Vom Gottesstaat und von übler Erlösung

Hans Castorp bestimmte in seiner Loge ein Pflanzengewächs, das jetzt, da

der astronomische Sommer begonnen hatte und die Tage kürzer zu werden

begannen, an vielen Stellen wucherte: die Akelei oder _Aquilegia_, eine

Ranunkulazeenart, die staudenartig wuchs, hochgestielt, mit blauen und

veilchenfarbnen, auch rotbraunen Blüten und krautartigen Blättern von

geräumiger Fläche. Die Pflanze wuchs da und dort, massenweis aber

namentlich in dem stillen Grunde, wo er sie vor nun bald einem Jahre

zuerst gesehen: der abgeschiedenen, wildwasserdurchrauschten

Waldschlucht mit Steg und Ruhebank, wo sein voreilig-freizügiger und

unbekömmlicher Spaziergang von damals geendigt hatte, und die er nun

manchmal wieder besuchte.

Es war, wenn man es weniger unternehmend anfing, als er damals getan,

nicht gar so weit dorthin. Stieg man vom Ziel der Schlittlrennen in

„Dorf“ ein wenig die Lehne hinan, so war der malerische Ort auf dem

Waldwege, dessen Holzbrücken die von der Schatzalp kommende Bobbahn

überkreuzten, ohne Umwege, Operngesang und Erschöpfungspausen in zwanzig

Minuten zu erreichen, und wenn Joachim durch dienstliche Pflichten,

durch Untersuchung, Innenphotographie, Blutprobe, Injektion oder

Gewichtsfeststellung ans Haus gefesselt war, so wanderte Hans Castorp

wohl bei heiterer Witterung nach dem zweiten Frühstück, zuweilen auch

schon nach dem ersten dorthin, und auch die Stunden zwischen Tee und

Abendessen benutzte er wohl zu einem Besuch seines Lieblingsortes, um

auf der Bank zu sitzen, wo ihn einst das mächtige Nasenbluten

überkommen, dem Geräusche des Gießbachs mit schrägem Kopfe zu lauschen

und das geschlossene Landschaftsbild um sich her zu betrachten, sowie

die Menge von blauer Akelei, die nun wieder in ihrem Grunde blühte.

Kam er nur dazu? Nein, er saß dort, um allein zu sein, um sich zu

erinnern, die Eindrücke und Abenteuer so vieler Monate zu überschlagen

und alles zu bedenken. Es waren ihrer viele und mannigfaltige, – nicht

leicht zu ordnen dabei, denn sie erschienen ihm vielfach verschränkt und

ineinanderfließend, so daß das Handgreifliche kaum vom bloß Gedachten,

Geträumten und Vorgestellten zu sondern war. Nur abenteuerlichen Wesens

waren sie alle, in dem Grade, daß sein Herz, beweglich, wie es hier oben

vom ersten Tage an gewesen und geblieben war, stockte und hämmerte, wenn

er ihrer gedachte. Oder genügte bereits die Vernunftüberlegung, daß die

_Aquilegia_ hier, wo ihm einst in einem Zustand herabgesetzter

Lebenstätigkeit Pribislav Hippe leibhaftig erschienen war, nicht immer

noch, sondern schon wieder blühte, und daß aus den „drei Wochen“

demallernächst ein rundes Jahr geworden sein würde, um sein bewegliches

Herz so abenteuerlich zu erschrecken?

Übrigens bekam er kein Nasenbluten mehr auf seiner Bank am Wildwasser,

das war vorbei. Seine Akklimatisation, die Joachim ihm sogleich als

schwierig hingestellt und die ihre Schwierigkeit denn auch bewährt

hatte, war vorgeschritten, sie mußte nach elf Monaten als vollendet

gelten, und Weitergehendes in dieser Richtung war kaum zu gewärtigen.

Der Chemismus seines Magens hatte sich geregelt und angepaßt, Maria

Mancini schmeckte, die Nerven seiner ausgetrockneten Schleimhäute

kosteten längst wieder empfänglich die Blume dieses preiswerten

Fabrikats, das er sich nach wie vor, wenn der Vorrat zur Neige ging, mit

einer Art von Pietätsgefühl aus Bremen verschrieb, obgleich sehr

einladende Ware sich in den Schaufenstern des internationalen Kurortes

empfahl. Bildete Maria nicht eine Art von Verbindung zwischen ihm, dem

Entrückten, und dem Flachlande, der alten Heimat? Unterhielt und

bewahrte sie dergleichen Beziehungen nicht wirksamer, als etwa die

Postkarten, die er dann und wann nach unten an die Onkel richtete, und

deren Abstände voneinander in demselben Maße größer geworden waren, als

er sich unter Annahme hiesiger Begriffe eine großartigere

Zeitbewirtschaftung zu eigen gemacht hatte? Es waren meistens

Ansichtskarten, der größeren Gefälligkeit halber, mit hübschen Bildern

des Tales im Schnee wie in sommerlicher Verfassung, und sie boten für

Schriftliches nur eben soviel Raum, als nötig war, um die neueste

ärztliche Verlautbarung zu überliefern, das Ergebnis einer Monats- oder

Generaluntersuchung verwandtschaftlich zu melden, das heißt also: etwa

mitzuteilen, daß akustisch wie optisch eine unverkennbare Besserung zu

verzeichnen gewesen, daß er aber noch nicht entgiftet sei, und daß die

leichte Übertemperatur, in der er immer noch stehe, von den kleinen

Stellen komme, die eben noch vorhanden seien, aber bestimmt ohne Rest

verschwinden würden, wenn er Geduld übe, so daß er dann keinesfalls

wiederzukommen brauche. Er durfte sicher sein, daß darüber hinausgehende

briefstellerische Leistungen von ihm nicht verlangt und erwartet wurden;

es war keine humanistisch rednerische Sphäre, an die er sich wandte; die

Antworten, die er erhielt, waren ebensowenig ergußhafter Art. Sie

begleiteten meistens die geldlichen Subsistenzmittel, die ihm von zu

Hause zukamen, die Zinsen seines väterlichen Erbes, die sich in hiesiger

Münze so vorteilhaft ausnahmen, daß er sie niemals verzehrt hatte, wenn

eine neue Lieferung eintraf, und bestanden in einigen Zeilen

Maschinenschrift, gezeichnet James Tienappel, mit Grüßen und

Genesungswünschen vom Großonkel und manchmal auch von dem seefahrenden

Peter.

Die Verabfolgung der Injektionen, so meldete Hans Castorp nach Hause,

hatte der Hofrat neuestens unterbrochen. Sie bekamen diesem jungen

Patienten nicht, verursachten ihm Kopfschmerzen, Appetitlosigkeit,

Gewichtsabnahme und Müdigkeit, hatten die „Temperatur“ zunächst erhöht

und dann nicht beseitigt. Sie glühte als trockene Hitze subjektiv fort

in seiner rosenroten Miene, als Mahnung daran, daß die Akklimatisation

für diesen Sprößling der Tiefebene und ihrer feuchtfröhlichen

Meteorologie doch eben wohl hauptsächlich in der Gewöhnung daran

bestand, daß er sich nicht gewöhnte, – was übrigens Rhadamanthys ja

selber nicht tat, der immer blaue Backen hatte. „Manche gewöhnen sich

nie“, hatte Joachim gleich gesagt, und dies schien Hans Castorps Fall.

Denn auch das Genickzittern, das ihn hier oben bald nach der Ankunft zu

belästigen begonnen, hatte sich nicht wieder verlieren wollen, sondern

stellte sich im Gehen, im Gespräch, ja selbst hier oben am blau

blühenden Orte seines Nachdenkens über den Komplex seiner Abenteuer

unvermeidlich ein, so daß ihm die würdige Kinnstütze Hans Lorenz

Castorps beinahe schon zur festen Gewohnheit geworden war, – nicht ohne

ihn selbst, wenn er sie benützte, an die Vatermörder des Alten, die

Interimsform der Ehrenkrause, an das blaßgoldene Rund der Taufschale, an

den frommen Ur-Ur-Laut und ähnliche Verwandtschaften unter der Hand zu

erinnern und ihn so zum Überdenken seines Lebenskomplexes neuerdings

hinzuleiten.

Pribislav Hippe erschien ihm nicht mehr leibhaftig, wie vor elf Monaten.

Seine Akklimatisation war vollendet, er hatte keine Visionen mehr, lag

nicht mit stillgestelltem Leibe auf seiner Bank, während sein Ich in

ferner Gegenwart weilte – nichts mehr von solchen Zufällen. Deutlichkeit

und Lebendigkeit dieses Erinnerungsbildes, wenn es ihm denn vorschwebte,

hielten sich in normalen, gesunden Grenzen; und im Zusammenhange damit

zog dann Hans Castorp wohl aus seiner Brusttasche das gläserne

Angebinde, das er dort in einem gefütterten Briefumschlag und hierauf in

der Brieftasche verwahrt hielt: ein Täfelchen, das, wenn man es in

gleicher Ebene mit dem Erdboden hielt, schwarz-spiegelnd und

undurchsichtig schien, aber, gegen das Himmelslicht aufgehoben, sich

erhellte und humanistische Dinge vorwies: das transparente Bild des

Menschenleibes, Rippenwerk, Herzfigur, Zwerchfellbogen und

Lungengebläse, dazu das Schlüssel- und Oberarmgebein, umgeben dies alles

von blaß-dunstiger Hülle, dem Fleische, von dem Hans Castorp in der

Faschingswoche vernunftwidriger Weise gekostet hatte. Was Wunder, daß

sein bewegliches Herz stockte und stürzte, wenn er das Angebinde

betrachtete und dann fortfuhr, „alles“ zu überschlagen und zu bedenken,

gelehnt an die schlicht gezimmerte Lehne der Ruhebank, die Arme

gekreuzt, den Kopf zur Schulter geneigt, im Geräusche des Gießwassers

und angesichts der blaublühenden Akelei?

