Am 13. zogen wir vom Dorfe Mvumi fort. Es hatte die ganze Nacht
geregnet und hörte auch am Morgen nicht auf. Meilenweit zogen wir über
überschwemmte Felder, bis wir wieder einmal ans Ufer eines Flussarms
kamen, wo derselbe eng und in der Mitte zu tief zum Uebersetzen
war. Wir fingen also an, einen Baum zu fällen, und richteten es
so ein, dass er gerade über den Strom fiel. Ueber diesen gefallenen
Baum bewegten sich unsere Leute langsam mit ihren Ballen und Kisten;
Rodschab aber, ein junger Bursche, nahm, entweder aus Uebereifer
oder aus Tollheit, Livingstone’s Kasten, der seine Briefe und das
Tagebuch enthielt, auf den Kopf und ging damit in den Fluss. Ich kam
als erster am andern Ufer an, um den Uebergang zu überwachen, und
erblickte plötzlich diesen Menschen mit dem kostbarsten Kasten auf dem
Kopf im Flusse gehend. Auf einmal fiel er in ein tiefes Loch und Mann
und Kasten verschwanden mir aus den Augen, sodass ich über das den
Depeschen drohende Schicksal in Verzweiflung gerieth. Zum Glück erholte
er sich wieder und kam herauf, während ich ihm, einen auf seinen Kopf
gezielten geladenen Revolver in der Hand, zuschrie: „Nimm Dich in Acht!
Wenn Du diesen Kasten fallen lässt, so wirst Du sofort erschossen!“
Meine sämmtlichen Leute hielten bei ihrer Arbeit inne und blickten auf
ihren durch die Flut und die Kugel zugleich gefährdeten Kameraden.
Der Mensch selbst schien die Pistole mit dem grössten Schrecken
anzusehen und es gelang ihm nach einigen verzweifelten Anstrengungen,
den Kasten glücklich ans Ufer zu bringen. Da die darin befindlichen
Gegenstände keinen Schaden erlitten hatten, kam Rodschab ohne Strafe
davon, wurde aber gewarnt, unter keinen Umständen den Kasten wieder
anzurühren, welcher dem sicherfüssigen, vorzüglichen Pagazi Maganga zur
Aufbewahrung übergeben wurde.
Von diesem Seitenfluss gelangten wir in etwa einer Stunde an den
Hauptfluss; hier aber genügte uns ein Blick auf seine wilden Wasser.
Wir arbeiteten angestrengt, um eine Fähre zu bauen; nachdem wir aber
vier Bäume abgeschlagen, die grünen Stämme zusammengebunden und dann
in den wirbelnden Strom hinabgestossen hatten, sahen wir sie wie Blei
sinken. Darauf banden wir sämmtliche starke Seile, die wir besassen,
zusammen, machten daraus ein Tau von 180 Fuss Länge, wanden ein
Ende desselben um Tschaupereh’s Körper und schickten ihn hinüber,
um das Tau an einem Baume zu befestigen. Er wurde weit stromabwärts
getrieben, da er aber ein vorzüglicher Schwimmer war, so gelang ihm
der Versuch. Darauf wurden die Ballen, von den Seilen umschnürt, in
den Strom gelassen und durch den Fluss ans andere Ufer gezogen, und
ebenso geschah es mit dem Zelt und denjenigen Dingen, die durch das
Wasser keinen Schaden leiden konnten. Auch wurden mehrere meiner Leute
und ich selbst durch das Wasser gezogen, wobei die besten Schwimmer
auf die Jungen aufpassten. Als die Reihe aber an die Briefkasten und
Werthsachen kam, wussten wir kein Mittel sie herüber zu bekommen. Es
wurde daher auf jeder Seite des Stromes ein Lager aufgeschlagen; das
eine auf einem Ameisenhaufen von erheblicher Höhe auf dem Ufer, das
ich eben verlassen hatte; während meine Leute sich an einem flachen,
schmutzigen Sumpfe niederlassen mussten. Ein fast fusshoher Damm wurde
in einem Kreise von 30 Fuss Durchmesser aufgeworfen, mein Zelt in die
Mitte desselben gestellt und ringsherum Lauben erbaut.
Dies war eine neue, aussergewöhnliche Lage, in der wir uns befanden.
