II. S. 122.]

In Magala hörten wir, dass ein Krieg zwischen Mukamba, nach dessen

Land wir reisten, und Warumaschanya, dem Sultan eines Nachbarbezirks,

wüthe, und man rieth uns, lieber zurückzukehren, wenn wir nicht

beabsichtigten, einem dieser Häuptlinge gegen den andern beizustehen.

Da wir aber ausgezogen waren, um das Problem des Rusizi-Flusses zu

lösen, so hatten derartige Rücksichten kein Gewicht für uns.

Am achten Morgen nach unserer Abfahrt von Udschidschi sagten wir dem

gastfreien Volke von Magala Lebewohl und begaben uns auf die Reise

nach dem Lande Mukamba’s, welches in Sicht war. Bald nachdem wir die

Grenze zwischen dem eigentlichen Urundi und dem Theile, der als Usige

bekannt ist, überschritten hatten, erhob sich ein Sturm aus Südwesten.

Das furchtbare Schwanken unseres Bootes in den Wogenthälern warnte

uns, weiter zu fahren und wir wandten den Nachen nach dem ungefähr

vier Meilen weiter nördlich gelegenem Dorfe Kisuka zu, wo das in

Usige belegene Mugere anfängt. In Kisuka besuchte uns ein bei Mukamba

lebender Mgwana und erzählte uns Einzelheiten über den zwischen Mukamba

und Warumaschanya ausgebrochenen Krieg, aus denen hervorging, dass

diese beiden Häuptlinge sich beständig in den Haaren lagen. Uebrigens

ist es doch eigentlich eine nicht sehr blutige Art Krieg. Ein Häuptling

nämlich macht einen Raubzug in das Land des andern, wobei es ihm

glückt, mit einer Heerde Vieh abzuziehen und ein paar Leute, die er

überrascht hat, zu tödten. Wochen oder auch Monate können vergehen,

ehe der andere sich rächt und einen ähnlichen Fang thut, wodurch das

Gleichgewicht wieder hergestellt wird, sodass keiner etwas gewonnen

hat. Nur selten greifen sie sich mit Muth und Energie an, da der

Afrikaner seiner Natur nach sehr gegen eine energische Kriegführung ist.

Dieser Mgwana gab uns auch auf unser Befragen weit interessantere

Nachrichten, nämlich über den Rusizi. Denn er versicherte uns mit

Kennermiene, die zu bezweifeln ein Zeichen grosser Dummheit sei, dass

der Rusizi-Fluss aus dem See nach Suna’s (Mtesa’s) Lande fliesse.

„+Wo+ könnte er auch sonst hinfliessen?“ fragte er. Livingstone

war geneigt, dieses zu glauben oder wollte wol mehr diese Behauptung

auf sich beruhen lassen, bis sie durch Augenschein bestätigt sei. Ich

hatte, wie ich dem Doctor sagte, mehr Neigung es zu bezweifeln. Erstens

war die Nachricht zu gut, um wahr sein zu können, und zweitens erging

sich der Mensch zu begeistert über diesen Gegenstand, der für ihn doch

gar kein Interesse haben konnte. Seine „Barikallahs“ und „Inschallahs“

waren mir viel zu warm und seine Antworten stimmten viel zu sehr mit

unsern Wünschen überein. Der Doctor legte aber grosses Gewicht auf den

Bericht eines Mgwana, mit dem er im fernen Süden zusammengetroffen und

der ihm mitgetheilt, der Grossvater oder Vater Rumanika’s, des jetzigen

Königs von Karagweh, habe daran gedacht, das Bett des Kitangule-Flusses

zu verbreitern, damit seine Nachen nach Udschidschi fahren könnten,

um dort Handelsverbindungen anzuknüpfen. Aus diesem Umstande, der mit

seinem oft ausgesprochenen und auch jetzt festgehaltenen Glauben, dass

das Wasser des Tanganika irgendwo einen Abfluss habe, übereinstimmte,

glaube ich, dass Livingstone dem Bericht des Mgwana zugethan war. Im

weitern Verlauf jedoch werden wir sehen, zu welchem Ziele dies führte.

