Was ist die Zeit? Ein Geheimnis, – wesenlos und allmächtig. Eine
Bedingung der Erscheinungswelt, eine Bewegung, verkoppelt und vermengt
dem Dasein der Körper im Raum und ihrer Bewegung. Wäre aber keine Zeit,
wenn keine Bewegung wäre? Keine Bewegung, wenn keine Zeit? Frage nur!
Ist die Zeit eine Funktion des Raumes? Oder umgekehrt? Oder sind beide
identisch? Nur zu gefragt! Die Zeit ist tätig, sie hat verbale
Beschaffenheit, sie „zeitigt“. Was zeitigt sie denn? Veränderung! Jetzt
ist nicht damals, hier nicht dort, denn zwischen beiden liegt Bewegung.
Da aber die Bewegung, an der man die Zeit mißt, kreisläufig ist, in sich
selber beschlossen, so ist das eine Bewegung und Veränderung, die man
fast ebensogut als Ruhe und Stillstand bezeichnen könnte; denn das
Damals wiederholt sich beständig im Jetzt, das Dort im Hier. Da ferner
eine endliche Zeit und ein begrenzter Raum auch mit der verzweifeltsten
Anstrengung nicht vorgestellt werden können, so hat man sich
entschlossen, Zeit und Raum als ewig und unendlich zu „denken“, – in der
Meinung offenbar, dies gelinge, wenn nicht recht gut, so doch etwas
besser. Bedeutet aber nicht die Statuierung des Ewigen und Unendlichen
die logisch-rechnerische Vernichtung alles Begrenzten und Endlichen,
seine verhältnismäßige Reduzierung auf null? Ist im Ewigen ein
Nacheinander möglich, im Unendlichen ein Nebeneinander? Wie vertragen
sich mit den Notannahmen des Ewigen und Unendlichen Begriffe wie
Entfernung, Bewegung, Veränderung, auch nur das Vorhandensein begrenzter
Körper im All? Das frage du nur immerhin!
Hans Castorp fragte so und ähnlich in seinem Hirn, das gleich bei seiner
Ankunft hier oben zu solchen Indiskretionen und Quengeleien sich
aufgelegt gezeigt hatte und durch eine schlimme, aber gewaltige Lust,
die er seitdem gebüßt, vielleicht besonders dafür geschärft und zum
Querulieren dreist gemacht worden war. Er fragte sich selbst danach und
den guten Joachim und das seit undenklichen Zeiten dick verschneite Tal,
obgleich er ja von keiner dieser Stellen irgend etwas einer Antwort
ähnliches zu gewärtigen hatte, – schwer zu sagen, von welcher am
wenigsten. Sich selbst legte er solche Fragen eben nur vor, weil er
keine Antwort darauf wußte. Joachim seinerseits war zur Teilnahme daran
fast gar nicht zu gewinnen, da er, wie Hans Castorp es eines Abends auf
französisch gesagt hatte, an nichts dachte als daran, im Flachlande
Soldat zu sein und mit der bald sich nähernden, bald foppend wieder ins
Weite schwindenden Hoffnung darauf in einem nachgerade erbitterten
Kampfe lag, den durch einen Gewaltstreich zu beenden er sich neuerdings
geneigt zeigte. Ja, der gute, geduldige, rechtliche und so ganz auf
Dienstlichkeit und Disziplin gestellte Joachim unterlag empörerischen
Anwandlungen, er begehrte auf gegen die „Gaffky-Skala“, jenes
Untersuchungssystem, wonach im Laboratorium drunten, oder dem „Labor“,
wie man gewöhnlich sagte, der Grad erkundet und bezeichnet wurde, in
welchem ein Patient mit Bazillen behaftet war: ob diese nur ganz
vereinzelt oder unzählbar massenhaft in dem analysierten Probestoffe
sich vorfanden, das bestimmte die Höhe der Gaffky-Nummer, und auf diese
eben kam alles an. Denn völlig untrüglich drückte sie die
Genesungschance aus, mit der ihr Träger zu rechnen hatte; die Zahl der
Monate oder Jahre, die jemand noch würde zu verweilen haben, war
unschwer danach zu bestimmen, angefangen von der halbjährigen
Stippvisite bis hinauf zu dem Spruche „Lebenslänglich“, der zeitlich
genommen oft genug nun wieder nur allzu wenig besagte. Gegen die
Gaffky-Skala denn also empörte Joachim sich, offen kündigte er ihrer
Autorität den Glauben, – nicht _ganz_ offen, nicht gerade gegen die
Oberen, aber doch gegen seinen Vetter und sogar bei Tisch. „Ich habe es
satt, ich lasse mich nicht länger zum Narren haben“, sagte er laut, und
das Blut stieg ihm in das tief gebräunte Gesicht. „Vor vierzehn Tagen
hatte ich Gaffky Nr. 2, eine Bagatelle, die besten Aussichten, und heute
Nr. 9, bevölkert geradezu, von der Ebene nicht mehr die Rede. Da soll
doch der Teufel klug daraus werden, wie es mit einem steht, es ist nicht
zum Aushalten. Oben auf Schatzalp liegt ein Mann, ein griechischer
Bauer, sie haben ihn aus Arkadien hergeschickt, ein Agent hat ihn
hergeschickt, – ein aussichtsloser Fall, es ist galoppierend bei ihm,
jeden Tag kann man den Exitus erwarten, aber nie im Leben hat der Mann
Bazillen im Sputum gehabt. Dagegen der dicke belgische Hauptmann, der
gesund abging, als ich ankam, war Gaffky Nr. 10 gewesen, nur so
gewimmelt hatte es bei ihm, und dabei hatte er bloß eine ganz kleine
Kaverne gehabt. Gaffky kann mir gestohlen werden! Ich mache Schluß, ich
reise nach Hause, und wenn es mein Tod ist!“ So Joachim; und alle waren
schmerzlich betreten, den sanften, gesetzten jungen Menschen in solchem
Aufruhr zu sehen. Hans Castorp konnte nicht umhin, bei Joachims Drohung,
er werde alles hinwerfen und ins Flachland abreisen, an gewisse
Äußerungen zu denken, die er auf französisch von dritter Seite
vernommen. Aber er schwieg; denn sollte er dem Vetter seine eigene
Geduld als Muster vorhalten, wie Frau Stöhr es tat, die Joachim wirklich
ermahnte, nicht so lästerlich aufzutrotzen, sondern sich in Demut zu
schicken und sich ein Beispiel an der Treue zu nehmen, mit welcher sie,
Karoline, hier oben ausharre und es sich willenszäh versage, in ihrem
Heim zu Cannstatt als Hausfrau zu schalten und zu walten, um dereinst
ihrem Mann ein völlig und gründlich genesenes Eheweib in ihrer Person
zurückzuerstatten? Nein, das mochte Hans Castorp denn doch nicht, zumal
er seit dem Faschingsfest vor Joachim ein schlechtes Gewissen hatte, –
das heißt: sein Gewissen sagte ihm, Joachim müsse in dem, worüber sie
nicht sprachen, wovon Joachim aber zweifellos wußte, etwas wie Verrat,
Desertion und Treulosigkeit sehen, und zwar in Hinsicht auf ein Paar
runder brauner Augen, eine schwach begründete Lachlust und ein
Apfelsinenparfüm, deren Einwirkungen er täglich fünfmal ausgesetzt war,
vor denen er aber streng und anständig seine Augen auf den Teller
niederschlug ... Ja, noch in dem stillen Widerstreben, mit dem Joachim
seinen Spekulationen und Aspekten über die „Zeit“ begegnete, glaubte
Hans Castorp etwas von dieser militärischen Sittsamkeit, die einen
Vorwurf für sein Gewissen enthielt, zu spüren. Was aber das Tal, das
dick verschneite Wintertal betraf, an das Hans Castorp von seinem
vorzüglichen Liegestuhle aus ebenfalls seine übersinnlichen Fragen
richtete, so standen seine Zinken, Kuppen, Wandlinien und
braun-grün-rötlichen Wälder schweigend in der Zeit, umwoben von still
fließender Erdenzeit bald leuchtend im tiefen Himmelsblau, bald
qualmverhüllt, bald rötlich angeglüht in der Höhe von scheidender Sonne,
bald diamanthart glitzernd in Mondnachtzauber, – aber immer im Schnee,
seit sechs undenklichen, wenn auch huschartig vergangenen Monaten, und
alle Gäste erklärten, sie könnten den Schnee nicht mehr sehen, er widere
sie, schon der Sommer habe ihren Ansprüchen in dieser Richtung genügt,
aber nun Schneemassen tagein, tagaus, Schneehaufen, Schneepolster,
Schneehänge, das gehe über Menschenkraft, sei Mord für Geist und Gemüt.
Und sie setzten farbige Brillen auf, grüne, gelbe und rote, wohl auch um
die Augen zu schonen, doch mehr noch fürs Herz.
Tal und Berge im Schnee seit sechs Monaten schon? Seit sieben! Die Zeit
schreitet fort, während wir erzählen, – _unsere_ Zeit, die wir dieser
Erzählung widmen, aber auch die tief vergangene Zeit Hans Castorps und
seiner Schicksalsgenossen dort oben im Schnee, und sie zeitigt
Veränderungen. Alles war auf dem besten Wege, sich zu erfüllen, wie Hans
Castorp es am Faschingstage auf dem Heimwege von „Platz“ zum Zorne Herrn
Settembrinis mit raschen Worten vorweggenommen hatte: nicht gerade, daß
schon die Sonnenwende in unmittelbarer Aussicht gewesen wäre, aber
Ostern war durch das weiße Tal gezogen, der April schritt vor, der Blick
auf Pfingsten war frei, bald würde der Frühling anbrechen, die
Schneeschmelze, – nicht aller Schnee würde schmelzen, auf den Häuptern
im Süden, in den Felsschründen der Rätikonkette im Norden blieb immerdar
welcher liegen, von dem zu schweigen, der auch allsommermonatlich
einfallen, aber nicht liegen bleiben würde; doch unbedingt verhieß die
Umwälzung des Jahres entscheidende Neuerungen binnen kurzem, denn seit
jener Fastnacht, in der Hans Castorp sich von Frau Chauchat einen
Bleistift geliehen, ihr später denselben auch wieder zurückgegeben und
auf Wunsch etwas anderes dafür empfangen hatte, eine Erinnerungsgabe,
die er in der Tasche trug, waren nun schon sechs Wochen verflossen, –
doppelt so viele, als Hans Castorp ursprünglich hatte hier oben bleiben
wollen.
