ANHANG.

Mit der Erlaubniss des Herrn Bates, ständigen Secretärs der Royal

Geographical Society, werden die folgenden interessanten Auszüge aus

den Verhandlungen dieser Gesellschaft veröffentlicht:

Der Vorsitzende las vor der Verhandlung folgenden officiellen Brief

vor, den er vom Staatssecretär für die Auswärtigen Angelegenheiten,

Lord Clarendon, als Antwort auf die Petition erhalten, welche die

Regierung um Unterstützung für Dr. Livingstone ersucht hatte. Er

war überzeugt, die ganze Gesellschaft würde Lord Clarendon und der

Regierung Ihrer Majestät für diese Mittheilung einmüthig ihren

tiefgefühlten Dank aussprechen.

„Auswärtiges Amt, 19. Mai 1870.

Mein Herr!

Ich habe keine Zeit verloren, meinen Collegen Ihre Bemerkungen über

die Lage, in welcher sich Dr. Livingstone infolge von Geldmangel

befindet, mitzutheilen und die Regierung Ihrer Majestät hat nicht

unterlassen alles das in Betracht zu nehmen, was Sie zu Gunsten einer

weitern dem ausgezeichneten Reisenden zu bewilligenden Geldsumme

vorgebracht haben: dass er sich nämlich drei Jahre lang ohne Hülfe

und Verbindung mit England allein durchgekämpft; nach den letzten

Nachrichten einen Punkt erreicht hat, von dem er ohne Vorräthe weder

vorwärts noch zurück kann, und das ihm bei seiner Abreise bewilligte

Geld erschöpft ist, also weitere Mittel sehr dringend nöthig sind, um

ihn neu auszurüsten und ihm seine Bedürfnisse ins Innere des Landes

zu transportiren.

Ich habe hiermit das Vergnügen, Sie davon in Kenntniss zu setzen,

dass Ihrer Majestät Regierung bereit ist, 1000 Pfd. Sterling für die

Expedition des Dr. Livingstone zu bewilligen und sich der ernstlichen

Hoffnung hingibt, dass die Summe dazu dienen möge, ihn sicher in sein

Vaterland zurückzubringen.

Ich bin, mein Herr,

Ihr gehorsamer Diener

~Clarendon~.

_Sir +R. I. Murchison+, Bart._“

Am 23. Mai 1870 spricht Sir R. Murchison in folgender Weise über seinen

Freund Dr. Livingstone:

Im Verlaufe des letzten Jahres sind wir in einem Zustand ängstlicher

Spannung in Bezug auf die Lage unsers grossen Reisenden Livingstone

geblieben, und ich bedauere diese Ansprache schliessen zu müssen,

ohne im Stande zu sein, irgendetwas Ermuthigendes in der Beziehung

zu sagen, dass wir ihn bald zu Hause begrüssen können. Zu gleicher

Zeit ist aber keine Ursache vorhanden, an seinem Leben und seiner

Sicherheit zu verzweifeln. Wir wissen, dass er sich einige Zeit in

Udschidschi am See Tanganika aufgehalten hat, woher er am 30. Mai

vorigen Jahres nach Hause geschrieben, von wo er aber aus Mangel an

Lastträgern und Vorräthen ausser Stande war sich fortzubegeben. Zwar

wurden ihm diese durch Dr. Kirk aus Zanzibar zugeschickt, aber leider

hat der Ausbruch der Cholera diese Hülfsexpedition aufgehalten und an

der Weiterreise verhindert. Nach neueren Mittheilungen jedoch, die

das Auswärtige Amt erhalten, hat die Seuche so sehr nachgelassen,

dass wir annehmen können, der Verkehr zwischen der Küste und

Udschidschi sei jetzt schon wieder eröffnet.

