II. S. 259.]

Am 13. zogen wir vom Dorfe Mvumi fort. Es hatte die ganze Nacht

geregnet und hörte auch am Morgen nicht auf. Meilenweit zogen wir über

überschwemmte Felder, bis wir wieder einmal ans Ufer eines Flussarms

kamen, wo derselbe eng und in der Mitte zu tief zum Uebersetzen

war. Wir fingen also an, einen Baum zu fällen, und richteten es

so ein, dass er gerade über den Strom fiel. Ueber diesen gefallenen

Baum bewegten sich unsere Leute langsam mit ihren Ballen und Kisten;

Rodschab aber, ein junger Bursche, nahm, entweder aus Uebereifer

oder aus Tollheit, Livingstone’s Kasten, der seine Briefe und das

Tagebuch enthielt, auf den Kopf und ging damit in den Fluss. Ich kam

als erster am andern Ufer an, um den Uebergang zu überwachen, und

erblickte plötzlich diesen Menschen mit dem kostbarsten Kasten auf dem

Kopf im Flusse gehend. Auf einmal fiel er in ein tiefes Loch und Mann

und Kasten verschwanden mir aus den Augen, sodass ich über das den

Depeschen drohende Schicksal in Verzweiflung gerieth. Zum Glück erholte

er sich wieder und kam herauf, während ich ihm, einen auf seinen Kopf

gezielten geladenen Revolver in der Hand, zuschrie: „Nimm Dich in Acht!

Wenn Du diesen Kasten fallen lässt, so wirst Du sofort erschossen!“

Meine sämmtlichen Leute hielten bei ihrer Arbeit inne und blickten auf

ihren durch die Flut und die Kugel zugleich gefährdeten Kameraden.

Der Mensch selbst schien die Pistole mit dem grössten Schrecken

anzusehen und es gelang ihm nach einigen verzweifelten Anstrengungen,

den Kasten glücklich ans Ufer zu bringen. Da die darin befindlichen

Gegenstände keinen Schaden erlitten hatten, kam Rodschab ohne Strafe

davon, wurde aber gewarnt, unter keinen Umständen den Kasten wieder

anzurühren, welcher dem sicherfüssigen, vorzüglichen Pagazi Maganga zur

Aufbewahrung übergeben wurde.

Von diesem Seitenfluss gelangten wir in etwa einer Stunde an den

Hauptfluss; hier aber genügte uns ein Blick auf seine wilden Wasser.

Wir arbeiteten angestrengt, um eine Fähre zu bauen; nachdem wir aber

vier Bäume abgeschlagen, die grünen Stämme zusammengebunden und dann

in den wirbelnden Strom hinabgestossen hatten, sahen wir sie wie Blei

sinken. Darauf banden wir sämmtliche starke Seile, die wir besassen,

zusammen, machten daraus ein Tau von 180 Fuss Länge, wanden ein

Ende desselben um Tschaupereh’s Körper und schickten ihn hinüber,

um das Tau an einem Baume zu befestigen. Er wurde weit stromabwärts

getrieben, da er aber ein vorzüglicher Schwimmer war, so gelang ihm

der Versuch. Darauf wurden die Ballen, von den Seilen umschnürt, in

den Strom gelassen und durch den Fluss ans andere Ufer gezogen, und

ebenso geschah es mit dem Zelt und denjenigen Dingen, die durch das

Wasser keinen Schaden leiden konnten. Auch wurden mehrere meiner Leute

und ich selbst durch das Wasser gezogen, wobei die besten Schwimmer

auf die Jungen aufpassten. Als die Reihe aber an die Briefkasten und

Werthsachen kam, wussten wir kein Mittel sie herüber zu bekommen. Es

wurde daher auf jeder Seite des Stromes ein Lager aufgeschlagen; das

eine auf einem Ameisenhaufen von erheblicher Höhe auf dem Ufer, das

ich eben verlassen hatte; während meine Leute sich an einem flachen,

schmutzigen Sumpfe niederlassen mussten. Ein fast fusshoher Damm wurde

in einem Kreise von 30 Fuss Durchmesser aufgeworfen, mein Zelt in die

Mitte desselben gestellt und ringsherum Lauben erbaut.

Dies war eine neue, aussergewöhnliche Lage, in der wir uns befanden.

