UNSERE REISE VON UDSCHIDSCHI NACH UNYANYEMBÉ.

Plaudereien mit Livingstone über die Ereignisse unseres „Pickenicks“.

-- Der Doctor will durchaus nicht in seine Heimat zurückkehren, ehe

er seine Aufgabe gelöst. -- Er tadelt Dr. Kirk, dass ihm dieser

Sklaven zugeschickt, denen er befohlen, Livingstone nach Hause zu

bringen. -- Er bekommt seine gezogenen Enfield-Gewehre wieder. --

Er entschliesst sich, mich nach Unyanyembé zu begleiten. -- Ein

Anfall von remittirendem Fieber. -- Unser Christfest. -- Abreise

von Udschidschi. -- Unsere Reise auf dem Tanganika. -- Ankunft am

Liutsché und Fahrt über denselben. -- Fahrt über den Malagarazi.

-- Im Tanganika existirt keine Strömung. -- Ankunft in Urimba. --

Zebrajagd. -- Das Thal des Loadscheri. -- Erlegung einer Büffelkuh.

-- Zusammentreffen mit einem Elefanten. -- Erzählungen Reisender. --

Rothbärtige Affen. -- Anblick von Magdala. -- Das Thal Imrera. --

Der Doctor ist fussleidend. -- Heerden von Wild in der Mpokwa-Ebene.

-- Erlegung zweier Zebras. -- Eine Heerde Giraffen. -- Eine Giraffe

wird verwundet. -- Ibrahim’s Sklave Ulimengo läuft fort. -- Breite

von Mpokwa. -- Umschmelzen von Zink-Feldflaschen zu Kugeln. -- Mit

diesen wird eine Giraffe erlegt. -- Aufbruch nach Misonghi. -- Der

Doctor wird entsetzlich zerstochen von wilden Bienen. -- Mirambo ist

durch Hunger vernichtet. -- Shaw’s Tod. -- Ereignisse aus dem Leben

und Tod Robert Livingstone’s. -- Ein Löwe im Grase. -- Drei Löwen. --

Ankunft in Ugunda. -- Einfangen des Deserteurs Hamdallah. -- Ankunft

in Unyanyembé.

Wir fühlten uns ganz zu Hause, als wir uns auf unsere schwarze

Bärenhaut, den bunten persischen Teppich und die reinen neuen Matten

setzten, den Rücken an die Wand lehnten, unsern Thee behaglich

schlürften und uns über die Einzelheiten des „Picknicks“ unterhielten,

wie Livingstone durchaus unsere Reise an den Rusizi zu nennen beliebte.

Es schien, als ob alte Zeiten, die wir so gern ins Gedächtniss riefen,

wieder zurückgekehrt seien, obgleich unser Haus äusserlich sehr einfach

aussah und unsere Diener nur nackte Barbaren waren. In der Nähe dieses

Hauses aber hatte ich Livingstone nach dem ereignissvollen Marsch aus

Unyanyembé zuerst gesehen; auf dieser selben Veranda hatte ich seine

wunderbare Schilderung der weiten bezaubernden Gegenden im Westen des

Sees Tanganika gehört; hier hatte ich ihn zuerst kennen gelernt, und

von dem Augenblicke an ist meine Bewunderung für ihn stets im Wachsen

und ich fühle mich erhoben, wie er mir zum ersten male mittheilt, er

müsse unter meiner Begleitung und auf meine Kosten nach Unyanyembé

gehen. Die alten Lehmmauern, die kahlen Balken, das alte Strohdach

und diese eigenthümlich aussehende alte Veranda werden für mich ein

historisches Interesse mein Leben lang behalten. Daher habe ich mir die

Mühe gegeben, das einfache alte Haus durch eine Zeichnung unsterblich

zu machen.