Die Aufgabe, die Livingstone noch bevorsteht, ist häufig erörtert

worden, und hoffentlich wird er am Leben bleiben, um bis an das

nördliche Ende des Tanganika zu gelangen und dort festzustellen,

ob sein Wasser in den Albert-Nyanza Baker’s fliesst. Wenn diese

Verbindung erwiesen würde, so können wir dem Gedanken Raum geben,

dass Livingstone, der jetzt weiss, dass das grosse Unternehmen Sir

Samuel Baker’s gegenwärtig ausgeführt wird, es versuchen werde, mit

seinem grossen Collegen zusammenzukommen. Da die grosse Expedition

Baker’s anfänglich aufgehalten worden, so hat er bekanntlich Chartum

erst im Februar verlassen, um den Weissen Nil hinaufzugehen. Nachdem

er Gondokoro, wie man annimmt, in den ersten Tagen des März erreicht

hat, wird einige Zeit nothwendig damit vergehen, eine Faktorei an

den oberen Stromschnellen und jenseits des Nebenflusses Asua zu

gründen, wo die Dampfboote zusammengesetzt werden sollen, ehe sie

auf das Wasser des Nils gebracht werden, auf dem sie in den grossen

Albert-Nyanza-See zu fahren gedenken. Sobald sich jedoch ein Dampfer

auf dem See befindet, können wir uns versichert halten, dass Baker

mit seiner bekannten Energie und Raschheit nicht einen Augenblick

verlieren wird, um es zu versuchen, das südliche Ende desselben zu

erreichen in der Hoffnung, dort Livingstone hülfreiche Hand bieten zu

können. Wollen wir uns daher dieser freudigen Hoffnung hingeben, die

in der That die glücklichste Erfüllung unserer Herzenswünsche sein

würde.

Das britische Publikum wird sich über diesen Gegenstand am besten

informiren, wenn es ein neuerlich erschienenes kleines Werk des Herrn

Keith Johnston jun. studirt. In dieser Schrift hat der Verfasser eine

kurze Geschichte aller Forschungen in Südafrika gegeben und auch nach

den besten Autoritäten (Petermann u. A.) eine Karte gezeichnet, die

deutlich nachweist, in welcher Ausdehnung die Flüsse, welche von den

südlich und südsüdwestlich vom See Tanganika gelegenen Hochlanden

herfliessen, zum grössten Theil von diesem See unabhängig und wol

Zuflüsse des Congo sind. Auf der andern Seite sind die Flüsse,

welche in den See Tanganika durch den Livingstone’schen See Liemba

eintreten, wahrscheinlich die letzten Quellen des Nils selbst,

wogegen der Kasai und andere Ströme, welche die Seen Bangweolo und

Moero bilden, wol in den Congo fliessen.

Wenn sich diese letzte Hypothese als wahr erweisen sollte, werden

sich die Gewässer, die Livingstone zuerst entdeckt hat, sowol als

die Quellen des Nils als des Congo herausstellen. Was aber den Nil

betrifft, so muss mein scharfsinniger Freund fühlen, dass das Problem

in Bezug auf denselben ungelöst bleibt, bis er beweist, dass einige

der Gewässer des Tanganika in den Albert-Nyanza fliessen.

Mittlerweile ist die Hypothese von Herrn Findlay u. A. (dass der

See Tanganika mit dem Albert-Nyanza in Verbindung steht) nach den

jetzigen Abschätzungen der relativen Höhenlage dieser südlichen

Gewässer die wahrscheinlichste. Gebe Gott, dass der berühmte

Livingstone die Wahrheit derselben erweise und dass wir ihn bald als

den Entdecker der letzten Quellen des Nils sowol als des Congo zu

Hause begrüssen mögen.

Ueber diesen wichtigen und höchst interessanten Gegenstand ist es

angenehm die Mittheilung zu machen, dass unser ausgezeichnetes

Ehrenmitglied Dr. Petermann auf einer Generalkarte von Südafrika in

der letzten Nummer seiner „Mittheilungen“ eine chronologische Skizze

aller der wunderbaren, schwierigen Reisen Livingstone’s vom Jahre

1841–1869 entworfen hat. In Bezug auf die Nebenflüsse des Congo

unterscheidet sich die Karte Petermann’s von der Johnston’s in der

Annahme, dass die Gewässer der Seen Bangweolo, Moero und Ulenge nach

Norden und Osten zeigen. Wenn dies der Fall sein sollte, so werden

sie auch in den grossen Albert-Nyanza Baker’s münden.