Sechs Wochen verflossen in der Tat seit dem Abend, da Hans Castorp die
Bekanntschaft Clawdia Chauchats gemacht hatte und dann so viel später
auf sein Zimmer zurückgekehrt war, als der dienstfromme Joachim auf das
seine; sechs Wochen seit dem folgenden Tage, der Frau Chauchats Abreise
gebracht hatte, ihre Abreise für diesmal, ihre _vorläufige_ Abreise nach
Daghestan, ganz östlich über den Kaukasus hinaus. Daß diese Abreise
vorläufiger Art, nur eine Abreise für diesmal sein solle, daß Frau
Chauchat wiederzukehren beabsichtigte, – unbestimmt wann, aber daß sie
einmal wiederkommen wolle oder auch müsse, des besaß Hans Castorp
Versicherungen, direkte und mündliche, die nicht in dem mitgeteilten
fremdsprachigen Dialog gefallen waren, sondern folglich in die
unsererseits wortlose Zwischenzeit, während welcher wir den
zeitgebundenen Fluß unserer Erzählung unterbrochen und nur sie, die
reine Zeit, haben walten lassen. Jedenfalls hatte der junge Mann jene
Versicherungen und tröstlichen Zusagen erhalten, bevor er auf Nr. 34
zurückgekehrt war; denn am folgenden Tage hatte er kein Wort mehr mit
Frau Chauchat gewechselt, sie kaum gesehen, sie zweimal von weitem
gesehen: beim Mittagessen, als sie in blauem Tuchrock und weißer
Wolljacke, unter dem Schmettern der Glastür und lieblich schleichend
noch einmal zu Tische gegangen war, wobei ihm das Herz im Halse
geschlagen und nur die scharfe Bewachung, die Fräulein Engelhart ihm
zugewandt, ihn gehindert hatte, das Gesicht mit den Händen zu bedecken;
– und dann nachmittags 3 Uhr, bei ihrer Abreise, der er nicht eigentlich
beigewohnt, sondern der er von einem Korridorfenster aus, das den Blick
auf die Anfahrt gewährte, zugesehen hatte.
Der Vorgang hatte sich abgespielt, wie Hans Castorp ihn während seines
Aufenthaltes hier oben schon manchmal sich hatte abspielen sehen: der
Schlitten oder Wagen hielt an der Rampe, Kutscher und Hausknecht
schnürten die Koffer auf, Sanatoriumsgäste, Freunde dessen, der, genesen
oder nicht, um zu leben oder zu sterben, die Rückreise ins Flachland
antrat, oder auch nur solche, die den Dienst schwänzten, um das Ereignis
auf sich wirken zu lassen, versammelten sich vorm Portal; ein Herr im
Gehrock von der Verwaltung, vielleicht sogar die Ärzte stellten sich
ein, und dann kam der Abreisende heraus, – strahlenden Angesichtes meist
und huldvoll die neugierig Umstehenden und Zurückbleibenden grüßend,
mächtig belebt für den Augenblick durch das Abenteuer ... Diesmal nun
war es Frau Chauchat gewesen, die herausgekommen war, lächelnd, den Arm
voller Blumen, in langem, rauhem, mit Pelz besetztem Reisemantel und
großem Hut, begleitet von Herrn Buligin, ihrem konkaven Landsmann, der
ein Stück Weges mit ihr reiste. Auch sie schien freudig erregt, wie
jeder Abreisende es war, – nur durch den Lebenswechsel, ganz unabhängig
davon, ob man mit ärztlicher Einwilligung reiste oder nur aus
verzweifeltem Überdruß, auf eigene Gefahr und mit schlechtem Gewissen
den Aufenthalt unterbrach. Ihre Wangen waren gerötet, sie plauderte
beständig, wahrscheinlich auf russisch, während man ihre Knie mit einer
Pelzdecke umwickelte ... Nicht nur Frau Chauchats Landsleute und
Tischgenossen, sondern auch zahlreiche andere Gäste waren zur Stelle
gewesen, Dr. Krokowski hatte kernig lächelnd seine gelben Zähne im Barte
gezeigt, noch mehr Blumen hatte es gegeben, die Großtante hatte Konfekt,
„Konfäktchen“, wie sie zu sagen pflegte, das heißt russische Marmelade,
gespendet, die Lehrerin hatte dort gestanden, der Mannheimer, – dieser
in einiger Entfernung, trübe spähend, und seine leidvollen Augen waren
am Hause emporgeglitten, wo sie Hans Castorp am Korridorfenster gewahrt
und trübe auf ihm verweilt hatten ... Hofrat Behrens hatte sich nicht
gezeigt; offenbar hatte er sich von der Reisenden schon bei anderer,
privater Gelegenheit verabschiedet ... Dann hatten unter dem Winken und
Rufen der Umstehenden die Pferde angezogen, und auch Frau Chauchats
schräge Augen hatten nun, während die Vorwärtsbewegung des Schlittens
ein Zurücksinken ihres Oberkörpers gegen das Polster bewirkt hatte, noch
einmal lächelnd die Front des Berghof-Hauses überflogen und während des
Bruchteils einer Sekunde auf Hans Castorps Antlitz verweilt ... Bleich
war der Zurückbleibende auf sein Zimmer geeilt, in seine Loggia, um den
Schlitten von hier aus noch einmal zu sehen, der mit Geklingel die
Anfahrtstraße hinab gegen „Dorf“ hingeglitten war, hatte sich dann in
seinen Stuhl geworfen und aus der Brusttasche die Erinnerungsgabe
gezogen, das Pfand, das diesmal nicht in bräunlichroten Holzschnitzeln,
sondern in einem dünn gerahmten Plättchen, einer Glasplatte bestand, die
man gegen das Licht halten mußte, um etwas an ihr zu finden, – Clawdias
Innenporträt, das ohne Antlitz war, aber das zarte Gebein ihres
Oberkörpers, von den weichen Formen des Fleisches licht und geisterhaft
umgeben, nebst den Organen der Brusthöhle erkennen ließ ...
Wie oft hatte er es betrachtet und an die Lippen gedrückt in der Zeit,
die seitdem verflossen war, indem sie Veränderung gezeitigt hatte!
Gewöhnung zum Beispiel an ein Leben hier oben in räumlich weiter
Abwesenheit Clawdia Chauchats hatte sie gezeitigt, und zwar geschwinder,
als man hätte denken sollen: die hiesige Zeit war ja besonders danach
geartet und außerdem zu dem Zwecke organisiert, Gewöhnung zu zeitigen,
wenn auch nur Gewöhnung daran, daß man sich nicht gewöhnte. Der
klirrende Knall zu Beginn der fünf übergewaltigen Mahlzeiten war nicht
mehr zu gewärtigen und trat nicht mehr ein; anderswo, in ungeheuerer
Entfernung, ließ Frau Chauchat nun Türen zufallen, – eine
Wesensäußerung, die mit ihrem Dasein, ihrer Krankheit auf ähnliche Art
vermengt und verbunden war wie die Zeit mit den Körpern im Raum:
vielleicht _war_ das ihre Krankheit, und nichts weiter ... Aber war sie
unsichtbar-abwesend, so war sie doch zugleich auch unsichtbar-anwesend
für Hans Castorps Sinn, – der Genius des Ortes, den er in schlimmer, in
ausschreitungsvoll süßer Stunde, in einer Stunde, auf die kein
friedliches kleines Lied des Flachlandes paßte, erkannt und besessen
hatte, und dessen inneres Schattenbild er auf seinem seit neun Monaten
so heftig in Anspruch genommenen Herzen trug.
In jener Stunde hatte sein zuckender Mund in fremder Sprache und in der
angeborenen so manches Ausschreitungsvolle halb unbewußt und halb
erstickt gestammelt: Vorschläge, Anerbietungen, tolle Entwürfe und
Willensvorsätze, denen alle Billigung mit Fug und Recht versagt
geblieben war, – so, daß er den Genius über den Kaukasus begleiten, ihm
nachreisen, ihn an dem Orte, den die freizügige Laune des Genius sich
zum nächsten Domizil erwählen werde, erwarten wolle, um sich niemals
mehr von ihm zu trennen, und andere Unverantwortlichkeiten mehr. Was der
schlichte junge Mann mitgenommen hatte aus dieser Stunde tiefen
Abenteuers, war eben nur das Schattenpfand gewesen und die dem Range des
Wahrscheinlichen sich nähernde Möglichkeit, daß Frau Chauchat zu einem
vierten Aufenthalt hierher zurückkehren werde, früher oder später, wie
die Krankheit, die ihr Freiheit gab, es fügen würde. Aber ob früher oder
später, – Hans Castorp, so hatte es auch beim Abschied wieder geheißen,
werde dann unbedingt „längst weit fort“ sein; und der geringschätzige
Sinn dieser Prophezeiung wäre noch schwerer erträglich gewesen, wenn man
nicht hätte bedenken können, daß gewisse Dinge nicht prophezeit werden,
damit sie eintreten, sondern damit sie _nicht_ eintreten, gleichsam im
Sinn der Beschwörung. Propheten dieser Art verhöhnen die Zukunft, indem
sie ihr sagen, wie sie sich gestalten werde, damit sie sich schäme, sich
wirklich so zu gestalten. Und wenn der Genius ihn, Hans Castorp, im
Laufe des mitgeteilten Gesprächs und außerhalb seiner einen „_joli
bourgeois au petit endroit humide_“ genannt hatte, was etwas wie die
Übersetzung der Redensart Settembrinis vom „Sorgenkind des Lebens“
gewesen war, so fragte es sich eben, welcher Bestandteil dieser
Wesensmischung sich als stärker erweisen würde: der bourgeois oder das
andere ... Auch hatte der Genius nicht in Betracht gezogen, daß er
selbst ja verschiedentlich abgereist und wiedergekommen war, und daß
auch Hans Castorp im rechten Augenblick würde wiederkommen können, –
obgleich er ja freilich überhaupt nur deshalb noch immer hier oben saß,
damit er _nicht_ wiederzukommen brauchte: das war ausdrücklich, wie bei
so vielen, der Sinn seines Verweilens.