Am neunten Morgen nach unserer Abfahrt von Udschidschi passirten wir

etwa zwei Stunden nach Sonnenaufgang das breite Delta des Mugere, eines

Flusses, welcher seinen Namen auch der am östlichen Ufer belegenen

Gegend gibt, über die Mukamba herrscht. Wir befanden uns gerade der

südlichsten seiner drei Mündungen gegenüber, als wir einen grossen

Unterschied in der Färbung des Wassers entdeckten, welche sich durch

eine fast gerade östlich und westlich von der Mündung gezogene Linie

gut markiren liess. Auf der Südseite befand sich reines, hellgrünes

Wasser, auf der nördlichen war es schlammig und man konnte den Strom

gerade nach Norden fliessen sehen. Bald nachdem wir die erste Mündung

passirt, kamen wir an die zweite und dritte, von denen jede nur wenige

Schritt breit ist, aber hinreichend viel Wasser entlässt, um uns zu

gestatten, die Strömungen einige Ruthen nach Norden über ihre Mündungen

hinaus zu verfolgen.

Ueber die dritte Mündung des Mugere hinaus zeigte sich eine Biegung,

auf deren anderm Ufer sich eine Gruppe von Dörfern befand. Sie gehörten

Mukamba und in einem derselben lebt dieser Häuptling selbst. Die

Eingeborenen hatten noch nie einen Weissen gesehen und wir wurden

natürlich bei unserer Landung von einer grossen Menge umgeben,

sämmtlich mit langen Speeren bewaffnet. Dies sind ausser Knütteln und

eines hin und wieder vorkommenden Beiles die einzigen Waffen, die man

bei ihnen antrifft.

Man wies uns in eine Hütte, die Dr. Livingstone und ich gemeinsam

einnahmen. Von dem, was sich an jenem Tage ereignete, habe ich nur

eine dunkle Erinnerung, da ich zum ersten male, seitdem ich Unyanyembé

verlassen, vom Fieber niedergeworfen wurde. Ich erinnere mich nur

dunkel, dass ich den Versuch machte, Mukamba’s Alter zu bestimmen und

bemerkte, dass er im ganzen stattlich aussehe und uns wohl geneigt

sei. Während der Pausen der Qualen und Bewusstlosigkeit glaubte ich

zu sehen, wie Livingstone sich auf mich zu bewegte, und zu fühlen,

wie er mir den heissen Kopf und die brennenden Glieder liebevoll

betastete. Ich hatte mehrere Fieberanfälle zwischen Bagamoyo und

Unyanyembé erduldet, ohne dass irgend jemand mir Erleichterung von

den langwierigen, marternden Kopfschmerzen gebracht, oder die trübe

Aussicht, die nothwendig das Bett eines einsamen, kranken Reisenden

umgibt, erhellt hätte. Obgleich aber das Fieber, von dem ich drei

Monate lang frei gewesen, diesmal stärker als gewöhnlich auftrat, so

war ich doch nicht sehr traurig darüber, da ich jetzt die liebevolle,

väterliche Güte des vortrefflichen Mannes, dessen Kamerad ich war,

genoss.

Am nächsten Morgen, nachdem ich vom Fieber etwas genesen und Mukamba

mit einem aus einem Ochsen, einem Schaf und einer Ziege bestehenden

Geschenk angekommen war, konnte ich den Antworten, welche er auf

die Fragen über den Rusizi-Fluss und das Ende des Sees gab, meine

Aufmerksamkeit schenken. Der stets muntere und enthusiastische Mgwana

befand sich auch da und war durchaus nicht beschämt, als uns der

Häuptling durch ihn sagen liess, dass der Rusizi, der sich in einer

Entfernung von zwei Tagereisen zu Wasser, oder einer Tagereise zu Lande

von der Spitze des Sees mit dem Ruanda oder Luanda verbinde, in den See

fliesse.

So wurden unsere, durch die bestimmten und wiederholten Versicherungen,

dass der Fluss aus dem See heraus nach Karagweh fliesse, erregten

Hoffnungen ebenso schnell zu Schanden, wie sie erweckt worden waren.

Wir bezahlten Mukamba das aus 9 Doti und 9 Fundo Samsam, Lunghio

und Muzurio N’zige bestehende Honga. Hier wären die gedruckten

Taschentücher, deren ich in Unyanyembé so viele hatte, gut gegangen.