Noch nicht 20 Schritt von unserm Lager schwoll ein Fluss an, der
flache, niedrige Ufer hatte; über uns lagerte ein düsterer Regenhimmel;
um uns zu drei Seiten ein ungeheuerer Wald, auf dessen Zweige wir
beständig den Regen herabprasseln hörten; uns zu Füssen ein grosser,
tiefer, schwarzer, ekelhafter Koth; hierzu kam noch der Gedanke, dass
der Fluss austreten und uns dadurch völlig vernichten könne.
Am Morgen schwoll der Strom noch immer an und ein unvermeidliches
Geschick schien unser zu harren. Noch war es Zeit zu handeln, die
Leute mit den werthvollsten Gegenständen der Expedition herüberkommen
zu lassen; Dr. Livingstone’s Tagebuch und Briefe und meine eigenen
Papiere hielt ich für viel werthvoller als alles andere. Als ich den
schrecklichen Strom ansah, kam mir der Gedanke, dass ich vielleicht
die Kasten dadurch einzeln herüberschaffen könne, dass ich zwei dünne
Stangen schneiden, quer darüber Stöcke binden und dadurch eine Art
Tragbahre herstellen liess, auf der ein Kasten angebunden werden
könne. Zwei hinüberschwimmende Leute, die sich gleichzeitig am Tau
hielten und die Enden der Stangen auf ihren Schultern hätten, mussten
meines Erachtens im Stande sein, einen Kasten von 70 Pfund bequem
hinüberzuschaffen. In kurzer Zeit wurde eine solche Bahre angefertigt
und sechs Paar unserer stärksten Schwimmer wurden angefeuert durch ein
Glas steifen Grog und ein Versprechen von Tuch, das ihnen in Aussicht
stand, falls sie alles unbeschädigt ans Ufer brächten. Als ich sah, wie
leicht sie sich mit der Bahre auf den Schultern hinüberzogen, war ich
erstaunt, dass ich nicht früher auf diesen Plan verfallen war. Eine
Stunde nachdem das erste Paar das Uebersetzen begonnen hatte, befand
sich die ganze Expedition sicher am östlichen Ufer. Sofort brachen wir
unser Lager ab und marschirten nach Norden durch den sumpfigen Wald,
der an einigen Stellen vier Fuss unter Wasser stand. Nachdem wir sieben
Stunden lang beständig im Wasser gewatet und manche eigenthümliche
Unfälle erlebt hatten, kamen wir nach Rehenneko. Jetzt befanden wir uns
am Rande der überschwemmten Ebene des Makata, welche schon im Regen des
vorigen Jahres zu schrecklich gewesen war, als dass man kalten Blutes
daran hätte denken können, sie zu überschreiten.
Zehn Tage lang, bis zum 25., lagerten wir daher auf einem in der Nähe
von Rehenneko belegenen Berge und entschlossen uns erst, als der Regen
vollständig aufgehört hatte, über den Makata zu setzen. Die Tuchballen
waren sämmtlich, mit Ausnahme einer kleinen Anzahl, die ich zu meinem
eigenen Unterhalt zurückbehalten hatte, an die Leute als Geschenke für
ihre Arbeit vertheilt worden.
Wir hätten jedoch eigentlich noch einen Monat länger warten müssen,
denn die Ueberschwemmung hatte sich noch nicht um vier Zoll verringert.
Da wir nun aber einmal bis an den Hals im Wasser wateten, so war
es unnütz zurückzukehren. Auf zwei Märschen von je acht Stunden
arbeiteten wir uns durch Schlamm, Koth, tiefe Pfützen, bis an den Hals
reichendes Wasser und wahre Kothfluten, schwammen über Nullahs, wateten
durch Wasserrinnen und kamen am zweiten Tage gegen Sonnenuntergang
an die Ufer des Makata-Flusses. Diese Nacht werden meine Leute wol
nie vergessen; kein einziger von ihnen war im Stande einzuschlafen,
ehe Mitternacht lange vorüber war, wegen der dichten Schwärme von
Moskitos, welche uns zu verzehren drohten; und als am nächsten Tage
das Marschhorn ertönte, war nicht einer unter ihnen, der nicht willig
gewesen wäre von hier rasch fortzumarschiren.
