II. S. 202.]

Um einen afrikanischen Elefanten zu tödten, dazu gehört ein sehr

gutes gezogenes Gewehr. Ich glaube, dass ein Kaliber Nr. 8, mit einer

Fraser’schen Kugel geladen und in die Schläfe geschossen, jedesmal

einen Elefanten zu Fall bringen würde. Faulkner erzählt zwar einige

sonderbare Geschichten, wie er auf einen Elefanten zugetreten sei und

ihn durch eine in die Stirn gejagte Kugel sofort getödtet habe. Die

Erzählung ist jedoch so unglaublich, dass ich sie lieber nicht glaube;

namentlich da er hinzufügt, der Abdruck der Mündung seines Gewehrs

habe sich am Rumpfe des Elefanten vorgefunden. Afrikanische Reisende,

namentlich Jagdfreunde, lieben es oft zu sehr, Dinge zu erzählen, die

für gewöhnliche Menschen ans Unglaubliche streifen. Solche Geschichten

muss man wegen des Amüsements, die sie heimischen Lesern gewähren, cum

grano salis aufnehmen. Wenn ich je in Zukunft von jemandem höre, dass

er auf 500 Meter Entfernung einer Antilope das Rückgrat gebrochen, so

werde ich annehmen, es sei durch einen Schreib- oder Druckfehler eine

Null zuviel hinzugekommen, denn das ist eine in einem afrikanischen

Walde fast unmögliche Heldenthat. Vielleicht kann es einmal vorkommen,

aber gewiss nicht zweimal nacheinander. Denn eine Antilope gibt bei

einer Entfernung von 500 Meter eine sehr kleine Zielscheibe ab; und es

gehören derartige Geschichten durch göttliches Recht dem Jäger an, der

Afrika nur um der Jagd willen durchzieht. An der Küste von Zanzibar

habe ich junge Officiere getroffen, wenig über zwanzig Jahr alt, die

mit erstaunlicher Zungenfertigkeit von ihren fürchterlichen Abenteuern

mit Elefanten, Leoparden, Löwen und sonstigen Thieren zu erzählen

wussten. So oft sie nur auf ein im Flusse befindliches Flusspferd

geschossen, hatten sie es erlegt; wenn sie einer Antilope begegnet

waren, war es bestimmt ein Löwe gewesen und sie hatten ihn sofort

hingestreckt; wenn sie einen Elefanten in einem zoologischen Garten

erblickten, war es bestimmt derjenige, den sie in Afrika gesehen und

ohne Mühe eingefangen hatten: „Ich habe noch jetzt die Hauer zu Hause

und kann sie Ihnen, wenn Sie wollen, eines Tages zeigen.“ Bei manchen

Leuten ist es eine Krankheit, eine wirkliche Manie, dass sie nie im

Stande sind, die positive, buchstäbliche Wahrheit zu erzählen. Das

Reisen in Afrika ist an sich schon hinlänglich gefährlich, ohne dass

man es noch zu übertreiben braucht. Fast alle Leute, welche sich bei

der abessinischen Expedition befanden, werden sich des wunderlichen

Majors erinnern, der seine furchtbaren, ausserordentlich schrecklichen

Geschichten massenhaft zu erzählen pflegte. Eines Tages beschenkte

ich diesen Herrn mit einer mir von Satanta, dem Häuptling der Kiowas,

in der Nähe von Medicine Lodge zu Kansas, geschenkten Büffelhaut.

Doch schon am nächsten Tage hörte ich, dass er den Büffel auf einer

amerikanischen Prairie mit einer Pistolenkugel erschossen habe. Dies

ist nur ein Beispiel der Phantasiestückchen, welche viele Reisende zu

erzählen lieben. Viele Leute haben eine Neigung zur Uebertreibung. Die

Jäger von Süd- und Nordafrika sind berühmt wegen ihrer zahlreichen

Jagdanekdoten, von denen ich meine, dass sie einfache Flunkereien sind.

Am 13. setzten wir unsern Marsch über verschiedene Bergrücken

fort, und bei unserm Auf- und Absteigen erblickten wir nie vorher

erforschte Berge und Thäler. Nach Norden zu stürzten sich vom Regen

angeschwollene Bäche und erstreckten sich grossartige Urwälder, in

deren Dämmerschatten ein Weisser früher nie gewandert war.

Am 14. sahen wir dieselben Landschaften, nämlich eine ununterbrochene

Reihe sich dem Längengrade nach hinziehender Bergrücken, die

miteinander und dem Tanganika-See parallel laufen. Nach Osten fallen

diese Berge in steilen Abhängen und Terrassen nach tiefen Thälern zu

ab, wogegen sie nach Westen zu allmählichere Abhänge bilden. Dies sind

die besondern Charakterzüge von Ukawendi, der östlichen Wasserscheide

des Tanganika.

An diesem Tage trafen wir in einem der Thäler mit einer Colonie Affen

mit röthlichem Barte zusammen, deren Geheul an den Felsen widerhallte,

als sie die Karavane erblickten. Es war mir unmöglich, mich ihnen

zu nähern, denn sie kletterten an den Bäumen empor, kreischten mir

drohend entgegen und sprangen dann rasch weiter, wenn ich mich noch

mehr näherte. Beinahe hätten sie mich dazu gebracht, sie zu verfolgen,

wenn mir nicht plötzlich eingefallen wäre, dass meine Abwesenheit die

Expedition aufhielt.

