Am 7. Februar kamen wir am Gombé an und schlugen unser Lager in der
Nähe eines der grössten Seen desselben auf. Dieser ist wol mehrere
Meilen lang und wimmelt von Flusspferden und Krokodilen.
Von diesem Lager aus schickte ich den Koch Feradschi und Tschaupereh
nach Unyanyembé, um uns die Briefe und Arzneien, die mir aus Zanzibar
zugeschickt waren, bis nach Ugunda entgegenzubringen. Wir dagegen zogen
am nächsten Tage in unser altes Quartier am Gombé, wo wir zuerst in das
eigentliche Jägerparadies in Central-Afrika eingeführt worden waren.
Der Regen hatte zwar die meisten Heerden auseinandergetrieben, es gab
jedoch noch viele Jagdthiere in der Umgegend. Bald nach dem Frühstück
nahm ich Khamisi und Kalulu mit mir auf die Jagd. Nach einem langen
Marsch kamen wir an ein dünnes Gebüsch, wo ich die Spuren verschiedener
Thiere, z. B. von Ebern, Antilopen, Elefanten, Rhinozeros, Flusspferden
und eine ungewöhnliche Zahl von Löwenspuren entdeckte. Plötzlich hörte
ich Khamisi rufen: „Herr, Herr, hier ist ein Simba! (Löwe).“ Erzfeige,
wie der junge Bursche war, kam er vor Furcht und Erregung zitternd zu
mir gelaufen, um mir den Kopf des Thieres zu zeigen, das gerade aus
dem hohen Grase hervorsah und uns standhaft anblickte. Gleich darauf
sprang der Löwe von einer Seite auf die andere, doch war das Gras so
hoch, dass man ihn nicht genau sehen konnte. Indem ich einen vor mir
stehenden Baum benutzte, kroch ich ruhig weiter mit der Absicht, das
schwere Gewehr gegen denselben anzulegen, da ich infolge mehrerer
Fieberanfälle zu schwach und ganz ausser Stande war, aus freier
Hand sicher zu zielen. Gross war aber mein Erstaunen, als ich das
Gewehr vorsichtig an den Baum gestützt und die Mündung auf den Punkt
gerichtet hatte, wo ich das Thier hatte stehen sehen. Als ich nämlich
weiter hinblickte, wo das Gras dünner und spärlicher war, sah ich das
Thier, wirklich ein Löwe, sehr rasch davonspringen. Der König des
Waldes befand sich in voller Flucht. Von dem Augenblicke an habe ich
aufgehört, ihn als das mächtigste Thier zu betrachten oder sein Gebrüll
am hellen Tage für furchtbarer zu halten als das Girren einer Taube.
Am nächsten Tage machten wir wiederum halt, und da ich ausser Stande
war, mein Verlangen nach der Jagd an einem Orte zu unterdrücken, wo es
so viel Wild aller Art gab, schlenderte ich bald nach dem Morgenkaffee,
nachdem ich ein paar Leute mit Geschenken an meinen Freund Mamanyara,
dessen man sich von der Geschichte mit der Ammoniak-Flasche her
erinnert, geschickt hatte, noch einmal in den Wald hinaus. Kaum 500
Schritt vom Lager hielt ich nebst meinen Leuten plötzlich still, indem
wir in unserer unmittelbaren Nähe, etwa 100 Schritt entfernt, das
Brüllen dreier Löwen hörten. Instinctiv erhoben meine Finger die beiden
Drücker, da ich einen gemeinsamen Angriff derselben auf mich erwartete,
denn wenn auch ein Löwe die Flucht ergriffen hatte, so war es doch kaum
glaublich, dass drei dasselbe thun würden. Während ich mich scharf
umsah, entdeckte ich in bequemer Schussweite ein schönes Hartebeest,
das hinter einem Baum zitternd kauerte, als ob es die Krallen des Löwen
in seinem Nacken zu fühlen fürchtete. Obgleich es mit dem Rücken zu
mir gewandt dastand, so meinte ich, eine Kugel könne es doch tödlich
treffen und feuerte deshalb auf dasselbe, ohne einen Augenblick zu
zögern. Das Thier sprang hoch auf, als ob es gedächte durch den Baum zu
springen, erholte sich aber und stürzte sich dann durch das Unterholz
nach einer andern Richtung als die, in der ich die Löwen glaubte, und
ich habe es nie wiedergesehen, obgleich ich von der blutigen Spur her
weiss, dass ich es getroffen habe. Auch habe ich nichts mehr von den
Löwen gesehen oder gehört. Weit und breit suchte ich in dem Gehölz nach
irgendwelcher Beute, war aber gezwungen, ohne eine solche ins Lager
zurückzukehren.
