_, was ich als Natur- und Völkerrecht verehre. Die Hauptsache

ist, daß über den positiven Rechten der Nationalstaaten ein

höher-gültiges, allgemeines sich erhebt und die Schlichtung strittiger

Interessenfragen durch Schiedsgerichte ermöglicht.“

„Durch Schiedsgerichte! Wenn ich das Wort höre! Durch ein bürgerliches

Schiedsgericht, das über Fragen des Lebens entscheidet, Gottes Willen

ermittelt und die Geschichte bestimmt! Gut, soviel von den Taubenfüßen.

Und wo bleiben die Adlersschwingen?“

„Die bürgerliche Gesittung –“

„Ei, die bürgerliche Gesittung weiß nicht, was sie will! Da schreien sie

nach Bekämpfung des Geburtenrückganges, fordern, daß die Kosten der

Kinderaufzucht und der Berufsvorbereitung verbilligt werden. Und dabei

erstickt man im Gedränge, und alle Berufe sind so überfüllt, daß der

Kampf um den Eßnapf an Schrecken alle Kriege der Vergangenheit in den

Schatten stellt. Freie Plätze und Gartenstädte! Ertüchtigung der Rasse!

Aber wozu Ertüchtigung, wenn die Zivilisation und der Fortschritt

wollen, daß kein Krieg mehr sei? Der Krieg wäre das Mittel gegen alles

und für alles. Für die Ertüchtigung und sogar gegen den

Geburtenrückgang.“

„Sie scherzen. Das ist nicht mehr ernst. Unser Gespräch löst sich auf

und tut es im rechten Augenblick. Wir sind zur Stelle“, sagte

Settembrini und zeigte den Vettern das Häuschen, vor dessen Zaunpforte

sie hielten, mit dem Stock. Es lag nahe dem Eingang von „Dorf“ an der

Straße, von der nur ein schmales Vorgärtchen es trennte, und war

bescheiden. Wilder Wein schwang sich aus bloßliegenden Wurzeln um die

Haustür und streckte einen gebogenen, an die Mauer geschmiegten Arm

gegen das ebenerdige Fenster zur Rechten hin, das Schaufenster eines

kleinen Kramladens. Das Erdgeschoß sei des Krämers, erklärte

Settembrini. Naphtas Logis befinde sich eine Treppe hoch in der

Schneiderei, und er selbst domiziliere im Dach. Es sei ein friedlicher

Studio.

Mit überraschend hervorgekehrter Liebenswürdigkeit gab Naphta der

Hoffnung Ausdruck, daß weitere Begegnungen aus dieser folgen möchten.

„Besuchen Sie uns“, sagte er. „Ich würde sagen: Besuchen Sie mich, wenn

Dr. Settembrini hier nicht ältere Rechte auf Ihre Freundschaft hätte.

Kommen Sie, wann Sie wollen, sobald Sie Lust zu einem kleinen Kolloquium

haben. Ich schätze den Austausch mit der Jugend, bin auch vielleicht

nicht ohne alle pädagogische Überlieferung ... Wenn unser Meister vom

Stuhl“ (er deutete auf Settembrini) „alle pädagogische Aufgelegtheit und

Berufung dem bürgerlichen Humanismus vorbehalten will, so muß man ihm

widersprechen. Auf bald also!“

Settembrini machte Schwierigkeiten. Es bestünden solche, sagte er. Die

Tage des Leutnants hier oben seien gezählt, und der Ingenieur werde

seinen Eifer im Kurdienst verdoppeln wollen, um ihm sehr bald in die

Ebene nachfolgen zu können.

Die jungen Leute stimmten beiden zu, dem einen nach dem andern. Sie

hatten Naphtas Einladung mit Verbeugungen aufgenommen und erkannten im

nächsten Augenblick die Bedenken Settembrinis mit Kopf und Schultern als

berechtigt an. So blieb alles offen.

„Wie hat er ihn genannt?“ fragte Joachim, als sie die Wegschleife zum

„Berghof“ emporstiegen ...

„Ich habe ‚Meister vom Stuhl‘ verstanden,“ sagte Hans Castorp, „und

denke auch eben darüber nach. Es ist wohl irgend so ein Witz; sie haben

ja sonderbare Namen füreinander. Settembrini nannte Naphta ‚_princeps

scholasticorum_‘, – auch nicht übel. Die Scholastiker, das waren ja wohl

die Schriftgelehrten des Mittelalters, dogmatische Philosophen, wenn du

willst. Hm. Vom Mittelalter war ja denn auch verschiedentlich die Rede,

– wobei mir einfiel, wie Settembrini gleich am ersten Tage sagte, es

mute manches mittelalterlich an bei uns hier oben: wir kamen darauf

durch Adriatica von Mylendonk, durch den Namen. – Wie hat _er_ dir

gefallen?“

„Der Kleine? Nicht gut. Er sagte manches, was mir gefiel.