_Eine_ spöttische Prophezeiung vom Faschingsabend war eingetroffen: Hans
Castorp hatte eine schlechte Fieberlinie gehabt, in steiler Zacke, die
er mit einem Gefühl von Festlichkeit eingezeichnet, war seine Kurve
damals emporgestiegen und, nach einigem Absinken, als Hochplateau
fortgelaufen, das sich, nur leicht gewellt, dauernd über der Ebene des
bisher Gewohnten hielt. Es war eine Übertemperatur, deren Höhe und
Hartnäckigkeit nach des Hofrats Aussage zu dem lokalen Befund in keinem
rechten Verhältnis stand. „Sind eben doch vergifteter, als man Ihnen
zutrauen sollte, Freundchen“, sagte er. „Na, greifen wir mal zu den
Injektionen! Das wird Ihnen anschlagen. In drei, vier Monaten sind Sie
wie der Fisch im Wasser, wenn es nach dem Unterfertigten geht.“ So kam
es, daß Hans Castorp nun zweimal die Woche, am Mittwoch und Sonnabend
gleich nach der Morgenmotion, sich im „Labor“ drunten einzufinden hatte,
um seine Einspritzung entgegenzunehmen.
Beide Ärzte verabfolgten dies Heilmittel, bald dieser, bald jener, aber
der Hofrat tat es als Virtuos, mit einem Schwung, indem er beim Einstich
zugleich abdrückte. Übrigens kümmerte er sich nicht um die Stelle, wohin
er stach, so daß der Schmerz zuweilen des Teufels war und der Punkt noch
lange brennend verhärtet blieb. Ferner wirkte die Injektion stark
angreifend auf den Gesamtorganismus, erschütterte das Nervensystem wie
eine Gewaltleistung sportlicher Art, und das zeugte für die ihr
innewohnende Kraft, die sich auch darin bekundete, daß sie unmittelbar,
für den Augenblick, die Temperatur sogar erhöhte: so hatte der Hofrat es
vorausgesagt, und so geschah es denn auch, gesetzmäßig und ohne daß es
an der vorausgesagten Erscheinung etwas zu beanstanden gab. Die Prozedur
war rasch abgetan, war man nur erst einmal an der Reihe; im Handumdrehen
hatte man sein Gegengift unter der Haut, sei es des Schenkels oder
Armes. Ein paarmal aber, wenn der Hofrat sich eben aufgelegt und vom
Tabak nicht getrübt zeigte, kam es anläßlich der Injektion doch zu einem
kleinen Gespräch mit ihm, das Hans Castorp etwa wie folgt zu lenken
wußte:
„Ich denke noch immer gern an unsere gemütliche Kaffeestunde damals bei
Ihnen, Herr Hofrat, voriges Jahr im Herbst, wie sich das zufällig so
machte. Gerade noch gestern, oder ist es schon etwas länger her, habe
ich meinen Vetter daran erinnert ...“
„Gaffky sieben“, sagte der Hofrat. „Letztes Ergebnis. Der Junge will und
will sich nun mal nicht entgiften. Und dabei hat er mich noch nie so
getirrt und geplagt wie neuerdings, daß er weg will und einen
Schleppsäbel haben, der Kindskopf. Zetert mir über seine fünf
Vierteljährchen vor, als ob es Äonen wären, die er sich um die Ohren
geschlagen. Weg will er, so oder so, – sagt er es zu Ihnen auch? Sie
sollten ihm mal ins Gewissen reden, von Ihnen aus, und das mit
Nachdruck! Das Mannsbild geht Ihnen in die Binsen, wenn es vorzeitig
Ihren gemütvollen Nebel schluckt, da oben rechts. So ein Eisenfresser
braucht nicht viel Hirnschmalz zu haben, aber Sie als der Gesetztere,
der Zivilist, der Mann bürgerlicher Bildung, Sie sollten ihm den Kopf
zurechtsetzen, bevor er Dummheiten macht.“
„Tu ich, Herr Hofrat“, antwortete Hans Castorp, ohne die Führung fahren
zu lassen. „Tu ich öfters, wenn er so aufmuckt, und denke ja auch, er
wird Räson annehmen. Aber die Beispiele, die man vor Augen hat, sind ja
nicht immer die besten, das ist das Schädliche. Immer kommen Abreisen
vor, – Abreisen ins Flachland, eigenmächtig und ohne wahre Befugnis,
aber es ist eine Festivität, als ob es eine echte Abreise wäre, und hat
was Verführerisches für schwächere Charaktere. Zum Beispiel neulich ...
wer ist denn neulich noch abgereist? Eine Dame, vom Guten Russentisch,
Madame Chauchat. Nach Daghestan, wie erzählt wurde. Nun, Daghestan, ich
kenne das Klima nicht, es ist am Ende weniger ungünstig als oben am
Wasser. Aber Flachland ist es doch in unserem Sinn, wenn es vielleicht
auch gebirgig ist, geographisch genommen, ich bin da nicht so
beschlagen. Wie will man denn da nun leben, unausgeheilt, wo die
Grundbegriffe fehlen und niemand von unserer Ordnung hier oben weiß und
wie es zu halten ist mit Liegen und Messen? Übrigens will sie ja
ohnedies wiederkommen, hat sie mir gelegentlich mitgeteilt, – wie kamen
wir überhaupt auf sie? – Ja, damals trafen wir Sie im Garten, Herr
Hofrat, wenn Sie sich erinnern, das heißt Sie trafen uns, denn wir saßen
auf einer Bank, ich weiß noch auf welcher, genau könnt’ ich sie Ihnen
bezeichnen, auf der wir saßen und rauchten. Will sagen, ich rauchte,
denn mein Vetter raucht ja unbegreiflicherweise nicht. Und Sie rauchten
auch gerade, und wir offerierten uns gegenseitig noch unsere Marken, wie
mir eben wieder einfällt, – Ihre Brasil hat mir ausgezeichnet
geschmeckt, aber man muß damit umgehen wie mit jungen Pferden, glaub
ich, sonst stößt einem was zu, wie Ihnen damals nach den beiden kleinen
Importen, als Sie mit wogendem Busen abtanzen wollten, – da es gut
gegangen ist, kann man ja lachen. Von Maria Mancini hab ich mir übrigens
neulich wieder einmal ein paar hundert Stück aus Bremen verschrieben,
ich hänge doch sehr an dem Erzeugnis, es ist mir nach jeder Richtung
sympathisch. Nur allerdings, die Verteuerung durch Zoll und Porto ist
ziemlich empfindlich, und wenn Sie mir nächstens noch was Beträchtliches
zulegen, Herr Hofrat, so bin ich imstande und bekehre mich schließlich
zu einem hiesigen Kraut, – man sieht in den Fenstern ganz schöne Sachen.
Und dann durften wir Ihre Bilder sehen, ich weiß es wie heute und hatte
den größten Genuß davon, – geradezu perplex war ich, was Sie mit der
Ölfarbe riskieren, ich würd es mich nie unterstehen. Da sahen wir ja
auch Frau Chauchats Porträt mit seiner erstrangig gemalten Haut, – ich
darf wohl sagen, ich war begeistert. Damals kannte ich das Modell noch
nicht, nur vom Ansehen, dem Namen nach. Seitdem, ganz kurz vor ihrer
diesmaligen Abreise, habe ich sie ja noch persönlich kennen gelernt.“
„Was Sie sagen!“ erwiderte der Hofrat, – ebenso, wenn die Rückbeziehung
erlaubt ist, wie er erwidert hatte, als Hans Castorp ihm vor seiner
ersten Untersuchung mitgeteilt, daß er übrigens auch etwas Fieber habe.
Und weiter sagte er nichts.
„Doch, ja, das habe ich“, bestätigte Hans Castorp. „Erfahrungsgemäß ist
es gar nicht so leicht, hier oben Bekanntschaften zu machen, aber mit
Frau Chauchat und mir hat es sich in letzter Stunde doch noch getroffen
und arrangiert, gesprächsweise sind wir uns ...“ Hans Castorp zog die
Luft durch die Zähne ein. Er hatte die Spritze empfangen. „Fff!“ machte
er rückwärts. „Das war sicher ein hochwichtiger Nerv, den Sie da
zufällig getroffen haben, Herr Hofrat. Oh, ja, ja, es schmerzt
höllenmäßig. Danke, etwas Massage verbessert die Sache ...
Gesprächsweise sind wir uns näher gekommen.“
„So! – Na?“ machte der Hofrat. Er fragte kopfnickend, mit jemandes
Miene, der eine sehr lobende Antwort erwartet und in die Frage zugleich
die Bestätigung des zu erwartenden Lobes aus eigener Erfahrung legt.
„Ich nehme an, daß es mit meinem Französisch etwas gehapert hat“, wich
Hans Castorp aus. „Woher soll ichs am Ende auch haben. Aber im rechten
Augenblick fliegt einen ja manches an, und so ging es denn mit der
Verständigung doch ganz leidlich.“
„Glaub’ ich. Na?“ wiederholte der Hofrat seine Aufforderung. Von sich
aus fügte er hinzu: „Niedlich, was?“
Hans Castorp, den Hemdkragen knüpfend, stand mit gespreizten Beinen und
Ellbogen, das Gesicht zur Decke gewandt.
„Es ist am Ende nichts Neues“, sagte er. „An einem Badeort leben zwei
Personen oder auch Familien wochenlang unter demselben Dach, in Distanz.
Eines Tages machen sie Bekanntschaft, finden aufrichtiges Gefallen
aneinander, und zugleich stellt sich heraus, daß der eine Teil im
Begriffe ist, abzureisen. So ein Bedauern kommt häufig vor, kann ich mir
denken. Und da möchte man nun doch wenigstens Fühlung wahren im Leben,
voneinander hören, das heißt per Post. Aber Frau Chauchat ...“
„Tja, die will wohl nicht?“ lachte der Hofrat gemütlich.