Etwa um Mittag sahen wir unsern Magdala, den grossen sich thürmenden

Berg, dessen steile, düster aussehende Masse unsere Blicke auf sich

gezogen hatte, als er sich auf unserer eiligen Reise längs des

grossen Kammes des Rusawa, dem Krokodilflusse zu, in seiner ganzen

Grossartigkeit über die Ebene erhob. Die frühere mystische Schönheit

der umliegenden, baumbekleideten Ebene erkannten wir wieder. Damals

war sie ausgebleicht und von einem leichten Nebel lieblich bedeckt,

jetzt hingegen mit lebhaftem Grün geschmückt. Alle Pflanzen, Kräuter

und Bäume sprossten nach dem Regen in üppiger Lebenskraft. Flüsse, die

in jenen heissen Sommertagen gar nicht vorhanden waren, stürzten sich

jetzt schäumend zwischen dicken Gürteln mächtiger Bäume und tosend

in die Waldthäler hinab. Wir passirten viele solcher Bäche, die alle

Zuflüsse des Rugufu sind.

Schönes, bezauberndes Ukawendi! Womit soll ich die Lieblichkeit deiner

hehren, wilden, freien, üppigen Natur vergleichen? Gibt es etwas

Gleiches in Europa? Habe ich etwas Aehnliches in Asien, etwa in Indien

gesehen? Ja, vielleicht in Mingrelien und Imeritien. Denn dort gibt

es schäumende Flüsse, malerische Hügel, kühne Berge, emporstrebende

Gebirge, weite Wälder mit herrlichen, hohen Baumreihen, reinen, geraden

Stämmen, durch welche man lange Strecken hinabsehen kann wie hier.

Nur dass man in Ukawendi fast die Vegetation wachsen sehen kann. So

fruchtbar ist die Erde, die Natur so gütig, dass man sich, selbst ohne

die Absicht sich hier niederzulassen oder den Wunsch, die verderbliche

Atmosphäre länger als absolut nothwendig ist einzuathmen, unmerklich zu

ihr hingezogen fühlt, wenn man an die Möglichkeit denkt, dass das unter

dieser glänzenden, fesselnden Schönheit des Landes sich verbergende

Verderben durch ein Culturvolk sich entfernen und die ganze Gegend sich

ebenso gesund als fruchtbar machen liesse. Selbst als ich unter dem

Druck der schrecklichen Krankheit dahinwankte; als sich mein Gemüth

immer mehr und mehr verbitterte, mein Gehirn mitunter durch die stets

wiederkehrenden Fieberanfälle afficirt wurde; als ich wusste, wie

die aus eben dieser Schönheit entspringende Malaria mir langsam die

Constitution untergrub und hinterlistig die Kräfte des Geistes und

Körpers vernichtete, betrachtete ich das lockende Antlitz des Landes

mit bethörter Liebe und fühlte eine gewisse Traurigkeit mich an jedem

Tage beschleichen, der mich davon trennte, ja war fast geneigt, mit

dem Schicksal zu hadern, das mich gewaltsam aus Ukawendi zu entfernen

schien.

Am neunten Tage unseres Marsches von den Ufern des Tanganika erblickten

wir unsern „Berg Magdala“, der sich wie eine dunkle Wolke im Nordosten

erhob, wodurch mir klar wurde, dass wir uns Imrera näherten und dass

unser Icarus-Vorsatz, die unbewohnten Dschungels von Ukawendi zu

durchziehen, bald von Erfolg gekrönt sein werde. Gegen den Rathschlag

aller Führer und die Vorschläge der ermüdeten und verhungerten Leute

unserer Expedition hatte ich darauf bestanden, mich nur vom Kompass

und meiner Karte leiten zu lassen. Zwar setzten die Führer alles daran,

mich zu bewegen, meine Route zu verändern und nach Südwest zu ziehen,

was mich, wenn ich darauf gehört hätte, unzweifelhaft ins südwestliche

Ukonongo oder nordwestliche Ufipa gebracht haben würde. Traurig

fragten mich die alten erfahrenen Soldaten, ob ich sie denn durchaus

verhungern lassen wolle, da der Weg, den ich hätte einschlagen sollen,

nach Nordosten läge. Ich zog es aber vor, mein Vertrauen auf den

Kompass zu setzen. Zwar schien keine Sonne, als wir durch den Urwald,

durch Dschungels, über Bäche und steile Bergrücken und in tiefe Thäler

hinabzogen, sondern ein dicker Nebel bedeckte die Waldung; häufig

prasselte der Regen auf uns herab, und das Firmament bestand aus einem

undurchdringlichen grauen Dunst; aber der Doctor setzte vollständiges

Zutrauen in mich, und ich blieb meinem Vorsatze treu.

Sobald wir an unserm Lager angekommen waren, zerstreuten sich meine

Leute im Walde, um Nahrung zu suchen. Dicht dabei fanden sie einen Hain

von Singwebäumen. Auch genügten die zahlreichen in der Nähe wachsenden

Pilze, den nagenden Hunger meiner Leute zu stillen. Wäre es nicht

heftiges Regenwetter gewesen, so hätte ich Wildpret fürs Lager schaffen

können; doch hinderten mich die Ermattung und das schwächende Fieber

ganz und gar daran, aus dem Lager zu gehen, wenn wir einmal halt

gemacht hatten. Die Jäger wurden durch die in unserer Nachbarschaft

befindlichen zahlreichen Löwen, deren schreckliches Gebrüll Tag und

Nacht gehört wurde, so in Schrecken gesetzt, dass sie trotz der

Belohnung von 5 Doti, welche ich auf jedes erlegte Thier ausgesetzt, es

nicht wagten, in die finstern Waldwiesen oder schrecklichen Holzgehege

ausserhalb des freundlich geschützten Lagers zu dringen.

