II. S. 253.]

Sein Sohn Unamapokera war ein hoch aufgeschossener Mann von etwa 30

Jahren, der mit mir grosse Freundschaft schloss und mir den Tribut

leicht zu machen sowie einen Menschen mitzugeben versprach, welcher

mir den Weg zeigen solle nach Myumi, einem Dorfe an der Grenze von

Kanyenyi, wodurch ich den raubgierigen Kisewah vermeiden könne, der

gewohnt sei, Karavanen grossen Tribut abzunehmen.

Mit Hülfe Unamapokera’s und seines Vaters gelang es uns, nur wenig,

d. h. 10 Doti zu zahlen, während Burton 60 Doti Tuch hatte bezahlen

müssen.

Am 1. April standen wir früh auf und erreichten Myumi nach einem

Marsche von vier Stunden; dann zogen wir weiter und gelangten etwa

um 2 Uhr nachmittags an einen grossen Ziwa oder Teich inmitten der

Dschungels und am nächsten Tage um 10 Uhr morgens auf die Felder

von Mapanga. Als wir an dem Dorfe Mapanga vorbei an einen jenseits

gelegenen Ruheplatz zogen, wo wir frühstücken und den Tribut bezahlen

konnten, stürzte uns ein Bursche entgegen und fragte, wohin wir

wollten. Nachdem wir ihm geantwortet, dass wir an einen Lagerplatz

gingen, eilte er vorwärts und wir hörten ihn gleich darauf in einem

Felde zu unserer Rechten mit einigen Leuten sprechen.

Mittlerweile hatten wir einen anmuthigen, schattigen Platz gefunden

und halt gemacht; unsere Leute lagen auf dem Boden oder standen in der

Nähe ihrer Lasten. Bombay war eben im Begriff, einen Ballen zu öffnen,

als wir eine grosse Menge Menschen zusammenlaufen und laut schreien

hörten. Gleich darauf kamen 40–50 Bewaffnete, ein Häuptling an der

Spitze, aus dem Dickicht hervorgestürzt, schwangen ihre Speere über den

Köpfen oder waren im Begriffe, ihre Bogen zu spannen und stiessen ein

Geheul aus, wie es nur Wilde können, das ungefähr wie ein langgezogenes

„Hhaat-uh -- Hhaat -- uhh-uhh“ klang und das zugleich trotzig, bestimmt

und drohend, unverkennbar sagen wollte: „Ihr wollt doch wohl? Nein, Ihr

wollt nicht!“

Ich hatte es schon geahnt, dass die von mir gehörten Stimmen nichts

Gutes für uns bedeuteten, und infolge dessen meine Waffen und Patronen

in Ordnung gebracht. Das war wahrhaftig eine schöne Gelegenheit zu

einem Abenteuer! Wenn sie nur einen Speer auf uns geworfen oder wir

einen Schuss in diesen drohenden Haufen von Wilden hineingefeuert

hätten, so wäre es zwischen den sich gegenüberstehenden Banden zu

einem bösen Kampfe gekommen! Es wäre keine geregelte Schlacht, kein

äusseres Kriegsgepränge, sondern ein mörderischer Strauss geworden,

ein rasches Feuern von Hinterladern und Musketensalven, in das sich

fliegende Speere und das Rauschen der Bogen gemischt hätte, wobei die

Memmen sofort, von brüllenden Wilden verfolgt, fortgelaufen wären;

und wer weiss, wie das geendet haben könnte? Zwar waren nur 40 Speere

gegen 40 Flinten, aber wie viel von den mit Flinten Bewaffneten wären

wol davongelaufen? Vielleicht alle und ich wäre mit meinen kleinen

Flintenträgern allein geblieben, um mir den Hals abschneiden oder mich

enthaupten zu lassen, damit mein Kopf eine lange Stange in der Mitte

eines Kigogo-Dorfes zieren könne, wie der des armen Monsieur Maizan

in Dege la Mhora in Uzaramo. Welch glückliches Ende wäre das für

meine Expedition gewesen! Und dazu der Verlust des Livingstone’schen

Tagebuchs, der Frucht einer sechsjährigen Arbeit!