„Nein, sie wollte nichts davon wissen. Schreibt sie Ihnen denn auch nie
zwischendurch, von ihren Aufenthaltsorten?“
„I, Gott bewahre“, antwortete Behrens. „Das fällt doch der nicht ein.
Erstens aus Faulheit nicht, und dann, wie soll sie denn schreiben?
Russisch kann ich nicht lesen, – ich kauderwelsche es wohl mal, wenn Not
an den Mann kommt, aber lesen kann ich kein Wort. Und Sie doch auch
nicht. Na, und Französisch oder auch Neuhochdeutsch miaut das Kätzchen
ja allerliebst, aber schreiben, – da käme sie in die größte
Verlegenheit. Die Orthographie, lieber Freund! Nein, da müssen wir uns
schon trösten, mein Junge. Sie kommt ja immer mal wieder, von Zeit zu
Zeit. Frage der Technik, Temperamentssache, wie gesagt. Der eine hält
dann und wann Abreise und muß immer wiederkommen, und der andere bleibt
gleich so lange, daß er nie wiederzukommen braucht. Wenn Ihr Vetter
jetzt abreist, das sagen Sie ihm nur, so kann es leicht sein, daß Sie
seinen solennen Wiedereinzug noch hier erleben.“
„Aber Herr Hofrat, wie lange meinen Sie denn, daß ich ...“
„Daß Sie? Daß er! Daß er nicht so lange untenbleiben wird, wie er hier
oben war. Das meine ich für meine treuherzige Person, und das ist mein
Auftrag an Sie für ihn, wenn Sie so freundlich sein wollen.“
Ähnlich mochte wohl so ein Gespräch verlaufen, pfiffig gelenkt von Hans
Castorp, wenn das Ergebnis auch nichtig bis zweideutig gewesen war. Denn
was das betraf, wie lange man bleiben müsse, um die Wiederkehr eines vor
der Zeit Abgereisten zu erleben, war es zweideutig gewesen, in Hinsicht
auf die Entschwundene aber gleich null. Hans Castorp würde nichts von
ihr hören, solange das Geheimnis von Raum und Zeit sie trennte; sie
würde nicht schreiben, und auch ihm würde keine Gelegenheit gegeben
sein, es zu tun ... Warum denn auch übrigens, hätte es sich anders
verhalten sollen, wenn er es wohl überlegte? War es nicht eine recht
bürgerliche und pedantische Vorstellung von ihm gewesen, daß sie
einander schreiben müßten, während ihm doch ehemals zumute gewesen war,
als sei es nicht einmal nötig oder nur wünschenswert, daß sie
miteinander _sprächen_? Und hatte er denn auch etwa mit ihr
„gesprochen“, im Sinne des gebildeten Abendlandes, an ihrer Seite am
Faschingsabend, oder nicht vielmehr fremdsprachig im Traum geredet, auf
wenig zivilisierte Weise? Wozu denn also nun schreiben, auf Briefpapier
oder Ansichtskarten, wie er sie manchmal nach Hause ins Flachland
richtete, um über die Schwankungen der Untersuchungsergebnisse zu
berichten? Hatte Clawdia nicht recht, sich vom Schreiben entbunden zu
fühlen, kraft der Freiheit, welche die Krankheit ihr gab? Sprechen,
schreiben, – eine hervorragend humanistisch-republikanische
Angelegenheit in der Tat, Angelegenheit des Herrn Brunetto Latini, der
das Buch von den Tugenden und Lastern schrieb und den Florentinern
Schliff gab, sie das Sprechen lehrte und die Kunst, ihre Republik nach
den Regeln der Politik zu lenken ...
Damit fielen Hans Castorps Gedanken denn auf Lodovico Settembrini, und
er errötete, wie er damals errötet war, als der Schriftsteller
unvermutet sein Krankenzimmer betreten hatte, unter plötzlicher
Erleuchtung desselben. An Herrn Settembrini hätte Hans Castorp ja
ebenfalls seine Fragen, die übersinnlichen Rätsel betreffend, richten
können, wenn auch nur im Sinne der Herausforderung und der Quengelei,
nicht in der Erwartung, von dem Humanisten, dessen Trachten den
irdischen Lebensinteressen galt, Antwort darauf zu erhalten. Aber seit
der Faschingsgeselligkeit und Settembrinis bewegtem Abgang aus dem
Klaviersalon waltete zwischen Hans Castorp und dem Italiener eine
Entfremdung, die auf das schlechte Gewissen des einen, sowie auf die
tiefe pädagogische Verstimmung des andern zurückzuführen war und dahin
wirkte, daß sie einander mieden und wochenlang kein Wort zwischen ihnen
gewechselt wurde. War Hans Castorp noch ein „Sorgenkind des Lebens“ in
Herrn Settembrinis Augen? Nein, er war wohl ein Aufgegebener in den
Augen dessen, der die Moral in der Vernunft und der Tugend suchte ...
Und Hans Castorp verstockte sich gegen Herrn Settembrini, er zog die
Brauen zusammen und warf die Lippen auf, wenn sie einander begegneten,
während Herrn Settembrinis schwarz glänzender Blick mit schweigendem
Vorwurf auf ihm ruhte. Dennoch löste diese Verstocktheit sich sofort,
als der Literat nach Wochen, wie gesagt, zum erstenmal wieder das Wort
an ihn richtete, wenn auch nur im Vorüberstreifen und in Form
mythologischer Anspielungen, zu deren Verständnis abendländische Bildung
gehörte. Es war nach dem Diner; sie trafen in der nicht mehr zufallenden
Glastür zusammen. Settembrini sagte, den jungen Mann überholend und von
vornherein im Begriff, sich gleich wieder von ihm zu lösen:
„Nun, Ingenieur, wie hat der Granatapfel gemundet?“
Hans Castorp lächelte erfreut und verwirrt.
„Das heißt ... Wie meinen Sie, Herr Settembrini? Granatapfel? Es gab
doch keine? Ich habe nie im Leben ... Doch, einmal habe ich
Granatapfelsaft mit Selters getrunken. Es schmeckte zu süßlich.“
Der Italiener, schon vorüber, wandte den Kopf zurück und artikulierte:
„Götter und Sterbliche haben zuweilen das Schattenreich besucht und den
Rückweg gefunden. Aber die Unterirdischen wissen, daß, wer von den
Früchten ihres Reiches kostet, ihnen verfallen bleibt.“
Und er ging weiter, in seinen ewig hell gewürfelten Hosen, und ließ im
Rücken Hans Castorp, der „durchbohrt“ sein sollte von so viel Bedeutung
und es gewissermaßen auch war, obgleich er, ärgerlich erheitert über die
Zumutung, es zu sein, vor sich hin murmelte:
„Latini, Carducci, Ratzi-Mausi-Falli, laß mich in Frieden!“
Gleichwohl war er sehr glücklich bewegt über diese erste Anrede; denn
trotz der Trophäe, dem makabren Angebinde, das er auf dem Herzen trug,
hing er an Herrn Settembrini, legte großes Gewicht auf sein Dasein, und
der Gedanke, gänzlich und auf immer von ihm verworfen und aufgegeben zu
sein, wäre denn doch beschwerender und schrecklicher für seine Seele
gewesen, als das Gefühl des Knaben, der in der Schule nicht mehr in
Betracht gekommen war und die Vorteile der Schande genossen hatte, wie
Herr Albin ... Doch wagte er nicht, von seiner Seite das Wort an den
Mentor zu richten, und dieser ließ abermals Wochen vergehen, bis er sich
dem Sorgenzögling wieder einmal näherte.
Das geschah, als auf den in ewig eintönigem Rhythmus anrollenden
Meereswogen der Zeit Ostern herangetrieben war und auf „Berghof“
begangen wurde, wie man alle Etappen und Einschnitte dort aufmerksam
beging, um ein ungegliedertes Einerlei zu vermeiden. Beim ersten
Frühstück fand jeder Gast neben seinem Gedecke ein Veilchensträußchen,
beim zweiten Frühstück erhielt jedermann ein gefärbtes Ei, und die
festliche Mittagstafel war mit Häschen geschmückt aus Zucker und
Schokolade.
„Haben Sie je eine Schiffsreise gemacht, Tenente, oder Sie, Ingenieur?“
fragte Herr Settembrini, als er nach Tische in der Halle mit seinem
Zahnstocher an das Tischchen der Vettern herantrat ... Wie die Mehrzahl
der Gäste kürzten sie heute den Hauptliegedienst um eine Viertelstunde,
indem sie sich hier zu einem Kaffee mit Kognak niedergelassen hatten.
„Ich bin erinnert durch diese Häschen, diese gefärbten Eier an das Leben
auf so einem großen Dampfer, bei leerem Horizont seit Wochen, in
salziger Wüstenei, unter Umständen, deren vollkommene Bequemlichkeit
ihre Ungeheuerlichkeit nur oberflächlich vergessen läßt, während in den
tieferen Gegenden des Gemütes das Bewußtsein davon als ein geheimes
Grauen leise fortnagt ... Ich erkenne den Geist wieder, in dem man an
Bord einer solchen Arche die Feste der _terraferma_ pietätvoll andeutet.
Es ist das Gedenken von Außerweltlichen, empfindsame Erinnerung nach dem
Kalender ... Auf dem Festlande wäre heut Ostern, nicht wahr? Auf dem
Festlande begeht man heut Königs Geburtstag, – und wir tun es auch, so
gut wir können, wir sind auch Menschen ... Ist es nicht so?“
Die Vettern stimmten zu. Wahrhaftig, so sei es. Hans Castorp, gerührt
von der Anrede und vom schlechten Gewissen gespornt, lobte die Äußerung
in hohen Tönen, fand sie geistreich, vorzüglich und schriftstellerisch
und redete Herrn Settembrini aus allen Kräften nach dem Munde. Gewiß,
nur oberflächlich, ganz wie Herr Settembrini es so plastisch gesagt
habe, lasse der Komfort auf dem Ozean-Steamer die Umstände und ihre
Gewagtheit vergessen, und es liege, wenn er auf eigene Hand das
hinzufügen dürfe, sogar eine gewisse Frivolität und Herausforderung in
diesem vollendeten Komfort, etwas dem ähnliches, was die Alten Hybris
genannt hätten (sogar die Alten zitierte er aus Gefallsucht), oder
dergleichen, wie „Ich bin der König von Babylon!“, kurz Frevelhaftes.
