II. S. 221.]

Am 7. Februar kamen wir am Gombé an und schlugen unser Lager in der

Nähe eines der grössten Seen desselben auf. Dieser ist wol mehrere

Meilen lang und wimmelt von Flusspferden und Krokodilen.

Von diesem Lager aus schickte ich den Koch Feradschi und Tschaupereh

nach Unyanyembé, um uns die Briefe und Arzneien, die mir aus Zanzibar

zugeschickt waren, bis nach Ugunda entgegenzubringen. Wir dagegen zogen

am nächsten Tage in unser altes Quartier am Gombé, wo wir zuerst in das

eigentliche Jägerparadies in Central-Afrika eingeführt worden waren.

Der Regen hatte zwar die meisten Heerden auseinandergetrieben, es gab

jedoch noch viele Jagdthiere in der Umgegend. Bald nach dem Frühstück

nahm ich Khamisi und Kalulu mit mir auf die Jagd. Nach einem langen

Marsch kamen wir an ein dünnes Gebüsch, wo ich die Spuren verschiedener

Thiere, z. B. von Ebern, Antilopen, Elefanten, Rhinozeros, Flusspferden

und eine ungewöhnliche Zahl von Löwenspuren entdeckte. Plötzlich hörte

ich Khamisi rufen: „Herr, Herr, hier ist ein Simba! (Löwe).“ Erzfeige,

wie der junge Bursche war, kam er vor Furcht und Erregung zitternd zu

mir gelaufen, um mir den Kopf des Thieres zu zeigen, das gerade aus

dem hohen Grase hervorsah und uns standhaft anblickte. Gleich darauf

sprang der Löwe von einer Seite auf die andere, doch war das Gras so

hoch, dass man ihn nicht genau sehen konnte. Indem ich einen vor mir

stehenden Baum benutzte, kroch ich ruhig weiter mit der Absicht, das

schwere Gewehr gegen denselben anzulegen, da ich infolge mehrerer

Fieberanfälle zu schwach und ganz ausser Stande war, aus freier

Hand sicher zu zielen. Gross war aber mein Erstaunen, als ich das

Gewehr vorsichtig an den Baum gestützt und die Mündung auf den Punkt

gerichtet hatte, wo ich das Thier hatte stehen sehen. Als ich nämlich

weiter hinblickte, wo das Gras dünner und spärlicher war, sah ich das

Thier, wirklich ein Löwe, sehr rasch davonspringen. Der König des

Waldes befand sich in voller Flucht. Von dem Augenblicke an habe ich

aufgehört, ihn als das mächtigste Thier zu betrachten oder sein Gebrüll

am hellen Tage für furchtbarer zu halten als das Girren einer Taube.

Am nächsten Tage machten wir wiederum halt, und da ich ausser Stande

war, mein Verlangen nach der Jagd an einem Orte zu unterdrücken, wo es

so viel Wild aller Art gab, schlenderte ich bald nach dem Morgenkaffee,

nachdem ich ein paar Leute mit Geschenken an meinen Freund Mamanyara,

dessen man sich von der Geschichte mit der Ammoniak-Flasche her

erinnert, geschickt hatte, noch einmal in den Wald hinaus. Kaum 500

Schritt vom Lager hielt ich nebst meinen Leuten plötzlich still, indem

wir in unserer unmittelbaren Nähe, etwa 100 Schritt entfernt, das

Brüllen dreier Löwen hörten. Instinctiv erhoben meine Finger die beiden

Drücker, da ich einen gemeinsamen Angriff derselben auf mich erwartete,

denn wenn auch ein Löwe die Flucht ergriffen hatte, so war es doch kaum

glaublich, dass drei dasselbe thun würden. Während ich mich scharf

umsah, entdeckte ich in bequemer Schussweite ein schönes Hartebeest,

das hinter einem Baum zitternd kauerte, als ob es die Krallen des Löwen

in seinem Nacken zu fühlen fürchtete. Obgleich es mit dem Rücken zu

mir gewandt dastand, so meinte ich, eine Kugel könne es doch tödlich

treffen und feuerte deshalb auf dasselbe, ohne einen Augenblick zu

zögern. Das Thier sprang hoch auf, als ob es gedächte durch den Baum zu

springen, erholte sich aber und stürzte sich dann durch das Unterholz

nach einer andern Richtung als die, in der ich die Löwen glaubte, und

ich habe es nie wiedergesehen, obgleich ich von der blutigen Spur her

weiss, dass ich es getroffen habe. Auch habe ich nichts mehr von den

Löwen gesehen oder gehört. Weit und breit suchte ich in dem Gehölz nach

irgendwelcher Beute, war aber gezwungen, ohne eine solche ins Lager

zurückzukehren.

