Unser Weg führte uns durch das Thal des Loadscheri, welches sich,
nachdem wir sein Delta verlassen, immer mehr verengte, bis es zu einer
Waldschlucht wurde, die von dem laut brüllenden Strom ganz erfüllt war,
dessen überwältigender Sturz selbst die Luft, die wir athmeten, in
Mitleidenschaft zu ziehen schien. In dieser engen Bergschlucht wurde
es drückend und sehr zur Zeit führte der Weg auf eine Anhöhe, weiter
auf eine Terrasse, dann auf einen Berg und zuletzt auf ein Gebirge,
auf dem wir unser Lager aufschlugen. Als wir noch mit Vorbereitungen
dazu beschäftigt waren, zeigte der Doctor schweigend auf etwas hin und
sofort herrschte überall todtenähnliche Stille. Das Chinin, welches
ich am Morgen genommen, schien jeden Theil meines Gehirns afficirt zu
haben; dennoch blieb ein böses Uebel nach; obgleich ich aber unter der
schweren Last der Reillyflinte bebte, so kroch ich doch dahin, wo er
hinwies. Ich blickte eine tiefe Feldschlucht hinab, an deren anderer
Seite ich eine schöne Büffelkuh hinaufklettern sah. Sie hatte eben den
Gipfel erreicht und wandte sich um, um ihren Feind zu betrachten, als
es mir gelang, ihr einen Schuss gerade hinter das Schulterblatt und
dicht am Rückgrat hineinzujagen, was ihr ein dumpfes Schmerzgeschrei
entlockte. „Sie ist erlegt“, rief der Doctor, „das ist ein sicheres
Zeichen, dass Sie dieselbe getroffen haben“; und meine Leute erhoben
sogar ein Freudengeschrei bei der Aussicht auf Fleisch. Ein zweiter
Schuss in den Rücken brachte das Thier auf die Knie und ein dritter
endete sein Leben. So hatten wir wieder Vorrath an Lebensmitteln,
die uns, zerschnitten und über einem Feuer getrocknet, wie die
Wangwana es zu thun pflegen, ein gut Stück durch die vor uns liegende,
menschenleere Wildniss weiter bringen konnten. Für den Doctor und mich
liessen wir die Zunge, den Höcker und einige besonders gute Stücke
salzen und hatten so nach ein paar Tagen vorzügliches Pökelfleisch. Es
ist nicht unangemessen, dass ich hier mittheile, dass die Wangwana das
Gewehr mehr lobten als den Jäger.
Am nächsten Tage setzten wir unsern Marsch unter der Führung unseres
Kirangozi nach Osten fort; aus dem Wege, den er uns führte, war
aber zu ersehen, dass er nichts vom Lande wisse, obwol er uns durch
seine Redseligkeit hatte glauben lassen, er kenne Ngondo, Yombeh und
Pumburu’s Districte ganz genau. Als wir ihn von der Spitze der Karavane
zurückriefen, waren wir im Begriff, in den reissenden Loadscheri
hinabzusteigen, auf dessen anderer Seite sich drei unpassirbare
Bergzüge ausdehnten, die wir in einer ganz von unserm Wege abliegenden
Richtung nach Nord-Nordost hätten passiren müssen. Nachdem ich mich
mit dem Doctor besprochen, trat ich selbst an die Spitze der Karavane,
folgte dem Grat des Bergrückens und zog direct nach Osten, ohne auf den
Weg weiter zu achten. Zuweilen kreuzte ein bereister Weg unsern Pfad
und als wir demselben folgten, kamen wir an die Furt des Loadscheri.
Dieser entspringt im Süden und Südosten des Pic Kakungu. Nach
Ueberschreitung des Flusses benutzten wir den Weg so gut wir konnten,
bis wir die von Karah nach Ngondo und Pumburu im südlichen Kawendi
führende Hauptstrasse erreichten.
Bald nachdem wir unser Lager verlassen, bogen wir von dem bereisten
Wege ab und gingen auf eine in dem vor uns liegenden Bogen von Bergen
befindliche Oeffnung los, da sich Pumburu mit dem Volke von Manya
Msengé, einem District von Nord-Kawendi, im Kriege befand. Das Land
besitzt eine Fülle von Jagdthieren, Büffeln und Zebras; unter den
hervorragenden Bäumen befand sich die Hyphaene und Borassuspalme,
ein Baum, welcher Früchte von der Grösse der Kanonenkugel eines
600-Pfünders trägt, welche die Eingeborenen nach Aussage des Doctors
„Mabyah“[7] nennen und deren Samen sie rösten und essen. Als
Nahrungsmittel sind sie dem Europäer nicht zu empfehlen.
Am 10. war ich, an der Spitze meiner Leute, den Kompass in der Hand,
drei Stunden lang Führer. Ein schönes Parkland lag vor uns; das Gras
war aber sehr hoch und die jetzt ernstlich eintretende Regenzeit
machte mir meine Arbeit höchst unangenehm. Durch dieses hohe Gras, das
mir immer bis an den Hals reichte, musste ich mir nämlich auf meinen
Kompass bauend meinen Weg bahnen, um die Expedition zu führen, da keine
Spur eines Weges vorlag und wir uns jetzt in einem völlig unbereisten
Lande befanden. An einem schönen, nach Norden fliessenden kleinen Bach,
einem der Zuflüsse des Rugufu, schlugen wir unser Lager auf.