Auf der anderen Seite aber involviere („involviere“!) der Luxus an Bord
doch auch einen großen Triumph des Menschengeistes und der Menschenehre,
– indem er diesen Luxus und Komfort auf die salzigen Schäume hinaustrage
und dort kühnlich aufrecht erhalte, setze der Mensch gleichsam den
Elementen den Fuß auf den Nacken, den wilden Gewalten, und das
involviere den Sieg der menschlichen Zivilisation über das Chaos, wenn
er auf eigene Hand diesen Ausdruck gebrauchen dürfe ...
Herr Settembrini hörte ihm aufmerksam zu, die Füße gekreuzt und die Arme
ebenfalls, wobei er sich auf zierliche Art mit dem Zahnstocher den
geschwungenen Schnurrbart strich.
„Es ist bemerkenswert“, sagte er. „Der Mensch tut keine nur einigermaßen
gesammelte Äußerung allgemeiner Natur, ohne sich ganz zu verraten,
unversehens sein ganzes Ich hineinzulegen, das Grundthema und Urproblem
seines Lebens irgendwie im Gleichnis darzustellen. So ist es Ihnen
soeben ergangen, Ingenieur. Was Sie da sagten, kam in der Tat aus dem
Grunde Ihrer Persönlichkeit, und auch den zeitlichen Zustand dieser
Persönlichkeit drückte es auf dichterische Weise aus: es ist immer noch
der Zustand des Experimentes ...“
„_Placet experiri!_“ sagte Hans Castorp nickend und lachend, mit
italienischem _c_.
„_Sicuro_, – wenn es sich dabei um die respektable Leidenschaft der
Welterprobung handelt und nicht um Liederlichkeit. Sie sprachen von
‚Hybris‘, Sie bedienten sich dieses Ausdrucks. Aber die Hybris der
Vernunft gegen die dunklen Gewalten ist höchste Menschlichkeit, und
beschwört sie die Rache neidischer Götter herauf, _per esempio_, indem
die Luxusarche scheitert und senkrecht in die Tiefe geht, so ist das ein
Untergang in Ehren. Auch die Tat des Prometheus war Hybris, und seine
Qual am skythischen Felsen gilt uns als heiligstes Martyrium. Wie steht
es dagegen um jene andere Hybris, um den Untergang im buhlerischen
Experiment mit den Mächten der Widervernunft und der Feindschaft gegen
das Menschengeschlecht? Hat das Ehre? Kann das Ehre haben? _Sì o no!_“
Hans Castorp rührte in seinem Täßchen, obgleich nichts mehr darin war.
„Ingenieur, Ingenieur,“ sagte der Italiener mit dem Kopfe nickend, und
seine schwarzen Augen hatten sich sinnend „festgesehen“, „fürchten Sie
nicht den Wirbelsturm des zweiten Höllenkreises, der die Fleischessünder
prellt und schwenkt, die Unseligen, die die Vernunft der Lust zum Opfer
brachten? _Gran Dio_, wenn ich mir einbilde, wie Sie kopfüber, kopfunter
umhergepustet flattern werden, so möchte ich vor Kummer umfallen wie
eine Leiche fällt ...“
Sie lachten, froh, daß er scherzte und Poetisches redete. Aber
Settembrini setzte hinzu:
„Am Faschingsabend beim Wein, Sie erinnern sich, Ingenieur, nahmen Sie
gewissermaßen Abschied von mir, doch, es war etwas dem ähnliches. Nun,
heute bin _ich_ an der Reihe. Wie Sie mich hier sehen, meine Herren, bin
ich im Begriff, Ihnen Lebewohl zu sagen. Ich verlasse dies Haus.“
Beide verwunderten sich aufs höchste.
„Nicht möglich! Das ist nur Scherz!“ rief Hans Castorp, wie er bei
anderer Gelegenheit auch gerufen hatte. Er war fast ebenso erschrocken
wie damals. Aber auch Settembrini erwiderte:
„Durchaus nicht. Es ist, wie ich Ihnen sage. Und übrigens trifft Sie
diese Nachricht nicht unvorbereitet. Ich habe Ihnen erklärt, daß in dem
Augenblick, wo sich meine Hoffnung, in irgendwie absehbarer Zeit in die
Welt der Arbeit zurückkehren zu können, als unhaltbar erweisen werde,
ich hier meine Zelte abzubrechen und irgendwo im Orte mich für die Dauer
einzurichten entschlossen sei. Was wollen Sie nun, – dieser Augenblick
ist eingetreten. Ich kann nicht genesen, es ist ausgemacht. Ich kann
mein Leben fristen, aber nur hier. Das Urteil, das endgültige Urteil,
lautet auf lebenslänglich, – mit der ihm eigenen Aufgeräumtheit hat
Hofrat Behrens es mir verkündet. Gut denn, ich ziehe die Folgerungen.
Ein Logis ist gemietet, ich bin im Begriffe, meine geringe irdische
Habe, mein literarisches Handwerkszeug dorthin zu schaffen ... Es ist
nicht einmal weit von hier, in „Dorf“, wir werden einander begegnen,
gewiß, ich werde Sie nicht aus den Augen verlieren, als Hausgenosse aber
habe ich die Ehre, mich von Ihnen zu verabschieden.“
So Settembrinis Eröffnung am Ostersonntag. Die Vettern hatten sich
außerordentlich bewegt darüber gezeigt. Des längeren noch, und
wiederholt, hatten sie mit dem Literaten über seinen Entschluß
gesprochen: darüber, wie er auch privatim den Kurdienst weiter werde
ausüben können, über die Mitnahme und Fortführung ferner der
weitläufigen enzyklopädischen Arbeit, die er auf sich genommen, jener
Übersicht aller schöngeistigen Meisterwerke, unter dem Gesichtspunkt der
Leidenskonflikte und ihrer Ausmerzung; endlich auch über sein
zukünftiges Quartier im Hause eines „Gewürzkrämers“, wie Herr
Settembrini sich ausdrückte. Der Gewürzkrämer, berichtete er, habe den
oberen Teil seines Eigentums an einen böhmischen Damenschneider
vermietet, der seinerseits Aftermieter aufnehme ... Diese Gespräche also
lagen zurück. Die Zeit schritt fort, und mehr als eine Veränderung hatte
sie bereits gezeitigt. Settembrini wohnte wirklich nicht mehr im
internationalen Sanatorium „Berghof“, sondern bei Lukaček, dem
Damenschneider, – schon seit einigen Wochen. Nicht in Form einer
Schlittenabreise hatte sein Auszug sich abgespielt, sondern zu Fuß, in
kurzem, gelbem Paletot, der am Kragen und an den Ärmeln ein wenig mit
Pelz besetzt war, und begleitet von einem Mann, der auf einem
Schubkarren das literarische und das irdische Handgepäck des
Schriftstellers beförderte, hatte man ihn stockschwingend davongehen
sehen, nachdem er noch unterm Portal eine Saaltochter mit den Rücken
zweier Finger in die Wange gezwickt ... Der April, wie wir sagten, lag
schon zu einem guten Teil, zu drei Vierteln, im Schatten der
Vergangenheit, noch war es tiefer Winter, gewiß, im Zimmer hatte man
knappe sechs Wärmegrade am Morgen, draußen war neungradige Kälte, die
Tinte im Glase, wenn man es in der Loggia ließ, gefror über Nacht noch
immer zu einem Eisklumpen, einem Stück Steinkohle. Aber der Frühling
nahte, das wußte man; am Tage, wenn die Sonne schien, spürte man hie und
da bereits eine ganz leise, ganz zarte Ahnung von ihm in der Luft; die
Periode der Schneeschmelze stand in naher Aussicht, und damit hingen die
Veränderungen zusammen, die sich auf „Berghof“ unaufhaltsam vollzogen, –
nicht aufzuhalten selbst durch die Autorität, das lebendige Wort des
Hofrats, der in Zimmer und Saal, bei jeder Untersuchung, jeder Visite,
jeder Mahlzeit das populäre Vorurteil gegen die Schneeschmelze
bekämpfte.
Ob es Wintersportsleute seien, fragte er, mit denen er es zu tun habe,
oder Kranke, Patienten? Wozu in aller Welt sie denn Schnee, gefrorenen
Schnee brauchten? Eine ungünstige Zeit, – die Schneeschmelze? Die
allergünstigste sei es! Nachweislich gäbe es im ganzen Tal um diese Zeit
verhältnismäßig weniger Bettlägrige, als irgendwann sonst im Jahre!
Überall in der weiten Welt seien die Wetterbedingungen für Lungenkranke
zu dieser Frist schlechter als gerade hier! Wer einen Funken Verstand
habe, der harre aus und nutze die abhärtende Wirkung der hiesigen
Witterungsverhältnisse. Danach dann sei er fest gegen Hieb und Stich,
gefeit gegen jedes Klima der Welt, vorausgesetzt nur, daß der volle
Eintritt der Heilung abgewartet worden sei – und so fort. Aber der
Hofrat hatte gut reden, – die Voreingenommenheit gegen die
Schneeschmelze saß fest in den Köpfen, der Kurort leerte sich; wohl
möglich, daß es der sich nähernde Frühling war, der den Leuten im Leibe
rumorte und seßhafte Leute unruhig und veränderungssüchtig machte, –
jedenfalls mehrten die „wilden“ und „falschen“ Abreisen sich auch im
Hause Berghof bis zur Bedenklichkeit. Frau Salomon aus Amsterdam zum
Beispiel, trotz dem Vergnügen, das die Untersuchungen und das damit
verbundene Zurschaustellen feinster Spitzenwäsche ihr bereiteten, reiste
vollständig wilder- und falscherweise ab, ohne jede Erlaubnis und nicht,
weil es ihr besser, sondern weil es ihr immer schlechter ging. Ihr
Aufenthalt hier oben verlor sich weit zurück hinter Hans Castorps
Ankunft; länger als ein Jahr war es her, daß sie eingetroffen war, – mit
einer ganz leichten Affektion, für die ihr drei Monate zudiktiert worden
waren. Nach vier Monaten hatte sie „in vier Wochen sicher gesund“ sein
sollen, aber sechs Wochen später hatte von Heilung überhaupt nicht die
Rede sein können: sie müsse, hatte es geheißen, mindestens noch vier
Monate bleiben. So war es fortgegangen, und es war ja kein Bagno und
kein sibirisches Bergwerk hier, – Frau Salomon war geblieben und hatte
feinstes Unterzeug an den Tag gelegt. Da sie nun aber nach der letzten
Untersuchung, im Angesicht der Schneeschmelze, eine neue Zulage von fünf
Monaten erhalten hatte, wegen Pfeifens links oben und unverkennbarer
Mißtöne unter der linken Achsel, war ihr die Geduld gerissen, und mit
Protest, unter Schmähungen auf „Dorf“ und „Platz“, auf die berühmte
Luft, das internationale Haus Berghof und die Ärzte reiste sie ab, nach
Hause, nach Amsterdam, einer zugigen Wasserstadt.