Noch nicht 20 Schritt von unserm Lager schwoll ein Fluss an, der

flache, niedrige Ufer hatte; über uns lagerte ein düsterer Regenhimmel;

um uns zu drei Seiten ein ungeheuerer Wald, auf dessen Zweige wir

beständig den Regen herabprasseln hörten; uns zu Füssen ein grosser,

tiefer, schwarzer, ekelhafter Koth; hierzu kam noch der Gedanke, dass

der Fluss austreten und uns dadurch völlig vernichten könne.

Am Morgen schwoll der Strom noch immer an und ein unvermeidliches

Geschick schien unser zu harren. Noch war es Zeit zu handeln, die

Leute mit den werthvollsten Gegenständen der Expedition herüberkommen

zu lassen; Dr. Livingstone’s Tagebuch und Briefe und meine eigenen

Papiere hielt ich für viel werthvoller als alles andere. Als ich den

schrecklichen Strom ansah, kam mir der Gedanke, dass ich vielleicht

die Kasten dadurch einzeln herüberschaffen könne, dass ich zwei dünne

Stangen schneiden, quer darüber Stöcke binden und dadurch eine Art

Tragbahre herstellen liess, auf der ein Kasten angebunden werden

könne. Zwei hinüberschwimmende Leute, die sich gleichzeitig am Tau

hielten und die Enden der Stangen auf ihren Schultern hätten, mussten

meines Erachtens im Stande sein, einen Kasten von 70 Pfund bequem

hinüberzuschaffen. In kurzer Zeit wurde eine solche Bahre angefertigt

und sechs Paar unserer stärksten Schwimmer wurden angefeuert durch ein

Glas steifen Grog und ein Versprechen von Tuch, das ihnen in Aussicht

stand, falls sie alles unbeschädigt ans Ufer brächten. Als ich sah, wie

leicht sie sich mit der Bahre auf den Schultern hinüberzogen, war ich

erstaunt, dass ich nicht früher auf diesen Plan verfallen war. Eine

Stunde nachdem das erste Paar das Uebersetzen begonnen hatte, befand

sich die ganze Expedition sicher am östlichen Ufer. Sofort brachen wir

unser Lager ab und marschirten nach Norden durch den sumpfigen Wald,

der an einigen Stellen vier Fuss unter Wasser stand. Nachdem wir sieben

Stunden lang beständig im Wasser gewatet und manche eigenthümliche

Unfälle erlebt hatten, kamen wir nach Rehenneko. Jetzt befanden wir uns

am Rande der überschwemmten Ebene des Makata, welche schon im Regen des

vorigen Jahres zu schrecklich gewesen war, als dass man kalten Blutes

daran hätte denken können, sie zu überschreiten.

Zehn Tage lang, bis zum 25., lagerten wir daher auf einem in der Nähe

von Rehenneko belegenen Berge und entschlossen uns erst, als der Regen

vollständig aufgehört hatte, über den Makata zu setzen. Die Tuchballen

waren sämmtlich, mit Ausnahme einer kleinen Anzahl, die ich zu meinem

eigenen Unterhalt zurückbehalten hatte, an die Leute als Geschenke für

ihre Arbeit vertheilt worden.

Wir hätten jedoch eigentlich noch einen Monat länger warten müssen,

denn die Ueberschwemmung hatte sich noch nicht um vier Zoll verringert.

Da wir nun aber einmal bis an den Hals im Wasser wateten, so war

es unnütz zurückzukehren. Auf zwei Märschen von je acht Stunden

arbeiteten wir uns durch Schlamm, Koth, tiefe Pfützen, bis an den Hals

reichendes Wasser und wahre Kothfluten, schwammen über Nullahs, wateten

durch Wasserrinnen und kamen am zweiten Tage gegen Sonnenuntergang

an die Ufer des Makata-Flusses. Diese Nacht werden meine Leute wol

nie vergessen; kein einziger von ihnen war im Stande einzuschlafen,

ehe Mitternacht lange vorüber war, wegen der dichten Schwärme von

Moskitos, welche uns zu verzehren drohten; und als am nächsten Tage

das Marschhorn ertönte, war nicht einer unter ihnen, der nicht willig

gewesen wäre von hier rasch fortzumarschiren.