Ueber mein Unglück verstimmt, brachen wir bald nach Mittag nach
Manyara auf, wo wir gastfreundlich von meinem Freunde begrüsst
wurden, der mir Leute zugeschickt hatte, damit sein weisser Bruder
nicht im Walde, sondern in seinem Dorfe halt mache. Vom Häuptling
wurden uns Honig und Nahrungsmittel geschenkt, die uns in unserer
Lage sehr willkommen waren. Hier zeigten sich wieder die freundlichen
Gesinnungen, wie sie den centralafrikanischen Häuptlingen eigen, welche
noch nicht von Arabern verdorben worden sind, und wie sie auch Dr.
Livingstone unter den Babisa und Ba-ulunga und in Manyuema angetroffen
hat. Von allen Häuptlingen, von Imrera in Ukawendi an bis nach
Unyanyembé wurde ich ebenso freundlich wie von Mamanyara aufgenommen.
Am 14. langten wir in Ugunda an und bald nachdem wir es uns in einer
Hütte, die der Häuptling uns zum Gebrauch überlassen, bequem gemacht
hatten, kamen Feradschi und Tschaupereh mit Sarmean und Uledi Manwa
Sera zurück, welches, wie man sich erinnert, die beiden Soldaten waren,
die ich mit Briefen nach Zanzibar geschickt, damit sie Arznei für
den kranken Shaw mitbrächten. Sarmean hatte den Deserteur Hamdallah,
der auf unserm Wege nach Udschidschi in Manyara weggelaufen war,
aufgegriffen. Dieser Bursche hatte, wie es scheint, in Kigandu halt
gemacht und dem Häuptling und Doctor des Dorfes mitgetheilt, er sei
vom Weissen abgeschickt worden, um das Tuch, das dieser für die Cur
von Mabruk Salim zurückgelassen habe, wieder zu holen. Der einfältige
Häuptling hatte es ihm wirklich auf sein blosses Wort hin ausgeliefert
und infolge davon sei der Kranke sowie auch noch ein anderer, den ich
in Unyanyembé zurückgelassen, gestorben.
Als Sarmean aus Zanzibar in Unyanyembé ankam, etwa funfzig Tage nachdem
unsere Expedition nach Udschidschi abgegangen war, erhielt er die
Nachricht, dass der Weisse (Shaw) gestorben sei und dass ein Mensch
namens Hamdallah, der sich bei mir als Führer vermiethet habe und bald
darauf zurückgekehrt sei, sich in Unyanyembé befände. Bis Feradschi
und sein Gefährte ankamen hatte er ihn unbelästigt gelassen, dann aber
waren sie alle gemeinschaftlich in seine Hütte gegangen und hatten ihn
in Sicherheit gebracht. Sarmean hatte mit dem Eifer, der ihn immer
in meinem Dienst auszeichnete, sich eine Holzgabel verschafft und den
Deserteur mit dem Nacken zwischen die Zacken derselben gebracht. Ein
festgebundenes Querholz verhinderte ihn daran, sich von dieser so
gewandt angelegten Last zu befreien.
Nicht weniger als sieben Packete Briefe und Zeitungen aus Zanzibar
hatten sich während meiner Abwesenheit von Unyanyembé dort angesammelt.
Sie waren zu verschiedenen Zeiten den Führern von Karavanen anvertraut
worden, die sie, ihrem dem Consul gegebenen Versprechen getreu, in
meinem Tembé abgegeben hatten. Darunter befand sich ein Packet von Dr.
Kirk an mich, welches auch einige Briefe für Dr. Livingstone enthielt,
dem ich sie natürlich sofort überlieferte mit meinem Glückwunsch,
dass er von seinem Freunde nicht ganz vergessen worden sei. In
demselben Packet befand sich auch ein Brief von Dr. Kirk an mich vom
25. September 1871, d. i. fünf Tage nachdem ich Unyanyembé auf meinem
anscheinend hoffnungslosen Unternehmen verlassen hatte, der mich bat,
Livingstone’s Waaren in meine Obhut zu nehmen und mein möglichstes
zu thun, um sie ihm zukommen zu lassen. Auch enthielt er einige
phantastische Rathschläge, wie ich eine unmögliche Route über den See
Ukerewe einschlagen solle. Der Brief war jedoch in einem herzlichen,
freundlichen Tone abgefasst.