War das klug gehandelt? Hofrat Behrens hob Schultern und Arme auf und
ließ die letzteren geräuschvoll gegen die Schenkel zurückfallen.
Spätestens im Herbst, sagte er, werde Frau Salomon wieder da sein, –
dann aber auf immer. Würde er recht behalten? Wir werden sehen, wir sind
noch auf längere Erdenzeit an diesen Lustort gebunden. Aber der Fall
Salomon war also durchaus nicht der einzige seiner Art. Die Zeit
zeitigte Veränderungen, – sie hatte das ja immer getan, aber
allmählicher, nicht so auffallend. Der Speisesaal wies Lücken auf,
Lücken an allen sieben Tischen, am Guten Russentisch wie am Schlechten,
an den längs- wie an den querstehenden. Nicht gerade, daß dies von der
Frequenz des Hauses ein zuverlässiges Bild gegeben hätte; auch Ankünfte,
wie jederzeit, hatten stattgefunden; die Zimmer mochten besetzt sein,
aber da handelte es sich eben um Gäste, die durch finalen Zustand in
ihrer Freizügigkeit eingeschränkt waren. Im Speisesaal, wie wir sagten,
fehlte manch einer dank noch bestehender Freizügigkeit; manch einer aber
tat es sogar auf eine besonders tiefe und hohle Weise, wie Dr.
Blumenkohl, der tot war. Immer stärker hatte sein Gesicht den Ausdruck
angenommen, als habe er etwas schlecht Schmeckendes im Munde; dann war
er dauernd bettlägrig geworden und dann gestorben, – niemand wußte genau
zu sagen, wann; mit aller gewohnten Rücksicht und Diskretion war die
Sache behandelt worden. Eine Lücke. Frau Stöhr saß neben der Lücke, und
sie graute sich vor ihr. Darum siedelte sie an des jungen Ziemßen andere
Seite über, an den Platz Miß Robinsons, die als geheilt entlassen
worden, gegenüber der Lehrerin, Hans Castorps linksseitiger Nachbarin,
die fest auf ihrem Posten geblieben war. Ganz allein saß sie derzeit an
dieser Tischseite, die übrigen drei Plätze waren frei. Student
Rasmussen, der täglich dümmer und schlaffer geworden, war bettlägrig und
galt für moribund; und die Großtante war mit ihrer Nichte und der
hochbrüstigen Marusja verreist, – wir sagen „verreist“, wie alle es
sagten, weil ihre Rückkehr in naher Zeit eine ausgemachte Sache war. Zum
Herbst schon würden sie wieder eintreffen, – war das eine Abreise zu
nennen? Wie nah war nicht Sommersonnenwende, wenn erst einmal Pfingsten
gewesen war, das vor der Türe stand; und kam der längste Tag, so gings
ja rapide bergab, auf den Winter zu, – kurzum, die Großtante und Marusja
waren beinahe schon wieder da, und das war gut, denn die lachlustige
Marusja war keineswegs ausgeheilt und entgiftet; die Lehrerin wußte
etwas von tuberkulösen Geschwüren, die die braunäugige Marusja an ihrer
üppigen Brust haben sollte, und die schon mehrmals hatten operiert
werden müssen. Hans Castorp hatte, als die Lehrerin davon sprach, hastig
auf Joachim geblickt, der sein fleckig gewordenes Gesicht über seinen
Teller geneigt hatte.
Die muntere Großtante hatte den Tischgenossen, also den Vettern, der
Lehrerin und Frau Stöhr ein Abschiedssouper im Restaurant gegeben, eine
Schmauserei mit Kaviar, Champagner und Likören, bei der Joachim sich
sehr still verhalten, ja, nur einzelnes mit fast tonloser Stimme
gesprochen hatte, so daß die Großtante in ihrer Menschenfreundlichkeit
ihm Mut zugesprochen und ihn dabei, unter Ausschaltung zivilisierter
Sittengesetze, sogar geduzt hatte. „Hat nichts auf sich, Väterchen, mach
dir nichts draus, sondern trink, iß und sprich, wir kommen bald wieder!“
hatte sie gesagt. „Wollen wir alle essen, trinken und schwatzen und den
Gram – Gram sein lassen, Gott läßt Herbst werden, eh wirs gedacht,
urteile selbst, ob Grund ist zum Kummer!“ Am nächsten Morgen hatte sie
zur Erinnerung bunte Schachteln mit „Konfäktchen“ an fast alle Besucher
des Speisesaales verteilt und war dann mit ihren beiden jungen Mädchen
etwas verreist.
Und Joachim, wie stand es um ihn? War er befreit und erleichtert
seitdem, oder litt seine Seele schwere Entbehrung angesichts der leeren
Tischseite? Hing seine ungewohnte und empörerische Ungeduld, seine
Drohung, wilde Abreise halten zu wollen, wenn man ihn länger an der Nase
führe, mit der Abreise Marusjas zusammen? Oder war vielmehr die
Tatsache, daß er vorderhand eben doch noch nicht reiste, sondern der
hofrätlichen Verherrlichung der Schneeschmelze sein Ohr lieh, auf jene
andere zurückzuführen, daß die hochbusige Marusja nicht ernstlich
abgereist, sondern nur etwas verreist war und in fünf kleinsten
Teileinheiten hiesiger Zeit wieder eintreffen würde? Ach, das war wohl
alles auf einmal der Fall, alles in gleichem Maße; Hans Castorp konnte
es sich denken, auch ohne je mit Joachim über die Sache zu sprechen.
Denn dessen enthielt er sich ebenso streng, wie Joachim es vermied, den
Namen einer anderen etwas Verreisten zu nennen.
Unterdessen aber, an Settembrinis Tisch, an des Italieners Platz, – wer
saß dort seit kurzem, in Gesellschaft holländischer Gäste, deren Appetit
so ungeheuer war, daß jeder von ihnen sich zu Anfang des täglichen
Fünf-Gänge-Diners, noch vor der Suppe, drei Spiegeleier servieren ließ?
Es war Anton Karlowitsch Ferge, er, der das höllische Abenteuer des
Pleura-Choks erprobt hatte! Ja, Herr Ferge war außer Bett; auch ohne
Pneumothorax hatte sein Zustand sich so gebessert, daß er den größten
Teil des Tages mobil und angekleidet verbrachte und mit seinem
gutmütig-bauschigen Schnurrbart und seinem ebenfalls gutmütig wirkenden
großen Kehlkopf an den Mahlzeiten teilnahm. Die Vettern plauderten
manchmal mit ihm in Saal und Halle, und auch für die Dienstpromenaden
taten sie sich dann und wann, wenn es sich eben so traf, mit ihm
zusammen, Neigung im Herzen für den schlichten Dulder, der von hohen
Dingen gar nichts zu verstehen erklärte und, dies vorausgesandt, überaus
behaglich von Gummischuhfabrikation und fernen Gebieten des russischen
Reiches, Samara, Georgien, erzählte, während sie im Nebel durch den
Schneewasserbrei stapften.
Denn die Wege waren wirklich kaum gangbar jetzt, sie befanden sich in
voller Auflösung, und die Nebel brauten. Der Hofrat sagte zwar, es seien
keine Nebel, es seien Wolken; aber das war Wortfuchserei nach Hans
Castorps Urteil. Der Frühling focht einen schweren Kampf, der sich,
unter hundert Rückfällen ins Bitter-Winterliche, durch Monate, bis in
den Juni hinein, erstreckte. Schon im März, wenn die Sonne schien, war
es auf dem Balkon und im Liegestuhl, trotz leichtester Kleidung und
Sonnenschirm, vor Hitze kaum auszuhalten gewesen, und es gab Damen, die
schon damals Sommer gemacht und bereits beim ersten Frühstück
Musselinkleider vorgeführt hatten. Sie waren in einem Grade entschuldigt
durch die Eigenart des Klimas hier oben, das Verwirrung begünstigte,
indem es die Jahreszeiten meteorologisch durcheinander warf; aber es war
auch bei ihrem Vorwitz viel Kurzsicht und Phantasielosigkeit im Spiel,
jene Dummheit von Augenblickswesen, die nicht zu denken vermag, daß es
noch wieder anders kommen kann, sowie vor allem Gier nach Abwechslung
und zeitverschlingende Ungeduld: man schrieb März, das war Frühling, das
war so gut wie Sommer, und man zog die Musselinkleider hervor, um sich
darin zu zeigen, ehe der Herbst einfiel. Und das tat er, gewissermaßen.
Im April fielen trübe, naßkalte Tage ein, deren Dauerregen in Schnee, in
wirbelnden Neuschnee überging. Die Finger erstarrten in der Loggia, die
beiden Kamelhaardecken traten ihren Dienst wieder an, es fehlte nicht
viel, daß man zum Pelzsack gegriffen hätte, die Verwaltung entschloß
sich, zu heizen, und jedermann klagte, man werde um seinen Frühling
betrogen. Alles war dick verschneit gegen Ende des Monats; aber dann kam
Föhn auf, vorausgesagt, vorausgewittert von erfahrenen und empfindlichen
Gästen: Frau Stöhr sowohl, wie die elfenbeinfarbene Levi, wie nicht
minder die Witwe Hessenfeld spürten ihn einstimmig schon, bevor noch das
kleinste Wölkchen über dem Gipfel des Granitbergs im Süden sich zeigte.
