~Henry A. Churchill.~“
Hier folge ein Brief, der Dr. Livingstone ein Lächeln abgewinnen wird
ebenso wie dies bei mir der Fall war. Er stammt von dem „moralischen
Idioten“ Scherif, dem Halbblutschneider, welcher aus dem Koran
prophezeite, dass Dr. Livingstone todt sei, und auf diese Prophezeiung
hin des Doctors Waaren gegen Elfenbein verkaufte.
(Mitgetheilt aus dem Auswärtigen Amt durch Lord Enfield.)
„Zanzibar, 10. März 1871.
Mylord!
Ich habe die Ehre, Ihnen in der Uebersetzung Abschriften von Briefen,
die ich eben aus Udschidschi erhalten habe, zu übersenden, woraus
ersichtlich, dass vor fünf Monaten Dr. Livingstone sich an einem
Manakoso benannten Orte befand und Leute und Vorräthe, die ich ihm
im letzten Jahre geschickt habe, erwartete, sowie dass diese ihn
jetzt erreicht oder wenigstens von Udschidschi an den Ort, wo er sich
befindet, abgesandt worden sind.
Da es jetzt Zeit ist die Briefe, die mit der gegenwärtigen
Gelegenheit abgehen sollen, zu schliessen, bin ich nicht im Stande,
bei den Arabern, die diese Länder kennen, Erkundigungen über die Lage
der genannten Ortschaften einzuziehen, von denen ich jedoch vermuthe,
dass sie sich im Westen des Sees befinden.
~John Kirk.~“
(Uebersetzung.)
„_An den Consul Kirk von Scherif Bascheik bin Ahmed._
Ich habe Ihnen mitzutheilen, dass am 15. Schaban (10. November) ein
Bote von dem Volke von Menama mit Briefen von den dortigen Arabern
und einem von dem Doctor angekommen ist und dass diese Briefe vom 20.
Rejib (15. October) datirt waren.
Als Antwort auf meine Fragen haben sie mir mitgetheilt, dass der
Doctor gesund ist, obwol er leidend gewesen, und dass er sich zur
Zeit mit Mohammed bin Gharib in der Stadt Manakoso befindet, wo er
auf Karavanen wartet, da er ohne Hülfe und Mittel ist und nur wenig
Begleiter, nämlich acht hat, sodass er nicht weiter ziehen oder
hierher kommen kann.
Wir haben zwölf von unsern Leuten mit amerikanischen Tuchen, Kaniki,
Perlen, Zucker, Kaffee, Salz, zwei paar Schuhen, Kugeln, Pulver,
Seife und einer kleinen Flasche Medicin (Chinin) abgeschickt.
Alles was er braucht, haben wir ihm geschickt und ich bleibe in
Udschidschi und warte auf seine Befehle.
Datirt den 20. Schaban 1287 (15. November 1870).
[Richtige Uebersetzung.]
~John Kirk.~“
Aus den Protokollen der Königl. Geographischen Gesellschaft:
Sir Ruderick Murchison theilte mit, er habe einen Brief von Dr. Kirk
vom 30. April 1871 erhalten, in welchem dieser die Mittheilung macht,
er habe, obgleich kein Eingeborener von Zanzibar je in Manemeh (dem
Ort, aus dem man zuletzt vom Dr. Livingstone etwas gehört) gewesen
sei, doch festgestellt, dass er ungefähr eine Monatsreise, also etwa
200–300 engl. Meilen westlich vom Tanganika liegt und ein blühender
Elfenbeinmarkt ist.
Dr. Kirk ist der Meinung, dass Livingstone dorthin gegangen sei, um
einen westlich gelegenen See, in welchen die Gewässer von Cazembe
flössen, von dem er gehört, zu untersuchen, und um festzustellen,
ob sie nach Westen und in den Congo, oder nach Norden und in das
Nilbecken laufen. Ferner hofft er, dass Livingstone, wenn er den
Ausfluss des Tanganika festgestellt habe, sich zufrieden geben und
die übrige Arbeit spätern Reisenden überlassen werde, da er mehr als
fünf Jahre auf Reisen und gewiss sehr der Ruhe bedürftig sei.
Es ist sehr erfreulich zu hören, dass reichliche Vorräthe den Doctor
bei seiner Rückkehr in Udschidschi erwarten.
Dr. Kirk fügt hinzu, er könne, da die Regenzeit bald vorüber sein
wird, Briefe und Packete in ungefähr einem Monate nach Udschidschi,
d. h. etwa zum 1. Juni befördern.
Der Vorsitzende sagte, er fände es etwas schwer zu glauben, dass
fast 300 Meilen zwischen Manakoso und dem See Tanganika liegen
sollen. Denn der Brief, den die mit den Vorräthen in Udschidschi
beauftragten Araber von Livingstone erhalten, hätte nur 25 Tage
gebraucht. Nun wäre aber die Durchschnittsschnelligkeit einer Reise
in diesen Ländern nur 10 Meilen pro Tag, sodass nach der Zeit, die
die Briefe gebraucht hätten, nur ein Zwischenraum von 250 Meilen,
mit Einschluss der Fahrt über den See, zwischen Udschidschi und
Manakoso liegen könne. Es sei übrigens doch sehr erfreulich zu hören,
dass Livingstone sich nicht in einem unbekannten Kannibalenlande,
wie früher angenommen, befände, sondern in einem blühenden
Elfenbeinmarkt, zwischen welchem und der Seeküste beständige
Handelsverbindung sei.