Hier zu Lande taugt es nichts zu kämpfen, wenn man nicht durch die

alleräusserste Noth dazu gezwungen wird. In Ugogo kann man nicht wie

Mungo Park kriegerisch gesinnt sein und Glück haben, es sei denn, dass

man eine ausreichende Zahl Truppen bei sich hat. Mit 500 Europäern

könnte ich Afrika von Norden nach Süden durchstreifen und brauchte bei

richtigem Takt und bei der moralischen Wirkung, die eine solche Truppe

einflösst, nur wenig zu kämpfen.

Ohne also von dem Ballen aufzustehen, auf dem ich sass, bat ich den

Kirangozi, eine Erklärung des furchtbaren Lärms und der drohenden

Mienen zu verlangen und zu fragen, ob sie gekommen seien, um uns zu

berauben.

„Nein“, sagte der Häuptling, „wir wünschen Euch nicht den Weg zu

versperren oder Euch zu berauben, sondern wollen nur Tribut haben.“

„Aber seht Ihr denn nicht, dass wir hier halten und der Ballen schon

geöffnet ist, um Euch den Tribut zu schicken. Wir sind so weit von

Eurem Dorfe, um, nachdem der Tribut bezahlt ist, unseres Weges weiter

zu ziehen, da der Tag noch jung ist.“

Der Häuptling brach in ein lautes Lachen aus, in das auch wir

einstimmten. Er war offenbar über sein Betragen beschämt, denn

freiwillig gab er die Erklärung ab, als er und seine Leute eben Holz

schlugen, um einen neuen Zaun für ihr Dorf zu machen, sei ein Jüngling

zu ihm gekommen und habe erzählt, dass eine Karavane von Wangwana

im Begriff sei durch das Land zu ziehen, ohne halt zu machen und zu

erklären wer sie seien. Alsbald waren wir sehr gute Freunde. Er bat

mich ihm Regen zu machen, da sein Korn leide und es seit Monaten keinen

Regen gegeben habe. Ich sagte ihm darauf, dass die Weissen zwar sehr

gross und gescheit seien und weit über den Arabern ständen, aber doch

keinen Regen machen könnten. Obwol sehr enttäuscht, bezweifelte er

diese Behauptung doch nicht und gestattete uns, nachdem wir ihm ein

geringfügiges Honga bezahlt, unseres Weges zu ziehen, ja er begleitete

uns sogar etwas weiter, um uns den Weg zu zeigen.

Um 3 Uhr nachmittags kamen wir in ein Dornendickicht und um 5 Uhr nach

Muhalata, einem Gebiete, über das Nyamzaga als Häuptling herrscht. Ein

Mgogo, den ich mir zum Freunde gemacht, erwies sich als sehr treu.

Er gehörte nach Mulowa, einem süd-südöstlich, südlich von Kulabi,

belegenen Lande, und war unter Beihülfe von Bombay bei der Festsetzung

des Tributs in meinem Interesse sehr thätig. Als wir am nächsten Tage

auf unserm Wege nach Mvumi durch Kulabi zogen und die Wagogo im Begriff

waren, uns wegen des Honga Aufenthalt zu bereiten, übernahm er es, uns

von weitern Zahlungen zu befreien, indem er behauptete, wir seien aus

Ugogo oder Kanyenyi. Da nickte der Häuptling einfach mit dem Kopfe

und wir zogen weiter. Es scheint also, dass die Wagogo von Karavanen,

welche nur in ihrem eigenen Lande Handel treiben und nicht über ihre

Grenzen hinaus wollen, kein Lösegeld erpressen.

Nach Kulabi zogen wir über eine nackte, rothe, lehmige Ebene, über

die der Wind von den Höhen von Usagara, die jetzt als bläulich

schwarze Berge vor uns erschienen, schrecklich heulte. Mit heftiger,

einschneidender Gewalt schienen die furchtbaren Stürme uns durch den

Körper zu dringen, als ob wir nur aus leichtem Gazegewebe beständen.