Ueber mein Unglück verstimmt, brachen wir bald nach Mittag nach

Manyara auf, wo wir gastfreundlich von meinem Freunde begrüsst

wurden, der mir Leute zugeschickt hatte, damit sein weisser Bruder

nicht im Walde, sondern in seinem Dorfe halt mache. Vom Häuptling

wurden uns Honig und Nahrungsmittel geschenkt, die uns in unserer

Lage sehr willkommen waren. Hier zeigten sich wieder die freundlichen

Gesinnungen, wie sie den centralafrikanischen Häuptlingen eigen, welche

noch nicht von Arabern verdorben worden sind, und wie sie auch Dr.

Livingstone unter den Babisa und Ba-ulunga und in Manyuema angetroffen

hat. Von allen Häuptlingen, von Imrera in Ukawendi an bis nach

Unyanyembé wurde ich ebenso freundlich wie von Mamanyara aufgenommen.

Am 14. langten wir in Ugunda an und bald nachdem wir es uns in einer

Hütte, die der Häuptling uns zum Gebrauch überlassen, bequem gemacht

hatten, kamen Feradschi und Tschaupereh mit Sarmean und Uledi Manwa

Sera zurück, welches, wie man sich erinnert, die beiden Soldaten waren,

die ich mit Briefen nach Zanzibar geschickt, damit sie Arznei für

den kranken Shaw mitbrächten. Sarmean hatte den Deserteur Hamdallah,

der auf unserm Wege nach Udschidschi in Manyara weggelaufen war,

aufgegriffen. Dieser Bursche hatte, wie es scheint, in Kigandu halt

gemacht und dem Häuptling und Doctor des Dorfes mitgetheilt, er sei

vom Weissen abgeschickt worden, um das Tuch, das dieser für die Cur

von Mabruk Salim zurückgelassen habe, wieder zu holen. Der einfältige

Häuptling hatte es ihm wirklich auf sein blosses Wort hin ausgeliefert

und infolge davon sei der Kranke sowie auch noch ein anderer, den ich

in Unyanyembé zurückgelassen, gestorben.

Als Sarmean aus Zanzibar in Unyanyembé ankam, etwa funfzig Tage nachdem

unsere Expedition nach Udschidschi abgegangen war, erhielt er die

Nachricht, dass der Weisse (Shaw) gestorben sei und dass ein Mensch

namens Hamdallah, der sich bei mir als Führer vermiethet habe und bald

darauf zurückgekehrt sei, sich in Unyanyembé befände. Bis Feradschi

und sein Gefährte ankamen hatte er ihn unbelästigt gelassen, dann aber

waren sie alle gemeinschaftlich in seine Hütte gegangen und hatten ihn

in Sicherheit gebracht. Sarmean hatte mit dem Eifer, der ihn immer

in meinem Dienst auszeichnete, sich eine Holzgabel verschafft und den

Deserteur mit dem Nacken zwischen die Zacken derselben gebracht. Ein

festgebundenes Querholz verhinderte ihn daran, sich von dieser so

gewandt angelegten Last zu befreien.

Nicht weniger als sieben Packete Briefe und Zeitungen aus Zanzibar

hatten sich während meiner Abwesenheit von Unyanyembé dort angesammelt.

Sie waren zu verschiedenen Zeiten den Führern von Karavanen anvertraut

worden, die sie, ihrem dem Consul gegebenen Versprechen getreu, in

meinem Tembé abgegeben hatten. Darunter befand sich ein Packet von Dr.

Kirk an mich, welches auch einige Briefe für Dr. Livingstone enthielt,

dem ich sie natürlich sofort überlieferte mit meinem Glückwunsch,

dass er von seinem Freunde nicht ganz vergessen worden sei. In

demselben Packet befand sich auch ein Brief von Dr. Kirk an mich vom

25. September 1871, d. i. fünf Tage nachdem ich Unyanyembé auf meinem

anscheinend hoffnungslosen Unternehmen verlassen hatte, der mich bat,

Livingstone’s Waaren in meine Obhut zu nehmen und mein möglichstes

zu thun, um sie ihm zukommen zu lassen. Auch enthielt er einige

phantastische Rathschläge, wie ich eine unmögliche Route über den See

Ukerewe einschlagen solle. Der Brief war jedoch in einem herzlichen,

freundlichen Tone abgefasst.