26. Juni 1871. Sir Henry Rawlinson sagte an diesem Tage in
seiner Ansprache als Vorsitzender unter andern auf geographische
Angelegenheiten bezüglichen Dingen folgendes:
Mit Rücksicht auf unsern andern grossen Afrikaforscher Livingstone
befinden wir uns noch immer in einem Zustande der peinlichsten
Ungewissheit. Wir erfahren aus den letzten Berichten des Dr. Kirk
in Zanzibar, die von Mitte August datiren, dass die arabischen
Kaufleute, mit denen Dr. Livingstone vom Süden nach Manyemeh
gereist war, von diesem Orte nach Udschidschi gegangen seien und
im Anfang des Monats Juni täglich in Unyanyembé erwartet würden.
Von Livingstone selbst war jedoch in letzterer Zeit keine directe
Kunde nach Zanzibar gelangt, sondern Dr. Kirk hatte nur auf seinen
andauernden Aufenthalt in Manyemeh geschlossen. Die zweite für ihn
bestimmte Sendung Vorräthe sei mittlerweile durch Unyanyembé nach
Udschidschi befördert und Dr. Kirk erwartete ängstlich Nachrichten
über die Ankunft des amerikanischen Reisenden Herrn Stanley an diesem
Orte. Dieser Herr, der vom richtigen Forscher-Typus sein soll, hat
das an der Küste belegene Bagamoyo im letzten Februar verlassen, um
nach Udschidschi zu gehen, und wollte mit Livingstone zusammenkommen,
ehe er weiter ins Innere ging, sodass wir binnen kurzem aus dieser,
wenn nicht aus einer andern Quelle definitive Nachrichten über den
jetzigen Zustand unseres grossen Reisenden und seine zukünftigen
Plane bekommen müssen. Wer Herrn Stanley persönlich kennt, weiss viel
von seinem entschlossenen Charakter und seiner Fähigkeit, in Afrika
zu reisen, zu erzählen. Seine Expedition ist gut ausgerüstet worden,
er erfreut sich des grossen Vortheils, Bombay, das wohlbekannte
Factotum von Speke und Grant in seinen Dienst genommen zu haben. Ich
kann noch hinzufügen, dass er nur von seinen eigenen Hülfsmitteln
abhängt und, wie es scheint, von einer blossen Liebe zu Abenteuern
und Entdeckungen getrieben wird, und brauche wol kaum zu sagen, dass
er, wenn es ihm gelingt, uns Livingstone wiederzubringen oder ihm
dabei behülflich zu sein, das grosse Problem des obern Wassersystems
des Nils und Congos zu lösen, von dieser Gesellschaft ebenso herzlich
und warm begrüsst werden wird, als wenn er ein englischer Forscher
wäre, der unter unsern unmittelbaren Auspicien handelt.
Aus dem Vorhergehenden ersieht man, dass Sir Henry Rawlison an dem Tage
sehr liebenswürdig von mir gesprochen hat.
Die nächsten Briefe, die über Livingstone und mich einliefen, sind vom
25. und 22. September 1871 und lauten folgendermassen:
„Zanzibar, 25. September 1871.
Lieber Sir Roderick!
Sie werden aus dem ans Auswärtige Amt gerichteten Berichte ersehen,
dass Schwierigkeiten in Unyamwezi entstanden sind, welche
Udschidschi von der Küste abgeschnitten haben, und da wir von
Udschidschi schon einige Zeit keine Nachrichten bekommen haben,
so können wir noch lange warten, ehe wir Gewissheit über Dr.
Livingstone’s Bewegungen erhalten.
Alles was ich sagen kann ist, dass mir Berichte aus jenem Orte
fehlen; weder er noch sein arabischer Freund Mohammed bin Gharib war
daselbst angekommen; aber es gab ein Gerücht, das ich für werthlos
halte, dass sie beide über Wemba um das südliche Ende herumgehen
würden.
Ich kann noch keine genauen Nachrichten über Manyema erhalten; ein
jeder kennt es, doch ist, wie ich finde, noch keiner dort gewesen.
Ich habe Leute gesehen, die von Udschidschi aus über den Tanganika
gesetzt sind und Karavanen sich auf die Reise nach Manyema haben
begeben sehen, doch scheint es ein ziemlich neuer, ungewöhnlicher
Handelsweg zu sein.
Ich freue mich, dass der Gouverneur von Unyanyembé von seinem Posten
entfernt werden soll; er ist es, gegen den der Krieg dort geführt
worden und wenn er getödtet wäre, würden wir alle zufriedener sein.
Herr Stanley war in Unyanyembé und im Kampf, die Araber aber haben
ihn im Stiche gelassen; vier von seinen Leuten wurden getödtet, er
selbst entkam aber. Die Aussicht, dass er jetzt weiter gehen kann,
ist gering; doch kann ich wirklich nicht sagen, wo er hingehen will;
denn er hat seine Plane hier niemandem mitgetheilt. Ich habe Briefe
an Dr. Livingstone an Stanley zur Weiterbeförderung geschickt und
diesem auch die Sachen für Livingstone (die von der zweiten Sendung
nämlich, denn die erste hat Udschidschi schon erreicht) anvertraut.
Ich glaube, er wird es sich angelegen sein lassen, zuerst mit
Livingstone zusammenzutreffen; ob er aber, nachdem er selbst gesehen,
was sich am besten thun lässt, weiter gehen oder zurückkehren wird,
kann ich nicht sagen. Er lag am Fieber krank, als er schrieb, ist
aber wieder leidlich wohl geworden.
Die Leute, welche hier angekommen sind, kehren morgen wieder zurück
und sollten in 25 Tagen da sein, denn der Weg ist schön und Gras und
Nahrungsmittel sind in Fülle vorhanden.