Ich habe eben gesagt, dass meine Bewunderung für Livingstone zugenommen

hat. Das ist wahr; denn der Mann, den ich mir so ruhig wie einen andern

bedeutenden Menschen hatte ansehen wollen, um seinen Charakter und

seine Ansichten genau zu schildern, hat mich besiegt. Soll ich hier

aussprechen, was meine ursprüngliche Absicht gewesen? Es ist wahr wie

das Evangelium. Ich wollte ihn mir ansehen, genau berichten, was er

mir gesagt, sein Leben und Aussehen schildern, ihm darauf ein „Auf

Wiedersehen!“ zurufen und zurückreisen. Dass er in seiner Manier

besonders unangenehm und barsch sei, weshalb ich sofort in Streit mit

ihm gerathen müsse, war meine bestimmte Ueberzeugung gewesen. Ausserdem

war er ein Engländer, -- vielleicht ein Mann, der sich eines Lorgnons

bediente, durch das er mich mit wüthendem oder eiskaltem Blicke messen

würde (was beides dasselbe besagen will), oder mich, wie der junge

Fähnrich des Scinde’schen Cavallerie-Regiments in Abessinien, nachdem

er einige Schritte zurückgetreten, gelassen fragen könnte: „Mit wem

habe ich die Ehre zu sprechen?“ Oder er konnte mich wol gar, wie der

alte General in Senafe, Sir -- --, anschnauzen: „Nun, Herr! Wer sind

Sie? Was wollen Sie hier?“ Allerdings waren meine Bekanntschaften

mit Engländern derartig, dass ich nicht erstaunt gewesen wäre, wenn

er gesagt hätte: „Darf ich Sie wol fragen, mein Herr, ob Sie einen

Einführungsbrief an mich haben?“ Was wäre das aber für eine Frage an

den Ufern des Tanganika gewesen? Ich hätte mich auf einen Berg bei

Udschidschi zurückziehen, dort zwei Tage bleiben und dann zurückkehren

müssen, um der Welt mitzutheilen, wie ich angelaufen sei. Der edle,

wahrhaft christliche, offenherzige Livingstone hingegen handelte wie

ein Held, lud mich in sein Haus ein, drückte seine Freude darüber aus,

mich zu sehen und wurde, um die Wahrheit dieser Aussage zu bestätigen,

auch gleich gesund. „Sie haben mir neues Leben gebracht!“ Als ich am

Wechselfieber erkrankt zwischen Leben und Tod schwebte, hat er mich

wie ein Vater gepflegt, und jetzt sind wir über einen Monat zusammen

gewesen. Kann man sich wundern, dass ich einen Mann liebe, dessen

Gesicht seine ganze Natur widerspiegelt, dessen Herz die Güte selbst,

dessen Ziele die höchsten sind, bisweilen aber doch heftig in die Worte

ausbreche: „Aber, Herr Doctor, Ihre Familie würde Sie doch so gern, so

sehr gern sehen. Kommen Sie doch mit mir. Ich verspreche Ihnen, Sie

bis an die Küste zu geleiten. Sie sollen den schönsten Esel zum Reiten

haben, den man in Unyanyembé bekommen kann. Ihre Bedürfnisse sollen,

sowie Sie dieselben nur andeuten, befriedigt werden. Lassen Sie doch

die Quellen des Nils und kommen Sie nach Hause, um auszuruhen. Dann

können Sie ja, nachdem Sie das ein Jahr gethan und Ihre Gesundheit

wiederhergestellt haben, zurückkehren und Ihre Aufgabe beendigen.“

Darauf lautete seine Antwort stets: „Nein. Ich sehne mich allerdings

sehr danach, meine Familie zu sehen. Die Briefe meiner Kinder rühren

mich sehr; ich darf aber noch nicht nach Hause gehen, sondern muss

erst meine Aufgabe lösen. Ich bin ja nur durch Mangel an Vorräthen

aufgehalten worden und würde jetzt schon die Entdeckung des Nils

vollendet haben, wenn ich ihn bis an seine Verbindung mit dem

Baker’schen See oder dem Petherick’schen Arm des Nils verfolgt hätte.

Wäre ich nur noch einen Monat weiter gereist, so hätte ich sagen

können: “die Arbeit ist vollendet„. Dr. Kirk hat mir aber immer wieder

von neuem Sklaven geschickt und er sollte doch wissen, wie diese

beschaffen sind. Ich kann es nicht begreifen, warum er sich nur an

Banyanen gewandt hat, um mir Leute zu besorgen.“

Noch waren einige der Leute, welche Livingstone daran verhindert

hatten, seine interessanten Entdeckungen fortzusetzen, in Udschidschi

und hatten die der Regierung gehörigen gezogenen Enfield-Gewehre in

ihren Händen, welche sie zurückbehalten wollten, bis sie ihren Lohn

bekommen hätten. Da sie aber je 60 Dollars vom englischen Consul in

Zanzibar unter der contractlichen Bedingung erhalten hatten, dass

sie ihrem Herrn überall hin folgen sollten, dagegen nicht nur seinen

Befehlen ungehorsam gewesen, sondern ihm sogar überall in den Weg

getreten waren, so war es abgeschmackt, dass ein paar Leute die

Oberhand über den Doctor behalten und ihm die Rückgabe der von der

Regierung in Bombay geschenkten Gewehre verweigern sollten. Ich hatte

gehört, wie die dem Doctor freundlich gesinnten arabischen Scheikhs

den Leuten in milder Weise zugeredet hatten, die Waffen auszuliefern;

war Zeuge von der Hartnäckigkeit der Meuterer gewesen, und da nahm ich

denn auf dem Burzani von Sayd bin Madschid’s Hause Gelegenheit, meine

Ansicht nicht nur zum Besten der eigensinnigen Sklaven, sondern auch

zu dem der Araber auszusprechen und ihnen zu sagen, wie gut es sei,

dass ich Livingstone am Leben gefunden, denn wenn sie ihm auch nur ein

Haar gekrümmt hätten, so wäre ich an die Küste zurückgegangen, um

mit einer Rache-Expedition wiederzukehren. Ich hätte jetzt jeden Tag

darauf gewartet, dass Livingstone’s Flinten ihm zurückgegeben würden

und gehofft, ohne Gewalt auszukommen; da nun aber mehr als ein Monat

verstrichen und die Waffen noch nicht abgeliefert seien, so bäte ich

mir die Erlaubniss aus, sie mit Gewalt zu nehmen, und diese wurde mir

gewährt. Sofort wurde Susi, der tapfere Diener Livingstone’s (der

werth gewesen wäre, mit Silber aufgewogen zu werden, wäre er nicht ein

unverbesserlicher Dieb gewesen), mit ungefähr einem Dutzend Bewaffneter

abgeschickt, um die Waffen abzuholen, und in wenigen Minuten waren wir

ohne weitere Belästigung im Besitz derselben.