Am Morgen des zehnten Tages versicherte ich meinen Leuten, dass wir

uns ganz in der Nähe von Nahrungsmitteln befänden, ermunterte die

Liebenswürdigsten unter ihnen durch dies Versprechen reichlicher

Nahrung und drohte den Widerspenstigeren mit bösen Schlägen, falls sie

meine Geduld zu sehr auf die Probe stellten. Dann zog ich Ost zu Nord

durch den Wald, und die fast erschöpfte Expedition schleppte sich mit

Mühe hinter mir her. Es war wirklich eine verzweifelte Lage, und ich

bedauerte die armen Leute viel mehr als sie selbst es thaten. Obwol

ich in ihrer Gegenwart aufbrauste, wenn sie sich niederlegen und nicht

weiter ziehen wollten, war doch niemand weiter als ich davon entfernt,

ihnen etwas zu thun. Denn ich war zu stolz auf sie; aber unter den

Umständen wäre es gefährlich, ja sogar selbstmörderisch gewesen, einen

Zweifel an der Richtigkeit des Weges zur Schau zu tragen. Die einfache

Thatsache, dass ich meinen Weg nach des Doctors kleinem, köstlichen

Rathgeber, dem Kompass, fortsetzte, übte einen grossen moralischen

Einfluss auf sie aus, und obwol sie klagend und mit hagern Gesichtern

protestirten, folgten sie doch meinen Fusstapfen mit einer geradezu

rührenden Vertrauensseligkeit.

Viele Meilen lang schritten wir so über glattes, etwas abwärts

geneigtes Rasenland, mit einem Blick in Wald und Parkschönheiten

zur Rechten und Linken und vor uns, wie man sie selten sieht. In

einem Tempo, das bald den Hauptkörper der Expedition weit hinter mir

liess, ging ich voran mit einigen tapfern Burschen, die trotz ihrer

schweren Last gleichen Schritt mit mir hielten. Nach einigen Stunden

schritten wir den leichten, bequemen Abhang eines Bergrückens hinauf,

der in wenigen Minuten die Wahrheit oder Ungenauigkeit meiner Karte

feststellen sollte. Als wir an den östlichen Rand des Bergrückens

kamen, erkannten wir in einer Entfernung von etwa fünf Meilen und 1000

Fuss unter dem Hochplateau, auf dem wir standen, das Thal von Imrera!

Zu Mittag befanden wir uns in unserm alten Lager. Die Eingeborenen

sammelten sich um uns und brachten uns Vorräthe an Nahrungsmitteln

sowie ihre Glückwünsche dazu dar, dass wir gut aus Udschidschi

zurückgekommen seien. Es dauerte aber lange, ehe das letzte Mitglied

der Expedition ankam. Die Füsse des Doctors waren nämlich sehr wund

und bluteten infolge des mühsamen Marsches. Seine Schuhe waren so

abgetragen, und er hatte dieselben so zerschnitten und mit einem Messer

bearbeitet, um seinen mit Blasen bedeckten Füssen Erleichterung zu

verschaffen, dass keiner von meinen Leuten sie als Geschenk angenommen

haben würde, wenn er auch noch so sehr erpicht darauf gewesen wäre,

seine Füsse nach Art der Wasungu zu bekleiden.

Der Führer Asmani war sehr erstaunt, als er sah, dass der kleine

Kompass den Weg besser kenne als er, und erklärte es feierlichst als

seine Ueberzeugung, jener könne nicht lügen. Sein Ruf litt sehr, weil

das kleine Ding ihm die Palme streitig gemacht hatte, und nach diesem

Vorfalle wurde seine gerühmte Kenntniss des Landes erheblich in Zweifel

gezogen.

Nachdem wir einen Tag halt gemacht, um uns zu erholen, setzten wir

unsern Weg am 18. Januar 1872 nach Unyanyembé fort. Einige Meilen

hinter Imrera verlor Asmani wieder den Weg, und ich war genöthigt,

ihm denselben zu zeigen, wodurch ich mir abermals Ehre und Vertrauen

als Führer erwarb. Auch meine Schuhe waren sehr schlecht geworden und

es war schwer zu entscheiden, ob die des Doctors oder die meinigen

schlechter waren. Ueber das Aeussere des Landes war eine grosse

Veränderung gekommen, seit ich durch dasselbe gen Norden nach

Udschidschi gezogen war. Der wilde Wein hing jetzt in Trauben am

Wege; die Kornähren waren hinreichend vorgeschritten, um zur Nahrung

gepflückt und geröstet zu werden; die verschiedenen Pflanzen liessen

ihre Blüten fallen und die dichten Wälder und Gräser des Landes waren

grüner als je.

Am 19. kamen wir in Mpokwa’s verlassenem Dorfe an. Die Füsse des

Doctors waren durch den Marsch sehr wund gerieben. Er war den ganzen

Weg von Urimba zu Fuss gegangen, obgleich er einen Esel besass, während

ich, zu meiner Schande sei es gesagt, hin und wieder geritten war, um

mit meinen Kräften haushälterisch umzugehen, damit ich im Stande sei,

nach unserer Ankunft im Lager zu jagen.

Zu unserm Gebrauch wurden zwei Hütten geräumt; als wir es uns aber

gerade bequem machten, entdeckten unsere scharfäugigen Burschen mehrere

Heerden von Jagdthieren in der westlich von Mpokwa gelegenen Ebene.