Das Hochgebild organischen Lebens, die Menschengestalt schwebte ihm vor,

wie in jener Frost- und Sternennacht anläßlich gelehrter Studien, und an

ihre innere Anschauung knüpften sich für den jungen Hans Castorp so

manche Fragen und Unterscheidungen, mit denen sich abzugeben der gute

Joachim nicht verpflichtet sein mochte, für die aber er als Zivilist

sich verantwortlich zu fühlen begonnen hatte, obwohl auch er im

Flachlande drunten ihrer niemals ansichtig geworden war und vermutlich

nie ansichtig würde geworden sein, wohl aber hier, wo man aus der

beschaulichen Abgeschiedenheit von fünftausend Fuß auf Welt und Kreatur

hinabblickte und sich seine Gedanken machte, – vermöge einer durch

lösliche Gifte erzeugten Steigerung des Körpers auch wohl, die als

trockene Hitze im Antlitz brannte. Er dachte an Settembrini im

Zusammenhang mit jener Anschauung, an den pädagogischen Drehorgelmann,

dessen Vater in Hellas zur Welt gekommen, und der die Liebe zum

Hochgebild als Politik, Rebellion und Eloquenz erläuterte, indem er die

Pike des Bürgers am Altar der Menschheit weihte; dachte auch an den

Kameraden Krokowski und an das, was er seit einiger Zeit im verdunkelten

Zimmergelaß mit ihm trieb, besann sich über das doppelte Wesen der

Analyse und wie weit sie der Tat und dem Fortschritte förderlich sei,

wie weit dem Grabe verwandt und seiner anrüchigen Anatomie. Er rief die

Bilder der beiden Großväter neben- und gegeneinander herauf, des

rebellischen und des getreuen, die Schwarz trugen aus unterschiedlichen

Gründen, und erwog ihre Würde; ging ferner mit sich zu Rate über so

weitläufige Komplexe wie Form und Freiheit, Geist und Körper, Ehre und

Schande, Zeit und Ewigkeit, – und unterlag einem kurzen, aber

stürmischen Schwindel bei dem Gedanken, daß die Akelei wieder blühte und

das Jahr in sich selber lief.

Er hatte ein sonderbares Wort für diese seine verantwortliche

Gedankenbeschäftigung am malerischen Orte seiner Zurückgezogenheit: er

nannte sie „Regieren“, – gebrauchte dies Spiel- und Knabenwort, diesen

Kinderausdruck dafür, als für eine Unterhaltung, die er liebte, obwohl

sie mit Schrecken, Schwindel und allerlei Herztumulten verbunden war und

seine Gesichtshitze übermäßig verstärkte. Doch fand er es nicht

unschicklich, daß die mit dieser Tätigkeit verbundene Anstrengung ihn

nötigte, sich der Kinnstütze zu bedienen; denn diese Haltung stimmte

wohl mit der Würde überein, die das „Regieren“ angesichts des

vorschwebenden Hochgebildes ihm innerlich verlieh.

„_Homo Dei_“ hatte der häßliche Naphta das Hochgebild genannt, als er es

gegen die englische Gesellschaftslehre verteidigte. Was Wunder, daß Hans

Castorp um seiner zivilistischen Verantwortlichkeit willen und im

Regierungsinteresse sich gehalten fand, mit Joachim bei dem Kleinen

Besuch zu machen? Settembrini sah es ungern, – dies deutlich zu spüren,

war Hans Castorp schlau und dünnhäutig genug. Schon die erste Begegnung

war dem Humanisten unangenehm gewesen, er hatte sie offensichtlich zu

verhindern gestrebt und die jungen Leute, namentlich aber ihn selbst –

so sagte sich das durchtriebene Sorgenkind – vor der Bekanntschaft mit

Naphta pädagogisch hüten wollen, obgleich ja er für seine Person mit ihm

verkehrte und disputierte. So sind die Erzieher. Sich selber gönnen sie

das Interessante, indem sie sich ihm „gewachsen“ nennen; der Jugend aber

verbieten sie es und verlangen, daß sie sich dem Interessanten nicht

„gewachsen“ fühle. Ein Glück nur, daß es dem Drehorgelmann im Ernst

überhaupt nicht zustand, dem jungen Hans Castorp etwas zu verbieten, und

daß er ja auch gar nicht den Versuch dazu gemacht hatte. Der

Sorgenzögling brauchte seine Dünnhäutigkeit nur zu verleugnen und

Unschuld vorzuschützen, so hinderte nichts ihn, der Einladung des

kleinen Naphta freundlich zu folgen, – was er denn auch getan hatte, mit

dem wohl oder übel sich anschließenden Joachim, wenige Tage nach dem

ersten Zusammentreffen, an einem Sonntagnachmittag, nach dem

Hauptliegedienst.

Es waren wenige Minuten Wegs vom Berghof hinunter zum Häuschen mit der

weinumkränzten Haustür. Sie traten ein, ließen den Zugang zum

Krämerladen zur Rechten liegen und erklommen die schmale braune Stiege,

die sie vor eine Etagentür führte, neben deren Klingel lediglich das

Namensschild Lukačeks, des Damenschneiders, angebracht war. Die Person,

die ihnen öffnete, war ein halbwüchsiger Knabe in einer Art von Livree,

gestreifter Jacke und Gamaschen, ein Dienerchen, kurzgeschoren und

rotbackig. Ihn fragten sie nach Herrn Professor Naphta und prägten ihm,

da sie mit Karten nicht ausgestattet waren, ihre Namen ein, die er Herrn

Naphta – er gebrauchte keinen Titel – zu nennen ging. Die dem Eingang

gegenüberliegende Zimmertür stand offen und gewährte Einblick in die

Schneiderei, wo des Feiertags ungeachtet Lukaček mit untergeschlagenen

Beinen auf einem Tische saß und nähte. Er war bleich und kahlköpfig; von

einer übergroßen, abfallenden Nase hing ihm der schwarze Schnurrbart mit

saurem Ausdruck zu seiten des Mundes herab.

„Guten Tag!“ wünschte Hans Castorp.

„Grütsi“, antwortete der Schneider mundartlich, obgleich das

Schweizerische weder zu seinem Namen noch zu seinem Äußeren paßte und

etwas falsch und sonderbar klang.

„So fleißig?“ fuhr Hans Castorp nickend fort ... „Es ist ja Sonntag!“

„Eilige Arbeit“, versetzte Lukaček kurz und stichelte.

„Ist wohl was Feines,“ vermutete Hans Castorp, „was rasch gebraucht

wird, für eine Reunion oder so?“

Der Schneider ließ diese Frage eine Weile unbeantwortet, biß den Faden

ab und fädelte neu ein. Nachträglich nickte er.

„Wird es hübsch?“ fragte Hans Castorp noch. „Machen Sie Ärmel daran?“

„Ja, Ärmel, es ist für eine Olte“, antwortete Lukaček mit stark

böhmischem Akzent. Die Rückkehr des Dienerchens unterbrach dies durch

die Tür geführte Gespräch. Herr Naphta lasse bitten, näher zu treten,

meldete er und öffnete den jungen Leuten eine Tür, zwei oder drei

Schritte weiter rechts, wobei er auch noch eine zusammenfallende

Portiere vor ihnen aufzuheben hatte. Die Eintretenden empfing Naphta, in

Schleifenschuhen auf moosgrünem Teppich stehend.

Beide Vettern waren überrascht durch den Luxus des zweifenstrigen

Arbeitszimmers, das sie aufgenommen hatte, ja geblendet durch

Überraschung; denn die Dürftigkeit des Häuschens, seiner Treppe, seines

armseligen Korridors ließ dergleichen nicht entfernt erwarten und

verlieh der Eleganz von Naphtas Einrichtung durch Kontrastwirkung etwas

Märchenhaftes, was sie an und für sich kaum besaß und auch in den Augen

Hans Castorps und Joachim Ziemßens nicht besessen hätte. Immerhin, sie

war fein, ja glänzend, und zwar so, daß sie trotz Schreibtisch und

Bücherschränken den Charakter des Herrenzimmers eigentlich nicht wahrte.

Es war zuviel Seide darin, weinrote, purpurrote Seide: die Vorhänge, die

die schlechten Türen verbargen, waren daraus, die Fenster-Überfälle und

ebenso die Bezüge der Meubles-Gruppe, die an einer Schmalseite, der

zweiten Tür gegenüber, vor einem die Wand fast ganz bespannenden Gobelin

angeordnet war. Es waren Barockarmstühle mit kleinen Polstern auf den

Seitenlehnen, um einen runden, metallbeschlagenen Tisch gruppiert,

hinter dem ein mit Seidenplüschkissen ausgestattetes Sofa desselben

Stiles stand. Die Bücherspinde nahmen die Wandpartien neben den beiden

Türen ein. Sie waren, wie der Schreibtisch, oder vielmehr der mit einem

gewölbten Rolldeckel versehene Sekretär, der zwischen den Fenstern Platz

gefunden hatte, in Mahagoni gearbeitet, mit Glastüren, hinter die grüne

Seide gespannt war. Aber in dem Winkel links von der Sofagruppe war ein

Kunstwerk zu sehen, eine große, auf rot verkleidetem Sockel erhöhte

bemalte Holzplastik, – etwas innig Schreckhaftes, eine Pietà, einfältig

und wirkungsvoll bis zum Grotesken: die Gottesmutter in der Haube, mit

zusammengezogenen Brauen und jammernd schief geöffnetem Munde, den

Schmerzensmann auf ihrem Schoß, eine im Größenverhältnis primitiv

verfehlte Figur mit kraß herausgearbeiteter Anatomie, die jedoch von

Unwissenheit zeugte, das hängende Haupt von Dornen starrend, Gesicht und

Glieder mit Blut befleckt und berieselt, dicke Trauben geronnenen Blutes

an der Seitenwunde und den Nägelmalen der Hände und Füße. Dies

Schaustück verlieh dem seidenen Zimmer nun freilich einen besonderen

Akzent. Auch die Tapete, über den Bücherschränken und an der Fensterwand

sichtbar, war übrigens offenbar eine Leistung des Mieters: das Grün

ihrer Längsstreifen war das des weichen Teppichs, der über die rote

Bodenbespannung gebreitet war. Nur der niedrigen Decke war wenig zu

helfen gewesen. Sie war kahl und rissig. Doch hing ein kleiner

venezianischer Lüster daran herab. Die Fenster waren mit cremefarbenen

Stores verhüllt, die bis zum Boden reichten.

„Da haben wir uns zu einem Kolloquium eingefunden!“ sagte Hans Castorp,

während seine Augen mehr an dem frommen Schrecknis im Winkel, als an dem

Bewohner des überraschenden Zimmers hafteten, der es anerkannte, daß die

Vettern Wort gehalten hätten. Er wollte sie mit gastlichen Bewegungen

seiner kleinen Rechten zu den seidenen Sitzen leiten, aber Hans Castorp

ging geradeswegs und gebannt auf die Holzgruppe zu und blieb, Arme in

die Hüften gestemmt, mit seitwärts geneigtem Kopf davor stehen.

„Was haben Sie denn da!“ sagte er leise. „Das ist ja schrecklich gut.

Hat man je so ein Leiden gesehn. Etwas Altes, natürlich?“

„Vierzehntes Jahrhundert“, antwortete Naphta. „Wahrscheinlich

rheinischer Herkunft. Es macht Ihnen Eindruck?“

„Enormen“, sagte Hans Castorp. „Das kann seinen Eindruck auf den

Beschauer denn doch wohl gar nicht verfehlen. Ich hätte nicht gedacht,

daß etwas zugleich so häßlich – entschuldigen Sie – und so schön sein

könnte.“

„Erzeugnisse einer Welt der Seele und des Ausdrucks,“ versetzte Naphta,

„sind immer häßlich vor Schönheit und schön vor Häßlichkeit, das ist die

Regel. Es handelt sich um geistige Schönheit, nicht um die des

Fleisches, die absolut dumm ist. Übrigens auch abstrakt ist sie“, fügte

er hinzu. „Die Schönheit des Leibes ist abstrakt. Wirklichkeit hat nur

die innere, die des religiösen Ausdrucks.“

„Das haben Sie dankenswert richtig unterschieden und angeordnet“,

sagte Hans Castorp. „Vierzehntes?“ versicherte er sich ...

