II. S. 186.]

Mittlerweile bereitete ich die Expedition auf den Rückweg nach

Unyanyembé vor und vertheilte Ballen und Gepäck, sowol des Doctors

grosse Blechkasten als auch meine eigenen unter meine Leute; denn

ich hatte den Entschluss gefasst, Livingstone’s Leute als Passagiere

mit marschiren zu lassen, da sie ihre Pflicht gegen ihren Herrn so

vorzüglich erfüllt hatten.

Sayd bin Madschid hatte am 12. December Udschidschi verlassen, um gegen

Mirambo zu ziehen und diesen schwarzen Bonaparte wegen der Ermordung

seines Sohnes in den Wäldern von Wilyankuru mit Krieg zu überziehen. Er

hatte 300 kräftige, mit Gewehren bewaffnete Burschen von Udschidschi

mitgenommen. Der tapfere alte Häuptling brannte vor Rache und Wuth und

erschien mit seinem 7 Fuss langen Gewehr als ganz stattlicher Krieger.

Ehe wir nach dem Rusizi gegangen, hatte ich ihm eine gute Reise

gewünscht und die Hoffnung ausgedrückt, dass er Central-Afrika von dem

Tyrannen Mirambo befreien möge.

Am 20. December wurde die Regenzeit durch einen heftigen Regen, Donner,

Blitz und Hagel eingeleitet, wobei das Thermometer auf 27° R. fiel.

Am Abend dieses Tages bekam ich zum dritten male in Afrika Urticaria

(Nesselausschlag) und war sehr leidend. Es war nur der Vorläufer eines

Anfalls von remittirendem Fieber, das sieben Tage anhielt. Es ist dies

die bösartige Form, die schon vielen Afrika-Reisenden auf dem Zambezi,

Weissen Nil, Congo und Niger tödlich geworden ist. Man hat dabei

Congestionen nach dem Kopfe, einen raschen Puls, starkes Herzklopfen

und böse Phantasien. Seit ich mit Livingstone zusammengekommen, war

dies mein vierter Fieberanfall. Die Aufregung des Marsches und die mich

beständig erfüllende Hoffnung hatte auf dem Wege nach Udschidschi auch

meinen Körper gegen Fieberanfälle gestählt; zwei Wochen aber, nachdem

das grosse Ereigniss sich vollzogen hatte, liessen meine Kräfte nach;

ich war völlig ruhigen Geistes geworden und erkrankte infolge dessen.

Da ich mich jedoch niemals der Unmässigkeit oder andern ausschweifenden

Gewohnheiten, die so manche Constitution ruiniren, hingegeben hatte, so

unterlag ich zum Glück den wiederholten Anfällen dieser heimtückischen

Krankheit nicht.

Weihnachten kam heran und der Doctor und ich hatten den Beschluss

gefasst, diese herrliche, von alters her gefeierte Zeit hier so

wie in angelsächsischen Ländern, nämlich mit einem Festmahl, wie

es Udschidschi uns bieten konnte, zu feiern. Am Abend vorher hatte

mich das Fieber ganz und gar verlassen und am Weihnachtsmorgen stand

ich, obgleich noch sehr schwach, völlig angekleidet auf, belehrte

den Koch Feradschi über die Wichtigkeit dieses Tages für uns Weisse

und versuchte es, diesem wohlgenährten Wilden einige Finessen der

Kochkunst beizubringen. Wir verschafften uns vom Markt zu Udschidschi

und dem guten alten Muini Kheri fette breitschwänzige Schafe, Ziegen,

Zogga und Pombé, Eier, frische Milch, Platanenfrüchte, Singwe, gutes

Kornmehl, Fische, Zwiebeln, süsse Kartoffeln u. dgl. Leider jedoch

war meine Schwäche uns hier hinderlich; denn Feradschi verdarb den

Braten, verbrannte uns unsere Eierkuchen und das Mittagessen misglückte

total. Dass der dickköpfige Schelm nicht Prügel erhielt kam nur daher,

dass ich unfähig war, meine Hände zu seiner Bestrafung zu rühren; ich

sah ihn aber mit einem so schrecklichen Blick an, dass jeder andere

als Feradschi dadurch vernichtet worden wäre. Der dumme, hartköpfige

Koch hingegen kicherte nur und hat wol, wie ich glaube, nachher mit

vielem Vergnügen die Pasteten, Eierspeisen und Braten, die durch seine

Nachlässigkeit für den Gaumen von Europäern verdorben waren, selbst

verzehrt.

Vor seiner Abreise hatte Sayd bin Madschid Befehl hinterlassen,

dass wir sein Boot auf unserer Heimreise gebrauchen könnten und

freundlicherweise lieh uns auch Muini Kheri sein grosses Fahrzeug für

denselben Zweck. Denn die Expedition, die jetzt um den Doctor und seine

fünf Leute nebst Gepäck vermehrt war, erheischte noch ein Boot. Für die

Dschungels von Ukawendi, welche wir durchziehen wollten, hatten wir

uns mit Milch, Ziegen und Vorräthen an fetten Schafen versehen. Die

gute Halimah, Livingstone’s Köchin, hatte einen Sack voll schönes Mehl

bereitet, wie sie es nur in ihrer grossen Verehrung für ihren Herrn

herzustellen im Stande war. Auch ihr Gatte Hamoydah hatte freiwillig

aufs aufmerksamste bei der Herstellung dieses wichtigen Nahrungsmittels

geholfen. Ich kaufte einen Esel für Livingstone und zwar den einzigen,

den man in Udschidschi erlangen konnte, für den Fall, dass er auf dem

langen Marsche von seinem alten Uebel heimgesucht werde. Kurz, wir

hatten reichlich Nahrungsmittel, Schafe, Ziegen, Käse, Tuch, Esel und

Boote, womit wir eine lange Strecke weit vorwärts kommen konnten; es

fehlte uns also an nichts.

