II. S. 199.]

Unser Weg führte uns durch das Thal des Loadscheri, welches sich,

nachdem wir sein Delta verlassen, immer mehr verengte, bis es zu einer

Waldschlucht wurde, die von dem laut brüllenden Strom ganz erfüllt war,

dessen überwältigender Sturz selbst die Luft, die wir athmeten, in

Mitleidenschaft zu ziehen schien. In dieser engen Bergschlucht wurde

es drückend und sehr zur Zeit führte der Weg auf eine Anhöhe, weiter

auf eine Terrasse, dann auf einen Berg und zuletzt auf ein Gebirge,

auf dem wir unser Lager aufschlugen. Als wir noch mit Vorbereitungen

dazu beschäftigt waren, zeigte der Doctor schweigend auf etwas hin und

sofort herrschte überall todtenähnliche Stille. Das Chinin, welches

ich am Morgen genommen, schien jeden Theil meines Gehirns afficirt zu

haben; dennoch blieb ein böses Uebel nach; obgleich ich aber unter der

schweren Last der Reillyflinte bebte, so kroch ich doch dahin, wo er

hinwies. Ich blickte eine tiefe Feldschlucht hinab, an deren anderer

Seite ich eine schöne Büffelkuh hinaufklettern sah. Sie hatte eben den

Gipfel erreicht und wandte sich um, um ihren Feind zu betrachten, als

es mir gelang, ihr einen Schuss gerade hinter das Schulterblatt und

dicht am Rückgrat hineinzujagen, was ihr ein dumpfes Schmerzgeschrei

entlockte. „Sie ist erlegt“, rief der Doctor, „das ist ein sicheres

Zeichen, dass Sie dieselbe getroffen haben“; und meine Leute erhoben

sogar ein Freudengeschrei bei der Aussicht auf Fleisch. Ein zweiter

Schuss in den Rücken brachte das Thier auf die Knie und ein dritter

endete sein Leben. So hatten wir wieder Vorrath an Lebensmitteln,

die uns, zerschnitten und über einem Feuer getrocknet, wie die

Wangwana es zu thun pflegen, ein gut Stück durch die vor uns liegende,

menschenleere Wildniss weiter bringen konnten. Für den Doctor und mich

liessen wir die Zunge, den Höcker und einige besonders gute Stücke

salzen und hatten so nach ein paar Tagen vorzügliches Pökelfleisch. Es

ist nicht unangemessen, dass ich hier mittheile, dass die Wangwana das

Gewehr mehr lobten als den Jäger.

Am nächsten Tage setzten wir unsern Marsch unter der Führung unseres

Kirangozi nach Osten fort; aus dem Wege, den er uns führte, war

aber zu ersehen, dass er nichts vom Lande wisse, obwol er uns durch

seine Redseligkeit hatte glauben lassen, er kenne Ngondo, Yombeh und

Pumburu’s Districte ganz genau. Als wir ihn von der Spitze der Karavane

zurückriefen, waren wir im Begriff, in den reissenden Loadscheri

hinabzusteigen, auf dessen anderer Seite sich drei unpassirbare

Bergzüge ausdehnten, die wir in einer ganz von unserm Wege abliegenden

Richtung nach Nord-Nordost hätten passiren müssen. Nachdem ich mich

mit dem Doctor besprochen, trat ich selbst an die Spitze der Karavane,

folgte dem Grat des Bergrückens und zog direct nach Osten, ohne auf den

Weg weiter zu achten. Zuweilen kreuzte ein bereister Weg unsern Pfad

und als wir demselben folgten, kamen wir an die Furt des Loadscheri.

Dieser entspringt im Süden und Südosten des Pic Kakungu. Nach

Ueberschreitung des Flusses benutzten wir den Weg so gut wir konnten,

bis wir die von Karah nach Ngondo und Pumburu im südlichen Kawendi

führende Hauptstrasse erreichten.

Bald nachdem wir unser Lager verlassen, bogen wir von dem bereisten

Wege ab und gingen auf eine in dem vor uns liegenden Bogen von Bergen

befindliche Oeffnung los, da sich Pumburu mit dem Volke von Manya

Msengé, einem District von Nord-Kawendi, im Kriege befand. Das Land

besitzt eine Fülle von Jagdthieren, Büffeln und Zebras; unter den

hervorragenden Bäumen befand sich die Hyphaene und Borassuspalme,

ein Baum, welcher Früchte von der Grösse der Kanonenkugel eines

600-Pfünders trägt, welche die Eingeborenen nach Aussage des Doctors

„Mabyah“[7] nennen und deren Samen sie rösten und essen. Als

Nahrungsmittel sind sie dem Europäer nicht zu empfehlen.

Am 10. war ich, an der Spitze meiner Leute, den Kompass in der Hand,

drei Stunden lang Führer. Ein schönes Parkland lag vor uns; das Gras

war aber sehr hoch und die jetzt ernstlich eintretende Regenzeit

machte mir meine Arbeit höchst unangenehm. Durch dieses hohe Gras, das

mir immer bis an den Hals reichte, musste ich mir nämlich auf meinen

Kompass bauend meinen Weg bahnen, um die Expedition zu führen, da keine

Spur eines Weges vorlag und wir uns jetzt in einem völlig unbereisten

Lande befanden. An einem schönen, nach Norden fliessenden kleinen Bach,

einem der Zuflüsse des Rugufu, schlugen wir unser Lager auf.