„Dreizehnhundertsoundso? Ja, das ist das Mittelalter, wie es im Buche

steht, ich erkenne gewissermaßen die Vorstellung darin wieder, die ich

mir in letzter Zeit vom Mittelalter gemacht habe. Ich wußte eigentlich

nichts davon, ich bin ja ein Mann des technischen Fortschritts, soweit

ich überhaupt in Frage komme. Aber hier oben ist mir die Vorstellung des

Mittelalters verschiedentlich nahe gebracht worden. Die ökonomistische

Gesellschaftslehre gab es damals noch nicht, soviel ist klar. Wie hieß

der Künstler denn wohl?“

Naphta zuckte die Achseln.

„Was liegt daran?“ sagte er. „Wir sollten danach nicht fragen, da man

auch damals, als es entstand, nicht danach fragte. Das hat keinen

wunderwie individuellen Monsieur zum Autor, es ist anonym und gemeinsam.

Es ist übrigens sehr vorgeschrittenes Mittelalter, Gotik, _Signum

mortificationis_. Sie finden da nichts mehr von der Schonung und

Beschönigung, mit der noch die romanische Epoche den Gekreuzigten

darstellen zu müssen glaubte, keine Königskrone, keinen majestätischen

Triumph über Welt und Martertod. Alles ist radikale Verkündigung des

Leidens und der Fleischesschwäche. Erst der gotische Geschmack ist der

eigentlich pessimistisch-asketische. Sie werden die Schrift Innozenz des

Dritten, ‚_De miseria humanae conditionis_‘, nicht kennen, – ein äußerst

witziges Stück Literatur. Sie stammt vom Ende des zwölften Jahrhunderts,

aber erst diese Kunst liefert die Illustrationen dazu.“

„Herr Naphta,“ sagte Hans Castorp nach einem Aufseufzen, „mich

interessiert jedes Wort von dem, was Sie da hervorheben. ‚_Signum

mortificationis_‘ sagten Sie? Das werde ich mir merken. Vorher sagten

Sie etwas von ‚anonym und gemeinsam‘, was auch der Mühe wert scheint,

darüber nachzudenken. Sie vermuten leider richtig, daß ich die Schrift

des Papstes – ich nehme an, daß Innozenz der Dritte ein Papst war –

nicht kenne. Habe ich richtig verstanden, daß sie asketisch und witzig

ist? Ich muß gestehen, ich habe mir nie vorgestellt, daß das so Hand in

Hand gehen könnte, aber wenn ich es ins Auge fasse, so leuchtet es mir

ein, natürlich, eine Abhandlung über das menschliche Elend bietet zum

Witz schon Gelegenheit, auf Kosten des Fleisches. Ist die Schrift denn

erhältlich? Wenn ich mein Latein zusammennähme, vielleicht könnte ich

sie lesen.“

„Ich besitze das Buch“, antwortete Naphta, mit dem Kopf nach einem der

Schränke weisend. „Es steht Ihnen zur Verfügung. Aber wollen wir uns

nicht setzen? Sie sehen die Pietà auch vom Sofa aus. Eben kommt unser

kleines Vespermahl ...“

Es war das Dienerchen, das Tee brachte, dazu einen hübschen

silberbeschlagenen Korb, worin in Stücke geschnittener Baumkuchen lag.

Hinter ihm aber, durch die offene Tür, wer trat beschwingten Schrittes

mit „Sapperlot!“ „_Accidenti!_“ und feinem Lächeln herein? Das war Herr

Settembrini, wohnhaft eine Treppe höher, der sich einfand, in der

Absicht, den Herren Gesellschaft zu leisten. Durch sein Fensterchen,

sagte er, habe er die Vettern kommen sehen und rasch noch eine

enzyklopädische Seite heruntergeschrieben, die er eben unter der Feder

gehabt, um sich dann ebenfalls hier zu Gaste zu bitten. Nichts war

natürlicher, als daß er kam. Seine alte Bekanntschaft mit den

Berghofbewohnern berechtigte ihn dazu, und dann war auch sein Verkehr

und Austausch mit Naphta, trotz tiefgehender Meinungsverschiedenheiten,

ja offenbar überhaupt sehr lebhaft, – wie denn der Gastgeber ihn

leichthin und ohne Überraschung als Zugehörigen begrüßte. Das hinderte

nicht, daß Hans Castorp von seinem Kommen sehr deutlich einen doppelten

Eindruck gewann. Erstens, so empfand er, stellte Herr Settembrini sich

ein, um ihn und Joachim, oder eigentlich kurzweg ihn, nicht mit dem

häßlichen kleinen Naphta allein zu lassen, sondern durch seine

Anwesenheit ein pädagogisches Gegengewicht zu schaffen; und zweitens war

klar ersichtlich, daß er gar nichts dagegen hatte, sondern die

Gelegenheit recht gern benutzte, den Aufenthalt in seinem Dach auf eine

Weile mit dem in Naphtas seidenfeinem Zimmer zu vertauschen und einen

wohlservierten Tee einzunehmen: er rieb sich die gelblichen, an der

Kleinfingerseite des Rückens mit schwarzen Haaren bewachsenen Hände,

bevor er zugriff, und speiste mit unverkennbarem, auch lobend

ausgesprochenem Genuß von dem Baumkuchen, dessen schmale, gebogene

Scheiben von Schokoladeadern durchzogen waren.

Das Gespräch fuhr noch fort, sich mit der Pietà zu beschäftigen, da Hans

Castorp mit Blick und Wort an dem Gegenstand festhielt, wobei er sich an

Herrn Settembrini wandte und diesen gleichsam mit dem Kunstwerk in

kritischen Kontakt zu setzen suchte, – während ja der Abscheu des

Humanisten gegen diesen Zimmerschmuck deutlich genug in der Miene zu

lesen war, mit der er sich danach umwandte: denn er hatte sich mit dem

Rücken gegen jenen Winkel gesetzt. Zu höflich, um alles zu sagen, was er

dachte, beschränkte er sich darauf, Fehlerhaftigkeiten in den

Verhältnissen und den Körperformen der Gruppe zu beanstanden, Verstöße

gegen die Naturwahrheit, die weit entfernt seien, rührend auf ihn zu

wirken, da sie nicht frühzeitlichem Unvermögen, sondern bösem Willen,

einem grundfeindlichen Prinzip entsprängen, – worin Naphta ihm boshaft

zustimmte. Gewiß, von technischem Ungeschick könne nicht entfernt die

Rede sein. Es handle sich um bewußte Emanzipation des Geistes vom

Natürlichen, dessen Verächtlichkeit durch die Verweigerung jeder Demut

davor religiös verkündet werde. Als aber Settembrini die

Vernachlässigung der Natur und ihres Studiums für menschlich abwegig

erklärte und gegen die absurde Formlosigkeit, der das Mittelalter und

die ihm nachahmenden Epochen gefrönt hätten, das griechisch-römische

Erbe, den Klassizismus, Form, Schönheit, Vernunft und naturfromme

Heiterkeit, die allein die Sache des Menschen zu fördern berufen seien,

in prallen Worten zu erheben begann, mischte Hans Castorp sich ein und

fragte, was denn aber bei solcher Bewandtnis mit Plotinus los sei, der

sich nachweislich seines Körpers geschämt, und mit Voltaire, der im

Namen der Vernunft gegen das skandalöse Erdbeben von Lissabon revoltiert

habe? Absurd? Das sei auch absurd gewesen, aber wenn man alles recht

überlege, so könne man seiner Ansicht nach das Absurde recht wohl als

das geistig Ehrenhafte bezeichnen, und die absurde Naturfeindschaft der

gotischen Kunst sei am Ende ebenso ehrenhaft gewesen wie das Gebaren der

Plotinus und Voltaire, denn es drücke sich dieselbe Emanzipation von

Fatum und Faktum darin aus, derselbe unknechtische Stolz, der sich

weigere, vor der dummen Macht, nämlich vor der Natur, abzudanken ...

Naphta brach in Lachen aus, das sehr an den bewußten Teller erinnerte

und in Husten endigte. Settembrini sagte vornehm:

„Sie schädigen unseren Wirt, indem Sie so witzig sind und erweisen sich

also undankbar für dies köstliche Gebäck. Ist Dankbarkeit überhaupt Ihre

Sache? Wobei ich voraussetze, daß Dankbarkeit darin besteht, von

empfangenen Geschenken einen guten Gebrauch zu machen ...“

Da Hans Castorp sich schämte, setzte er scharmant hinzu:

„Man kennt Sie als Schalk, Ingenieur. Ihre Art, das Gute

freundschaftlich zu necken, läßt mich keineswegs an Ihrer Liebe zu ihm

verzweifeln. Sie wissen selbstverständlich, daß nur diejenige Auflehnung

des Geistes gegen das Natürliche ehrenhaft zu nennen ist, die die Würde

und Schönheit des Menschen im Auge hat, nicht diejenige, welche, wenn

sie seine Entwürdigung und Erniedrigung nicht bezweckt, sie doch

jedenfalls nach sich zieht. Sie wissen auch, welche entmenschte Greuel,

welche mordgierige Unduldsamkeit die Epoche, der das Artefakt da hinter

mir sein Dasein verdankt, gezeitigt hat. Ich brauche Sie nur an den

entsetzlichen Typ der Ketzerrichter, an die blutige Figur eines Konrad

von Marburg etwa, zu erinnern und an seine infame Priesterwut gegen

alles, was der Herrschaft des Übernatürlichen entgegenstand. Sie sind

weit entfernt, Schwert und Scheiterhaufen als Instrumente der

Menschenliebe anzuerkennen ...“

„In deren Dienst dagegen,“ äußerte Naphta, „arbeitete die Maschinerie,

mit der der Konvent die Welt von schlechten Bürgern reinigte. Alle

Kirchenstrafen, auch der Scheiterhaufen, auch die Exkommunikation,

wurden verhängt, um die Seele vor ewiger Verdammnis zu retten, was man

von der Vertilgungslust der Jakobiner nicht sagen kann. Ich erlaube mir,

zu bemerken, daß jede Pein- und Blutjustiz, die nicht dem Glauben an ein

Jenseits entspringt, viehischer Unsinn ist. Und was die Entwürdigung des

Menschen betrifft, so fällt ihre Geschichte exakt mit der des

bürgerlichen Geistes zusammen. Renaissance, Aufklärung und die

Naturwissenschaft und Ökonomistik des neunzehnten Jahrhunderts haben

nichts, aber auch nichts zu lehren unterlassen, was irgend tauglich

schien, diese Entwürdigung zu fördern, angefangen mit der neuen

Astronomie, die aus dem Zentrum des Alls, dem erlauchten Schauplatz, wo

Gott und Teufel um den Besitz des beiderseits heiß begehrten Geschöpfes

kämpften, einen gleichgültigen kleinen Wandelstern machte und der

großartigen kosmischen Stellung des Menschen, auf der übrigens die

Astrologie beruhte, vorderhand ein Ende bereitete.“

„Vorderhand?“ Herrn Settembrinis Miene hatte, wie er es lauernd fragte,

selber etwas von der eines Ketzerrichters und Inquisitors, der darauf

wartet, daß der Aussagende sich im unzweifelhaft Sträflichen verfange.