Nachdem der Häuptling sein Geschenk erhalten, führte er seinen Sohn,

einen hoch aufgeschossenen Jüngling von ungefähr 18 Jahren bei dem

Doctor ein als einen Menschen, der gern von ihm adoptirt werden

möchte. Dieser aber wies mit einem gutmüthigen Lachen alle solche

Verwandtschaft von der Hand, da sie nur dazu bestimmt war, ihm noch

etwas Tuch abzunehmen. Mukamba beruhigte sich dabei und bestand nicht

darauf, mehr zu bekommen.

Am zweiten Abend unseres Aufenthalts bei Mukamba hatte sich Susi, der

Diener Livingstone’s, infolge der freigebigen, reichlichen Gaben des

Häuptlings an Pombé gründlich betrunken. Gerade beim Morgengrauen

des nächsten Tages wurde ich durch ein scharfes, knallendes Geräusch

erweckt. Ich horchte auf und bemerkte, dass der Lärm in unserer Hütte

stattfand. Er rührte vom Doctor her, der um Mitternacht gefühlt hatte,

wie sich jemand an seine Seite niedergelegt; da er glaubte, ich sei

es, hatte er in freundlicher Weise Platz gemacht und sich auf den Rand

seines Bettes gelegt. Als er aber am Morgen sich ziemlich kalt fühlte,

wurde er ganz wach und entdeckte, als er sich auf seinen Ellenbogen

stützte, um zu sehen, wer sein Bettkamerad sei, zu seiner grossen

Verwunderung seinen schwarzen Diener Susi, der von seinen wollenen

Decken Besitz ergriffen, sie in egoistischer Weise um sich gewickelt

hatte und jetzt fast das ganze Bett einnahm. Der Doctor hatte mit

der ihm eigenen Sanftmuth, statt sogleich einen Stock zu nehmen, sich

daran genügen lassen, Susi auf den Rücken zu klopfen und ihm zu sagen:

„Susi, steh auf, Du befindest Dich in meinem Bett. Wie kannst Du Dich

in dieser Weise betrinken, nachdem ich es Dir schon so oft verboten?

Steh doch auf! Du willst nicht? Da hast Du was!“ und damit gab er ihm

einige Schläge mit der Hand. Susi aber schlief und schnarchte weiter.

Daher fuhr der Doctor mit seinen Schlägen fort, bis selbst Susi’s

dickes Fell sie zu fühlen anfing und er zu dem Bewusstsein erwachte,

wie wenig liebevolle Hingabe für seinen Herrn darin liege, dass er

dessen Bett usurpirt habe. Am nächsten Tage sah Susi wegen dieser

Mittheilung seiner Schwäche an den „kleinen Herrn“, wie ich hiess, sehr

niedergeschlagen aus.

[Illustration: SUSI, DER DIENER LIVINGSTONE’S.]

In der Dämmerung des nächsten Tages setzten wir uns in unser Boot

und ruderten über den See, nachdem Mukamba uns Lebewohl gesagt und

gebeten hatte, sobald wir seinen Bruder Ruhinga, dessen Gebiet am Ende

des Sees liege, erreicht hätten, ihm unsere Nachen zuzuschicken und

mittlerweile zwei unserer Leute mit ihren Flinten bei ihm zu lassen,

um seine Vertheidigung zu unterstützen, im Fall dass Warumaschanya

ihn sofort nach unserer Abreise angriffe. In neun Stunden waren

wir am Ende des Sees in Mugihewa, dem Lande Ruhinga’s, des ältern

Bruders Mukamba’s, angekommen. Als wir dahin zurückblickten, wo

wir hergekommen, bemerkten wir, dass wir, anstatt einen directen,

ostwestlichen Curs einzuhalten, in der Diagonale von Südwesten nach

Nordwesten gefahren seien. Mit andern Worten, wir waren von Mugere,

welches wenigstens zehn Meilen vom nordöstlichsten Punkt der Ostküste

entfernt ist, nach Mugihewa, das am nördlichsten Punkt der westlichen

Küste liegt, gekommen. Wären wir längs der Ostküste um das nördliche

Ufer des Sees gefahren, so wären wir bei Mukanigi, dem Lande des

Warumaschanya, und Usumbura, dem des Simveh, seines Freundes und

Verbündeten, vorbeigekommen. Durch unsere eben beschriebene diagonale

Richtung hatten wir das äusserste Ende des Sees ohne irgendwelche

Schwierigkeiten erreicht.