„Nun Doctor“, sagte ich zu Livingstone, „der englische Consul bittet

mich, alles zu thun, Ihnen Ihre Waaren zukommen zu lassen. Es thut

mir sehr leid, dass ich diese Vollmacht nicht früher erhalten habe,

denn dann hätte ich den Versuch gemacht; doch habe ich, ohne diese

Instruction, mein möglichstes gethan, Sie zu Ihren Gütern zu befördern.

Da der Berg nicht im Stande gewesen, zu Mohammed zu kommen, so war

Mohammed genöthigt, zum Berge zu gehen.“

Dr. Livingstone war aber zu sehr in seine eigenen, aus der Heimat

kommenden Briefe vertieft, die jetzt gerade ein Jahr alt waren.

Ich erhielt gute und schlechte Nachrichten aus New York; doch waren

die guten die spätern und verwischten alle Gefühle, welche durch

die schlechten in mir hervorgerufen worden waren. Auch waren etwa

100 Nummern New Yorker, Bostoner und Londoner Zeitungen voll von

wunderbaren Nachrichten. Die pariser Commune hatte sich in Waffen

gegen die National-Versammlung erhoben; die Tuilerien, das Louvre und

das alte Lutetia Parisiorum waren durch die Schurken von St. Antoine

in Brand gesteckt worden! Französische Soldaten hatten Männer, Weiber

und Kinder gemordet; in der schönsten Stadt der Welt war teuflische

Wildheit und eingefleischte Rachgier thätig! Schöne Frauen waren in

Dämonen verwandelt und von einer rohen Soldateska durch die Strassen

geschleppt worden, um allgemein verwünscht und erbarmungslos dem Tode

hingegeben zu werden. Zarte Kinder waren durch Bajonnete an den Boden

geheftet; Schuldige und Unschuldige erschossen, niedergemetzelt,

erdolcht, vernichtet; eine ganze Stadt der summa injuria einer

wüthenden, rücksichtslosen, brutalen Armee preisgegeben worden! O

Frankreich! Franzosen! Derartiges ist selbst im Herzen des barbarischen

Central-Afrika unbekannt. Wir stiessen die Zeitungen mit den Füssen

verächtlich von uns und blickten, um unsern verletzten Gefühlen

Erleichterung zu verschaffen, auf die komischen Seiten der Welt, wie

sie sich in den unschuldigen Blättern des „Punch“ darstellt. O guter,

freundlicher „Punch“! Der Segen des Reisenden komme über dich! Deine

Scherze wirkten wie wohlthätige Arznei! Deine freundliche Satire

erzeugte eine hysterische Munterkeit in uns.

Unsere Thür war von vielen neugierigen Eingeborenen umdrängt, die mit

unbeschreiblicher Verwunderung die enormen Papierbogen betrachteten.

Ich hörte sie oft die Worte wiederholen: „Khabari Kisungu“, Nachrichten

des Weissen, und vernahm, wie sie über die Fülle der Nachrichten

sprachen und ihren Glauben äusserten, dass der Wasungu „Mbyah sana“ und

sehr „Mkali“ sei, womit sie sagen wollten, dass der Weisse sehr böse

und sehr gescheit und gewandt sei. Durch das Wort „böse“ wird häufig

grosse Bewunderung ausgedrückt.

Am vierten Tage nach unserm Abgang von Ugunda, oder am 18. Februar,

dem 35. Tage seit unserer Abreise aus Udschidschi, erschienen wir mit

fliegenden Fahnen und unter Gewehrfeuer im Thale Kwihara, und als Dr.

Livingstone und ich durch das Portal meines alten Quartiers traten,

begrüsste ich ihn in aller Form in Unyanyembé und in meinem eigenen

Hause. Seit dem Tage, wo ich die Araber krank und fast lebensmüde,

aber trotzdem von der hohen Hoffnung beseelt, dass meine Mission von

Glück gekrönt werde, verlassen hatte, waren 131 Tage vergangen -- unter

welchen Wechselfällen weiss der Leser jetzt. In dieser Zeit hatte ich

mehr als 1200 engl. Meilen zurückgelegt. Aus der Mythe, der ich durch

die Wildniss nachgezogen war, war eine Thatsache geworden, und diese

wurde mir um so deutlicher, als der lebendige Mann Arm in Arm mit mir

in mein altes Zimmer trat und ich ihm sagte: „Herr Doctor! endlich sind

wir zu Hause!“

[7] In der Kiswahili-Sprache bedeutet mabyah, mbyah oder byah

„schlecht, unangenehm“.

[8] Es ist ein höflicher Brauch in Afrika, ältere Leute als Baba

(Vater) anzureden.

[Illustration: EIN HALTEPLATZ.]

Wie ich Livingstone fand; Zweiter Band · 第 53 / 88 题