Auch der 11. sah mich durch das Gras ziehen, welches bei jedem Schritt
Regentropfen auf mich herabschauerte. Nach zwei Stunden überschritten
wir wieder einen kleinen Bach, der in seinem Bett schlüpfrige, den
Einfluss heftiger Giessbäche bekundende Felsen enthielt. Viele grosse
Pilze gedeihen hier. Als wir den Bach passirten, rief ein alter Pagazi
aus Unyamwezi in wehmüthigem Tone: „Mein Kibuyu ist todt!“ wodurch
er sagen wollte, er sei ausgeglitten und habe beim Falle seinen auf
Kiswahili „Kibuyu“ genannten Kürbis zerbrochen.
Am östlichen Ufer machten wir halt, um unser zweites Frühstück
einzunehmen, und kamen nach einem Marsche von 1½ Stunde an einen
weitern Bach, den ich zuerst wegen der Aehnlichkeit seiner Umgebung
für den Mtambu hielt, obgleich meine Karte mir sagte, dass dies nicht
möglich sei. Die umliegende Landschaft hatte jedoch viele Aehnlichkeit
mit jener, und im Norden sahen wir einen dem Magdala ähnlichen,
tafelförmigen Berg, den ich auf unserm Wege an den Malagarazi im Norden
von Imrera entdeckt hatte. Obwol wir nur 3½ Stunden gereist waren,
war der Doctor sehr matt, da das Land äusserst uneben ist.
Am nächsten Tage schritten wir über mehrere Bergrücken, wo uns
herrliche Landschaften von überwältigender Schönheit überall umgaben,
und erblickten einen mächtigen, raschfliessenden Strom, dessen Bett
zwischen enorm hohen Sandsteinmauern eingesenkt war und dort wie ein
kleiner Niagara lärmte und toste.
Nachdem wir unser Lager auf einer malerischen Anhöhe aufgeschlagen
hatten, wollte ich den Versuch machen, uns Fleisch zu verschaffen,
das in dieser interessanten Gegend doch jedenfalls vorhanden zu sein
schien. Ich ging daher mit meinem kleinen Winchester-Gewehr die Ufer
des Flusses entlang nach Osten. Etwa ein bis zwei Stunden zog ich so
weiter durch eine Gegend, die immer malerischer und lieblicher wurde,
und ging dann eine viel versprechende Schlucht hinauf. Ohne Erfolg
an ihrem Rande entlang schreitend, befand ich mich alsbald zu meinem
leicht begreiflichen Erstaunen direct einem Elefanten gegenüber, diesem
furchtbaren Kolosse, der Personification der Macht in Afrika, der seine
grossen, breiten Ohren wie schwellende Segel ausgebreitet hielt. Mich
dünkte, als ich seinen gewaltigen Rüssel wie einen warnenden Finger
vorwärts gestreckt sah, eine Stimme zu hören, die mir „Siste, Venator!“
zurief. Doch weiss ich nicht, ob dies nur in meiner Einbildung lag oder
von Kalulu herkam, der, wie ich glaube, gerade rief: „Tembo, tembo!
Bana yango!“ („ein Elefant, ein Elefant, Herr!“). Denn der junge Schelm
war, sobald er den furchtbaren Koloss in solcher unmittelbaren Nähe
erblickte, davongelaufen. Als ich mich von meinem Erstaunen erholt,
hielt auch ich es für klüger, mich zurückzuziehen, zumal ich nur eine
mit verrätherischen Sägespänepatronen geladene Erbsenflinte in der Hand
hatte. Wie ich zurückblickte sah ich, wie er seinen Rüssel bewegte, und
verstand, dass er sagen wollte: „Adieu, junger Mann! es ist ein Glück
für Dich, dass Du Dich zu rechter Zeit entfernst, denn sonst hätte ich
Dich zu Brei zerstampft.“
Als ich mir hierzu gratulirte, flog eine Wespe direct auf mich zu und
pflanzte mir ihren Stachel in den Nacken, sodass für diesen Nachmittag
mein in Aussicht genommenes Vergnügen vereitelt war. Bei meiner
Rückkehr ins Lager fand ich meine Leute murrend; ihre Provision war zu
Ende und für die nächsten drei Tage war keine Aussicht vorhanden, ihnen
welche zu schaffen. Mit dem gefrässigen Individuen eigenen Mangel an
Vorsicht hatten sie ihre Kornrationen und den ganzen Vorrath an Zebra-
und Büffelfleisch möglichst rasch verzehrt und schrien jetzt, sie
müssten verhungern.
Zahlreiche Spuren von Thieren waren zwar vorhanden; da aber die
Regenzeit da war, hatte sich das Wild überall hin zerstreut; in der
trockenen Jahreszeit hätten wir in diesen Wäldern unsere Speisekammer
jeden Tag mit neuen Vorräthen versehen können.
Als der Doctor und ich ungefähr um 6 oder 7 Uhr morgens unsern Thee
vor unserm Zelt einnahmen, ging eine aus zwölf Stück bestehende Heerde
von Elefanten etwa 800 Schritt an uns vorüber. Unsere Fundi Asmani
und Mabruki Kisesa wurden sofort abgesandt, um sie zu verfolgen. Ich
wäre selbst mit meinem schweren Reilly-Gewehre ihnen gefolgt, wäre ich
nicht so furchtbar ermüdet gewesen. Alsbald hörten wir das Knallen
ihrer Flinten und hofften, dass sie Glück haben möchten, da sie dann
einen tüchtigen Vorrath an Fleisch gehabt und wir beide uns an einem
Elefantenfuss als zarten schönen Braten hätten erlaben können. Nach
einer Stunde aber kehrten sie ohne jeglichen Erfolg zurück; sie
hatten den Thieren nur etwas Blut entzogen, welches sie uns auf einem
Blatte zeigten.
[Illustration: EINE ÜBERRASCHUNG.