Rasch verzehrte ich einen Bissen Kornbrot und Kaffee und eilte mit

Bilali als Flintenträger und Livingstone’s berühmter Reilly-Flinte

nebst den nöthigen Kugeln davon. Ich stürzte mich durch einen tiefen

Bach, wurde abermals nass, bahnte mir den Weg durch ein dichtes

Farrnkraut und kam schliesslich an einem dünnen Waldgürtel an, durch

den ich gezwungen war zu kriechen. In 1½ Stunde befand ich mich bei

einer Gruppe von Zebras, die sich 130 Meter entfernt spielend unter

dem Schatten eines grossen Baumes herum bissen. Als ich mich plötzlich

erhob, zog ich ihre Aufmerksamkeit auf mich, aber das treue alte Gewehr

war schon an meiner Schulter und piff! paff! gingen beide Läufe los,

und zwei herrliche Zebras, ein Männchen und ein Weibchen, fielen todt

unter den Baum, unter dem sie gestanden hatten. Nach einigen Sekunden

war ihnen der Hals durchschnitten; ich gab das Zeichen, dass ich Glück

gehabt hätte, und bald war ich von einem Dutzend meiner Leute umringt,

welche ihre Freude an den Tag legten durch reichliche Complimente, die

sie meiner Flinte, aber nicht mir spendeten. Als ich mit dem Fleisch

ins Lager zurückkam, empfing ich die Glückwünsche des Doctors, die ich

viel höher schätzte, da er von einer langen Erfahrung her wusste, was

Schiessen heisst.

Als die essbaren Theile der beiden Zebras an die Wage gehängt wurden,

fanden wir nach des Doctors Aufzeichnungen, dass wir 719 Pfund gutes

Fleisch besassen, was unter 44 Leute vertheilt für jeden etwas über

16 Pfund ausmachte. Bombay war besonders glücklich, da er einen

Traum gehabt, worin ich eine Hauptrolle gespielt und nach rechts und

links Thiere erschossen hatte; als er mich nun mit dem wundervollen

Reilly-Gewehr abziehen gesehen, hatte er meinen Erfolg durchaus nicht

bezweifelt und daher seine Leute bereit gehalten, um mir zu folgen,

sobald sie meine Flintenschüsse hören würden.

Das Nachstehende entnehme ich meinem Tagebuche:

20. Januar 1872. Heute machten wir halt. Als ich auf die Jagd ging,

sah ich eine Heerde von elf Giraffen. Nach Ueberschreitung des

Mpokwa-Baches gelang es mir, mich einer derselben auf 140 Meter zu

nähern, von wo ich auf sie losfeuerte. Sie wurde zwar verwundet,

doch gelang es mir nicht, sie zum Fall zu bringen, obgleich ich sehr

wünschte, ein Fell zu besitzen.

Am Nachmittag ging ich nach der Ostseite vom Dorfe und stiess auf eine

Heerde von sechs Giraffen. Ich verwundete abermals eine, doch kam sie

trotz meiner Anstrengung davon.

Was für merkwürdige Thiere sind es doch! Wie schön sind ihre grossen,

hellen Augen! Ich hätte einen Eid darauf leisten können, dass

beide Schüsse gut getroffen hätten; die Thiere gingen aber mit so

majestätischen Bewegungen ab, wie ein Klipper, der sich umwendet.

Wenn sie laufen, haben sie einen ungeschickten Gang, der etwas den

Verzerrungen einer indischen Nautch oder thebanischen Tänzerin ähnelt,

und in einer träumerisch wogenden Bewegung besteht, an welcher sich

selbst ihr Schwanz mit dem langen Büschel schwarzer Haare betheiligt.

Livingstone, welcher es wohl verstand, einen eifrigen, aber getäuschten

Jäger zu trösten, schrieb meinen Mangel an Erfolg dem Umstand zu,

dass ich blos mit Bleikugeln geschossen hätte, welche zu weich wären,

um durch das dicke Fell der Giraffen zu dringen, und rieth mir,

meine Zinkfeldflaschen zu zerschmelzen und die Kugeln dadurch härter

zu machen. Es war nicht das erste mal, dass ich Ursache hatte, den

Doctor als Reisegefährten zu bewundern. Niemand verstand es so gut

wie er, jedermann im Unglück zu trösten oder das Selbstbewusstsein

zu stärken. Wenn ich ein Zebra getödtet, so war sein Freund Oswell,

der südafrikanische Jäger und er selbst lange überzeugt gewesen, dass

Zebrafleisch das schönste in ganz Afrika sei. Wenn ich eine Büffelkuh

erlegt, so war sie bestimmt die beste ihrer Art und ihre Hörner werth,

als Muster nach Hause transportirt zu werden, und wie fett war sie!

Wenn ich ohne Beute nach Hause kam, so war entweder das Wild sehr scheu

oder die Leute hatten zuviel Lärm gemacht und es erschreckt. Niemand

könne doch bereits in Unruhe versetzte Thiere stellen. Er war wirklich

ein sehr rücksichtsvoller Gefährte, und da ich wusste, dass er in Allem

wahr sei, so war ich auf sein Lob, wenn ich Glück hatte, stolz und

leicht getröstet, wenn ich nichts erreicht hatte.

Der alte Pagazi Ibrahim, der in Ukawendi durch das Zerbrechen seines

alten Kibugu so sehr betrübt worden war, hatte vor unserer Abreise von

Udschidschi sein Tuch in einem Sklaven aus Manyuema angelegt, der den

Namen „Ulimengo“ trug, was die „Welt“ bedeutet. Als wir uns Mpokwa

näherten, lief Ulimengo davon mit der ganzen, aus einigen Tuchen und

einem Beutel voll Salz bestehenden Habe seines Herrn, die dieser nach

Unyanyembé zum Verhandeln mitgenommen. Ibrahim war untröstlich und

jammerte in so kläglicher Weise, dass die Leute, statt Mitleid mit

ihm zu fühlen, ihn auslachten. Ich fragte ihn, warum er sich so einen

Sklaven gekauft und demselben, als er bei ihm gewesen, nicht ordentlich

zu essen gegeben habe. Trotzig erwiderte er darauf: „War er etwa nicht

mein Sklave? War etwa das Tuch, mit dem ich ihn kaufte, nicht das

meinige? Wenn das Tuch mir gehörte, konnte ich nicht damit kaufen, was

ich wollte? Warum sprecht Ihr so mit mir?“

An diesem Abend wurde aber Ibrahim’s Herz durch Ulimengo’s Heimkehr mit

dem Salz und Tuch erfreut, und der einäugige Greis tanzte in seiner

Herzensfreude und kam rasch zu mir gelaufen, um mir die frohe Botschaft

zu bringen. „Sieh da, die “Welt„ ist zurückgekommen. Wahrhaftig! Mein

Salz und mein Tuch sind auch da. Wirklich!“ Ich sagte ihm, dass er gut

daran thun werde, ihm zukünftig ordentlich zu essen zu geben, da die

Sklaven ebenso gut wie ihre Herren des Essens bedürften.