Frau Hessenfeld neigte alsbald zu Weinkrämpfen, die Levi wurde
bettlägrig, und Frau Stöhr, die Hasenzähne störrisch entblößt, bekundete
stündlich die abergläubische Befürchtung, ein Blutsturz möchte sie
ereilen; denn die Rede ging, daß Föhnwind dergleichen befördere und
bewirke. Unglaubliche Wärme herrschte, die Heizung erlosch, man ließ
über Nacht die Balkontür offen und hatte trotzdem morgens elf Grad im
Zimmer; der Schnee schmolz gewaltig, er wurde eisfarben, porös und
löcherig, sackte zusammen, wo er zu Hauf lag, schien sich in die Erde zu
verkriechen. Ein Sickern, Sintern und Rieseln war überall, ein Tropfen
und Stürzen im Walde, und die geschaufelten Schranken an den Straßen,
die bleichen Teppiche der Wiesen verschwanden, wenn auch die Massen
allzu reichlich gelegen hatten, um rasch zu verschwinden. Da gab es
wundersame Erscheinungen, Frühlingsüberraschungen auf Dienstwegen im
Tal, märchenhaft, nie gesehen. Ein Wiesengebreite lag da, – im
Hintergrunde ragte der Schwarzhornkegel, noch ganz im Schnee, mit dem
ebenfalls noch tief verschneiten Scalettagletscher rechts in der Nähe,
und auch das Gelände mit seinem Heuschober irgendwo lag noch im Schnee,
wenn auch die Decke schon dünn und schütter war, von rauhen und dunklen
Bodenerhebungen da und dort unterbrochen, von trockenem Grase überall
durchstochen. Das war jedoch, wie die Wanderer fanden, eine
unregelmäßige Art von Verschneitheit, die diese Wiese da aufwies, – in
der Ferne, gegen die waldigen Lehnen hin, war sie dichter, im
Vordergrund aber, vor den Augen der Prüfenden, war das noch winterlich
dürre und mißfarbene Gras mit Schnee nur noch gesprenkelt, betupft,
beblümt ... Sie sahen es näher an, sie beugten sich staunend darüber, –
das war kein Schnee, es waren Blumen, Schneeblumen, Blumenschnee,
kurzstielige kleine Kelche, weiß und weißbläulich, es war Krokus, bei
ihrer Ehre, millionenweise dem sickernden Wiesengrunde entsprossen, so
dicht, daß man ihn gut und gern hatte für Schnee halten können, in den
er weiterhin denn auch ununterscheidbar überging.
Sie lachten über ihren Irrtum, lachten vor Freude über das Wunder vor
ihren Augen, diese lieblich zaghafte und nachahmende Anpassung des
zuerst sich wieder hervorgetrauenden organischen Lebens. Sie pflückten
davon, betrachteten und untersuchten die zarten Bechergebilde,
schmückten ihre Knopflöcher damit, trugen sie heim, stellten sie in die
Wassergläser auf ihren Zimmern; denn die unorganische Starre des Tales
war lang gewesen, – lang, wenn auch kurzweilig.
Aber der Blumenschnee wurde mit wirklichem zugedeckt, und auch den
blauen Soldanellen, den gelben und roten Primeln erging es so, die ihm
folgten. Ja, wie schwer der Frühling es hatte, sich durchzuringen und
den hiesigen Winter zu überwältigen! Zehnmal ward er zurückgeworfen,
bevor er Fuß fassen konnte hier oben, – bis zum nächsten Einbruch des
Winters, mit weißem Gestöber, Eiswind und Heizungsbetrieb. Anfang Mai
(denn nun ist es gar schon Mai geworden, während wir von den
Schneeblumen erzählten), Anfang Mai war es schlechthin eine Qual, in der
Loggia nur eine Postkarte ins Flachland zu schreiben, so schmerzten die
Finger vor rauher Novembernässe; und die fünfeinhalb Laubbäume der
Gegend waren kahl wie die Bäume der Ebene im Januar. Tagelang währte der
Regen, eine Woche lang stürzte er nieder, und ohne die versöhnenden
Eigenschaften des hiesigen Liegestuhltyps wäre es überaus hart gewesen,
im Wolkenqualm, mit nassem, starrem Gesicht, so viele Ruhestunden im
Freien zu verbringen. Insgeheim aber war es ein Frühlingsregen, um den
es sich handelte, und mehr und mehr, je länger er dauerte, gab er als
solcher sich auch zu erkennen. Fast aller Schnee schmolz unter ihm weg;
es gab kein Weiß mehr, nur hie und da noch ein schmutziges Eisgrau, und
nun begannen wahrhaftig die Wiesen zu grünen!
Welch milde Wohltat fürs Auge, das Wiesengrün, nach dem unendlichen
Weiß! Und noch ein anderes Grün war da, an Zartheit und lieblicher
Weiche das Grün des neuen Grases noch weit übertreffend. Das waren die
jungen Nadelbüschel der Lärchen, – Hans Castorp konnte auf Dienstwegen
selten umhin, sie mit der Hand zu liebkosen und sich die Wange damit zu
streicheln, so unwiderstehlich lieblich waren sie in ihrer Weichheit und
Frische. „Man könnte zum Botaniker werden,“ sagte der junge Mann zu
seinem Begleiter, „man könnte wahr und wahrhaftig Lust bekommen zu
dieser Wissenschaft vor lauter Spaß an dem Wiedererwachen der Natur nach
einem Winter bei uns hier oben! Das ist ja Enzian, Mensch, was du da am
Abhange siehst, und dies hier ist eine gewisse Sorte von kleinen gelben
Veilchen, mir unbekannt. Aber hier haben wir Ranunkeln, sie sehen unten
ja auch nicht anders aus, aus der Familie der Ranunkulazeen, gefüllt,
wie mir auffällt, eine besonders reizende Pflanze, zwittrig übrigens, du
siehst da eine Menge Staubgefäße und eine Anzahl Fruchtknoten, ein
Andrözeum und ein Gynäzeum, soviel ich behalten habe. Ich glaube
bestimmt, ich werde mir einen oder den anderen botanischen Schmöker
zulegen, um mich etwas besser zu informieren auf diesem Lebens- und
Wissensgebiet. Ja, wie es nun bunt wird auf der Welt!“
„Das kommt noch besser im Juni“, sagte Joachim. „Die Wiesenblüte hier
ist ja berühmt. Aber ich glaube doch nicht, daß ich sie abwarte. – Das
hast du wohl von Krokowski, daß du Botanik studieren willst?“
Krokowski? Wie meinte er das? Ach so, er kam darauf, weil Dr. Krokowski
sich neulich botanisch gebärdet hatte bei einer seiner Konferenzen. Denn
der ginge freilich fehl, der meinte, die durch die Zeit gezeitigten
Veränderungen wären so weit gegangen, daß Dr. Krokowski keine Vorträge
mehr gehalten hätte! Vierzehntägig hielt er sie, nach wie vor, im
Gehrock, wenn auch nicht mehr in Sandalen, die er nur sommers trug und
also nun bald wieder tragen würde, – jeden zweiten Montag im Speisesaal,
wie damals, als Hans Castorp, mit Blut beschmiert, zu spät gekommen war,
in seinen ersten Tagen. Drei Vierteljahre lang hatte der Analytiker über
Liebe und Krankheit gesprochen, – nie viel auf einmal, in kleinen
Portionen, in halb- bis dreiviertelstündigen Plaudereien, breitete er
seine Wissens- und Gedankenschätze aus, und jedermann hatte den
Eindruck, daß er nie werde aufzuhören brauchen, daß es immer und ewig so
weitergehen könne. Das war eine Art von halbmonatlicher „Tausendundeine
Nacht“, sich hinspinnend von Mal zu Mal ins Beliebige und wohlgeeignet,
wie die Märchen der Scheherezade, einen neugierigen Fürsten zu befrieden
und von Gewalttaten abzuhalten. In seiner Uferlosigkeit erinnerte Dr.
Krokowskis Thema an das Unternehmen, dem Settembrini seine Mitarbeit
geschenkt, die Enzyklopädie der Leiden; und als wie abwandlungsfähig es
sich erwies, möge man daraus ersehen, daß der Vortragende neulich sogar
von Botanik gesprochen hatte, genauer: von Pilzen ... Übrigens hatte er
den Gegenstand vielleicht ein wenig gewechselt; es war jetzt eher die
Rede von Liebe und _Tod_, was denn zu mancher Betrachtung teils zart
poetischen, teils aber unerbittlich wissenschaftlichen Gepräges Anlaß
gab. In diesem Zusammenhang also war der Gelehrte in seinem östlich
schleppenden Tonfall und mit seinem nur einmal anschlagenden Zungen-R
auf Botanik gekommen, das heißt auf die Pilze, – diese üppigen und
phantastischen Schattengeschöpfe des organischen Lebens, fleischlich von
Natur, dem Tierreich sehr nahe stehend, – Produkte tierischen
Stoffwechsels, Eiweiß, Glykogen, animalische Stärke also, fanden sich in
ihrem Aufbau. Und Dr. Krokowski hatte von einem Pilz gesprochen, berühmt
schon seit dem klassischen Altertum seiner Form und der ihm
zugeschriebenen Kräfte wegen, – einer Morchel, in deren lateinischem
Namen das Beiwort _impudicus_ vorkam, und dessen Gestalt an die Liebe,
dessen Geruch jedoch an den Tod erinnerte. Denn das war
auffallenderweise Leichengeruch, den der _Impudicus_ verbreitete, wenn
von seinem glockenförmigen Hute der grünliche, zähe Schleim abtropfte,
der ihn bedeckte, und der Träger der Sporen war. Aber bei Unbelehrten
galt der Pilz noch heute als aphrodisisches Mittel.