Indem ich die Betrachtung dieses überaus interessanten Gegenstandes

schliesse, freue ich mich im Stande zu sein mitzutheilen, dass Ihrer

Majestät Regierung infolge der Darstellungen, die ich Lord Clarendon

über die isolirte Stellung Livingstone’s in Udschidschi gemacht habe,

wo er sich trotz der Nähe seines letzten Zieles, des nördlichen Endes

des Sees Tanganika, ohne Lastträger und Vorräthe befand, freundlichst

die Mittel bewilligt hat, wodurch der grosse Reisende wirksame

Unterstützung erhält, ehe er in sein ihn bewunderndes Vaterland

zurückkehrt.

In der Ansprache des Vorsitzenden der Königl. Geographischen

Gesellschaft wird gesagt, dass den Herren Dr. Beke, Arrowsmith und

Findlay grosser Ruhm dafür gebühre, dass sie auf theoretische Gründe

hin die grosse nach Süden reichende Ausdehnung des Nilbeckens

unterstützt hätten, falls nämlich das grosse Problem der südlichen

Wasserscheide des Nils gelöst würde.

Wenn ihnen der Ruhm für diese Theorie gebührt, welchen soll jetzt

Sir H. Rawlinson, nachdem Sir R. Murchison, der treue Freund

Livingstone’s, todt ist und Dr. Beke seine Unterstützung der obigen

Theorie zurückgezogen hat, diesem für die theoretische Unterstützung

zuschreiben, die der Herr der Ansicht leiht, dass die Wasserscheide

nicht die des Nils, sondern die des Congo ist?

Aus der 14. Sitzung der Königl. Geographischen Gesellschaft vom 13.

Juni 1870 ersieht man, dass der Vorsitzende derselben es ausspricht,

dass man keine Expedition beabsichtigt hat, um Livingstone aufzusuchen.

Ich erhielt meine Befehle im October 1869. Die Königl. Geographische

Gesellschaft sollte es mir also nicht zum Vorwurf machen, dass ich das

gethan, was sie zu thun beabsichtigt habe, und nicht darüber ärgerlich

sein, dass ich ihn aufgefunden, da das mit ihren Pflichten durchaus

nicht collidirt hat.

Ehe der Vorsitzende auf die zu haltenden Vorträge einging, sprach

er sich aus über die Art der Unterstützung, welche zum Ruhme des

Earl Clarendon und der englischen Regierung dem Dr. Livingstone

zugeschickt worden. Es hätten in Bezug auf die Angelegenheit

viele Misverständnisse geherrscht, wenn man nach den zahlreichen

Petitionen schliessen dürfe, die er von verschiedenen thatkräftigen

jungen Leuten erhalten, die es gewünscht hätten, Dr. Livingstone

aufzusuchen. Man habe nämlich angenommen, dass eine Expedition

im Begriff sei, zu diesem Zweck aus unserm Vaterlande abzugehen.

Eine solche Expedition wäre jedoch nicht beabsichtigt worden. Dr.

Livingstone sei mehr als 3½ Jahre ohne einen einzigen europäischen

Begleiter im Herzen von Afrika gewesen. Er (der Präsident) wisse

nicht bestimmt, ob nicht ein nicht acclimatisirter junger Mann aus

England Livingstone ungelegen kommen würde, weil er ausser andern

Mühen auch noch die haben würde, für ihn zu sorgen. Deshalb kündige

er hiermit an, dass die 1000 Pfd. Sterl., welche die Regierung

hergegeben hätte, durch den Consul in Zanzibar, Herrn Churchill,

der zufälligerweise hier im Lande sei und bald nach Zanzibar gehe,

abgeschickt werden würden. Dieser wird Dr. Kirk instruiren, eine

ähnliche Expedition wie die vorjährige, die durch die Cholera

verhindert wurde, auszurüsten. Die Epidemie hat sehr nachgelassen und

jetzt besteht die einzige Schwierigkeit darin, nach Udschidschi zu

kommen, wo Dr. Livingstone sich nach den letzten Berichten befindet

und aus Mangel an Lastträgern und Vorräthen nicht im Stande ist sich

an einen andern Ort zu begeben. Damit diese Vorräthe von Zanzibar

nach Udschidschi kommen, bedarf es zweier Monate; daher soll man

sich in den nächsten Monaten keinen Sorgen hingeben. In etwa 7 bis 8

Monaten können gute Nachrichten da sein und bald darauf würden wir

hoffentlich wol unsern Freund in seinem Vaterlande wiedersehen.