Livingstone war entschlossen, mich nach Unyanyembé zu begleiten, um

dort seine am 1. November 1870 durch den britischen Consul von Zanzibar

abgesandten Vorräthe in Empfang zu nehmen. Da mir die Leitung der

Escorte anvertraut worden, so war es meine Pflicht, die verschiedenen

Routen von Udschidschi nach Unyanyembé zu studiren. Ich war mir der

grossen Verantwortlichkeit sehr wohl bewusst, die die Begleitung eines

solchen Mannes mit sich bringt; auch waren meine eigenen Empfindungen

bei dem Fall im Spiel. Wenn nämlich Livingstone durch meine

Unvorsichtigkeit, solange er bei mir war, ein Schaden geschähe, so

würde man gleich sagen: „Ja! wäre er nur nicht mit dem Stanley gereist,

so wäre er jetzt noch am Leben!“

Ich nahm also meine von mir selbst angefertigte Karte vor, auf die

ich volles Vertrauen setzte, und entwarf eine Route, die uns nach

Unyanyembé führen sollte, ohne dass wir auch nur ein Tuch als Tribut zu

zahlen hätten, und der uns schlimmstenfalls durch Dschungels führte,

wodurch wir alle die Wavinza und plündernden Wahha vermeiden könnten.

Dieser friedliche, sichere Weg führte zu Wasser nach Süden die Küste

von Ukaranga und Ukawendi entlang bis zum Cap Tongwe. Hier würden wir

uns gegenüber dem im Ukawendi-Districte Rusawa belegenen Dorfe Itaga,

dessen Sultan Imrera ist, befinden und dann könnten wir den alten Weg

wieder einschlagen, den ich von Unyanyembé nach Udschidschi gereist

war. Dies setzte ich dem Doctor auseinander und er erkannte sofort die

Ausführbarkeit und Sicherheit dieser Route an. Wenn ich dabei wirklich,

wie ich wünschte, zu Imrera käme, so würde das den besten Beweis dafür

geben, dass meine Karte richtig sei.

Am 13. December kehrten wir von unserer nördlichen Expedition auf dem

Tanganika zurück. Von diesem Tage an begann Livingstone Briefe an seine

zahlreichen Freunde zu schreiben und die werthvollen Kenntnisse, die er

während seiner Reisejahre im Süden und Westen des Tanganika gesammelt,

aus seinen Tagebüchern in sein umfangreiches Notizbuch einzutragen.

Während er in Hemdärmeln, das grosse Notizbuch auf den Knien, auf

der Veranda sass, habe ich ihn gezeichnet und die Aehnlichkeit des

nebenstehenden Bildes ist vortrefflich, weil der mich unterstützende

Künstler mit angeborenem Talent die Fehler meiner Skizze entdeckt hat.

Dadurch bin ich im Stande, Livingstone dem Leser genau so vorzuführen,

wie ich ihn gesehen habe, über die Erlebnisse auf seinen langen

Märschen nachdenkend.

Bald nach meiner Ankunft in Udschidschi hatte er sich daran gemacht,

einen Brief an James Gordon Bennett zu schreiben, worin er ihm

dankte. Nachdem er ihn beendet, bat ich ihn, nur noch das Wort junior

hinzuzufügen, da er nur dem jüngeren Bennett Dank schuldig sei. Ich

hielt den Brief für vortrefflich und bat den Doctor, auch nicht ein

Wort hinzuzufügen. Die Empfindungen seines Herzens hatten ihren

Ausdruck in so dankbaren Worten gefunden; und wenn ich Herrn Bennett

richtig beurtheilte, so wusste ich, dass er damit zufrieden sein

würde. Denn er war ja nicht so sehr dabei interessirt, geographische

Neuigkeiten, als vielmehr die grosse Thatsache zu erfahren, dass

Livingstone selbst am Leben sei.

In diesem letzten Theil des December schrieb er auch Briefe an seine

Kinder, an Sir Roderick Murchison und an Lord Granville. Auch wollte er

an den Grafen Clarendon schreiben und mir fiel die schwere Aufgabe zu,

ihm mitzutheilen, dass dieser ausgezeichnete Mann gestorben sei.

[Illustration: Dr. LIVINGSTONE MIT SEINEM TAGEBUCH BESCHÄFTIGT.

Wie ich Livingstone fand; Zweiter Band · 第 48 / 88 题