„Allerdings. Für ein paar hundert Jahre“, bestätigte Naphta kalt. „Eine

Ehrenrettung der Scholastik steht, wenn nicht alles täuscht, auch in

dieser Beziehung bevor, sie ist schon im vollen Gange. Kopernikus wird

von Ptolemäus geschlagen werden. Die heliozentrische These begegnet

nachgerade einem geistigen Widerstand, dessen Unternehmungen

wahrscheinlich zum Ziele führen werden. Die Wissenschaft wird sich

philosophisch genötigt sehen, die Erde in alle Würden wieder

einzusetzen, die das kirchliche Dogma ihr wahren wollte.“

„Wie? Wie? Geistiger Widerstand? Philosophisch genötigt sehen? Zum Ziele

führen? Welche Art von Voluntarismus spricht aus Ihnen? Und die

voraussetzungslose Forschung? Die reine Erkenntnis? Die Wahrheit, mein

Herr, die mit der Freiheit so innig verbunden ist, und deren Blutzeugen,

aus denen Sie Beleidiger der Erde machen wollen, diesem Stern vielmehr

zur ewigen Zierde gereichen??“

Herr Settembrini hatte eine gewaltige Art, zu fragen. Hochaufgerichtet

saß er und ließ seine ehrenhaften Worte auf den kleinen Herrn Naphta

niedersausen, am Ende die Stimme so mächtig hochziehend, daß man wohl

hörte, wie sicher er war, daß des Gegners Antwort hierauf nur in

beschämtem Schweigen bestehen könne. Er hatte ein Stück Baumkuchen

zwischen den Fingern gehalten, während er sprach, legte es aber nun auf

den Teller zurück, da er nach dieser Fragestellung nicht hineinbeißen

mochte.

Naphta erwiderte mit unangenehmer Ruhe:

„Guter Freund, es gibt keine reine Erkenntnis. Die Rechtmäßigkeit der

kirchlichen Wissenschaftslehre, die sich in Augustins Satz ‚Ich glaube,

damit ich erkenne‘ zusammenfassen läßt, ist völlig unbestreitbar. Der

Glaube ist das Organ der Erkenntnis und der Intellekt sekundär. Ihre

voraussetzungslose Wissenschaft ist eine Mythe. Ein Glaube, eine

Weltanschauung, eine Idee, kurz: ein Wille ist regelmäßig vorhanden, und

Sache der Vernunft ist es, ihn zu erörtern, ihn zu beweisen. Es läuft

immer und in allen Fällen auf das ‚_Quod erat demonstrandum_‘ hinaus.

Schon der Begriff des Beweises enthält, psychologisch genommen, ein

stark voluntaristisches Element. Die großen Scholastiker des zwölften

und dreizehnten Jahrhunderts waren einig in der Überzeugung, daß in der

Philosophie nicht wahr sein könne, was vor der Theologie falsch sei.

Lassen wir die Theologie aus dem Spiel, wenn Sie wollen, aber eine

Humanität, die nicht anerkennt, daß in der Naturwissenschaft nicht wahr

sein kann, was vor der Philosophie falsch ist, das ist keine Humanität.

Die Argumentation des heiligen Offiziums gegen Galilei lautete dahin,

daß seine Sätze philosophisch absurd seien. Eine schlagendere

Argumentation gibt es nicht.“

„Eh, eh, die Argumente unseres armen, großen Galilei haben sich als

stichhaltiger erwiesen! Nein, lassen Sie uns ernsthaft reden,

Professore! Beantworten Sie mir vor diesen beiden aufmerksamen jungen

Leuten die Frage: Glauben Sie an eine Wahrheit, an die objektive, die

wissenschaftliche Wahrheit, der nachzustreben oberstes Gesetz aller

Sittlichkeit ist, und deren Triumphe über die Autorität die

Ruhmesgeschichte des Menschengeistes bilden?!“

Hans Castorp und Joachim wandten die Köpfe von Settembrini zu Naphta,

der erstere schneller, als der andere. Naphta antwortete:

„Ein solcher Triumph ist nicht möglich, denn die Autorität ist der

Mensch, sein Interesse, seine Würde, sein Heil, und zwischen ihr und der

Wahrheit kann es keinen Widerstreit geben. Sie fallen zusammen.“

„Die Wahrheit wäre demnach –“

„Wahr ist, was dem Menschen frommt. In ihm ist die Natur zusammengefaßt,

in aller Natur ist nur er geschaffen und alle Natur nur für ihn. Er ist

das Maß der Dinge und sein Heil das Kriterium der Wahrheit. Eine

theoretische Erkenntnis, die des praktischen Bezuges auf die Heilsidee

des Menschen entbehrt, ist dermaßen uninteressant, daß jeder

Wahrheitswert ihr abzusprechen und ihre Nichtzulassung geboten ist. Die

christlichen Jahrhunderte waren völlig einig über die menschliche

Unerheblichkeit der Naturwissenschaft. Lactantius, den Konstantin der

Große zum Lehrer seines Sohnes wählte, fragte gerade heraus, welche

Seligkeit er denn gewinnen werde, wenn er wisse, wo der Nil entspringt,

oder was die Physiker vom Himmel faseln. Das beantworten Sie ihm einmal!

Wenn man die platonische Philosophie jeder anderen vorzog, so darum,

weil sie sich nicht mit Naturerkenntnis, sondern mit der Erkenntnis

Gottes abgab. Ich kann Sie versichern, die Menschheit ist im Begriff, zu

diesem Gesichtspunkt zurückzufinden und einzusehen, daß es nicht Aufgabe

wahrer Wissenschaft ist, heillosen Erkenntnissen nachzulaufen, sondern

das Schädliche oder auch nur ideell Bedeutungslose grundsätzlich

auszuscheiden und mit einem Worte Instinkt, Maß, Wahl zu bekunden. Es

ist kindisch, zu meinen, die Kirche habe die Finsternis gegen das Licht

verteidigt. Sie tat dreimal wohl daran, ein ‚voraussetzungsloses‘

Streben nach Erkenntnis der Dinge, das heißt: ein solches, das sich der

Rücksicht auf das Geistige, auf den Zweck der Heilserwerbung entschlägt,

für strafbar zu erklären, und was den Menschen in Finsternis geführt hat

und immer tiefer führen wird, ist vielmehr die ‚voraussetzungslose‘, die

aphilosophische Naturwissenschaft.“

„Sie lehren da einen Pragmatismus,“ erwiderte Settembrini, „den Sie nur

ins Politische zu übertragen brauchen, um seiner ganzen Verderblichkeit

ansichtig zu werden. Gut, wahr und gerecht ist, was dem Staate frommt.

Sein Heil, seine Würde, seine Macht ist das Kriterium des Sittlichen.

Schön! Damit ist jedem Verbrechen Tür und Tor geöffnet, und die

menschliche Wahrheit, die individuelle Gerechtigkeit, die Demokratie –

sie mögen sehen, wo sie bleiben ...“

„Ich bringe ein wenig Logik in Vorschlag“, versetzte Naphta. „Entweder

Ptolemäus und die Scholastik behalten recht, und die Welt ist endlich in

Zeit und Raum. Dann ist die Gottheit transzendent, der Gegensatz von

Gott und Welt bleibt aufrecht, und auch der Mensch ist eine dualistische

Existenz: das Problem seiner Seele besteht in dem Widerstreit des

Sinnlichen und des Übersinnlichen, und alles Gesellschaftliche ist mit

Abstand zweiten Ranges. Nur diesen Individualismus kann ich als

konsequent anerkennen. Oder aber Ihre Renaissance-Astronomen fanden die

Wahrheit, und der Kosmos ist unendlich. Dann gibt es keine übersinnliche

Welt, keinen Dualismus; das Jenseits ist ins Diesseits aufgenommen, der

Gegensatz von Gott und Natur hinfällig, und da in diesem Falle auch die

menschliche Persönlichkeit nicht mehr Kriegsschauplatz zweier

feindlicher Prinzipien, sondern harmonisch, sondern einheitlich ist, so

beruht der innermenschliche Konflikt lediglich auf dem der Einzel- und

der gesamtheitlichen Interessen, und der Zweck des Staates wird, wie es

gut heidnisch ist, zum Gesetz des Sittlichen. Eines oder das andere.“

„Ich protestiere!“ rief Settembrini, indem er seine Teetasse dem

Gastgeber mit ausgestrecktem Arm entgegenhielt. „Ich protestiere gegen

die Unterstellung, daß der moderne Staat die Teufelsknechtschaft des

Individuums bedeute! Ich protestiere zum drittenmal, und zwar gegen die

vexatorische Alternative von Preußentum und gotischer Reaktion, vor die

Sie uns stellen wollen! Die Demokratie hat keinen anderen Sinn, als den

einer individualistischen Korrektur jedes Staatsabsolutismus. Wahrheit

und Gerechtigkeit sind Kronjuwelen individueller Sittlichkeit, und im

Falle des Konflikts mit dem Staatsinteresse mögen sie wohl sogar den

Anschein staatsfeindlicher Mächte gewinnen, während sie in der Tat das

höhere, sagen wir es doch: das überirdische Wohl des Staates im Auge

haben. Die Renaissance der Ursprung der Staatsvergottung! Welche

Afterlogik! Die Errungenschaften – ich sage mit etymologischer Betonung:

die _Errungen_schaften von Renaissance und Aufklärung, mein Herr, heißen

Persönlichkeit, Menschenrecht, Freiheit!“

Die Zuhörer atmeten aus, denn sie hatten die Luft angehalten bei Herrn

Settembrinis großer Replik. Hans Castorp konnte sogar nicht umhin, mit

der Hand, wenn auch zurückhaltenderweise, auf den Tischrand zu schlagen.

„Brillant!“ sagte er zwischen den Zähnen, und auch Joachim zeigte starke

Befriedigung, obgleich ein Wort gegen das Preußentum gefallen war. Dann

aber wandten sich beide dem eben zurückgeschlagenen Interlokutor zu,

Hans Castorp mit solchem Eifer, daß er den Ellbogen auf den Tisch und

das Kinn in die Faust stützte, ungefähr wie beim Schweinchen-Zeichnen,

und Herrn Naphta aus nächster Nähe gespannt ins Gesicht blickte.