_Brief von Herrn +Churchill+, Consul in Zanzibar, in Bezug auf Dr.

Livingstone._

„Zanzibar, 18. November 1870.

Mylord!

Nach einem sehr grossen Zeitverlust, der denjenigen, die mit diesem

Lande unbekannt sind, unnöthig erscheinen wird, ist es mir gelungen,

Dr. Livingstone eine Verstärkung von 7 Mann zuzuschicken, welche

sich verpflichtet haben, sich als Lastträger, Bootsleute u. s. w.

zur Disposition des Doctors zu stellen und eine Menge Perlen, Tuch

und Provision zu seinem Gebrauch mitgenommen haben. Er wird durch

dieselbe Gelegenheit die Briefe und Schriftstücke, die mir Lord

Clarendon und die Geographische Gesellschaft anvertraut haben, nebst

einigen Kleidungsstücken erhalten, die seine Verwandten mir übersandt

haben. Ich hoffe, dass sie Udschidschi im Monat Februar erreichen

werden, jetzt aber lässt sich noch nichts Sicheres darüber sagen.

In einer künftigen Depesche werde ich einen Bericht über die durch

diese Expedition veranlassten Ausgaben abstatten. Etwa vor einem

Monat erhielten wir Nachrichten davon, dass Leute und Vorräthe, die

im October 1869 von Dr. Kirk abgesandt worden, am letzten Juni in

Unyanyembé angekommen seien. Sieben der Leute waren an der Cholera

gestorben und der Rest hatte, nachdem sie die ihnen mitgegebenen

Provisionen verzehrt, auf Anrathen des Gouverneurs von Unyanyembé

die Vorräthe, die sie Livingstone bringen sollten, zu ihrem

eigenen Unterhalt angegriffen. Dies erscheint auf den ersten Blick

unglaublich; wenn man aber weiter darüber nachdenkt, so kann man es

dadurch erklären, dass die Karavane, wenn sie nicht irgendwelche

Lebensmittel gehabt, an der Weiterreise verhindert worden wäre und

dass der Gouverneur von Unyanyembé ihr, ohne Autorität des Sultans,

die nöthigen Subsistenzmittel verweigerte.

Die letzten Berichte aus dem Innern theilen mit, dass Dr.

Livingstone, nachdem er einen Ort Manime (Manyuema) besucht habe,

nach Udschidschi zurückgekehrt sei.“

Im weitern Verlaufe sagte der Präsident, dass der Brief von Dr. Kirk,

welcher in Sir Roderick Murchison’s Brief an die „Times“ erwähnt

werde, drei Wochen später als der von Herrn Churchill geschrieben

sei, und da dieser nicht die Behauptung enthielte, dass Dr.

Livingstone wirklich in Udschidschi angekommen sei, obwol er seine

Nachrichten aus derselben Quelle wie Herr Churchill habe, so scheine

es, dass der Letztere dieses Ereigniss gleichsam vorausgenommen habe.

Dr. Kirk sage nämlich nur, dass ein arabisch geschriebener Brief vom

Juli 1870 vom Gouverneur von Unyanyembé eingetroffen sei, welcher

aussage, dass Livingstone in Udschidschi zu gleicher Zeit mit den

Leuten und Vorräthen erwartet werde, die auf dem Wege dahin seien.

Auch sagte er, dass der Reisende in einem fernen Manime genannten

Lande gewesen sei. Um die Wichtigkeit dieser Mittheilung zu begreifen

sei es nöthig, auf den letzten Brief Rücksicht zu nehmen, den

Livingstone selbst nach Hause geschrieben habe. Es sei ein vom 30.

Mai 1869 datirter, aus Udschidschi an Dr. Kirk gerichteter Brief.

In demselben sage Livingstone: „Was die mir bevorstehende Aufgabe

betrifft, so besteht sie darin, die Quellen, die ich entdeckt und die

5–700 Meilen südlich von Speke’s und Baker’s Nil liegen, mit diesem

zu verbinden. Die Wassermasse, welche von 12° südl. Br. nach Norden

fliesst, ist so gross, dass ich vermuthlich sowol an den Quellen

des Nils als des Congo herumarbeite. Ich muss also das östliche

Wassersystem bis an den Punkt verfolgen, wo Baker umgekehrt ist.