Von 10 Uhr abends bis Mitternacht war Livingstone damit beschäftigt,

den Stern Canopus zu beobachten und dadurch festzustellen, dass Mpokwa,

im District von Utanda, in Ukonongo auf 6° 18′ 40″ südl. Br. liegt.

Als ich diese Lage mit der auf meiner Karte durch einen Ueberschlag

festgestellten verglich, ergab sich eine Differenz von drei Meilen,

denn ich hatte den Ort auf 6° 15′ südl. Br. verzeichnet.

Am nächsten Tage machten wir halt. Livingstone’s Füsse waren so

entzündet und wund, dass er keine Schuhe anziehen konnte. Auch meine

Hacken waren wund und thörichterweise schnitt ich grosse Kreise aus

meinen Schuhen heraus, um im Stande zu sein, umherzugehen.

Nachdem ich meine Zinkfeldflaschen in Kugeln verwandelt und mich mit

einem Schlächter und Flintenträger versehen hatte, begab ich mich,

mit der löblichen Absicht etwas zu schiessen, in das liebliche, ebene

Parkland westlich vom Bache Mpokwa. In der Ebene sah ich nichts, ging

also über einen Bergrücken und kam in ein breites, von hohem Grase

und vereinzelten Hyphaenepalmen und Mimosen bedecktes Becken. Hier

bemerkte ich eine Gruppe Giraffen, die Zweige der Mimosen benagend, und

machte mich daran, sie im Grase zu stellen, indem ich von den hohen,

grasbewachsenen Ameisenhügeln Vortheil zog, um mich den vorsichtigen

Thieren nähern zu können, ehe ihre grossen Augen mich entdeckten.

Ich kam ihnen mit Hülfe dieser sonderbaren Erhebungen auf 170 Meter

nahe, weiter aber konnte man nicht kriechen, ohne von ihnen gesehen zu

werden, so dünn und kurz war das Gras. Ich holte tief Athem, wischte

mir die schweisstriefende Stirn ab und setzte mich auf einen Augenblick

hin. Auch meine schwarzen Gehülfen waren von der Anstrengung und den

grossen Erwartungen, die durch die Nähe der edeln Thiere erweckt

wurden, ebenso athemlos wie ich. Ich spielte mit meiner schweren

Reilly-Flinte, untersuchte meine Patronen, erhob mich und wandte mich

dann mit bereit gehaltenem Gewehr. Ich zielte gut, lange und fest,

senkte dann das Gewehr etwas, um die Visire einzustellen, hob es noch

einmal und liess es wieder sinken. Eine Giraffe hatte den Leib halb zu

mir gewandt; wiederholt hob ich das Gewehr, zielte noch einmal rasch

auf die Herzgegend des Thieres und schoss ab. Es wankte, taumelte,

machte noch einen kurzen Galopp, aber das Blut stürzte in dickem Strom

aus der Wunde und ehe die Giraffe 200 Schritt zurückgelegt hatte konnte

sie nicht weiter, sondern hatte die Ohren zurückgezogen und liess mich

ganz herankommen. In der Entfernung von 20 Schritt jagte ich ihr noch

eine Zinkkugel durch den Kopf, worauf sie sofort todt niederstürzte.

„Allah ho akhbar!“ schrie Khamisi, mein Schlächter, inbrünstig. „Das

ist Fleisch, Herr!“

Ich war eigentlich betrübt, als ich das edle Thier vor mir hingestreckt

liegen sah. Wenn ich ihm das Leben hätte wiedergeben können, ich

glaube, ich hätte es gethan. Ich hielt es für sehr schade, dass

so herrliche Thiere, die für den Dienst des Menschen in Afrika so

geeignet wären, nicht zu etwas anderm als blos zur Nahrung verwandt

werden könnten. Pferde, Maulesel und Esel sterben in diesen ungesunden

Gegenden; welch ein Segen würde es aber für Afrika sein, wenn sich

Giraffen und Zebras zum Nutzen der Forscher und Handelsleute zähmen

liessen. Auf einem Zebra könnte man von Bagamoyo aus Udschidschi in

einem Monat erreichen, während ich mehr als sieben Monate zu dieser

Reise gebraucht habe!

Die todte Giraffe mass 16 Fuss 9 Zoll von dem rechten Vorderhufe bis

zur Spitze des Kopfes und war eine der grössten, obwol man schon Thiere

von 17 Fuss Höhe gesehen hat. Sie war mit grossen schwarzen, fast

runden Flecken besät.

Ich liess Khamisi bei dem todten Thiere, während ich ins Lager eilte,

um Leute zu schicken, die es zerschneiden und das Fleisch in das Dorf

bringen könnten. Khamisi aber kletterte aus Furcht vor den Löwen auf

einen Baum und die Geier setzten sich auf das Thier, sodass als meine

Leute dort ankamen, die Augen, die Zunge und ein grosses Stück des

Hintertheils schon verzehrt waren. Was übrig blieb zeigte auf der

Wagschale folgendes Gewicht:

Ein Hinterbein 134 Pfd.

Das andere 136 „

Ein Vorderbein 160 „

Das andere 160 „

Die Rippen 158 „

Der Hals 74 „

Der Rumpf 87 „

Die Brust 46 „

Die Leber 20 „

Die Lungen 12 „

Das Herz 6 „

--------------------------------------------

Gesammtgewicht der essbaren Theile: 993 Pfd.