Um 5 Uhr morgens fingen wir an über den Makata zu setzen; am andern
Ufer aber erstreckte sich sechs Meilen weit ein grosser See, dessen
Wasser langsam zum Wami flössen. Dies war der Zusammenfluss der
Ströme; hier vereinigten sich vier Flüsse zu einem. Die Eingeborenen
von Kigongo warnten uns zwar den Versuch zu machen, da das Wasser uns
über den Kopf reichen werde; ich brauchte aber meinen Leuten nur zu
winken und sie setzten ihren Weg fort. Selbst das Wasser -- wir wurden
geradezu zu Amphibien -- war besser als der furchtbare Schmutz und die
Haufen verwesender Pflanzen, die gegen das Boma des Dorfes getrieben
wurden. Bald waren wir bis an die Schultern im Wasser; dann sank
letzteres wieder bis an die Knie; darauf reichte es uns wiederum bis
an den Hals und wir mussten auf den Zehenspitzen waten und die Kinder
über dem Wasser halten. Es wiederholten sich die Leiden des gestrigen
Tages, bis wir am Rande des Kleinen Makata halten mussten, der in einem
Tempo von acht Knoten in der Stunde daherstürzte. Dieser war aber nur
50 Schritt breit und auf der andern Seite erhob sich ein hohes Ufer
und trockenes Parkland, das sich bis nach Simbo ausdehnte. Es blieb
uns nichts übrig als zu schwimmen; dies ging aber sehr langsam vor
sich, da die Strömung so reissend und stark war. Doch thaten guter,
thatkräftiger Wille, hohe Belohnungen, Geldgeschenke und das lebhafte
Gefühl, dass wir uns der Heimat näherten, Wunder und in einigen Stunden
befanden wir uns am andern Ufer des Makata.
Freudig hoffend zogen wir den trockenen, ebenen Pfad, der jetzt vor uns
lag, von Heldenmuth und Veteranenausdauer beseelt, dahin. In einem Tage
machten wir drei gewöhnliche Märsche ab und kamen lange vor der Nacht
in Simba an.
Am 29. überschritten wir den Ungerengeri. Als wir nach Simbamwenni, der
„Löwenstadt“ von Useguhha, kamen, welche Veränderung erblickten wir da!
Der überflutende Strom hatte die vordere Mauer der stark ummauerten
Stadt vollständig fortgeschwemmt und etwa fünfzig Häuser zerstört.
Die Dorfschaften der Waruguru an den Abhängen der Uruguru-Berge, der
Mkambaku-Bergkette, hatten auch schwer gelitten. Wenn ein Viertel der
Berichte, die uns mitgetheilt wurden, auf Wahrheit beruhte, so mussten
wenigstens auch 100 Menschen umgekommen sein.
Die Sultanin war geflohen und die Veste Kisabengo’s existirte nicht
mehr! Ein tiefer Kanal, den er bei Lebzeiten hatte ausgraben lassen,
um einen Arm des Ungerengeri in die Nähe der Stadt zu leiten, die sein
Stolz war, hatte Simbamwenni zu Grunde gerichtet. Nach der Zerstörung
des Ortes hatte sich der Fluss ein neues Bett ungefähr 300 Meter von
der Stadt gebildet. Was uns am meisten in Erstaunen setzte, waren die
Massen von Trümmern, die überall in Haufen dalagen, und die grosse
Anzahl Bäume, die niedergestreckt waren. Sie schienen sämmtlich in
derselben Richtung zu liegen, als ob ein starker Wind von Südwesten
gekommen wäre. Der Anblick des Ungerengeri-Thals war vollständig
verändert; aus einem Paradiese war es zu einer furchtbaren Wüste
geworden.
Wir setzten unsern Marsch bis nach Ulagalla fort und es wurde uns
bei unserer Weiterreise klar, dass ein ungewöhnlicher Sturm über das
Land hergefahren sei, denn die Bäume lagen an einigen Stellen wie in
Schwaden.
Ein sehr anstrengender langer Marsch brachte uns nach Mussoudi, ans
östliche Ufer des Ungerengeri; doch lange, ehe wir es erreicht hatten,
wussten wir, dass ungeheuer viel Menschenleben und Eigenthum zerstört
worden sei. Man kann sich die Ausdehnung und den Charakter des Unglücks
vorstellen, wenn ich sage, dass nach dem Berichte Mussoudi’s fast
hundert Dorfschaften fortgefegt worden sind.