Na, etwas stark war das ja gewesen für die Damen, hatte Staatsanwalt
Paravant gefunden, der, moralisch gestützt durch des Hofrats Propaganda,
die Schneeschmelze hier überdauerte. Und auch Frau Stöhr, die ebenfalls
charaktervoll standhielt und jeder Versuchung zu wilder Abreise die
Stirne bot, hatte bei Tische geäußert, heute sei Krokowski denn aber
doch „obskur“ gewesen mit seinem klassischen Pilz. „Obskur“, sagte die
Unselige und schändete ihre Krankheit durch namenlose Bildungsschnitzer.
Worüber aber Hans Castorp sich wunderte, war, daß Joachim auf Dr.
Krokowski und seine Botanik anspielte; denn eigentlich war zwischen
ihnen von dem Analytiker ebensowenig die Rede, wie von der Person
Clawdia Chauchats oder der Marusjas, – sie erwähnten ihn nicht, sie
übergingen sein Wesen und Wirken lieber mit Stillschweigen. Jetzt aber
also hatte Joachim den Assistenten genannt, – in mißlaunigem Tone, wie
übrigens auch schon seine Bemerkung, daß er die volle Wiesenblüte nicht
abwarten wolle, recht mißlaunig geklungen hatte. Der gute Joachim,
nachgerade schien er im Begriff, sein Gleichgewicht einzubüßen; seine
Stimme schwankte beim Sprechen vor Gereiztheit, er war an Sanftmut und
Besonnenheit durchaus nicht mehr der alte. Entbehrte er das
Apfelsinenparfüm? Brachte die Fopperei mit der Gaffky-Nummer ihn zur
Verzweiflung? Konnte er nicht mit sich selber ins Reine darüber kommen,
ob er den Herbst hier erwarten oder falsche Abreise halten sollte?
In Wirklichkeit war es noch etwas anderes, wodurch dies gereizte Beben
in Joachims Stimme kam und weshalb er des botanischen Kollegs von
neulich in fast höhnischem Tone erwähnt hatte. Von diesem Etwas wußte
Hans Castorp nichts, oder vielmehr, er wußte nicht, daß Joachim davon
wußte, denn er selbst, dieser Durchgänger, dies Sorgenkind des Lebens
und der Pädagogik, er wußte nur zu gut davon. Mit einem Worte, Joachim
war seinem Vetter auf gewisse Schliche gekommen, er hatte ihn
unversehens bei einer Verräterei belauscht, ähnlich derjenigen, deren er
sich am Faschingsdienstag schuldig gemacht, – einer neuen Treulosigkeit,
verschärft durch den Umstand, an dem nicht zu zweifeln war, daß Hans
Castorp sie dauernd verübte.
Zum ewig eintönigen Rhythmus des Zeitablaufs, zur kurzweilig
feststehenden Gliederung des Normaltages, der immer derselbe, der sich
selbst zum Verwechseln und bis zur Verwirrung ähnlich war, identisch mit
sich, die stehende Ewigkeit, so daß schwer zu begreifen war, wie er
Veränderung zu zeitigen vermochte, – zur unverbrüchlichen Alltagsordnung
also gehörte, wie jedermann sich erinnert, der Rundgang Dr. Krokowskis
zwischen halb vier und vier Uhr nachmittags durch alle Zimmer, das ist
über alle Balkons, von Liegestuhl zu Liegestuhl. Wie oft hatte nicht der
Berghof-Normaltag sich erneut, seit damals, als Hans Castorp in seiner
horizontalen Lebenslage sich geärgert hatte, weil der Assistent einen
Bogen um ihn beschrieb und ihn nicht in Betracht zog! Längst war aus dem
Gaste von damals ein Kamerad geworden, – Dr. Krokowski redete ihn sogar
häufig mit diesem Namen an bei seiner Kontrollvisite, und wenn das
militärische Wort, dessen r-Laut er auf exotische Weise durch nur
einmaliges Anschlagen der Zunge am vorderen Gaumen hervorbrachte, ihm
auch scheußlich zu Gesichte stand, wie Hans Castorp gegen Joachim
geurteilt hatte, so paßte es doch nicht schlecht zu seiner stämmigen,
mannhaft heiteren und zu fröhlichem Vertrauen auffordernden Art, die
freilich wiederum durch seine Schwarzbleichheit in gewisser Weise Lügen
gestraft wurde, und der denn doch etwas Bedenkliches jederzeit
anhaftete.
„Nun, Kamerad, wie gehts, wie stehts!“ sagte Dr. Krokowski, indem er,
vom russischen Barbarenpaare kommend, an das Kopfende von Hans Castorps
Lager trat; und der so frischerweise Angeredete, die Hände auf der Brust
gefaltet, lächelte täglich wieder gepeinigt-freundlich über die
scheußliche Anrede, indem er des Doktors gelbe Zähne betrachtete, die
sich in seinem schwarzen Barte zeigten. „Recht wohl geruht?“ fuhr Dr.
Krokowski dann wohl fort. „Fallende Kurve? Steigende heut? Nun, hat
nichts auf sich, kommt bis zur Hochzeit schon wieder in Ordnung. Ich
grüße Sie.“ Und mit diesem Wort, das ebenfalls scheußlich klang, da er
es wie „gdieße“ sprach, ging er schon weiter, zu Joachim hinüber – es
handelte sich um einen Rundgang, einen kurzen Blick nach dem Rechten und
um nichts weiter.
Manchmal freilich auch verweilte Dr. Krokowski sich länger, plauderte,
breitschultrig dastehend und immer mannhaft lächelnd, mit dem Kameraden
über dies und jenes, über die Witterung, über Abreisen und Ankünfte,
über des Patienten Stimmung, seine gute oder schlechte Laune, seine
persönlichen Verhältnisse auch wohl, seine Herkunft und seine
Aussichten, bis er „ich gdieße Sie“ sagte und weiterging; und Hans
Castorp, die Hände zur Abwechslung hinter dem Kopf gefaltet, antwortete
ihm, ebenfalls lächelnd, auf all das, – mit dem durchdringenden Gefühle
der Scheußlichkeit, gewiß, aber er antwortete ihm. Sie plauderten
gedämpft, – obgleich die gläserne Scheidewand die Loggien nicht völlig
trennte, konnte Joachim die Unterhaltung nebenan nicht verstehen und
machte übrigens auch nicht den leisesten Versuch dazu. Er hörte seinen
Vetter sogar vom Liegestuhl aufstehen und mit Dr. Krokowski ins Zimmer
gehen, vermutlich um ihm seine Fieberkurve zu zeigen; und dort setzte
dann das Gespräch sich wohl noch eine längere Weile fort, der
Verzögerung nach zu urteilen, womit der Assistent auf dem inneren Wege
bei Joachim eintraf.
Worüber plauderten die Kameraden? Joachim fragte nicht; aber sollte
jemand aus unserer Mitte sich an ihm kein Beispiel nehmen und die Frage
aufwerfen, so ist allgemein darauf hinzuweisen, wieviel Stoff und Anlaß
zu geistigem Austausch vorhanden ist zwischen Männern und Kameraden,
deren Grundanschauungen idealistisches Gepräge tragen, und von denen der
eine auf seinem Bildungswege dazu gelangt ist, die Materie als den
Sündenfall des Geistes, als eine schlimme Reizwucherung desselben
aufzufassen, während der andere, als Arzt, den sekundären Charakter
organischer Krankheit zu lehren gewohnt ist. Wie manches, meinen wir,
ließ sich da nicht erörtern und austauschen über die Materie als
unehrbare Ausartung des Immateriellen, über das Leben als Impudizität
der Materie, über die Krankheit als unzüchtige Form des Lebens! Da
konnte, unter Anlehnung an laufende Konferenzen, die Rede gehen von der
Liebe als krankheitbildender Macht, vom übersinnlichen Wesen des
Merkmals, über „alte“ und „frische“ Stellen, über lösliche Gifte und
Liebestränke, über die Durchleuchtung des Unbewußten, den Segen der
Seelenzergliederung, die Rückverwandlung des Symptoms – und was wissen
_wir_, – von deren Seite dies alles nur Vorschläge und Vermutungen sind,
wenn die Frage aufgeworfen wird, was Dr. Krokowski und der junge Hans
Castorp miteinander zu plaudern hatten!
Übrigens plauderten sie nicht mehr, das lag zurück, nur eine Weile,
einige Wochen lang war es so gewesen; in letzter Zeit hielt Dr.
Krokowski sich bei diesem Patienten wieder nicht länger auf als bei
allen anderen, – „Nun, Kamerad?“ und „Ich gdieße Sie“, darauf
beschränkte sich nun die Visite meistens wieder. Dafür hatte Joachim
eine andere Entdeckung gemacht, eben die, die er als Verräterei von
seiten Hans Castorps empfand, und gemacht hatte er sie völlig
unwillkürlich, ohne in seiner militärischen Arglosigkeit im mindesten
auf Späherwegen gegangen zu sein, das darf man glauben. Er war ganz
einfach an einem Mittwoch aus der ersten Liegekur abgerufen worden,
hinunterbeordert ins Souterrain, um sich vom Bademeister wiegen zu
lassen, – und da sah er es also. Er kam die Treppe hinunter, die
reinlich linoleumbelegte Treppe mit Aussicht auf die Tür zum
Ordinationszimmer, zu dessen beiden Seiten die Durchleuchtungskabinette
gelegen waren, links das organische und rechts um die Ecke das um eine
Stufe vertiefte psychische, mit Dr. Krokowskis Besuchskarte an der Tür.
Auf halber Höhe der Treppe aber blieb Joachim stehen, denn eben verließ
Hans Castorp, von der Injektion kommend, das Ordinationszimmer. Mit
beiden Händen schloß er die Tür, durch die er rasch getreten war, und
wandte sich, ohne um sich zu blicken, nach rechts, gegen die Tür, an der
die Karte auf Reißnägeln saß, und die er mit wenigen, lautlos
vorwärtswiegenden Schritten erreichte. Er klopfte, neigte sich hin beim
Klopfen und hielt das Ohr zu dem pochenden Finger. Und da des Bewohners
baritonales „Herein!“ mit dem exotisch anschlagenden r-Laut und dem
verzerrten Diphthong aus dem Gelasse erschollen war, sah Joachim seinen
Vetter im Halbdunkel von Dr. Krokowskis analytischer Grube verschwinden.