Schiedsgerichte sind natürlich eine Duckmäuserei. Aber er selbst hat mir

wenig gefallen, und da kann einer noch so viel Gutes sagen, was habe ich

davon, wenn er selbst ein zweifelhafter Kerl ist. Und zweifelhaft ist

er, das kannst du nicht leugnen. Allein schon die Geschichte mit dem

‚Orte der Beiwohnung‘ war entschieden bedenklich. Und dabei hat er ja

eine Judennase, sieh ihn dir doch an! So miekrig von Figur sind auch

immer nur die Semiten. Hast du denn ernstlich vor, den Mann zu

besuchen?“

„Selbstverständlich werden wir ihn besuchen!“ erklärte Hans Castorp.

„Die Miekrigkeit, – das ist nur das Militär, das da aus dir spricht.

Aber die Chaldäer hatten auch solche Nasen und waren doch höllisch auf

dem Posten, nicht bloß in den Geheimwissenschaften. Naphta hat auch was

von Geheimwissenschaft, er interessiert mich nicht wenig. Ich will auch

nicht behaupten, daß ich heute schon klug aus ihm geworden bin, aber

wenn wir öfter mit ihm zusammenkommen, so werden wir es vielleicht, und

ich halte es gar nicht für ausgeschlossen, daß wir überhaupt klüger

werden bei dieser Gelegenheit.“

„Ach, Mensch, du wirst ja immer klüger hier oben, mit deiner Biologie

und Botanik und deinen unhaltbaren Wendepunkten. Und mit der ‚Zeit‘

hattest du es gleich am ersten Tage zu tun. Und dabei sind wir doch

hier, um gesünder, und nicht um gescheuter zu werden, – gesünder und

ganz gesund, damit sie uns endlich in Freiheit setzen und als geheilt

ins Flachland entlassen können!“

„Auf den Bergen wohnt die Freiheit!“ sang Hans Castorp leichtsinnig.

„Sage mir erst mal, was Freiheit ist“, fuhr er sprechend fort. „Naphta

und Settembrini stritten vorhin ja auch darüber und kamen zu keiner

Einigung. ‚Freiheit ist das Gesetz der Menschenliebe!‘ sagt Settembrini,

und das klingt nach seinem Vorfahren, dem Carbonaro. Aber so tapfer der

Carbonaro war, und so tapfer unser Settembrini selber ist, ...“

„Ja, er wurde ungemütlich, als auf persönlichen Mut die Rede kam.“

„... so glaube ich doch, daß er vor manchem Angst hat, wovor der kleine

Naphta _nicht_ Angst hat, verstehst du, und daß seine Freiheit und

Tapferkeit ziemlich ete-pe-tete sind. Meinst du, daß er Mut genug hätte,

_de se perdre ou même de se laisser dépérir_?“

„Was fängst du an, französisch zu sprechen?“

„Nur so ... Die Atmosphäre hier ist ja so international. Ich weiß nicht,

wer mehr Gefallen daran finden müßte: Settembrini, von wegen der

bürgerlichen Weltrepublik, oder Naphta mit seinem hierarchischen

Kosmopolis. Ich habe scharf aufgepaßt, wie du siehst, aber klar ist die

Sache mir nicht geworden, ich fand im Gegenteil, die Konfusion war groß,

die herauskam bei ihren Reden.“

„Das ist immer so. Das wirst du immer so finden, daß bloß Konfusion

herauskommt beim Reden und Meinungen haben. Ich sage dir ja, es kommt

überhaupt nicht drauf an, was für Meinungen einer hat, sondern darauf,

ob einer ein rechter Kerl ist. Am besten ist, man hat gleich gar keine

Meinung, sondern tut seinen Dienst.“

„Ja, so kannst du sagen, als Landsknecht und rein formale Existenz, die

du bist. Bei mir ist es was andres, ich bin Zivilist, ich bin

gewissermaßen verantwortlich. Und mich regt es auf, solche Konfusion zu

sehen, wie daß der eine die internationale Weltrepublik predigt und den

Krieg grundsätzlich verabscheut, dabei aber so patriotisch ist, daß er

partout die Brennergrenze verlangt und dafür einen Zivilisationskrieg

führen will, – und daß der andere den Staat für Teufelswerk hält und von

der allgemeinen Vereinigung am Horizonte flötet, aber im nächsten

Augenblick das Recht des natürlichen Instinktes verteidigt und sich über

Friedenskonferenzen lustig macht. Unbedingt müssen wir hingehen, um klug

daraus zu werden. Du sagst zwar, wir sollen hier nicht klüger werden,

sondern gesünder. Aber das muß sich vereinigen lassen, Mann, und wenn du

das nicht glaubst, dann treibst du Weltentzweiung, und so was zu

treiben, ist immer ein großer Fehler, will ich dir mal bemerken.“

Der Zauberberg. Zweiter Band · 第 10 / 31 题