In Magala hörten wir, dass ein Krieg zwischen Mukamba, nach dessen
Land wir reisten, und Warumaschanya, dem Sultan eines Nachbarbezirks,
wüthe, und man rieth uns, lieber zurückzukehren, wenn wir nicht
beabsichtigten, einem dieser Häuptlinge gegen den andern beizustehen.
Da wir aber ausgezogen waren, um das Problem des Rusizi-Flusses zu
lösen, so hatten derartige Rücksichten kein Gewicht für uns.
Am achten Morgen nach unserer Abfahrt von Udschidschi sagten wir dem
gastfreien Volke von Magala Lebewohl und begaben uns auf die Reise
nach dem Lande Mukamba’s, welches in Sicht war. Bald nachdem wir die
Grenze zwischen dem eigentlichen Urundi und dem Theile, der als Usige
bekannt ist, überschritten hatten, erhob sich ein Sturm aus Südwesten.
Das furchtbare Schwanken unseres Bootes in den Wogenthälern warnte
uns, weiter zu fahren und wir wandten den Nachen nach dem ungefähr
vier Meilen weiter nördlich gelegenem Dorfe Kisuka zu, wo das in
Usige belegene Mugere anfängt. In Kisuka besuchte uns ein bei Mukamba
lebender Mgwana und erzählte uns Einzelheiten über den zwischen Mukamba
und Warumaschanya ausgebrochenen Krieg, aus denen hervorging, dass
diese beiden Häuptlinge sich beständig in den Haaren lagen. Uebrigens
ist es doch eigentlich eine nicht sehr blutige Art Krieg. Ein Häuptling
nämlich macht einen Raubzug in das Land des andern, wobei es ihm
glückt, mit einer Heerde Vieh abzuziehen und ein paar Leute, die er
überrascht hat, zu tödten. Wochen oder auch Monate können vergehen,
ehe der andere sich rächt und einen ähnlichen Fang thut, wodurch das
Gleichgewicht wieder hergestellt wird, sodass keiner etwas gewonnen
hat. Nur selten greifen sie sich mit Muth und Energie an, da der
Afrikaner seiner Natur nach sehr gegen eine energische Kriegführung ist.
Dieser Mgwana gab uns auch auf unser Befragen weit interessantere
Nachrichten, nämlich über den Rusizi. Denn er versicherte uns mit
Kennermiene, die zu bezweifeln ein Zeichen grosser Dummheit sei, dass
der Rusizi-Fluss aus dem See nach Suna’s (Mtesa’s) Lande fliesse.
„+Wo+ könnte er auch sonst hinfliessen?“ fragte er. Livingstone
war geneigt, dieses zu glauben oder wollte wol mehr diese Behauptung
auf sich beruhen lassen, bis sie durch Augenschein bestätigt sei. Ich
hatte, wie ich dem Doctor sagte, mehr Neigung es zu bezweifeln. Erstens
war die Nachricht zu gut, um wahr sein zu können, und zweitens erging
sich der Mensch zu begeistert über diesen Gegenstand, der für ihn doch
gar kein Interesse haben konnte. Seine „Barikallahs“ und „Inschallahs“
waren mir viel zu warm und seine Antworten stimmten viel zu sehr mit
unsern Wünschen überein. Der Doctor legte aber grosses Gewicht auf den
Bericht eines Mgwana, mit dem er im fernen Süden zusammengetroffen und
der ihm mitgetheilt, der Grossvater oder Vater Rumanika’s, des jetzigen
Königs von Karagweh, habe daran gedacht, das Bett des Kitangule-Flusses
zu verbreitern, damit seine Nachen nach Udschidschi fahren könnten,
um dort Handelsverbindungen anzuknüpfen. Aus diesem Umstande, der mit
seinem oft ausgesprochenen und auch jetzt festgehaltenen Glauben, dass
das Wasser des Tanganika irgendwo einen Abfluss habe, übereinstimmte,
glaube ich, dass Livingstone dem Bericht des Mgwana zugethan war. Im
weitern Verlauf jedoch werden wir sehen, zu welchem Ziele dies führte.