Auch der 11. sah mich durch das Gras ziehen, welches bei jedem Schritt

Regentropfen auf mich herabschauerte. Nach zwei Stunden überschritten

wir wieder einen kleinen Bach, der in seinem Bett schlüpfrige, den

Einfluss heftiger Giessbäche bekundende Felsen enthielt. Viele grosse

Pilze gedeihen hier. Als wir den Bach passirten, rief ein alter Pagazi

aus Unyamwezi in wehmüthigem Tone: „Mein Kibuyu ist todt!“ wodurch

er sagen wollte, er sei ausgeglitten und habe beim Falle seinen auf

Kiswahili „Kibuyu“ genannten Kürbis zerbrochen.

Am östlichen Ufer machten wir halt, um unser zweites Frühstück

einzunehmen, und kamen nach einem Marsche von 1½ Stunde an einen

weitern Bach, den ich zuerst wegen der Aehnlichkeit seiner Umgebung

für den Mtambu hielt, obgleich meine Karte mir sagte, dass dies nicht

möglich sei. Die umliegende Landschaft hatte jedoch viele Aehnlichkeit

mit jener, und im Norden sahen wir einen dem Magdala ähnlichen,

tafelförmigen Berg, den ich auf unserm Wege an den Malagarazi im Norden

von Imrera entdeckt hatte. Obwol wir nur 3½ Stunden gereist waren,

war der Doctor sehr matt, da das Land äusserst uneben ist.

Am nächsten Tage schritten wir über mehrere Bergrücken, wo uns

herrliche Landschaften von überwältigender Schönheit überall umgaben,

und erblickten einen mächtigen, raschfliessenden Strom, dessen Bett

zwischen enorm hohen Sandsteinmauern eingesenkt war und dort wie ein

kleiner Niagara lärmte und toste.

Nachdem wir unser Lager auf einer malerischen Anhöhe aufgeschlagen

hatten, wollte ich den Versuch machen, uns Fleisch zu verschaffen,

das in dieser interessanten Gegend doch jedenfalls vorhanden zu sein

schien. Ich ging daher mit meinem kleinen Winchester-Gewehr die Ufer

des Flusses entlang nach Osten. Etwa ein bis zwei Stunden zog ich so

weiter durch eine Gegend, die immer malerischer und lieblicher wurde,

und ging dann eine viel versprechende Schlucht hinauf. Ohne Erfolg

an ihrem Rande entlang schreitend, befand ich mich alsbald zu meinem

leicht begreiflichen Erstaunen direct einem Elefanten gegenüber, diesem

furchtbaren Kolosse, der Personification der Macht in Afrika, der seine

grossen, breiten Ohren wie schwellende Segel ausgebreitet hielt. Mich

dünkte, als ich seinen gewaltigen Rüssel wie einen warnenden Finger

vorwärts gestreckt sah, eine Stimme zu hören, die mir „Siste, Venator!“

zurief. Doch weiss ich nicht, ob dies nur in meiner Einbildung lag oder

von Kalulu herkam, der, wie ich glaube, gerade rief: „Tembo, tembo!

Bana yango!“ („ein Elefant, ein Elefant, Herr!“). Denn der junge Schelm

war, sobald er den furchtbaren Koloss in solcher unmittelbaren Nähe

erblickte, davongelaufen. Als ich mich von meinem Erstaunen erholt,

hielt auch ich es für klüger, mich zurückzuziehen, zumal ich nur eine

mit verrätherischen Sägespänepatronen geladene Erbsenflinte in der Hand

hatte. Wie ich zurückblickte sah ich, wie er seinen Rüssel bewegte, und

verstand, dass er sagen wollte: „Adieu, junger Mann! es ist ein Glück

für Dich, dass Du Dich zu rechter Zeit entfernst, denn sonst hätte ich

Dich zu Brei zerstampft.“

Als ich mir hierzu gratulirte, flog eine Wespe direct auf mich zu und

pflanzte mir ihren Stachel in den Nacken, sodass für diesen Nachmittag

mein in Aussicht genommenes Vergnügen vereitelt war. Bei meiner

Rückkehr ins Lager fand ich meine Leute murrend; ihre Provision war zu

Ende und für die nächsten drei Tage war keine Aussicht vorhanden, ihnen

welche zu schaffen. Mit dem gefrässigen Individuen eigenen Mangel an

Vorsicht hatten sie ihre Kornrationen und den ganzen Vorrath an Zebra-

und Büffelfleisch möglichst rasch verzehrt und schrien jetzt, sie

müssten verhungern.

Zahlreiche Spuren von Thieren waren zwar vorhanden; da aber die

Regenzeit da war, hatte sich das Wild überall hin zerstreut; in der

trockenen Jahreszeit hätten wir in diesen Wäldern unsere Speisekammer

jeden Tag mit neuen Vorräthen versehen können.

Als der Doctor und ich ungefähr um 6 oder 7 Uhr morgens unsern Thee

vor unserm Zelt einnahmen, ging eine aus zwölf Stück bestehende Heerde

von Elefanten etwa 800 Schritt an uns vorüber. Unsere Fundi Asmani

und Mabruki Kisesa wurden sofort abgesandt, um sie zu verfolgen. Ich

wäre selbst mit meinem schweren Reilly-Gewehre ihnen gefolgt, wäre ich

nicht so furchtbar ermüdet gewesen. Alsbald hörten wir das Knallen

ihrer Flinten und hofften, dass sie Glück haben möchten, da sie dann

einen tüchtigen Vorrath an Fleisch gehabt und wir beide uns an einem

Elefantenfuss als zarten schönen Braten hätten erlaben können. Nach

einer Stunde aber kehrten sie ohne jeglichen Erfolg zurück; sie

hatten den Thieren nur etwas Blut entzogen, welches sie uns auf einem

Blatte zeigten.

[Illustration: EINE ÜBERRASCHUNG.

Wie ich Livingstone fand; Zweiter Band · 第 51 / 88 题