Der 27. December, der Tag unserer Abreise von Udschidschi, ist da.

Ich war wol im Begriff, dem Hafen, dessen Name meinem Angedenken

stets heilig sein wird, auf immer Lebewohl zu sagen. Die Boote,

grosse, schwerfällige, hohle Baumstämme, sind mit Vorräthen schwer

beladen; die Ruderer sind zur Stelle; die englische Flagge weht am

Spiegel von Livingstone’s Boot, die amerikanische über dem meinigen

und ich kann sie nicht ansehen ohne einen gewissen Stolz, dass die

beiden angelsächsischen Nationen heute auf diesem grossen Binnenmeer

angesichts der wilden Natur und der Barbaren vertreten sind.

Die grossen arabischen Kaufleute, die staunenden Kinder von Unyamwezi,

Freigelassene aus Zanzibar, verwunderte Waguhhu und Wadschidschi, wilde

Warundi begleiten uns an die Boote; alle sind am heutigen Tage still,

ja sogar traurig, dass die Weissen, sie wissen nicht wohin, fortziehen.

Um 8 Uhr morgens fahren wir ab, überall hin die mit den Händen

winkenden Araber und Neugierigen grüssend. Einige derselben versuchten

uns etwas Gefühlvolles beim Abschied zu sagen; namentlich der

überführte Sünder Mohammed bin Sali. Obwol ich aber äusserlich keine

Misbilligung seiner Worte oder der herzlichen Weise zeigte, mit

der er mir die Hand drückte, so bedauerte ich es doch nicht wegen

seines an Livingstone im Jahre 1869 verübten Verrathes, ihn zum

letzten mal gesehen zu haben. Er bat mich sehr, „Mengi Salaams“ an

jedermann in Unyanyembé zu bringen. Hätte ich das aber gethan, so wäre

ich keineswegs darüber erstaunt gewesen, wenn mich alle für einen

hoffnungslosen Narren gehalten hätten.

Wir stiessen von dem Lehmufer am Fusse des Marktplatzes ab, während

die Landabtheilung unter der Führung des riesigen Asmani und Bombay’s

ohne irgendwelches Gepäck ihre Reise nach Süden längs der Ufer des

Sees antrat. Wir hatten abgemacht, mit ihnen an der Mündung eines

jeden Flusses zusammenzutreffen und sie von einem Ufer ans andere

überzusetzen.

Der Doctor fuhr in Sayd bin Madschid’s Boot, welches ungefähr ein

Drittel kürzer als das unter meinem Befehl stehende war, voran

und die britische Flagge, die an einem Bambusrohr befestigt war,

flatterte hinter ihm her wie ein scharlachrother Meteor. Mein mit

Wadschidschi-Matrosen bemanntes Boot, die ich gemiethet hatte, um die

Boote vom Cap Tongwe wieder nach Udschidschi Bunder zurückzubringen,

folgte und hatte eine viel höhere Flaggenstange, auf der das immer

schöne amerikanische Sternenbanner flatterte. Die bedeutende Höhe

meiner Stange entlockte dem Doctor, dessen loyaler Patriotismus dadurch

erregt wurde, die Bemerkung, er werde sich die höchste Palmyrapalme als

Flaggenstange abschneiden, da es sich nicht gezieme, dass die britische

Flagge soviel niedriger als die der Vereinigten Staaten sei.

Unsere Soldaten waren über den Gedanken, nach Unyanyembé zu gehen,

durchaus nicht weniger freudig erregt als wir. Sie stimmten den

Freudengesang der Zanzibarer Bootsleute an, welcher mit dem

begeisterten Chorgesang endigt: „Kinan de re re Kitunga“. So ruderten

sie dann wie Tolle daher, bis sie vor reiner Erschöpfung genöthigt

waren auszuruhen, während der Schweiss stromweise an ihnen herabfloss.

Sowie sie ausgeruht hatten, machten sie sich wieder an ihre Ruder und

stimmten den Gesang der Mrima an: „O Mama, re de mi Ky“, der sie bald

wieder zu grossen Anstrengungen anspornte. Durch diese energischen

ruckweisen Anstrengungen, sowie durch Gesang und Gelächter, Gestöhne

und Geschrei, gaben unsere schwitzenden und keuchenden Leute ihrem

freudigen Gefühl über den Gedanken Ausdruck, dass wir heimkehrten und

dass auf der Route, die ich nach Unyanyembé erwählt, durchaus keine

Gefahr zu fürchten sei.

„Wir sind den Wahha entgangen, ha, ha!

Die Wavinza werden uns nicht mehr plagen! oh, oh!

Mionvu bekommt kein Tuch mehr von uns! hy, hy!

Und Kiala wird nimmer uns wiedersehen! he, he!“

schrien sie mit wildem Gelächter und führten dabei wuchtige Streiche

mit den Rudern, welche die alten ungelenken Boote vom Vorsteven bis zum

Spiegel erbeben liessen.

[Illustration: FAHRT AUF DEM TANGANIKA-SEE.

Wie ich Livingstone fand; Zweiter Band · 第 49 / 88 题