Haut und Kopf 181 Pfd.

An den drei folgenden Tagen litt ich an einem schweren Fieberanfall und

musste im Bett liegen bleiben. Ich wandte meine gewöhnlichen Heilmittel

dagegen an, Coloquinten und Chinin. Die Erfahrung hat mich aber

gelehrt, dass ein übermässiger Gebrauch eines und desselben starken

Abführmittels die Wirkung desselben schwächt und dass es daher für

Reisende gut ist, verschiedene Laxantien mitzunehmen, um gehörig auf

die Leber wirken zu können, wie z. B. Coloquinten, Calomel, Jalapenharz

und Bittersalz, und dass man Chinin nicht eher nehmen sollte, bis ein

Abführmittel den Organismus darauf vorbereitet hat.

Das Fieberrecept Livingstone’s besteht aus drei Gran Jalapenharz,

zwei Gran Calomel und soviel Cardamom-Tinctur, wie nöthig ist,

um die Reizung des Magens zu verhindern; daraus wird eine Pille

gemacht, die sofort zu nehmen ist, wenn man bedeutende Mattigkeit

und Niedergeschlagenheit, die sichern Vorläufer des afrikanischen

Fiebertypus, empfindet. Ein bis zwei Stunden später sollte man eine

Tasse Kaffee ohne Zucker und Milch zu sich nehmen, damit die Wirkung

um so rascher eintritt. Livingstone meint auch, dass das Chinin zu

gleicher Zeit mit dieser Pille genommen werden solle; dagegen hat mir

die Erfahrung, die zwar im Vergleich zu der seinigen wenig Bedeutung

hat, bewiesen, dass Chinin erst nach der Wirkung des Abführmittels

nützt. Mein Magen konnte z. B. Chinin nie vertragen, wenn nicht ein

Abführmittel vorhergegangen war. Ein wohlbekannter Missionär in

Konstantinopel empfiehlt Reisenden drei Gran Brechweinstein, damit der

Magen von Galle befreit werde; aber der verehrte Pastor vergisst dabei,

dass noch andere Organe, als der Magen in dieser Krankheit leiden,

und wenn auch in einigen Fällen ein leichter Anfall durch dieses

Mittel glücklich beseitigt worden sein mag, so ist es doch ein viel zu

heftiges für einen durch das afrikanische Klima geschwächten Menschen.

Ich habe mich drei- oder viermal genau nach dieser Methode behandelt,

ich kann sie aber mit gutem Gewissen nicht empfehlen. Gegen Urticaria

kann ich zwar drei Gran Brechweinstein empfehlen, doch würde eine

Magenpumpe denselben Zweck ebenso gut erreichen.

Am 27. gingen wir nach Misonghi ab. Ungefähr auf der Mitte des Wegs

sah ich den Führer der Expedition laufen und sein schnelles Forteilen

schien sich bald allen ihm Folgenden mitzutheilen, bis auch mein Esel

anfing, mit den Hacken um sich zu schlagen. Im nächsten Augenblick

wurde ich die Ursache dieser Aufregung gewahr, als eine Wolke wilder

Bienen mir um den Kopf schwirrte, von denen sich drei oder vier auf

mein Gesicht setzten und mich schrecklich zerstachen. Wir liefen wie

die Wahnsinnigen ungefähr eine halbe Meile weit, wobei wir uns fast

ebenso aufführten wie die armen zerstochenen Thiere.

Da dies ein ungewöhnlich langer Marsch war, so hegte ich Zweifel, ob

der Doctor ihn aushalten könne, da seine Füsse so wund waren. Ich

beschloss daher, ihm Leute mit der Kitanda entgegenzuschicken. Der

tapfere alte Held wollte aber durchaus nicht getragen werden und legte

den ganzen Weg bis zum Lager, einen Marsch von 18 Meilen, zu Fuss

zurück. Er war am Kopf und im Gesicht furchtbar zerstochen; die Bienen

hatten sich in Menge in seinem Haar festgesetzt; nachdem er aber eine

Tasse warmen Thee und etwas Nahrung zu sich genommen, war er so munter,

als ob er noch keine Meile gereist sei.

In Mrera, in Central-Ukonongo, hielten wir einen Tag, um Korn zu mahlen

und die Vorräthe zu kaufen, die wir während unseres Durchzugs durch die

zwischen Mrera und Manyara liegende Wildniss brauchten.

Am 31. Januar trafen wir in Mwaru, beim Sultan Kamirambo, eine von

einem Sklaven des Sayd bin Habib geführte Karavane, die uns in unserm,

in einem dichten Gestrüpp verborgenen Lager besuchte. Nachdem er sich

gesetzt und Kaffee getrunken, fragte ich ihn:

„Was für Nachrichten, mein Freund, bringst Du uns aus Unyanyembé?“

„Meine Nachrichten sind gut, Herr.“

„Wie steht es mit dem Kriege?“

„Ja! wo ist Mirambo? Er isst jetzt sogar Felle. Er ist ausgehungert.