Um 5 Uhr morgens fingen wir an über den Makata zu setzen; am andern

Ufer aber erstreckte sich sechs Meilen weit ein grosser See, dessen

Wasser langsam zum Wami flössen. Dies war der Zusammenfluss der

Ströme; hier vereinigten sich vier Flüsse zu einem. Die Eingeborenen

von Kigongo warnten uns zwar den Versuch zu machen, da das Wasser uns

über den Kopf reichen werde; ich brauchte aber meinen Leuten nur zu

winken und sie setzten ihren Weg fort. Selbst das Wasser -- wir wurden

geradezu zu Amphibien -- war besser als der furchtbare Schmutz und die

Haufen verwesender Pflanzen, die gegen das Boma des Dorfes getrieben

wurden. Bald waren wir bis an die Schultern im Wasser; dann sank

letzteres wieder bis an die Knie; darauf reichte es uns wiederum bis

an den Hals und wir mussten auf den Zehenspitzen waten und die Kinder

über dem Wasser halten. Es wiederholten sich die Leiden des gestrigen

Tages, bis wir am Rande des Kleinen Makata halten mussten, der in einem

Tempo von acht Knoten in der Stunde daherstürzte. Dieser war aber nur

50 Schritt breit und auf der andern Seite erhob sich ein hohes Ufer

und trockenes Parkland, das sich bis nach Simbo ausdehnte. Es blieb

uns nichts übrig als zu schwimmen; dies ging aber sehr langsam vor

sich, da die Strömung so reissend und stark war. Doch thaten guter,

thatkräftiger Wille, hohe Belohnungen, Geldgeschenke und das lebhafte

Gefühl, dass wir uns der Heimat näherten, Wunder und in einigen Stunden

befanden wir uns am andern Ufer des Makata.

Freudig hoffend zogen wir den trockenen, ebenen Pfad, der jetzt vor uns

lag, von Heldenmuth und Veteranenausdauer beseelt, dahin. In einem Tage

machten wir drei gewöhnliche Märsche ab und kamen lange vor der Nacht

in Simba an.

Am 29. überschritten wir den Ungerengeri. Als wir nach Simbamwenni, der

„Löwenstadt“ von Useguhha, kamen, welche Veränderung erblickten wir da!

Der überflutende Strom hatte die vordere Mauer der stark ummauerten

Stadt vollständig fortgeschwemmt und etwa fünfzig Häuser zerstört.

Die Dorfschaften der Waruguru an den Abhängen der Uruguru-Berge, der

Mkambaku-Bergkette, hatten auch schwer gelitten. Wenn ein Viertel der

Berichte, die uns mitgetheilt wurden, auf Wahrheit beruhte, so mussten

wenigstens auch 100 Menschen umgekommen sein.

Die Sultanin war geflohen und die Veste Kisabengo’s existirte nicht

mehr! Ein tiefer Kanal, den er bei Lebzeiten hatte ausgraben lassen,

um einen Arm des Ungerengeri in die Nähe der Stadt zu leiten, die sein

Stolz war, hatte Simbamwenni zu Grunde gerichtet. Nach der Zerstörung

des Ortes hatte sich der Fluss ein neues Bett ungefähr 300 Meter von

der Stadt gebildet. Was uns am meisten in Erstaunen setzte, waren die

Massen von Trümmern, die überall in Haufen dalagen, und die grosse

Anzahl Bäume, die niedergestreckt waren. Sie schienen sämmtlich in

derselben Richtung zu liegen, als ob ein starker Wind von Südwesten

gekommen wäre. Der Anblick des Ungerengeri-Thals war vollständig

verändert; aus einem Paradiese war es zu einer furchtbaren Wüste

geworden.

Wir setzten unsern Marsch bis nach Ulagalla fort und es wurde uns

bei unserer Weiterreise klar, dass ein ungewöhnlicher Sturm über das

Land hergefahren sei, denn die Bäume lagen an einigen Stellen wie in

Schwaden.

Ein sehr anstrengender langer Marsch brachte uns nach Mussoudi, ans

östliche Ufer des Ungerengeri; doch lange, ehe wir es erreicht hatten,

wussten wir, dass ungeheuer viel Menschenleben und Eigenthum zerstört

worden sei. Man kann sich die Ausdehnung und den Charakter des Unglücks

vorstellen, wenn ich sage, dass nach dem Berichte Mussoudi’s fast

hundert Dorfschaften fortgefegt worden sind.