Dieser saß still und scharf, die mageren Hände im Schoß. Er sagte:

„Ich suchte Logik in unser Gespräch einzuführen, und Sie antworten mir

mit Hochherzigkeiten. Daß die Renaissance all das zur Welt gebracht hat,

was man Liberalismus, Individualismus, humanistische Bürgerlichkeit

nennt, war mir leidlich bekannt; aber Ihre ‚etymologischen Betonungen‘

lassen mich kühl, denn das ‚ringende‘, das heroische Lebensalter Ihrer

Ideale ist längst vorüber, diese Ideale sind tot, sie liegen heute zum

mindesten in den letzten Zügen, und die Füße derer, die ihnen den Garaus

machen werden, stehen schon vor der Tür. Sie nennen sich, wenn ich nicht

irre, einen Revolutionär. Aber wenn Sie glauben, daß das Ergebnis

künftiger Revolutionen – Freiheit sein wird, so sind Sie im Irrtum. Das

Prinzip der Freiheit hat sich in fünfhundert Jahren erfüllt und

überlebt. Eine Pädagogik, die sich heute noch als Tochter der Aufklärung

versteht und in der Kritik, der Befreiung und Pflege des Ich, der

Auflösung absolut bestimmter Lebensformen ihre Bildungsmittel erblickt,

– eine solche Pädagogik mag noch rhetorische Augenblickserfolge

davontragen, aber ihre Rückständigkeit ist für den Wissenden über jeden

Zweifel erhaben. Alle wahrhaft erzieherischen Verbände haben von jeher

gewußt, um was es sich in Wahrheit bei aller Pädagogik immer nur handeln

kann: nämlich um den absoluten Befehl, die eiserne Bindung, um

Disziplin, Opfer, Verleugnung des Ich, Vergewaltigung der

Persönlichkeit. Zuletzt bedeutet es ein liebloses Mißverstehen der

Jugend, zu glauben, sie finde ihre Lust in der Freiheit. Ihre tiefste

Lust ist der Gehorsam.“

Joachim richtete sich gerade auf. Hans Castorp errötete. Herr

Settembrini drehte erregt an seinem schönen Schnurrbart.

„Nein!“ fuhr Naphta fort. „Nicht Befreiung und Entfaltung des Ich sind

das Geheimnis und das Gebot der Zeit. Was sie braucht, wonach sie

verlangt, was sie sich schaffen wird, das ist – der Terror.“

Er hatte das letzte Wort leiser als alles Vorhergehende gesprochen, ohne

eine Körperbewegung; nur seine Brillengläser hatten kurz aufgeblitzt.

Alle drei, die ihn hörten, waren zusammengezuckt, auch Settembrini, der

sich aber bald lächelnd wieder faßte.

„Und darf man sich erkundigen,“ fragte er, „wen oder was – Sie sehen,

ich bin ganz Frage, ich weiß nicht einmal, wie ich fragen soll – wen

oder was Sie sich als Träger dieses – ich wiederhole ungern das Wort –

dieses Terrors denken?“

Naphta saß stille, scharf und blitzend. Er sagte:

„Ich stehe zu Diensten. Ich glaube nicht fehlzugehen, wenn ich unsere

Übereinstimmung voraussetze in der Annahme eines idealen Urzustandes der

Menschheit, eines Zustandes der Staat- und Gewaltlosigkeit, der

unmittelbaren Gotteskindschaft, worin es weder Herrschaft noch Dienst

gab, nicht Gesetz noch Strafe, kein Unrecht, keine fleischliche

Verbindung, keine Klassenunterschiede, keine Arbeit, kein Eigentum,

sondern Gleichheit, Brüderlichkeit, sittliche Vollkommenheit.“

„Sehr gut. Ich stimme zu“, erklärte Settembrini. „Ich stimme zu bis auf

den Punkt der fleischlichen Verbindung, die offenbar jederzeit

stattgehabt haben muß, da der Mensch ein höchstentwickeltes Wirbeltier

ist und nicht anders, als andere Wesen –“

„Wie Sie meinen. Ich konstatiere unser grundsätzliches Einverständnis,

was den anfänglichen paradiesisch justizlosen und gottesunmittelbaren

Zustand betrifft, der durch den Sündenfall verloren ging. Ich glaube,

daß wir noch ein weiteres Stück Weges Seite an Seite bleiben können,

nämlich indem wir den Staat auf einen der Sünde Rechnung tragenden, zum

Schutz gegen das Unrecht geschlossenen Gesellschaftsvertrag zurückführen

und darin den Ursprung der herrschaftlichen Gewalt erblicken.“

„Benissimo!“ rief Settembrini. „Gesellschaftsvertrag ... das ist die

Aufklärung, das ist Rousseau. Ich hätte nicht gedacht –“

„Ich bitte. Unsere Wege scheiden sich hier. Aus der Tatsache, daß alle

Herrschaft und Gewalt ursprünglich beim Volke war, und daß dieses sein

Recht an der Gesetzgebung und seine ganze Gewalt dem Staate, dem Fürsten

übertrug, folgert Ihre Schule vor allem das revolutionäre Recht des

Volkes vor dem Königtum. Wir dagegen –“

„Wir?“ dachte Hans Castorp gespannt ... Wer sind „wir“? Ich muß

unbedingt nachher Settembrini danach fragen, wen er mit „wir“ meint.