Am neunten Morgen nach unserer Abfahrt von Udschidschi passirten wir
etwa zwei Stunden nach Sonnenaufgang das breite Delta des Mugere, eines
Flusses, welcher seinen Namen auch der am östlichen Ufer belegenen
Gegend gibt, über die Mukamba herrscht. Wir befanden uns gerade der
südlichsten seiner drei Mündungen gegenüber, als wir einen grossen
Unterschied in der Färbung des Wassers entdeckten, welche sich durch
eine fast gerade östlich und westlich von der Mündung gezogene Linie
gut markiren liess. Auf der Südseite befand sich reines, hellgrünes
Wasser, auf der nördlichen war es schlammig und man konnte den Strom
gerade nach Norden fliessen sehen. Bald nachdem wir die erste Mündung
passirt, kamen wir an die zweite und dritte, von denen jede nur wenige
Schritt breit ist, aber hinreichend viel Wasser entlässt, um uns zu
gestatten, die Strömungen einige Ruthen nach Norden über ihre Mündungen
hinaus zu verfolgen.
Ueber die dritte Mündung des Mugere hinaus zeigte sich eine Biegung,
auf deren anderm Ufer sich eine Gruppe von Dörfern befand. Sie gehörten
Mukamba und in einem derselben lebt dieser Häuptling selbst. Die
Eingeborenen hatten noch nie einen Weissen gesehen und wir wurden
natürlich bei unserer Landung von einer grossen Menge umgeben,
sämmtlich mit langen Speeren bewaffnet. Dies sind ausser Knütteln und
eines hin und wieder vorkommenden Beiles die einzigen Waffen, die man
bei ihnen antrifft.
Man wies uns in eine Hütte, die Dr. Livingstone und ich gemeinsam
einnahmen. Von dem, was sich an jenem Tage ereignete, habe ich nur
eine dunkle Erinnerung, da ich zum ersten male, seitdem ich Unyanyembé
verlassen, vom Fieber niedergeworfen wurde. Ich erinnere mich nur
dunkel, dass ich den Versuch machte, Mukamba’s Alter zu bestimmen und
bemerkte, dass er im ganzen stattlich aussehe und uns wohl geneigt
sei. Während der Pausen der Qualen und Bewusstlosigkeit glaubte ich
zu sehen, wie Livingstone sich auf mich zu bewegte, und zu fühlen,
wie er mir den heissen Kopf und die brennenden Glieder liebevoll
betastete. Ich hatte mehrere Fieberanfälle zwischen Bagamoyo und
Unyanyembé erduldet, ohne dass irgend jemand mir Erleichterung von
den langwierigen, marternden Kopfschmerzen gebracht, oder die trübe
Aussicht, die nothwendig das Bett eines einsamen, kranken Reisenden
umgibt, erhellt hätte. Obgleich aber das Fieber, von dem ich drei
Monate lang frei gewesen, diesmal stärker als gewöhnlich auftrat, so
war ich doch nicht sehr traurig darüber, da ich jetzt die liebevolle,
väterliche Güte des vortrefflichen Mannes, dessen Kamerad ich war,
genoss.
Am nächsten Morgen, nachdem ich vom Fieber etwas genesen und Mukamba
mit einem aus einem Ochsen, einem Schaf und einer Ziege bestehenden
Geschenk angekommen war, konnte ich den Antworten, welche er auf
die Fragen über den Rusizi-Fluss und das Ende des Sees gab, meine
Aufmerksamkeit schenken. Der stets muntere und enthusiastische Mgwana
befand sich auch da und war durchaus nicht beschämt, als uns der
Häuptling durch ihn sagen liess, dass der Rusizi, der sich in einer
Entfernung von zwei Tagereisen zu Wasser, oder einer Tagereise zu Lande
von der Spitze des Sees mit dem Ruanda oder Luanda verbinde, in den See
fliesse.
So wurden unsere, durch die bestimmten und wiederholten Versicherungen,
dass der Fluss aus dem See heraus nach Karagweh fliesse, erregten
Hoffnungen ebenso schnell zu Schanden, wie sie erweckt worden waren.
Wir bezahlten Mukamba das aus 9 Doti und 9 Fundo Samsam, Lunghio
und Muzurio N’zige bestehende Honga. Hier wären die gedruckten
Taschentücher, deren ich in Unyanyembé so viele hatte, gut gegangen.