Der Diwan Mussoudi erzählte, die Einwohner hätten sich wie gewöhnlich

zur Ruhe begeben, wie sie es seit 25 Jahren, wo er sich im Thale

niedergelassen, immer gethan, als sie mitten in der Nacht ein Getöse

wie von vielfachem Donner hörten, das sie aufweckte und ihnen die

Thatsache klar machte, dass der Tod ihnen in Gestalt einer furchtbaren

Wassermasse drohe, welche wie eine Mauer herabstürzte, die höchsten

Bäume mit sich fortriss und mit einem grausen Schlage Dörfer zu

Dutzenden der völligen Zerstörung anheimgab. Das sechs Tage nach dem

Ereigniss sich darbietende Schauspiel, wo der Fluss sich schon in seine

während des Monsun normale Breite und Tiefe zurückgezogen hatte, ist

geradezu furchtbar. Wohin man auch blicken mag findet man etwas, das

auf die Verwüstung, die das Land heimgesucht hat, hinweist. Kornfelder

sind viele Fuss hoch von Sand und Trümmern bedeckt; das Sandbett, das

der Fluss verlassen hat, ist ungefähr eine Meile breit und es stehen

nur noch gegen drei Dörfer von allen, die ich auf der Hinreise nach

Unyanyembé gesehen. Als ich Mussoudi fragte, wohin die Leute gegangen

seien, antwortete er: „Gott hat die meisten derselben zu sich genommen;

einige sind aber nach Udoe gegangen.“ Der schwerste Schlag, der je den

Stamm der Wakami getroffen, rührt allerdings von der Hand Gottes her,

und um die Worte des Diwans zu brauchen: „Gottes Macht ist wunderbar

und wer kann ihm widerstehen?“

Ich kehre wieder zu meinem Tagebuche zurück und mache daraus folgende

Auszüge.

30. April. An Msuwa vorbei reisten wir rasch durch Dschungels, die

uns auf unserm Wege nach Unyanyembé so viel Beschwerden bereitet

hatten. Welch schreckliche, unbeschreibliche, Ekel erregende Düfte

erzeugt doch dieses Dickicht! Es ist so dicht, dass ein Tiger nicht

hindurchkriechen, und so undurchdringlich, dass selbst ein Elefant es

mit ganzer Kraft nicht durchbrechen könnte! Wenn man das hier von uns

eingeathmete Miasma condensiren und in eine Flasche füllen könnte,

welch tödliches, augenblicklich wirkendes, in seinen Eigenschaften

unenträthselbares Gift würde dies sein! Ich glaube, es würde rascher

als Chloroform und tödlicher als Blausäure wirken.

Alle Schrecken finden sich daselbst beisammen: Boas über unsern

Häuptern, Schlangen und Skorpione zu unsern Füssen; Landkrabben,

Schildkröten und Iguanas bewegen sich in unserer Nähe; Malaria steckt

in der Luft, die wir athmen; der Weg ist von „Heisswasser“-Ameisen

heimgesucht, die uns die Beine so zerstechen, dass wir uns wie Tolle

krümmen und tanzen. Trotzdem sind wir so glücklich, unserm Untergange

zu entgehen, und das kann auch noch manchem späteren Reisenden

gelingen. Doch finden sich hier wirklich die zehn Plagen Aegyptens,

durch welche der Reisende Spiessruthen laufen muss:

1. Die Boas.

2. Die rothen oder „Heisswasser“-Ameisen.

3. Skorpione.

4. Die dorn- und speerartigen Cactusarten.

5. Zahlreiche Hindernisse.

6. Schwarzer, knietiefer Schlamm.

7. Ersticken in der Dichtigkeit der Dschungels.

8. Gestank.

9. Dornen auf dem Wege.

10. Miasmen.

1. Mai. Kingaru Hera. Hier hörten wir von einem grossen Sturm, der

in Zanzibar gewüthet und daselbst angeblich alle Häuser und Schiffe

zerstört haben soll; ebenso sollte er in Bagamoyo und Whinde gewüthet

haben. Ich bin jetzt hinreichend mit der Tendenz des Afrikaners

zum Uebertreiben bekannt, aber es mögen auch dort wirklich ernste

Verluste stattgefunden haben, wie sich aus den Wirkungen des Sturmes

im Innern schliessen lässt. Man sagt mir auch, dass sich Weisse in

Bagamoyo befinden, die im Begriff sind ins Innere zu reisen, um

mich aufzusuchen. Ich kann gar nicht begreifen, wer sich nach mir

umsehen sollte. Man muss wol irgendeine dunkle Vorstellung von meiner

Expedition haben, obgleich ich es nicht erklären kann, wie sie davon

etwas erfahren, dass ich jemanden aufgesucht habe, denn ich habe, ehe

ich Unyanyembé erreichte, keiner Seele etwas davon gesagt.