Das Land Mugihewa, in dem wir uns jetzt befanden, liegt im Delta des

Rusizi-Flusses. Es ist ein sehr flaches Land, dessen höchster Punkt

nicht zehn Fuss über dem See liegt, und hat zahlreiche Senkungen, die

vom üppigsten Mateterohr und hochgeschossenen Papyrus bewachsen sind,

sowie teichartige Vertiefungen, die, von stehenden Wassern erfüllt,

massenweise Malaria-Ausdünstungen verbreiten. Grosse Viehheerden werden

hier gezogen, denn wo der Boden nicht von Sumpfpflanzen bedeckt ist,

erzeugt er gutes, kräftiges Gras. Die Schafe und Ziegen, namentlich

erstere, sind immer in gutem Zustande und obgleich man sie nicht mit

englischen oder amerikanischen vergleichen kann, so sind sie doch die

schönsten, die ich in Afrika gesehen habe. Auf diesem Boden sieht man

zahlreiche Dörfer, weil der dazwischen liegende Raum nicht von den

üppigen wuchernden Dschungels, die in andern Theilen Afrikas gewöhnlich

sind, besetzt ist. Nur die abessinische Euphorbia Kolquall, welche ein

Häuptling hier zur Vertheidigung um die Dorfschaften hat anpflanzen

lassen, hindert daran, von einem Ende von Mugihewa bis ans andere zu

sehen. Das Wasser am Ende des Sees vom westlichen bis zum östlichen

Ufer wimmelt von Krokodilen. Vom Ufer aus zählte ich zehn Krokodilköpfe

und der Rusizi soll auch ganz voll davon sein.

Ruhinga, der uns bald nachdem wir in seinem Dorfe Quartier

aufgeschlagen, besuchte, war ein sehr liebenswürdiger Mann, dem es

stets gelang, irgendetwas zu sehen, das seine Lachlust reizte. Obgleich

er etwa 5–6 Jahre älter als Mukamba war, -- er selbst sagte, er sei

100 Jahre alt -- hatte er nicht halb so viel Würde und wurde auch von

seinem Volke nicht so sehr verehrt, wie sein jüngerer Bruder. Ruhinga

kannte jedoch das Land besser, als Mukamba, hatte ein vorzügliches

Gedächtniss und war im Stande, uns in intelligenter Weise Auskunft über

dasselbe zu geben. Nachdem er uns als Häuptling die Honneurs gemacht

und mit einem Ochsen und einem Schaf, nebst Milch und Honig beschenkt

hatte, versuchten wir eifrig, so viel Kunde wie möglich von ihm zu

bekommen.

Folgendes kann als der Hauptinhalt der von Ruhinga erhaltenen

Nachrichten gelten:

Das an das Ende des Sees, im Osten an das eigentliche Urundi, im

Westen an Uvira grenzende Land zerfällt in folgende Districte:

