Sein Sohn Unamapokera war ein hoch aufgeschossener Mann von etwa 30
Jahren, der mit mir grosse Freundschaft schloss und mir den Tribut
leicht zu machen sowie einen Menschen mitzugeben versprach, welcher
mir den Weg zeigen solle nach Myumi, einem Dorfe an der Grenze von
Kanyenyi, wodurch ich den raubgierigen Kisewah vermeiden könne, der
gewohnt sei, Karavanen grossen Tribut abzunehmen.
Mit Hülfe Unamapokera’s und seines Vaters gelang es uns, nur wenig,
d. h. 10 Doti zu zahlen, während Burton 60 Doti Tuch hatte bezahlen
müssen.
Am 1. April standen wir früh auf und erreichten Myumi nach einem
Marsche von vier Stunden; dann zogen wir weiter und gelangten etwa
um 2 Uhr nachmittags an einen grossen Ziwa oder Teich inmitten der
Dschungels und am nächsten Tage um 10 Uhr morgens auf die Felder
von Mapanga. Als wir an dem Dorfe Mapanga vorbei an einen jenseits
gelegenen Ruheplatz zogen, wo wir frühstücken und den Tribut bezahlen
konnten, stürzte uns ein Bursche entgegen und fragte, wohin wir
wollten. Nachdem wir ihm geantwortet, dass wir an einen Lagerplatz
gingen, eilte er vorwärts und wir hörten ihn gleich darauf in einem
Felde zu unserer Rechten mit einigen Leuten sprechen.
Mittlerweile hatten wir einen anmuthigen, schattigen Platz gefunden
und halt gemacht; unsere Leute lagen auf dem Boden oder standen in der
Nähe ihrer Lasten. Bombay war eben im Begriff, einen Ballen zu öffnen,
als wir eine grosse Menge Menschen zusammenlaufen und laut schreien
hörten. Gleich darauf kamen 40–50 Bewaffnete, ein Häuptling an der
Spitze, aus dem Dickicht hervorgestürzt, schwangen ihre Speere über den
Köpfen oder waren im Begriffe, ihre Bogen zu spannen und stiessen ein
Geheul aus, wie es nur Wilde können, das ungefähr wie ein langgezogenes
„Hhaat-uh -- Hhaat -- uhh-uhh“ klang und das zugleich trotzig, bestimmt
und drohend, unverkennbar sagen wollte: „Ihr wollt doch wohl? Nein, Ihr
wollt nicht!“
Ich hatte es schon geahnt, dass die von mir gehörten Stimmen nichts
Gutes für uns bedeuteten, und infolge dessen meine Waffen und Patronen
in Ordnung gebracht. Das war wahrhaftig eine schöne Gelegenheit zu
einem Abenteuer! Wenn sie nur einen Speer auf uns geworfen oder wir
einen Schuss in diesen drohenden Haufen von Wilden hineingefeuert
hätten, so wäre es zwischen den sich gegenüberstehenden Banden zu
einem bösen Kampfe gekommen! Es wäre keine geregelte Schlacht, kein
äusseres Kriegsgepränge, sondern ein mörderischer Strauss geworden,
ein rasches Feuern von Hinterladern und Musketensalven, in das sich
fliegende Speere und das Rauschen der Bogen gemischt hätte, wobei die
Memmen sofort, von brüllenden Wilden verfolgt, fortgelaufen wären;
und wer weiss, wie das geendet haben könnte? Zwar waren nur 40 Speere
gegen 40 Flinten, aber wie viel von den mit Flinten Bewaffneten wären
wol davongelaufen? Vielleicht alle und ich wäre mit meinen kleinen
Flintenträgern allein geblieben, um mir den Hals abschneiden oder mich
enthaupten zu lassen, damit mein Kopf eine lange Stange in der Mitte
eines Kigogo-Dorfes zieren könne, wie der des armen Monsieur Maizan
in Dege la Mhora in Uzaramo. Welch glückliches Ende wäre das für
meine Expedition gewesen! Und dazu der Verlust des Livingstone’schen
Tagebuchs, der Frucht einer sechsjährigen Arbeit!