Der Diwan Mussoudi erzählte, die Einwohner hätten sich wie gewöhnlich
zur Ruhe begeben, wie sie es seit 25 Jahren, wo er sich im Thale
niedergelassen, immer gethan, als sie mitten in der Nacht ein Getöse
wie von vielfachem Donner hörten, das sie aufweckte und ihnen die
Thatsache klar machte, dass der Tod ihnen in Gestalt einer furchtbaren
Wassermasse drohe, welche wie eine Mauer herabstürzte, die höchsten
Bäume mit sich fortriss und mit einem grausen Schlage Dörfer zu
Dutzenden der völligen Zerstörung anheimgab. Das sechs Tage nach dem
Ereigniss sich darbietende Schauspiel, wo der Fluss sich schon in seine
während des Monsun normale Breite und Tiefe zurückgezogen hatte, ist
geradezu furchtbar. Wohin man auch blicken mag findet man etwas, das
auf die Verwüstung, die das Land heimgesucht hat, hinweist. Kornfelder
sind viele Fuss hoch von Sand und Trümmern bedeckt; das Sandbett, das
der Fluss verlassen hat, ist ungefähr eine Meile breit und es stehen
nur noch gegen drei Dörfer von allen, die ich auf der Hinreise nach
Unyanyembé gesehen. Als ich Mussoudi fragte, wohin die Leute gegangen
seien, antwortete er: „Gott hat die meisten derselben zu sich genommen;
einige sind aber nach Udoe gegangen.“ Der schwerste Schlag, der je den
Stamm der Wakami getroffen, rührt allerdings von der Hand Gottes her,
und um die Worte des Diwans zu brauchen: „Gottes Macht ist wunderbar
und wer kann ihm widerstehen?“
Ich kehre wieder zu meinem Tagebuche zurück und mache daraus folgende
Auszüge.
30. April. An Msuwa vorbei reisten wir rasch durch Dschungels, die
uns auf unserm Wege nach Unyanyembé so viel Beschwerden bereitet
hatten. Welch schreckliche, unbeschreibliche, Ekel erregende Düfte
erzeugt doch dieses Dickicht! Es ist so dicht, dass ein Tiger nicht
hindurchkriechen, und so undurchdringlich, dass selbst ein Elefant es
mit ganzer Kraft nicht durchbrechen könnte! Wenn man das hier von uns
eingeathmete Miasma condensiren und in eine Flasche füllen könnte,
welch tödliches, augenblicklich wirkendes, in seinen Eigenschaften
unenträthselbares Gift würde dies sein! Ich glaube, es würde rascher
als Chloroform und tödlicher als Blausäure wirken.
Alle Schrecken finden sich daselbst beisammen: Boas über unsern
Häuptern, Schlangen und Skorpione zu unsern Füssen; Landkrabben,
Schildkröten und Iguanas bewegen sich in unserer Nähe; Malaria steckt
in der Luft, die wir athmen; der Weg ist von „Heisswasser“-Ameisen
heimgesucht, die uns die Beine so zerstechen, dass wir uns wie Tolle
krümmen und tanzen. Trotzdem sind wir so glücklich, unserm Untergange
zu entgehen, und das kann auch noch manchem späteren Reisenden
gelingen. Doch finden sich hier wirklich die zehn Plagen Aegyptens,
durch welche der Reisende Spiessruthen laufen muss:
1. Die Boas.
2. Die rothen oder „Heisswasser“-Ameisen.
3. Skorpione.
4. Die dorn- und speerartigen Cactusarten.
5. Zahlreiche Hindernisse.
6. Schwarzer, knietiefer Schlamm.
7. Ersticken in der Dichtigkeit der Dschungels.
8. Gestank.
9. Dornen auf dem Wege.
10. Miasmen.
1. Mai. Kingaru Hera. Hier hörten wir von einem grossen Sturm, der
in Zanzibar gewüthet und daselbst angeblich alle Häuser und Schiffe
zerstört haben soll; ebenso sollte er in Bagamoyo und Whinde gewüthet
haben. Ich bin jetzt hinreichend mit der Tendenz des Afrikaners
zum Uebertreiben bekannt, aber es mögen auch dort wirklich ernste
Verluste stattgefunden haben, wie sich aus den Wirkungen des Sturmes
im Innern schliessen lässt. Man sagt mir auch, dass sich Weisse in
Bagamoyo befinden, die im Begriff sind ins Innere zu reisen, um
mich aufzusuchen. Ich kann gar nicht begreifen, wer sich nach mir
umsehen sollte. Man muss wol irgendeine dunkle Vorstellung von meiner
Expedition haben, obgleich ich es nicht erklären kann, wie sie davon
etwas erfahren, dass ich jemanden aufgesucht habe, denn ich habe, ehe
ich Unyanyembé erreichte, keiner Seele etwas davon gesagt.