Männlich kämpften wir gegen diesen mächtigen „Peppo“ (Sturm), zogen

durch Mukamwa’s Land und kamen über ein breites, sandiges Flussbett

hinweg ins Gebiet von Mvumi, dem letzten Tribut erhebenden Häuptling

von Ugogo.

Am 4. April schlugen wir uns durch das Dickicht, nachdem ich Bombay

und meinen freundschaftlichen Mgogo mit 8 Doti Tuch als Abschiedstribut

an den Sultan abgeschickt, und in fünf Stunden waren wir auf der Grenze

der Wildniss Marenga Mkali, dem „harten“, bittern oder salzigen Wasser.

Aus unserm Lager schickte ich drei Leute nach Zanzibar mit Briefen

an den amerikanischen Consul, einer telegraphischen Depesche an den

„Herald“ und der Bitte an den Consul, er möge die Leute bald wieder

an mich zurückschicken mit einem Vorrath von Genussmitteln, wie sie

hungrige, ermüdete und durchnässte Leute wohl zu schätzen wissen.

Die drei Boten erhielten den Auftrag, sich durch nichts, ob Regen

oder Flüsse oder Ueberschwemmungen, aufhalten zu lassen, da wir sie,

wenn sie nicht vorwärts eilten, einholen würden ehe sie die Küste

erreichten. Mit einem inbrünstigen „Inschallah, Bana!“ zogen sie ab.

Am 5. begaben wir uns mit einem kräftigen aufmunternden Hurrah mitten

in die Wildniss, die ihrer ewigen Ruhe und Einsamkeit wegen den

geräuschvollen Streitigkeiten der Wagogo-Dorfschaften sehr vorzuziehen

war. Neun Stunden lang zogen wir dahin und stöberten durch lärmende

Ausrufe wilde Rhinozeros, furchtsame Quaggas und Heerden von Antilopen

auf, welche die Dschungels dieser breiten Salzbecken massenhaft

bewohnen. Am 7. kamen wir unter strömendem Regen in Mpwapwa an, wo mein

schottischer Begleiter Farquhar gestorben war.

Wir hatten den enormen Marsch von 338 englischen Meilen vom 14. März

bis zum 7. April, d. i. in 24 Tagen, mit Einschluss aller Aufenthalte,

zurückgelegt, was also etwas mehr als 14 Meilen täglich ausmachte.