Mein Herr, Sayd bin Habib, ist im Besitz von Kirira. Die Araber donnern

an den Thoren von Wilyankuru. Sayd bin Madschid, der in zwanzig Tagen

von Udschidschi nach Usagozi gekommen ist, hat den König Moto (Feuer)

gefangen genommen und erschlagen. Simba von Kasera hat die Waffen zur

Vertheidigung seines Vaters Mkasiwa von Unyanyembé ergriffen. Der

Häuptling von Ugunda hat 500 Mann ins Feld geschickt. Ach, ach, wo ist

jetzt Mirambo? In einem Monat wird er durch Hunger zu Grunde gegangen

sein.“

„Wirklich bedeutende und gute Nachrichten, mein Freund.“

„Ja wohl -- im Namen Gottes.“

„Und wohin ziehst Du mit Deiner Karavane?“

„Sayd, der Sohn Madschid’s, der aus Udschidschi kam, hat uns von dem

Wege erzählt, den der Weisse eingeschlagen hat, und gesagt, er sei

glücklich in Udschidschi angekommen und befände sich jetzt auf dem

Rückwege nach Unyanyembé. Da haben wir denn geglaubt, dass, wenn der

Weisse den Weg gehen könne, wir es auch könnten. Und siehe da, die

Araber ziehen jetzt zu hunderten auf dem Wege des Weissen, um in

Udschidschi Elfenbein einzuhandeln.“

„Ich bin dieser Weisse.“

„Sie?“

„Ja wohl.“

„Nun, man hat uns ja gesagt, Sie seien todt und hätten mit den Wazavira

gekämpft.“

„Ach, mein Freund, das sind die Worte von Ndschara, dem Sohne von

Khamis. Sieh mal her (auf Livingstone zeigend), dies ist der Weisse,

mein Vater[8], den ich in Udschidschi besucht habe. Er geht mit mir

nach Unyanyembé, um sein Tuch in Empfang zu nehmen, worauf er wieder an

die grossen Wasser zurückkehren wird.“

„Wunderbar! Du redest die Wahrheit.“

„Was kannst Du mir vom Weissen in Unyanyembé sagen?“

„Von welchem Weissen?“

„Dem Weissen, den ich im Hause von Sayd, dem Sohne Salim’s -- in meinem

Hause -- in Kwihara zurückgelassen habe.“

„Er ist todt.“

„Todt?“

„Wirklich.“

„Das kann doch gar nicht der Fall sein.“

„Ja, er ist wirklich todt.“

„Seit wie lange?“

„Seit vielen Monaten.“

„Woran ist er gestorben?“

„Am Homa (Fieber).“

„Sind noch mehr von meinen Leuten gestorben?“

„Das weiss ich nicht.“

„Genug.“ Ich sah den Doctor an und dieser sagte:

„Das habe ich Ihnen ja gesagt; als Sie ihn mir als einen Trunkenbold

schilderten wusste ich, dass er nicht am Leben bleiben könne.

Gewohnheitssäufer bleiben hier zu Lande ebenso wenig am Leben, wie

Leute, die andern Lastern ergeben sind. Ich schreibe den Todesfall, der

in meiner Expedition auf dem Zambezi vorkam, ganz derselben Ursache zu.“

„Ach, Herr Doctor, da sind nun zwei von uns todt. Ich werde der dritte

sein, wenn dieses Fieber lange dauert.“

„O nein, keineswegs. Wenn Sie am Fieber sterben sollten, so wären Sie

in Udschidschi gestorben, als Sie den schweren Anfall von remittirendem

Fieber hatten. Denken Sie doch nicht daran. Ihr Fieber kommt jetzt

nur vom Nasswerden her. Ich selbst reise nie während der nassen

Jahreszeit. Diesmal habe ich es nur gethan, weil ich so besorgt war und

Sie nicht in Udschidschi aufhalten wollte.“

„Ja, es gibt doch nichts schöneres, als einen guten Freund hier zu

Lande bei sich zu haben, durch den man ermuthigt und aufrecht erhalten

wird. Armer Shaw! Er war zwar ein schlechter Mensch, aber trotzdem

dauert er mich sehr. Wie oft habe ich es versucht, ihn aufzuheitern; es

fehlte ihm aber an Energie und die letzten Worte, die ich vor unserer

Trennung zu ihm sprach, waren: «Denken Sie daran, dass Sie sterben

werden, wenn Sie nach Unyanyembé zurückkehren.»“

Vom Führer der Karavane des Sayd bin Habib erhielten wir auch die

Nachricht, dass mehrere Packete Briefe und Zeitungen und Kisten durch

meine Boten und Araber für mich aus Zanzibar angekommen seien, und dass

Selim, der Sohn Scheikh Haschid’s aus Zanzibar, unter den neuerdings

in Unyanyembé Angekommenen sich befinde. Livingstone erinnerte mich in

seiner grossen Gutmüthigkeit auch daran, dass er nach seinen Berichten

einen Vorrath von Fruchtsäften und Schiffszwieback, Suppen, Fischen,

eingemachtem Schinken und Käse in Unyanyembé liegen habe und dass er

sich freuen werde, diese Leckerbissen mit mir zu theilen. Das munterte

mich sehr auf und während der verschiedenen Fieberanfälle, die ich

in dieser Zeit erlitt, liebte es meine Einbildungskraft, bei den

Genüssen von Unyanyembé zu verweilen. Ich stellte es mir vor, wie ich

die Schinken und Zwiebäcke und Fruchtsäfte wie ein Toller verzehren

werde. Ich lebte von diesen rasenden Phantasien, mein armes, geplagtes

Gehirn schwärmte für so einfache Dinge, wie Weizenbrot und Butter,

Schinken, Speckseiten, Caviar, und ich hätte keinen Preis für dieselben

für zu hoch gehalten. Ich war so weit von Europa und Amerika entfernt

und doch war es mir eine Freude während dieses schweren Zustandes

der Niedergeschlagenheit, in den ich durch immer wiederkehrende

Fieberanfälle gerathen war, bei diesen Dingen zu verweilen. Ich

wunderte mich, wie Leute, die derartige Genüsse zur Verfügung hätten,

überhaupt krank und des Lebens überdrüssig werden könnten und meinte,

ich würde im Stande sein, selbst sterbend aufzuspringen und einen

tollen Fandango zu tanzen, wenn ein Weizenbrot und ein schönes

Stückchen frischer Butter mir vorgesetzt würden.