2. Mai. Rosako. Kaum war ich im Dorf angekommen, als die drei Leute,
die ich von Mvumi in Ugogo abgesandt, daselbst eintrafen und mir vom
freigebigen amerikanischen Consul einige Flaschen Champagner, mehrere
Töpfe mit Fruchtsaft und zwei Büchsen bostoner Zwieback mitbrachten.
Nach meinen schrecklichen Erlebnissen im Makata-Thale war mir dies
sehr willkommen. In eine dieser Büchsen hatte der Consul vier
Nummern des „Herald“ sorgfältig eingepackt. Von diesen enthielt eine
meine Correspondenz aus Unyanyembé, in der sich einige merkwürdige
Druckfehler namentlich in Bezug auf die Zahlen und die afrikanischen
Namen befinden. Vermuthlich habe ich infolge meiner Schwäche sehr
schlecht geschrieben. In einer andern Nummer befanden sich mehrere
Auszüge aus verschiedenen Zeitungen, aus denen ich ersah, dass viele
Redacteure die Expedition nach Afrika als eine Fabel ansehen. Leider
ist sie für mich eine schreckliche, ernste Thatsache gewesen, eine
anstrengende, gewissenhaft durchgeführte That, die mit Entbehrungen,
Krankheit, ja fast mit dem Tode verknüpft gewesen. 18 Leute haben
dieses Unternehmen mit dem Leben bezahlt. Auch ist der Tod meiner
beiden weissen Begleiter keine Fabel; diese armen Leute hat ihr
Schicksal in den unwirthlichen Regionen des Innern erreicht.
Einer dieser kritischen Artikel, der aus der Feder eines Redacteurs
in Tennessee stammt, endigt, nachdem er sich humoristisch über die
Expedition ausgelassen, folgendermassen:
„Das Schicksal dieser Expedition steht fest, und wenn Livingstone
nicht selbst in der civilisirten Gesellschaft wieder erscheint, so
brauchen wir nicht darauf zu rechnen, je wieder etwas von diesem
Commissionär des “Herald„ zu hören. Er wird wol in einen zweiten
grossen Makata-Sumpf hineingerathen und den Weg seines unglücklichen
Hundes Omar gehen. Sic semper.“
Während ich in Afrika in einem Auftrage reiste, von dem ich in meiner
Unschuld annahm, dass er sich den meisten Christenleuten empfehlen
müsse, gab es also Menschen, die innig wünschten, dass ich keinen
Erfolg haben möchte. Es ist sonderbar, wie wenig Unterschied zwischen
der Cultur und der Barbarei besteht, welch geringer Unterschied
zwischen manchen Weissen und wilden Negern existirt. Diese letzteren
habe ich, wenn man sie gut behandelt, als freundliche, angenehme Leute
kennen gelernt; die im obigen Auszuge sich darstellende Gesinnung zeigt
mir aber, was ich zu Hause zu erwarten habe. Jedenfalls habe ich das
Lachen auf meiner Seite. Wenn ich nur so lange lebe, um nach Hause zu
kommen, so finde ich vielleicht Gelegenheit, noch mehr zu lachen.
Einer der Briefe, die mir mein Bote aus Zanzibar mitgebracht,
berichtet, dass in Bagamoyo eine Expedition existirt, die sich
„Expedition zur Auffindung und Unterstützung Livingstone’s“ nennt. Was
werden die Führer derselben jetzt thun? Livingstone ist aufgefunden und
hat schon die nöthige Hülfe. Er selbst sagt, er brauche nichts mehr. Es
ist doch ein Unglück, dass sie sich nicht früher aufgemacht haben, dann
könnten sie mit Anstand weiter ziehen und von ihm willkommen geheissen
werden.
4. Mai. Wir sind bei Kingwere’s Fähre angekommen, aber nicht im Stande,
die Aufmerksamkeit des Fährmanns auf uns zu ziehen. Zwischen unserm
Lager und Bagamoyo haben wir eine wenigstens vier engl. Meilen breit
überschwemmte Ebene. Das Uebersetzen unserer Expedition über dieselbe
wird viel Zeit in Anspruch nehmen.
5. Mai. Kingwere, der Besitzer des Canoes, kam ungefähr um 11 Uhr
vormittags aus seinem Dorfe Gongoni vom andern Ufer der Wasserfläche
an. Nach seinen Bewegungen zu schliessen, möchte ich annehmen, dass er
der Nachkomme eines schwarzen Königs Log sei, denn ich habe in keinem
Lande, an keinem Individuum die Eigenthümlichkeiten jener fürstlichen
Persönlichkeit so deutlich erkannt wie an Kingwere. Er brachte zwei
kurze gebrechliche Nachen mit, in denen nur 12 Mann von uns Platz
hatten. Es war 3 Uhr nachmittags, ehe wir im Dorfe Gongoni ankamen.