2. Mai. Rosako. Kaum war ich im Dorf angekommen, als die drei Leute,

die ich von Mvumi in Ugogo abgesandt, daselbst eintrafen und mir vom

freigebigen amerikanischen Consul einige Flaschen Champagner, mehrere

Töpfe mit Fruchtsaft und zwei Büchsen bostoner Zwieback mitbrachten.

Nach meinen schrecklichen Erlebnissen im Makata-Thale war mir dies

sehr willkommen. In eine dieser Büchsen hatte der Consul vier

Nummern des „Herald“ sorgfältig eingepackt. Von diesen enthielt eine

meine Correspondenz aus Unyanyembé, in der sich einige merkwürdige

Druckfehler namentlich in Bezug auf die Zahlen und die afrikanischen

Namen befinden. Vermuthlich habe ich infolge meiner Schwäche sehr

schlecht geschrieben. In einer andern Nummer befanden sich mehrere

Auszüge aus verschiedenen Zeitungen, aus denen ich ersah, dass viele

Redacteure die Expedition nach Afrika als eine Fabel ansehen. Leider

ist sie für mich eine schreckliche, ernste Thatsache gewesen, eine

anstrengende, gewissenhaft durchgeführte That, die mit Entbehrungen,

Krankheit, ja fast mit dem Tode verknüpft gewesen. 18 Leute haben

dieses Unternehmen mit dem Leben bezahlt. Auch ist der Tod meiner

beiden weissen Begleiter keine Fabel; diese armen Leute hat ihr

Schicksal in den unwirthlichen Regionen des Innern erreicht.

Einer dieser kritischen Artikel, der aus der Feder eines Redacteurs

in Tennessee stammt, endigt, nachdem er sich humoristisch über die

Expedition ausgelassen, folgendermassen:

„Das Schicksal dieser Expedition steht fest, und wenn Livingstone

nicht selbst in der civilisirten Gesellschaft wieder erscheint, so

brauchen wir nicht darauf zu rechnen, je wieder etwas von diesem

Commissionär des “Herald„ zu hören. Er wird wol in einen zweiten

grossen Makata-Sumpf hineingerathen und den Weg seines unglücklichen

Hundes Omar gehen. Sic semper.“

Während ich in Afrika in einem Auftrage reiste, von dem ich in meiner

Unschuld annahm, dass er sich den meisten Christenleuten empfehlen

müsse, gab es also Menschen, die innig wünschten, dass ich keinen

Erfolg haben möchte. Es ist sonderbar, wie wenig Unterschied zwischen

der Cultur und der Barbarei besteht, welch geringer Unterschied

zwischen manchen Weissen und wilden Negern existirt. Diese letzteren

habe ich, wenn man sie gut behandelt, als freundliche, angenehme Leute

kennen gelernt; die im obigen Auszuge sich darstellende Gesinnung zeigt

mir aber, was ich zu Hause zu erwarten habe. Jedenfalls habe ich das

Lachen auf meiner Seite. Wenn ich nur so lange lebe, um nach Hause zu

kommen, so finde ich vielleicht Gelegenheit, noch mehr zu lachen.

Einer der Briefe, die mir mein Bote aus Zanzibar mitgebracht,

berichtet, dass in Bagamoyo eine Expedition existirt, die sich

„Expedition zur Auffindung und Unterstützung Livingstone’s“ nennt. Was

werden die Führer derselben jetzt thun? Livingstone ist aufgefunden und

hat schon die nöthige Hülfe. Er selbst sagt, er brauche nichts mehr. Es

ist doch ein Unglück, dass sie sich nicht früher aufgemacht haben, dann

könnten sie mit Anstand weiter ziehen und von ihm willkommen geheissen

werden.

4. Mai. Wir sind bei Kingwere’s Fähre angekommen, aber nicht im Stande,

die Aufmerksamkeit des Fährmanns auf uns zu ziehen. Zwischen unserm

Lager und Bagamoyo haben wir eine wenigstens vier engl. Meilen breit

überschwemmte Ebene. Das Uebersetzen unserer Expedition über dieselbe

wird viel Zeit in Anspruch nehmen.

5. Mai. Kingwere, der Besitzer des Canoes, kam ungefähr um 11 Uhr

vormittags aus seinem Dorfe Gongoni vom andern Ufer der Wasserfläche

an. Nach seinen Bewegungen zu schliessen, möchte ich annehmen, dass er

der Nachkomme eines schwarzen Königs Log sei, denn ich habe in keinem

Lande, an keinem Individuum die Eigenthümlichkeiten jener fürstlichen

Persönlichkeit so deutlich erkannt wie an Kingwere. Er brachte zwei

kurze gebrechliche Nachen mit, in denen nur 12 Mann von uns Platz

hatten. Es war 3 Uhr nachmittags, ehe wir im Dorfe Gongoni ankamen.