erstens das von Mukamba beherrschte Mugere, durch welches sich die

kleinen Flüsse Mugere und Mpanda in den See ergiessen. Zweitens das

von Warumaschanya regierte Mukanigi, welches das ganze nordöstliche

Ende des Sees einnimmt und durch das die kleinen Flüsse Karindwa und

Mugera wa Kanigi in den See fliessen. Drittens liegt auf der östlichen

Hälfte des am Ende des Sees befindlichen Gebietes das von Simveh, dem

Freunde und Bundesgenossen Warumaschanya’s beherrschte Usumbura und

erstreckt sich bis zum östlichen Ufer des Rusizi. Viertens zieht sich

vom westlichen Ufer des Rusizi bis an das äusserste nordwestliche

Ende des Sees Mugihewa, das Land Ruhinga’s. Fünftens liegt westlich

von Uvira Ruwenga, welches sich nördlich an Mugihewa vorbeizieht,

dasselbe bis an die Berge von Tschamati hin überragt und gleichfalls

von Mukamba beherrscht wird. Jenseits Ruwenga, von den Bergen von

Tschamati bis zum Fluss Ruanda, liegt das Land Tschamati. Westlich von

Ruwenga liegt Uaschi, welches alle die Berge, die auf einem zweitägigen

Marsch in jener Richtung liegen, einschliesst. Das sind die kleinern

Unterabtheilungen des Gebiets, welches als Ruwenga und Usige bekannt

ist. Ruwenga umfasst die Länder Ruwenga und Mugihewa; Usige die Länder

Usumbura, Mukanigi und Mugere. Doch bilden alle diese Länder nur

einen Theil von Urundi, welches alles Land in sich schliesst, das vom

Mschala-Fluss im Osten bis nach Uvira im Westen den See begrenzt und

sich zehn Tagereisen direct nördlich von dem Ende des Sees und einen

Monat in nordöstlicher Richtung bis nach Murukuko, der Hauptstadt

Mwezi’s, des Sultans von ganz Urundi, erstreckt. Gerade im Norden von

Urundi befindet sich Ruanda, ebenfalls ein sehr grosses Land.

Der Rusizi-Fluss entsteht nach dem Berichte Ruhinga’s in der Nähe

eines Kivo genannten Sees, der nach seiner Aussage so lang, wie von

Mugihewa bis Mugere, und so breit wie von Mugihewa bis nach dem Lande

Warumaschanya’s oder etwa 18 Meilen lang und 8 Meilen breit ist.

Dieser See wird an seinen westlichen und nördlichen Ufern von Bergen

umgeben. An der südwestlichen Seite eines dieser Berge entspringt

der Rusizi, der zuerst ein kleiner rascher Bach ist. In seinem

weitern Verlauf zum See nimmt er folgende Flüsse auf: Kagunissi,

Kaburan, Mohira, Nyamagana, Nyakagunda, Ruviro, Rofubu, Kavimvira,

Myove, Ruhuha, Mukindu, Sange, Rubirizi, Kiriba und schliesslich den

Ruanda-Fluss, welcher der grösste von allen zu sein scheint. Der See

Kivo führt seinen Namen von dem Lande, in dem er liegt. Auf der einen

Seite befindet sich Mutumbi (wol das Utumbi von Speke und Baker); im

Westen Ruanda; im Osten Urundi. Der Name des Häuptlings von Kivo ist

Kwansibura.