6. Mai. Nachdem ich Kingwere die Nothwendigkeit, rasch zu handeln,
durch das Versprechen eines goldenen Fünfdollarstücks eingeschärft,
hatte ich die Genugthuung, den letzten Mann um 3½ Uhr nachmittags in
meinem Lager ankommen zu sehen.
Eine Stunde später sind wir auf dem Wege und zwar in einem Schritt, den
ich meine Karavane nie zuvor hatte annehmen sehen. Die Empfindungen
jedes Einzelnen sind ausserordentlich gespannt, was sich durch eine
gewisse Lebhaftigkeit, ja ich möchte sagen ein jähes Ungestüm der
Bewegungen kundthut. Meine Gefühle entsprechen übrigens genau den
ihrigen, und ich bin durchaus nicht zu stolz, die grosse Freude, die
sich meiner bemächtigt hat, einzugestehen. Denn es erfüllt mich mit
Stolz, dass ich die Sache glücklich zu Ende geführt habe; doch bin ich,
ehrlich gesprochen, nicht einmal dadurch so freudig erregt, als durch
die Hoffnung, morgen an einer reichlich mit den guten Dingen dieser
Welt besetzten Tafel zu sitzen. Welche Freude werde ich an Schinken,
Kartoffeln und gutem Brot haben! Ist das nicht ein beklagenswerther
Gemüthszustand? Mein lieber Freund, warten Sie es ab, bis Sie durch
abzehrenden Hunger und grobe, Ekel erregende Nahrung zu einem Skelet
abgemagert sind; bis Sie durch einen Makata-Sumpf gewatet und in
solchem Wasser, wie wir, 525 engl. Meilen marschirt sind; dann werden
auch Sie ordentliche Speisen für etwas Göttliches halten.
Glücklich sind wir, dass wir uns nach Vollendung unserer Expedition,
nach der Plage und Eile des Marsches, nach aller Angst und Qual vor
feindseligen Stämmen, nach dem angreifenden, funfzehn Tage dauernden
Marsche durch wahrhaft stygischen Morast und Koth der friedlichen Ruhe
Beulahs nähern! Können wir es da wol unterlassen, unsere Glückseligkeit
kundzuthun durch Abfeuern von Gewehren, bis unsere Pulverhörner geleert
sind, oder durch Hurrahs auszudrücken, bis wir heiser sind, sowie jedes
direct von der See kommende Menschenkind mit herzlichen, die Seele
erfreuenden „Yambos“ zu begrüssen? Das halten die Wangwana-Soldaten für
unmöglich, und ich sympathisire so sehr mit ihnen, dass ich, ohne sie
zu tadeln, ihre tollsten Streiche gestatte.
Mit Sonnenuntergang kommen wir in die Stadt Bagamoyo. In Beulah hörten
wir die Worte: „Es sind noch mehr Pilger zur Stadt gekommen“; in
Bagamoyo sagte man: „Der Weisse ist zur Stadt gekommen“. Morgen werden
wir nach Zanzibar übersetzen und in die goldene Pforte eingehen; dort
werden wir nichts mehr sehen, riechen oder schmecken, was den Magen
beleidigt!
Der Kirangozi stösst so mächtig ins Horn wie Astolf, während sich
Eingeborene und Araber um uns drängen; und die glänzende Fahne, deren
Sterne über dem Wasser des grossen Sees in Mittel-Afrika geflattert,
die dem durch Unglück in Udschidschi fast aufgeriebenen Livingstone
Hülfe versprochen, kehrt zwar zerfetzt und zerrissen, aber nicht
entehrt ans Meer zurück.
Als wir in die Mitte der Stadt kamen, sah ich auf den Stufen eines
grossen, weissen Hauses einen Weissen in Flanellkleidern und mit einer
der meinigen ähnlichen Kopfbedeckung stehen; er war jung, hatte einen
röthlichen Backenbart, ein leuchtendes, lebendiges, munteres Gesicht
und hielt den Kopf leicht auf eine Seite gebeugt, wodurch er ein
etwas nachdenkliches Aussehen bekam. Da ich mich mit allen Weissen
gewissermassen verwandt fühlte, spazierte ich auf ihn zu. Auch er kam
auf mich zu, schüttelte mir die Hand und hätte mich fast umarmt.