6. Mai. Nachdem ich Kingwere die Nothwendigkeit, rasch zu handeln,

durch das Versprechen eines goldenen Fünfdollarstücks eingeschärft,

hatte ich die Genugthuung, den letzten Mann um 3½ Uhr nachmittags in

meinem Lager ankommen zu sehen.

Eine Stunde später sind wir auf dem Wege und zwar in einem Schritt, den

ich meine Karavane nie zuvor hatte annehmen sehen. Die Empfindungen

jedes Einzelnen sind ausserordentlich gespannt, was sich durch eine

gewisse Lebhaftigkeit, ja ich möchte sagen ein jähes Ungestüm der

Bewegungen kundthut. Meine Gefühle entsprechen übrigens genau den

ihrigen, und ich bin durchaus nicht zu stolz, die grosse Freude, die

sich meiner bemächtigt hat, einzugestehen. Denn es erfüllt mich mit

Stolz, dass ich die Sache glücklich zu Ende geführt habe; doch bin ich,

ehrlich gesprochen, nicht einmal dadurch so freudig erregt, als durch

die Hoffnung, morgen an einer reichlich mit den guten Dingen dieser

Welt besetzten Tafel zu sitzen. Welche Freude werde ich an Schinken,

Kartoffeln und gutem Brot haben! Ist das nicht ein beklagenswerther

Gemüthszustand? Mein lieber Freund, warten Sie es ab, bis Sie durch

abzehrenden Hunger und grobe, Ekel erregende Nahrung zu einem Skelet

abgemagert sind; bis Sie durch einen Makata-Sumpf gewatet und in

solchem Wasser, wie wir, 525 engl. Meilen marschirt sind; dann werden

auch Sie ordentliche Speisen für etwas Göttliches halten.

Glücklich sind wir, dass wir uns nach Vollendung unserer Expedition,

nach der Plage und Eile des Marsches, nach aller Angst und Qual vor

feindseligen Stämmen, nach dem angreifenden, funfzehn Tage dauernden

Marsche durch wahrhaft stygischen Morast und Koth der friedlichen Ruhe

Beulahs nähern! Können wir es da wol unterlassen, unsere Glückseligkeit

kundzuthun durch Abfeuern von Gewehren, bis unsere Pulverhörner geleert

sind, oder durch Hurrahs auszudrücken, bis wir heiser sind, sowie jedes

direct von der See kommende Menschenkind mit herzlichen, die Seele

erfreuenden „Yambos“ zu begrüssen? Das halten die Wangwana-Soldaten für

unmöglich, und ich sympathisire so sehr mit ihnen, dass ich, ohne sie

zu tadeln, ihre tollsten Streiche gestatte.

Mit Sonnenuntergang kommen wir in die Stadt Bagamoyo. In Beulah hörten

wir die Worte: „Es sind noch mehr Pilger zur Stadt gekommen“; in

Bagamoyo sagte man: „Der Weisse ist zur Stadt gekommen“. Morgen werden

wir nach Zanzibar übersetzen und in die goldene Pforte eingehen; dort

werden wir nichts mehr sehen, riechen oder schmecken, was den Magen

beleidigt!

Der Kirangozi stösst so mächtig ins Horn wie Astolf, während sich

Eingeborene und Araber um uns drängen; und die glänzende Fahne, deren

Sterne über dem Wasser des grossen Sees in Mittel-Afrika geflattert,

die dem durch Unglück in Udschidschi fast aufgeriebenen Livingstone

Hülfe versprochen, kehrt zwar zerfetzt und zerrissen, aber nicht

entehrt ans Meer zurück.

Als wir in die Mitte der Stadt kamen, sah ich auf den Stufen eines

grossen, weissen Hauses einen Weissen in Flanellkleidern und mit einer

der meinigen ähnlichen Kopfbedeckung stehen; er war jung, hatte einen

röthlichen Backenbart, ein leuchtendes, lebendiges, munteres Gesicht

und hielt den Kopf leicht auf eine Seite gebeugt, wodurch er ein

etwas nachdenkliches Aussehen bekam. Da ich mich mit allen Weissen

gewissermassen verwandt fühlte, spazierte ich auf ihn zu. Auch er kam

auf mich zu, schüttelte mir die Hand und hätte mich fast umarmt.