Tanganyika, Nyige Chowambe (Baker’s?) sind ein Wasser und das Ende

desselben liegt 300 Meilen südlich von hier. Den Ausfluss desselben,

ob er nun Congo oder Nil sei, muss ich feststellen. Die westlich

von hier wohnenden Menschen, welche Manyema heissen, sind, wenn die

Araber die Wahrheit reden, Kannibalen. Dort werde ich wol zuerst

hinzugehen und dann, wenn ich ungefressen zurückkomme und meine neuen

Leute aus Zanzibar vorfinde, den Tanganika hinunterzugehen haben.“

Das folgende ist ein wichtiger Brief Dr. Kirk’s, den er etwa einen Tag

nach seiner Rückkehr von der in Kikoka, dem ersten Lager jenseits des

Kingani, abgehaltenen Jagdpartie geschrieben hat.

„Zanzibar, 18. Februar 1871.

Mylord!

Ich habe die Ehre Ihnen zu berichten, dass ich, nachdem ich durch

einen Eingeborenen erfahren, dass sich die von Herrn Churchill

mit Vorräthen für Dr. Livingstone, laut seiner Depesche vom 18.

November 1870, abgesandten Leute noch in Bagamoyo, einer uns

gegenüberliegenden Seestadt des Festlandes, befänden und noch gar

keine Schritte dazu gethan hätten, sich Lastträger zu verschaffen

oder ihre Reise anzutreten, beschloss, womöglich selbst hinzugeben

und bei ihrer Abreise zugegen zu sein. Kapitän Tucker, der

Befehlshaber von Ihrer Majestät Schiff “Columbine„, hat mir auf meine

Bitte freundlichst einen Platz in seinem Schiffe zu diesem Zweck zur

Disposition gestellt.

Als ich Bagamoyo erreichte, entdeckte ich, dass die betreffenden

Leute noch im Dorfe seien, wogegen arabische Karavanen sich auf

dieselbe Reise begeben hatten. Freilich sind Lastträger in diesem

Jahre schwer zu haben, da nur wenige Leute aus Unyamwezi infolge der

daselbst wüthenden Cholera hierher gekommen sind.

Es ist mir jedoch, indem ich meinen Einfluss bei den Arabern

benutzte, gelungen, alle Vorräthe, mit Ausnahme von vier Lasten,

abzusenden und ich bin ihnen selbst eine Tagereise bis ins Binnenland

gefolgt. Die noch übrig bleibenden vier Lasten sollten, wie ich

bei meiner Rückkehr anordnete, durch eine arabische Karavane nach

Unyanyembé gebracht werden und von dort durch Said bin Salim, den

dortigen Gouverneur, nach Udschidschi geschickt werden.

Wenn sie einmal auf der Reise sind, so gibt es wenig Motive für die

Leute sich aufzuhalten; wogegen sie in Bagamoyo in guten Hütten unter

ihren eigenen Leuten gern verweilen, da sie dort, ohne dass man es

erfährt, ihr Leben geniessen und trotzdem ihren Monatslohn erwerben

zu können meinen. Wäre ich nicht persönlich hingegangen, so hätten

sie sich wol noch mehrere Monate daselbst aufgehalten.

Als ich auf dem kurzen Ausfluge, den ich von Bagamoyo machte, auf

der Handelsstrasse reiste, begegneten mir mehrere Karavanen auf dem

Wege von Unyamwezi, Urori u. s. w., und aus meinen an die Eingeborenen

und ihre Führer gestellten Fragen stellte sich heraus, dass man in

Unyanyembé keine Nachrichten aus Udschidschi erhalten und dort nichts

über Dr. Livingstone bekannt sei. Alle konnten berichten, dass er auf

eine Reise gegangen sei, von der er nach den letzten Nachrichten noch

nicht zurückgekehrt war.

Das Land, durch das ich zog, nachdem ich über den Kingani gesetzt,

war ein schönes Wald- und Parkland voll der verschiedensten Arten

grossen Wildes, wie z. B. Giraffen, Elenn, Zebras, Hartebeests,

Wildbeests u. s. w., von denen ich einige in einer Entfernung von noch

nicht 12 Meilen von der Küstenstadt Bagamoyo erlegte. Der Kingani ist

voll von Flusspferden und an seinen Ufern finden sich wilde Büffel.