„Wollen Sie nicht eintreten?“ fragte er.
„Besten Dank.“
„Was wollen Sie trinken, Bier, Porter oder Branntwein? Bei Gott, ich
gratulire Ihnen zu Ihren glänzenden Erfolgen“, sagte er mit grosser
Erregung.
Ich erkannte ihn sofort. Es war ein Engländer. Sie haben es an sich, in
dieser Weise aufzutreten; aber in Central-Afrika war es etwas anderes.
(Ein glänzender Erfolg! Ist das wirklich die Ansicht, die man von der
Sache hat? Um so besser. Wie so weiss er aber überhaupt etwas davon?
Ach, ich habe ja ganz vergessen; meine Leute haben, wie ich sehe,
geschwatzt.)
„Schönen Dank! ich nehme alles sehr gern, was Sie mir geben wollen.“
„Junge, bringe rasch Bier her, oder ich werde dir sieben Teufel
ausprügeln“, sagte er in lebhaftem Tone.
Es würde unnütz sein, Einzelheiten der Unterhaltung, die zwischen uns
stattfand, mitzutheilen. Alsbald erzählte er mir mit der ihm eigenen
leichten, lebendigen Weise, wer er sei, wozu er hergekommen, was seine
Hoffnungen, Gedanken und Empfindungen über die verschiedensten Dinge
seien. Es war Lieutenant William Henn von der königlichen Marine,
Anführer der Expedition zur Aufsuchung und Unterstützung Livingstone’s,
welche die Königl. Geographische Gesellschaft im Begriffe war
abzusenden. Der erste Führer derselben bei ihrer Organisation war
Lieutenant Llewellyn S. Dawson, der, sobald er von meinen Leuten
erfuhr, dass ich Livingstone aufgefunden, nach Zanzibar übergesetzt
war und nach einer Besprechung mit Dr. John Kirk seine Stelle
niedergelegt hatte. Er hatte jetzt nichts mehr damit zu thun, sondern
der Oberbefehl war dem Lieutenant Henn zugefallen. Auch ein gewisser
Herr Charles New, ein Missionär aus Mombasah, hatte sich der Expedition
angeschlossen; doch auch dieser war zurückgetreten. Jetzt blieb also
niemand übrig, als Lieutenant Henn und Oswald Livingstone, der zweite
Sohn des Doctors.
„Ist Herr Oswald Livingstone hier?“ fragte ich mit höchstem Erstaunen.
„Ja wohl, er wird sogleich erscheinen.“
„Was wird er jetzt thun?“ fragte ich.
„Ich halte es jetzt für mich nicht der Mühe werth, mich auf die
Expedition zu begeben. Sie haben uns den Wind weggefangen. Da Sie ihm
Hülfe gebracht haben, so hat es, nach meiner Ansicht, eigentlich keinen
Zweck, dass ich hingehe. Was meinen Sie?“
„Das hängt davon ab. Sie kennen die Ihnen ertheilten Befehle am besten.
Wenn Sie nur hergekommen sind, um ihn aufzusuchen und ihm Hülfe
zu bringen, so kann ich Ihnen in Wahrheit sagen, dass das bereits
geschehen ist, und dass er nichts als einige Büchsen eingemachtes
Fleisch und noch ein paar Kleinigkeiten braucht, die Sie wol nicht
haben. Ich habe die Liste davon von ihm selbst geschrieben bei mir.
Jedenfalls muss aber sein Sohn hingehen, und für den kann ich mit
Leichtigkeit Leute zusammenbringen.“
„Gut, wenn er schon Hülfe hat, so ist mein Hingehen zwecklos .... Ich
hatte auf gute Jagd gehofft, von der ich ein grosser Freund bin. Wie
gerne möchte ich einen afrikanischen Elefanten erlegen.“
„Nun, Livingstone bedarf Ihrer nicht. Wie er sagt, hat er hinreichend
viel Vorräthe, um bequem seine Reise zu beendigen; und er muss es doch
am besten wissen. Wenn ihm etwas mangelte, so würde er es in seiner
Liste aufgeführt haben. Eine grössere Fülle würde ihm nur eine Last
sein, denn er könnte nicht Lastträger dafür bekommen. Was haben Sie da?“
„Ach“, sagte er leicht lächelnd, „wir haben ein Magazin voll Tuch und
Perlen, wir haben mehr als 190 Lasten an Vorräthen.“
„190 Lasten!“
„Ja wohl.“
„Wohin wollen Sie denn mit allen diesen Lasten? Es gibt ja an der
ganzen Küste nicht genug Leute, um eine solche Masse zu transportiren.