„Wollen Sie nicht eintreten?“ fragte er.

„Besten Dank.“

„Was wollen Sie trinken, Bier, Porter oder Branntwein? Bei Gott, ich

gratulire Ihnen zu Ihren glänzenden Erfolgen“, sagte er mit grosser

Erregung.

Ich erkannte ihn sofort. Es war ein Engländer. Sie haben es an sich, in

dieser Weise aufzutreten; aber in Central-Afrika war es etwas anderes.

(Ein glänzender Erfolg! Ist das wirklich die Ansicht, die man von der

Sache hat? Um so besser. Wie so weiss er aber überhaupt etwas davon?

Ach, ich habe ja ganz vergessen; meine Leute haben, wie ich sehe,

geschwatzt.)

„Schönen Dank! ich nehme alles sehr gern, was Sie mir geben wollen.“

„Junge, bringe rasch Bier her, oder ich werde dir sieben Teufel

ausprügeln“, sagte er in lebhaftem Tone.

Es würde unnütz sein, Einzelheiten der Unterhaltung, die zwischen uns

stattfand, mitzutheilen. Alsbald erzählte er mir mit der ihm eigenen

leichten, lebendigen Weise, wer er sei, wozu er hergekommen, was seine

Hoffnungen, Gedanken und Empfindungen über die verschiedensten Dinge

seien. Es war Lieutenant William Henn von der königlichen Marine,

Anführer der Expedition zur Aufsuchung und Unterstützung Livingstone’s,

welche die Königl. Geographische Gesellschaft im Begriffe war

abzusenden. Der erste Führer derselben bei ihrer Organisation war

Lieutenant Llewellyn S. Dawson, der, sobald er von meinen Leuten

erfuhr, dass ich Livingstone aufgefunden, nach Zanzibar übergesetzt

war und nach einer Besprechung mit Dr. John Kirk seine Stelle

niedergelegt hatte. Er hatte jetzt nichts mehr damit zu thun, sondern

der Oberbefehl war dem Lieutenant Henn zugefallen. Auch ein gewisser

Herr Charles New, ein Missionär aus Mombasah, hatte sich der Expedition

angeschlossen; doch auch dieser war zurückgetreten. Jetzt blieb also

niemand übrig, als Lieutenant Henn und Oswald Livingstone, der zweite

Sohn des Doctors.

„Ist Herr Oswald Livingstone hier?“ fragte ich mit höchstem Erstaunen.

„Ja wohl, er wird sogleich erscheinen.“

„Was wird er jetzt thun?“ fragte ich.

„Ich halte es jetzt für mich nicht der Mühe werth, mich auf die

Expedition zu begeben. Sie haben uns den Wind weggefangen. Da Sie ihm

Hülfe gebracht haben, so hat es, nach meiner Ansicht, eigentlich keinen

Zweck, dass ich hingehe. Was meinen Sie?“

„Das hängt davon ab. Sie kennen die Ihnen ertheilten Befehle am besten.

Wenn Sie nur hergekommen sind, um ihn aufzusuchen und ihm Hülfe

zu bringen, so kann ich Ihnen in Wahrheit sagen, dass das bereits

geschehen ist, und dass er nichts als einige Büchsen eingemachtes

Fleisch und noch ein paar Kleinigkeiten braucht, die Sie wol nicht

haben. Ich habe die Liste davon von ihm selbst geschrieben bei mir.

Jedenfalls muss aber sein Sohn hingehen, und für den kann ich mit

Leichtigkeit Leute zusammenbringen.“

„Gut, wenn er schon Hülfe hat, so ist mein Hingehen zwecklos .... Ich

hatte auf gute Jagd gehofft, von der ich ein grosser Freund bin. Wie

gerne möchte ich einen afrikanischen Elefanten erlegen.“

„Nun, Livingstone bedarf Ihrer nicht. Wie er sagt, hat er hinreichend

viel Vorräthe, um bequem seine Reise zu beendigen; und er muss es doch

am besten wissen. Wenn ihm etwas mangelte, so würde er es in seiner

Liste aufgeführt haben. Eine grössere Fülle würde ihm nur eine Last

sein, denn er könnte nicht Lastträger dafür bekommen. Was haben Sie da?“

„Ach“, sagte er leicht lächelnd, „wir haben ein Magazin voll Tuch und

Perlen, wir haben mehr als 190 Lasten an Vorräthen.“

„190 Lasten!“

„Ja wohl.“

„Wohin wollen Sie denn mit allen diesen Lasten? Es gibt ja an der

ganzen Küste nicht genug Leute, um eine solche Masse zu transportiren.