Nach so vielen genauen Einzelheiten über den Fluss Rusizi erübrigte

uns nur noch, ihn selbst zu sehen. Am zweiten Morgen nach unserer

Ankunft in Mugihewa wählten wir zehn starke Ruderer aus und machten uns

daran, das Ende des Sees und die Mündung des Rusizi zu erforschen. Wir

fanden, dass das nördliche Ende des Sees von sieben breiten Buchten

ausgezackt ist, von denen eine jede 1½–3 Meilen breit ist. Lange und

breite Sandvorsprünge, die von Matete überwachsen sind, trennten jede

Bai von der andern. Die erste, von Westen nach Osten anfangend, war

im breitesten Theile, bis an den äussersten südlichen Punkt Mugihewa

ungefähr drei Meilen breit und dient als Demarcationslinie zwischen dem

Bezirke Mukamba’s Ruwenga und Ruhinga’s Mugihewa; die Länge derselben

beträgt zwei Meilen. Die zweite Bucht war eine Meile von dem südlichen

Ende von Mugihewa bis nach Ruhinga’s am Kopfe der Bucht belegenem Dorfe

und nur noch eine Meile bis zu einer andern Sandzunge, an deren Spitze

eine kleine Insel lag. Die dritte Bucht erstreckte sich fast eine Meile

lang nach einer langen Düne, an deren Ende wiederum eine 1¼ Meile

lange Insel lag, welche die westliche Seite der vierten Bucht bildet,

an deren Spitze sich das Delta des Rusizi befindet. Diese vierte Bucht

war an ihrer Basis ungefähr drei Meilen tief und zog sich eine halbe

Meile weiter ins Land hinein als die übrigen. Sondirungen ergaben

eine Tiefe von sechs Fuss, die sich einige hundert Schritt von der

Hauptmündung des Rusizi gleichblieb. Der Strom war sehr trägfliessend

und lief nicht mehr als eine engl. Meile in der Stunde. Obwol wir

beständig unser Glas brauchten, um den Fluss aufzufinden, konnten wir

den Hauptkanal desselben nicht eher sehen, als bis wir uns ihm auf

200 Schritt genähert hatten und ihn dann nur daran erkennen, dass wir

beobachteten, aus welcher Mündung die Fischerboote herauskamen. Die

Bucht hatte sich an diesem Punkte von zwei Meilen auf etwa 200 Meter

Breite verengert. Wir forderten ein Boot auf, uns den Weg zu zeigen

und aus blosser Neugier der Besitzer fuhr uns eine ganze Flottille

von Canoes voran. Wir folgten und fuhren in einigen Minuten den Strom

hinauf, der sehr rasch, aber nur ungefähr zehn Meter breit und ungemein

seicht, nicht mehr als zwei Fuss tief war. Ungefähr eine halbe Meile

ruderten wir hinauf, wo der Strom sehr stark war, 6–8 Meilen in der

Stunde floss, und kamen weit genug, um die Natur desselben bei seiner

Mündung beobachten zu können. Hier konnten wir sehen, dass er weiter

wurde und sich in unzählige Kanäle spaltete, die an einzelnen Gruppen

von Binsen und Matetegras vorüberströmten, und dass er wie ein Morast

aussah. Wir waren den mittleren oder Hauptkanal hinaufgefahren. Der

westliche Kanal war ungefähr acht Meter breit. Nachdem wir zur Bucht

zurückgekehrt waren, bemerkten wir, dass der östlichste Kanal ungefähr

sechs Meter breit und zehn Fuss tief, aber sehr träge sei. So hatten

wir jede der drei Mündungen untersucht und unsern Zweifel über den

Charakter des Rusizi als Aus- oder Zufluss erledigt. Jetzt war es nicht

mehr nöthig, weiter hinaufzufahren, da sich im Flusse selbst nichts

Erforschenswerthes befand.

Die Frage, ob der Rusizi ein Aus- oder Einfluss sei, ist auf immer

beantwortet. In dieser Beziehung herrscht jetzt kein Zweifel mehr. An

Grösse ist er mit dem Malagarazi-Flusse nicht zu vergleichen, auch

kann er nur für die allerkleinsten Boote schiffbar gemacht werden. Das

einzige Merkwürdige an ihm ist, dass er von Krokodilen wimmelt, wogegen

kein einziges Flusspferd sich sehen liess. Dies kann gleichfalls

als ein Beweis seiner Seichtheit gelten. Die Buchten im Osten des

Rusizi sind ebenso gebildet wie die im Westen. Wenn man die Breite

der verschiedenen Buchten von einer Spitze zur andern und der sie

trennenden Dünen genau in Rechnung bringt, so kann der See ungefähr

12–14 Meilen breit sein. Hätten wir uns einfach daran genügen lassen,

einen Blick auf seine Gestaltung und den Zusammenstoss der östlichen

und westlichen Hügelkette zu werfen, so hätten wir behauptet, der See

ende in einem Punkte, wie Kapitän Speke ihn auf seiner Karte gezeichnet

hat. Die genauere Erforschung desselben hat aber diese Idee zu Schanden

gemacht. Der Tschamati-Berg ist der äusserste nördliche Endpunkt der

westlichen Kette und scheint bei oberflächlicher Untersuchung an die

Ramata-Berge der östlichen Kette, die dem Tschamati gegenüberliegen,

zu stossen; doch trennt ein etwa eine Meile breites Thal die beiden

Höhenzüge und durch dieses fliesst der Rusizi dem See zu. Der Tschamati

bildet zwar das Ende der westlichen Hügelkette, die östliche dehnt sich

aber Meilen lang weiter nach Nordwesten hin. Nachdem der Rusizi

aus dieser breiten Oeffnung herausgetreten, läuft er scheinbar als

breiter, mächtiger Strom in hundert Kanälen durch eine weite, von ihm

selbst gebildete Alluvialebene, bis er in der Nähe des Sees, wie oben

beschrieben, nur durch drei Kanäle in denselben hineinfliesst.

[Illustration: AN DER MÜNDUNG DES RUSIZI.

Wie ich Livingstone fand; Zweiter Band · 第 41 / 88 题