Nachdem der Häuptling sein Geschenk erhalten, führte er seinen Sohn,
einen hoch aufgeschossenen Jüngling von ungefähr 18 Jahren bei dem
Doctor ein als einen Menschen, der gern von ihm adoptirt werden
möchte. Dieser aber wies mit einem gutmüthigen Lachen alle solche
Verwandtschaft von der Hand, da sie nur dazu bestimmt war, ihm noch
etwas Tuch abzunehmen. Mukamba beruhigte sich dabei und bestand nicht
darauf, mehr zu bekommen.
Am zweiten Abend unseres Aufenthalts bei Mukamba hatte sich Susi, der
Diener Livingstone’s, infolge der freigebigen, reichlichen Gaben des
Häuptlings an Pombé gründlich betrunken. Gerade beim Morgengrauen
des nächsten Tages wurde ich durch ein scharfes, knallendes Geräusch
erweckt. Ich horchte auf und bemerkte, dass der Lärm in unserer Hütte
stattfand. Er rührte vom Doctor her, der um Mitternacht gefühlt hatte,
wie sich jemand an seine Seite niedergelegt; da er glaubte, ich sei
es, hatte er in freundlicher Weise Platz gemacht und sich auf den Rand
seines Bettes gelegt. Als er aber am Morgen sich ziemlich kalt fühlte,
wurde er ganz wach und entdeckte, als er sich auf seinen Ellenbogen
stützte, um zu sehen, wer sein Bettkamerad sei, zu seiner grossen
Verwunderung seinen schwarzen Diener Susi, der von seinen wollenen
Decken Besitz ergriffen, sie in egoistischer Weise um sich gewickelt
hatte und jetzt fast das ganze Bett einnahm. Der Doctor hatte mit
der ihm eigenen Sanftmuth, statt sogleich einen Stock zu nehmen, sich
daran genügen lassen, Susi auf den Rücken zu klopfen und ihm zu sagen:
„Susi, steh auf, Du befindest Dich in meinem Bett. Wie kannst Du Dich
in dieser Weise betrinken, nachdem ich es Dir schon so oft verboten?
Steh doch auf! Du willst nicht? Da hast Du was!“ und damit gab er ihm
einige Schläge mit der Hand. Susi aber schlief und schnarchte weiter.
Daher fuhr der Doctor mit seinen Schlägen fort, bis selbst Susi’s
dickes Fell sie zu fühlen anfing und er zu dem Bewusstsein erwachte,
wie wenig liebevolle Hingabe für seinen Herrn darin liege, dass er
dessen Bett usurpirt habe. Am nächsten Tage sah Susi wegen dieser
Mittheilung seiner Schwäche an den „kleinen Herrn“, wie ich hiess, sehr
niedergeschlagen aus.
[Illustration: SUSI, DER DIENER LIVINGSTONE’S.]
In der Dämmerung des nächsten Tages setzten wir uns in unser Boot
und ruderten über den See, nachdem Mukamba uns Lebewohl gesagt und
gebeten hatte, sobald wir seinen Bruder Ruhinga, dessen Gebiet am Ende
des Sees liege, erreicht hätten, ihm unsere Nachen zuzuschicken und
mittlerweile zwei unserer Leute mit ihren Flinten bei ihm zu lassen,
um seine Vertheidigung zu unterstützen, im Fall dass Warumaschanya
ihn sofort nach unserer Abreise angriffe. In neun Stunden waren
wir am Ende des Sees in Mugihewa, dem Lande Ruhinga’s, des ältern
Bruders Mukamba’s, angekommen. Als wir dahin zurückblickten, wo
wir hergekommen, bemerkten wir, dass wir, anstatt einen directen,
ostwestlichen Curs einzuhalten, in der Diagonale von Südwesten nach
Nordwesten gefahren seien. Mit andern Worten, wir waren von Mugere,
welches wenigstens zehn Meilen vom nordöstlichsten Punkt der Ostküste
entfernt ist, nach Mugihewa, das am nördlichsten Punkt der westlichen
Küste liegt, gekommen. Wären wir längs der Ostküste um das nördliche
Ufer des Sees gefahren, so wären wir bei Mukanigi, dem Lande des
Warumaschanya, und Usumbura, dem des Simveh, seines Freundes und
Verbündeten, vorbeigekommen. Durch unsere eben beschriebene diagonale
Richtung hatten wir das äusserste Ende des Sees ohne irgendwelche
Schwierigkeiten erreicht.