Leider wird diese reiche und verhältnissmässig gesunde Gegend, wo die

Giraffe vorkommt, stets von der Tsetsefliege heimgesucht, die dem

Vieh und den Pferden gefährlich ist.

Auf meiner Heimreise nach Bagamoyo habe ich einen Tag dem Studium der

französischen Anstalten und ihrer Behandlung Freigelassener gewidmet.

Hierüber werde ich mir die Ehre geben, Eurer Lordschaft einen

besondern Bericht abzustatten.

Seitdem ich vor vier Jahren die Stadt Bagamoyo gesehen, hat sie sich

um das Dreifache vergrössert. Die Hütten der Eingeborenen werden

rasch durch Steinhäuser verdrängt und hier, wie sonst an der Küste,

geht der Handel rasch in die Hände der Kutchees über.

~John Kirk.~“

~Dr.~ KIRK UND ~Dr.~ LIVINGSTONE.

_An den Redacteur des „Daily Telegraph“._

„68, Portsdown Road, Maida Vale, 25. Juli 1872.

Mein Herr! Mit grossem Interesse habe ich den Bericht Ihres

Correspondenten über die Unterredung gelesen, die er gestern in

Marseille mit Herrn Stanley, dem Auffinder des Herrn Dr. Livingstone,

gehabt, und fühle mich berufen meinem Freunde, Dr. Kirk, beizustehen.

Ich muss damit anfangen zu sagen, dass ich, falls in Zanzibar

irgendeine Nachlässigkeit in Bezug auf die Mittheilungen an Dr.

Livingstone stattgefunden hat, als der politische Agent und Ihrer

Majestät Consul während der letzten fünf Jahre, einen Theil des Dr.

Kirk zukommenden Tadels auf mich nehmen muss, da ich während der

Zeit, wo ich auf meinem Posten war, d. h. länger als zwei Jahre, für

alle an den Tag gelegte Lässigkeit verantwortlich bin.

Während meines ersten Aufenthalts in Zanzibar (vom Juni 1867 bis

April 1869) glaubte man, wie Sie sich erinnern werden, dass Dr.

Livingstone ermordet worden sei; es wurden daher, wenn überhaupt

welche, doch nur sehr wenige Briefe für ihn nach Zanzibar geschickt.

Wenigstens kann ich dafür garantiren, dass durch meine Hände während

der ganzen Zeit kein einziger Brief an ihn gegangen ist.

In Uebereinstimmung mit Dr. Livingstone’s Bitte sandte ich in

der Mitte des Jahres 1868 eine gewisse Anzahl von Vorräthen und

Arzneien nach Udschidschi; weiss aber nicht, dass ihm irgendwelche

Privatbriefe mit Ausnahme derer, die Dr. Kirk und ich ihm

geschrieben, aus dem oben erwähnten Grunde geschickt worden sind.

Bei einer frühern Gelegenheit hatte Dr. Seward über Kilwa Chinin und

Vorräthe, die den Doctor in Udschidschi erwarten sollten, abgesandt.

Bei diesen beiden Expeditionen wurde Dr. Kirk’s sehr werthvolle

Unterstützung uns leicht zutheil, und ich muss hier für das grosse

Interesse Zeugniss ablegen, das Dr. Kirk immer an allem genommen

hat, was seinen Freund Dr. Livingstone betraf. Ich habe bei keiner

Gelegenheit auch nur das geringste Zeichen von Eifersüchteleien

seitens des Dr. Kirk wahrgenommen.

Nach meiner Abreise von Zanzibar im April 1869 hat Dr. Kirk noch

eine aus vierzehn Leuten und einer grossen Karavane von Vorräthen

bestehende Expedition organisirt und dem grossen Reisenden nach

Udschidschi zugeschickt. Die Cholera kam dazwischen und hat dieselbe

aufgehalten, sodass von den vierzehn Leuten nur sieben Unyanyembé

erreicht haben. Hier scheinen die Uebriggebliebenen sich der Vorräthe

bemächtigt zu haben. Hierfür kann aber doch Dr. Kirk nicht getadelt

werden. Auch ist es noch immer besser, dass sie dies gethan, als

dass sie die Erklärung abgegeben hätten, sie könnten aus Mangel an

Subsistenzmitteln ihre Reise gar nicht weiter fortsetzen.