Zwar fehlten uns diese eben aufgezählten Leckerbissen, aber wir

besassen dafür eingesalzene Giraffen- und gepökelte Zebrazungen;

wir hatten von Halimah selbst verfertigtes Ugali, süsse Kartoffeln,

Thee, Kaffee und heisse Pfannkuchen; alles dessen war ich aber nun

überdrüssig. Mein geschwächter, von Arzneimitteln wie Ipecacuanha,

Coloquinten, Brechweinstein, Chinin und ähnlichen Dingen angegriffener

und gereizter Magen verweigerte diese grobe Nahrung. In Verzweiflung

rief meine Seele aus: „Hätte ich nur ein Weizenbrot! 500 Dollars für

einen Laib Brot!“

Der Doctor ass, trotz des unaufhörlichen Regens, Thaus und Nebels,

der Marschanstrengungen und seiner wunden Füsse wie ein Held und ich

fasste daher den ernsten Entschluss, es ihm in männlicher Weise in der

ausdauernden Aufmerksamkeit, die er dem Wohle seiner Verdauungskraft

widmete, nachzuthun; aber es mislang mir vollständig.

Dr. Livingstone besitzt alle Gaben eines Reisenden. Seine Kenntniss

von allem, was Afrika betrifft, von Felsen, Bäumen, Früchten und

deren Eigenschaften, ist sehr gross. Auch steckt er voll weiser

Ansichten über ethnologische Dinge. Er ist mit der Kunst ein Lager

aufzuschlagen und mit allen dazu gehörigen Kniffen vertraut. Sein Bett

ist so angenehm wie eine Federmatraze; jeden Abend wird dies unter

eigener Oberaufsicht zurechtgemacht. Erst lässt er sich dazu zwei

gerade Stangen von 3–4 Zoll im Durchmesser schneiden; diese werden

parallel nebeneinander in einer Entfernung von 2 Fuss gelegt, quer

darüber einige kurze, 3 Fuss lange Stöcke, Schösslinge von Bäumen, und

über diese ein hoher Haufen Gras. Dann kommt ein Stück wasserdichtes

Segeltuch und wollene Decken, und so wird ein Lager hergestellt, das

für einen König gut genug wäre.

Auf Livingstone’s Anrathen kaufte ich Milchziegen, durch welche wir

seit unserm Abgang aus Udschidschi dreimal täglich mit frischer Milch

zum Thee und Kaffee versorgt wurden. Nebenbei gesagt trinken wir viel

von diesen angenehmen Erregungsmitteln und hören selten mit dem Trinken

auf, bevor nicht jeder von uns 6 bis 7 Tassen zu sich genommen hat.

Auch sind wir im Stande gewesen, uns mit Musik zu versehen, welche zwar

rauh, aber doch besser als gar keine ist. Ich meine das musikalische

Geschrei der Papageien aus Manyuema.

Auf dem halben Wege zwischen Mwaru, dem Dorfe Kamirambo’s, und dem

verlassenen Tongoni von Ukamba schnitt ich die Anfangsbuchstaben von

Livingstone’s und meinem Namen in einen grossen Baum mit dem Datum des

2. Februar. Zweimal habe ich mir dies in Afrika zu Schulden kommen

lassen; zum ersten mal nämlich, als wir in Süd-Uvinza hungerten,

schrieb ich das Datum mit meinen Anfangsbuchstaben und dem Worte

„verhungernd“ in grossen Buchstaben in den Stamm einer Sykomore.

Als wir durch den Wald von Ukamba zogen, sahen wir den gebleichten

Schädel eines Unglücklichen, der den Entbehrungen der Reise erlegen

war. Bei dieser Gelegenheit bemerkte der Doctor, dass er nicht durch

einen afrikanischen Wald und seine feierliche, heitere Stille ziehen

könne, ohne den Wunsch zu haben, ruhig unter den todten Blättern

begraben zu werden, wo er sicherlich ungestört liegen bleiben werde.

In England sei nicht Platz genug vorhanden und daher würden die Gräber

oft entweiht. Daher habe er, seitdem er seine Frau in den Wäldern von

Schupanga beerdigt, sich immer nach einem solchen Ort gesehnt, wo seine

Gebeine die ewige von ihm ersehnte Ruhe geniessen könnten.

Am selben Abend erzählte mir der Doctor, als die Zeltthür herabgelassen

und das Innere durch ein Paraffinlicht angenehm erhellt war, einige

auf die Laufbahn und den Tod seines ältesten Sohnes Robert bezügliche

Vorfälle. Die Leser von Livingstone’s erstem Buche „South Africa“, das

jeder Knabe besitzen sollte, werden sich wol der Achtung des sterbenden

Sebituane für den kleinen Knaben Robert entsinnen. Frau Livingstone

und ihre Familie gingen ans Cap der Guten Hoffnung und von dort nach

England. Hier bekam Robert einen Hauslehrer. Als er aber, ungefähr 18

Jahr alt, der Unthätigkeit müde geworden, verliess er Schottland und

ging nach Natal, von wo aus er den Versuch machte, zu seinem Vater zu

gelangen. Da ihm dies misglückte, schiffte er sich nach New York

ein, nahm Dienste in der Nordarmee in einem Freiwilligenregiment von

New Hampshire, nannte sich anstatt Robert Moffatt Livingstone nun

Rupert Vincent, damit sein Lehrer, der seine Pflichten gegen den jungen

Mann nicht gekannt zu haben scheint, ihn nicht auffinden könne. Nach

einer der Schlachten vor Richmond wurde er nach einem Hospital in

Nord-Carolina gebracht und starb daselbst an seinen Wunden.

[Illustration: EIN LÖWE IM GRAS.

Wie ich Livingstone fand; Zweiter Band · 第 52 / 88 题