Denn für 190 Lasten brauchen Sie 250 Träger, da Sie wenigstens 50

Ueberzählige mitnehmen müssten!“

Jetzt trat ein hochaufgeschossener, hagerer junger Mann mit hellem

Teint, blondem Haar, dunklen, glänzenden Augen herein, der mir als

Herr Oswald Livingstone vorgestellt wurde. Es bedurfte kaum der

Einführung, denn in seinen Zügen lag viel, was an seinen Vater

erinnerte. Er sah ruhig und entschlossen aus und in der Art, wie er

mich begrüsste, zeigte sich ein schweigsamer Charakter, woraus ich auf

eine empfängliche Natur schloss, die für die Zukunft Gutes versprach.

Es konnte kaum einen grösseren Contrast geben als zwischen diesen

beiden jungen Leuten. Der Eine flüchtig, geschwätzig, inconsequent,

aufbrausend, von unbezwinglicher Lebenslust überschäumend, von der

Beweglichkeit des Quecksilbers, heiter und jovial; der Andere gesetzt

bis zum Ernst, von gleichmässig ruhigem Betragen, mit entschlossenem,

festem Gesicht, aber aufblitzenden Augen, die einen sonst unbeweglichen

Gesichtsausdruck belebten. Von Beiden würde nach meiner Meinung wol

der letztere der geeignete Führer einer Expedition gewesen sein; doch

wäre Henn, wenn er Ausdauer und zwar nicht blos die zur physischen

Constitution gehörige, sondern den sittlichen Muth besass, mit Ausdauer

und Tapferkeit stets wiederkehrendes Unglück, Fieber, Entbehrungen

und Beschwerden zu ertragen, wegen seines Humors und seiner

übersprudelnden Munterkeit ein wünschenswerther Gefährte gewesen.

Livingstone schien seiner Natur nach im Stande zu sein, die ganze Last

der Verantwortlichkeit zu tragen, wogegen Henn bei seiner natürlichen

Lebendigkeit und impulsivem Wesen noch zu jung für eine solche Aufgabe

zu sein schien, obwol er sich im reifen Mannesalter befand.

„Ich habe soeben dem Lieutenant Henn gesagt, dass, gleichviel ob er

geht oder nicht, Sie Ihren Vater aufsuchen müssen, Herr Livingstone.“

„Gewiss, das will ich.“

„Das ist schön. Ich werde Ihnen Leute und die Vorräthe, deren Ihr Vater

bedarf, besorgen. Meine Leute werden Sie ohne Schwierigkeiten nach

Unyanyembé bringen. Diese kennen den Weg gut und das ist ein grosser

Vortheil; sie verstehen es, mit Negerhäuptlingen zu unterhandeln und

Sie werden sich um ihretwillen nicht den Kopf zu zerbrechen sondern

nur zu marschiren brauchen. Vor allen Dingen ist Eile nöthig. Denn Ihr

Vater wartet auf die Sachen.“

„Ich werde sie schon rasch genug marschiren lassen, wenn es nur darauf

ankommt.“

„Sie werden mit wenig Gepäck landeinwärts ziehen und daher leicht lange

Märsche machen können.“

So war es denn abgemacht. Henn kam zu der definitiven Ansicht, dass, da

der Doctor bereits Hülfe erhalten, er selbst nicht nöthig sei. Ehe er

jedoch förmlich seine Stelle niederlegte, wollte er noch mit Dr. Kirk

Rücksprache nehmen und zu dem Zweck am nächsten Tage mit der Expedition

des „Herald“ nach Zanzibar übersetzen.

Um 2 Uhr morgens legte ich mich in bequemem Bett zum Schlafen

nieder. Gewisse Dinge im Schlafzimmer, wie z. B. Ränzel, Tornister,

Mantelsäcke, Sättel, Gewehrfutterale hatten einen Geruch von Neuheit an

sich. Offenbar fehlte es der neuen Expedition noch an Erfahrung; doch

hätte eine Reise ins Innere bald den Vorrath von überflüssigen Dingen,

mit denen sich jeder Neuling zuerst belastet, verringert.

Ach! wie seufzte ich erleichtert auf, als ich mich auf mein Bett warf

und den Gedanken fasste: „Gott sei Dank, mit dem Marschiren hat es ein

Ende.“

Wie ich Livingstone fand; Zweiter Band · 第 69 / 88 题