Hier zu Lande taugt es nichts zu kämpfen, wenn man nicht durch die
alleräusserste Noth dazu gezwungen wird. In Ugogo kann man nicht wie
Mungo Park kriegerisch gesinnt sein und Glück haben, es sei denn, dass
man eine ausreichende Zahl Truppen bei sich hat. Mit 500 Europäern
könnte ich Afrika von Norden nach Süden durchstreifen und brauchte bei
richtigem Takt und bei der moralischen Wirkung, die eine solche Truppe
einflösst, nur wenig zu kämpfen.
Ohne also von dem Ballen aufzustehen, auf dem ich sass, bat ich den
Kirangozi, eine Erklärung des furchtbaren Lärms und der drohenden
Mienen zu verlangen und zu fragen, ob sie gekommen seien, um uns zu
berauben.
„Nein“, sagte der Häuptling, „wir wünschen Euch nicht den Weg zu
versperren oder Euch zu berauben, sondern wollen nur Tribut haben.“
„Aber seht Ihr denn nicht, dass wir hier halten und der Ballen schon
geöffnet ist, um Euch den Tribut zu schicken. Wir sind so weit von
Eurem Dorfe, um, nachdem der Tribut bezahlt ist, unseres Weges weiter
zu ziehen, da der Tag noch jung ist.“
Der Häuptling brach in ein lautes Lachen aus, in das auch wir
einstimmten. Er war offenbar über sein Betragen beschämt, denn
freiwillig gab er die Erklärung ab, als er und seine Leute eben Holz
schlugen, um einen neuen Zaun für ihr Dorf zu machen, sei ein Jüngling
zu ihm gekommen und habe erzählt, dass eine Karavane von Wangwana
im Begriff sei durch das Land zu ziehen, ohne halt zu machen und zu
erklären wer sie seien. Alsbald waren wir sehr gute Freunde. Er bat
mich ihm Regen zu machen, da sein Korn leide und es seit Monaten keinen
Regen gegeben habe. Ich sagte ihm darauf, dass die Weissen zwar sehr
gross und gescheit seien und weit über den Arabern ständen, aber doch
keinen Regen machen könnten. Obwol sehr enttäuscht, bezweifelte er
diese Behauptung doch nicht und gestattete uns, nachdem wir ihm ein
geringfügiges Honga bezahlt, unseres Weges zu ziehen, ja er begleitete
uns sogar etwas weiter, um uns den Weg zu zeigen.
Um 3 Uhr nachmittags kamen wir in ein Dornendickicht und um 5 Uhr nach
Muhalata, einem Gebiete, über das Nyamzaga als Häuptling herrscht. Ein
Mgogo, den ich mir zum Freunde gemacht, erwies sich als sehr treu.
Er gehörte nach Mulowa, einem süd-südöstlich, südlich von Kulabi,
belegenen Lande, und war unter Beihülfe von Bombay bei der Festsetzung
des Tributs in meinem Interesse sehr thätig. Als wir am nächsten Tage
auf unserm Wege nach Mvumi durch Kulabi zogen und die Wagogo im Begriff
waren, uns wegen des Honga Aufenthalt zu bereiten, übernahm er es, uns
von weitern Zahlungen zu befreien, indem er behauptete, wir seien aus
Ugogo oder Kanyenyi. Da nickte der Häuptling einfach mit dem Kopfe
und wir zogen weiter. Es scheint also, dass die Wagogo von Karavanen,
welche nur in ihrem eigenen Lande Handel treiben und nicht über ihre
Grenzen hinaus wollen, kein Lösegeld erpressen.
Nach Kulabi zogen wir über eine nackte, rothe, lehmige Ebene, über
die der Wind von den Höhen von Usagara, die jetzt als bläulich
schwarze Berge vor uns erschienen, schrecklich heulte. Mit heftiger,
einschneidender Gewalt schienen die furchtbaren Stürme uns durch den
Körper zu dringen, als ob wir nur aus leichtem Gazegewebe beständen.