„Wir unsererseits,“ sprach Naphta, „vielleicht nicht weniger

revolutionär als Sie, haben daraus von jeher in erster Linie den Vorrang

der Kirche vor dem weltlichen Staat gefolgert. Denn wenn die

Ungöttlichkeit des Staates ihm nicht an der Stirn geschrieben stände,

würde ein Hinweis auf eben dieses historische Faktum, daß er auf den

Willen des Volkes und nicht, wie die Kirche, auf göttliche Stiftung

zurückzuführen ist, genügen, um ihn, wenn nicht geradezu als eine

Veranstaltung der Bosheit, so doch jedenfalls als eine solche der

Notdurft und der sündhaften Unzulänglichkeit zu erweisen.“

„Der Staat, mein Herr –“

„Ich weiß, wie Sie über den nationalen Staat denken. ‚Über alles geht

die Vaterlandsliebe und grenzenlose Ruhmesbegier.‘ Das ist Vergil. Sie

korrigieren ihn durch etwas liberalen Individualismus, und das ist die

Demokratie; aber Ihr grundsätzliches Verhältnis zum Staat bleibt dadurch

völlig unberührt. Daß seine Seele das Geld ist, ficht Sie offenbar nicht

an. Oder wollen Sie es bestreiten? Die Antike war kapitalistisch, weil

sie staatsfromm war. Das christliche Mittelalter hat den immanenten

Kapitalismus des weltlichen Staates klar erkannt. ‚Das Geld wird Kaiser

sein‘, – das ist eine Prophezeiung aus dem elften Jahrhundert. Leugnen

Sie, daß das wörtlich eingetroffen, und daß die Verteufelung des Lebens

damit restlos erreicht ist?“

„Lieber Freund, Sie haben das Wort. Ich bin ungeduldig, mit dem großen

Unbekannten, dem Träger des Schreckens, bekannt gemacht zu werden.“

„Eine gewagte Neugier bei dem Sprecher einer Gesellschaftsklasse, welche

Träger der Freiheit ist, die die Welt zugrunde gerichtet hat. Ich kann

auf Ihre Widerrede zur Not verzichten, denn die politische Ideologie der

Bürgerlichkeit ist mir bekannt. Ihr Ziel ist das demokratische Imperium,

die Selbstübersteigerung des nationalen Staatsprinzips ins Universelle,

der Weltstaat. Der Kaiser dieses Imperiums? Wir kennen ihn. Ihre Utopie

ist gräßlich, und doch, – wir finden uns an diesem Punkt gewissermaßen

wieder zusammen. Denn Ihre kapitalistische Weltrepublik hat etwas

Transzendentes, tatsächlich, der Weltstaat ist die Transzendenz des

weltlichen Staates, und wir stimmen überein in dem Glauben, daß einem

vollkommenen Anfangszustande der Menschheit ein in Horizontferne

liegender vollkommener Endzustand entsprechen soll. Seit den Tagen

Gregors des Großen, Gründers des Gottesstaates, hat die Kirche es als

ihre Aufgabe betrachtet, den Menschen unter die Leitung Gottes

zurückzuführen. Der Herrschaftsanspruch des Papstes wurde nicht um

seiner selbst willen erhoben, sondern seine stellvertretende Diktatur

war Mittel und Weg zum Erlösungsziel, Übergangsform vom heidnischen

Staat zum himmlischen Reich. Sie haben diesen Lernenden hier von

Bluttaten der Kirche, ihrer strafenden Unduldsamkeit gesprochen, –

höchst törichterweise, denn Gotteseifer kann selbstverständlich nicht

pazifistisch sein, und Gregor hat das Wort gesprochen: ‚Verflucht sei

der Mensch, der sein Schwert zurückhält vom Blute!‘ Daß die Macht böse

ist, wissen wir. Aber der Dualismus von Gut und Böse, von Jenseits und

Diesseits, Geist und Macht muß, wenn das Reich kommen soll,

vorübergehend aufgehoben werden in einem Prinzip, das Askese und

Herrschaft vereinigt. Das ist es, was ich die Notwendigkeit des Terrors

nenne.“

„Der Träger! Der Träger!“

„Sie fragen? Sollte Ihrem Manchestertum die Existenz einer

Gesellschaftslehre entgangen sein, die die menschliche Überwindung des

Ökonomismus bedeutet, und deren Grundsätze und Ziele mit denen des

christlichen Gottesstaates genau zusammenfallen? Die Väter der Kirche

haben Mein und Dein verderbliche Worte und das Privateigentum Usurpation

und Diebstahl genannt. Sie haben den Güterbesitz verworfen, weil nach

dem göttlichen Naturrecht die Erde allen Menschen gemeinsam sei und

daher auch ihre Früchte für den gemeinschaftlichen Gebrauch aller

hervorbringe. Sie lehrten, daß nur die Habgier, eine Folge des

Sündenfalls, die Besitzrechte vertritt und das Sondereigentum geschaffen

habe. Sie waren human genug, antihändlerisch genug, wirtschaftliche

Tätigkeit überhaupt eine Gefahr für das Seelenheil, das heißt: für die

Menschlichkeit zu nennen. Sie haben das Geld und die Geldgeschäfte

gehaßt und den kapitalistischen Reichtum den Brennstoff des höllischen

Feuers genannt. Das ökonomische Grundgesetz, daß der Preis das Ergebnis

des Verhältnisses von Angebot und Nachfrage ist, haben sie von ganzem

Herzen verachtet und das Ausnutzen der Konjunktur als zynische

Ausbeutung einer Notlage des Nächsten verdammt. Es gab eine noch

frevelhaftere Ausbeutung in ihren Augen: die der Zeit, das Unwesen, sich

für den bloßen Zeitverlauf eine Prämie zahlen zu lassen, nämlich den

Zins, und auf diese Weise eine allgemein göttliche Einrichtung, die

Zeit, zum Vorteil des einen und Schaden des anderen zu mißbrauchen.“

„Benissimo!“ rief Hans Castorp, indem er sich vor Eifer der

Zustimmungsformel Herrn Settembrinis bediente. „Die Zeit ... Eine

allgemein göttliche Einrichtung ... Das ist hochwichtig ...!“

„Allerdings“, fuhr Naphta fort. „Diese menschlichen Geister haben den

Gedanken einer selbsttätigen Vermehrung des Geldes als ekelhaft

empfunden, alle Zins- und Spekulationsgeschäfte unter den Begriff des

Wuchers fallen lassen und erklärt, daß jeder Reiche entweder ein Dieb

oder eines Diebes Erbe sei. Sie sind weiter gegangen. Sie betrachteten,

wie Thomas von Aquino, den Handel überhaupt, das reine Handelsgeschäft,

das Kaufen und Verkaufen unter Einziehung eines Nutzens, aber ohne

Bearbeitung, Verbesserung des wirtschaftlichen Gutes, als ein

schimpfliches Gewerbe. Sie waren nicht geneigt, die Arbeit an und für

sich sehr hoch zu schätzen, denn sie ist nur eine ethische

Angelegenheit, keine religiöse, sie geschieht im Dienste des Lebens,

nicht Gottes. Und wenn es sich denn bloß um das Leben handeln sollte und

um Wirtschaft, so verlangten sie, daß produktive Werktätigkeit als

Bedingung wirtschaftlichen Vorteils und als Maßstab der Achtbarkeit

gelte. Ehrenwert war ihnen der Ackerbauer, der Handwerker, nicht der

Händler, nicht der Industrielle. Denn sie wollten, daß die

Produktion sich nach dem Bedürfnis richte, und verabscheuten die

Massengütererzeugung. Nun denn, – alle diese wirtschaftlichen Grundsätze

und Maßstäbe halten nach jahrhundertelanger Verschüttung ihre

Auferstehung in der modernen Bewegung des Kommunismus. Die

Übereinstimmung ist vollkommen bis hinein in den Sinn des

Herrschaftsanspruchs, den die internationale Arbeit gegen das

internationale Händler- und Spekulantentum erhebt, das Weltproletariat,

das heute die Humanität und die Kriterien des Gottesstaates der

bürgerlich-kapitalistischen Verrottung entgegenstellt. Die Diktatur des

Proletariats, diese politisch-wirtschaftliche Heilsforderung der Zeit,

hat nicht den Sinn der Herrschaft um ihrer selbst willen und in

Ewigkeit, sondern den einer zeitweiligen Aufhebung des Gegensatzes von

Geist und Macht im Zeichen des Kreuzes, den Sinn der Weltüberwindung

durch das Mittel der Weltherrschaft, den Sinn des Überganges, der

Transzendenz, den Sinn des Reiches. Das Proletariat hat das Werk Gregors

aufgenommen, sein Gotteseifer ist in ihm, und so wenig wie er wird es

seine Hand zurückhalten dürfen vom Blute. Seine Aufgabe ist der

Schrecken zum Heile der Welt und zur Gewinnung des Erlösungsziels, der

staats- und klassenlosen Gotteskindschaft.“

So Naphtas scharfe Rede. Die kleine Versammlung schwieg. Die jungen

Leute blickten Herrn Settembrini an. An ihm war es, sich irgendwie zu

verhalten. Er sagte:

„Erstaunlich. Gewiß, ich gestehe meine Erschütterung, ich hätte das

nicht erwartet. _Roma locuta._ Und wie, – und wie hat es gesprochen! Vor

unseren Augen hat er ein hieratisches Saltomortale vollführt, – wenn das

ein Widerspruch im Beiwort ist, so hat er ihn ‚zeitweilig aufgehoben‘,

ah, ja! Ich wiederhole: es ist erstaunlich. Halten Sie Einwendungen für

denkbar, Professor, – Einwendungen lediglich vom Standpunkt der

Konsequenz? Sie bemühten sich vorhin, uns einen christlichen, auf der

Zweiheit von Gott und Welt beruhenden Individualismus begreiflich zu

machen und uns seinen Vorrang vor aller politisch bestimmten

Sittlichkeit zu beweisen. Wenige Minuten später treiben Sie den

Sozialismus bis zur Diktatur und zum Schrecken. Wie reimt sich das?“

„Gegensätze,“ sagte Naphta, „mögen sich reimen. Ungereimt ist nur das

Halbe und Mediokre. Ihr Individualismus, wie ich mir schon anzumerken

erlaubte, ist eine Halbheit, ein Zugeständnis. Er korrigiert Ihre

heidnische Staatssittlichkeit durch ein wenig Christentum, ein wenig

‚Recht des Individuums‘, ein wenig sogenannte Freiheit, das ist alles.

Ein Individualismus dagegen, der von der kosmischen, der astrologischen

Wichtigkeit der Einzelseele ausgeht, ein nicht sozialer, sondern

religiöser Individualismus, der das Menschliche nicht als Widerstreit

von Ich und Gesellschaft, sondern als den von Ich und Gott, von Fleisch

und Geist erlebt, – ein solcher, eigentlicher Individualismus verträgt

sich mit bindungsvollster Gemeinschaft recht wohl ...“

„Anonym und gemeinsam ist er“, sagte Hans Castorp.

Settembrini sah ihn mit großen Augen an.

„Schweigen Sie, Ingenieur!“ befahl er mit einer Strenge, die auf

Rechnung seiner Nervosität und Anspannung zu setzen war. „Unterrichten

Sie sich, aber produzieren Sie nicht! – Das ist eine Antwort“, sagte er,

wieder zu Naphta gewandt. „Sie tröstet mich wenig, aber es ist eine.

Blicken wir allen Konsequenzen ins Auge ... Mit der Industrie verneint

der christliche Kommunismus die Technik, die Maschine, den Fortschritt.

Mit dem, was Sie Händlertum nennen, dem Gelde und Geldgeschäft, das der

Antike weit höher als Landwirtschaft und Handwerk galt, verneint er die

Freiheit. Denn es ist ja klar, es beißt in die Augen, daß dadurch, wie

im Mittelalter, alle privaten und öffentlichen Verhältnisse an den Grund

und Boden gebunden werden, auch die – es fällt mir nicht eben ganz

leicht, es auszusprechen – auch die Persönlichkeit. Kann nur der Boden

ernähren, so ist er es allein, der Freiheit verleiht. Handwerker und

Bauern, als so ehrenwert sie immer gelten mögen, – besitzen sie keinen

Boden, so sind sie Hörige dessen, der welchen besitzt. Tatsächlich

bestand bis tief ins Mittelalter hinein die große Menge selbst der

Städte aus Hörigen. Sie haben im Gange des Gesprächs dies und das von

menschlicher Würde verlauten lassen. Unterdessen verfechten Sie eine

Wirtschaftsmoral, an der die Unfreiheit und Würdelosigkeit der

menschlichen Persönlichkeit hängt.“

„Über Würde und Würdelosigkeit,“ erwiderte Naphta, „ließe sich reden.

Vorderhand wäre es mir eine Genugtuung, wenn diese Zusammenhänge Ihnen

Veranlassung gäben, die Freiheit nicht so sehr als schöne Geste, denn

als ein Problem zu begreifen. Sie stellen fest, daß die christliche

Wirtschaftsmoral in ihrer Schönheit und Menschlichkeit Unfreie schafft.