Das Land Mugihewa, in dem wir uns jetzt befanden, liegt im Delta des
Rusizi-Flusses. Es ist ein sehr flaches Land, dessen höchster Punkt
nicht zehn Fuss über dem See liegt, und hat zahlreiche Senkungen, die
vom üppigsten Mateterohr und hochgeschossenen Papyrus bewachsen sind,
sowie teichartige Vertiefungen, die, von stehenden Wassern erfüllt,
massenweise Malaria-Ausdünstungen verbreiten. Grosse Viehheerden werden
hier gezogen, denn wo der Boden nicht von Sumpfpflanzen bedeckt ist,
erzeugt er gutes, kräftiges Gras. Die Schafe und Ziegen, namentlich
erstere, sind immer in gutem Zustande und obgleich man sie nicht mit
englischen oder amerikanischen vergleichen kann, so sind sie doch die
schönsten, die ich in Afrika gesehen habe. Auf diesem Boden sieht man
zahlreiche Dörfer, weil der dazwischen liegende Raum nicht von den
üppigen wuchernden Dschungels, die in andern Theilen Afrikas gewöhnlich
sind, besetzt ist. Nur die abessinische Euphorbia Kolquall, welche ein
Häuptling hier zur Vertheidigung um die Dorfschaften hat anpflanzen
lassen, hindert daran, von einem Ende von Mugihewa bis ans andere zu
sehen. Das Wasser am Ende des Sees vom westlichen bis zum östlichen
Ufer wimmelt von Krokodilen. Vom Ufer aus zählte ich zehn Krokodilköpfe
und der Rusizi soll auch ganz voll davon sein.
Ruhinga, der uns bald nachdem wir in seinem Dorfe Quartier
aufgeschlagen, besuchte, war ein sehr liebenswürdiger Mann, dem es
stets gelang, irgendetwas zu sehen, das seine Lachlust reizte. Obgleich
er etwa 5–6 Jahre älter als Mukamba war, -- er selbst sagte, er sei
100 Jahre alt -- hatte er nicht halb so viel Würde und wurde auch von
seinem Volke nicht so sehr verehrt, wie sein jüngerer Bruder. Ruhinga
kannte jedoch das Land besser, als Mukamba, hatte ein vorzügliches
Gedächtniss und war im Stande, uns in intelligenter Weise Auskunft über
dasselbe zu geben. Nachdem er uns als Häuptling die Honneurs gemacht
und mit einem Ochsen und einem Schaf, nebst Milch und Honig beschenkt
hatte, versuchten wir eifrig, so viel Kunde wie möglich von ihm zu
bekommen.
Folgendes kann als der Hauptinhalt der von Ruhinga erhaltenen
Nachrichten gelten:
Das an das Ende des Sees, im Osten an das eigentliche Urundi, im
Westen an Uvira grenzende Land zerfällt in folgende Districte:
erstens das von Mukamba beherrschte Mugere, durch welches sich die
kleinen Flüsse Mugere und Mpanda in den See ergiessen. Zweitens das
von Warumaschanya regierte Mukanigi, welches das ganze nordöstliche
Ende des Sees einnimmt und durch das die kleinen Flüsse Karindwa und
Mugera wa Kanigi in den See fliessen. Drittens liegt auf der östlichen
Hälfte des am Ende des Sees befindlichen Gebietes das von Simveh, dem
Freunde und Bundesgenossen Warumaschanya’s beherrschte Usumbura und
erstreckt sich bis zum östlichen Ufer des Rusizi. Viertens zieht sich
vom westlichen Ufer des Rusizi bis an das äusserste nordwestliche
Ende des Sees Mugihewa, das Land Ruhinga’s. Fünftens liegt westlich
von Uvira Ruwenga, welches sich nördlich an Mugihewa vorbeizieht,
dasselbe bis an die Berge von Tschamati hin überragt und gleichfalls
von Mukamba beherrscht wird. Jenseits Ruwenga, von den Bergen von
Tschamati bis zum Fluss Ruanda, liegt das Land Tschamati. Westlich von
Ruwenga liegt Uaschi, welches alle die Berge, die auf einem zweitägigen
Marsch in jener Richtung liegen, einschliesst. Das sind die kleinern
Unterabtheilungen des Gebiets, welches als Ruwenga und Usige bekannt
ist. Ruwenga umfasst die Länder Ruwenga und Mugihewa; Usige die Länder
Usumbura, Mukanigi und Mugere. Doch bilden alle diese Länder nur
einen Theil von Urundi, welches alles Land in sich schliesst, das vom
Mschala-Fluss im Osten bis nach Uvira im Westen den See begrenzt und
sich zehn Tagereisen direct nördlich von dem Ende des Sees und einen
Monat in nordöstlicher Richtung bis nach Murukuko, der Hauptstadt
Mwezi’s, des Sultans von ganz Urundi, erstreckt. Gerade im Norden von
Urundi befindet sich Ruanda, ebenfalls ein sehr grosses Land.