Männlich kämpften wir gegen diesen mächtigen „Peppo“ (Sturm), zogen
durch Mukamwa’s Land und kamen über ein breites, sandiges Flussbett
hinweg ins Gebiet von Mvumi, dem letzten Tribut erhebenden Häuptling
von Ugogo.
Am 4. April schlugen wir uns durch das Dickicht, nachdem ich Bombay
und meinen freundschaftlichen Mgogo mit 8 Doti Tuch als Abschiedstribut
an den Sultan abgeschickt, und in fünf Stunden waren wir auf der Grenze
der Wildniss Marenga Mkali, dem „harten“, bittern oder salzigen Wasser.
Aus unserm Lager schickte ich drei Leute nach Zanzibar mit Briefen
an den amerikanischen Consul, einer telegraphischen Depesche an den
„Herald“ und der Bitte an den Consul, er möge die Leute bald wieder
an mich zurückschicken mit einem Vorrath von Genussmitteln, wie sie
hungrige, ermüdete und durchnässte Leute wohl zu schätzen wissen.
Die drei Boten erhielten den Auftrag, sich durch nichts, ob Regen
oder Flüsse oder Ueberschwemmungen, aufhalten zu lassen, da wir sie,
wenn sie nicht vorwärts eilten, einholen würden ehe sie die Küste
erreichten. Mit einem inbrünstigen „Inschallah, Bana!“ zogen sie ab.
Am 5. begaben wir uns mit einem kräftigen aufmunternden Hurrah mitten
in die Wildniss, die ihrer ewigen Ruhe und Einsamkeit wegen den
geräuschvollen Streitigkeiten der Wagogo-Dorfschaften sehr vorzuziehen
war. Neun Stunden lang zogen wir dahin und stöberten durch lärmende
Ausrufe wilde Rhinozeros, furchtsame Quaggas und Heerden von Antilopen
auf, welche die Dschungels dieser breiten Salzbecken massenhaft
bewohnen. Am 7. kamen wir unter strömendem Regen in Mpwapwa an, wo mein
schottischer Begleiter Farquhar gestorben war.
Wir hatten den enormen Marsch von 338 englischen Meilen vom 14. März
bis zum 7. April, d. i. in 24 Tagen, mit Einschluss aller Aufenthalte,
zurückgelegt, was also etwas mehr als 14 Meilen täglich ausmachte.
Leukole, der Häuptling von Mpwapwa, bei dem ich Farquhar gelassen
hatte, gab mir folgenden Bericht von seinem Tode: „Bis zum fünften
Tage, nachdem Ihr ihn verlassen, schien der weisse Mann sich zu
bessern; dann aber fiel er bei einem Versuch, aufzustehen und aus dem
Zelte herauszuspazieren, auf den Boden. Von dem Augenblicke an wurde
er immer schlimmer und schlimmer und starb am Nachmittag wie ein
Mensch, der einschlafen will. Beine und Unterleib waren ihm bedeutend
angeschwollen und ich glaube, etwas muss in ihm zerrissen sein als er
fiel, denn er schrie wie ein Mensch, der grossen Schaden erlitten hat,
und sein Diener sagte: «der Herr meint, er sei im Begriff zu sterben.»“
„Wir liessen ihn unter einen grossen Baum tragen und daselbst liegen,
nachdem wir ihn mit Blättern zugedeckt hatten. Sein Diener nahm Besitz
von seinen Sachen, nämlich der Flinte, den Kleidern und der wollenen
Decke, und zog in das Tembé eines Mnyamwezi in der Nähe von Kisokweh,
wo er drei Monate gelebt hat und dann auch gestorben ist. Vor seinem
Tode verkaufte er das Gewehr seines Herrn für 10 Doti an einen Araber,
der nach Unyanyembé ging. Das ist alles, was ich davon weiss.“
Er zeigte mir hierauf die Vertiefung, in welche die Leiche Farquhar’s
geworfen worden war; ich konnte dort aber keine Spur von seinen
Gebeinen finden, obgleich wir uns genau danach umsahen, um ein
anständiges Grab für sie herzustellen. Ehe wir Unyanyembé verliessen,
waren 50 Leute zwei Tage lang damit beschäftigt, Felsblöcke
zusammenzutragen, aus denen ich um das Grab Shaw’s einen soliden,
dauerhaften Bau errichtete, der 8 Fuss lang und 5 Fuss breit war und
von dem Dr. Livingstone meinte, er würde als das Grab des ersten in
Unyamwezi verstorbenen Weissen hunderte von Jahren dauern. Obwol wir
nun keine Ueberreste des unglücklichen Farquhar entdecken konnten, so
sammelten wir doch eine grosse Menge Steine und bauten daraus einen
Wall in der Nähe des Stromes auf, um den Ort zu bezeichnen, wo seine
Leiche hingelegt worden war.