Bei meiner Rückkehr nach Zanzibar im August 1870 bereitete ich aus

den reichen von Ihrer Majestät Regierung mir mitgegebenen Mitteln

eine dritte Expedition vor und wählte andere Leute, welche das

Land in der Umgegend von Udschidschi kannten, um die angeblich

Verstorbenen zu ersetzen. Sie erhielten die Instruction, nach

Udschidschi zu gehen und dort auf Dr. Livingstone zu warten. Der

Weg war aber unsicher und keine Karavane wagte es, noch eine ganze

Zeit lang nachdem die Expedition organisirt war, ins Innere des

Landes vorzudringen; daher wurde sie in Bagamoyo aufgehalten;

inzwischen reiste auch ich im December ab wegen Krankheit. Dies ist

die Karavane, von der Herr Stanley sagt, dass sie Bagamoyo zwei

Tage vor Dr. Kirk’s Besuch an der Küste mit dem Schiff “Columbine„

verlassen habe. Mit derselben wurden die Briefe und Packete, die ich

für Dr. Livingstone nach Zanzibar gebracht, befördert. Kirk soll bei

seinem Besuch in Bagamoyo vorzüglich die Jagd im Auge gehabt und

die Karavane vollständig vernachlässigt haben; doch beweist Herrn

Stanley’s eigene Behauptung, dass die Karavane schon aufgebrochen

war, als Kirk nach Bagamoyo kam, und ein Dorf von 500 Einwohnern

ist doch nicht so gross, dass er die Sachlage nicht in zehn Minuten

hätte erfahren können. Wenn er also wirklich mit den Officieren der

“Columbine„ auf die Jagd ging, so that er es im Bewusstsein, dass der

Zweck seiner Reise nach Bagamoyo bereits erfüllt sei. Auch zeigt ja

Herrn Stanley’s Behauptung, dass das blosse Gerücht von Dr. Kirk’s

bevorstehender Ankunft die gute Wirkung hatte, die Karavane in

Bewegung zu setzen.

Denjenigen, welche mit Zanzibar unbekannt sind, wird die Behauptung

Stanley’s, dass ihn elf Packete ihm von Hause im Laufe von neun

Monaten zugesandter Briefe in Udschidschi erreicht hätten, wogegen

Livingstone in drei Jahren nicht einen einzigen Brief erhalten

habe, sehr sonderbar erscheinen. Dazu kann ich aber die Erklärung

geben, dass diese Packete wahrscheinlich zugleich mit dem Telegramm

durch dieselbe Post in Zanzibar angekommen und nach Udschidschi

durch einen und denselben Boten gesandt worden sind. Auch kann eine

Karavane durch das Land ziehen, während es einer andern unmöglich

wird ihren Bestimmungsort zu erreichen, und gerade der Kampf, der

in Unyanyembé stattfand, an dem sich Herr Stanley betheiligte,

kann den Weg für spätere Karavanen geebnet haben. Ich brauche mich

übrigens nur auf Herrn Stanley’s eigene Abenteuer zu beziehen, um

auf die Beschwerden hinzuweisen, denen bisweilen Karavanen auf ihrem

Wege nach Udschidschi ausgesetzt sind; und wenn Dr. Livingstone

andererseits keine Briefe erhalten hat, so kam dies, wie ich gezeigt

habe, daher, dass ihm überhaupt keine Briefe geschrieben wurden, weil

seine Freunde ihn für todt hielten.

Ich hoffe, Herr Stanley hat Dr. Kirk die Gelegenheit geboten sich zu

rechtfertigen. Wie das aber auch sein mag, so habe ich es für meine

Pflicht gehalten, hier hervorzutreten und das Publikum durch Ihre

Spalten von den sympathischen und freundlichen Gesinnungen, welche

Dr. Kirk stets für seinen alten Freund und Mitreisenden empfunden

hat, zu unterrichten.

Ich bin, verehrter Herr,

Wie ich Livingstone fand; Zweiter Band · 第 75 / 88 题