Der Rusizi-Fluss entsteht nach dem Berichte Ruhinga’s in der Nähe
eines Kivo genannten Sees, der nach seiner Aussage so lang, wie von
Mugihewa bis Mugere, und so breit wie von Mugihewa bis nach dem Lande
Warumaschanya’s oder etwa 18 Meilen lang und 8 Meilen breit ist.
Dieser See wird an seinen westlichen und nördlichen Ufern von Bergen
umgeben. An der südwestlichen Seite eines dieser Berge entspringt
der Rusizi, der zuerst ein kleiner rascher Bach ist. In seinem
weitern Verlauf zum See nimmt er folgende Flüsse auf: Kagunissi,
Kaburan, Mohira, Nyamagana, Nyakagunda, Ruviro, Rofubu, Kavimvira,
Myove, Ruhuha, Mukindu, Sange, Rubirizi, Kiriba und schliesslich den
Ruanda-Fluss, welcher der grösste von allen zu sein scheint. Der See
Kivo führt seinen Namen von dem Lande, in dem er liegt. Auf der einen
Seite befindet sich Mutumbi (wol das Utumbi von Speke und Baker); im
Westen Ruanda; im Osten Urundi. Der Name des Häuptlings von Kivo ist
Kwansibura.
Nach so vielen genauen Einzelheiten über den Fluss Rusizi erübrigte
uns nur noch, ihn selbst zu sehen. Am zweiten Morgen nach unserer
Ankunft in Mugihewa wählten wir zehn starke Ruderer aus und machten uns
daran, das Ende des Sees und die Mündung des Rusizi zu erforschen. Wir
fanden, dass das nördliche Ende des Sees von sieben breiten Buchten
ausgezackt ist, von denen eine jede 1½–3 Meilen breit ist. Lange und
breite Sandvorsprünge, die von Matete überwachsen sind, trennten jede
Bai von der andern. Die erste, von Westen nach Osten anfangend, war
im breitesten Theile, bis an den äussersten südlichen Punkt Mugihewa
ungefähr drei Meilen breit und dient als Demarcationslinie zwischen dem
Bezirke Mukamba’s Ruwenga und Ruhinga’s Mugihewa; die Länge derselben
beträgt zwei Meilen. Die zweite Bucht war eine Meile von dem südlichen
Ende von Mugihewa bis nach Ruhinga’s am Kopfe der Bucht belegenem Dorfe
und nur noch eine Meile bis zu einer andern Sandzunge, an deren Spitze
eine kleine Insel lag. Die dritte Bucht erstreckte sich fast eine Meile
lang nach einer langen Düne, an deren Ende wiederum eine 1¼ Meile
lange Insel lag, welche die westliche Seite der vierten Bucht bildet,
an deren Spitze sich das Delta des Rusizi befindet. Diese vierte Bucht
war an ihrer Basis ungefähr drei Meilen tief und zog sich eine halbe
Meile weiter ins Land hinein als die übrigen. Sondirungen ergaben
eine Tiefe von sechs Fuss, die sich einige hundert Schritt von der
Hauptmündung des Rusizi gleichblieb. Der Strom war sehr trägfliessend
und lief nicht mehr als eine engl. Meile in der Stunde. Obwol wir
beständig unser Glas brauchten, um den Fluss aufzufinden, konnten wir
den Hauptkanal desselben nicht eher sehen, als bis wir uns ihm auf
200 Schritt genähert hatten und ihn dann nur daran erkennen, dass wir
beobachteten, aus welcher Mündung die Fischerboote herauskamen. Die
Bucht hatte sich an diesem Punkte von zwei Meilen auf etwa 200 Meter
Breite verengert. Wir forderten ein Boot auf, uns den Weg zu zeigen
