Mittlerweile bereitete ich die Expedition auf den Rückweg nach
Unyanyembé vor und vertheilte Ballen und Gepäck, sowol des Doctors
grosse Blechkasten als auch meine eigenen unter meine Leute; denn
ich hatte den Entschluss gefasst, Livingstone’s Leute als Passagiere
mit marschiren zu lassen, da sie ihre Pflicht gegen ihren Herrn so
vorzüglich erfüllt hatten.
Sayd bin Madschid hatte am 12. December Udschidschi verlassen, um gegen
Mirambo zu ziehen und diesen schwarzen Bonaparte wegen der Ermordung
seines Sohnes in den Wäldern von Wilyankuru mit Krieg zu überziehen. Er
hatte 300 kräftige, mit Gewehren bewaffnete Burschen von Udschidschi
mitgenommen. Der tapfere alte Häuptling brannte vor Rache und Wuth und
erschien mit seinem 7 Fuss langen Gewehr als ganz stattlicher Krieger.
Ehe wir nach dem Rusizi gegangen, hatte ich ihm eine gute Reise
gewünscht und die Hoffnung ausgedrückt, dass er Central-Afrika von dem
Tyrannen Mirambo befreien möge.
Am 20. December wurde die Regenzeit durch einen heftigen Regen, Donner,
Blitz und Hagel eingeleitet, wobei das Thermometer auf 27° R. fiel.
Am Abend dieses Tages bekam ich zum dritten male in Afrika Urticaria
(Nesselausschlag) und war sehr leidend. Es war nur der Vorläufer eines
Anfalls von remittirendem Fieber, das sieben Tage anhielt. Es ist dies
die bösartige Form, die schon vielen Afrika-Reisenden auf dem Zambezi,
Weissen Nil, Congo und Niger tödlich geworden ist. Man hat dabei
Congestionen nach dem Kopfe, einen raschen Puls, starkes Herzklopfen
und böse Phantasien. Seit ich mit Livingstone zusammengekommen, war
dies mein vierter Fieberanfall. Die Aufregung des Marsches und die mich
beständig erfüllende Hoffnung hatte auf dem Wege nach Udschidschi auch
meinen Körper gegen Fieberanfälle gestählt; zwei Wochen aber, nachdem
das grosse Ereigniss sich vollzogen hatte, liessen meine Kräfte nach;
ich war völlig ruhigen Geistes geworden und erkrankte infolge dessen.
Da ich mich jedoch niemals der Unmässigkeit oder andern ausschweifenden
Gewohnheiten, die so manche Constitution ruiniren, hingegeben hatte, so
unterlag ich zum Glück den wiederholten Anfällen dieser heimtückischen
Krankheit nicht.
Weihnachten kam heran und der Doctor und ich hatten den Beschluss
gefasst, diese herrliche, von alters her gefeierte Zeit hier so
wie in angelsächsischen Ländern, nämlich mit einem Festmahl, wie
es Udschidschi uns bieten konnte, zu feiern. Am Abend vorher hatte
mich das Fieber ganz und gar verlassen und am Weihnachtsmorgen stand
ich, obgleich noch sehr schwach, völlig angekleidet auf, belehrte
den Koch Feradschi über die Wichtigkeit dieses Tages für uns Weisse
und versuchte es, diesem wohlgenährten Wilden einige Finessen der
Kochkunst beizubringen. Wir verschafften uns vom Markt zu Udschidschi
und dem guten alten Muini Kheri fette breitschwänzige Schafe, Ziegen,
Zogga und Pombé, Eier, frische Milch, Platanenfrüchte, Singwe, gutes
Kornmehl, Fische, Zwiebeln, süsse Kartoffeln u. dgl. Leider jedoch
war meine Schwäche uns hier hinderlich; denn Feradschi verdarb den
Braten, verbrannte uns unsere Eierkuchen und das Mittagessen misglückte
total. Dass der dickköpfige Schelm nicht Prügel erhielt kam nur daher,
dass ich unfähig war, meine Hände zu seiner Bestrafung zu rühren; ich
sah ihn aber mit einem so schrecklichen Blick an, dass jeder andere
als Feradschi dadurch vernichtet worden wäre. Der dumme, hartköpfige
Koch hingegen kicherte nur und hat wol, wie ich glaube, nachher mit
vielem Vergnügen die Pasteten, Eierspeisen und Braten, die durch seine
Nachlässigkeit für den Gaumen von Europäern verdorben waren, selbst
verzehrt.
Vor seiner Abreise hatte Sayd bin Madschid Befehl hinterlassen,
dass wir sein Boot auf unserer Heimreise gebrauchen könnten und
freundlicherweise lieh uns auch Muini Kheri sein grosses Fahrzeug für
denselben Zweck. Denn die Expedition, die jetzt um den Doctor und seine
fünf Leute nebst Gepäck vermehrt war, erheischte noch ein Boot. Für die
Dschungels von Ukawendi, welche wir durchziehen wollten, hatten wir
uns mit Milch, Ziegen und Vorräthen an fetten Schafen versehen. Die
gute Halimah, Livingstone’s Köchin, hatte einen Sack voll schönes Mehl
bereitet, wie sie es nur in ihrer grossen Verehrung für ihren Herrn
herzustellen im Stande war. Auch ihr Gatte Hamoydah hatte freiwillig
aufs aufmerksamste bei der Herstellung dieses wichtigen Nahrungsmittels
geholfen. Ich kaufte einen Esel für Livingstone und zwar den einzigen,
den man in Udschidschi erlangen konnte, für den Fall, dass er auf dem
langen Marsche von seinem alten Uebel heimgesucht werde. Kurz, wir
hatten reichlich Nahrungsmittel, Schafe, Ziegen, Käse, Tuch, Esel und
Boote, womit wir eine lange Strecke weit vorwärts kommen konnten; es
fehlte uns also an nichts.