„Nun Doctor“, sagte ich zu Livingstone, „der englische Consul bittet
mich, alles zu thun, Ihnen Ihre Waaren zukommen zu lassen. Es thut
mir sehr leid, dass ich diese Vollmacht nicht früher erhalten habe,
denn dann hätte ich den Versuch gemacht; doch habe ich, ohne diese
Instruction, mein möglichstes gethan, Sie zu Ihren Gütern zu befördern.
Da der Berg nicht im Stande gewesen, zu Mohammed zu kommen, so war
Mohammed genöthigt, zum Berge zu gehen.“
Dr. Livingstone war aber zu sehr in seine eigenen, aus der Heimat
kommenden Briefe vertieft, die jetzt gerade ein Jahr alt waren.
Ich erhielt gute und schlechte Nachrichten aus New York; doch waren
die guten die spätern und verwischten alle Gefühle, welche durch
die schlechten in mir hervorgerufen worden waren. Auch waren etwa
100 Nummern New Yorker, Bostoner und Londoner Zeitungen voll von
wunderbaren Nachrichten. Die pariser Commune hatte sich in Waffen
gegen die National-Versammlung erhoben; die Tuilerien, das Louvre und
das alte Lutetia Parisiorum waren durch die Schurken von St. Antoine
in Brand gesteckt worden! Französische Soldaten hatten Männer, Weiber
und Kinder gemordet; in der schönsten Stadt der Welt war teuflische
Wildheit und eingefleischte Rachgier thätig! Schöne Frauen waren in
Dämonen verwandelt und von einer rohen Soldateska durch die Strassen
geschleppt worden, um allgemein verwünscht und erbarmungslos dem Tode
hingegeben zu werden. Zarte Kinder waren durch Bajonnete an den Boden
geheftet; Schuldige und Unschuldige erschossen, niedergemetzelt,
erdolcht, vernichtet; eine ganze Stadt der summa injuria einer
wüthenden, rücksichtslosen, brutalen Armee preisgegeben worden! O
Frankreich! Franzosen! Derartiges ist selbst im Herzen des barbarischen
Central-Afrika unbekannt. Wir stiessen die Zeitungen mit den Füssen
verächtlich von uns und blickten, um unsern verletzten Gefühlen
Erleichterung zu verschaffen, auf die komischen Seiten der Welt, wie
sie sich in den unschuldigen Blättern des „Punch“ darstellt. O guter,
freundlicher „Punch“! Der Segen des Reisenden komme über dich! Deine
Scherze wirkten wie wohlthätige Arznei! Deine freundliche Satire
erzeugte eine hysterische Munterkeit in uns.
Unsere Thür war von vielen neugierigen Eingeborenen umdrängt, die mit
unbeschreiblicher Verwunderung die enormen Papierbogen betrachteten.
Ich hörte sie oft die Worte wiederholen: „Khabari Kisungu“, Nachrichten
des Weissen, und vernahm, wie sie über die Fülle der Nachrichten
sprachen und ihren Glauben äusserten, dass der Wasungu „Mbyah sana“ und
sehr „Mkali“ sei, womit sie sagen wollten, dass der Weisse sehr böse
und sehr gescheit und gewandt sei. Durch das Wort „böse“ wird häufig
grosse Bewunderung ausgedrückt.
Am vierten Tage nach unserm Abgang von Ugunda, oder am 18. Februar,
dem 35. Tage seit unserer Abreise aus Udschidschi, erschienen wir mit
fliegenden Fahnen und unter Gewehrfeuer im Thale Kwihara, und als Dr.
Livingstone und ich durch das Portal meines alten Quartiers traten,
begrüsste ich ihn in aller Form in Unyanyembé und in meinem eigenen
Hause. Seit dem Tage, wo ich die Araber krank und fast lebensmüde,
aber trotzdem von der hohen Hoffnung beseelt, dass meine Mission von
Glück gekrönt werde, verlassen hatte, waren 131 Tage vergangen -- unter
welchen Wechselfällen weiss der Leser jetzt. In dieser Zeit hatte ich
mehr als 1200 engl. Meilen zurückgelegt. Aus der Mythe, der ich durch
die Wildniss nachgezogen war, war eine Thatsache geworden, und diese
wurde mir um so deutlicher, als der lebendige Mann Arm in Arm mit mir
in mein altes Zimmer trat und ich ihm sagte: „Herr Doctor! endlich sind
wir zu Hause!“
[7] In der Kiswahili-Sprache bedeutet mabyah, mbyah oder byah
„schlecht, unangenehm“.
[8] Es ist ein höflicher Brauch in Afrika, ältere Leute als Baba
(Vater) anzureden.
[Illustration: EIN HALTEPLATZ.]