und aus blosser Neugier der Besitzer fuhr uns eine ganze Flottille
von Canoes voran. Wir folgten und fuhren in einigen Minuten den Strom
hinauf, der sehr rasch, aber nur ungefähr zehn Meter breit und ungemein
seicht, nicht mehr als zwei Fuss tief war. Ungefähr eine halbe Meile
ruderten wir hinauf, wo der Strom sehr stark war, 6–8 Meilen in der
Stunde floss, und kamen weit genug, um die Natur desselben bei seiner
Mündung beobachten zu können. Hier konnten wir sehen, dass er weiter
wurde und sich in unzählige Kanäle spaltete, die an einzelnen Gruppen
von Binsen und Matetegras vorüberströmten, und dass er wie ein Morast
aussah. Wir waren den mittleren oder Hauptkanal hinaufgefahren. Der
westliche Kanal war ungefähr acht Meter breit. Nachdem wir zur Bucht
zurückgekehrt waren, bemerkten wir, dass der östlichste Kanal ungefähr
sechs Meter breit und zehn Fuss tief, aber sehr träge sei. So hatten
wir jede der drei Mündungen untersucht und unsern Zweifel über den
Charakter des Rusizi als Aus- oder Zufluss erledigt. Jetzt war es nicht
mehr nöthig, weiter hinaufzufahren, da sich im Flusse selbst nichts
Erforschenswerthes befand.
Die Frage, ob der Rusizi ein Aus- oder Einfluss sei, ist auf immer
beantwortet. In dieser Beziehung herrscht jetzt kein Zweifel mehr. An
Grösse ist er mit dem Malagarazi-Flusse nicht zu vergleichen, auch
kann er nur für die allerkleinsten Boote schiffbar gemacht werden. Das
einzige Merkwürdige an ihm ist, dass er von Krokodilen wimmelt, wogegen
kein einziges Flusspferd sich sehen liess. Dies kann gleichfalls
als ein Beweis seiner Seichtheit gelten. Die Buchten im Osten des
Rusizi sind ebenso gebildet wie die im Westen. Wenn man die Breite
der verschiedenen Buchten von einer Spitze zur andern und der sie
trennenden Dünen genau in Rechnung bringt, so kann der See ungefähr
12–14 Meilen breit sein. Hätten wir uns einfach daran genügen lassen,
einen Blick auf seine Gestaltung und den Zusammenstoss der östlichen
und westlichen Hügelkette zu werfen, so hätten wir behauptet, der See
ende in einem Punkte, wie Kapitän Speke ihn auf seiner Karte gezeichnet
hat. Die genauere Erforschung desselben hat aber diese Idee zu Schanden
gemacht. Der Tschamati-Berg ist der äusserste nördliche Endpunkt der
westlichen Kette und scheint bei oberflächlicher Untersuchung an die
Ramata-Berge der östlichen Kette, die dem Tschamati gegenüberliegen,
zu stossen; doch trennt ein etwa eine Meile breites Thal die beiden
Höhenzüge und durch dieses fliesst der Rusizi dem See zu. Der Tschamati
bildet zwar das Ende der westlichen Hügelkette, die östliche dehnt sich
aber Meilen lang weiter nach Nordwesten hin. Nachdem der Rusizi
aus dieser breiten Oeffnung herausgetreten, läuft er scheinbar als
breiter, mächtiger Strom in hundert Kanälen durch eine weite, von ihm
selbst gebildete Alluvialebene, bis er in der Nähe des Sees, wie oben
beschrieben, nur durch drei Kanäle in denselben hineinfliesst.
[Illustration: AN DER MÜNDUNG DES RUSIZI.