Der 27. December, der Tag unserer Abreise von Udschidschi, ist da.
Ich war wol im Begriff, dem Hafen, dessen Name meinem Angedenken
stets heilig sein wird, auf immer Lebewohl zu sagen. Die Boote,
grosse, schwerfällige, hohle Baumstämme, sind mit Vorräthen schwer
beladen; die Ruderer sind zur Stelle; die englische Flagge weht am
Spiegel von Livingstone’s Boot, die amerikanische über dem meinigen
und ich kann sie nicht ansehen ohne einen gewissen Stolz, dass die
beiden angelsächsischen Nationen heute auf diesem grossen Binnenmeer
angesichts der wilden Natur und der Barbaren vertreten sind.
Die grossen arabischen Kaufleute, die staunenden Kinder von Unyamwezi,
Freigelassene aus Zanzibar, verwunderte Waguhhu und Wadschidschi, wilde
Warundi begleiten uns an die Boote; alle sind am heutigen Tage still,
ja sogar traurig, dass die Weissen, sie wissen nicht wohin, fortziehen.
Um 8 Uhr morgens fahren wir ab, überall hin die mit den Händen
winkenden Araber und Neugierigen grüssend. Einige derselben versuchten
uns etwas Gefühlvolles beim Abschied zu sagen; namentlich der
überführte Sünder Mohammed bin Sali. Obwol ich aber äusserlich keine
Misbilligung seiner Worte oder der herzlichen Weise zeigte, mit
der er mir die Hand drückte, so bedauerte ich es doch nicht wegen
seines an Livingstone im Jahre 1869 verübten Verrathes, ihn zum
letzten mal gesehen zu haben. Er bat mich sehr, „Mengi Salaams“ an
jedermann in Unyanyembé zu bringen. Hätte ich das aber gethan, so wäre
ich keineswegs darüber erstaunt gewesen, wenn mich alle für einen
hoffnungslosen Narren gehalten hätten.
Wir stiessen von dem Lehmufer am Fusse des Marktplatzes ab, während
die Landabtheilung unter der Führung des riesigen Asmani und Bombay’s
ohne irgendwelches Gepäck ihre Reise nach Süden längs der Ufer des
Sees antrat. Wir hatten abgemacht, mit ihnen an der Mündung eines
jeden Flusses zusammenzutreffen und sie von einem Ufer ans andere
überzusetzen.
Der Doctor fuhr in Sayd bin Madschid’s Boot, welches ungefähr ein
Drittel kürzer als das unter meinem Befehl stehende war, voran
und die britische Flagge, die an einem Bambusrohr befestigt war,
flatterte hinter ihm her wie ein scharlachrother Meteor. Mein mit
Wadschidschi-Matrosen bemanntes Boot, die ich gemiethet hatte, um die
Boote vom Cap Tongwe wieder nach Udschidschi Bunder zurückzubringen,
folgte und hatte eine viel höhere Flaggenstange, auf der das immer
schöne amerikanische Sternenbanner flatterte. Die bedeutende Höhe
meiner Stange entlockte dem Doctor, dessen loyaler Patriotismus dadurch
erregt wurde, die Bemerkung, er werde sich die höchste Palmyrapalme als
Flaggenstange abschneiden, da es sich nicht gezieme, dass die britische
Flagge soviel niedriger als die der Vereinigten Staaten sei.
Unsere Soldaten waren über den Gedanken, nach Unyanyembé zu gehen,
durchaus nicht weniger freudig erregt als wir. Sie stimmten den
Freudengesang der Zanzibarer Bootsleute an, welcher mit dem
begeisterten Chorgesang endigt: „Kinan de re re Kitunga“. So ruderten
sie dann wie Tolle daher, bis sie vor reiner Erschöpfung genöthigt
waren auszuruhen, während der Schweiss stromweise an ihnen herabfloss.
Sowie sie ausgeruht hatten, machten sie sich wieder an ihre Ruder und
stimmten den Gesang der Mrima an: „O Mama, re de mi Ky“, der sie bald
wieder zu grossen Anstrengungen anspornte. Durch diese energischen
ruckweisen Anstrengungen, sowie durch Gesang und Gelächter, Gestöhne
und Geschrei, gaben unsere schwitzenden und keuchenden Leute ihrem
freudigen Gefühl über den Gedanken Ausdruck, dass wir heimkehrten und
dass auf der Route, die ich nach Unyanyembé erwählt, durchaus keine
Gefahr zu fürchten sei.
„Wir sind den Wahha entgangen, ha, ha!
Die Wavinza werden uns nicht mehr plagen! oh, oh!
Mionvu bekommt kein Tuch mehr von uns! hy, hy!
Und Kiala wird nimmer uns wiedersehen! he, he!“
schrien sie mit wildem Gelächter und führten dabei wuchtige Streiche
mit den Rudern, welche die alten ungelenken Boote vom Vorsteven bis zum
Spiegel erbeben liessen.
[Illustration: FAHRT AUF DEM TANGANIKA-SEE.