Erst als wir in das Thal des Mukondokwa-Flusses kamen, hatten wir
viel von der Masika zu leiden. Hier nämlich brausten und donnerten
die Giesbäche; der Fluss war eine mächtige, braune Flut, die mit
fast unwiderstehlicher Macht abwärts strömte. Die Ufer desselben
waren überflutet, breite Nullahs ganz von Wasser gefüllt, die Felder
überschwemmt und dennoch fiel noch immer der Regen in Strömen
hernieder, die uns verkündeten, was wir während unseres Durchzugs durch
die Küstengegend zu leiden haben würden. Trotzdem eilten wir weiter wie
Leute, denen jeder Augenblick kostbar ist, weil sie von einer Sündflut
überrascht werden können. Dreimal passirten wir diese furchtbare Flut
an den Furten vermittelst Seilen, die von einem Ufer ans andere an
Bäumen befestigt wurden, und kamen am 11. nach Kadetamare als elende,
vom Unglück heimgesuchte Menschen. Dort lagerten wir auf einem Berge,
gegenüber dem zur Rechten des Flusses liegenden Berge Kibwe, der einen
der höchsten Gipfel der Bergkette bildet.
Am 12. April erreichten wir nach dem ermüdendsten Marsche, den ich je
gemacht, die Mündung des Mukondokwa-Passes, aus welchem sich der Fluss
in die Makata-Ebene ergiesst. Wir erkannten, dass die Regenzeit in
diesem Jahr ungewöhnlich heftig sei, denn der üble Zustand des Landes,
wie wir ihn im vorigen Jahr angetroffen hatten, war nichts im Vergleich
zu dem diesjährigen. Dicht am Rande der schäumenden, aufgeregten Flut
lag unsere Route, die sich häufig in tiefe Graben senkte, worin wir uns
bisweilen bis an den Gurt, manchmal bis an den Hals im Wasser befanden.
Doch wurden wir durch die dringendste Nothwendigkeit weiter getrieben,
um nicht in einer der Dorfschaften bis ans Ende der Monsunregen
campiren zu müssen. So zogen wir denn über Marschgründe, bis an die
Knie im Kothe watend, unter triefenden Dschungel-Gewölben, durch
Pfützen, die bis an die Achseln reichten, weiter. Jeder Wasserlauf
schien bis zum Ueberfliessen voll zu sein, und noch immer strömte der
Regen weiter, schlug die Oberfläche des Wassers zu einem gelben Schaum
und peitschte uns, dass wir fast den Athem verloren. Ein halbtägiger
Kampf gegen diese Schwierigkeiten brachte uns, nachdem wir über den
Fluss gesetzt, wieder zu dem traurigen Dorfe Mvumi.
Die Nacht brachten wir damit zu, uns der schwarzen, gefrässigen
Moskitos zu erwehren und in heldenmüthigen Versuchen Ruhe und Schlaf zu
finden, was uns zum Theil infolge der äussersten Ermattung des Körpers
gelang.
[Illustration: „NIMM DICH IN ACHT!“