Denn für 190 Lasten brauchen Sie 250 Träger, da Sie wenigstens 50
Ueberzählige mitnehmen müssten!“
Jetzt trat ein hochaufgeschossener, hagerer junger Mann mit hellem
Teint, blondem Haar, dunklen, glänzenden Augen herein, der mir als
Herr Oswald Livingstone vorgestellt wurde. Es bedurfte kaum der
Einführung, denn in seinen Zügen lag viel, was an seinen Vater
erinnerte. Er sah ruhig und entschlossen aus und in der Art, wie er
mich begrüsste, zeigte sich ein schweigsamer Charakter, woraus ich auf
eine empfängliche Natur schloss, die für die Zukunft Gutes versprach.
Es konnte kaum einen grösseren Contrast geben als zwischen diesen
beiden jungen Leuten. Der Eine flüchtig, geschwätzig, inconsequent,
aufbrausend, von unbezwinglicher Lebenslust überschäumend, von der
Beweglichkeit des Quecksilbers, heiter und jovial; der Andere gesetzt
bis zum Ernst, von gleichmässig ruhigem Betragen, mit entschlossenem,
festem Gesicht, aber aufblitzenden Augen, die einen sonst unbeweglichen
Gesichtsausdruck belebten. Von Beiden würde nach meiner Meinung wol
der letztere der geeignete Führer einer Expedition gewesen sein; doch
wäre Henn, wenn er Ausdauer und zwar nicht blos die zur physischen
Constitution gehörige, sondern den sittlichen Muth besass, mit Ausdauer
und Tapferkeit stets wiederkehrendes Unglück, Fieber, Entbehrungen
und Beschwerden zu ertragen, wegen seines Humors und seiner
übersprudelnden Munterkeit ein wünschenswerther Gefährte gewesen.
Livingstone schien seiner Natur nach im Stande zu sein, die ganze Last
der Verantwortlichkeit zu tragen, wogegen Henn bei seiner natürlichen
Lebendigkeit und impulsivem Wesen noch zu jung für eine solche Aufgabe
zu sein schien, obwol er sich im reifen Mannesalter befand.
„Ich habe soeben dem Lieutenant Henn gesagt, dass, gleichviel ob er
geht oder nicht, Sie Ihren Vater aufsuchen müssen, Herr Livingstone.“
„Gewiss, das will ich.“
„Das ist schön. Ich werde Ihnen Leute und die Vorräthe, deren Ihr Vater
bedarf, besorgen. Meine Leute werden Sie ohne Schwierigkeiten nach
Unyanyembé bringen. Diese kennen den Weg gut und das ist ein grosser
Vortheil; sie verstehen es, mit Negerhäuptlingen zu unterhandeln und
Sie werden sich um ihretwillen nicht den Kopf zu zerbrechen sondern
nur zu marschiren brauchen. Vor allen Dingen ist Eile nöthig. Denn Ihr
Vater wartet auf die Sachen.“
„Ich werde sie schon rasch genug marschiren lassen, wenn es nur darauf
ankommt.“
„Sie werden mit wenig Gepäck landeinwärts ziehen und daher leicht lange
Märsche machen können.“
So war es denn abgemacht. Henn kam zu der definitiven Ansicht, dass, da
der Doctor bereits Hülfe erhalten, er selbst nicht nöthig sei. Ehe er
jedoch förmlich seine Stelle niederlegte, wollte er noch mit Dr. Kirk
Rücksprache nehmen und zu dem Zweck am nächsten Tage mit der Expedition
des „Herald“ nach Zanzibar übersetzen.
Um 2 Uhr morgens legte ich mich in bequemem Bett zum Schlafen
nieder. Gewisse Dinge im Schlafzimmer, wie z. B. Ränzel, Tornister,
Mantelsäcke, Sättel, Gewehrfutterale hatten einen Geruch von Neuheit an
sich. Offenbar fehlte es der neuen Expedition noch an Erfahrung; doch
hätte eine Reise ins Innere bald den Vorrath von überflüssigen Dingen,
mit denen sich jeder Neuling zuerst belastet, verringert.
Ach! wie seufzte ich erleichtert auf, als ich mich auf mein Bett warf
und den Gedanken fasste: „Gott sei Dank, mit dem Marschiren hat es ein
Ende.“