Leukole, der Häuptling von Mpwapwa, bei dem ich Farquhar gelassen

hatte, gab mir folgenden Bericht von seinem Tode: „Bis zum fünften

Tage, nachdem Ihr ihn verlassen, schien der weisse Mann sich zu

bessern; dann aber fiel er bei einem Versuch, aufzustehen und aus dem

Zelte herauszuspazieren, auf den Boden. Von dem Augenblicke an wurde

er immer schlimmer und schlimmer und starb am Nachmittag wie ein

Mensch, der einschlafen will. Beine und Unterleib waren ihm bedeutend

angeschwollen und ich glaube, etwas muss in ihm zerrissen sein als er

fiel, denn er schrie wie ein Mensch, der grossen Schaden erlitten hat,

und sein Diener sagte: «der Herr meint, er sei im Begriff zu sterben.»“

„Wir liessen ihn unter einen grossen Baum tragen und daselbst liegen,

nachdem wir ihn mit Blättern zugedeckt hatten. Sein Diener nahm Besitz

von seinen Sachen, nämlich der Flinte, den Kleidern und der wollenen

Decke, und zog in das Tembé eines Mnyamwezi in der Nähe von Kisokweh,

wo er drei Monate gelebt hat und dann auch gestorben ist. Vor seinem

Tode verkaufte er das Gewehr seines Herrn für 10 Doti an einen Araber,

der nach Unyanyembé ging. Das ist alles, was ich davon weiss.“

Er zeigte mir hierauf die Vertiefung, in welche die Leiche Farquhar’s

geworfen worden war; ich konnte dort aber keine Spur von seinen

Gebeinen finden, obgleich wir uns genau danach umsahen, um ein

anständiges Grab für sie herzustellen. Ehe wir Unyanyembé verliessen,

waren 50 Leute zwei Tage lang damit beschäftigt, Felsblöcke

zusammenzutragen, aus denen ich um das Grab Shaw’s einen soliden,

dauerhaften Bau errichtete, der 8 Fuss lang und 5 Fuss breit war und

von dem Dr. Livingstone meinte, er würde als das Grab des ersten in

Unyamwezi verstorbenen Weissen hunderte von Jahren dauern. Obwol wir

nun keine Ueberreste des unglücklichen Farquhar entdecken konnten, so

sammelten wir doch eine grosse Menge Steine und bauten daraus einen

Wall in der Nähe des Stromes auf, um den Ort zu bezeichnen, wo seine

Leiche hingelegt worden war.

Erst als wir in das Thal des Mukondokwa-Flusses kamen, hatten wir

viel von der Masika zu leiden. Hier nämlich brausten und donnerten

die Giesbäche; der Fluss war eine mächtige, braune Flut, die mit

fast unwiderstehlicher Macht abwärts strömte. Die Ufer desselben

waren überflutet, breite Nullahs ganz von Wasser gefüllt, die Felder

überschwemmt und dennoch fiel noch immer der Regen in Strömen

hernieder, die uns verkündeten, was wir während unseres Durchzugs durch

die Küstengegend zu leiden haben würden. Trotzdem eilten wir weiter wie

Leute, denen jeder Augenblick kostbar ist, weil sie von einer Sündflut

überrascht werden können. Dreimal passirten wir diese furchtbare Flut

an den Furten vermittelst Seilen, die von einem Ufer ans andere an

Bäumen befestigt wurden, und kamen am 11. nach Kadetamare als elende,

vom Unglück heimgesuchte Menschen. Dort lagerten wir auf einem Berge,

gegenüber dem zur Rechten des Flusses liegenden Berge Kibwe, der einen

der höchsten Gipfel der Bergkette bildet.

Am 12. April erreichten wir nach dem ermüdendsten Marsche, den ich je

gemacht, die Mündung des Mukondokwa-Passes, aus welchem sich der Fluss

in die Makata-Ebene ergiesst. Wir erkannten, dass die Regenzeit in

diesem Jahr ungewöhnlich heftig sei, denn der üble Zustand des Landes,

wie wir ihn im vorigen Jahr angetroffen hatten, war nichts im Vergleich

zu dem diesjährigen. Dicht am Rande der schäumenden, aufgeregten Flut

lag unsere Route, die sich häufig in tiefe Graben senkte, worin wir uns

bisweilen bis an den Gurt, manchmal bis an den Hals im Wasser befanden.

Doch wurden wir durch die dringendste Nothwendigkeit weiter getrieben,

um nicht in einer der Dorfschaften bis ans Ende der Monsunregen

campiren zu müssen. So zogen wir denn über Marschgründe, bis an die

Knie im Kothe watend, unter triefenden Dschungel-Gewölben, durch

Pfützen, die bis an die Achseln reichten, weiter. Jeder Wasserlauf

schien bis zum Ueberfliessen voll zu sein, und noch immer strömte der

Regen weiter, schlug die Oberfläche des Wassers zu einem gelben Schaum

und peitschte uns, dass wir fast den Athem verloren. Ein halbtägiger

Kampf gegen diese Schwierigkeiten brachte uns, nachdem wir über den

Fluss gesetzt, wieder zu dem traurigen Dorfe Mvumi.

Die Nacht brachten wir damit zu, uns der schwarzen, gefrässigen

Moskitos zu erwehren und in heldenmüthigen Versuchen Ruhe und Schlaf zu

finden, was uns zum Theil infolge der äussersten Ermattung des Körpers

gelang.

[Illustration: „NIMM DICH IN ACHT!“

Wie ich Livingstone fand; Zweiter Band · 第 68 / 88 题