Ich stelle dagegen, daß die Sache der Freiheit, die Sache der Städte,

wie man konkreter sagen darf, – daß diese Sache, höchst sittlich, wie

sie immer sei, historisch verbunden ist mit der unmenschlichsten

Entartung der Wirtschaftsmoral, mit allen Greueln des modernen Händler-

und Spekulantentums, mit der Satansherrschaft des Geldes, des

Geschäftes.“

„Ich muß darauf bestehen, daß Sie sich nicht hinter Zweifel und

Antinomien zurückziehen, sondern sich klar und unzweideutig zur

schwärzesten Reaktion bekennen!“

„Der erste Schritt zu wahrer Freiheit und Humanität wäre, sich der

schlotternden Furcht vor dem Begriff ‚Reaktion‘ zu entschlagen.“

„Nun, es ist genug“, erklärte Herr Settembrini mit leicht bebender

Stimme, indem er Tasse und Teller von sich schob, die übrigens leer

waren, und sich vom seidenen Sofa erhob. „Es ist genug für heute, genug

für einen Tag, wie mir scheint. Professor, wir danken für die

schmackhafte Bewirtung, für das sehr spirituelle Gespräch. Meine Freunde

vom Berghof hier ruft die Kur, und ich habe den Wunsch, ihnen, bevor sie

gehen, meine Klause droben zu zeigen. Kommen Sie, meine Herren! Addio,

Padre!“

Jetzt hatte er Naphta gar „Padre“ genannt! Hans Castorp vermerkte es mit

hohen Augenbrauen. Man ließ es geschehen, daß Settembrini den Aufbruch

leitete, über die Vettern verfügte und nicht in Frage kommen ließ, ob

Naphta vielleicht sich anzuschließen wünsche. Die jungen Leute

verabschiedeten sich, ebenfalls dankend, und wurden wiederzukommen

ermutigt. Sie gingen mit dem Italiener, nicht ohne daß Hans Castorp das

Buch „_De miseria humanae conditionis_“, einen morschen Pappband,

leihweise mit auf den Weg bekam. Noch immer saß der sauerbärtige Lukaček

auf seinem Tisch, das Ärmelkleid für die Alte fertigend, als sie an

seiner offenen Tür vorüberschritten, um die fast leiterartige Stiege zum

Dachgeschoß zu gewinnen. Das war übrigens, klar geschaut, gar kein

Geschoß. Es war einfach der Dachstuhl, mit nacktem Gebälk unter der

Innenseite der Schindeln und mit der sommerlichen Atmosphäre des

Speichers, dem Geruch warmen Holzes. Aber der Dachstuhl enthielt zwei

Kammern, und diese bewohnte der republikanische Kapitalist, sie dienten

dem schöngeistigen Mitarbeiter an der „Soziologie der Leiden“ als Studio

und Schlafkabinett. Mit Heiterkeit zeigte er sie den jungen Freunden,

nannte das Kompartiment separiert und traulich, um ihnen die richtigen

Worte an die Hand zu geben, deren sie sich zum Lobe bedienen mochten, –

was sie denn einstimmig taten. Es sei ganz reizend, fanden sie beide,

separiert und traulich, genau wie er sage. Sie taten einen Blick ins

Schlafzimmerchen, wo vor der schmalen und kurzen Bettstatt im

Mansardenwinkel ein kleiner Flickenteppich lag, und wandten sich dann

dem Arbeitsraum wieder zu, der nicht weniger notdürftig ausgestattet

war, dabei aber eine gewisse parademäßige und sogar frostige Ordnung

aufwies. Plumpe und altmodische Stühle, vier an der Zahl, mit

Sitzflächen aus Stroh, waren symmetrisch zu seiten der Türen

aufgestellt, und auch der Diwan war an die Wand gerückt, so daß der

grüngedeckte Rundtisch, auf dem zum Schmuck oder zur Erquickung und

jedenfalls nüchternerweise eine Wasserflasche mit über den Hals

gestülptem Glase stand, einsam die Mitte des Zimmers hielt. Bücher,

gebunden und broschiert, lehnten auf einem kleinen Wandbort schräg

aneinander, und bei dem offenen Fensterchen ragte hochbeinig ein

leichtgezimmertes Klapp-Pult mit einem kleinen, dicken Bodenbelag aus

Filz davor, eben groß genug, um darauf stehen zu können. Hans Castorp

nahm einen Augenblick probeweise hier Aufstellung, – an Herrn

Settembrinis Arbeitsstätte, wo er die schöne Literatur zu

enzyklopädischen Zwecken unter dem Gesichtspunkt der menschlichen Leiden

behandelte, – stützte die Ellbogen auf die schräge Platte und urteilte,

daß es sich hier separiert und traulich stehe. So, meinte er, mochte

Lodovicos Vater einst zu Padua an seinem Pulte gestanden haben, mit

seiner Nase so lang und fein, – und erfuhr, daß es wirklich das

Arbeitspult des verstorbenen Gelehrten sei, vor dem er stehe, ja, auch

die Strohstühle, der Tisch und selbst die Wasserflasche stammten aus

dessen Besitz, und mehr noch: die Strohstühle hatten sogar schon dem

Großvater Carbonaro gehört, zu Mailand hatten sie die Wände seines

Advokatenbureaus geschmückt. Das war eindrucksvoll. Die Physiognomie der

Stühle gewann etwas politisch Wühlerisches in den Augen der jungen

Leute, und Joachim verließ den seinen, auf dem er nichtsahnend mit

übergeschlagenem Beine gesessen hatte, betrachtete ihn mißtrauisch und

nahm ihn nicht wieder ein. Hans Castorp aber, am Stehpult Settembrinis

des Älteren, bedachte, wie nun der Sohn daran wirke, indem er die

Politik des Großvaters mit dem Humanismus des Vaters zur schönen

Literatur vereinige. Dann gingen sie alle drei. Der Schriftsteller hatte

sich erboten, die Vettern heimzugeleiten.

Sie schwiegen ein Stück Weges, aber ihr Schweigen handelte von Naphta,

und Hans Castorp konnte warten: es war gewiß, daß Herr Settembrini auf

seinen Hausgenossen zu sprechen kommen werde, ja, daß er zu diesem

Zwecke mit ihnen gegangen sei. Er täuschte sich nicht. Nach einem

Aufatmen, das einem Anlauf gleichkam, begann der Italiener:

„Meine Herren – ich möchte Sie warnen.“

Da er eine Pause eintreten ließ, so fragte Hans Castorp natürlich mit

falscher Verwunderung: „Wovor?“ Er hätte wenigstens fragen können: „Vor

wem?“ aber er faßte sich unpersönlich, um seine ganze Unschuld zu

bekunden, während doch sogar Joachim genau Bescheid wußte.

„Vor der Persönlichkeit, deren Gäste wir soeben waren,“ antwortete

Settembrini, „und deren Bekanntschaft ich Ihnen gegen Wunsch und Absicht

vermittelt habe. Sie wissen, der Zufall wollte es, ich konnte nicht

umhin; aber ich trage die Verantwortung und trage schwer daran. Es ist

meine Pflicht, Ihre Jugend wenigstens auf die geistigen Gefahren

hinzuweisen, die sie im Umgang mit diesem Manne läuft, und Sie übrigens

zu bitten, den Verkehr mit ihm in weisen Grenzen zu halten. Seine Form

ist Logik, aber sein Wesen ist Verwirrung.“

„Na, allerdings,“ meinte Hans Castorp, so ganz geheuer sei es ja wohl

gerade nicht mit Naphta, ein bißchen sonderbar muteten seine Reden wohl

manchmal an; es hätte ja geradezu geklungen, als wollte er wahrhaben,

daß die Sonne sich um die Erde drehe. Doch schließlich, wie hätten sie,

die Vettern, auf den Gedanken kommen sollen, es könne unratsam sein, mit

einem Freunde von ihm, Settembrini, in gesellschaftlichen Verkehr zu

treten? Er sage es selbst: durch ihn hätten sie Naphta kennengelernt,

mit ihm hätten sie ihn getroffen, er gehe mit ihm spazieren, er komme

zwanglos zu ihm zum Tee herunter; das beweise doch –

„Gewiß, Ingenieur, gewiß.“ Herrn Settembrinis Stimme klang sanft,

resigniert und enthielt doch ein leises Beben. „Dies läßt sich mir

erwidern, und darum erwidern Sie es mir. Gut, ich verantworte mich

bereitwillig. Ich lebe mit diesem Herrn unter einem Dach, Begegnungen

sind unvermeidlich, ein Wort gibt das andere, man macht Bekanntschaft.

Herr Naphta ist ein Mann von Kopf – das ist selten. Er ist eine

diskursive Natur – ich bin es auch. Verurteile mich, wer will, aber ich

mache Gebrauch von der Möglichkeit, mit einem immerhin ebenbürtigen

Gegner die Klinge der Idee zu kreuzen. Ich habe niemanden weit und breit

... Kurz, es ist wahr, ich komme zu ihm, er kommt zu mir, wir

promenieren auch miteinander. Wir streiten. Wir streiten uns aufs Blut,

fast jeden Tag, aber ich gestehe, die Gegensätzlichkeit und

Feindseligkeit seiner Gedanken bildet einen Reiz mehr für mich, mit ihm

zusammenzutreffen. Ich brauche die Friktion. Gesinnungen leben nicht,

wenn sie keine Gelegenheit haben, zu kämpfen, und – ich bin in den

meinen gefestigt. Wie könnten Sie von sich dasselbe behaupten – Sie,

Leutnant, oder auch Sie, Ingenieur? Sie sind ungewappnet gegen

intellektuelles Blendwerk, Sie sind der Gefahr ausgesetzt, unter den

Einwirkungen dieser halb fanatischen und halb boshaften Rabulistik

Schaden zu nehmen an Geist und Seele.“

Ja, ja, sagte Hans Castorp, wohl wahr, sein Vetter und er, sie seien

wohl mehr oder weniger bedrohte Naturen. Es sei die Geschichte mit den

Sorgenkindern des Lebens, er verstehe. Aber demgegenüber könne man ja

Petrarca anführen mit seinem Wahlspruch, Herr Settembrini wisse schon,

und hörenswert sei es doch unter allen Umständen, was Naphta so

vorbringe: man müsse gerecht sein, das mit der kommunistischen Zeit, für

deren Ablauf niemand eine Prämie bekommen dürfe, sei vorzüglich gewesen,

und dann habe es ihn auch sehr interessiert, einiges über Pädagogik zu

hören, was er ohne Naphta wohl nie zu hören bekommen hätte ...

Herr Settembrini preßte die Lippen zusammen, und so beeilte sich Hans

Castorp hinzuzufügen, daß er selbst sich natürlich jeder Partei- und

Stellungnahme enthalte, nur eben hörenswert habe er es gefunden, was

Naphta über die Lust der Jugend gesagt habe. „Erklären Sie mir aber nun

erst einmal eines!“ fuhr er fort. „Da hat nun dieser Herr Naphta – ich

sage ‚dieser Herr‘, um anzudeuten, daß ich durchaus nicht unbedingt mit

ihm sympathisiere, sondern mich im Gegenteil innerlich höchst reserviert

verhalte –“

„Woran Sie wohltun!“ rief Settembrini dankbar.

„– Da hat er nun also eine Menge gegen das Geld geredet, die Seele des

Staates, wie er sich ausdrückt, und gegen das Eigentum, weil es

Diebstahl sei, kurz, gegen den kapitalistischen Reichtum, von dem er,

glaube ich, sagte, er sei der Brennstoff des höllischen Feuers – so

drückte er sich annähernd einmal aus, wenn ich nicht irre, und lobte das

mittelalterliche Zinsverbot in allen Tönen. Und dabei, er selbst ...

Entschuldigen Sie, aber er muß doch ... Es ist ja eine Überraschung

sondergleichen, wenn man so bei ihm eintritt. All die Seide ...“

„Ei, ja,“ lächelte Settembrini, „das ist eine charakteristische

Geschmacksrichtung.“

„... die schönen alten Meubles,“ erinnerte sich Hans Castorp weiter,

„die Pietà aus dem vierzehnten Jahrhundert ... Der venezianische

Kronleuchter ... der kleine Heiduck in Livree ... und beliebig viel

Schokoladebaumkuchen gab es auch ... Er muß doch für seine Person –“

„Herr Naphta,“ antwortete Settembrini, „ist für seine Person so wenig

Kapitalist wie ich.“

„Aber?“ fragte Hans Castorp ... „Es ist nun ein Aber fällig in Ihrer

Rede, Herr Settembrini.“

„Nun, die dort lassen keinen darben, der zu ihnen gehört.“

„Wer, ‚die dort‘?“

„Jene Väter.“

„Väter? Väter?“

„Aber, Ingenieur, ich meine die Jesuiten!“

Das gab eine Pause. Die Vettern zeigten größte Betroffenheit. Hans

Castorp rief:

„Was, Himmel, Kreuz, verflucht nochmal – der Mann ist ein Jesuit?!“

„Sie haben es erraten“, sprach Herr Settembrini fein.

„Nein, nie im Leben hätte ich ... Wer kommt denn auf so was! Darum also

haben Sie ihn Padre tituliert?“

„Das war eine kleine Höflichkeitsübertreibung“, entgegnete Settembrini.

„Herr Naphta ist nicht Pater. Die Krankheit ist schuld daran, daß er es

vorderhand nicht soweit gebracht hat. Aber er hat das Noviziat

absolviert und die ersten Gelübde getan. Die Krankheit zwang ihn, seine

theologischen Studien zu unterbrechen. Er hat dann noch einige Jahre als

Präfekt in einem Ordensinstitut Dienst verrichtet, das heißt: als

Aufseher, Präceptor, Gouverneur der jungen Zöglinge. Das kam seinen

pädagogischen Neigungen entgegen. Hier kann er ihnen weiter nachhängen,

indem er am Fridericianum Lateinisch lehrt. Er ist seit fünf Jahren

hier. Es ist unsicher geworden, ob und wann er diesen Ort wird verlassen

dürfen. Aber er ist Angehöriger des Ordens, und wäre er ihm selbst

lockerer verbunden, es könnte ihm nirgends fehlen. Ich sagte Ihnen, daß

er für seine Person arm, will sagen: besitzlos ist. Natürlich, das ist

Vorschrift. Aber der Orden verfügt über ungemessene Reichtümer, und er

sorgt für die Seinen, wie Sie sahen.“

„Donner – Keil“, murmelte Hans Castorp. „Und ich habe überhaupt nicht

gewußt und gedacht, daß es sowas in allem Ernste noch gäbe! Ein Jesuit.

Ja so! ... Aber sagen Sie mir eins: Wenn er nun also von dorther so wohl

versorgt und versehen ist – warum in aller Welt wohnt er dann ... Ich

will gewiß Ihrem Logis nicht zu nahe treten, Herr Settembrini, Sie haben

es reizend bei Lukaček, so angenehm separiert und außerdem besonders

traulich. Ich meine aber: wenn Naphta es nun doch so dicke hat, um mich

gewöhnlich auszudrücken – warum nimmt er sich nicht eine andere Wohnung,

statiöser, mit ordentlichem Aufgang und großen Zimmern, in einem feinen

Haus? Es hat ja direkt was Verstecktes und Abenteuerliches, wie er da in

dem Loch mit all seiner Seide ...“

Settembrini zuckte die Achseln.

„Es müssen wohl Takt- und Geschmacksgründe sein,“ sagte er, „die ihn

dazu bestimmen. Ich nehme an, er verbessert sein antikapitalistisches

Gewissen, indem er die Zimmer eines Armen bewohnt, und sich schadlos

hält durch die Art, wie er sie bewohnt. Auch Diskretion wird im Spiele

sein. Man bindet es den Leuten nicht auf die Nase, wie gut einen der

Teufel von hinten versorgt. Man schützt eine recht unscheinbare Fassade

vor und entfaltet dahinter seinen seidenen Priestergeschmack ...“

„Hochmerkwürdig!“ sagte Hans Castorp. „Absolut neu und geradezu

aufregend für mich, wie ich gestehe. Nein, wir sind Ihnen wirklich zu

Dank verbunden, Herr Settembrini, für diese Bekanntschaft. Wollen Sie

glauben, daß wir noch manches liebe Mal hingehen werden und ihn

besuchen? Das ist ausgemacht. So ein Umgang erweitert ja den Horizont in

ganz unverhofftem Grade und gibt Einblick in eine Welt, von deren

Existenz man keine blasse Ahnung hatte. Ein richtiger Jesuit! Und wenn

ich sage: ‚richtig‘, so gebe ich mir selbst das Stichwort, für das, was

mir durch den Kopf geht, und was ich denn doch noch bemerken muß. Ich

frage: Ist er denn richtig? Ich weiß wohl, Sie meinen, daß es überhaupt

nicht richtig ist mit einem, den der Teufel von hinten versorgt. Was ich

aber meine, läuft auf die Fragestellung hinaus: Ist er richtig _als

Jesuit_ – das geht mir im Kopf herum. Er hat da Dinge geäußert – Sie

wissen, welche ich meine – über den modernen Kommunismus und über den

Gotteseifer des Proletariats, das seine Hand nicht zurückhalten soll vom

Blute – kurzum, Dinge, ich sage nichts weiter darüber, aber Ihr

Großvater mit seiner Bürgerpike war ja das reine Lämmlein dagegen,

entschuldigen Sie meine Ausdrucksweise. Geht denn das? Hat das die

Zustimmung seiner Vorgesetzten? Verträgt es sich mit der römischen

Lehre, für die doch der Orden in aller Welt intrigieren soll, soviel ich

weiß? Ist es nicht – wie heißt das Wort – häretisch, abweichend,

inkorrekt? Das überlege _ich_ mir bezüglich Naphtas und hörte gern, was

Sie denken.“

Settembrini lächelte.

„Sehr einfach. Herr Naphta ist allerdings in erster Linie Jesuit, ist es

recht und ganz. Zum zweiten aber ist er ein Mann von Geist – ich würde

sonst nicht seine Gesellschaft suchen –, und als solcher trachtet er

nach neuen Kombinationen, Anpassungen, Anknüpfungen, zeitgemäßen

Abwandlungen. Sie sahen mich selbst überrascht durch seine Theorien. Er

hatte sich mir so weitgehend noch nicht offenbart. Ich benutzte die

Anregung, die ihm sichtlich Ihre Gegenwart gewährte, um ihn zu reizen,

in gewisser Beziehung sein letztes Wort zu sagen. Es lautete schnurrig

genug, gräßlich genug ...“

„Ja, ja; aber warum ist er nicht Pater geworden? Er hätte doch wohl das

Alter dazu.“

„Ich sagte Ihnen ja, daß die Krankheit es war, die ihn vorläufig daran

gehindert hat.“

„Gut, aber meinen Sie nicht: wenn er erstens Jesuit ist und zweitens ein

Mann von Geist, mit Kombinationen – daß dies zweite, hinzukommende, mit

der Krankheit zu tun hat?“

„Was wollen Sie damit sagen?“

„Nein, nein, Herr Settembrini. Ich meine nur: er hat eine feuchte

Stelle, und die hinderte ihn, Pater zu werden. Aber seine Kombinationen

hätten ihn auch wohl daran gehindert, und insofern – gewissermaßen,

gehören die Kombinationen und die feuchte Stelle zusammen. Er ist auf

seine Art auch so was wie ein Sorgenkind des Lebens, ein _joli jésuite_

mit einem _petite tache humide_.“

Sie hatten das Sanatorium erreicht. Auf der Plattform vorm Hause blieben

sie noch etwas stehen, bevor sie sich trennten, traten zu einer kleinen

Gruppe zusammen, während ein paar Patienten, die am Portal

herumlungerten, ihrem Gespräche zusahen. Herr Settembrini sagte:

„Um es zu wiederholen, meine jungen Freunde, ich warne Sie. Ich kann

Ihnen nicht verwehren, die einmal gemachte Bekanntschaft zu kultivieren,

wenn die Neugier Sie dazu treibt. Aber wappnen Sie Herz und Geist dabei

mit Mißtrauen, lassen Sie es niemals fehlen an kritischem Widerstand.

Ich werde Ihnen diesen Mann mit einem Worte kennzeichnen. Er ist ein

Wollüstiger.“

Die Gesichter der Vettern verzogen sich. Dann fragte Hans Castorp:

„Ein ... wie? Erlauben Sie, er ist doch Ordensmann. Da sind ja bestimmte

Gelübde zu leisten, soviel ich weiß, und außerdem ist er so miekerig und

leibarm ...“

„Sie reden töricht, Ingenieur“, erwiderte Herr Settembrini. „Das hat mit

Leibarmut gar nichts zu tun, und was die Gelübde betrifft, so gibt es da

Vorbehalte. Ich sprach jedoch in einem weiteren und geistigeren Sinn,

für den ich nachgerade Verständnis bei Ihnen sollte voraussetzen dürfen.

Erinnern Sie sich wohl noch, wie ich Sie eines Tages auf Ihrem Zimmer

besuchte – es ist lange her, furchtbar lange –, Sie absolvierten eben

die Bettruhe nach erfolgter Aufnahme ...“

„Selbstverständlich! Sie traten in der Dämmerung ein und machten Licht,

ich weiß es wie heute ...“

„Gut, damals kamen wir im Plaudern, wie es gottlob des öfteren

geschieht, auf höhere Gegenstände. Ich glaube gar, wir sprachen von Tod

und Leben, von den Würden des Todes, insofern er Bedingung und Zubehör

des Lebens ist, und von der Fratzenhaftigkeit, der er verfällt, wenn der

Geist ihn abscheulicherweise als Prinzip isoliert. Meine Herren!“ fuhr

Herr Settembrini fort, indem er dicht vor die beiden jungen Leute

hintrat, Daumen und Mittelfinger der Linken gabelförmig gegen sie

spreizte, gleichsam, um sie zur Aufmerksamkeit zusammenzufassen, und den

Zeigefinger der Rechten mahnend erhob ... „Prägen Sie sich ein, daß der

Geist souverän ist, sein Wille ist frei, er bestimmt die sittliche Welt.

Isoliert er dualistisch den Tod, so wird derselbe durch diesen geistigen

Willen wirklich und in der Tat, _actu_, Sie verstehen mich, zur eigenen,

dem Leben entgegengesetzten Macht, zum widersacherischen Prinzip, zur

großen Verführung, und sein Reich ist das der Wollust. Sie fragen mich,

warum der Wollust? Ich antworte Ihnen: weil er löst und erlöst, weil er

die Erlösung ist, aber nicht die Erlösung vom Übel, sondern die üble

Erlösung. Er löst Sitte und Sittlichkeit, er erlöst von Zucht und

Haltung, er macht frei zur Wollust. Wenn ich Sie warne vor dem Manne,

dessen Bekanntschaft ich Ihnen ungern vermittelte, wenn ich Sie

auffordere, im Verkehr und Diskurs mit ihm Ihre Herzen dreimal mit

Kritik zu umgürten, so geschieht es, weil alle seine Gedanken

wollüstiger Art sind, denn sie stehen unter dem Schutze des Todes, –

einer höchst liederlichen Macht, wie ich Ihnen damals sagte, Ingenieur,

– ich erinnere mich wohl meines Ausdrucks, ich behalte tüchtige und

treffliche Äußerungen, die zu tun ich Gelegenheit fand, stets im

Gedächtnis –, einer gegen Gesittung, Fortschritt, Arbeit und Leben

gerichteten Macht, vor deren mephitischem Hauch junge Seelen zu schützen

des Erziehers vornehmste Pflicht ist.“

Man konnte nicht besser sprechen als Herr Settembrini, nicht klarer und

gerundeter. Hans Castorp und Joachim Ziemßen bedankten sich recht schön

bei ihm für das Gehörte, empfahlen sich und erstiegen das Berghofportal,

während Herr Settembrini, eine Treppe über Naphtas seidene Zelle hinaus,

an sein Humanistenpult zurückkehrte.

Es war der erste Besuch der Vettern bei Naphta, dessen Verlauf wir hier

festhielten. Seither waren demselben zwei oder drei weitere gefolgt,

einer sogar in Abwesenheit Herrn Settembrinis; und auch sie lieferten

dem jungen Hans Castorp Stoff zur Betrachtung, wenn er, indes das

Hochgebild, genannt _Homo Dei_, seinem inneren Auge vorschwebte, an dem

blaublühenden Ort seiner Zurückgezogenheit saß und „regierte“.

Der Zauberberg. Zweiter Band · 第 11 / 31 题